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Full text of "Zeitschrift für französische Sprache und Literatur"

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TORONTO  PRESS 


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Zeitschrift 


für 


französische  Sprache  und  Litteratur 


begründet  von 


Dr.  G.  Koerting         nnd       Dr.  £.  Koschwitz 

Professur  a.  d.  Universität  z.  Kiel  weil.  Professor  a.  d.  Univers.  z.  Königsberg  i.  Pr. 


herausgegeben 


Dr.  D.  Behrens,  (  „ 

Professor  an  der  Universität  zu  Giessen.  /    l  i 


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Band  XLV. 


Chemnitz  nnd  Leipzig. 

Verlag  von  Wilhelm  Gronau. 
1919. 


Alle  Rechte  vorbehalten. 


INHALT. 


Abhandlungen.  s«it« 

Baist,  G.    Vom  Papagei 358 

Behrens,  D.    Beiträge  zu  einer  Geschichte  der  französischen  Sprache. 

1.  Die  Ausbreitung  der  französischen  Sprache 157 

Bruch,  J.    Franz.  forteresse 135 

Noch  einmal  über  frz.  parelle 147 

Ettmayer,  K.  von.    Satzobjekte  und  Objekto'ide  im  Französischen  319 

Friesland,  C.    Technische  Hochschulen  und  neuere  Sprachen     .     .  494 
Gamillscheg,E.   Beiträge  zur  französischen  Lautgeschichte.   I.  Zur 

u  —  «-Frage 341 

Glaser,  K.  Beiträge  zur  Geschichte  der  politischen  Literatur  Frank- 
reichs in  der  zweiten  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts.  Dritter  Teil     1.  289 

Aufklärung  und  Revolution  in  Frankreich 397 

Hilka,  A.    Der  Tristanroman  des  Thomas  und  die  Disciplina  clericalis  38 
Högberg,  P.    Zwei  altfranzösische  Sprichwörtersammlungen  in  der 

LTniversitäts-Bibliothek  zu  Uppsala 464 

Klozner,  L.    rescape 154 

santon 155 

Küchler,  K.    Die  Ansichten   des  jungen   Renan   über  französische 

Literatur  und  Literaturkritik 437 

Meyer-Lübke,  W.    Zur  m  — «-Frage.    III.,  IV 350 

Etymologisches.  1.  Altfrz.  chäine,  meisme  und  verwandte  Formen. 

2.  Altfrz.  ramposner 485 

Richter,  E.    boche 121 

Spitzer,  L.    Frz.  habüler  —  prov.  avol  —  frz.  billet 366 

Span,  dibujar  „zeichnen"  =  frz.  deboissier 375 

Zenker,  R.    Weiteres  zur  Mabinogionfrage  (Fortsetzung)  ....  47 

Referate  und  Rezensionen. 

Dichtungen,  zwei  altfranzösische,   neu  herausgegeben  von  0.  Schulz- 

Gora  (A.Schulze) 380 

Dupuy,  Aug.  France  et  Allemagne.  Litteratures  comparöes  (W.  Mar- 
tini)        388 

Gamillscheg,  E.,  und  L.  Spitzer.    Die  Bezeichnungen  der  „Klette"  im 

Galloromanischen  (H.  Maver) 503 

Martino,  P.    Le  roman  r6aliste  sou«  le  second  empire  (H.  H  e  i  s  s)     .  386 


-     IV    — 

Seit« 

Merk,  C.  J.   Anschauungen  über  die  Lehre  und  das  Leben  der  Kirche 

im  altfransösischen  Heldenepos  (F.  Busigny) 499 

Raoul  von  8o%M  äs.  —  Di-  Lieder  Raoul  von  Soissons,  herausgegeben 

ron  Emil  Winkler  (W.  Such ier) 235 

8erban,  X.    Leopardi  et  la  France  (W.  Haape) 268 

-  Leopardi  sentimental  (W.  Haape) 268 

Soblik,  P.    Werther  und  Rene  (W.  Martini) 394 

Votier»,  Adolf.    Altfranzösisches  Wörterbuch,  herausgegeben  von  Er- 
hard Lommatz8ch  (W.  Meyer-Lübke) 261 

MlSZELLE. 
Behrens,  D.    ulboche 494 


Beiträge  zur  Geschichte 
der  politischen  Literatur  Frankreichs  in 
der  zweiten  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts. 

Dritter  Te  il: 
Die  politischen  Theorien.1) 

V.  Von  Hotman  zu  Bodin. 

Wir  haben  die  Betrachtung  der  politischen  Theorien  des 
16.  Jahrhunderts  in  Frankreich  bis  zu  dem  Punkte  geführt,  wo 
die  Frage  nach  den  Grenzen  der  königlichen  Macht,  welche  zuerst 
Commynes  in  den  Gesichtskreis  der  Staatstheoretiker  gerückt 
hat,  als  Frage  nach  dem  Wesen  der  besten  Staatsform  gefaßt, 
in  der  Verherrlichung  des  ständischen  Systems  durch  Hotman 
ihre  erste  zusammenhängende  Beantwortung  findet.2)  Der  Augen- 
blick ist  bedeutungsvoll  für  die  Entwicklung  der  politischen 
Literatur.  Die  religiösen  Erörterungen,  die  bisher  um  das  Toleranz- 
problem gravitiert,  gelten  den  besten  der  Theoretiker  für  den 
Augenblick  als  überwunden.  De  FHospital  und  nach  ihm  Estienne 
Pasquier  haben  hier  Abschließendes  gesagt.3)  Neue  Momente  bei- 
zubringen war  auch  angesichts  der  Vergewaltigung,  welche  der 
Toleranzgedanke  in  dem  Mordanschlag  der  Bartholomäusnacht 
erfahren,  nicht  gut  möglich.  Wenn  man  die  zahlreichen  Traktate 
der  Zeit  liest,  wird  man  sich  leicht  überzeugen,  wie  auch  bei  dem 
besten  Willen  immer  und  immer  nur  dieselben  Ideen  in  schwer- 
fälliger Erörterung  hin-  und  hergewälzt  werden.4) 


!)   Kapitel   I— IV  vgl.   diese   Zeitschrift  XXXIX.      S.    183—263. 

2)  Vgl.  diese  Zeitschrift  XXXIX.     S.  222  ff.,  S.  240  ff. 

3)  Vgl.  diese  Zeitschrift  XXXIX.     S.  187  ff.,  S.  207  ff. 

*)  Nur  Gentillets  „Remontrance  au  Roy  Tres-Chrestien  Henry  III. 
de  ce  nom,  roy  de  France  et  de  Pologne,  Sur  le  faict  des  deux  Edicts  de 
sa  Maieste  donnez  ä  Lyon,  Vun  du  X.  de  Septembre,  et  Vautre  du  XIII. 
d'Octobre  dernier  passe,  presente  annee  1574  touchant  la  necessite  de  paix, 
et  moyens  de  la  faire"  (A  Francfort  1574)hebt  sich  aus  der  Zahl  dieser 
Schriften  durch  manchmal  überraschende  Gedanken  heraus.  Sie  fordert, 
sich  hier  mit  anderen  Schriften  berührend,  die  Duldung  der  neuen  Lehre 
im  Namen  des  inneren  Friedens  (S.  80  ff.)  und  häuft  die  Schuld  an 
den  noch  immer  herrschenden  Streitigkeiten  bald  auf  „ces  messieurs 
Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XLV1/'.  1 


2  Kurt  Glaser. 

Da  war  es  ein  Glück,  daß  Hotmans  Anregungen  auf  frucht- 
baren Boden  fielen.  Die  Partei  der  Politiker  griff  seine  Ideen  auf, 
um  sie  den  eigenen  Grundsätzen  und  Forderungen  dienstbar  zu 
machen.  Ihr  Ziel  ist  ein  allein  durch  die  Versöhnung  der  Religions- 
meinungen zu  ermöglichendes  engeres  Zusammengehen  in  den 
Fragen  des  staatlichen  Lebens.  L' Hospitals  Gedanken  folgend, 
rücken  sie  mit  voller  Überlegung  die  religiöse  Seite  der  Partei- 
gegensätze in  den  Hintergrund.  Die  Oppositionslust  gegen  das 
Königtum,  die  seit  der  Bartholomäusnacht  die  Gemüter  ent- 
flammt, findet  in  ihren  Kreisen  durch  die  Betonung  des  Rechts 
der  Stände  in  Hotmans  Sinn  eine  neue  Stärkung. 

Den  schwächlichen  Widerspruch,  der  sich  gegen  die  Theorien 
der  „Franco-Galüa"  gleich  bei  ihrem  Erscheinen  geregt,  hatte  Hot- 
man  selbst  mit  kräftiger  Hand  beiseite  geräumt.  Der  Geschichts- 
schreiber Masson  hatte  in  seinem  „Iudicium  [Papirii  Massonis] 
de  Libello  Hotomani"b)  den  Theorien  der  „Franco-Gallia"  eine 
flüchtige  und  unzulängliche  Erwiderung  entgegengesetzt.  Hot- 
man  kanzelte  ihn  in  dem  groben  Ton  persönlicher  Invektive  ab.6) 
Etwas  anders,  aber  nicht  besser  verfuhr  er  mit  Antoine  Matharel, 
einem  Schriftsteller  im  Dienst  der  Katharina  von  Medici.  In  aus- 
führlicher Widerlegung  war  er  Kapitel  für  Kapitel,  Punkt  für 
Punkt  dem  Gedankengang  der  „Franco-Gallia"  nachgegangen,7) 
seine  sachlichen  Auseinandersetzungen  nach  der  Sitte  der  Zeit 
mit  Schmähungen  höchst  persönlicher  Natur  vermischend.  Ihm 
schleuderte  Hotman  eine  in  makaronischem  Latein  abgefaßte 
Replik  entgegen,  in  der  er,  ohne  sich  auf  eine  Verteidigung  seiner 


les  Potentais  d'Italie,  qui  ont  leurs  estaffiers  en  France  en  grand  credit, 
par  le  moyen  desquels  ils  nous  entretiennent  en  guerre  civile,  prennent 
leur  passe-temps  ä  nous  voir  entrebattre"  (S.  88),  bald  auf  den  vergiftenden 
Einfluß  der  machiavellischen  Staatslehren  (S.  151  ff.).  Dem  König 
wird  durch  den  Hinweis  auf  den  Ruhm,  den  ersieh  durch  die  Beendigung 
der  Religionskriege  bei  dem  bereits  in  dem  beneidenswerten  Zustand 
konfessionellen  Friedens  lebenden  deutschen  Volk  erwerben  wird,  ge- 
schmeichelt und  noch  mehr  durch  den  Vorschlag,  nach  dem  Vorbild 
Gottfrieds  von  Bouillon  an  der  Spitze  des  geeinigten  christlichen 
Europas  einen  Kreuzzug  gegen  die  Türken  zu  unternehmen  (S.  103  ff.). 
Zur  Autorschaft  Gentillets  vgl.  Lelong,  Bibliotheque  historique  de  la 
France  II.  S.  274.  nr.  18  319. 

5)  Angehängt  an  Matharels  Widerlegungsschrift  (vgl.  Anm.  7). 

c)  „Strigilis  Papirii  Massoni,  sive  Remediale  caritativum  contra 
rabiosam  phrenesim  Papirii  Massoni,  Jesuitae  excucullati;  per  Mata- 
gonidem  de  Matagonibus,  Baccalaureum  Formatuni  in  Jure  Canonico 
et  in  Medicina,  si  voluisset'1  (1575).] 

7)  „Ad  Francisci  Hotomani  Franco-Galliam,  Antonii  Matharelli, 
Reginae  Matris  a  Rebus  procurandis  Primarii,  Responsio,  in  qua  agitur 
de  initio  Regni  Franciae,  Successione  Regum,  publicis  Negotiis  et  Polilia; 
ex  Fide  Annalium  nostrorum,  Germaniaeque  et  aliarum  Gentium  Graecis 
etLatinis.  Praefixum  est I udicium  Papirii  Massoni,  de. Libello  HotomanV' 
(Parisiis  1575.) 


Beiträge  zur  Geschichte  der  politischen  Literatur  usw.         3 

eigenen  Theorien  einzulassen,  Person  und  Ansichten  seines  Gegners 
ins  Lächerliche  zog.8) 

Vor  dem  schwächlichen  Widerspruch,  den  der  Humanist 
Louis  Le  Roy  (Ludovicus  Regius)  in  seiner  Schrift  „De  VExcellence 
du  gouvernement  royal  avec  exhortation  aux  Francois  de  perseverer 
in  icelwj  sans  chercher  mutations  pernicieuses"  (1575)  erhoben,9) 
hat  Hotman  weiter  keine  Notiz  genommen.  Er  hätte  auch  hier 
immer  nur  dieselben  Argumente  wie  bei  seinen  anderen  Gegnern 
wiedergefunden.  Neue  Beweise  gegen  die  ständische  Theorie 
bringt  Le  Roy  überhaupt  nicht  bei,  ja  er  gibt  sich  kaum  die  Mühe, 
die  bisherigen  Streitargumente  im  Einzelnen  nachzuprüfen.  Die 
bedingungslose  Ablehnung  der  ständischen  Theorie  ist  ihm  eine 
Selbstverständlichkeit.  Den  Vertretern  der  Nation  räumt  er  allein 
das  politisch  bedeutungslose  Recht  ein,  „se  contenter  de  l'heur 
gu'ils  ont  d'approcher  de  leur  Roy,  de  lui  presenter  leurs  requestes, 
et  oblenir  les  remedes  et  provisions  necessaires" .  Für  den  Dritten 
Stand  empfindet  der  stolze  Humanist  nur  Verachtung.10) 

Es  konnte  nicht  ausbleiben,  daß  die  Hotmansche  Theorie  von 
dem  Recht  der  Stände  in  den  revolutionären  Gelüsten  frondieren- 
der  Kreise  eine  starke  Stütze  fand  und  als  eine  Rechtfertigung  des 
Widerstands  der  Untertanen  gegen  die  Regierung  ausgelegt  wurde. 
Schon  die  „Question,  assavoir  s'il  est  loisible  aux  suiets  de  se 
deffendre  contre  le  Magistrat,  pour  maintenir  la  Religion  vrayement 
Chrestienne"11)  (1573  ist  auf  diesen  Ton  gestimmt.12)  Interessanter 
ist  die  Ende  1573  oder  im  Jahre  1574  erschienene  Schrift  eines 
Protestanten:  „Du  droit  des  Magistrats  sur  leurs  suiets.  Traute 
tres-necessaire  en  ce  temps,  pour  ad  tertir  de  leur  deuoir,  tont 
les  Magistrats  que  les  suiets  publie  par  ceux  de  Magdebourg  Van 
M.   D.  L.  et  maintenant  reven  et  augmente  de  plusieurs  raisons 


8)  „Matagonis  de  Malagonibus,  Decretorum  Baccalaurei,  Monitoriale 
adversus  Italo-Galliam  sive  Antifranco-Galliam  Antoni  Matharelli 
Alvernogeni."     (1575.) 

9)  Le  Roy  war  schon  bei  früherer  Gelegenheit  für  die  königlichen 
Rechte  eingetreten  und  hatte  in  diesem  Sinne  zwei  Traktate  geschrieben : 
„Des  troubles  et  differens  advenans  entre  les  hommes  par  la  diversite  des 
religions,  ensemble  du  commencement,  progres  et  excellence  de  la  chrestienne 
(Paris  1567),  und:  „Exhortation  aux  Francois  pour  vivre  en  Concorde 
et  jouir  du  bien  de  la  paix  par  Loys  le  Roy"  (Paris  1570).  Auch  in  seiner 
Aristo telesübersetzng  („Les  Politiques  d'Aristote  traduittes  de  grec, 
en  francois  .  .  ."  1568)  hatte  er  bereits  mehrfach  Gelegenheit  genommen, 
seine  Ansichten  über  Fragen  des  politischen  Lebens  auszusprechen. 
Vgl.  H.  Becker,  Loys  Le  Roy.     Paris,  these,  1896.     S.  186  ff. 

10)  Vgl.  H.  Becker  S.  221. 

11 )  In :  Memoires  de  V Etat  de  France  sous  Charles  IX.    IL  S.  239  ff. 

12)  „Et  quant  ä  maintenir  ceste  proposition  qu'il  n'est  point  loisible 
de  defendre  la  Religion  par  armes:  ainsi  cruement  proposee,  eile  est 
fausse.     Car  par  armes  legitimes  il  est  loisible  de  defendre  la  Religion. 

Toute  guerre  iuste  est  loisible".     ib.  S.  242  r°. 


4  Kurt  Glaser. 

et  exemples"  ,n)  Der  Gehorsam  gegen  Gott  wird  als  eine  selbst- 
verständliche Pflicht  hingestellt,  aber  gleich  von  vornherein  wird 
die  Gehorsamspflicht  gegenüber  der  weltlichen  Obrigkeit  der 
folgenschweren  Einschränkung  unterworfen,  daß  man  dem  Fürsten 
nur  dann  Gehorsam  schuldet,  wenn  er  nicht  selbst  sündigt  und 
„choscs  irreligieuses  et  iniques"  befiehlt.  Diese  Einschränkung 
wird  ganz  im  Sinne  der  Theorien  der  Zeit  auf  eine  Scheidung 
zwischen  dem  wahren  und  dem  falschen  Herrscher,  zwischen 
König  und  Tyrann  hinausgespielt.14)  Gegen  einen  Tyrannen  ist  der 
Widerstand  nicht  nur  erlaubt,  sondern  geradezu  Pflicht.  In  einer 
sorgfältig  und  fast  ängstlich  nach  allen  Seiten  ausschauenden 
Erörterung  wird  dieser  Gedanke  im  Einzelnen  durchgeführt.  Der 
Nachdruck  fällt  dabei  auf  das  Recht  der  Beamten.  In  der  Ordnung 
des  Staates  nehmen  sie  eine  selbständige  Stellung  ein.  Ihre  be- 
schränkteren Befugnisse  fließen  aus  derselben  Quelle  wie  die 
höheren  des  Herrschers,  aus  dem  Begriff  des  Staates.  Sie  sind 
der  so uverai nete,  d.  h.  dem  Königtum  als  solchem,  und  nicht  dem 
souverain,  d.  h.  der  Person  des  Herrschers  verpflichtet.  Daraus 
ergibt  sich  für  die  Beamten  das  Recht,  im  Interesse  des  Staates 
Übergriffen  des  Fürsten  zu  wehren.  Ihr  Organ  sind  die  Stände, 
deren  hohe  Befugnisse  gegenüber  den  geringeren  Rechten  des  Herr- 
schers gebührend  betont  werden.  „Le  sommaire"  —  heißt  es 
S.  507  v.°  zusammenfassend  —  „de  tout  ce  que  dessus,  est:  Que  le 
sowieraiii  gouuernement  est  tellement  entre  les  mains  des  Roys,  oa 
autres  tels  souuerains  Magistrats,  que  si  ce  neantmoins  se  destournans 
des  bonnes  loix  et  conditions,  qu'ils  auront  i  rees,  ils  se  rendent 
Tyrans  tous  manifestes,  et  ne  donnent  Heu  d  meilleur  conseil:  Alors 
il  est  permis  aux  Magistrats  injerieurs  de  pouruoir  ä  soi  et  ä  ceux 


13)  In:  Memoires  de  VEtat  de  France  sous  Charles  IX.  II.  S.  483— 
522.  Über  den  Zeitpunkt  der  Veröffentlichung  vgl.  Cardauns,  Die  Lehre 
vom  Widerstandsrecht  des  Volks  gegen  die  rechtmäßige  Obrigkeit  im 
Luthertum  und  im  Calvinismus  des  16.  Jahrhunderts  (Bonn.  Diss.  1903) 
S.  65.  Lateinisch  unter  dem  Titel:  „De  jure  Magistratuum  in  Subditos" 
(1578).  Dagegen  wendet  sich  eine  andere  Schrift:  „Joannis  Beccariae 
Refutatio  cujusdam  Libelli,  cui  titulus:  De  jureMagistratuum  in  Subditos" 
1590  (vgl.  Lenglet,  Methode  historique  III.  S.  53  und  Lelong,  Bibliotheque 
historique  de  la  France  II.  S.  763,  nr.  27  120). 

14)  Vgl.  ,,Question,  assavoir  s'il  est  loisible  aux  suiets  de  se  deffendre 
contre  le  Magistrat",  in  Memoires  de  VEtat  de  France  sous  Charles 
IX.  [I.  S.  243  v°,  244  r°;  „Apophtegmes  et  discours  notables  recuiliis 
de  diuers  autheurs:  Contre  la  tyrannie  et  les  tyrans"  ib.  S.  522  r° — 553v°; 
,, Discours  des  iugemens  de  Dieu  contre  les  Tyrans:  Recueiili  des  histoires 
sacrees  et  profanes,  et  nouuellement  mis  en  lumiere"  ib.  S.  554  r° — 630  r°; 
,,Le  Politique,  Dialogue,  traittanl  de  la  puissance,  a  thorite,  et  du  deuoir 
des  Princes,  des  divers  gouuernemens:  iusques  ou  Ion  doit  supporter  la 
tyrannie:  si  en  une  oppression  extreme  il  est  loisible  aux  suiets  de  prendre 
les  armes  pour  defcndre  leur  vie et  liberte:  quand,  comment,  par  qui,  et  par 
quel  moyen  cela  se  doit  et  peut  faire"  (1574),  ib.  III.  S.  76  r°;  „Vive 
Description  de  la  Tyrannie  et  des  Tyrans,  avec  les  moyens  de  se  garanlir 
de  leur  joug."     Reims  1577  (vgl.  Lelong  nr.  27  135). 


Bt  iträge  :ur  Geschickte  der  politischen  Literatur  usw.         5 

quils  ont  en  Charge,  resistans  ä  ce  Ti/ran  manifeste.  Et  quant  aux 
Estats  du  pays  ou  autres,  ä  qui  teile  authorite  est  donnee  par  les 
loix,  ils  s'y  peuuent  et  doiuent  opposer  iusqu  ä  remettre  les  choses 
en  leur  estat,  et  punir  mesmes  le  Tyran,  si  besoin  est,  selon  ses 
demerites.  En  quoi  faisant  tant  s'en  faut  qu'ils  doiuent  estre  tenis 
sedit  eux  et  rebelies,  que  tout  au  rebours  ils  s'acquittent  du  de  ioir 
et  serment  qu'ils  ont  ä  Dieu,  et  ä  leur  Patrie." 

Was  uns  diese  Schrift  noch  besonders  interessant  macht, 
ist  die  Methode,  durch  die  sie  ihre  Ergebnisse  zu  gewinnen  weiß. 
Sie  begnügt  sich  nicht  damit,  wie  es  die  Gewohnheit  der  Zeit 
war,  ihre  Beweisgründe  in  beliebiger  Auswahl  aus  der  Bibel  und 
aus  der  alten  oder  nationalen  Geschichte  zu  schöpfen;  sie  bemüht 
sich  vielmehr,  und  zwar  nicht  ohne  Selbstgefälligkeit,  ihre  Theo- 
rien auch  mit  Gründen  der  Vernunft  zu  erweisen  und  nicht  bloß 
durch  historische  Argumente,  sondern  auch  durch  logische  De- 
duktionen zu  stützen.  In  dieser  Beziehung  hebt  sich  der  Traktat 
„Du  droit  des  magistrats"  wohltuend  heraus  aus  der  Zahl  der 
anderen  gleichzeitig  oder  wenig  später  erschienenen  Schriften,15) 
die  ebenfalls  für  die  Rechte  der  Stände  eintreten  und  den  Unter- 
tanen das  Widerstandsrecht  gegen  den  Fürsten  zugestehen  für 
den  Fall,  daß  dieser  gegen  die  göttlichen  Gesetze  verstößt  und  die 
Sicherheit  des  Staates  gefährdet.16) 

Für  den  Augenblick  herrscht  Hotmans  These  unumstritten. 
Die  Berufung  der  Stände  wird  das  Schlagwort  der  Zeit.  Guillaume 
de  Tavannes,  der  im  Todesjahr  Karls  IX.  (1574)  Burgund  be- 
reiste, faßte  seine  Eindrücke  dahin  zusammen,  daß  alle  Welt 
nach  den  Ständen  verlange.17) 

Am  entschiedensten  unter  den  im  gleichen  Jahre  erschienenen 
Flugschriften  erheben  die  nämliche  Forderung  die  „Advis  et  tres 
humbles  remonstrances  ä  tous  Princes,  Seigneurs,  Cours  de  Parlemens 
et  sujets  de  ce  Royaume:  par  un  bon  et  grand  noinbre  de  Catholiques 
tant  de  l'Estat  Ecclesiastique,  la  noblesse,  que  tiers  Estat,  sur  la 
nuvivaise  et  universelle  disposition  des  afaires"  (1574/18).  Der  Ver- 
fasser entwirft  in  ausführlicher  Schilderung  ein  Bild  der  traurigen 
Zustände  im  Lande,  der  Verarmung  des  Dritten  Standes,  der 
Knechtung  der  Geistlichkeit  und  der  Rechtlosigkeit  des  Adels. 
Als  einzigen  Ausweg  aus  der  Not  der  Zeit  weiß  er  die  Berufung  der 
Stände  zu  nennen.  Der  König  brauche  von  ihnen  keine  Schmäle- 
rung seiner  Macht  zu  befürchten;  sie  würden,  ihrer  Überlieferung 


35)  ,,Le  Politique"  (vgl.  vorhergehende  Anm.)  und  „Response  ä 
la  question  asauoir  s'il  est  loisible  au  peuple  et  ä  la  noblesse  de  resister 
par  armes  ä  la  felonie  et  cruaute  a"un  seigneur  souuerain'1 ;  in:  Memoires 
de  l'Estat  de  France  sous  Charles  IX.     III.   S.   318  r  —351  v°. 

l6)  Vgl.  im  übrigen  Cardauns  S.  65  ff. 

n)  Vgl.  Picot,  Histoire  des  Etats  Generaux  II.   S.   302. 

18)  Auch  in:  Memoires  de  V Estat  de  France  sous  Charles  IX.  III. 
S.  43  v°— 49  r°. 


G  Kurt  Glaser. 

getreu,  sich  allein  auf  Bittgesuche  beschränken  und  im  Zusammen- 
arbeiten mit  der  Krone  ihre  Aufgabe  zu  erfüllen  wissen,  ohne  an 
die  königlichen  Hoheitsrechte  zu  rühren.  Der  von  der  Partei 
der  Politiker  vertretene  Gedanke,  daß  ohne  eine  Verständigung  in 
staatlichen  Fragen  eine  Einigung  in  religiösen  Dingen  nicht  mög- 
lich sei,  wird  mit  Klarheit  und  Schärfe  verfochten. 

In  etwas  einseitigerem  Lichte  sieht  der  Verfasser  der  „Harangue 
par  la  noblesse  de  toute  la  France,  faicte  au  roi  tres  chrestien  Charles 
IX.  sur  l'estat  de  ce  royaume"  ( 1574)  die  Sachlage  an.  Auch  er  legt 
den  Nachdruck  auf  die  Beseitigung  der  politischen  Spannung, 
aber  er  hält  diese  in  der  Hauptsache  schon  dann  für  gehoben, 
wenn  nur  dem  Adel  seine  früheren  Rechte  zurückerstattet  werden. 
Das  Recht  der  Stände  auf  Mitregierung  stellt  sich  ihm  als  ein 
Ausfluß  altüberlieferter  Adelsprivilegien  dar.  Der  Adel  ist  die 
Seele  der  Stände.  Nur  von  der  Wiederherstellung  seiner 
Rechte  ist  eine  segensreiche  Wirksamkeit  der  Stände  und  damit 
eine  Gesundung  des  Staates  zu  erhoffen. 

Stärker  und  offensichtlicher  als  der  Verfasser  der  „Harangue 
par  la  noblesse  de  tonte  la  France"  zeigt  sich  der  Herzog  von  Alencon, 
der  Bruder  Heinrichs  III.,  durch  Hotman  beeinflußt.  In  seinem 
Programm,  das,  ganz  im  Sinne  der  Politiker,  eine  Versöhnung  der 
katholischen  und  protestantischen  Religion  auf  der  Grundlage  ge- 
meinsamer politischer  Verständigung  erstrebt,  halten  sich  der 
Widerspruch  gegen  das  Königtum  und  die  Betonung  ständischer 
Rechte  die  Wage.  Die  „Brieve  Remonstrance  ä  la  Noblesse  de 
France  sur  le  fait  de  la  Declaralion  de  Mgr  le  duc  d' Alencon"  (1576), 
die  in  seinem  Auftrag  bei  dem  Adel  Stimmung  machen  soll,  ist 
ganz  in  Hotmans  Geist  gehalten,  nur  viel  unselbständiger  in  der 
Durchführung  der  Gedanken  und  ungelenker  in  der  Form. 

Eine  selbständige  Weiterführung  der  Hotmanschen  Ideen 
haben  wir  überhaupt  erst  in  den  „Vindiciae  contra  tyrannos" 
vor  uns.  Den  Verfasser  hat  man  in  Theodor  Beza  zu  erkennen 
geglaubt,  auch  Hubert  Languet  hat  seit  Bayle19)  lange  als  solcher 
gegolten,  und  noch  neuerdings  ist  seine  Autorschaft  von  Lureau 
ausführlich  verteidigt  worden.20)  Dagegen  haben  Lossen21)  und 
Elkan22)  Du  Plessis-Mornay  als  Verfasser  sehr  wahrscheinlich  zu 
machen  gewußt. 


19)  Dicüonnaire  (1720)  II.  S.   1659. 

20)  Lurean,  Les  doctrines  demoer  atiques  chez  les  ecrivains  protestants 
francais  de  la  seconde  moitie  du  XV  Ig  siecle.  Bordeaux,  these,  1900, 
S.  38  ff. 

21 )  Über  die  Vindiciae  contra  tyrannos  des  angeblichen  Stephanus 
Jtmius  Brutus.  Sitzungsberichte  der  bayr.  Akad.  der  Wissenschatjen 
Phil.-hist.  Klasse  1887,  1,  S.  215  ff. 

22)  Die  Publizistik  der  Bartholomäusnacht  und  Mornays  Vindiciae 
contre  tyrannos.  Heidelberg  1905.  S.  60 — 123.  Vgl.  auch  Waddington, 
Revue  historique  51   (1893)  S.  65  ff.  und  Cardauns  S.  92  ff. 


Beiträge  zur  Geschichte  der  politischen  Literatur  usw.         7 

Die  „Vindiciae"  suchen  religiöse  Anschauungen  mit  staats- 
rechtlichen Begriffen  zu  verquicken  und  aus  den  Geboten  der 
Religion  Normen  für  das  politische  Verhalten  zu  gewinnen.  Die 
Schrift  zerfällt  in  vier  Teile,  deren  jeder  eine  am  Anfang  gestellte 
Frage  beantwortet.  Den  Ausgangspunkt  liefert  die  Calvinsche 
Frage,  ob  die  Untertanen  dem  Fürsten  gegenüber  zu  Gehorsam 
verpflichtet  sind,  falls  er  ein  dem  göttlichen  Gesetz  wider- 
streitendes Gebot  erläßt:  „An  subditi  teneantur,  aut  debeant 
Principibus  obedire,  si  quid  contra  legem  Dei  imperent".  Nachdem 
diese  Frage  negativ  entschieden  ist,  folgt  die  Behandlung  der- 
selben Frage  nach  der  positiven  Seite,  ob  die  Untertanen  das  Recht 
haben,  einem  Fürsten,  welcher  Gottes  Wort  mißachtet  und  die 
Kirche  unterdrückt,  Widerstand  zu  leisten:  „An  liceat  resistere 
Principi  legem  Dei  abrogare  volenti,  Ecclesiamve  vastanti" .  Sie 
erweitert  sich  ihm  sofort  zu  der  anderen,  auf  das  politische  Gebiet 
hinüberführenden  Frage,  ob  der  Widerstand  auch  gegen  einen 
tyrannisch  regierenden,  Recht  und  Gesetz  mißachtenden  Herr- 
scher erlaubt  sei:  „An,  et  quatetius  Principi  Rempublicam  aut 
opprimenti,  aut  perdenti,  resistere  liceat."  Und  endlich:  „An  jure 
possint,  aut  debeant  vicini  Principes  auxilium  ferre  aliorum  Princi- 
pum  subditis,  Religionis  purae  causa  ajflietis,  aut  manifesta 
Tyrannide  oppressis." 

Die  Beantwortung  dieser  vier  Fragen  geschieht,  außer  unter 
Zuhülfenahme  der  traditionellen,  besonders  reichlich  aus  der 
Bibel  geschöpften  Argumente,  auf  dem  Wege  einer  logisch  klar 
aufgebauten  staatsrechtlichen  Beweisführung,  welche  durch  die 
Hereinziehung  der  Vertragstheorie  besonderes  Interesse  gewinnt. 

Die  Einsetzung  der  weltlichen  Herrscher  wird  auf  einen 
zwischen  Gott  und  Volk  abgeschlossenen  Vertrag  zurückgeführt. 
An  ihn  sind  Fürst  und  Volk  in  gleicher  Weise  gebunden.  Das 
Volk  darf  seine  Pflicht  gegen  Gott  auch  dann  nicht  vergessen, 
wenn  sie  der  Herrscher  verabsäumen  sollte.  Zu  diesem  ersten 
Vertrag  tritt  noch  ein  zweiter  hinzu,  welcher  zwischen  Volk  und 
Herrscher  geschlossen  wird  und  das  Volk  zum  Gehorsam  gegen 
seinen  Herrscher  verpflichtet  unter  der  Bedingung,  daß  er  seines 
Amtes  gut  waltet.  Mit  der  Einführung  der  Vertragstheorie 
kommt  ein  Zug  in  die  staatsphilosophische  Literatur  Frankreichs, 
welcher  indessen  erst  in  der  Fassung,  welche  ihm  nachmals  der 
Rationalismus  gegeben,  eine  wirklich  bedeutungsvolle  Rolle  in 
der  politischen  Theorie  zu  spielen  berufen  war.  Die  Grundlagen, 
auf  welche  die  Vertragstheorie  der  „  Vindiciaeu  in  letzterLinie  zurück- 
führt, sind  weder  neu  noch  kühn.23)  Auch  das  Verfahren,  dessen 
sie  sich  bei  der  Herleitung  und  Ausgestaltung  der  Vertragstheorie 
jm  Einzelnen  bedienen,  ist  wenig  geeignet,  ein  brauchbares  Element 


23)  Vgl.  Gierke,  Johannes  Althusius  und  die  Entwicklung  der  natur. 
rechtlichen  Staatstheorien  (Breslau  1880)  S.   76 ff.  und  Lurcau  S.  59 ff- 


8  Kurt  Glaser. 

staatsrechtlicher  Erörterungen  abzugeben.  Denn  statt  in  der 
Theorie  des  Vertrags  eine  prinzipielle  Erklärungsart  des  Staates 
zu  erblicken,  verlegt  sich  die  Schrift  auf  eine  bedenkliche  historische 
Beweisführung.  Der  Verfasser  folgt  hier  sichtlich  dem  Muster 
Machiavellis  und  Hotmans,24)  wie  er  sich  in  der  Anlage  seiner 
Schrift  Bezas  Traktat  vom  Recht  der  Untertanen  zum  Vorbild 
genommen  hat.25)  Aber  während  Machiavelli  aus  der  Beobachtung 
der  Menschen  und  ihres  Treibens  Lehren  für  seine  Wertung  der 
staatlichen  Verhältnisse  abstrahierte  und  vorwiegend  aus  der 
römischen  Geschichte  schöpfte,  während  Hotman  in  die  Ver- 
gangenheit des  französischen  Volkes  zurückging  und  hier  Grund- 
lage und  Rechtfertigung  seiner  ständischon  Theorie  suchte, 
steigen  die  „Vindiciaeu  zur  Geschichte  des  jüdischen  Volks  hinauf, 
um  ihr  nicht  bloß  die  Materialien  für  ihre  Beobachtungen,  sondern 
zugleich  die  Maßstäbe  ihres  Urteils  zu  entnehmen.  Die  jüdische 
Geschichte  erscheint  ihnen  typisch  für  die  Menschheitsgeschichte 
überhaupt.26)  An  historischem  Sinn  gebricht  es  dem  Verfasser 
der  „Vindiciae"  so  gut  wie  ganz.  Das  Bewußtsein,  daß  politische 
Ideen  und  Begriffe  nicht  ein  für  allemal  starr  feststehen,  sondern 
dem  Wechsel  und  Wandel  nach  Zeit  und  Volk  unterliegen,  ist 
ihm  nicht  aufgegangen.  Ohne  Bedenken  schiebt  er  jüdische  und 
christliche,  römische  und  mittelalterliche  Vorstellungen  inein- 
ander und  nimmt  keinen  Anstand,  die  Gültigkeit  der  alten  bibli- 
schen Gesetze  ruhig  auch  für  die  Franzosen  des  16.  Jahrhunderts 
zu  verkünden. 

All  die  Schlüsse,  zu  denen  die  „Vindiciae11  über  das  Verhältnis 
von  Herrscher  und  Volk  gelangen,  sind  Folgerungen  aus  der 
Vertragstheorie.  Aus  ihr  ergibt  sich  der  Satz,  daß  die  Könige, 
als  von  Gott  zu  ihrem  Amt  berufen,  nur  die  Vasallen  Gottes  sind 
(„reges  .  .  .  regis  regum  vasalli  sunt" )  und  wenn  sie  ihre  Pflicht 
nicht  erfüllen,  der  Absetzung  unterliegen.  Damit  hängt  weiter 
zusammen,  daß  die  Untertanen  nur  so  lange  zum  Gehorsam  gegen 
den  Herrscher  verpflichtet  sind,  als  der  Herrscher  selbst  die  Gebote 
Gottes  befolgt.  In  derselben  Richtung  bewegen  sich  auch  die 
anderen  Schlüsse,  welche  die  Schrift  aus  dem  zwischen  Gott 
und  Volk  bestehenden  Vertrag  zieht.  Der  Vertrag  zwischen  Gott 
und  Volk  ist  der  zeitlich  frühere:  schon  vor  der  Einsetzung  der 
Könige  hat  sich  Gott  sein  Volk  auserlesen  und  mit  ihm  einen 
Bund  geschlossen.  Seinen  vertraglich  übernommenen  Ver- 
pflichtungen kann  das  Volk  nur  dann  wirklich  nachkommen, 
wenn  ihm  die  Wahrung  seiner  Rechte  gegen  den  Herrscher  zu- 


24)  Janet,  Histoire  de  la  science  politique  II   1887).  S.  33. 

->5)  Elkan  S.   125. 

2C)  ,,Si  enim,  qnod  ex  ea  (=  Scriptura  sacra^  facile  probabitur, 
universo  Populo  Judaico  licuit,  imo  si  injunctum  fuit,  nemo,  credo  negabit, 
quin  idem  de  universo  Populo  Christiano  alicujus  Regni,  idem  plane 
staluendum  sit".    (S.  240,  241). 


Beiträge  zur  Geschichte  der  politischen  Literatur  usw.         9 

gestanden  wird  für  den  Fall,  daß  er  Gottes  Gebote  mißachtet 
und  dadurch  vertragsbrüchig  wird.  Dem  Volk  wird  deshalb  die 
Befugnis  eingeräumt,  im  Notfall  auf  dem  Wege  des  bewaffneten 
Widerstandes  die  vertraglich  übernommenen  Verpflichtungen  zu 
wahren.  Das  Widerstandsrecht  wird  ihm  als  eine  aus  eigener 
Initiative  auszuübende  Pflicht  zugesprochen.  Doch  gleich  hier 
setzt  jene  Einschränkung  ein,  welche  nicht  zur  Proklamierung 
einer  schrankenlosen  Demokratie  gelangen  will,  sondern  einer 
Formulierung  des  ständischen  Rechts  in  Hotmans  Sinne  zustrebt. 
Das  Recht  zum  Widerstand  wird  nicht  dem  gesamten  Volk, 
sondern  allein  den  dem  Volk  gesetzten  Beamten,  d.  h.  den  Ständen 
zuerkannt.-'7)  Obwohl  ihre  Mitglieder  einzeln  dem  König  unter- 
geordnet sind,  stehen  sie  als  Organisation  über  dem  König.  Sie 
sind  die  berufenen  Hüter  der  Rechte  des  Volkes;  die  Ausführung 
und  Handhabung  des  Widerstandsrechts  hat  nach  Mehrheits- 
beschluß zu  erfolgen  und  bleibt  nicht  auf  den  einzigen  Fall,  daß 
der  Herrscher  das  göttliche  Gesetz  verletzt,  beschränkt.  Auch 
die  Verteidigung  der  weltlichen  Rechte  eines  Volkes  liegt 
ihnen  ob.  Das  Volk  ist  mächtiger  als  der  König  („populus  rege 
potior").  Mit  einem  ganzen  Aufwand  biblischer  und  juristischer 
Argumente  sucht  die  Schrift,  die  Ansicht,  daß  das  Volk  bei  der 
Einsetzung  seines  Herrschers  auf  seine  Souveränität  zu  Gunsten 
des  Herrschers  verzichtet  habe,  zu  bekämpfen  und  das  durch  die 
Machiavellische  Lehre  stark  erschütterte  Prinzip  einer  im  Namen 
Gottes  geübten  Volkssouveränität  zu  retten. 

Eine  Zeitlang  schien  es,  als  ob  die  große  gemeinsame  Forde- 
rung der,,  Tvvmco-GaZ/ia"  und  der  „Vindiciae",  die  Wiederherstellung 
der  ständischen  Rechte,  tatsächlich  von  Erfolg  begleitet  sein 
sollte.  Das  Verlangen  nach  Einberufung  der  Stände  war  der 
Boden,  auf  dem  sich  die  gemäßigten  Katholiken  mit  den  Pro- 
testanten vertrugen  oder  doch  zu  vertragen  geneigt  waren.  Schon 
in  das  Jahr  1573  fallen  die  ersten,  allerdings  noch  mit  geringer 
Kraft  unternommenen  Versuche  einer  Verständigung  zwischen 
beiden  Religionsparteien.28)  In  den  folgenden  Jahren  wurden  die 
gleichen  Versuche  mit  größerem  Erfolg  fortgesetzt.  Die  Bewegung 
der  „Politiker"  gewann  rasch  an  äußerer  Ausdehnung  und  innerer 
Kraft.    Schon  verstiegen  sich  einzelne  ihrer  Wortführer  zu  Peti- 

2')  ,,An  vero  universam  multitudinem,  belluam,  inquam,  illam 
innumerorum  capitum,  tumultuari  et  coneurrere  in  eam  rem,  quasi  agmine 
facto  oportebit?  Quis  vero  in  ea  turba  ordo  esse  queat?  quae  consilii,  quae 
rerum  gerendarum  species  ?  Cum  de  universo  populo  loquimur,  intelligimus 
eos  qui  a  populo  authoritatem  aeeeperunt,  magistratus,  nempe,  rege  inferi- 
ores a  populo  delectos,  aut  alia  ratione  constitutos,  quasi  imperii  consortes 
et  Regum  Ephoros,  qui  Universum  populi  coetum  repraesentant.  Intelli- 
gimus etiam  Comitia,  quae  nihil  aliud  sunt,  quam  Regui  cujusque  Epitome, 
ad  quae  publica  omnia  negotia  referuntur." 

28)  Vgl.  Lancelot  Du  Voesin  De  La  Popeliniere,  L'Histoire  de 
France  enrichie  des  plus  notables  oecurences  .  .  .   (1581)  IL  S.  202,  267. 


10  Kurt  Glaser. 

tionen  und  Vorstellungen  unmittelbar  beim  König.29)  Selbst  die 
strengen,  in  religiösen  Dingen  zu  keinerlei  Zugeständnissen  ge- 
neigten Katholiken  der  Liga  griffen  die  weltlichen  Forderungen 
der  Politiker  auf,  um  sie  zu  den  ihrigen  zu  machen.  Die  An- 
erkennung der  ständischen  Rechte  durch  den  König  bildete  auch 
für  sie  den  Kernpunkt  ihres  politischen  Programms.30) 

Wieder  beginnen  die  Flugschriften  sich  an  der  Erörterung 
zu  beteiligen.  Die  kühnste  von  ihnen  „La  France-Turquie"  ruft 
„tous  princes,  seigneurs,  gentilshommes,  et  autres  bons  et  legitimes 
Francois,  tant  d'une  que  d'autre  Religion"  zum  Kampfe  für  die  stän- 
dischen Rechte  auf.31)  In  ironischem  Ton  vergleicht  sie  die  Zustände 
in  Frankreich  mit  denen  in  der  Türkei  und  sucht  nach  Mitteln  und 
Wegen,  um  in  Frankreich  die  Mißwirtschaft  des  Orients  einzu- 
führen. Schwer  wird  das  schon  nicht  fallen.  Man  braucht  nur  das 
Bollwerk  der  ständischen  Rechte  beiseite  zu  räumen,  und  das 
werden  die  Bürgerkriege  rasch  und  gründlich  besorgt  haben.  Der 
König  braucht  nur  Gewalt  anzuwenden  und  seinen  Willen  dem 
zerbrochenen  Staat  aufzuzwingen  und  auch  in  der  Religion  an 
die  Stelle  ernster  Frömmigkeit  die  Dummgläubigkeit  des  türkischen 
Sklavensinns  zu  setzen.  Mit  Spott  und  Hohn  überschüttet  die 
Schrift  die  Königin-Mutter  und  ihre  Ratgeber.  Ihre  unter  schein- 
heiligem Gebahren  schlecht  verhüllte  Absicht  ist  es  doch  nur, 
keinen  dauernden  Frieden  aufkommen  zu  lassen  und  dem  Adel 
und  den  Ständen  alles  Recht  zu  nehmen.  Ihnen  ist  nichts  heilig, 
haben  sie  doch  in  der  Bartholomäusnacht  selbst  das  Leben  des 
Königs  aufs  Spiel  gesetzt  und  so  die  Schuld  für  dessen  lang- 
sames Siechtum  auf  ihr  Gewissen  geladen.  Nur  ein  einmütiger 
Zusammenschluß  aller  vaterländisch  Gesinnter,  ohne  Unterschied 
der  Religion,  kann  hier  helfen.  Die  Königin-Mutter  muß  ins 
Kloster  wandern,  ihre  Ratgeber  müssen  von  der  Bildfläche  ver- 
schwinden, die  ständischen  Rechte  müssen  ungeschmälert  wieder- 
hergestellt werden. 

Der  Gedanke  Hotmans  und  der  ,,  Vindiciae",  die  Beschränkung 
der  königlichen  Macht  durch  die  Stände,  wird  durch  den  Gegen- 
satz gegen  die  Staatstheorien  Machiavellis  in  ein  neues  Licht  ge- 
rückt. Ihren  ersten  Widerspruch  hatten  Machiavellis  Lehren  von 
katholischer  Seite  erfahren.  Der  Kardinal  Reginald  Polus  und  der 
Bischof  von  Cosenza,  Catarino  Politi  hatten  sich  gegen  ihn  aus- 
gesprochen.     Ihnen  war   der  portugiesische   Bischof  von   Silva r 


29)  Vgl.  De  La  Popeliniere  ib.  S.  271  ff. 

30)  Vgl.  D'Aubigne,  Histoire  Universelle  (Societe  d'histoire  de 
France)   S.  824  ff. 

31 )  „La  France-Turquie,  c"est  ä  dire  Conseils  et  moyens  tenus  par 
les  ennemis  de  la  Couronne  de  France,  pour  reduire  le  royaume  en  tel  estat 
que  la   Tyrannie   Turquesque."     Orleans  1576. 


Beiträge  zur  Geschichte  der  politischen  Literatur  usw.       1  1 

Osorius  gefolgt.32)  Auch  in  Frankreich  war  die  Erörterung  der 
Theorien  des  Florentiner  Staatsmanns  damals  an  der  Tages- 
ordnung, nachdem  seine  Schrift  vom  Fürsten  auch  ins  Französische 
übersetzt  worden  war  (1553).33)  Von  den  Feinden  des  Hofs  wurde 
Katharina  von  Medici  als  durch  die  Irrlehren  ihres  Landsmannes 
verführt  gebrandmarkt  und  die  Bartholomäusnacht  als  ver- 
derblichster Ausfluß  machiavellistischer  Staatsanschauungen  hin- 
gestellt. Die  Unverträglichkeit  der  machiavellistischen  Staats- 
lehren mit  den  von  protestantischer  Seite  vertretenen  An- 
schauungen auf  einen  Gegensatz  italienischen  und  französischen 
Wesens  hinausspielend,  schreibt  eine  jener  Schriften:  ,,j/  est 
necessaire  pour  avoir  une  bonne  paix,  de  hannir  Machiavel  per- 
petuellement  de  France,  comme  aya  t  este  le  plus  grand  menteur 
et  imposteur  qui  fut  jamais  .  .  .  ses  disciples,  qui  ont  introduit  en 
France  V Observation  des  preceptes  de  Machiavel,  sont  cause  des 
guerres  civiles  et  calamitez  du  royaume  .  .  ,"34) 

Die  erste  zusammenhängende  Wider legnng  der  Machiavellischen 
Lehren  hat  J.  Gentillet  unternommen  in  seinem  „Discours  sur 
les  moyens  de  bien  gouverner  et  maintenir  en  paix  un  Royaume, 
ou  autre  Principaute.    Contre  Nicolas  Machiavel  Florentin"  (1576). 

Von  dem  Widerspruch  gegen  einzelne  markante  Lehrsätze 
Machiavellis  ausgehend,  sucht  Gentillet  die  Notwendigkeit  einer 
Beschränkung  der  königlichen  Gewalt  auf  Kosten  der  ständischen 
Befugnisse  darzutun.  Die  Hauptschuld  an  den  reformbedürftigen 
Zuständen  am  Hof  und  im  Lande  schiebt  er  dem  Einfluß  des 
Italienertums  zu.  Die  „etrangers",  die  „Italiens"  und  „Italianisez" 
haben  alles  Unglück  verschuldet.  Sie  müssen  deshalb  bestraft  und 
ihrer  Macht  beraubt  werden;  ihr  Abgott  Machiavelli,  der  ihre 
Seelen  vergiftet  hat  und  in  letzter  Linie  an  allem  Schuld  trägt, 
muß  mit  allen  Waffen  bekämpft  und  seines  Nimbus  entkleidet 
werden.  Der  Kampf  gegen  den  Machiavellismus  ist  eine  heilige 
nationale  Pflicht.  Denn  sein  Eindringen  in  Frankreich  bedeutet 
eine  entscheidende  verhängnisvolle  Wendung,  welche  einen  völligen 
Umsturz  in  der  geschichtlichen  Tradition  im  Lande  herbeigeführt 
hat:  an  die  Stelle  einer  wohlwollenden  Regierungsform  ist  die 
Tyrannei,  an  die  Stelle  rechtlichen  Sinns  ist  die  Willkür  getreten.35) 

Gentillet  meint  es  herzlich  gut  mit  allem,  was  er  in  seinem 
Zorn  auf  Machiavelli  und  in  seiner  Begeisterung  für  Frankreich 
zusammenschreibt.  Aber  wie  es  so  oft  geht,  wenn  man  eine  große 
Aufgabe  mit  unzulänglichen  Kräften  unternimmt,  bleiben  auch 

32)  Vgl.  Robert  von  Moni,  Geschichte  und  Literatur  der  Staats- 
wissenschaften III  (1858)  ,S.  542  ff.  Waille,  Machiavel  en  France  (1884) 
bedarf  in  wesentlichen  Punkten  der  Ergänzung.  Vgl.  auch  Joseph 
Barrere,  Etienne  de  La  Boetie  contre  Nicolas  Machiavel.   Bordeaux  1908. 

33)  Vgl.  Lelong  nr.  27  091. 

34)  „Remontrance  au  Roy  Tres-Chrestien  Henry  III."  S.  151 
(vgl.  Anm.  3). 

35)  Preface  S.   11. 


12  Kurt  Glaser. 

bei  ihm  Irrtümer  und  Mißverständnisse  nicht  aus.    Er  stellt  sich 
eine  Widerlegung  Machiavellis  entschieden  zu  leicht  vor  und  läßt 
sich    blind    von    seiner    Verabscheuung    seiner    Lehren    treiben. 
Gleich  im  Eingang  seiner  Vorrode  schreibt  er  den  für  einen  ernsten 
Kritiker  bedenklichen  Satz:  ,,/>?/  ingement  naturel  ferme  et  solide, 
Machiao el  aussi  n'en  au  dt  point,  comme  se  void  par  les  fades  et 
ineptes  raisons  dont  il  confirnie  le  plus  so'iuent  les  propositions  et 
Maximes  qu'il  met  en  auant :  ains  seulement  auoit  quelquesubtdite  teile 
quelle,  pour  donner  couleur  ä  ses  meschans  et  damnables  enseigne- 
mens.     Mais  quand  on  examine  un  peu  de  pres  sa  subtilite,  ä  la 
verite  on  la  descouure  estre   une  pure  bestise,   voire  accompagnee 
de  lourdise,  et  sur  tout  pleine  de  meschancete  extreme."    Vorurteils- 
losigkeit ist  nicht  Gentillets  Sache,  und  auch  die  Dicke  des  Buchs, 
das  er  gegen  Machiavelli  zusammenschreibt,  kann  nicht  als  Beweis 
dafür  gelten,  daß  er  diesen  ersten  Grundirrtum  wieder  gut  gemacht 
hätte.    Gentillet  liest  eben  mit  aller  Gewalt  aus  jedem  Satz  seines 
Erzfeindes   eine   bewußte    Bosheit   und   eine   offensichtliche    Be- 
stätigung seiner  vorgefaßten  Meinung  über  Machiavellis  Sünden- 
theorie heraus.    So  schießt  er  des  öfteren  in  seinen  Widerlegungs- 
versuchen  an  seinem  Ziel  vorbei  und  trägt  im  Tone  höchster 
sittlicher    Entrüstung    Dinge    vor,    die   Machiavelli   in   der    von 
Gentillet  betonten  Allgemeinheit  niemals  in  Frage  gestellt  hat. 
Statt  Machiavellis  Gedankengängen  in  ihren  inneren  Beziehungen 
nachzugehen  und  das  Ganze  seiner  Theorie  ins  Auge  zu  fassen, 
reißt  er  einzelne  Sätze  aus  dem  Zusammenhang  heraus,  um  dann 
an  ihnen  eine  billige  Widerlegungskunst  zu  üben.    Der  Eifer,  mit 
dem  er  auf  den  nun  einmal  selbstgewählten  engen  Pfaden  seinem 
Ziel  zueilt,  ist  allen  Lobes  wert,  aber  der  Schwierigkeiten  des 
Machiavelliproblems  wird  er  sich  nicht  bewußt.      Unverdrossen 
schüttet  er  vor  dem  Leser  seine  reiche  Belesenheit  in  den  Quellen 
der  antiken  und  nationalen  Geschichte  aus.    Wie  so  viele  andere 
sucht  auch  er  durch  die  erdrückende  Masse  des  Materials  über- 
zeugend zu  wirken.     Großzügige   Gliederungen  des  Stoffes  sind 
bei  der  Enge  des  Ausgangspunktes  nur  schwer  möglich.     Ohne 
Wesentliches  und  Unwesentliches  immer  scharf  zu  scheiden,  eilt 
er  von  Problem  zu  Problem. 

Über  die  Rechte  des  Herrschers  sucht  er  Klarheit  zu  gewinnen 
durch  eine  Zergliederung  des  Begriffs  Herrscher.  Die  Gesamtheit 
der  fürstlichen  Macht  zerlegt  sich  ihm  in  die  puissance  absolue 
einer-  und  in  die  puissance  cwile  andererseits.  Die  erstere  gibt 
dem  Fürsten  weitgehende  Rechte,  aber  sie  findet  ihre  Grenze  an 
den  göttlichen  Gesetzen,  an  den  Geboten  der  Natur  sowie  an  den 
Grundgesetzen  des  Staates.  Die  letzteren  sind  in  Frankreich  das 
Salische  Gesetz,  das  Recht  der  Stände  und  die  Unveräußerlich- 
keit des  Staatsgutes  (S.  47  ff.).  Die  puissance  civile  dagegen 
(S.  60  ff.)  ist  mehr  eine  moralische  Schranke;  sie  bindet  den 
Herrscher  an  die  „bornes  de,  la  raison,  du  droict  et  de  l'equite,  et 


Beiträge  zur  Geschichte  der  politischen  Literatur  usw.      13 

de  laquelle  il  faut  presumer  quele  Pritice  useet  veut  user  ordinairement 
en  tous  ses  commandemens,  sinon  que  par  expres  il  face  declaralion 
qu'il  veut  et  ordonne  ceci  ou  cela  de  puissance  absolue,  et  de  sa  certaine 
science." 

Die  Machtfüllo,  die  dem  Herrscher  innerhalb  dieser  Grenzen  zu 
Gebote  steht,  ist  noch  längst  groß  genug,  um  Gutes  wirken  zu 
können.  Gentillet  läßt  es  an  wohlgemeinten  Mahnungen  und 
Ratschlägen  für  den  Herrscher  nicht  fehlen.  Er  malt  ihm  fast  auf 
jeder  Seite  seines  Buches  die  Staatsgefährlichkeit  der  machia- 
vellistischen  Lehren  in  den  dunkelsten  Farben,  er  hält  ihm  das 
Schicksal  der  unwürdigen  Tyrannen  alter  und  neuerer  Zeit  vor 
Augen  und  warnt  ihn  vor  den  Lastern,  denen  auch  der  beste 
Herrscher  anheimfallen  kann,  vor  der  Schmeichelei,  die  schon  so 
manchen  betört  hat  (S.  110),  vor  der  Grausamkeit,  die  sich  über 
alles  Recht  hinwegsetzt  und  nur  Feinde  erweckt  (S.  314,  391  ff., 
398  ff.),  vor  der  Habgier,  die  Menschen  und  Staaten  verdirbt 
(S.  506  ff.).  Vor  allem  aber  warnt  er  vor  dem  schlimmsten 
Laster,  vor  der  Tyrannei  selbst.  Der  edle  Fürst  muß  gewalttätige 
Maßregeln  meiden,  sein  ganzes  Streben  muß  aufrichtig  fried- 
liebend sein  (S.  262),  er  darf  sich  nur  guter  Ratgeber  bedienen 
(S.  63  ff.).  Zu  seinen  notwendigsten  Tugenden  muß  eine  auch 
durch  das  Unglück  nicht  zu  beugende  Standhaftigkeit  gehören 
(S.  499  ff.).  Eine  der  vornehmsten  seiner  Aufgaben  ist  eine  gerechte 
Justiz,  deren  er  sich  selbst  mit  allem  Ernst  annehmen  muß 
(S.  617  ff.).  Nicht  der  tyrannische,  sondern  der  gerecht  und  milde 
regierende  Fürst  findet  erfahrungsgemäß  die  meiste  Liebe  bei 
seinen  Untertanen  (S.  414,  478  ff.).  Eine  auf  Milde  beruhende 
Herrschaft  ist  am  festesten  gegründet  (S.  483). 

Das  Bild,  das  Gentillet  von  den  Aufgaben  und  Pflichten  des 
Herrschers  entwirft,  ist  in  allen  seinen  Teilen  von  der  Furcht  vor 
der  Tyrannei  übertüncht.  Überall  lauern  böse  Mächte,  die  den 
Fürsten  umstricken  und  von  der  Bahn  der  Tugend  abdrängen 
wollen.  Oft  genug  ist  schon  ein  einziger  Ratgeber  ein  Verführer; 
darum  soll  der  Fürst  nie  einem  einzelnen  sein  Ohr  leihen.  Nur 
wenn  er  kluge  und  selbstlose  Ratgeber  hört,  wird  er  allen  Ver- 
suchungen, die  ihn  zum  Tyrannen  machen  und  dadurch  in  ein 
sicheres  Verderben  stürzen  wollen,  mit  Ehren  aus  dem  Wege  gehen. 
Die  Tyrannei  in  ihren  verschiedensten  Formen  ist  in  Gentillets 
Augen  der  Ursprung  alles  politischen  Unglücks.  Sie  lehren  zu 
wollen  ist  nach  seiner  Meinung  der  Zweck  Machiavellis,  sie  be- 
seitigen zu  helfen  der  Zweck  seines  eigenen  Traktats. 

Ein  Jahr  nach  Gentillets  „Discours"  (1577)  ließ  Lambert 
Daneau,  durch  Anne  Du  Bourg  dem  Calvinismus  gewonnen,  in 
juristischen  wie  theologischen  Dingen  gleich  bewandert,36)  seine 


36)  Vgl.    Niceron,    Memoires   pour   servir   ä  Vhistoire   des   liommes 
illustres  27  (1734).     S.  21  ff. 


1  i  K  ort  Glaser. 

„Ethices  christianae  libri  tres"^1)  erscheinen.  Seine  Betrachtungen 
auf  das  Gebiet  der  Religion  und  Ethik  hinüberlenkend,  ergeht 
er  sich  in  weit  ausgesponnenen,  in  säuberliche  Definitionen  ge- 
kleideten Erörterungen  über  die  Gehorsamspflicht  der  Christen 
gegen  Gott,38)  über  das  Recht  des  Staates  in  religiösen  Fragen,39) 
über  die  Beziehungen  zwischen  weltlicher  und  kirchlicher  Obrig- 
keit.40) Die  absolute  Gewalt  gehört  doch  Gott  allein.  Darum  hat 
der  Fürst  kein  Recht,  in  Sachen  des  Glaubens  zu  gebieten.  Ihm 
steht  nur  die  Befugnis  zu,  für  die  äußere  Ordnung  im  kirchlichen 
Leben  zu  sorgen.  Religiösen  Gehorsam  kann  er  von  sich  aus  nur 
so  weit  verlangen,  als  dadurch  weltliche  Dinge  berührt  werden. 
So  verschieden  auch  Gentillet  und  Daneau  in  der  Auswahl  und 
methodischen  Behandlung  ihrer  Probleme  zu  Werke  gehen  mochten, 
sie  waren  sich  beide  darin  einig,  daß  die  königliche  Macht  von 
Rechts  wegen   einer  Beschränkung  ihrer  Befugnisse   unterliege. 

VI.  Jean  Bodin. 

Aus  den  verschiedensten  Erwägungen  heraus  gelangen  die 
Schriften,  die  in  den  Jahren  1573 — 77  erschienen  sind,  unter  offen- 
kundiger Anlehnung  an  die  „Franco-Gallia"  und  die  „Vindiciae" 
zu  einer  scharfen  Bekämpfung  der  Monarchie,  die  sie  durch  die 
Identifizierung  mit  der  Tyrannis  zu  brandmarken  suchen.  Wären 
diese  Gedanken  unwidersprochen  durchgedrungen,  so  hätten  sie, 
wenigstens  in  der  Theorie,  eine  starke  Erschütterung  der  könig- 
lichen Macht  zur  notwendigen  Folge  gehabt.  Aber  das  hat  der 
mutige  Verfechter  der  Herrscherrechte  verhindert:  Jean  Bodin. 
Seine  „Six  Livres  de  la  Republique",  die  im  Jahr  1577  erschienen 
sind,  haben  das  Pendel  der  staatstheoretischen  Erörterungen, 
das  stark  nach  der  Seite  der  Volksrechte  hinüberschwang,  wieder 
nach  der  Seite  der  königlichen  Rechte  ausschlagen  lassen. 

Schon  einige  Jahre  zuvor  (1566)  hatte  Bodin  manche  Ge- 
danken seiner  „Six  Livres  de  la  Republique"  in  seinem  „Methodus 
ad  jacilem  historiarum  Cognitionen"  ausgesprochen,  aber  die  Schrift 
blieb,  da  sie  lateinisch  abgefaßt  war  und  keine  Übersetzung  ins 
Französische  erlebte,  zunächst  weiteren  Kreisen  unzugänglich41) 
und  konnte  schon  um  deswillen  keinen  Einfluß  auf  die  Entwicklung 


37)  Vollständiger  Titel:  „Ethices  christianae  libri  tres.  In  quibus 
de  veris  humanarum  actionum  principiis  agitur:  atque  etiam  legis  Diuinae, 
siue  Decalogi  explicatio,  illiusque  cum  scriptis  Scholasticorum,  Jure 
Naturali  siue  Philoso phico,  Ciuili  Romanorum,  et  Canonico  collatio 
continetur.  Praeterea  Virtutum,  et  Vitiorum,  quae  passim  vel  in  sacra 
Scriptura,  vel  alibi  occurrunt,  quaeque  ad  singula  legis  Diuinae  praecepta 
reuocantur,  definitionesli   (Genevae   1577). 

38)  S.   126  ff. 

39)  S.   140  r"  ff.     S.  205  r°. 

40)  S.   169  IT. 

41)  Spuren  ihres  Einflusses  vermag  ich  nur  bei  dem  gelehrten 
Louis  Le  Roy  (vgl.  schon  Anm.  9)  festzustellen. 


Beiträge  zur  Geschichte  der  politischen  Literatur  usw.       15 

der  politischen  Theorien  ausüben,  als  die  von  ihr  erörterte  Frage 
nach  dem  Wesen  di>v  besten  Staatsform  damals  noch  keineswegs 
jene  aktuelle  Bedeutung  besaß,  die  ihr  erst  Hotmans  „Franco- 
Gallia"  geben  sollte.  In  ausführlicher  Vergleichung  stellt  Bodin 
die  verschiedenen  Arten  von  Staatsformen  nebeneinander  und 
gibt  der  erblichen  Monarchie  als  der  natürlichsten  und  am  leich- 
testen zu  verwirklichenden  unverhohlen  den  Vorzug.  Aber  diese 
Erörterungen  machen  nur  einen  Teil  dessen  aus,  was  die  Schrift 
an  theoretischem  Gehalt  bietet.  Bodin  geht  auf  die  Suche  nach 
einer  neuen,  weit  ausgreifenden  Methode,  die  es  ermöglichen  soll, 
Geschichte,  Jurisprudenz  und  Politik  zu  verknüpfen.  Die  Ge- 
schichte ist  nach  seiner  Auffassung  die  beste  Quelle  für  die  Er- 
kenntnis und  Beurteilung  rechtlicher  Verhältnisse  und  Normen. 
Die  höchste  praktische  Weisheit,  die  sie  zu  liefern  vermag,  ist 
die  reiche  und  zuverlässige  Belehrung,  die  sie  dem  Politiker  gibt. 
Alles,  was  den  Menschen  nah  oder  fern  betrifft,  zieht  er  herbei, 
um  über  die  Menschheit  als  solche  völlige  Klarheit  zu  gewinnen 
und  die  menschliche  Einzelexistenz  im  Zusammenhang  des  großen 
Lebensprozesses  zu  begreifen.  Aus  der  Beobachtung  der  weiten 
Zusammenhänge,  die  sich  aus  der  Masse  der  Einzelerscheinungen 
erschließen,  ergibt  sich  ihm  als  letzte  Folgerung  die  Erkenntnis 
des  Fortschritts,  der  die  Menschheit  von  Stufe  zu  Stufe  empor- 
führt und  zu  immer  größerer  Vollkommenheit  auf  allen  Gebieten  — 
das  mit  der  menschlichen  Natur  allzu  eng  verknüpfte  Gebiet  der 
Moral  allenfalls  ausgenommen  —  gelangen  läßt.  Bodins  Methode 
der  Beweisführung  mit  ihrer  Mischung  biblischer  und  antiker 
Argumente  ist  entschieden  weit  weniger  beizupflichten  als  dem 
großen  Gedanken,  von  dem  sie  eingegeben  ist.  Von  der  Idee 
des  Fortschritts  macht  er  nach  zwei,  für  den  Ausbau  seiner 
späteren  Theorien  wesentlichen  Seiten  hin  seine  Nutzanwendung. 
Von  ihr  aus  gelangt  er  zu  einer  verallgemeinernden  und  vertiefen- 
den Beurteilung  des  geschichtlichen  Werdens.  Ihr  ordnet  er  auch 
die  Vorstellung  unter,  die  er  sich  von  dem  römischen  Recht  macht. 
Die  Rechtsanschauungen,  die  in  ihm  zum  Ausdruck  gelangen, 
bilden  nur  ein  Glied  in  der  langen  Kette  von  Rechtsvorstellungen, 
welche  bei  den  verschiedensten  Völkern  und  in  den  verschiedensten 
Zeiten  zu  Tage  treten,  und  sind  deshalb  der  übertriebenen  Hoch- 
schätzung nicht  wert,  welche  ihm  die  Juristen  jener  Zeit  (an 
ihrer  Spitze  Cujas)  widerfahren  ließen.  Über  dem  einzelnen  Recht 
steht  das  allgemeine  Recht.  Die  einzelnen  Vorgänge,  die  Schick- 
sale ganzer  Völker,  gewinnen  erst  in  dem  großen  Zusammenhang 
des  Werdegangs  der  Menschheit  ihren  wahren  Inhalt.  Differen- 
zierend wirken  dabei  von  vornherein  zwei  überall  durchgreifende 
Faktoren  ein:  der  Unterschied  der  Rassen  und  der  Einfluß  des 
Klimas. 

Den   Gedanken,   welche   der  „Methodus"   vorgetragen,   gibt 
Bodin  zehn  Jahre  später  in  seiner  „Republique"  eine  neue  ver- 


16  Kurt  Glaser. 

tiefende  Begründung.  Auch  die  Theorie  von  der  Notwendigkeit 
einer  starken  monarchischen  Gewalt  spinnt  er  hier  noch  weiter 
aus.  Man  merkt  ihm  deutlich  an,  wie  er  es  tut,  um  dem  Wider- 
spruch gegen  die  umstürzlerischen  Bestrebungen,  die  sich  seit 
der  „Franco-GalUa"  und  den  „  Vindiciae"  in  der  politischen  Literatur 
breitmachen,  Worte  zu  leihen.  Aber  Bodin  ist  weit  entfernt 
davon,  den  Kampf  gegen  die  Anhänger  der  ständischen  Theorie 
in  der  Form  einer  landläufigen  Polemik  zu  führen.  Die  Wider- 
legung der  gegnerischen  Ansichten  ist  für  ihn  nur  eine  Etappe  auf 
dem  Wege  zu  seinem  höheren  eigentlichen  Ziel,  der  Begründung 
einer  weitausgreifenden  eigenen  Theorie.  Jeder  weltfremden 
Konstruktion,  die  im  Grunde  doch  nur  auf  eine  willkürliche 
Beugung  staatsrechtlicher  Begriffe  und  Anschauungen  hinaus- 
läuft, ist  er  abhold.  Das  unterscheidet  ihn  nach  seiner  Meinung 
von  Plato  und  Thomas  Morus.  Aber  nicht  minder  zeigt  er  sich, 
wie  schon  in  seinem  „Methodus",  als  Feind  jeder  nüchternen,  aus 
Nützlichkeitsrücksichten  eingegebenen  Staatsraison,  wie  sie  Machi- 
avelli  vertreten.  Von  ihm  unterscheidet  er  sich  durch  die  starke 
Wertung  ethischer  Faktoren.  Den  beiden  Grundpfeilern,  die  er 
in  dem  System  des  italienischen  Theoretikers  herausfindet,  der  „im- 
piete"  und  der  „iiijusticei\  stellt  er  mit  Plato  die  „justice11  als  Kardi- 
naltugend gegenüber.  Ein  gedeihliches  Staatswesen  ist  ihm  ohne  die 
sittliche  Tugend  der  Bürger  nicht  denkbar.  Ein  Staat  hat  nicht 
nur  materielle  Aufgaben  zu  erfüllen,  ist  nicht  bloß  Spielraum  der 
menschlichen  „action",  sondern  wesentlich  der  „contemplation",  die 
die  sittlichen  Kräfte  löst  und  den  Blick  zu  Gott  emporlenkt. 
Inmitten  der  streitenden  Meinungen  sucht  sich  Bodin  zu 
einer  Höhe  der  Erkenntnis  emporzuarbeiten,  von  der  aus  er  das 
Ganze  der  staatsrechtlichen  Theorien  mit  weitem  und  freiem 
Blick  umfassen  und  mit  der  Tiefe  seiner  Gedanken  durchdringen 
kann.  Er  schöpft  aus  den  Schätzen  der  Antike  und  greift  mit 
vollen  Händen  in  den  Ideenschatz  seiner  eigenen  Zeit.  Aber  auch 
da,  wo  er  Fühlung  mit  anderen  sucht,  überrascht  er  durch  die 
Originalität,  mit  der  er  sich  fremde  Gedanken  zu  eigen  macht  und 
weiterbildet.  Von  keinem  seiner  Vorgänger  aus  alter  und  neuer 
Zeit  ist  er  in  besonders  starkem  Maße  «der  gar  vollständig,  ab- 
hängig. Piatos  Ideenwelt  schwebt  ihm  bei  dem  Aufbau  seiner 
eigenen  Theorien,  die  er  um  die  Souveränitätsidee  gruppiert  wie 
Plato  um  die  Idee  des  Guten,  vor  Augen.  Ihm  entlehnt  er  die  Wert- 
schätzung der  Moral,  die  Auffassung  der  „justice11  als  der  das  staat- 
liche Leben  regelnden  Kardinaltugend  und  spielt  so  den  platonischen 
Idealismus  gegen  den  machiavellischen  Utilitarismus  aus.42)  Mit 
Plato  erblickt  er  eine  der  höchsten  Aufgaben  eines  geordneten 
Staatswesens  in  der  Identifizierung  von  Natur  und  Zweck  des 
Individuums  mit  Natur  und  Zweck  des  Staatsganzen  und  pro- 


42)  Vgl.  auch  Baudrillart,  J.  Bodin  et  son  temps  (Paris  1853)  S.  232. 


Beiträge  zur  Geschichte  der  politischen  Literatur  usw.       17 

klamiert  den  Satz,  daß  der  Staat  denselben  Bedingungen  unter- 
liegt wie  die  menschlichen  Einzelwesen,  deren  Vereinigung  den 
Staat  ausmacht.  Von  .Aristoteles  dagegen  übernimmt  er  die  streng 
ins  Einzelne  gehende,  experimentierende  Methode,  in  der  sich 
die  Kunst  des  Politikers  mit  der  des  Naturforschers  zusammen- 
fand. Auch  bei  seiner  Wertung  des  Souveränitätsbegriffs  sind 
offensichtlich  aristotelische  Gedanken  mit  im  Spiel.  Seine  Hoch- 
stellung der  Familie  und  der  väterlichen  Gewalt,  die  er  bis  zum 
Recht  über  Leben  und  Tod  ausdehnen  möchte,  beruht  auf  römisch- 
rechtlichen  Grundsätzen,  zu  denen  ein  Einschlag  Calvinscher 
Sittenstrenge  verstärkend  hinzutritt.43)  Aus  solchen  Anschau- 
ungen heraus  erklärt  sich  auch  seine  noch  in  anderen  Fragen  zu 
Tage  tretende  Neigung  zur  Härte  in  Gesetzgebung  und  Ver- 
waltung und  nicht  zuletzt  seine  Überzeugung  von  dem  starken 
Hoheitsrecht  der  Herrscher,  das  sich  ihm  aus  der  unbeschränkten 
väterlichen  Gewalt  herleitet. 

Vor  allen  seinen  theoretisierenden  Zeitgenossen  zeichnet  sich 
Bodin  durch  eine  große,  in  ihrem  Reichtum  geradezu  über- 
raschende Vielseitigkeit  und  Tiefe  des  Wissens  aus.  Als  Gelehrter 
ist  er  mit  gleicher  Gründlichkeit  in  geschichtlichen  wie  in  sprach- 
lichen Dingen  bewandert;  besonders  ist  ihm  das  Hebräische 
nahe  vertraut.  Als  Jurist  kennt  er  sich  nicht  nur  in  den  Rechts- 
verhältnissen der  verschiedensten  Völker  und  Zeiten  aus,  sondern 
weiß  auch  in  den  nationalen  Rechtsquellen  gehörig  Bescheid  bis 
hinein  in  die  dunkelsten  Winkel  der  Register  des  Pariser  Parla- 
ments, die  er  „diligemment"  durchstöbert  hat.44)  Und  dabei  steckt 
in  ihm  ein  geistvoller  Naturforscher.  Freilich  sind  seine  natur- 
wissenschaftlichen Kenntnisse  in  mehr  als  einer  Hinsicht  nur 
krasser  und  flacher  Dilettantismus.  In  seinen  astrologischen  An- 
schauungen zumal  tritt  viel  Aberglaube  zu  Tage.  Sein  Bestreben, 
die  Ordnung  und  Gliederung  des  staatlichen  Lebens  der  Regel- 
mäßigkeit und  Gesetzmäßigkeit  des  Weltenlaufs  anzupassen, 
führt  ihn  zu  mancher  Absonderlichkeit.  Aber  alles  das  ändert 
nichts  an  der  Tatsache,  daß  er  als  erster  Gebiet  und  Methode  der 
Naturwissenschaft  der  staatstheoretischen  Forschung  hinzuge- 
wonnen hat.  Er  wäre  sicherlich  nie  zu  seiner  so  folgenschweren 
Theorie  des  Klimas  gelangt,  wenn  er  nicht  auch  Naturwissen- 
schaftler gewesen  wäre.  Die  Staatstheoretiker  des  18.  Jahr- 
hunderts, Philosophen  wie  Naturalisten,  haben  auch  in  dieser 
Beziehung  nur  von  ihm  lernen  können. 

Der  Vielseitigkeit  seines  die  verschiedensten  Gebiete  um- 
fassenden reichen  Wissens  paßt  sich  die  Richtung  seiner  Methode 
an.  Er  faßt  seine  Probleme  von  allen  möglichen  Seiten  ins 
Auge    und  sucht  ihre  Lösung   mit   rein  empirisch  gewonnenen 

43)  Baudrillart  S.  242. 

**)  Vgl.  ferner  Fournol,  Bodin  precurseur  de  Montesquieu.  Paris, 
these,   1896.     S.  23,  25,  26. 

Ztschr.  f.  ttz.  Spr.  u.  Litt.  XLV1/1.  2 


18  Kurt  Glaser. 

Normen,  wie  mit  dem  Wert  in  Einklang  zu  bringen,  der  sich 
aus  der  besonderen  Art  ihres  Entstehens  und  Werdens  ergibt. 
In  allem  verfährt  er  scharf  analysierend.  Aber  noch  größer 
als  seine  Kunst  der  Analyse  ist  seine  Kunst  der  Synthese.  Mit 
feinem  Geschick  weiß  er  das  Kleine  und  Einzelne  zu  dem  Ganzen 
seiner  Theorie  zusammenzufügen  und  seinen  Gedanken  eine  ein- 
heitliche Richtung  auf  das  oberste  Ziel  seiner  Staatstheorie  zu 
geben,  die  Konstruktion  eines  harmonisch  geordneten,'  lebens- 
kräftigen politischen  Organismus.  Von  überall  her  nimmt  er  die 
großen  Maßstäbe,  nach  denen  er  sich  jene  Gliederung  und  Ordnung 
des  staatlichen  Lebens  vollziehen  läßt:  aus  der  Gesetzmäßigkeit 
der  umgebenden  Welt,  die  sich  seinem  Auge  sinnenfällig  auf- 
drängt, wie  aus  dem  Zahlensystem  der  Pythagoreer,  in  dessen 
geheimnisvollem  Aufbau  er  die  Symmetrie  der  Dinge  dunkel  ahnt. 
In  seiner  ganzen  Art,  die  Probleme  zu  erfassen  und  klarzustellen, 
tritt  eine  starke  Parallelisierung  der  Gedanken  zu  Tage,  ein  Ab- 
wägen und  Ausgleichen,  ein  Trennen  und  Verbinden,  aus  dem 
sich  nicht  immer  ohne  Mühe  ein  einheitliches  Ergebnis  loslösen 
will.  Durch  ihre  besondere  Natur  getrennte  und  doch  wieder 
innerlich  zusammengehörige  Begriffe  wie  es  Individuum  und 
Staat,  göttliches  und  menschliches  Gesetz  sind,  geben  zwei  der 
großen  Gegensätze  ab,  zwischen  denen  sich  seine  Gedanken  hin- 
und  herbewegen.  Auch  die  beiden  Fragen,  welche  die  politische 
Publizistik  jener  Frage  stets  und  ständig  erörtert,  die  Frage, 
nach  dem  Ursprung  und  Inbegriff  der  Rechte  des  Herrschers, 
die  Frage  nach  dem  Wesen  der  besten  Staatsform  sind  für  ihn 
unzertrennlich.  Ihre  Lösung  sucht  er  darum  auch  auf  dem  Boden 
einer  gemeinsamen  Grundlage  zu  gewinnen,  indem  er,  ganz  im 
Sinne  seiner  Methode,  von  vornherein  den  Gegensatz  klarstellt, 
der  zwischen  dem  abstrakten  Begriff  der  ,,souverainetei:  waltet  und 
dessen  Verkörperung  in  der  konkreten  Form  der  „puissanc  ",  als 
deren  Träger  das  »'-.ouvernement"  erscheint.  Die  Souveränität  ist 
nur  politisch,  aber  nicht  moralisch  unumschränkt;  sie  ist  die 
Quelle  aller  „puis  anceu ;  ihrem  Wesen  nach  ist  sie  dauernd,  während 
die  „puissance"  zeitlich  begrenzt  ist;  sie  kann  in  allen  Staatsformen 
in  gleicher  Weise  in  die  Erscheinung  treten.  Somit  ist  denn  das 
Gemeinsame  aller  Staatsformen,  d.  h.  der  gemeinsame  Zweck 
aller  staatlichen  Organisationen  darin  zu  suchen,  daß  in  ihnen 
in  irgend  einer,  wenngleich  im  Einzelnen  verschiedenen  Weise 
die  Idee  der  Souveränität  zum  Ausdruck  gelangt.  Aus  der  Vor- 
stellung von  der  Wesenseinheit  der  Souveränität  ergibt  sich  B  )din 
weiter  die  Vorstellung  von  der  Verfassungseinheit  eines  jeden 
Staates.  Der  französische  Staat  ist  eine  reine  Monarchie  und 
läßt  keine  Beimischung  demokratischer  und  noch  weniger  aristo- 
kratischer Elemente  zu.  Das  lehrt  die  Geschichte,  das  lehrt  auch 
eine  sorgfältige  und  vorurteilslose  Abwägung  der  tatsächlichen 
Befugnisse  der  einzelnen  Staatsorgane. 


Beiträge  zur  Geschichte  der  politischen  Literatur  usw.       19 

Den  Urgrund  aller  Souveränität  findet  Bodin  in  dem  Gesamt- 
willen aller  freien  Glieder  eines  Volks.  Sie  bleibt  indessen  nicht 
bei  dem  Volk,  sondern  wird  erst  mit  dem  Augenblick  lebendig, 
w<  i  sie  von  dem  Volk  auf  den  Herrscher  übergeht.  Aber  mit  diesem 
Akt  der  Übertragung  erlischt  zugleich  jedes  Recht  des  Volks  auf 
die  Souveränität.  Es  begibt  sich  seines  Rechts  und  seiner  Macht 
zu  Gunsten  bestimmter  Organe  und  schafft  so  staatliche  Ord- 
nungen. Am  vollkommensten  verkörpert  sich  die  Souveränität 
in   ihrer   Geschlossenheit  und  Einheit  in  der  Monarchie. 

Zur  Theorie  des  Königtums  von  Gottes  Gnaden  hat  sich 
Bodin  freilich  nicht  verstiegen.  Sie  zu  verfechten  überläßt  er 
den  dienstbeflissenen  Hoftheoretikern.  Er  kann  in  seiner  Über- 
zeugung von  der  Notwendigkeit  einer  starken  monarchischen 
Gewalt  wohl  den  Satz  schreiben:  „il  n'y  a  rien  de  plus  grand  en 
terre  apres  Dieu  que  les  princes  souverains",  aber  er  ist  doch  darum 
kein  Vertreter  des  schrankenlosen  fürstlichen  Absolutismus.  Er 
hält  es  für  möglich  und  sogar  für  zweckmäßig,  daß  sich  der  Fürst 
gewisser  Befugnisse  zu  Gunsten  anderer  entäußert.  Das  Wesen 
der  Staatsverfassung  wird  dadurch  weiter  nicht  berührt,  denn 
eine  Übertragung  gewisser  Befugnisse  auf  andere  zieht  nicht  die 
Souveränität,  sondern  nur  die  Art  ihrer  Ausübung,  das  „goaverne- 
ment",  in  Mitleidenschaft.  Göttliche  und  natürliche  Gesetze 
ziehen  dem  Herrscher  von  vornherein  Schranken.  Die  höchste 
Grenze  seiner  Macht  liegt  in  dem  göttlichen  Gesetz.45)  Dazu 
treten  weiter  die  moralischen  Gebote  und  die  Achtung,  welche 
jeder  einzelne  Staatsbürger  für  sein  Privateigentum  zu  bean- 
spruchen hat. 

Mit  Calvin  ist  Bodin  der  Meinung,  daß  über  dem  Willen  des 
Herrschers  der  Wille  Gottes  waltet  und  die  oberste  Pflicht  der 
Untertanen  darin  besteht,  den  weltlichen  Gesetzen  zu  gehorchen, 
sofern  sie  nicht  den  höheren  göttlichen  Geboten  widerstreiten.46) 
Die   Gebundenheit   in   Gottes  Willen  allein  bietet  die  sicherste 


45)  ,,Si  nous  disons  que  celui  a  puissance  absolue,  qui  n'est  point 
subiect  aux  loix,  il  ne  se  trouuera  Prince  au  monde  souuerain:  veu  que  tous 
les  Princes  de  la  terre  sont  subiects  aux  loix  de  Dieu,  et  de  nature,  etäplusi- 
eurs  loix  humaines  communes  ä  tous  peuples"  (Republique  I.  8.  S.  131). 
„Quant  aux  loix  diuineset  naturelles,  tous  les  Princes  de  la  terre  y  sont 
subiects,  et  n'est  pas  en  leur  puissance  d'y  contreuenir,  s'ils  ne  veulent 
estre  coulpables  de  leze  maieste  diuine,  faisant  guerre  ä  Dieu,  sous  la 
grandeur  duquel  tous  les  Monarques  du  monde  doyuent  faire  ioug,  et  baisser 
la  teste  en  toute  crainte  et  reuerence.  Et  par  ainsi  la  puissance  absolue 
des  Princes  et  seigneuries  souueraines,  ne  s'estend  aucunement  aux  loix 
de  Dieu,  et  de  nature  .  .     ."  (ib.   S.   133). 

46)  „carc'est  uneloy  diuine  et  naturelle,  d 'obeir  aux  edicts etordonnances 
de  celuy  ä  qui  Dieu  a  donne  la  puissance  sur  nous,  si  les  edicts  n'estoyenX 
directement  contraires  ä  la  loy  de  Dieu,  qui  est  par  dessus  tous  les  Princes 
car  tout  ainsi  que  Varriere  vassal  doit  serment  de  fidelite  ä  son  seigneur, 
cnuers  et  contre  tous,  reserue  son  Prince  souuerain:  aussi  le  subiect  doit 
obeissance  ä  son  Prince  souuerain,  enuers  et  contre  tous,  reserue  la  maieste 
de  Dieu,  qui  est  seigneur  absolu  de  tous  les  Princes  du  monde"  (ib.  S.  152). 

2* 


20  Kurt  Glaser. 

Bürgschaft  für  die  gerechte  Ausübung  des  Herrscheramts,  denn 
sie  verbietet  es  dem  Fürsten  zum  Tyrannen  zu  werden.  Das 
Streben  eines  jeden  guten  Herrschers  muß  darin  bestehen,  ein 
Ebenbild  Gottes  zu  werden.  Wer  sich  an  dem  Fürstin  vergeht, 
sündigt  gegen  Gott.  Der  souveräne  Fürst  ist  die  Verkörperung 
der  Idee  des  Rechts  auf  Erden.  Aus  seinem  Willen  fließt  das 
Gesetz:  „Or  il  est  certain  que  la  coustume  n'a  pas  moitis  de  puissance 
que  la  loy:  et  si  le  prince  souuerain  est  maistre  de  la  loy,  les,  parti- 
culiers  sont  maistres  des  coustumes.  Je  respons  que  la  coustume  prerid 
sa  force  peu  ä  peu,  et  par  longues  annees  d'un  commun  co'/sentement 
de  tous,  ou  de  la  plus  part:  mais  la  loy  sort  en  un  moment,  et  prctid 
sa  vigueur  de  celuy  qui  a  puissance  de  Commander  ä  tous:  la  coustume 
se  coule  doucement,  et  sans  force:  la  loy  est  commandee  et  publiee 
par  puissance,  et  bien  souuent  contre  le  gre  des  suiects."  „Et  par 
ainsi  toute  la  force  des  loix  ciuiles  et  coustumes,  gist  au  pouuoir 
du  prince  souuerain.  Voila  donc  quant  ä  la  premiere  marque  de 
souuerainete,  qui  est  le  pouuoir  de  donner  loy  ou  Commander  d  tous 
en  gener al,  et  ä  chacun  en  particulier:  qui  est  incommunicable  aux 
suiects  .  .  .i<47)  „Sous  ceste  mesme  puissance  de  donner  et  casser 
la  loy,  sont  compris tous les autres droits  etmarques  de  souuerainete:  de 
sorte  qu  ä  parier  proprement  on  peut  dire  qu'il  n'y  a  que  ceste 
seule  marque  de  souuerainete,  attendu  que  tous  les  untres  droits  sont 
compris  en  cestui-lä  .  .  ,"48) 

Der  zuverlässigste  und  einzig  mögliche  Weg,  um  sich  über 
das  Wesen  des  Gesetzes  Rechenschaft  abzulegen,  besteht  demnach 
darin,  daß  man  sich  zunächst  über  den  Begriff  des  Herrschers 
und  den  Umfang  seiner  Befugnisse  klar  wird.  Die  Scheidung 
zwischen  Herrscher  und  Tyrann  hat  für  Bodin  jede  Bedeutung 
eingebüßt.  Nur  der  gute  Herrscher  ist  der  Betrachtung  wert  und 
kann  als  Quell  rechtlicher  Ordnungen  ernstlich  in  Frage  kommen. 

Der  ständischen  Theorie  der  „Franco-Galliail  und  der  ,,Vindi- 
ciaeu  gegenüber  nimmt  Bodin  eine  durchaus  ablehnende  Haltungein. 
Für  das  Recht  der  Stände  bleibt  kein  Raum  bei  ihm.  Der  souveräne 
Herrscher  braucht  sich  nicht  an  sie  zu  binden.  Nicht  einmal  in 
England,  dem  gelobten  Land  ständischer  Freiheiten,  ist  das  der 
Fall.49)  Auch  noch  bei  späterer  Gelegenheit  greift  Bodin  auf  den 
gleichen  Gedanken  zurück.  Nachdem  er  den  obersten  Zweck 
eines  jeden  guten  Staates  in  der  Anpassung  an  das  göttliche  Gesetz 
gefunden,  tritt  er  in  eine  Zergliederung  der  etwa  im  Einzelnen 
möglichen  Staatsformen  ein.  Er  durchmustert  sie  alle,  mit  dem 
Altertum  beginnend,  um  mit  der  Feststellung  zu  schließen,  daß 
die  Staatsform  Frankreichs  von  alters  her  die  Monarchie  gewesen 
ist  und  sich  ständische  Rechte  nicht  entdecken  lassen.50) 

47 )  I.  10.     S.  222. 

48)  I.   10.     S.  223. 

49)  I.  8.    S.  137.  13S.  141. 

50)  II.  S.  251  ff.,  VI.  S.  835  ff. 


Beiträge  zur  Geschichte  der  politischen  Literatur  usw.      21 

Immer  von  Neuem  lenkt  Bodin  seine  Betrachtungen  auf 
die  Person  des  Herrschers  zurück.  Der  gute  Monarch  erscheint 
ihm  wie  ein  Geschenk  von  Gottes  Gnaden.  Gewiß  ist  es  gut, 
wenn  er  seine  Ratgeber  befragt,51)  aber  diese  dürfen  nicht  den 
Versuch  unternehmen,  ihm  ihre  Meinungen  aufzudrängen  und 
über  seine  Entschließungen  herrschen  zu  wollen.  Jeder  Versuch, 
die  Hoheitsrechte  des  Fürsten  anzutasten,  führt  doch  nur  zu 
Umsturz  im  Staate.  Der  Staat  steht  und  fällt  mit  seinem  Herr- 
scher. Hohe  wie  niedere  Beamte  empfangen  alle  ihre  Befugnisse 
von  dem  Fürsten  und  sind  ihm  zu  unbedingtem  Gehorsam  ver- 
pflichtet, und  zwar  selbst  für  den  Fall,  daß  er  ein  dem  Staats- 
wohl zuwiderlaufendes  Gebot  erlassen  sollte.  Eine  Widersätzlich- 
keit  gegen  den  Fürsten  ist  immer  vom  Übel.52)  Aber  Bodin  ist  stets 
darauf  bedacht,  diese  Machtbefugnis  allein  auf  den  guten  Fürsten 
einzuschränken  und  den  Tyrannen,  als  zu  gedeihlicher  Regierung 
unfähig,  von  seiner  Betrachtung  auszuschließen.  Der  Fürst, 
so  wie  er  ihm  vorschwebt,  ist  mehr  als  ein  gewöhnlicher  Mensch. 
Tief  in  seiner  Brust  liegen  die  Wurzeln  staatlicher  Größe;  er 
schuldet  Gott  allein  Rechenschaft.  Aus  dem  Chor  der  Sterblichen 
hebt  er  sich  durch  besondere  Tugenden  heraus.  Sein  Beispiel  ist 
der  beste  Lehrmeister  für  kommende  Geschlechter. 

Die  Folgerung,  die  sich  aus  dieser  Anschauung  von  dem  Wesen 
des  Herrschers  für  die  Wertung  des  Verhältnisses  von  Herrscher 
und  Staat  ergibt,  ist  einleuchtend:  die  Aufrechterhaltung  des 
fürstlichen  Hcheitsrechts,  der  souverainete,  ist  eine  Lebensfrage 
für  den  Fortbestand  eines  jeden  geordneten  Staates.53)  Dem- 
gegenüber können  Änderungen  anderer  Art  „changement  de  loix 
de  coustumes,  de  religion,  de  place"54)  nur  eine  nebensächliche 
Bedeutung  beanspruchen. 

Bi  dins  Auffassung  vom  Fürsten  erhebt  sich  hoch  über  die 
nichtssagenden  Ausführungen,  welche  die  Verfechter  der  absoluten 
Mi  narchie  zu  Beginn  des  Jahrhunderts  vorgetragen  hatten.55) 
Während  sich  jene  in  fader  Lobhudelei  eines  noch  auf  der  Höhe 
seiner  Macht  stehenden  Königtums  ergangen  und  mit  aufdring- 


5  )  Vgl.  auch  III.  7.  S.  500. 

b-)  „Mais  y  a  il  chose  plus  dangereuse  ni  plus  pernicieuse,  que  la 
desobeissance  et  mespris  du  subiect  enuers  le  souuerain  ?  Nous  conclurons, 
donc  qu'il  uaut  beaucoup  mieux  ployer  sous  la  maieste  souueraine  en  toute 
obeissance,  que  en  refusant  les  mandemens  du  souuerain,  donner  exernple 
de  rebellion  aux  suiects:  gardant  les  distinctions  que  nous  auons  ci  dessus 
posees:  et  mesmement  quand  il  y  va  de  Vhonneur  de  Dieu,  qui  est  et  doit 
e  tre  ä  tous  suiects  plus  grand,  plus  eher,  plus  precieux  que  les  biens  ni 
la  vie,  ni  Vhonneur  de  tous  les  Princes  du  monde."  (III.  4.   S.  427,  428.) 

53)  IV.   1.  S.  503  ff. 

M)  ib.   S.  504. 

55)  Vgl.  G.  Weill,  Les  theories  sur  le  pouvoir  royal  en  France  pendant 
les  guerres  de  religion.  Paris  1891.  S.  10  ff.  und  Marcks,  Gaspard  von 
Coligny  I  (Stuttgart  1892),  S.  182  ff.  Vgl.  auch  diese  Zeitschrift  XXXIX 
S.  236. 


22  Kurt  Glaser. 

lichem  Pathos  einseitig  die  Rechte  des  gottbegnadeten  Herr- 
schers betont  hatten,  stand  Bodin  vor  der  ungleich  schwierigeren 
Aufgabe,    die    unter    unwürdigen   Trägern    der    Krone   verloren- 
gegangenen oder  doch  stark  erschütterten  Rechte  der  Monarchie 
erst  wieder  erkämpfen  zu  müssen.      Gegenüber  der  mühelosen 
Selbstverständlichkeit,  mit  der  jene  Publizisten  dem  König  alles 
und  jedes  Recht  zugesprochen  hatten,  betont  Brdin  mit  Nach- 
druck und  Ernst  die  schweren  und  heiligen  Pflichten  des 
Herrschers.      In  dem  Versuch,  das  wahre  Verhältnis  zwischen 
Recht  und  Macht  des  Herrschers  zu  gewinnen  und  dieses  Ver- 
hältnis im  Sinne  einer  Stärkung  der  königlichen  Autorität  durch 
eine  nachdrückliche  Betonung  der  Heiligkeit  der  Pflicht  mora- 
lisch zu  vertiefen,  liegt  nicht  zum  mindesten  Bodins  Verdienst. 
Die  Persönlichkeit  des  Fürsten  gewinnt  für  den  Zusammen- 
hang seiner  Theorie  eine  ganz  neue  Bedeutung.  Die  Befähigung  des 
Fürsten  ist  die  unerläßliche  Vorbedingung  für  das  Gedeihen  des 
Staates.  Von  seiner  persönlichen  Tüchtigkeit  hängt  unendlich  viel 
ab,  nicht  minder  auch  davon,  daß  er  das  rechte  Vertrauensverhältnis 
zu  seinen  Untertanen  zu  gewinnen  weiß.     „Le  sage  Prince  doit 
at  maniement  de  ses  subiects  imiter  la  sagesse  de  Dieu  au  gouuer- 
nement  de  ce  monde,  il  faut  qu'il  se  mette  peil  souuent  en  veu'e  des 
subiects,  et  auec  une  maieste  conuenable  ä  sa  grandeur  et  puissance: 
et  neantmoins  qu'il  face  chois  des  hommes  dignes,  qui  ne  peuuent 
estre  qu'en  petit  nombre,  pour  declarer  sa  volonte  au  surplus,  et 
incessamment  combler  ses  subiects  de  ses  graces  et  faueurs".^)    Wenn 
der  Fürst  nichts  von  der  Regierung  versteht  oder  sie  anderen  über- 
läßt, muß  es  mit  dem  Staat  zurückgehen.     Dieselbe  Gefahr  be- 
steht, wenn  ihm  von  unwürdigen  Schmeichlern  falsche  Begriffe 
von   seinem   Amt   beigebracht  werden.      „Et   ceux-lä  s'abusent 
bien  fort,  qui  pensent  rehausser  la  puissance  du  souuerain,  quand 
ils  luy  monstrent  ses  griff  es,  et  qu  ils  luy  fönt  entendre  que  son  vouloiry 
sa  mine,  sonregard,  doit  estre  comme  un  edict,  un  arrest,  nne  loy."57) 
Das  sind  alles  Gedanken,  an  deren  Formulierung  die  verwirrten 
politischen    Verhältnisse    im    damaligen    Frankreich    nicht    un- 
beteiligt waren.      Hier  wie  auch  sonst  genügt  es  Bodin  nicht, 
sein  Urteil  allein  auf  das  geschichtliche  Material,  das  wohl  auch 
schon  andere  vor  ihm  ausgebeutet,  zu  stützen  —  er  tut  dies  mit 
größerer   Genauigkeit  und  Umständlichkeit  als  Hotman  — ;  er 
sucht  vielmehr  seinen  Ansichten  eine  besondere  Durchschlags- 
kraft zu  leihen,  indem  er  sein  Urteil  zugleich  an  Hand  der  schwe- 
benden Fragen  seiner  Zeit  zu  erläutern  unternimmt.    Weit  und 
reich  ist  das  Beobachtungsgebiet,  das  sich  da  vor  ihm  auftut. 
Aber  er  versteht  es,  die  Masse  der  Erfahrungstatsachen,  die  ihm 
von  allen  Seiten  zuströmen,  in  scharfer  Gliederung  zu  meistern 


56)  IV.  6.  S.  617. 

57)  IV.  6.  S.  633. 


Beiträge  zur  Geschichte  der  politischen  Literatur  usw.      23 

und  für  seine  Zwecke  zurechtzulegen.  Mit  glücklichem  Griff 
weiß  er  aus  der  Fülle  der  Erscheinungen  das  für  seine  Theorie 
Wesentliche  herauszuheben. 

Die  Stellung  des  Herrschers  rückt  sich  ihm  durch  eine  Be- 
trachtung der  ihn  umringenden  Gefahren  in  ein  neues  Licht. 
Ein  Blick  auf  die  Vorgänge  seiner  Zeit  lehrt  ihn,  daß  die  schlimmste 
Gefahr,  in  die  ein  Herrscher  geraten  kann,  der  Bürgerkrieg  im 
eigenen  Lande  bildet.  Hier  ist  der  Herrscher  vor  eine  seiner 
schwierigsten  Aufgaben  gestellt.  Über  den  Parteien  stehend, 
muß  er  der  Unruhen  Herr  zu  werden  suchen.  Das  kann  ihm  frei- 
lich nur  dann  wirklich  gelingen,  wenn  auch  das  Volk  sich  seiner 
Pflichten  erinnert.  Mit  Strenge  und  Gewalt  ist  in  solchen  Lagen 
nicht  allzuviel  zu  wollen.  Tyrannische  Zuchtmittel  sind  eines- 
guten  Herrschers  unwürdig.  Das  stärkste  Mittel,  durch  das  ein 
Herrscher  auf  sein  Volk  einwirken  kann,  ist  der  Appell  an 
vaterländisches  Gewissen  und  königstreue  Gesinnung.  Das  Ziel 
seines  Strebens  muß  es  sein,  geliebt  und  nicht  gefürchtet  zu 
werden. 

Von  dem  gleichen  Gedanken  ist  auch  seine  Auffassung  von 
dem  Verhältnis  des  Herrschers  zur  Beligion  beeinflußt.  Der 
Herrscher  darf  in  Glaubensfragen  keinen  Druck  auf  die  Gewissen 
ausüben  wollen,  sondern  muß  seine  Untertanen  durch  Milde  für 
die  Religion  zu  gewinnen  suchen.  Durch  die  Erfahrungen  seiner 
kriegerischen  Zeit  ist  Bcdin  klug  geworden.  Er  ist  ein  Feind 
allen  Umsturzes.  Der  Wert  oder  Unwert  staatlicher  Einrichtungen 
und  politischer  V(  rgänge  ergibt  sich  ihm  nicht  zum  mindesten 
aus  ihrer  Bedeutung  für  die  Erhaltung  eines  bestehenden  Staates. 
Und  diese,  allein  aus  politischen  Erwägungen  hergeleitete  Auf- 
fassung ist  es,  die  auch  für  seine  Stellung  zur  Religion  maßgebend 
geworden  ist.  Er  verschließt  sich  gewiß  nicht  der  Erkenntnis, 
daß  der  Religion  eine  staatserhaltende  Kraft  innewt  hnt,  aber  die 
tägliche  Erfahrung  hat  ihn  nur  zu  sehr  belehrt,  daß  der  Streit 
um  die  Religion  dem  Gedeihen  des  Staates  schaden  muß.  „II 
n'y  a  chose  si  claire  et  si  verkable  quon  n'obscurcisse  et  quon 
n'esbranle  par  dispute".58)  Warum  soll  man  da  über  die  Religion 
hadern? 

Für  alles  hat  Bodin  den  Blick  des  nüchternen  Welt- 
manns. Was  sich  nicht  unmittelbar  in  den  Dienst  staatlicher 
Aufgaben  stellen  läßt,  erscheint  ihm  bedeutungslos.  Sein 
Ziel  setzt  er  klar  und  d  utlich  in  die  Darlegung  all  der 
Faktoren,  die  zur  Stärkung  der  souveränen  Macht  und  damit 
zur  Festigung  des  Staates  beitragen  können.  Die  Vielheit 
der  Aufgaben,  die  hier  angesichts  der  verwirrten  Verhält- 
nisse Frankreichs  zu  lösen  bleiben,  sind  ihm  kein  Geheim- 
nis; er  durchmustert  sie  mit  der  Erfahrung  eines  weltgewandten 

58)  IV.  7.  S.  652. 


24  Kurt  Glaser. 

Politikers,  aber  er  weiß  auch,  daß  es  nicht  genügt,  diesen  oder 
jenen  einzelnen  Mißstand  um  seiner  selbst  willen  abzustellen. 
Seiner  Zeit  vorauseilend,  dringt  er  bis  in  die  ethnologischen  Eigen- 
heiten der  Völker  ein,  aber  nur,  um  auch  von  hier  aus  Klarheit  zu 
gewinnen  über  die  Grundlagen,  auf  denen  sich  ein  Staatswesen 
aufbaut.  Er  findet  in  Natur  und  Charakter  der  einzelnen  Völker 
wesentliche  Unterschiede  heraus  und  getraut  sich  bereits  an  den 
Versuch  heran,  diese  Unterschiede  mit  der  Theorie  des- Klimas 
in  Einklang  zu  bringen  und  aus  ihnen  seine  Folgerungen  für  die 
Organisation  staatlicher  Gebilde  herzuleiten.  Was  f ür  e  i  n  Volk 
gut  ist,  ist  es  noch  lange  nicht  für  ein  anderes.  Ein  Staat  kann  nur 
dann  von  Dauer  sein,  wenn  er  auch  der  geographischen  Natur 
des  Landes  und  den  Eigenheiten  des  Volkstums  gebührend  Rech- 
nung trägt. 

Aus  der  Erörterung  des  Einzelnen  lenkt  Bodin  seine  Be- 
trachtung immer  wieder  auf  große  Gesichtspunkte  hinüber.  Sein 
Ziel  ist  es,  alle  in  seinem  Werk  zerstreut  gebotenen  Einzelbe- 
obachtungen zu  summieren  und  als  Ergebnis  dieser  Summierung 
den  Nachweis  hinzustellen,  daß  die  Monarchie  die  beste  der  mög- 
lichen Staatsformen  sei.  Schon  auf  allen  früheren  Seiten  seines 
weitschichtigen  Buchs  klingt  dieser  Gedanke  durch,  aber  erst 
in  einem  der  letzten  Kapitel59)  gewinnt  er  eine  zusammenfassende, 
programmatische  Erörterung. 

Der  Volksstaat  mit  seiner  Gleichmacherei  ist  nach  Bodins 
Begriffen  innerlich  unmöglich.  Kein  Regent  ist  schlechter  als 
das  Volk.  Jeder  gebärdet  sich  da  wie  ein  „petit  Roi"  und  fühlt 
sich  allen  Zwanges  und  aller  Verantwortung  überhoben.  Bürger- 
kriege sind  unausbleiblich.  Volksherrschaft  führt  leicht  zum 
Schlimmsten,  zur  Tyrannei  der  Masse.  Der  Druck  des  Volks- 
willens läßt  alles  Leben  im  Staat  ersticken  und  lähmt  die  Ent- 
faltung der  sittlichen  Kraft  der  „vertu". 

Für  die  Aristokratie  hat  Bodin  schon  etwas  mehr  übrig. 
Sie  steht  in  der  Mitte  zwischen  Demokratie  und  Monarchie  und 
zieht  aus  dieser  zentralen  Stellung  manchen  augenscheinlichen 
Vorteil.  Aber  starke  Bedenken  gegen  die  Möglichkeit  ihrer  Durch- 
führung springen  sogleich  ins  Auge.  Man  denke  nur,  wie  schwer 
es  ist,  einen  einzigen  guten  Herrscher  zu  finden,  und  da  sollte 
es  gelingen,  gleich  mehrere  tüchtige  Aristokraten  auf  einmal 
aufzutreiben!  Streitigkeiten  werden  auch  hier  nicht  ausbleiben. 
Das  Zusammenarbeiten  der  regierenden  Herrn  beruht  im  Grunde 
doch  nur  auf  Freundschaft  (amüie).  So  lange  sie  in  Eintracht 
leben,  mag  es  mit  der  Aristokratie  noch  gehen,  aber  wenn  Streitig- 
keiten ausbrechen,  sind  doppelt  ernste  Gefahren  zu  befürchten. 


59  > 


)VI.  4:  „De  la  comparaison  des  trois  Republiques  legiti  "es,  c'est 
ä  scavoir  de  Vestat  populaire,  Äristocratique,  et  Royal,  et  que  la  puiss- 
ance  Royale  est  la  meilleure." 


Beiträge  zur  Geschichte  der  politischen  Literatur   usw.      25 

Natürlich  verkennt  Bodin  auch  nicht  die  Nachteile  der 
Monarchie,  aber  sie  erscheinen  ihm  nur  gering,  verglichen  mit 
denjenigen  der  Demokratie  und  Aristokratie.  Eine  starke,  wohl- 
geordnete, von  einem  weisen  Herrscher  geführte  Regierung  ver- 
mag es  allein,  inneren  Zwistigkeiten  vorzubeugen  und  die  beste 
Bürgschaft  für  eine  machtvolle  Entwicklung  nach  Außen  zu 
geben.  Die  Monarchie  ist  die  natürlichste  Staatsform :  es  gibt  nur 
einen  Gott,  und  so  auch  nur  einen  König.  Jeder  Versuch,  die 
Macht  des  Herrschers  durch  die  Einführung  ständischer  Mit- 
regierung zu  beschränken,  führt  notwendig  zur  Schwächung  des 
Staates  und  muß  in  ihrer  letzten  Konsequenz  eine  „confusion 
populaire  ou  anarchie  miserable,  peste  des  estats  et  Republiques"60) 
ergeben. 

Das  Stück  Bodinscher  Theorien,  daß  wir  hier  entwickelt 
haben,  stellt  nur  einen  Teil  der  reichen  und  tiefen  Ideen  dar, 
welche  die  „Six  livres  de  la  Republique"  enthalten.  Kein  anderes 
Werk  Bodins  offenbart  in  gleichem  Maße  die  Sicherheit  zielbe- 
wußter großzügiger  Beweisführung  und  die  ganze  reiche  Kunst 
planmäßigen  Aufbaus  seiner  Gedanken.  Aber  es  fehlt  in  seiner 
gewaltigen,  vielverschlungenen  Natur  auch  nicht  an  tiefgreifenden 
inneren  Widersprüchen.  Der  Mann,  der  als  politischer  Theoretiker 
alle  seine  Zeitgenossen  überragt  und  den  so  wesensverschiedenen 
staatsphilosophischen  Richtungen,  wie  es  die  des  17.  und  18.  Jahr- 
hunderts in  Frankreich  sind,  bleibende  Anregungen  gegeben  hat,61) 
ist  in  anderen  Dingen  von  einer  unbegreiflichen  Rückständigkeit. 
In  seiner  „Demonomanie"02)  huldigt  er  dem  krassesten  mittel- 
alterlichen Hexenglauben  und  noch  am  Vorabend  seines  Todes 
griff  er  zur  Feder,  um  in  seinem  „Amphitheatrum  naturae"  unter 
einem  ganzen  Aufgebot  wirrer  und  wüster  Gelehrsamkeit  die 
großen  Entdeckungen  eines  Copernicus  und  Galiläi  abzulehnen. 
Nicht  weniger  überraschend  wirkt  der  Gegensatz,  welcher  zwischen 
der  Klarheit  und  Durchsichtigkeit  waltet,  mit  der  Bjdin  die 
verwickeltsten  staatsphilosophischen  Probleme  auseinanderlegt, 
und  der  geheimnisvoll  verschleiernden  Art,  in  der  sein  „Colloquium 
Heptaplomeres"  gehalten  ist.  Die  merkwürdige  Schrift,  die  zu 
Lebzeiten  ihres  Verfassers  niemals  gedruckt  worden  ist,63)  bald 


cn)  VI.  4.  S.  965. 

Gl)  „II  setnble  bien  que  Von  ait  continue  de  le  (=  Bodin)  lire,  et 
je  serais  surpris  que  Hobbes,  que  Spinoza,  que  Bossuet  ne  Veussent  pas 
lu.  Mais  on  le  lit  ,en  tout  cas,  sans  le  dire,  et  nous  le  verrons  rarement 
cite".  Brunetiere,  Histoire  de  la  htterature  francaise  classique  I.  S.  535. 
Eine  Bestätigung  dieses  Satzes  wird  noch  manche  interessante  Ab- 
hängigkeit anderer  von  Bodin  zu  Tage  fördern  und  lehren,  daß  die 
Liste  in  Wirklichkeit  viel  länger  ist. 

62)  Vgl.  F.  v.  Bezold,  J.  Bodin  als  Okkultist  und  seine  Demonomanie 
in  Historische  Zeitschrift  105  (.910)   S.   1—64. 

6a)  Diese  Zeilen  waren  schon  geschrieben,  als  v.  Bezolds  für  die 
äußere  Geschichte  wie  für  die  innere  Wertung  wichtige  Arbeit  {„Jean 


26  Kurt  Glaser. 

aber  handschriftlich  umlief,  von  Grutius  und  Leibniz,  von  Milton 
und  der  Königin  Christine  gelesen  und  im  Jahre  1684  der  Ehre 
einer  ausführlichen  gelehrten  Widerlegung  gewürdigt  worden  ist, 
hat  schon  mancherlei  Kopfzerbrechen  verursacht.  Bereits  Leibniz 
erkannte  ihren  Wert  und  trug  Sorge,  den  ersten  ungünstigen 
Eindruck,  den  er  von  ihr  empfangen,64)  durch  einen  ausdrück- 
lichen Hinweis  auf  ihre  Gelehrsamkeit  und  Gedankentiefe  wieder 
zu  \  erwischen.  Aber  er  erkannte  bereits  auch,  daß  die,  Schrift 
vieles  streift  und  nur  weniges  gründlich  behandelt.  In  der  Tat 
ist  es  gerade  die  fast  überall  zu  Tage  tretende,  fragmentarische, 
gelegentlich  sogar  aphoristische  Erörterung  philosophischer  und 
religiöser  Fragen,  die  manches  Rätsel  aufgibt.  Und  nicht  weniger 
erschwert  die  skeptische  Art  der  Beweisführung,  welche  eine  eben 
gewonnene  Erkenntnis  gleich  wieder  in  Zweifel  zieht,  die  Er- 
fassung der  Gedankengänge.  B<  din  handhabt  die  skeptische 
Methode  mit  einer  Laune  und  Willkür,  hinter  der  selbst  Beroalde 
de  Vervilles  sprunghafte  skeptische  Manie  zurückbleibt.  Nirgends 
will  es  recht  gelingen,  in  dem  Chaos  der  widerstreitenden  Mei- 
nungen des  „Colloquium  Heptaplomeres"  die  wirkliche  Ansicht 
des  Verfassers  herauszufinden.  Bodin  muß  jedenfalls  einen  ge- 
wichtigen Grund  gehabt  haben,  ganz  gegen  seine  sonstige  Ge- 
wohnheit mit  seiner  persönlichen  Meinung  hinter  seinem  Stoff 
zurückzutreten.  Eine  Identifizierung  seiner  Anschauungen  mit 
denjenigen  einer  einzelnen  bestimmten  der  im  Dialog  vorgeführten 
Personen  ist  —  das  werden  die  vielen  bisherigen  Erklärungs- 
versuche zur  Genüge  gezeigt  haben65)  —  beim  besten  Willen  nicht 
durchzuführen.  Erst  wenn  man  die  von  den  verschiedenen  Per- 
sonen zerstreut  geäußerten  Ansichten  zusammennimmt,  gewinnt 
man  ein  klares  Ergebnis.  Als  Zweck  der  Schrift  stellt  sich  die 
Verkündigung  des  Satzes  heraus,  daß  die  positiven  Religionen 
nur  der  Ausdruck  einer  höheren  allgemeinen  natürlichen  Religion 
sind.  Die  Wahrheiten,  die  in  gleicher  Weise  in  der  einen  wie  in 
der  anderen  Religion  liegen,  halten  sich  gegenseitig  die  Wage. 
Nicht  das  Fürwahrhalten  einzelner  Dogmen,  um  das  die  Vertreter 


Bodins  Colloquium  Heptaplomeres  und  der  Atheismus  des  16.  Jahr- 
hunderts1 in  Histor.  Zeitschr.  113,  S.  260  ff.  und  114,  S.  237  ff.)  erschien. 
Über  die  Zeit  der  Entstehung  vgl.  v.  Bezold,  Hist.  Zeitschr.  113,  S.  266. 
Übrigens  gibt  auch  Niceron,  Memoires  pour  servir  ä  Vhistoire  des  hommes 
illustres  17,  S.  264  das  Jahr  1588  an.  Die  ersten  (aber  unzulänglichen) 
Ausgaben  veranstalteten  G.  E.  Guhrauer,  Das  Heptaplomeres  des  Jean 
Bodin  (Berlin  1841)  und  L.  Noack,  Joannis  Bodini  Colloquium  Hepta- 
plomeres de  rerum  sublimium  arcanis  abditis.  E  codicibus  manuscriptis 
bibliothecae  academicae  Gissensis  cum  varia  lectione  aliorum  apographorum 
nun  primum  typis  describendum.  1857.  Vgl.  jetzt  auch  F.  v.  Bezold 
Histor.  Zeitschr.   113  (1914)  S.  279  ff. 

64)  Er  hatte  sogar  eine  Widerlegung  gegen  sie  geschrieben.    Baud- 
rillart S.  194. 

65;  Vgl.  jetzt  F.  v.  Bezold,  Histor.  Zeilschrift   114,  S.  249  ff . 


Beiträge  zur  Geschichte  der  politischen  Literatur  usw.      27 

der  verschiedenen  Religionen  in  der  Schrift  ebenso  gelehrt  und 
hartnäckig  wie  ergebnislos  streiten,  sondern  die  Anerkennung 
allgemeiner  natürlicher,  dem  vernünftigen  Denken  von  selbst  ein- 
leuchtender religiöser  Wahrheiten  macht  das  eigentliche  Wesen 
des  Glaubens  aus.00)  Hebt  man  diese  große  Idee  aus  der  Masse 
der  weit  auseinanderfließenden  übrigen  Gedanken  heraus,  so 
erkennt  man  si  fort,  wo  der  eigentliche  Zweck  und  die  wahre 
Bedeutung  der  Schrift  liegt:  sie  wendet  sich  von  der  einseitig 
degmatisierenden  Auffassung  von  dem  Wesen  der  Religion,  wie 
sie  das  Refermationszeitalter  vertreten,  ab  und  erhebt  sich  zur 
Verkündigung  von  Grundsätzen,  die  erst  der  Deismus  weiter  aus- 
gestalten sollte.  Von  Bcdin  gilt  dasselbe,  was  Brunetiere67)  von 
Bayle  schreibt:  ,,Il  est  deiste,  avant  que  les  libres  penseurs  anglais 
aient  donne  la  formule  du  deisme".  Es  ist  leicht  einzusehen,  weshalb 
Bodin  den  Grundgedanken  seines  „Colloquium  H eptaplomeres"  in 
eine  wenig  klare  und  durchsichtige  Form  gekleidet  hat.  Den 
religiösen  Fanatismus  seiner  Zeit  hatte  er  zur  Genüge  an  seinem 
eigenen  Leibe  erfahren;  er  wußte  nur  zu  gut,  welche  Gefahr  in 
der  Neuheit  und  Kühnheit  solcher  Ideen  für  den  lag,  der  sie  offen 
zu  verkündigen  wagte:  ein  Anhänger  der  Toleranz  in  L'Hos- 
pitals  Sinne,  war  er  nur  mit  genauer  Not  dem  Blutgericht  der 
Bartholomäusnacht  entgangen,  und  als  er  vier  Jahre  darauf  auf 
dem  Ständetag  zu  Blois  für  die  Duldung  der  neuen  Lehre  in 
Frankreich  eintrat,  sah  er  sich  aufs  Neue  der  Ketzerei  verdächtigt. 
Wie  Montaigne,  mit  dem  ihn  noch  so  manch  andere  Ähnlichkeit 
verbindet,  wollte  auch  er  seine  Ansichten  nur  „jusqu  au  feu 
exclusivementu  offen  vertreten. 


66)  „Constat  igitur  optimam  atque  antiquissimam  omnium  religonem 
ab  aeterno  Deo  cum  reeta  ratione  mentibus  humanis  insitam,  quae  quidem 
Deum  aeternum  ac  solum  homini  colendum  proponit,  quoniam  superius 
demonstratum  est,  Deum  illum  ab  omni  corporum  contagione  alienissi- 
mum,  verum  omnium  conditorem  et  conservatorem  esse,  qui  cum  optimus 
sit,  summ  um  etiam  eultum  ei  deberi,  caetera  numima,  quae  ab  eo  creta  sunt, 
honoris  eultu  Uli  anteferre  aut  conjungere  sine  ingenti  piaculo  posse 
neminem.  Qui  ergo  sie  vixerit  ut  purum  Deicultumet  naturae  leges  sequatur, 
quis  dubitet,  quin  eadem  jelicitate  jruatur,  qua  nunc  justus  Abel  .  .  .  T 
(ed.  Noack  S.  142).  ,,Si  haec  optima  et  antiquissima  religio  naturae, 
omnium  simplicissima  sufficit  ad  vitam  beatam,  cur  tot  sacrificia,  cere- 
moniae,  ritus  lege  Mosis  jubentur?  .  .  .  Si  naturae  lex  et  naturalis  religio, 
mentibus  hominum  insita,  sufficit  ad  salutem  adipiscendam,  non  video, 
cur  Mosis  ritus,  ceremoniae  necessariae  sint"  (S.  143).  An  späterer  Stelle 
heißt  es:  ,,Si  vera  religio  in  puro  aeterni  Dei  eultu  versatur,  naturae 
legem  sufficere  confide  ad  hominum  salutem."  Gegen  Schluß  der  Schrift 
(S.  351,  352):  „Quae  cum  ita  sint,  nonne  praestat  simplicissimam  illam 
et  antiquissimam  eandemque  verissimam  naturae  religionem,  uniuseujusque 
mentibus  ab  immortali  Deo  insitam,  a  qua  dissidendum  non  erat,  amplexari, 
illam  inquam  religionem,  in  qua  Abel,  Enochus,  Lothus,  Sethus,  Noemus, 
Jobus,  Abrahamus,  Isaacus,  Jacobus,  Deo  carissimi,  heroes  vixerunt, 
quam  inter  tot  ac  tarn  varias  opiniones  incertum  quemque  vagari,  nee 
habere_  certam  animi  sedem,   in  quam  acquiescat?" 

6<)  Histoire  de  la  litterature  francaise  classique  III.  S.  58. 


28  Kurt  Glaser. 

VII.  Für  und  wider  Bodin. 

Der  Einfluß  von  Bodins  Gedanken  auf  die  politischen  The- 
orien der  Zeit  ist  unverkennbar.  Natürlich  setzt  sich  seine 
Theorie  nicht  unangefochten  durch.  Merkwürdig  ist,  daß 
der  schärfste  Widerspruch  gegen  Bodins  Buch  dem  Herrscher 
dargebracht  wurde,  in  dessen  Interesse  die  Durchführung  der 
Bodinschen  Gedanken  am  meisten  gelegen  hätte.  Der  Sieur 
Michel  de  la  Serre  schrieb  in  voller  Entrüstung  eine  „Remon- 
trance"^8)  in  der  er  Heinrich  III.  klarzumachen  suchte,  daß 
Bodin  nur  die  Sache  des  Calvinismus  vertrete  und  seine 
Betonung  der  Herrscherrechte  im  Grunde  eine  Maske  sei,  unter 
der  sich  die  umstürzlerischsten  Absichten  verbergen.69)  Ein 
Anonymus  verstieg  sich  sogar  dazu,  eine  lateinisch  abgefaßte 
Schrift  „Marii  Salamonii  patritii  romani  de  prineipatu  libri  VI" 
(1578)  dem  Papst  zu  widmen.  In  der  Form  eines  Wechsel- 
gesprächs zwischen  Philosoph,  Jurist,  Theolog  und  Historiker 
wird  der  Unterschied  zwischen  Herrscher  und  Tyrann  erörtert,70)  die 
Gebundenheit  des  Fürsten  an  das  Gesetz  dargelegt,71)  der  Anteil 
des  Volks  bei  der  Schaffung  und  Handhabung  der  Gesetze  betont 
und  daraus  endlich  die  Unterordnung  des  Fürsten  unter  den 
Willen  des  Volks  gefolgert.72) 

6Ö)  ,, Retnontrance  au  Roi  Henri  III.  sur  les  pernicieux  Discours 
de  la  Republique  de  J.  R.  pur  le  Sieur  de  la  Serre'1  (Paris  1579).  Zur 
Person  des  Verfassers  vgl.  Niceron,  Memoires  pour  servir  ä  Ihistoire 
des  hornmes  illustres  10,   S.    151. 

69)  ßodin  wehrte  sich  gegen  ihn  und  andere  (besonders  gegen  das 
„Avertissement  ä  Jean  Rodin,  sur  le  quatrieme  Livre  de  sa  Republique  ', 
par  Augier  Ferrier,  Medicin.  Paris  1580.  Vgl.  Niceron,  Memoires  17, 
S.  260,  261)  in  seiner  ,, Apologie  de  Rene  Herpin  pour  la  Republique 
de  J.   Rodin".  s.  1.  s.  d. 

70)  S.  3  (,-Qui  prineipem  dicit,  Tyrannum  omnino  exeludit"), 
S.  46  ff. 

71)  S.  9  („Ergo  lege  regia  ligatur  prineeps:  et  per  hoc,  populi"), 
S.  10  („Firmum  sit  itaque  inter  nos,  lege  divina,  et  naturali,  ac  regia 
soluturn  non  esse  prineipem"),  S.  15  ff.  (,,omnium  parens  Natura,  siue 
Deus  ab  inilio  omnes  homines  aequales  genuit.  ingruentibus  deinde  necessi- 
latibus,  processil  non  eadem  omnium  conditio,  et  officium;  sie  coeperunt 
regna  et  Principatus  hominum  conuentionibus.  —  principatus  ergo  non 
a  se  ipso,  sed  ab  alio  quandoque  esse  coepit.  —  Non  dubium  Prineipem 
Romanum  prouidentia  Pop.  Romani  coepisse  .  .  ■  Nunquid  Prineeps 
alia  leges  conslituat  auetoritate,  quam  principatus:  Nunquid  maioris 
auetoritatis  leges  ipso  prineipatu  existant.  postremo,  Nutn  in  arbitrio  sit 
Principis,  leges  tollere"). 

72)  S.  27  („Ex  kis  si  diligenter  consideras,  palam  fit,  ius  Principatus 
nihil  aliud  esse,  quam  ius  quoddam  populi:  et  per  hoc,  iure  populi  et 
auetoritate  quisque  prineipatum  agere,  ac  leges  constituere',  nee  plus 
posse  et  valere,  quam  eius  potest  populus.  finge  illius  populi  Prineipem, 
qui  nullius  imperii  sit,  proculdubio  nihilo  plus  Regulus  erit  '),  S.  28 
(,,Nimirum  igitur  si  suis  subiieitur  legibus,  non  quasi  suis,  sed  uniuersi 
populi,  cuius  auetoritate  sunt  constitutae,  ac  vigent.  hinc  est,  quod  mortuo 
Principe,  leges  non  intereunt,  quia  non  interit  populus,  cuius  auetoritate 
viuunt"). 


Beiträge  zur  Geschichte  der  politischen  Literatur  usw.      29 

Über  das  Recht  der  Stände  bringt  die  Schrift  nur  unbestimmte 
und  für  die  Sache  ziemlich  belanglose  Ausführungen.  Etwas 
weiter  kommt  schon  der  „Miroir  di  s  Frangois"™)  der  im  Jahre 
1581  geschrieben  und  im  folgenden  Jahr  unter  einem  Pseudonym 
(Nicolas  de  Montand)  veröffentlicht  worden  ist.  Der  Verfasser 
steht  ganz  auf  dem  Boden  Hotmans,  dessen  Argumente  er 
andächtig  nachschreibt,74)  aber  von  Hotmans  methodischer  Sicher- 
heit merkt  man  ihm  herzlich  wenig  an.  Während  Hotman  mit 
feiner  und  freier  Kunst  die  Fülle  geschichtlicher  Tatsachen  für 
seine  Theorien  auszubeuten  weiß,  läßt  sich  unser  Anonymus  fast 
willenlos  von  seinem  Stoffe  tragen.  Seine  Gedanken  lassen  eine 
gleichmäßig  klar  fühlbare  Ordnung  vermissen.  Schon  die  Anlage 
der  Schrift,  die  aus  einer  Reihe  grob  aneinandergefügter  Teile 
besteht,  bringt  es  mit  sich,  daß  ein  und  dasselbe  Thema  mehrfach 
behandelt  wird.  Statt  daß  aber  die  großen  strittigen  Fragen  der 
Zeit  in  ihrer  vollen  Bedeutung  scharf  herausgehoben  und  in  den 
Vordergrund  der  Betrachtung  gerückt  werden,  wird  Wesentliches 
und  Unwesentliches  in  buntem  Wechsel  nebeneinandergestellt. 
Eine  wirklich  durchschlagende,  theoretisch  wertvolle  Beweis- 
führung kommt  auf  diese  Weise  nicht  zustande.  Zu  allem  Über- 
fluß greift  der  Verfasser  mit  schwerfälliger  Hand  zur  Form  des 
Dialogs,  in  dem  er  in  wunderlicher  Gruppierung  die  unmöglichsten 
Gestalten  nebeneinandertreten  und  in  plumpem  Wechselgespräch 
pro  und  contra  disputieren  läßt.  Aus  den  weitschweifigen  und 
seichten  Wechselreden  löst  sich  der  wirkliche  Gedankeninhalt  nur 
mit  Mühe  los.  Hätte  uns  der  Verfasser  nicht  gleich  zu  Anfang 
selbst  verraten,  daß  er  Anhänger  und  Verfechter  der  ständischen 
Theorie  sei  und  in  diesem  Sinne  schreiben  wolle,  wir  könnten  es 
aus  dem  Disputieren,  das  Sem,  Harn,  Japhet  und  Nimrod  (S.  5  ff.), 
Versoris  und  Marcel  (S.  37  ff.),  Honorat  und  Tubalcain  (S.  105  ff.), 
Clerge,  Noblesse  und  Tiers  Estat  (S.  219  ff.),  Scipion  und  Milon 
(S.  288  ff.),  Bezebeel  und  Archimedes  (S.  403  ff.)  aufführen,  nicht 
ohne  Weiteres  entnehmen.  In  der  äußeren  Anlage,  in  manchem 
kleinen,    einzelnen   Zug   folgt   der   Verfasser    sichtlich    Pasquiers 

73)  Vollständiger  Titel:  „Le  Miroir  des  Francois,  compris  en  trois 
livres.  Contenant  Vestat  et  maniement  des  affaires  de  France,  tant  de 
la  iustice,  que  de  la  police,  auec  le  reglement  requis  par  les  trois  Eslats 
pour  la  paeification  des  troubles,  abolition  des  excessiues  tailles,  et  gabelles: 
dnns  gratuits  et  charitatifs  equipolans  ä  deeimes,  suppression  des  super- 
numeraires  officiers,  demolition  des  citadeles,  restauration  des  universitez, 
Colleges  et  hospitaux,  taux  et  appreation  de  viures,  et  autres  ma[r]chandises : 
punitioncontre  les  usuriers,  tyrans,  et  rongeurs  de  peuple.  Et  generalement 
tous  les  secrets  qu'on  a  peu  recueiltir  pour  V embellissement,  et  enrichissement 
du  Royaume,  et  soulagement  du  public.  Le  tout  mis  en  Dialogues  par 
Nicolas  de  Montand.  A  la  Royne  regnante"  MDLXXXII.  Zur  Verfasser- 
frage vgl.  Lelong,  Bibl.  histor.  II.  S.  773,  nr.  27  206  und  France  Pro- 
testante  (ed.  Haag),  art.  Nicolas  Barnaud.     I  (1877)  S.  840  ff . 

74)  Besonders  S.  320,  321. 


Kurt  Glaser. 

„Pour parier". lh)  Auch  sein  Vorsuch,  die  Erörterungen  dramatisch 
zu  beleben  und  die  verschiedenartigen,   in  der   Diskussion  zum 
Ausdruck  gebrachten  Standpunkte  durch  eine  scharf  abgestufte 
Charakterisierung    der    einzelnen    disputierenden    Personen    zu 
motivieren,  weist  auf  Pasquiers  Vorgang  hin.    Aber  es  fehlt  ihm 
das  Geschick  und  die  Gedankentiefe  seines  Vorbilds,  und  so  kommt 
es,  daß  das,  was  bei  Pasquier  Überlegung  und  Geist  ist,  bei  ihm 
den  Eindruck  eines  angequälten  Besserwissens  erweckt.    Durch 
eine  ganze  Fülle  von  Perioden  redet  er  sich  gleich  auf  den  ersten 
Seiten  mühsam  zu  dem  Ergebnis  durch,  daß  der  Fürst  unter  dem 
Gesetz  steht.70)     Mit  eben  solcher  Umständlichkeit  verfährt  er, 
um  das  Maß  der  Befugnisse  eines  Herrschers  gegenüber  seinem 
Volk  abzugrenzen  und  die  Unterordnung  des  Menarchen  unter  den 
Willen  des  Volks  darzutun.  „  Parce  que  le  Roy  est  seulement  premier  et 
souuerain gouuerneur,et seruit  eur du  Royaume,  qui  n'a po  tr  maistre  et 
seigneur  que  le  peuple,  duquel  les  Roysrecoiuent  ladignite  royalle,  telle- 
ment  que  tout  le  peuple  considere  en  un  corps,  estpardessus  et  plus gr and 
que  le  Roy  . . .  II  sera  donc  permis  aux  officiers  du  Royaume  ou  ä  tous 
ou  ä  hon  nombre  d'iceux  pour  le  moins  de  reprimer  les  tyrans,  non 
seulement  cela  leur  est  loisible,  mais  aussi  leur  deuoir  le  requiert 
si  expressement,  que  s'ils  ne  le  fönt,  il  n'y  a  excuse  quelconque  qui 
puisse  couurir  leur  laschete  .  .  .  le  Roy  est  estably  en  ce  degre  par 
le  peuple,  et  pour  amour  du  peuple,  et  ne  peut  subsister  sans  le  peuple" 
(S.  30,  31).    Und  ähnlich  schreibt  er  an  späterer  Stelle:  „Le  Roy 
d'oü  est  il  vassal?    Du  Dieu  Souterain.    De  qui  reeoit  il  la  dignite 
Royale?    Du  Peuple  .  .  .  Le  Roy  a  il  fait  le  peuple?    Non  pas, 
mais  le  peuple  l'a  fait"  (S.  261).    Vom  Königtum  selbst  hat  er  die 
edelste  Vorstellung.     Seine  Heiligkeit  sucht  er  durch  die  Gegen- 
überstellung mit  der  Tyrannis  ins  rechte  Licht  zu  rücken.77)    Un- 
umschränkte Rechte  freilich  kann  er  auch  dem  besten  Herrscher 
nicht  zuerkennen.    Seine  Ausführungen  Schritt  für  Schritt  durch 
geschichtliche  Belege  deckend,    führt  er  in  weitschichtigen  Er- 
örterungen aus,   daß  die  monarchische  Gewalt  ihre  natürlichen 
Schranken  in  dem  Willen  des  Volks  findet,  das  über  den  Herrscher 
gebietet,    wie    in   der    Gehorsamspflicht   der    Untertanen   gegen 
Gott,  hinter  der  die  Gehorsamspflicht  gegen  den  Herrscher  zurück- 
treten müsse.78)    Den  Blick  auf  seine  Zeit  lenkend,  schiebt  er  wie 

lö)  Vgl.  diese  Zeitschrift  XXXIX.  S.  207  ff. 

76)  ,,s'i7  (d.  h.  der  König)  fait  autrement,  il  n'est  plus  Roy  mais 
tyran,  il  n'est  plus  iuge,  ains  brigand:  et  ne  le  faut  plus  appeller  con- 
seruateur,  ains  deserteur  de  la  Loy"  (S.   14). 

77)  Vgl.   S.  69,   103  ff. 

78)  „C'est  donc  une  chose  resoluequil  ne  faut  obeir  aux  Rois,  quand 
ils  commandent  ä  leurs  subiets  chose  qui  soit  contraire  ä  la  volonte  de 
Dieu  ...  II  est  bien  raisonnable,  parce  que  Dieu  inuestit  les  Rois  de 
leurs  Royaumes,  quasi  de  mesme  sorte  que  les  vassaux  sont  inuestis  du 
fief  par  leur  souuerain,  et  de  la  doit-on  conclure  que  les  Roys  qui  sont 
vassaux  de  Dieu  meritent  d'estre  priuez  du  benefice  de  leur  Seigneur, 
'ils  commettent  felonie."     (S.   79.) 


Beiträge  zur  Geschichte  der  politischen  Literatur   usw.      31 

Gentillet  die  Hauptschuld  an  der  Verdunklung  des  königlichen 
Namens  den  Ratgebern  und  Günstlingen  am  Hofe  zu  und  läßt 
seinem  Haß  gegen  die  Königin-Mutter  und  ihre  ,, Italiens"  freien 
Lauf.79)  Nur  das  Eingreifen  der  Stände  kann  hier  Abhülfe  schaffen 
und  Monarchie  und  Land  vor  dem  Untergang  erretten.  Den 
Ständen  steht  das  höchste  Recht  im  Staate  zu,  ja  sie  haben  sogar 
das  Absetzungsrecht,  falls  sich  ein  Herrscher  Übergriffe  zu  Schulden 
kommen  läßt  und  dadurch  den  Staat  in  Gefahr  bringt.80)  An  das 
Eingreifen  der  Stände  knüpft  er  die  höchsten  Erwartungen.  Sie 
sind  das  Bindeglied  zwischen  Herrscher  und  Volk  und  ihrer  ganzen 
Organisation  nach  dazu  berufen,  zwischen  beiden  ein  auf  Auf- 
richtigkeit beruhendes  Vertrauensverhältnis  herzustellen.  Die 
Liebe  des  Volks  ist  die  beste  Stütze  des  königlichen  Ansehens;81) 
aus  ihr  fließen  der  Monarchie  auch  starke  materielle  Machtmittel 
zu,  von  deren  Größe  die  Schrift  durch  das  kindliche  Mittel  öder 
zahlenmäßiger  Berechnungen  eine  Vorstellung  zu  geben  sucht.82) 
In  allen  seinen  Gedanken  ist  der  „Miroir"  stark  von  Hotmans 
ständischer  Theorie  sowie  der  Calvinschen  Lehre  vom  Wider- 
standsrecht der  Untertanen  beeinflußt.  Selbständigkeit  ist  über- 
haupt nicht  seine  Stärke.  Auch  das,  was  er  über  die  Frage  nach 
dem  Wesen  der  besten  Staatsform  bietet,83)  kommt  nicht  über 
alltägliche  Erwägungen  hinaus. 

Im  Gegensatz  zu  dem  Versuch,  die  staatliche  Gewalt  auf  die 
Rechte  der  Stände  zu  gründen,  macht  sich  mit  immer  größerer 
Stärke  eine  Strömung  im  Bodinschen  Sinne  geltend,  wenn- 
gleich die  reiche  Gedankenwelt  der  „Repiibliqiie"  nicht  sofort  in 
ihrer  ganzen  Tiefe  zu  voller  Geltung  gelangt  und  sich  ihre  Wir- 
kung zunächst  mehr  auf  äußerliche  Züge  erstreckt. 

Schon  im  Jahre  lo75  war  D'Albons  „De  la  maieste 
royale"  erschienen,  in  rein  panegyrischer  Form  gehalten  und 
theoretisch  nicht  weiter  ernst  zu  nehmen.  Auch  Estienne  Forcatel 
nimmt  in  seinem  Werk  „De  Gallorum  imperio  et  philosophia" 
(1580)  wiederholt84)  auf  die  Rechte  des  Königtums  Bezug,  ohne 


79)  S.  17  ff. 

80)  S.  296.  315. 

81)  S.  37  ff.  403  ff. 

82)  S.  37  ff. 

83)  S.  296  ff. 

84)  Vgl.  besonders  S.  55  v.°:  ,,sed  potius  reputet  occulta  quaedam 
virtutum  semina  Regibus  ingenita,  quae  si  adolescere  sinantur,  repente 
fructum  ferant  industriae  et  gloriae  supra  aliorum  mortalium  facultatem, 
et  ante  tempus  naturae  legibus  praestitutum,  quasi  praecoci  fruge"; 
S.  305:  „Tale  vero  apparet  fuisse  Regis  Francorum  ius  et  autoritatem 
ante  Pharamonem,  qualis  ab  Aristotele  recitatur  Lacedaemoniorum,  ac 
valde  collaudatur,  tanquam  maxime  omnium,  quorum  genera  quatuor 
affert,  pollens  secundum  leges.  Neque  enim  omnimoda  potestate  valebat: 
sed  regionem  egressus,  rebus  bellicis  praesidebat,  tum  etiam  in  urbe  sacri- 
ficiis  ac  Deorum  caeremoniis:  vitae  autem  necisque  potestatem  extra  bellum 
non  habebat.  ut  etiam  apud  antiquos,  inquit,  fuisse  videtur,  oslendente  id 


32  Kurt  Glaser. 

daß  es  ihm  gelingt,  viel  tiefer  einzudringen.  Schon  die  Widmung 
des  Buchs  an  Katharina  von  Medici  läßt  nichts  Gutes  ahnen. 
Mehr  steckt  schon  in  Jean  Du  Tillets  „Le  Second  Livre  des  Menwires 
et  rechercties  de  France"  (1578).  Der  gelehrte  und  fleißige  „Greffier 
de  la  cour  de  Parlement  d  Paris"  will  seiner  Zeit  die  „Titres, 
«randeur  et  exceüence  des  roys  et  royaume  de  France"  vor  Augen 
führen  und  geht  in  dieser  Absicht  die  Befugnisse  des  Königtums 
durch,  wie  sie  '"n  den  einzelnen  Zweigen  der  Begierung  und  Ver- 
waltung des  Landes  zu  Tage  treten.  Der  Weg,  den  er  dabei  einhält, 
ist  der  der  historischen  Darlegung.  Mit  der  ältesten  Periode  be- 
ginnend, dringt  er  Schritt  für  Schritt  bis  zu  seiner  Zeit  vor,  über- 
all die  Fülle  der  königlichen  Machtbefugnisse  an  Hand  der  Tat- 
sachen nachweisend.  Die  Unumschränktheit  der  Bechte  des 
Herrschers  identifiziert  sich  ihm  mit  der  selbstverständlichen 
Pflicht  alleiniger  Verantwortlichkeit  vor  Gott.85) 

Ähnliche  Gedanken  kommen  in  den  dickleibigen  „Grandes 
Annales  et  histoire  generale  de  France"  des  Francois  de  Belle- 
Forest  zum  Ausdruck.86)  Wie  Du  Tillet  geht  auch  er  chronologisch 
vor  und  gibt  eine  ausführliche  Schilderung  der  Geschichte  Frank- 
reichs. Aber  während  bei  Du  Tillet  die  Theorie  nur  ganz  nebenbei 
abfällt  (obwohl  sie  die  selbstverständliche  und  stillschweigende 
Voraussetzung  seines  ganzen  Standpunkts  bildet),  geht  Belle- 
Forest  mit  größerer  Ausführlichkeit  auf  theoretische  Erörterungen 
ein.  Seine  Auffassung  vom  Werdegang  des  französischen  Volks 
fußt  auf  seiner  Wertung  des  französischen  Königtums.  Die  Fest- 
stellung, daß  es  von  Anbeginn  der  französischen  Geschichte 
Könige  in  Frankreich  gegeben  hat,  ist  für  ihn  von  gleicher  funda- 
mentaler Wichtigkeit  wie  es  für  Hotman  die  Erkenntnis  gewesen 
war,  daß  sich  von  Anbeginn  an  ständische  Körperschaften  nach- 
weisen lassen.  Belle-Forest  sucht  sich  gleich  von  vornherein 
über  die  Befugnisse  des  Königtums  Klarheit  zu  verschaffen. 
Er  findet,  daß  die  Monarchie  nicht  willkürlich  schalten  und 
walten  konnte:  „le  Roy  estant  estably  pour  le  Royaume,  c'est 
d  dire  non  pour  son  prouffit  particulier,  ou  pour  tout  faire 
ä  sa  fantasie,  ains  pour  le  bien  de  tous,  pour  le  support  des 
subiects,  et  auancement  de  celle  couronne,  et  puissance,  ä  laquelle 
le  sang,  et  succession  de  ses  ancestres  l'ont  appelle"  (S.  1  v°). 
Vier  Schranken  {„fr  eins"  )  sind  es,  an  die  das  Königtum  gebunden 


Homero,  apud'  quem  Agamemnon  in  concionibus  iurgiis  et  maledictis 
vexatur,  ominitans  Interim  se  occisurum  quemcunque  a  proelio  fugientem 
viderit".  Forcatel  kommt  auf  dieselben  Fragen  in  gleichem  Sinne 
zurück  in  seiner  späteren  Schrift:  ,,Stephani  Forcatuli,  Jurisconsulti, 
de  Francorum  Regum  Jure,  Auctoritate  et  Imperio"  (1595). 

85)  Vgl.  S.  142.  Beachtenswert  sind  auch  die  folgenden  Sätze: 
,,Aussi  sont  les  roys  de  France,  pour  n'avoir  superieur,  iuges  en  leur 
propre  cause"  (S.  142  v°)  und  ,,iustice  est  la  f erntete  du  throne  royal. 
Les  arrests  et  iugemens  et  causes  du  roy  sont  en  son  nom  .  .  ."  (S.  143  v°) 

8C)  Paris  1579.     2  Bände. 


Beiträge  zur  Geschichte  der  politischen  Literatur  usw.      33 

ist :  die  Zustimmung  der  Kirche,  die  die  „Religion"  vertritt,  die 
Zustimmung  der  Parlamente,  die  die  „Justice"  verkörpern,  die 
königlichen  Ordonnanzen  selbst,  die  die  „Police"  darstellen,  und 
schließlich,  alle  anderen  überragend,  die  Stände,  „le  conseil  et 
consentemcnt  de  l'assemblee.  Et  c'est  celuy  qui  a  le  plus  de  puissance, 
et  lequel  bien  que  soit  fait  suyuant  la  volonte  des  Roys,  si  est-ce  que 
la  raison  le  voulant,  et  requer  ant,  il  peut  s'opposer  ä  la  mesme  dignite 
Royale:  d  cause  que  ce  corps  public  est  compose  tant  du  Chef  que  des 
membres,  et  que  l'Eglise,  la  Noblesse,  et  la  Justice,  et  le  peuple 
y  sont  uniz  pour  le  bien,  et  proufit  du  Royaume"  (I.  S.  2  v°). 
Aber  Belle-Forest  ist  sich  auch  klar  darüber,  daß  solche  Be- 
schränkungen der  Würde  des  Königtums  keinen  Eintrag  tun 
können.  Über  dem  Recht  der  Menschen  steht  das  Recht  Gottes. 
Der  Herrscher  ist  ein  Werkzeug  in  höherer  Hand  und  ganz  dem 
göttlichen  Gesetz  unterworfen.  Weder  Volk  noch  Stände  können 
über  den  Thron  verfügen.  „Que  si  les  Roys  se  sont  soumis  ä  la  loy, 
c'est  pour  leur  grandeur,  et  honneur,  et  non  afin  que  d'  la  on  tire 
une  consequence  teile,  que  c'est  aux  subiets  de  faire,  et  deffaire  les 
Roys,  puis  que  c'est  par  l'election  des  subiets  que  la  couronne  leur 
a  este  octroyee.  Cor  depuis  qu'un  Roy  est  esleu,  sacre,  et  couronni, 
qu'on  Va  fait  auec  condition  que son  estat  sera  successif,  qu'on  luyafait 
les  serments  de  fidelite,  qu'on  s'est  asser uy  et  assniecty  ä  ses  loix, 
et  volontez,  il  n'est  plus  loisible  aux  subiets  de  venir  ä  election,  puis 
qu'il  est  ainsi  que  par  la  premiere  ils  se  sont  despouillez  de  leur 
liberte  de  choisir,  et  eslire  les  Princes:  et  ont  donne  au  sang  des  Roys 
et  semence  des  Princes,  ce  qui  premierement  consistoit  en  leur 
puissance"  (I.  S.  2  v°). 

Belle-Forests  Ziel  ist  die  Widerlegung  Hotmans.  Ohne  immer 
unmittelbar  auf  die  Theorie  der  Franco-Gallia  Bezug  zu  nehmen,87) 
sucht  er  überall  zu  einem  ihr  widersprechenden  Ergebnis  zu  ge- 
langen. Zwar  kommt  auch  er  nicht  um  die  Tatsache  herum,  daß 
die  Stände  nachweisbaren  Anteil  an  der  Regierung  Frankreichs 
gehabt  haben88),  ja  er  führt  (II.  S.  966  v°)  sogar  einen  Fall  an, 
wo  die  Stände  dem  König  ihre  Unterstützung  versagt  haben, 
aber  er  bemüht  sich  sichtlich,  ihren  Anteil  auf  ein  möglichst 
geringes  Maß  zu  beschränken  und  ihre  Mitwirkung  in  Dingen  der 
Regierung  für  ein  freies  Zugeständnis  des  Königtums  zu  erklären.89) 

87)  Wie  I.  S.  22  v°. 

88)  „Sur  quoy  est  ä  noter  que  ces  Royaumes  lors  estans  comme  separez 
du  corps  Francois,  il  failloit  aussi  qu'en  V establissement  du  Roy,  y  ayant 
controuerse  pour  le  fait  de  la  succession,  que  les  estats  y  entreuinssent, 
et  que  par  iceux  fut  donne  iugement  ä  qui  la  couronne  appartenoit,  Varrest 
desquels  seruit  de  preiuge  pour  Vaduenir  contre  les  illegitimes,  pour  leur 
inhabilite  de  regner,  et  pour  les  proches  du  sang,  lesquels  sans  autre  forme 
d'approbation  seroyent  inuestis  de  la  couronne".  I.  S.  83  v°. 

89)  ,,Surquoy  fault  encor'  noter  que  V Euocation  des  ces  estats  fut 
faite  par  le  Roy  mesme,  afin  qu'on  ne  pense  que  autres  que  les  Roys  aye 
puissance  de  la  faire,  et  qu'on  ne  tombe  en  ceste  faulte,  que  le  corps  public 

Ztschr.  f.  frz    Spr.  u.  Litt.  XLV'/'.  3 


34  Kurt  Glaser. 

Durch  seine  ganze  Darstellung  der  französischen  Geschichte  zieht 
sich  der  Gedanke  hindurch,  daß  die  Macht  der  Stände  nur  ver- 
schwindend klein  erscheint  gegenüber  dem,  was  das  Königtum 
bedeutet.  Ilim  steht  die  höchste  Gewalt  über  alle  Untertanen  zu,90) 
es  übt  den  Schutz  über  die  Kirche91),  es  unterliegt  keiner  päpst- 
lichen Bestätigung,92)  ebensowenig  wie  auch  sonst  dem  Papst 
irgend  ein  Recht  in  politischen  Dingen  zusteht.93)  Alles  Recht 
der  Stände  fließt  aus  dem  Recht  des  Königs,  wie  das  des  Königs 
wieder  von  Gott  herkommt.  Der  König  allein  beruft  die  Stände94) ; 
ihr  selbständiges  Eingreifen  ist  stets  nur  durch  Notlagen  ver- 
ursacht gewesen  und  hat  nie  Segen  gebracht.95)  An  großen  wie 
kleinen  Ereignissen  der  französischen  Geschichte  wird  diese  Auf- 
fassung im  Einzelnen  veranschaulicht.  Weitauseinanderliegende, 
aber  inhaltlich  eng  zusammengehörige  Betrachtungen  fügen  sich 
so  zu  einer  Theorie  zusammen,  die,  auf  eine  reiche  Fülle  weit- 
schichtigen Materials  gestützt,  eine  schroffe  Ablehnung  der  Hot- 
manschen Ideen  bedeutet. 

Zu  denen,  die  von  Bodin  gelernt  haben,  und  an  das  Recht 
des  Königs  glauben,  gehört  auch  der  Katholik  Guy  Coquille, 
Sieur  de  Romenay.  Wiederholt  tritt  er  in  seinen  Schriften  für 
das  angestammte  Recht  der  französischen  Könige  ein.  „L'ex- 
perience",  so  schreibt  er  gleich  im  Eingang  seiner  „Memoires 
pour  la  reformation  de  VEstat  ecclesiastique" ,96)  „et  la  doctrine 
les  scavaus  nous  fönt  connoitre  que  le  goiwernement  des  peuples  le 
plus  assure,  auquel  il  y  a  moins  d' inconvenient,  est  la  Monarchie." 
An  die  Spitze  seines  „Discours  des  Estats  de  France,  et  du  droit 


aye  plus  de  puissance  que  la  teste:  il  est  bien  vray,  que  selon  et  suyuant 
la  pratique  de  ce  Royaume,  depuis  que  les  Roys  ont  accorde,  ou  conuoque 
les  estats,  qu'ils  ont  nomine  les  iuges  et  deputez  en  iceux,  ils  se  lient,  et 
assuietissent  ä  ce  que  ces  iuges  determineront,  non  comme  membres,  ains 
comme  ayans  Vauthorite,  et  du  chef,  et  du  corps  du  Royaume  tous  unis 
ensemble:  veu  que,  comme  nous  auons  dit  des  le  commencement  de  ceste 
histoire,  autre  cas  est  le  Roy,  et  autre  la  royaute,  laquelle  est  plus  grande 
que  le  Roy,  comme  celle  qui  luy  donne  Vauthorite,  et  le  rend  admirable 
ä  ceux  qui  sont  les  membres  d'icelle,  Vame  de  laquelle,  s'espand  en  eux, 
et  forme  ce  corps  parfait  de  la  republique,  pour  la  conseruation  duquel 
touts  les  membres  se  hazardent  ä  tout  peril,  n'y  espargnant  leur  salut 
propre:  et  c'est  ainsi  que  nous  disons  que  les  estats  ont  puissance  sur  le 
Roy,  d'autant  que  le  Roy  est  chef  des  estats,  et  oblige  par  son  office  ä 
poursuiure  le  bien  public,  duquel  s'esloignant,  il  fait  diuision  du  corps 
d'auec  le  chef,  et  altere  Vunion  qui  est  entre  les  Roys,  et  la  Royaute,  et 
entre  le  souuerain,  et  la  republique'' .  I.  S.  85.  86. 


S.  879  v°,  S.  1618  v°,  S.  1620  v°, 


80\ 

!l 

.  S 

.  1222 

v°. 

»') 

II 

S 

1290  ' 

v°. 

92  v 

1. 

s. 

295  v° 

S. 

373  v°. 

», 

I. 

s. 

577  v° 

94) 

I. 

s. 

231  v°. 

Vgl 

.  ferner  II 

1293 

V 

°,  S.  1294 

v°. 

95)  II.  S.  879  r°. 

96)  Oeuvres  I.  (Bordeaux  1703).  S.  1. 


Beiträge  zur  Geschichte  der  politischen  Literatur  usw.      35 

que  le  Duche  de  Nivernois  a  en  iceux"91),  in  welchem  er  diesen 
Gedanken  weiter  ausspinnt,  stellt  er  den  Satz:  „Le  gouvernement 
de  ce  Royaume  est  vraye  Monarchie,  qui  ne  partieipe  de  Democratie 
ny  d' Aristo  er  atie,  comme  aueuns  ont  voulu  dire  ä  cause  des  Estats 
et  des  Parlemens.  Laquelle  opinion  est  eloignee  de  la  verüb;  car 
si  les  Estats  faisoient  la  Democratie,  il  y  auroit  terns  et  lieux  certains 
pour  les  assembler,  ce  qui  n'est  pas:  mais  ils  sont  convoquez  sous 
l'authorite  et  mandement  du  Roy,  quand  aueunes  affaires  se  presentent 
grandement  importantes  ä  la  Couronne  et  Estat  d'icelle."  Natürlich 
weiß  auch  er  wohl,  daß  ein  Herrscher  menschlichen  Schwächen 
und  Fehlern  unterliegt  und  sich  täuschen  kann  und  deshalb  bei 
seinem  Volk  Rat  holen  muß,  ja  als  eins  der  „meilleurs  remedes" 
erscheint  ihm  die  Berufung  der  Stände.  Aber  Stände  und  Parla- 
mente sind  nur  die  Organe  des  Herrschers  und  haben  sich  seinem 
Willen  zu  fügen.  Von  diesem  Standpunkt  aus  erörtert  er  so- 
dann die  ständischen  Rechte.  Als  wichtigste  Befugnisse  stehen 
ihnen  die  Entscheidung  in  Thronstreitigkeiten  zu,  wie  zur  Zeit 
Hugo  Capets  und  Philipps  VI.,  die  Pflege  der  lokalen  Justiz,  wie 
sie  die  Goutumes  enthalten,  und  die  Bewilligung  der  Steuern, 
die  letztere  freilich  ein  Recht,  das  ihnen  seit  Ludwig  XL  stark 
verkürzt  worden  ist.98) 

Zu  den  Theoretikern  der  Bodinschen  Richtung  zählt  auch 
Francois  De  La  Noue.99)  Seine  „Discours  politiques  et  militaires", 
die  er  in  den  Jahren  1580  bis  1585  in  der  Gefangenschaft  des 
Herzogs  von  Parma  schrieb,  können  die  protestantische  Ge- 
sinnung ihres  Verfassers  nur  schwer  verleugnen.  Auf  dem  Boden 
der  Religion  baut  La  Noue  seine  Theorien  von  der  Ordnung  des 
Staates  und  den  Rechten  des  Herrschers  auf.  Sein  Standpunkt 
ist  ganz  der  Calvins,  wie  ihn  sich  auch  Bodin  für  seine  Zwecke 
zurechtgelegt  hat.  Gott  ist  der  Ursprung  aller  weltlichen  Staats- 
ordnungen. Unter  seinem  Schutz  gedeiht  die  weltliche  Macht; 
die  Auflehnung  gegen  Gott  führt  zum  Untergang  des  Staates. 
Von  Bodin  übernimmt  La  Noue  die  Betonung  der  „justict"  als 
der  Grundlage  und  Quelle  aller  staatlichen  Ordnungen  und  stellt  ihr 
als  die  drei  den  Staat  zerstörenden  Gewalten  die  „injustice,  impieteu 
und  „dissolut  on"  gegenüber.  Die  Erfüllung  der  von  Gott  über- 
tragenen Pflichten  ist  die  höchste  Aufgabe  der  Herrscher.  Sie 
sind  dafür  auch  „comme  des  images  veritables  de  Dieu".  Die 
Untertanen  haben  dem  Herrscher  unbedingten  Gehorsam  zu 
leisten.      Die  christliche   Religion  macht  ihnen  solche  Pflichten 


97)  Oeuvres  I.  S.  276  ff. 

9  )  Vgl.  auch:  „Des  Pairs  de  France,  leur  origine,  fonetion,  rang 
et  dignite",  Oeuvres  I.  S.  450  ff.  und  „Dialogue  sur  les  causes  des  miseres 
de  la  France  entre  un  Catholique  ancien,  un  Catholique  zele  et  un  Palatin, 
fait  en  Vannee  1590",  Oeuvres  I.  S.  214  ff. 

")  Zum  Folgenden  vgl.  Hauser,  Frangois  De  La  Noue.  Paris, 
these,  1892. 

3* 


36  Kurt  Glaser. 

doppelt  ernst  und  heilig.  Selbst  wenn  die  Herrschaft  zur  Tyrannei 
ausartet  und  der  Herrscher  sein  Volk  etwa  „en  surcharges  sur 
les  biens"  oder  ,,erc  accroissements  de  labeurs  imposes  sur  les  per- 
sonnes"  bedrückt,  bleibt  die  Gehorsamspflicht  uneingeschränkt 
bestehen.  Nur  für  den  Fall,  daß  der  Herrscher  selbst  gegen  Gottes 
Gebot  verstößt  und  ähnliches  auch  von  seinem  Volk  fordert, 
dürfen  sich  die  Beamten  —  aber  auch  nur  diese  —  gegen  ihn  auf- 
lehnen. Zu  Hotmans  Anschauung  von  den  altüberlieferten 
Rechten  der  Stände  kann  sich  La  Noue,  auch  hier  Bodins  Stand- 
punkt teilend,  nicht  bekennen.  Das  einzig  Gute,  das  er  den 
Ständen  nachzusagen  weiß,  ist,  daß  sie  in  der  besonderen  Notlage, 
in  die  Frankreich  durch  die  Bürgerkriege  geraten  ist,  das  letzte 
Mittel  der  Rettung  darstellen.  Aber  auch  für  diesen  Fall  will  er 
ihnen  nur  eine  beratende  Mitwirkung  zugestehen.  Ihre  Mitarbeit 
darf  unter  keinen  Umständen  zu  einer  Einschränkung  der  Herr- 
scherrechte führen. 

Der  Gehorsam  gegen  den  König  erscheint  La  Noue  noch  aus 
anderen  Erwägungen  heraus  gerechtfertigt.  Im  Gegensatz  zu 
Bodin,  der,  ohne  die  Beziehung  zu  den  besonderen  Verhältnissen 
seiner  Zeit  zu  lösen,  eine  reine,  allgemein  gültige  Theorie  der 
königlichen  Rechte  zu  geben  bestrebt  war,  ist  La  Noue  bemüht, 
seine  Theorien  nach  den  Erfahrungen  einzurichten,  die  er  in  seinem 
vielbewegten  Leben  gesammelt  hat.  Ein  Blick  auf  die  Vorgänge 
seiner  Zeit  lehrt  ihn,  daß  die  erste  Ursache  der  Kriege  im  Lande 
die  geringe  Achtung  vor  dem  Königtum  ist.  Freilich  über  die 
Frage,  woher  das  kommt,  zerbricht  er  sich  nicht  weiter  den  Koüf. 
Er  zögert  sogar  nicht,  selbst  Heinrich  III.  sein  Lob  zu  zollen 
und  ihn  in  gewagter  Vergleichung  neben  Titus  zu  stellen. 

Hohes  erwartet  La  Noue  auch  von  dem  gesunden  Sinn  und 
von  der  aufrichtigen  Friedensliebe  des  französischen  Volkes.  Die 
Adligen  müssen  hier  mit  ihrem  Beispiel  vorangehen.  Ohne  ihre 
Mithilfe  läßt  sich  der  Neubau  des  Staates,  der  dringend  not- 
wendig geworden  ist,  nicht  durchführen.  Vor  allem  muß  ihr  Trotz 
gebrochen  werden.  Sie  müssen  es  endlich  verlernen,  nur  ihren 
eigenen  Plänen  zu  leben  und  durch  die  Unsitte  des  Duells  ihr 
kostbares  Blut,  das  ja  auch  das  des  ganzen  französischen  Volkes 
ist,  zu  verspritzen;  sie  müssen  sich  an  ein  einfaches  und  sparsames 
Leben  gewöhnen  und  dürfen  nicht  sich  oder  gar  den  Hof  in  un- 
sinnigen Prachtbauten  überbieten  wollen;  sie  sollen  sich  statt 
dessen  der  Studien  befleißigen  und  für  eine  gute  Erziehung  ihrer 
Kinder  sorgen.  Der  König  hat  die  Pflicht,  hier  einzugreifen. 
La  Noue  gefällt  sich  darin  —  seine  „Discours11  sind  Heinrich  IV. 
gewidmet  —  eine  ganze  Fülle  von  Vorschlägen  zur  Beherzigung 
auszukramen  und  sich  die  erträumte  nationale  Erziehungsarbeit 
durch  den  Hof  in  breiten  Erörterungen  bis  ins  Kleinste  hinein 
auszumalen.  Ohne  einen  gebildeten,  geistig  und  sittlich  hoch- 
stehenden Adel  kann  seiner  Ansicht  nach  kein  Staat  gedeihen. 


Beiträge  zur  Geschichte  der  politischen  Literatur  usw.       37 

Auch  in  der  äußeren  Politik  ist  noch  vielerlei  zu  bessern. 
Ihre  ganze  Richtung  muß  auf  den  Ton  eines  friedlichen  Zusammen- 
lebens der  einzelnen  Mächte  gestimmt  werden.  In  nebelhafter 
Ferne  schwebt  ihm  wie  D'Aubigne100)  als  letztes  Ziel  einer  groß- 
zügigen, von  wahrhaft  christlichem  Geist  getragenen  Politik  der 
Gedanke  eines  Kreuzzugs  des  geeinigten  Europa  gegen  die 
Türken  vor.  (Schluß  folgt.) 

Marburg  i.  H.  Kurt  Glaser. 


10°)  Oeuvres  completes  de  Theodore  Agrippa  Z)' Aubigne  (ed.  Reaume- 
Caussade):  ,,Sa  vie  ä  ses  enfants"  I.  S.  82.  Vgl.  auch  Reaume,  Notice 
biographique  et  litteraire  sur  Theodore  Agrippa  D''  Aubigne  (1883).    S.  37. 


Der  Tristanroman 
des  Thomas  und  die  Disciplina  clericalis. 


Auf  die  Bedeutung  des  Thomas  als  gelehrten  Dichters,  der 
ein  Kleriker1)  im  mittelalterlichen  Sinne  des  Wortes  gewesen  sein 
mag,  ist  bereits  mehrfach  hingewiesen  worden.  So  behauptet 
W.  G  o  1 1  h  e  r2) :  „Thomas  war  literarisch  fein  gebildet,  er  kannte 
Wace  und  die  antiken  oder  byzantinischen  Romane  und  be- 
arbeitete den  Tristanroman  mit  großer  Freiheit."  Nicht  nur 
seine  romantischen  Zutaten  sind  des  echt  höfischen  Darstellers 
würdig,  die  psychologische  Analyse  der  Gefühle  und  Stimmungen, 
die  die  Hauptpersonen  beseelen,  auch  sein  Hang  zur  Sentenz  und 
moralischen  Belehrung,  so  daß  er  über  Frauenseele  (ire  de  femme 
est  a  duter  2595),  Freundestreue,  Neid,  Haß,  und  Verleumdung 
gegenüber  wahrer  Anhänglichkeit  und  Verschwiegenheit  die 
richtigen  Töne  findet.  So  ist  er  am  besten  dem  verfeinerten 
Geschmack  seiner  Zeit  entgegengekommen,  daraus  erklärt  sich 
die  weite  Beliebtheit  seiner  eleganten  Tristanfassung,  die  zur 
Nachahmung  in  anderen  Ländern  Europas  reizen  mußte.  Jeden- 
falls ist  er  stark  lyrisch  und  didaktisch  veranlagt  und  bleibt 
sich  dieser  Neigung  bis  zu  den  Schlußworten  der  Dichtung  getreu. 
Daß  man  bisher,  soweit  es  die  lückenhafte  Überlieferung  dieses 
Epos  erlaubt,  seine  Eigenart  bei  der  Gesamtbeurteilung  noch 
nicht  genügend  bis  in  alle  Einzelheiten  hinein  beleuchtet  hat, 
mögen  die  nachstehenden  Bemerkungen,  die  in  mir  bei  einer  er- 
neuten flüchtigen  Prüfung  aufstiegen,  zeigen. 

An  mindestens  vier  Stellen  läßt  sich  bei  Thomas  der  Einfluß 
der  Disciplina  clericalis3) ,  des  ältesten  mittelalterlichen  Novellen- 
buches des  Petrus  Alfonsi,  feststellen: 


1)  Novati,  Studj  di  filologia  romanza  II  403.  Vgl.  Bedier,  Le  roman 
de  Tristan  par  Thomas.     Paris  1905,  t.  II,  S.  42  ff. 

2)  Tristan  und  Isolde  in  den  Dichtungen  des  Mittelalters  und 
der  neuen  Zeit  .  Leipzig  1907,  S.  141. 

3)  PetriAlfonsi  Disciplina  clericalis  hgb.  A.Hilka  und  W .  Söderhjelm. 
Helsingfors  1911  (Acta  societatis  scientiarum  Fennicae  t.  XXXVIII,  4 
(=  DC1).  Kleine  Ausgabe  (=  dcl.).  (Sammlung  mittellat.  Texte,. 
Heft   1.)     Heidelberg  1911. 


Der   Tristanroman  des   Thomas  usw.  39 

I.  Thomas  V.  805—832  {Bidier  I  293)  =  Saga  (in  E.  Kölbings 
Übersetzung)  S.  182  (die  Stelle  fehlt  im  Sir  Tristrem=-  E).  Von  den 
Verwundungen  und  den  Heldentaten  Tristans  bekommt  Isolde 
keine  Kunde,  da  sich  seine  Neider  dazwischen  stellen.  In  der 
Umgebung  des  Königs  Marc  hat  er  falsche  Freunde,  die  nur  da» 
Schlechte  der  Königin  überbringen,  das  Gute  aber  ihr  verschweigen. 
Dadurch  bewerkstelligt  der  Dichter  den  Übergang  zur  Cariado- 
Episode,  die  nach  Bedier  II  268  seine  Erfindung  zu  sein  scheint. 

Thomas  Saga 

807  Car  co  est  costume  d' envie  Und  das  ist  die  Gewohn- 

Del  mal  molt  dire  e  del  bien  mie;  heit  derer,  welche  andere 

Car  envie  les  bons  faiz  ceille,  beneiden,  daß  sie  über 

Les  males  ovres  esparpeille.  das  Gute  schweigen  und 

Li    s  ag  e  s  hum  pur  ico  d  it  ihren  Ruhm  und  die  Vor- 

S  u  n  filz  e  n  an  cien  e  s  er  it  züglichkeit    derer    ver- 

„Milz  valt  estre  senz  compainie  bergen,    welche    bedeu- 

Quaveir  compainie  a  envie,  tender  sind  als  sie  [und 

E  senz  compainun  nuit  et  jor  daß  sie  die  Unschuldi- 

Que  aveir  tel  u  n'ait  amor.  gen  anklagen  und  ihre 

L  e  bien  celer  at  q  ue  il  s  et,  eigenen     Fehler     durch 

L  e  mal  dir  at  quant  il  le  Schmähungen  gegen  an- 

het"A)  dere   verhüllen].      Des- 

Se  bien  fait,  ja  n'en  parlerat,  halb  gab  ein  weiser  Mann 

Le  mal  a  nul  ne  celerat,  seinem  Sohne  die  Lehre: 

Pur  <*o  valt  milz  senz  compainun  „Besser    ist    es    allein, 

Que  tel  dunt  ne  vient  si  mal  nun  ohne  Genossen  zu  hau- 
sen, als  mit  solchen,  die 
auf  einen  neidisch  sind  I" 

Bedier  (zu  V.  813  ff.)  hat  jene  Quelle  vergeblich  in  den 
salomonischen  Sprichwörtern  und  in  Catos  Distichenbuch  gesucht. 
Dafür  zitiert  er  die  späten  Enseignements  des  Robert  de  Ho  (hgb. 
M.  V.  Young,  1901,  V.  109): 

Fiz,  mout  vient  meuz  tot  sol  errer 

Que  malveis  compaignun  mener, 

Kar  en  tel  leu  poet  hom  venir 

Que  par  ennor  s'en  (l.  n'en)  poet  partir 

E  s'il  a  malveis  compaignun, 

Honte  en  reeeit  tot  a  bandun. 

Aber  offenbar  handelt  es  sich  bei  Robert  nur  um  Warnung  vor 
schlechter  Gesellschaft  (vgl.  DC1.  VII  exemplum,  wo  an  einem 
Beispiele  die  Wahrheit  des  Spruches  erhärtet  wird:  Quisquis 
iniquae  gentis  consortio  fruitur,   proeul  dubio  mortis  immeritae 

4)  Offenbar  hört  das  Zitat  erst  mit  V.  818  auf  (Bedier  läßt  es  mit 
V.  816  schließen). 


40  Alfons  Hilka. 

poenas  lucratur),  nicht  aber,  wie  hier,  vor  falschen  und  verleum 
derischen  Freunden  und  Neidern. 

Thomas  hat  den  Spruch  der  DC1.  6,24  aufgegriffen:  Ne  te 
associaveris  inim  eis  Ulis,  cum  alios  possis  reperire  socios.  Quae 
enim  male  egeris,  notabunt;  quae  vero  bona  fuerint,  devitabunt 
(v.  1.  deviabunt,  denigrabunt,  depravabunt).  Freilich  hat  er  den 
ersten  Teil  dahin  abgeändert  fsenz  compainum),  daß  es  besser 
sei,  gar  keinen  Verkehr  als  nur  Neider  zu  haben. 

II.  und  III.  Thomas  869—932  =  Saga  (Kölbings  Übersetzung) 
S.  182   =  Sir   Tristrem  Str.  CCLXXVI— CCLXXIX. 

Der  falsche  Gariado  (S:  Mariadokk,  E:  Canados),  der  sich 
anschickt,  Isolde  die  üble  B;  »tschaft  von  der  Verheiratung  Tristans 
in  der  Bretagne  zu  überbringen,  findet  die  Nichtsahnende  beim 
Singen  des  lai  de  Guirun  vor,  wozu  sie  sich  zur  Harfe  begleitet. 
Bei  Thomas  ist  nun  der  Anschluß  an  den  Gesang  ganz  natürlich 
und  ebenso  die  Anspielung  an  das  volkskundliche  Motiv:  Eulen- 
gesang =  Todesvorbote,  üble  Vorbedeutung  überhaupt,  auf  das  ich 
hier  nicht  näher  eingehen  will.5)  Aber  des  Thomas'  Verwendung 
dieses  Motivs  ist  durchaus  nicht  durchsichtig  genug,  da  er  noch 
andere  Vorstellungen  und  noch  einen  anderen  Sinn  hereinträgt, 
vor  allem  auch  das  Thema  von  der  zur  unrechten  Zeit  überbrachten 
Kunde,  so  daß  eine  Kontamination  zweier  ganz  verschiedener 
Themen  zu  konstatieren  ist.  Die  schwierige  Stelle  gewinnt  daher 
nicht  an  Klarheit,  bisher  ist  sie  auch  nicht  befriedigend  gedeutet 
worden.  Der  nordische  Übersetzer  bereits  hat  den  dunklen  Text 
des  Thomas  nicht  verstanden,  betont  daher  nicht  Isoldens  Gesa  ng 
(iu  Anfang  des  72.  Kapitels  heißt  es  nur:  Eines  Tages  saß  die 
Königin  in  ihrem  Zimmer  und  dichtete  einen  Leich  über 
unglückliche  Liebe;  indem  trat  Mariadokk  zu  ihr)  und  seine  weitere 
Dialigpartie  zeigt,  daß  er  mit  seiner  Quelle  nicht  viel  anzufangen 
weiß,  daher  kombiniert  er  schließlich  die  Eule  mit  dem  Wolfe, 
was  wohl  Thomas  V.  906  si  sui  huan,  e  vos  fresaie  entsprechen 
soll. 

Thomas  Saga 

V.  869    Ysolt  trove  chantant  un  lai,  Als  er  so  einstmals  kam, 

870  Dil  en  riant:  „Dame,  bien  sai     sprach  er  zur  Königin: 

Que  l'en  ot  fresaie  chanter  ,,Frau,  wenn  die  Leute 

Contre  de  mort  home  parier?)        ^ine  Eule  singen  hören, 

5)  B  dier  (zu  V.  871—2)  weist  auf  Plmius,  Hist.  nat.  X  12,  auf 
den  Bestiaire  des  Guillaume  le  Clerc  nebst  Pyramus  et  Thisbe  (V.  638 
Vit  le  huant,  vit  lafr.saie)  hin.  Vgl.  Servius  zu  Vergils  en  ,  IV  462. 
Eine  Dichtuug  De  bubone  quod  sit  nuncius  mortis  bei  J .  Werner,  Bei- 
trag zur  Kund'5  d<js  Mittelalters.2  Aarau  905,  S.  91.  A.  Wutke, 
Der  deutsche  Volksaberglaube3.  Berlin  1900,  S.  202  (die  Todes- 
bedeutung des  Eulenrufes  ist  uralt,  bereits  vedisch). 

6)  VV.  870 — 871  geben  keinen  Sinn.  Ich  nehme  folgende  Besserung 
a-i :  Quant  l'en  ot  fresai  ■  chanter, 

Covient  de  mort  home  penser   =»  S. 


Der   Tristanroman  des   Thomas  usw.  41 

Car  sun  chant  signifie  mort;  da  ziemt  es  ihnen,  an 
E  vostre  chant,  cum  jo  record,     ihren  Tod  zu  denken,  da 

Eulengesang  Tod  bedeu- 
tet, und  da  mir  nun 
scheint,  daß  dies  ein 
Klage-  und  Kummerlied 
ist,  da  müssen  wohl 
welche  jetzt  ihr  Leben 
gelassen  haben." 
875  Mort  de  f  r  e  s  aie  signifie 
A  l c o n    ad    o  r    p er d u    la 

v  i  e. 
—  Vos  dites  veir" ,  Ysolt  lui  dit;  ,,  Ja",  sprach  Isond, ,, du 
„Bien  voil  que  sa  mort  signifit     hast  recht,  ich  wünschte 
Assez  est  huan  u  fresaie  sicherlich,  daß  dieser  Ge- 

880  Ki  chante  dunt  altre  s'esmaie.       sang  Tod  bedeute.    Das 
Bien  devez  vostre  mort  doter,  ist  gewiß  eine  böse  Eule, 

Quant  vos  dotez  le  mien  chanter,  die  ein  anderes  mit  sei- 
Car  vos  e  s  t  e  s  fresaie  asez  nem  Kummer  quält ; 
Pur  la  novele  qu'  aportez.  aber  dir  kommt  es  wohl 

88o  Unques  ne  er  ei  aportisiez  zu,  deinen  Tod  zu  fürch- 

Novele  dunt  l'en  fust  ja  liez  ten,  da  du  dich  vor  mei- 

Ne  unques  cha  enz  ne  venistes  nem  Singen  fürchtest. 
Males  novelesne  desistes . . .  Die  Eule  fliegt  stets  vor 

schlechtem   Wetter,   du 

aber  kommst  stets  mit 

üblen    Nachrichten;    da 

bist    in    Wahrheit    eine 

umherfliegende  Eule,  die 

immer    böse    Botschaft 

bringen  und  Spott  und 

Hohn  äußern  will. 

893  De  vostre  ostel  ja  nen  istrez  Ich  weiß  genau,  daß  du 

Si  novele  die  n'avez  nicht    hierher    kommen 

895  Que  vos  poissiez  avant  conter  . . .       würdest,    wenn    du   mir 

eine    erfreuliche    Nach- 

keit  mitteilen  wolltest!" 

903  Cariado  dune  li  respont:  Mariadokk  sprach:  ,,Du 

„Coruz  avez,  mais  ne  sai  dont.        bist  jetzt  erzürnt,   Kö- 

905  Fols  est  ki  pur  vozdiz  s'esmaie.         nigin!      Aber   ich   weiß 

Sisui  huan,  e  vos  fresaie!  nicht,  ein  wie  großer  Tor 

Que  que  seit  de  la  meie  mort,         der  sein  muß,  der  deine 

Males  noveles  vos  aport  Worte    fürchtet.        Ich 

Endreit  de  Tristan  vostre  dru:      mag  eine  Eule  sein,  aber 

Vos  l'avez,  dorne   Ysolt,  perdu;      du  ihre  Magd!    Wie  es 

En  altre  terre  ad  pris  moillier !     aber    auch   um   meinen 

Tod     stehen     mag,     so 


42 


Alfons  Hilka. 


Ysoli  respont  par  grant  engaigne : 
„  Tait  diz  avez  estS  h  u  an 
Pur  dire  mal  de  dan   Tristran! 
Ja  Deus  ne  doinst  que  jo  bien  aie, 
S' endreit  de  vos  ne  sui  fresaie! 
Vos  m'avez  dit  male  novele, 
Ui  ne  vos  la  dirai  jo  bele: 
En  veir  vos  di,  pur  nient  m'avez; 
Ja  mais  de  mei  bien  n'esterez. 


bringe  ich  dir  die  trau- 
rige Botschaft:  du  hast 
jetzt  Tristram,  deinen 
Geliebten,  verloren,  er 
hat  sich  in  einem  an- 
deren Lande  eine  Frau 
genommen  .  .  ." 
916    Ysoli  respont  par  grant  engaigne:     Da    sagte    Isond:    „Mit 

Spott  und  Hohn  bist  du 
stets  Wolf  und  Eule  ge- 
wesen und  hast  von 
Tristram  Übles  geredet. 
Gott  lasse  mich  nie  et- 
wasGutesgenießen,wenn 
ich  mich  deinem  Willen 
und  deiner  Torheit  füge  I 
Und  obschon  du  mir 
Böses  über  Tristrem 
sagst,  so  werde  ich  doch 
nimmer  dich  lieben  noch 
dein  Freund  werden . . ." 
Im  Sir  Tristrem  (Kölbings  Übersetzung  S.  276)  ist  alles 
verwischt:  Tristrem  hatte  ein  Lied  gedichtet,  das  sang  Ysonde, 
die  Kluge,  und  harfte  immer  zugleich.  Herr  Canados  war  dabei, 
er  sprach:  „Dame,  du  hast  unrecht  in  Wahrheit,  wer  es  gesehen 
hat !  ie  eine  Eule  und  gewaltige  Stürme,  so  schreist  du  laut  öffent- 
lich (  ?).  Du  liebst  Tristrem  heftig,  Unrechtes  hat  man  dich  ge- 
lehrt! Tristrem,  um  deinetwillen,  in  Wahrheit  hat  er  sich  be- 
weibt .  .  ."  „Herr  Canados,  hüte  dich,  immer  bist  du  mein  Feind; 
du  verstehst  nur  in  schändlicher  Weise  zu  verfolgen  (?),  wo  man 
Ehre  erweisen  sollte  .  .  .  Unwahres  verstehst  du  vorzubringen, 
sodaß  dir  immer  Leid  widerfahren  möge  dafür !  .  .  .  Ich  gebe  dir 
eine  Versicherung:  dein  Glück  sollst  du  verlieren.  Was  du  von 
mir  erbeten  hast,  soll  dir  niemals  zuteil  werden!  .  .  .  ."  Dazu 
meint  R.  Heinzel  (Tristan  und  seine  Quelle  =  Ztschr.  f.  d.  Alter- 
tum XIV  (1869),  S.  405):  „Sir  Tristrem  läßt  Canados  eine  ganz 
unmotivierte  Unart  sagen:  der  Dichter  hat  den  freilich  frostigen 
Witz  bei  Thomas  nicht  verstanden.  Dieser  meint:  Wenn  eine 
Eule  singt,  so  stirbt  ein  Mensch;  singt  nun  ein  Mensch,  so  muß 
wohl  eine  Eule  sterben.  Das  Kompliment  muß  wohl  sein,  daß 
Isolde  keine  Eule  sei."  E.  Kölbing  (Saga,  S.  CXXIII)  hält  dem 
entgegen:  „Daß  von  dem  Sterben  einer  Eule  die  Rede  sein  muß, 
lehrt  aber  Isoldens  Antwort.  Sehr  geistreich  ist  der  Scherz  im 
Urtexte  ohnehin  auch  nicht;  ja  ich  kann  nicht  einmal  die  Pointe 
herausfinden,  welche  Heinzel  hineinlegt."  Bedier  (zu  Vers  870  bis 
884)  gibt  eine  Interpretation,  die  er  selbst  als  unsicher  bezeichnet: 
„Cariado  se  presente  devant  Isolt,  decide  ä  lui  annoncer  la  trahison 


Der   Tristanroman  des   Thomas  usw.  43 

de  Tristan,  nouvelle  qui  sera  pour  eile,  il  le  prevoit,  corame  un 
message  de  mort.  „Je  sais",  lui  dit-il,  „qu'on  entend  chanter  la 
fresaie,  au  moment  ou  Von  va  parier  d'un  mort1),  rar  son  chant 
signifie  mort;  or,  [qui  plus  est],  votre  chant,  ä  bien  considerer 
les  chosesg,  signifie  la  mort  de  la  fresaie  [elle-meme]:  quelqu'un 
que  je  sais  [la  fresaie  que  vous  etes]  a  perdu  la  vie."  C'est  ä-dire: 
,,non  seulement  votre  chant  accompagne,  comme  celui  de  la 
fresaie,  la  nouvelle  de  mort  que  je  vais  vous  dire,  mais  c'est 
sa  propre  mort  qu'  d  son  insu  chante  la  fresaie."  II  le  dit  en  termes 
assez  vagues  pour  qu'  Isolt  puisse  lui  repondre:  ,,  —  Soit,  je 
veux  bien  que  mon  chant  signifie  la  mort  de  la  fresaie;  mais  la 
fresaie,  c'est  vous,  dont  le  chant  afflige  qui  l'entend;  c'est  votre 
mort  que  mon  chant  doit  vous  faire  redouter."  Dem  muß  man 
folgendes  entgegenhalten:  Es  ist  klar,  daß  Cariado  an  einen 
Volksaberglauben  anspielt:  Wenn  die  Eule  singt,  so  muß  ein 
Mensch  sterben.  Sarkastisch  und  tückisch  zugleich,  da  er  die 
Wirkung  der  üblen  Nachricht  ahnt,  vergleicht  er  Isoldens  trau- 
rigen Gesang  (von  der  Herzmäre)  mit  dem  Eulengesang.  Er 
zitiert  einfach  boshaft  die  Volksweisheit:  da  muß  jetzt  jemand 
gestorben  sein.  Von  dem  unbewußten  Todesgesange  der  Eule 
selbst  (=  Isolde)  kann  doch  hier  nicht  die  Rede  sein.8) 

Thomas  hat  sicher  die  folgende  Stelle  der  DC1.  13,  18  (=  dcl. 
13,  32  ff.)  nachgeahmt:  Ein  Schüler  und  ein  Lehrer  hören  auf  ihrem 
Spaziergange  vor  der  Stadt  die  greuliche  Stimme  eines  Menschen, 
der  sichtlich  trotzdem  darauf  sehr  stolz  ist  (in  tribus  delectatur 
homo,  etsi  bona  non  sint:  in  sua  voce,  in  suo  carmine  et  in  suo 
filio).  Der  Lehrer  meint  spöttisch:  Si  verum  est  quod  homines 
dicunt  vocem  bubonis  hominis  mortem  portendere,  tunc  ista  sine 
dubio  vox  bubonis  mortem9)  annuntiat.  Der  Gesang  sei  so  schauer- 
lich, daß  diesmal  eine  Eule  an  ihren  eigenen  Tod  glauben  müsse. 

Dadurch  rückt  die  Thomasstelle  in  ihre  richtige  Beleuchtung. 

a)  Cariado  meint  spöttisch:  ,, Eulengesang  im  allgemeinen 
bedeutet  den  Tod  eines  Menschen,  dein  Kummerlied  den  Tod 
der  Eule  selbst.  Es  muß  also  jetzt  jemand  gestorben  sein." 
b)  Isolde  nimmt  (Spott  gegen  Spott)  diesen  Gedanken  auf,  richtet 
aber  die  Spitze  gegen  den  Spötter  selbst:  „Diese  Eule,  deren 
Tod  mein  vermeintlicher  Eulengesang  ankündigt,  bist  du,  Cariado, 

7)  Diese  gekünstelte  Deutung  fällt  weg,  wenn  man  den  Text  der 
W.  870 — 871  nach  S  bessert  (Vgl.  oben  meine  Anm.).  Cariado  bringt 
ja  keine  Todesnachricht! 

8)  Auch  dies  ist  unrichtig,  da  die  Worte  cum  fo  record,  wie  wir 
weiter  sehen  werden,  sicher  die  Erinnerung  (recorder)  an  den  volks- 
tümlichen Aberglauben  andeuten. 

9)  Eine  schlechte  Rezension  der  DC1.  bringt  entstellend:  vox 
bubonis  mortem  hominis  annuntiat  =  frz.  Prosa  (11,7  unserer  Aus- 
gabe, Helsingfors  1912):  sans  iaille  dont  anonche  eheste  vois  de 
chuette  mort  d'omme. 


44  Alfons  Hilka. 

selbst.  Mir  ist  es  ganz  recht,  daß  mein  Lied  ihn  bedeutet.  In  der 
Tat,  wer  so  wie  du  nur  Kammer nachrichten  bringt,  ist  eine  Eule 
oder  ein  Uhu  (V.  879  Assez  est  huan  u  fresaie  Ki  chante  dunt 
altre  s'esmaie).  Fürchtest  du  di<h  vor  meinem  Gesang,  der  dein 
nahes  Ende  dir  voraussagt,  so  hast  du  Veranlassung  dazu  wohl 
wegen  der  neuen  üblen  Botschaft,  die  mich  kränken  soll  (V.  883 
€ar  cos  estes  fresaie  asez  Pur  la  novele  qu'aportez),  du  hättest  dich 
sonst  nicht  aus  dem  Hause  gewagt!"  Thomas  verbindet  also  das 
volkstümliche  Moment  ( vox  ista  bubonis  mortem  hominis  portendit 
mit  der  Übertreibung  (ista  vox  bubonis  mortem  annuntiat), 
wobei  der  U nglücksbote  mit  dem  bubo  gleichgesetzt  wird.  Das 
Folgende  stimmt  zu  dieser  Parallele.  Denn  auf  Isoldens  Vorwurf 
erwidert  Cariado:  ,,Dein  Zorn  rührt  mich  nicht.  Gut,  ich  bin 
der  Uhu,  du  die  Eule  (V.  !06  Si  sui  huan,  e  vos  fresaiel).  Die 
Todesdrohung  steht  dahin.  Jedenfalls  bringe  ich  üble  Kunde: 
verloren  hast  du  deinen  geliebten  Tristan!"  Und  nochmals  wirft 
ihm  Isolde  vor:  „Als  Verleumder  Tristans  bist  du  stets  ein  echter 
Uhu  gewesen,  von  dem  ich  nichts  mehr  wissen  will." 

Dadurch  schwinden,  im  Zusammenhange  mit  jener  Stelle 
der  DCL,  alle  Unklarheiten  unseres  Dialogs  im  Thomas;  aber  auch 
die  Saga  verdient  keineswegs  den  Vorwurf  der  Unklarheit  oder 
Unrichtigkeit.  Wie  kam  aber  Thomas  dazu,  noch  den  „Unglücks- 
raben" mit  dem  alten  Motiv  vom  Ungiücksvogel  zu  kombinieren? 
Zweifelsohne  diente  hierzu  eine  andere  Stelle  der  DC1.  Denn  im 
Zusammenhange  mit  Isoldens  spitzigem  Hinweis  darauf,  daß  der 
Unglücksbote  sonst  nicht  sein  Haus  verlassen  hätte,  finden  wir 
bei  Thomas  die  Anspielung  (S  und  E  wußten  nichts  damit  zu 
machen,  ließen  sie  also  einfach  aus) : 

V.  889  II  est  tuit  ensement  de  vos 
Cum  f  u  j  ad  i  s  d'  u  n  perechus, 
K  i  j  a  n  e  le v ast  de  Vastrier 
F  o  r  s  pur  un  ho  nie  corocier. 
Bedier  bekennt  im  Glossar,  s.  v.  astrier:  cimetiöre'    Nous  ne 
savons  ä  quoi  fönt  allusion  les  vv.  889 — 892. 

Ein  jeder  Leser  der  DG1.  erinnert  sich  hier  sofort  an  die 
Figur  des  gefräßigen  und  faulen  Dieners  Maimundus  (DC1.  38  =  dcl 
42),  der  zum  Türschließen  zu  träge  ist  und  der  die  Unglücksbotschaft 
seinem  Herrn,  der  nach  einem  guten  Geschäft  zu  den  mali  rumores 
gar  nicht  aufgelegt  ist  (cave  ne  dicas  mihi  rumores  malos !)  brocken- 
haft beibringt,  so  daß  der  Unglückliche,  der  alles  plötzlich  verloren 
hat,  Familie  wie  Hab  und  Gut,  schließlich  zusammenbricht.  Nun 
erklärt  sich  auch  das  rätselhafte  Wort  astrier:  es  ist  eine  Weiter- 
bildung zu  astre,  aitre,  atre  Vorhalle,  wo  ja  die  gewöhnliche  Ruhe- 
stätte des  Sklaven  gewesen  sein  mag. 

Auf  die  Kompositionsart  des  Thomas  wirft  die  Kombination 
verschiedener  Motive  aus  dem  lat.  Text  des  Petrus  Alfonsi  ein 


Der   Tristanroman  des   Thomas  usw.  45 

drastisches  Licht:  er  nimmt  sein  Gutes,  wo  er  es  eben  findet  und 
verwertet  es  ganz  frei. 

IV.   Thomas  V.   1149—1452    (fehlt  Saga]  und  Sir  Tristrem).. 

Isoldes  Klage  über  die  Drohung  der  Brengvein,  sie  bei  ihrem 
Gemahl  anzuschwärzen: 

L'e  n  ne  poet  estre  plus  träiz 

Que  par  privez  e  par  nuirriz. 

Quant  li  privez  le  c  o  n  s  e  i  l  s  e  t , 

T  r  alr  le  p  u  et ,  s  e  i  l  le  he  t. 
Vgl.  den  Exkurs  der  DC1.  6,  15  =  dcl.  6,  27  ff.  de  consilio: 
Cave  tibi  de  consilio  illius  a  quo  petis  consilium,  nisi  tibi  sit  fidelis 
comprobatus.  —  Noli  consilium  tuum  omni  revelare  homini.  Qui 
enim  consilium  suum  in  corde  suo  retinet,  sui  iuris  est  melius  eligere. 
Consilium  abscondilum  quasi  in  carcere  tuo.est  reclusum,  revelatum 
vero  te  in  carcere  suo  tenet  ligatum. 

Ich  schließe  diese  Bemerkungen  mit  dem  Hinweis  darauf, 
daß  es  in  diesem  ganzen  Zusammenhange  auch  recht  wahrschein- 
lich ist,  daß  Thomas  das  berühmte,  später  oft  verwendete10)  Motiv: 
Geliebte   =  Tod  und  Leben,   vgl. 

V.  1061  La  bele  raine,  s'amie, 

En  cui  est  sa  mort  e  sa  vie 
(Bedier  I  258,  bei  Gottfried10)  erhalten) 

Isolt  ma  drue,  Isolt  m'amie, 

E  n  v  us  m  a  mort,  en  v  u  s  m  a  vie. 
V.  2311  Cum  a  dame,  cum  a  amie 

En  qui  maint  sa  mort  e  sa  vie 
aus  der  bekannten  Freundschaftssage  in  der  DCL  entnommen 
hat,  wo  der  Liebeskranke  beim  Anblick  der  gesuchten  Geliebten 
ausruft  (DCL  5,1   =  dcl.  5,  4):  Ex  hac  est  mihi  mors  et  in  hac 
est  mihi  vita. 

Mit  geringerer  Bestimmtheit  läßt  sich  eine  Entlehnung  für 
den  Exkurs  über  die  novelerie  (Thomas  V.  285 — 356)  behaupten. 
Vgl.  DCL  30,7  =  dcl.  32,30:  Magis  valet  parva  beatitudo  quam 
plena  domus  auro  et  argento.  —  Qui  multa  cupit,  semper  maiorum 
fame  tabescit.  —  Radix  pacis  est  aliena  non  cupere,  et  fructus  eius 
est  requiem  habere. 

Merkwürdig  ist  der  Epilog  bei  Thomas  V.  3125  ff.:  Er  richtet 
sein  Gedicht  vor  allem  an  die  in  Lust  und  Leid  Liebenden,  damit 
sie  sich  an  diesem  essemple  erbauen  und  vor  Liebeslisten  (engins 
d'amur)  bewahren  können: 

Pur  essemple  l'ai  i  s  s  i  f  ait 
E  pur  Vestorie  emb  ellir  , 
Que  as  amanz  deive  plaisir, 


10 )  Vgl.  W.  Hertz,  Tristan  und  Isolde  von  Gottfried  von  Straßburg.5 
Stuttgart  und  Berlin  1907,  Anm.  134. 


46  Alfons  Hilka. 

E  que  par  Heus  poissent  trover 

Chose  u  se  puissent  recorder: 

Aveir  em  poissent  grant  confort, 

Encuntre  change,  encuntre  tort, 

Encuntre  paine,  encuntre  plur, 

Encuntre  tuiz  engins  d'amur! 
Daß  der  Dichter  hier  jene  Episoden  seines  Werkes  betont, 
wo  die  ruses  d'amour  dem  Ehemann  gegenüber  ihren  Triumph 
feiern,  verrät  seine  besondere  Tendenz.  Es  scheint,  daß  die  exempla 
des  spanischen  Judenchristen  Petrus  über  Weiberlist  (de  ingenio 
nequam  feminarum,  de  mulierum  artibus),  die  auch  dieser  nur 
corrigendo  mores  ad  nostram  utilitatem  verzeichnet  hat,  zur  Nach  - 
ahmung  in  mannigfaltigen  Variationen  angespornt  haben. 
Breslau.  Alfons  Hilka. 


Weiteres  zur  Mabinogionfrage.1 


II.:    Die   Bearbeitungen   von   Chr6tiens   Erec   in 

ihrem  Verhältnis  zu  diesem  und  zu  dem  kym- 

rischen  3Iabinogi. 

1.   Der  Erec  des  Hartmann  von  Aue  in   seinem  Verhältnis  zu 

Chr6tiens  Erec  und  zu  dem  Mabinogi  von  Gereint.    Mit  einem 

Exkurs:  Fee  Morgain  =  irisch  Morrigan. 

In  seiner  im  vorigen  Artikel  kritisierten  Abhandlung  geht 
Gaede  von  der  Voraussetzung  aus,  daß  Hartmann  von  Aue  für 
seinen  Erec  als  alleinige  Quelle  die  gleichnamige  Dichtung  Chre- 
tiens  von  Troyes  benutzt  und  überall  da,  wo  er  von  ihr  abweicht, 
nach  eigenem  Gutdünken  vollkommen  selbständig  die  Dar- 
stellung des  französischen  Dichters  modifiziert,  verbessert  und 
ausgeschmückt  habe. 


l)  Vgl.  diese  Zs.  411  (1913),  131—65,  und  421  (1914),  11—73.  Die 
Fortsetzung  der  Artikelreihe  wurde  dadurch  verzögert,  daß  der  Verf. 
14  Monate  lang  im  Heeresdienst  gestanden  hat. 

Seit  der  letztgenannte  Artikel  erschien,  hat  Förster  als  Ab- 
schluß seiner  Chretien-Ausgabe  veröffentlicht:  Kristian  von  Troyes 
Wörterbuch  zu  seinen  sämtlichen  Werken.  Unter  Mitarbeit  von  Hermann 
Breuer  verfaßt  und  mit  einer  litterargeschichtlichen  und  sprachlichen 
Einleitung  versehen,  Halle  1914  (Romanische  Bibliothek  No.  21),  und 
hier  erneut  über  den  „Artusroman  und  seine  Anfänge" 
S.  13,  über  die  Frage:  „Welches  ist  der  erste  Artus- 
roman?" S.  17,  über  den  „Erec"  S.  52 — 56  und  über  den  „M  ab  i  - 
nogion"  -Streit  S.  139  gehandelt.  Irgend  etwas  neues  bringt 
er  aber  zu  den  in  Rede  stehenden  Problemen  nicht  bei,  vielmehr  be- 
schränkt er  sich  darauf,  seine  bekannten  Behauptungen  zu  wieder- 
holen, indem  er  die  gegnerischen  Arbeiten  nicht  einmal  anführt,  ge- 
schweige denn,  daß  er  auch  nur  den  leisesten  Versuch  machte,  die 
gegnerische  Beweisführung  zu  widerlegen. 

S.  13  Anm.  1  werden  die  bekannten  Arbeiten  von  Zimmer 
zitiert  unter  Ignorierung  der  wichtigen  Artikel  von  Lot,  Romania 
25,1  ff.  und  L  o  t  h  ,  Revue  celtique  13,  475  ff.,  welche  Zimmers  Be- 
hauptungen in  wesentlichen  Punkten  korrigieren;  ebenda,  und  noch- 
mals S.  17,  wird  neuerdings  auf  die  Einleitung  zur  Karre  (Lancelot), 
S.  XCIX-CLII  verwiesen  unter  Ignorierung  meiner  Zur  Mabinogion- 
frage S.  30 — 50  gegebenen  ausführlichen  Kritik  dieses  Abschnittes.  — 
S.  17  behauptet  F.,  den  Beweis  erbracht  zu  haben,  daß  die  Mabinogion 


48  Rudolf  Zenker. 

Schon  in  dem  genannten  Artikel  wurde  aber  gezeigt,  daß 
einige  der  von  Gaede  angezogenen  Stellen,  wo  Hartmann  mit  dem 
kymrischen  Mabinogi  gegen  Chretien  übereinstimmt,  dieser 
seiner  Annahme  ganz  entschieden  widerstreiten,  indem  die  Über- 
einstimmung nicht  durch  zufälliges  Zusammentreffen  zweier  Be- 
arbeiter erklärt  werden  kann. 

Im  folgenden  nun  soll  auf  Grund  einer  eingehenden  Ver- 
gleichung  des  Erec  Hartmanns  mit  dem  Chretiens,  von  dem  ersterer 
bekanntlich  auf  Schritt  und  Tritt  inhaltlich  sehr  stark  abweicht,  — 
während  Hartmanns  später  entstandener  Iwein  sich  seiner  fran- 
zösischen Quelle  aufs  engste  anschließt  —  und  mit  der  des  Mabinogi 
der  zwingende  Beweis  erbracht  werden,  daß  der  deutsche  Dichter, 

von  Gereint,  Owen  und  Peredur  nur  Bearbeitungen  der  Chretienschen 
Romane  sind,  „was  zu  einer  längeren,  von  gegnerischer  Seite  schließ- 
lich mit  grenzenloser  Leidenschaft  persönlich  gehaltenen  Polemik 
geführt  hat,  die  ich  glücklicherweise  durch  eine  spätere  Entdeckung 
erledigen  und  die  gegnerische  Ansicht  als  eine  ganz  willkürliche,  bloß 
auf  der  petitio  prineipii  beruhende  Phantasterei  nachweisen  konnte", 
d.  h.  durch  die  angebliche  Entdeckung,  daß  Chretien  sich  das  „Witwen- 
motiv" des  Ivain  aus  dem  Roman  de  Thebes  geholt  habe.  —  S.  19  wird 
behauptet,  „daß  stets  und  einzig  Kristian  allein  seines  Artusromans 
wegen  von  Mitwelt  und  Nachwelt  gepriesen  wird",  wozu  ich  Zur  Mabi- 
nogionfrage  S.  12  ff.  zu  vergleichen  bitte.  —  Die  Mabinogionfrage  wird 
S.  140  ff.  abgetan  durch  Anführung  einer  längeren  Stelle  aus  der  Ein- 
leitung zur  4.  Aufl.  des  kl.  Ivain  (1912),  S.  XXVII  ff.  und  einer  Stelle 
aus  Försters  Rezension  der  neuen  Ausgabe  des  Sir  Perceval  of  Gales 
in  der  Ztschr.  f.  rom.  Phil.  38  (1914).  An  erstgenanntem  Orte  rechnet 
Förster  Gaston  Paris  unter  die  Vertreter  seiner  Anschau- 
ung, während  dieser  bekanntlich  Försters  Theorie  bis  zuletzt  bekämpft 
und  nur  für  das  Mabinogi  von  Gereint  Benutzung  Chretiens  neben 
einer  anderen  Quelle  zugegeben  hat,  auch  dies  aber  nur  auf  Grund 
der  seitdem  widerlegten,  von  Förster  inspirierten  Arbeit  von  O  t  h  - 
m  e  r  ,  s.  hierüber  Zur  Mabjr.  S.  28  ff.  In  den  beiden  von  Förster 
zitierten  Stellen  wird  die  Behauptung  aufgestellt,  der  „mathematisch 
sichere"  Beweis  für  die  Abhängigkeit  der  Mabinogion  von  Chretien 
werde  erbracht  durch  die  Tatsache,  daß  letzterer  im  Ivain  „sein  Wit- 
wenmotiv sich  direkt  aus  dem  Thebanerkrieg  [Jocaste-Ep:sode]  ge- 
holt hat";  leider  war  diese  Behauptung  schon  zur  Zeit  des  Er- 
scheinens des  „Wörterbuches"  überholt  durch  die  von  mir  inzwischen 
in  dieser  Zs.  411  (1913),  140  ff.  vorgenommene  eingehende  Nachprüfung 
der  Försterschen  „Entdeckung",  deren,  ich  denke,  überzeugendes  Er- 
gebnis war,  daß  aus  den  Zügen,  welche  der  „Witwen-Episode"  im  Ivain 
mit  der  Jocaste-Episode  im  Roman  de  Thebes  gemein  sind,  für  die 
Abhängigkeit  des  kymrischen  Owen  vom  Ivain,  also  auch  für  die  Ab- 
hängigkeit der  Mabinogion  überhaupt  von  Chretien,  gar  nichts  erschlos- 
sen werden  kann.  Folglich  ist  nicht  „jedes  weitere  Wort  zu  dieser 
Frage  [zur  Mabinogionlrage]  überflüssig",  sondern  sämtliche, 
gegen  Förster  vorgebrachte  und  von  ihm  nicht 
widerlegten  Argumente  bleiben  nach  wie  vor 
in    voller    Kraft    bestehen. 

Nicht  besser  bestellt  ist  es  mit  der  S.  142  f.  von  F.  wiederholten 
Behauptung,  im  Mabinogi  von  Gereint  lasse  sich  ein  Mißverständnis 
des  Chretienschen  Textes  nachweisen,  indem  der  kymrische  Bearbeiter 
aus  der  bei  Chr.  V.  4220  und  4222  erwähnten  Fee  Morgue  —  so,  nicht 
Morgain,  wie  F.  angibt,  hat  Chr.  —  einen  Leibarzt  —  F.  ernennt  ihn 


Weiteres  zur  Mabinogionfragc.  49 

der  sich  in  Nordfrankreich  aufgehalten  hat,  wo  schon  vor  dem 
Erscheinen  des  Chretienschen  Romanes  die  Geschichte  Erecs 
ein  beliebtes  Thema  der  umherziehenden  Spielleute  und  conteurs 
war,  notwendig  noch  eine  von  der  Ghretiens 
sich  vielfach  unterscheidende,  von  ihr  unab- 
hängige, also  mit  ihr  aus  der  gleichen  Quelle 
geflossene  Version  des  Erec-Stoffes  gekannt 
haben  muß,  welche  bisweilen  die  Geschichte  in  einer  ur- 
sprünglicheren Fassung  bot,  als  Chr.  es  tut;  es  wäre  auch  mög- 
lich, daß  es  sich  nicht  um  eine  zusammenhängende  Version, 
sondern  um  einzelne  mündlich  kursierende  Episoden  des  Erec- 

zum  „Oberarzt"  —  Morgan  Tut  gemacht  habe.  Die  Meinung,  es  könne 
aus  dieser  Stelle  irgend  etwas  für  die  Abhängigkeit  des  Mabinogi  von 
Ghretiens  Erec  erschlossen  werden,  ist  endgültig  und  de- 
finitiv schon  von  Edens,  Erec-Geraint  S.  40  ff.  wider- 
legt worden,  s.  bes.  S.  45,  vgl.  dazu  Zur  Mabfr.  S.  97  ff.  und 
diese  Zs.  401,  207  Anm.  9.  Durch  Edens'  Hinweis  auf  die  Tatsache, 
daß,  selbst  wenn  hier  wirklich  auf  Seiten  des  Mabinogi  ein  Mißver- 
ständnis vorliegen  sollte,  wie  Förster  annimmt,  dieses  Mißverständnis 
ja  gerade  so  gut  auf  der  gemeinsamen  Quelle  Chretiens  und  des  Mab. 
beruhen  könnte,  indem  natürlich  auch  hier  schon  die  Fee  Morgue  ge- 
nannt sein  konnte,  —  durch  diesen  Hinweis  ist  das  in  Rede  stehende, 
von  Förster  behauptete  Mißverständnis  als  Beweisargument  für  die 
Abhängigkeit  des  Mabinogi  von  Chretien  ein  für  alle  mal  beseitigt. 
Indes  Förster  ignoriert  eben  die  Widerlegung  seiner  Ansicht,  ein 
Verfahren,  das  ja  gewiß  sehr  bequem,  aber  wissenschaftlich  doch 
wohl  nicht  zulässig  ist. 

„Durch  diese  zwei  hier  angeführten  Tatsachen  ist  die  sogenannte 
Mabinogionfrage  endgültig  aus  der  Welt  geschafft",  erklärt  Förster 
zum  Schluß! 

Das  sehr  kurz  gefaßte  Kapitel  über  den  Erec,  S.  52  ff.,  welches 
ohne  Begründung  die  Behauptung  wiederholt,  der  in  der  Einleitung 
des  Erec  erwähnte  conte  könne  „unmöglich  die  Fabel  des  Kristian- 
schen  Romans  enthalten  haben,  sondern  nur  einzelne  Episoden", 
und  wegen  des  Gereint  auf  S.  139  verweist,  bietet  zu  Bemerkungen 
keinen  Anlaß. 

Ich  möchte  es  nun  nicht  unterlassen,  hier  andererseits  meine  Be- 
friedigung darüber  auszusprechen,  daß  Förster  in  dem  einleitenden 
Kapitel  „Das  Volksepos"  —Nachtrag  dazu  S.  228* —231*  —noch- 
mals die  Bedi  ersehe  Theorie,  die  ausgesprochenermaßen  den 
Zweck  verfolgt,  der  herrschenden,  sicher  fundierten  Anschauung  von 
dem  germanischen  Ursprung  des  altfranzösischen  Nationalepos  den 
Garaus  zu  machen,  ganz  entschieden  ablehnt;  hier  stehe  ich  vollkommen 
auf  Försters  Seite.  Die  Unmöglichkeit,  die  Lehre  Bediers  für  den 
größeren  Teil  des  alten  Epos  von  „Ludwigs  Krönung"  aufrecht- 
zuerhalten, wird  nachgewiesen  in  den  Rostocker  Dissertationen  von 
Paul  Linnenkohl,  Branche  I  und  II  des  Couronnement  de  Louis. 
Gegenwärtiger  Stand  der  Forschung,  Schwerin  1912,  und  von  Friedrich 
Holtschneider  ("j*),  Die  dritte  Branche  des  Couronnement  de  Louis, 
Rostock  1913,  denen  sich  binnen  kurzem  noch  die  den  letzten  Abschnitt 
des  Epos  behandf  lnde  Dissertation  von  Otto  H  i  n  k  f  o  t  h  ,  Die  vierte 
Branche  des  Couronnement  de  Louis,  Rostock  1917,  anreihen  wird. 
Bei  Linnenkohl  ist  auch  eine  Übersicht  der  Kritiken  zu  finden,  die 
bis  dahin  über  Bediers  Werk  erschienen  waren. 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Littr.  XLV*/\  4 


50  Rudolf  Zenker. 

Stoffes  handelte,  von  denen  Hartmann  Kenntnis  erhielt,  doch 
spricht  die  ziemlich  gleichmäßige  Verteilung  der  signifikanten 
Abweichungen  und  umfangreichen  Plus-Stellen  über  die  ganze 
Dichtung  eher  für  die  Verwertung  einer  vollständigen  Version, 
die  dem  Dichter  aber  gleichfalls  auf  mündlichem  Wege  über- 
mittelt sein  könnte. 

Ist  dieses  Ergebnis  richtig,  dann  bewegt  sich  die  ganze 
Gaedesche  Abhandlung,  soweit  Hartmann  in  Betracht  kommt, 
in  einem  verhängnisvollen  circulus  vitiosus,  dann  ruhen  auch  alle 
germanistischen  Arbeiten,  die,  auf  der  gleichen  Voraussetzung 
basierend,  vermittelst  eines  Vergleiches  des  Hartmannschen  Erec 
mit  dem  Chretiens  die  dichterische  Eigenart  Hartmanns  ermitteln 
wollen,  wenigstens  teilweise  auf  recht  unsicherer   Grundlage. 

Die  Arbeiten  von  Karl  Bartsch,  Über  Christians  von 
Troies  and  Hartmanns  von  Aue  Erec  und  Enide,  Pfeiffers  Ger- 
mania 7  (1862),  141  ff.,  Karl  Dreyer,  Hartmanns  von  Aue 
Erec  und  seine  alt  französische  Quelle,  Königsberger  Programm- 
abhandlung 1893,  Paul  Hagen,  Zum  Erec,  Zeitschr.  f.  deutsche 
Philologie  27  (1895),  463—74,  und  F.  P  i  q  u  e  t ,  Etüde  sur  Hart- 
mann d'Aue,  Pariser  These,  Paris  1898,  S.  183  ff.  sind  schon  im 
vorigen  Artikel,  diese  Zeitschr.  42 *,  14  ff.  von  mir  registriert  und 
kurz  besprochen  worden. 

Indem  ich  auf  das  dort  Gesagte  verweise,  gebe  ich  unter 
Heranziehung  der  übrigen  einschlägigen  Literatur  zunächst  eine 
{  bersicht  über  den  Stand  der  Frage  nach  der  Quelle,  bezw.  den 
Quell  e  n  von  Hartmanns  Erec. 

Bartsch  a.  a.  O.  schloß  aus  den  vielfältigen,  weitgehenden 
Übereinstimmungen  zwischen  Hartmann  und  Chretien,  daß  der 
Erec  des  letzteren  Hartmanns  Quelle,  und  zwar  seine  alleinige 
Quelle,  gewesen  sei,  aber  er  sah  sich  durch  eine  Reihe  auffälliger 
Abweichungen  des  deutschen  Dichters  von  seiner  französischen 
Vorlage,  die  Bartsch  nur  in  dem  Abdruck  einer  Hds.  —  der 
Hds.  B  —  durch  I.  B  e  k  k  e  r  zugänglich  war,  zu  der  Annahme 
genötigt,  Hartmann  habe  zur  Vorlage  eine  Hds.  des  Erec  gehabt, 
welche  von  der  durch  Bekker  abgedruckten  verschiedentlich 
differierte,  und  er  sprach  die  Erwartung  aus,  es  werde  sich  durch 
Vergleichung  der  übrigen  Handschriften  des  französischen  Ge- 
dichtes „ein  dem  Hartmannschen  im  einzelnen  noch  näher  stehen- 
der Text  ermitteln"  lassen. 

In  der  Tat  durfte  aus  den  von  Bartsch  gegebenen  Nachweisen 
mit  ziemlicher  Sicherheit  gefolgert  werden,  daß  der  deutsche 
Dichter  Chretiens  Erec  benutzt  haben  mußte. 

Bartschens  Ergebnis  wurde  denn  auch  von  der  gelehrten 
Forschung  akzeptiert.  Franz  E  g  g  e  r  t,  Über  die  erzählenden 
Dichtungen  Hartmanns  von  Aue,  Schweriner  Programm  1874, 
S.  14  bemerkt  bezüglich  der  Quelle  Hartmanns,  es  sei  „nach  der 


Weiteres  zur  Mabinogionfrage.  5  t 

gründlichen  Abhandlung  von  K.  Bartsch kein  Zweifel  mehr 

darüber,  daß  dies  das  gleichnamige  Gedicht  von  Chrestien  von 
Troies  gewesen  ist,  wenn  auch  nicht  in  der  Gestalt,  in  welcher  es 
uns  durch  die  Veröffentlichung  des  altfranzösischen  Textes  von 
Imman.  Bekker  (Haupts  Ztschr.  X,  373  ff.)  bekannt  geworden 
ist.'"  Er  meint  S.  18,  es  komme  nun  darauf  an,  „denjenigen  Text 
[des  Chretienschen  Erec]  zu  ermitteln,  welcher  dem  von  H.  be- 
nutzten am  nächsten  steht.'' 

Endgültig  sicher  gestellt  wurde  dann  Chretien  als  Quelle 
Hartmanns  durch  die  von  Heinemann  in  der  Zeitschr.  für 
deutsches  Altert.  42  (N.  F.  30),  259  ff.  veröffentlichten  Wolfen- 
bütteler  Bruchstücke  einer  zweiten  Hds.  des  Hartmannschen 
Erec,  welche  eine  in  der  Ambraser  Hds.  vorhandene  größere 
Lücke  teilweise  ausfüllen  und  in  denen  V.  46291"  der  französische 
Dichter    ausdrücklich    genannt    wird:    alse    uns    Crestiens    sagil. 

Dagegen  ist  bekanntlich  Bartschens  Erwartung,  eine  andere 
Hds.  des  Chretienschen  Gedichts  werde  eine  zu  dem  Hartmann- 
schen Texte  besser  stimmende  Überlieferung  bieten,  durchW.  För- 
sters kritische  Ausgabe  des  französischen  Erec,  Halle  1890, 
nicht  erfüllt  worden:  wie  der  Herausgeber  selbst  S.  XVII  fest- 
stellt, findet  keiner  der  von  Bartsch  herangezogenen  Fälle,  wo 
Hartmann  von  der  durch  1.  Bekker  veröffentlichten  Hds.  des 
französisehen  Gedichts  abweicht,  durch  eine  andere  Hds.  ihre 
Erklärung. 

Da  nun  nur  die  Voraussetzung,  daß  dies  der  Fall  sein  würde, 
Bartsch  abhielt,  sich  „der  Ansicht  anzuschließen,  es  habe  dem 
deutschen  Bearbeiter  ein  anderer  Erec  vorgelegen  als  das  Gedicht 
Ghristianö",  wird  damit  offenbar  das  Ergebnis  von  Bartschens 
Untersuchung  sofort  teilweise  wieder  in  Frage  gestellt:  es  geht 
nicht  mehr  an,  zu  behaupten,  Bartsch  habe  Chretiens  Erec  als 
Hartmanns  alleinige  Quelle  erwiesen.  Wie  Bartsch  ge urteilt 
haben  würde,  wenn  er  die  kritische  Ausgabe  des  französischen 
Erec  noch  erlebt  hätte,  wissen  wir  nicht;  seine  eben  zitierte 
Äußerung  aber  berechtigt  zu  der  Annahme,  er  würde,  nachdem 
seine  Vermutung  sich  nicht  bestätigt  hat,  entweder  eine  zweite 
Quelle  Hartmanns  geradezu  postuliert  oder  doch  die  Möglichkeit 
des  Vorhandenseins  einer  solchen  zugegeben  haben. 

Trotzdem  hält  Förster  a.  a.  0.  an  der  „absoluten  Ab- 
hängigkeit" Hartmanns  von  Chretien  fest,  und  auch  bei  den 
Germanisten  bleibt  —  mit  den  gleich  zu  nennenden  Ausnahmen  — 
die  alte  Anschauung  in  Kraft,  Bartsch  habe  als  Hartmanns  all- 
einige  Quelle  Chretien  erwiesen. 

Nun  haben  aber  seit  dem  Erscheinen  von  Försters  kritischer 
Ausgabe  des  Erec  Dreyer,  Hagen  und  P  i  q  u  e  t  darauf 
aufmerksam  gemacht,  daß  in  einer  ganzen  Reihe  von  Fällen 
Hartmann  in  sehr  auffälliger  Weise  mit  dem  kymrischen  Mabinogi 
von  Gereint  gegen  Chretien  übereinstimmt: 

4* 


52  Rudolf  Zenker. 

Dreyer  a.  a.  O.  S.  23  weist  solche  Übereinstimmungen  in 
nicht  weniger  als  18  Fällen  nach.  Da  er  nun  einerseits  im  Hinblick 
auf  die  Arbeit  von  Bartsch  und  das  eben  angeführte  Urteil  Försters 
als  Hartmanns  alleinige  Quelle  Chretien  betrachtet  und  anderer- 
seits die  Ansicht  von  Othmer  und  Förster,  wonach  auch  das 
Mabinogi  auf  Chretien  beruhte,  als  richtig  voraussetzt,  —  sie 
ist  es  aber,  wie  seitdem  Edens  gezeigt  hat,  nicht  — ,  so  schließt 
Dreyer  aus  jenen  Übereinstimmungen,  es  müsse  eine  andere 
„Redaktion"  Ghretiens  gegeben  haben,  welche  an  den  fraglichen 
Stellen  mit  Hartmann  und  dem  Mabinogi  übereinstimmte. 

Hagen  a.  a.  O.  hebt  einige  sehr  beachtenswerte,  Hartmann 
und  dem  kymrischen  Prosamärchen  gemeinsame  Abweichungen 
gegenüber  Chretien  hervor  und  folgert  aus  ihnen,  daß  Hartmann 
außer  Chretien  eine  zweite   Quelle  benützt  haben  müsse. 

Ebenso  erklärt  P  i  q  u  e  t  a.  a.  0.  die  von  ihm  verzeichneten 
16  Fälle,  wo  Hartmann  und  das  Mabinogi  gegen  Chretien  zu- 
sammen gehen  —  es  sind  nur  zum  Teil  die  gleichen,  die  Dreyer  und 
Hagen  erwähnen  —  durch  Annahme  einer  zweiten  Quelle  Hart- 
manns neben  Chretien. 

Zu  diesen  Arbeiten  hat  Förster  dann  in  seiner  Ausgabe 
des  Karrenrilters  (Lancelot),  Halle  1899,  S.  CXXIX  ff.  Stellung 
genommen,  er  hat  ein  paar  von  den  nachgewiesenen  Überein- 
stimmungen zwischen  H.  und  M.  ib.  S.  CXXXV,  CXLIV,  CXLIX 
im  Texte  besprochen  und  die  ganze  von  P  i  q  u  e  t  aufgestellte 
Liste  ib.  S.  CXLIV — CXLVIII  in  einer  langen  Anmerkung  einer 
Nachprüfung  unterzogen,  er  hat  dann  S.  CXLIX  f.  versucht,  für 
die  Übereinstimmungen  eine  Erklärung  zu  geben  und  hat  sich 
im  kl.  Erec,  Halle  1909,  S.  XXVIII— XXX  nochmals  zu  der 
Frage  geäußert. 

Sämtliche  Försterschen  Bemerkungen  zu  der  Piquetschen 
Liste  werden  später  bei  Erörterung  der  einzelnen  Punkte  Be- 
rücksichtigung finden  und  auf  ihre  Berechtigung  hin  geprüft 
werden. 

Förster  glaubt  nun,  einige  der  von  Piquet  verzeichneten  16 
Punkte  beseitigen  zu  können,  ca.  8  oder  9  aber  —  im  kl.  Erec  S. 
XXX  sogar  ,,fast  ein  Dutzend"  —  läßt  er  gelten:  hier  könne  die 
Übereinstimmung  zwischen  Hartm.  und  Mab.  wenigstens  für  die 
Gesamtheit  der  Fälle  nicht  auf  Zufall  zurückgeführt  werden: 
,,Wenn  zuzugeben  ist,  daß  derlei  Einfälle  spontan  durch  einen  be- 
sonderen Zufall  an  einer  und  derselben  Stelle  zwei  verschiedenen 
Bearbeitern  kommen  können,  so  schließt  eine  Reihe 
solcher  Zusammentreffen  jeden  Zufall  unbe- 
dingt aus",  kl.  Erec  S.  XXX.  Die  Übereinstimmungen  be- 
weisen also  nach  ihm  allerdings,  daß  Hartm.  und  Mab.  hier  aus 
einer  gemeinsamen  Quelle  schöpften,  welche  nicht  der  uns  vor- 
liegende Text  des  Chr. 'sehen  Erec  war.  Förster  stellt  deshalb  die 
Hypothese  auf,  alle  uns  erhaltenen  Handschriften 


Weiteres  zur  Mabinogion frage.  53 

di's  französischen  Erec  müßten  zurückgehen 
auf  ein  [gemeinsames,  schon  fehlerhaftes,  eine 
Reihe  Lücken  aufweisendes  Original,  das  er  mit 
Z  bezeichnet;  der  Archetypus,  0,  habe  gegenüber  unseren  Hdss.  eine 
Anzahl  Plusverse  gehabt,  und  die  Plusverse  hätten  in  der 
Quelle  von  Hartm.  und  Mab.  noch  gestanden;  sein  Schema, 
Lancelot  S.  CXL,  ist  dieses: 

O  =  Originalfassung  des  Chretienschen  Erec. 


Mabinogi  Hartmann 


z  =   Quelle    aller   erhal- 
tmen  Hdss.  von 
Nordische  Saga  Chrefiens  Erec. 

Erec  =  die  erhaltenen  Hdss. 

Er  glaubt,  ein  solches  schon  lückenhaftes  Original  aller 
unserer  7  Erec-Hdss.,  abgesehen  von  den  in  Rede  stehenden  Über- 
einstimmungen, S.  GL  —  s.  schon  S.  GXXIX  —  mit  Sicher- 
heit folgern  zu  müssen  aus  dem  Vorhandensein  zweier  Lücken, 
die  unsere  Erec-Überlieferung  aufweise,  s.  Anm.  zum  gr.  Erec 
V.  2216—2219  und  kl.  Erec  S.  XIX. 

Er  kommt  auf  Grund  dieser  Erwägungen  zu  dem  Ergebnis: 

„Es  folgt  also  mit  zwingender  Notwendigkeit,  daß  die 
drei  Mabinogion  auf  Ghretien  und  zwar  nur 
auf  Chretien  zurückgehen.  Mab.  hat  einerseits  seine 
franz.  Chretien-Handschrift  stark  gekürzt  und  kyrarisiert, 
andererseits  war  die  letztere,  wie  eine  eingehende 
Vergleichung  von  Mab.  mit  Hartmann  (und  der 
nordischen  Saga)  lehrt,  besser  und  vollständiger 
als  unser  erreichbares  0  [d.  i.  z  im  obigen  Stamm- 
baum]." 

Hierzu  ist  folgendes  zu  bemerken: 

Zunächst  hat  Förster,  indem  er  sich  auf  die  Piquetsche  Liste 
beschränkte,  die  Übereinstimmungen,  die  zwischen  H.  und  M. 
nachgewiesen  worden  waren,  nicht  vollständig  berücksichtigt, 
denn  Dreyer  und  Hagen  haben  solche,  die  bei  Piquet  fehlen; 
dazu  k^mmt,  daß  sich  eine  ganze  Anzahl  weiterer  Konkordanzen 
der  beiden  Texte  gegen  Chr.  aufzeigen  lassen,  welche  bis  jetzt 
unbeachtet  geblieben  sind. 

Sodann  können  die  Einwände,  durch  welche  Förster  mehrere 
der  Nummern  der  Piquetschen  Liste  beseitigen  zu  können  glaubt, 
z.  T.  nicht  gebilligt  werden,  wie  später  bei  Besprechung  der  einzel- 
nen Punkte  gezeigt  werden  wird;  die  Zahl  der  signifikanten 
Übereinstimmungen  ist  schon  bei  Beschränkung  auf  die  Liste 
Piquets  größer,  als  F.  will. 


54  Rudolf  Zenker. 

Weiter  aber,  und  dies  ist  die  Hauptsache:  es  lassen  sich  wohl 
einige  der  fraglichen  Übereinstimmungen  zurückführen  auf 
ein  Plus  von  einem  oder  mehreren  Verspaaren  in  den  von  Hartm. 
und  dem  Mab.  benutzten  Chr.-Hdss.,  bei  weitem  aber  nicht  alle; 
denn  es  finden  sich  eine  ganze  Reihe  Übereinstimmungen,  welche 
nicht  darin  bestehen,  daß  der  Darstellung  des  uns  vorliegenden 
französischen  Textes  gewisse,  im  übrigen  mit  dieser  wohl  im  Ein- 
klang stehende  Momente  hinzugefügt  werden,  sondern  vielmelu* 
darin,  daß  die  Erzählung  in  H.-M.  von  der  unseres  Chretien- 
Textes  mehr  oder  weniger  stark  abweicht. 

Nun  zeigen  aber,  wie  ich  Zur  Mabinogionfrage,  Halle  1912. 
S.  34  festgestellt  habe,  „die  Chretien-Hdss.,  abgesehen  von  einem 
Plus  oder  Minus  von  wenigen  Versen  —  in  der  Regel  einem  Vers- 
paar — ,  das  an  dem  Inhalt  der  Erzählung  gar  nichts  ändert, 
sondern  höchstens  einen  ganz  nebensächlichen  Zug,  eine  neben- 
sächliche Bemerkung  hinzufügt  oder  wegläßt,  nur  in  wenigen, 
ganz  seltenen  Fällen  eine  längere  Interpolation  oder  eine  größere 
Lücke,  welche  aber  gleichfalls  den  Gang  der  Erzählung  in  keiner 
Weise  modifizieren,  sondern  bestenfalls  eine  ganz  gleichgültige, 
den  sonstigen  Gang  der  Darstellung  nicht  beeinflussende,  ev.  im 
Originaltext  schon  angedeutete  Plusszene  hinzufügen  oder  eine 
Szene  der  angedeuteten  Art  weglassen."  Inhaltliche,  den  Gang 
der  Erzählung  betreffende  Differenzen  begegnen,  wie  ich  ebenda 
S.  35 — 37  nachgewiesen  habe,  in  den  Hdss.  der  fünf  bis  jetzt 
kritisch  herausgegebenen  Chretienschen  Romane  überhaupt  nicht, 
obgleich  der  Erec  in  7  Hdss.,  der  Cliges  in  8  (4-  Resten  einer  9.), 
der  Ivain  in  9  (-f-  Resten  von  3  anderen),  der  Lancelot  in  5  (+  1 
Fragment)  und  der  Guillaume  d'Angleterre  in  3  Hdss.  erhalten  ist, 
und  bezüglich  des  noch  nicht  kritisch  herausgegebenen  Perceval, 
der  in  16  Hdss.  vorliegt,  bemerkt  Förster  selbst,  wie  ich  schon 
im  vorigen  Artikel  (Zs.  421,  21  Anm.  5)  erwähnte,  sein  endgültiger 
Text  werde  sich  von  dem  der  beiden  von  Potvin-Scheler 
und  von  Baist  veröffentlichten  Hdss.  ,.in  nichts  unter- 
scheiden außer  in  dem  Wortlaut  einiger  Stel- 
1  e  n."2) 


2)  S.  über  die  PercepaZ-Handschriften  Jessie  L.  W  e  ston,  The 
Legend  of  Sir  Perceval,  I,  London  1906,  S.  27  ff.  Allerdings  verzeichnet 
Miß  Weston  neben  Lücken  und  Zusätzen  in  den  Hdss.  in  ganz  ver- 
einzelten Fällen  auch  inhaltliche  Differenzen.  Aber  beim  Perceval 
liegt  die  Sache  insofern  anders  als  bei  den  übrigen  Romanen  Chretiens, 
als  diese  von  Chretien  unvollendet  gelassene  Dichtung  von  verschie- 
denen  Autoren  fortgesetzt  wurde,  deren  Angaben  gelegentlich  zu  denen 
Chretiens  und  unter  einander  nicht  stimmten,  was  dann  zur  Folge 
hatte,  daß  Kopisten,  die  Inkozinni täten  bemerkten,  hie  und  da  kleine 
Retouchen  vornahmen,  die  die  Übereinstimmung  herstellen  sollten. 
So  bemerkt  M.  Weston  S.  29  von  der  Pariser  Hds.  12,  576:  The  Ma- 
nessier  section  shoivs  some  slight  variations  frorn  the  usual  text,  clearly 
due  to  the  desire  of  the  copist  to  harmonise  the  ineidents  affected  with  the 
version  of  Gerbert.     Thus  the  smith  whom  Perceval  visits  on  his  way  to 


Weiteres  zur  Mabinogion  frage.  55 

Nicht  anders  verhält  es  sich  auch  mit  dem  in  5  Hdss.  über- 
lieferten Meraugis  des  Raoul  von  Houdenc,  den  Fried- 
wagner,  Halle  1897,  kritisch  herausgegeben  hat.  Auch  hier 
stimmen  alle  Hdss.  im  Gang  der  Erzählung  bis  in  die  Einzelheiten 
genau  überein.3) 

Dies  beweist,  daß  die  Kopisten  der  Artusromane,  wenn  sie 
auch  gelegentlich  den  Wortlaut  einzelner  Verse  oder  Verspaare 
änderten,  irgend  welche  indifferente  Verspaare  wegließen  oder 
geringfügige,  zu  der  gegebenen  Situation  passende  neue  Momente 
einfügten,  es  doch  nicht  wagten,  Änderungen  an  der  Er- 
zählung vorzunehmen,  den  ihnen  gebotenen  Text  zu  kor- 
rigieren. 

Unter  solchen  Umständen  ist  die  Annahme  schlechthin  un- 
zulässig, der  Schreiber  der  gemeinsamen  Quelle  der  uns  er- 
haltenen sieben  Erec-Hdss.  habe  nicht  nur  eine  beträchtliche  Reihe 
Verspaare  ausgelassen,  sondern  er  habe  auch  an  vielen  Stellen  die 
Darstellung  seiner  Vorlage  modifiziert.  Wir  besitzen  von 
sämtlichen  Werken  Chretiens  wohl  im  Wortlaut  und  in  gleich- 
gültigen Nebenzügen  vielfach  differierende  H  andschriften, 
aber  keine  verschiedenen  Redaktionen,  und  es  ist  in 
hohem  Grade  unwahrscheinlich,  daß  das  suppo- 
nierte,  fehlerhafte  Original  aller  erhaltenen 
Hdss.  sich  zum  Archetypus  ganz  anders  ver- 
halten haben  sollte,  als  die  uns  vorliegenden 
Hdss.  es  unter  sich  tun.  Im  Gegenteil,  da  es,  allen  unseren 
Hdss.  vcrausliegend,  zeitlich  dem  Archetypus  noch  ziemlich  nahe 
stehen  würde,    von  dem  es  nur  wenige  Zwischenstufen  trennen 

defend  Blancheflor  from  Arides  is  not  Trebuchet  but  his  son,  who  recog- 
nises  PercevaV s  sword  as  having  beert  reforged  by  his  father.  Diese  Quelle 
inhaltlicher,  übrigens,  wie  das  angeführte  Beispiel  zeigt,  sehr  gering- 
fügiger Differenzen  lag  bei  den  anderen  Dichtungen  Chretiens  nicht 
vor. 

3)  V.  3637 — 56,  wo  B  mit  14  Versen  von  den  anderen  Hdss.  ab- 
weicht, liegt  inhaltlich  doch  nur  ein  Minus  in  B  vor,  indem  hier  der 
dem  Meraugis  von  Marez  gemachte  und  von  jenem  angenommene 
Vorschlag  fehlt,  daß  sie  sich,  wo  immer  sie  sich  begegnen  werden,  als 
Totfeinde  gegenübertreten  wollen. 

V.  5602 — 3  fügt  B  mit  14  Versen  in  die  Kampfschilderung  eine 
Begegnung  zwischen  Gorvain  und  Meraugis  ein.  die  mit  dem  Sturze 
des  ersteren  endet. 

V.  5906 — 10  erweitert  W  zu  14  Versen,  die  inhaltlich  nichts  weiter 
neues  bringen  als  daß  die  beiden  Ritter,  die  in  den  anderen  Hdss.  in 
den  Sätteln  bleiben,  beide  mit  den  Rossen  stürzen  und  nun  zu  Fuße 
weiter  kämpfen,  —  also  ein  irrelevantes  Plus. 

Endlich,  unmittelbar  vor  Schluß  des  Gedichtes,  erweitert  B  V. 
5926 — 28  zu  18  Versen,  in  denen  erzählt  wird,  was  sich  nach  dem  Text 
der  übrigen  Hdss.  von  selbst  versteht:  daß  Meraugis  die  Lidoine  hei- 
ratet, und  außerdem,  daß  Gorvain  der  Gatte  der  Amice  wird,  wovon 
die   anderen  Hdss.   nichts  wissen,  also  auch  nur  ein  kleiner  Zusatz. 

Das  sind  die  stärksten  Abweichungen,  die  sich  in  den  5  Hdss. 
finden. 


56  Rudolf  Zenker. 

könnten,  so  wäre  mit  großer  Wahrscheinlichkeit  anzunehmen, 
daß  os  sich  von  dem  ursprünglichen  Chretienschen  Texte  noch 
wenig  unterschieden  hätte.  In  der  Tat  behauptet  Förster  auch 
gar  nicht,  daß  es  stärkere  Differenzen  gegenüber  dem  Urtexte 
enthalten  habe,  er  spricht  nur  von  einzelnen  Plusversen  in  jenem 
Original.  Aber  er  hat  eben  die  wirklichen  Abweichungen 
von  der  Erzählung  Chr. 's,  welche  sich  in  den  Hartm.  und  Mab. 
gegenüber  Chr.  gemeinsamen  Übereinstimmungen  finden,  nicht 
beachtet  oder  er  will  sie  mit  unzureichenden  Gründen  nicht  gelten 
lassen.  Somit  lassen  sich  die  fraglichen  Überein- 
stimmungen durch  die  Forst  er  sehe  Hypothese 
eines  lückenhaften  Originals  aller  auf  uns 
gekommener  Hdss.  des  Er  e  c  nicht  erklären. 
Dieselben  fordern  als  gemeinsame  Quelle 
für  Hartm.  und  das  Mab.  nicht  eine  andere 
Handschrift,  sondern  eine  andere,  von  der  Er- 
zählung Chr. 's  vielfach  abweichende  Redaktion 
des   Erec-Stoffes. 

Die  oben  erwähnten  Lücken,  welche  Förster  in  unserer 
ü>ec-Überlieferung  entdeckt  zu  haben  glaubt  und  in  denen  er 
ein  sicheres  Indizium  für  eine  schon  lückenhafte  Quelle  der 
letzteren  erblickt,  existieren  in  Wirklichkeit  nicht,  wie  ich  diese 
Zs.  42l,22  gezeigt  habe. 

Soviel  über  Försters  Kritik  der  von  Dreyer,  Hagen  und 
P  i  q  u  e  t  gegebenen  Nachweise  und  seinen  Versuch,  die  Über- 
einstimmungen Hartm. 's  und  Mab/s  gegenüber  Chr.  auf  eine 
bessere  Hds.,  statt  auf  die  Benutzung  einer  anderen  nicht-Chre- 
tienschen  Erec-Erzählung  durch  H.  und  M.  zurückzuführen. 

Dieser  Versuch  muß  als  gescheitert  gelten. 

Daß  Hartmann  „wohl  eine  andere  uns  unbekannte  Version 
des  Erec  vor  sich  gehabt  hat",  d.  h.  eine  nicht-Chretiensche 
Version,  schließt  „mit  Sicherheit"  auch  Ernst  Friedländer 
in  der  unter  Ernst  Martin  und  Gustav  Gröber  entstandenen 
Straßburger  Dissertation:  Das  Verzeichnis  der  Ritter  der  Artus- 
tafelrunde im  Erec  des  Hartmann  von  Aue  verglichen  mit  dem  bei 
Crestien  von   Troyes  und  bei  Heinrich  v.  d.   Türlin,   1902,  S.  7. 

Offenbar  infolge  von  Nichtbeachtung  der  Tatsache,  daß  das 
Ergebnis  der  Untersuchung  Bartschens  durch  Försters  kritische 
Ausgabe  des  Erec  teilweise  in  Frage  gestellt  wird,  und  im  Hin- 
blick auf  die  entschieden  ablehnende  Haltung  des  letztgenannten 
Gelehrten  gegen  die  Postulierung  einer  zweiten  französischen 
Quelle  des  Hartmannschen  Erec  durch  Hagen  und  Piquet  ist 
von  germanistischer  Seite,  so  weit  ich  sehe,  den  Bedenken,  die 
sich  aus  den  in  Rede  stehenden  Nachweisen  gegen  die  Ableitung 
des  Hartmannschen  Erec  aus  Chretien  allein  ergeben,  keinerlei 
Berücksichtigung  geschenkt  geworden. 


Weikres  zur  Mabirwgionfrage.  57 

Fedor  Bech  in  der  3.  Aufl.  des  Hartmannschen  Erec, 
Leipzig  1893,  S.  IX  bemerkt,  unter  Verweis  auf  Bartsch  und  auf 
Förster,  gr.  Erec,  S.  XVII  ff.,:  ,,Der  Erec  und  später  der  Iwein 
....  waren  frei  umgedichtet  nach  den  gleichnamigen  Hclden- 
romanen,  welche  wir  noch  von  jenem  französischen  Dichter 
[Chretien]  besitzen". 

Ebenso  ist  Oskar  Reck,  Das  Verhältnis  des  Hartmannschen 
Erec  zu  seiner  französischen  Vorlage,  Diss.  von  Greifswald  1898, 
der  Meinung,  daß  die  Quellenfrage  durch  Bartsch  definitiv  ent- 
schieden  sei:  er  erwähnt  die  Untersuchungen  von  Dreyer,  Hagen 
und  Piquet  gar  nicht  und  betrachtet  alles,  was  Hartmann  über 
Chr.  hinaus  bietet,  ohne  weiteres  als  das  Eigentum  des  ersteren. 
.Nicht  anders  verfährt  Georg  J  e  s  k  e,  Die  Kunst  Hartmanns  von 
A  ue  als  Epiker,  Diss.  von  Greifswald  1909,  und  G  a  e  d  e  in  seiner 
im  vorigen  Artikel  besprochenen  Dissertation  vom  J.  1913,  ob- 
gleich er  Försters  Annahme  einer  sowohl  von  H.  als  dem  M.  be- 
nutzten besseren  Chretienhandschrift  als  ganz  unwahrscheinlich 
ablehnt. 

Unzugänglich  blieb  mir  leider  trotz  aller  Bemühungen  die 
Abhandlung  von  P.  J.  Reimer,  Die  Abhängigkeitsverhältnisse 
der  Übersetzungen  des  Erec,  Programm  des  Gymnasiums  Seiten- 
stetten  (Österreich),  58  S.,  1909.  Ich  bin  bezüglich  ihrer  auf  das 
Referat  im  Jahresber  cht  /.  Genn.  Philol.  31  (1911),  7,68  an- 
gewiesen: ,, Vergleicht  Chrestiens  Gedicht  mit  der  afr.  Prosa- 
vorsion und  mit  der  anord.,  mhd.,  keltischen  Überlieferung. 
Daß  eine  eigene  Erecversion  den  nichtfranzösischen  Fassungen 
zu  Grunde  liege,  lehnt  R.  ab;  sie  weisen  auf  einen  nordwest- 
französischen Zweig  der  Überlieferung  Chrestiens,  bezw.  auf  eine 
niederrheinische  Zwischenstufe  zurück/'  Also  wieder  die  als 
unzulässig  erwiesene  Annahme  einer  anderen  handschriftlichen 
Redaktion  Chretiens ! 

Ich  werde  nun  also  in  diesem  Artikel  den  Nachweis  liefern, 
daß  Hartmann  notwendig  noch  eine  zweite, 
von  Chretien  vielfach  abweichende  Erec- 
Erzählung  gekannt  haben  muß,  aus  der  er  nicht 
nur  das  meiste  von  dem,  was  ihm  und  dem  Mabinogi  gegenüber 
Chretien  gemeinsam  ist,  sondern  noch  manches  andere  entnahm, 
und  von  der  unter  diesen  Umständen  vermutet  werden  darf,  daß 
sie  ihm  außerdem  noch  an  manchen  Stellen,  wo  sich  der  Nach- 
weis nicht  erbringen  läßt,  als  Quelle  gedient  hat. 

Eine  neue  Redaktion  des  Urtextes,  eine  Fassung  des 
Erec,  welche  von  der  des  Archetypus  inhaltlich  abwich,  die  Ge- 
schichte stellenweise  anders  erzählte,  als  es  der  Urtext  getan 
hatte,  kann,  wie  ich  oben  gezeigt  habe,  die  hypothetische  ver- 
lorene Quelle  der  uns  erhaltenen  Erec-Udss.  nicht  geboten  haben. 
Wo  immer  deshalb   Hartmann  und  Mabinogi  gemeinsam  nicht 


58  Rudolf  Zenker. 

nur  ein  geringfügiges  Plus  zu  unserer  Erec-Überlieferung,  sondern 
eine  andere  Version  bieten,  als  es  unsere  Hdss.  tun,  da  kann 
ihre  Darstellung  nicht  aus  C  h  r  »'■  t  i  e  n  —  aus  einer  Ursprüng- 
licheres bietenden  verlorenen  Hds.  seiner  Dichtung  — ,  sondern 
nur  aus  einer  von  der  Chretienschen  unabhängigen  Erec-Erzählung 
geflossen  sein,  welche  mit  ersterer  auf  die  gleiche  Quelle  zurück- 
ging. 

Es  soll  zunächst  die  Frage  ins  Auge  gefaßt  werden,  ob  viel- 
leicht die  Quellenberufungen  Hartmanns  irgend  welche 
Indizien  für  die  Annahme  einer  von  ihm.  neben  Chretien  benutzten 
zweiten  Quelle  an  die  Hand  geben. 

Die  Berufungen  auf  die  ihm  vorliegende  Überlieferung,  der 
er  zu  folgen  erklärt,  sind  in  Hartmanns  Erec  sehr  zahlreich;  sie 
wurden  zusammengestellt  von  E  g  g  e  r  t  in  dem  oben  genannten 
Programm  über  Hartmann  S.  14:  es  sind  ihrer  im  ganzen  nicht 
weniger  als  35,  wozu  also  als  36.  der  Verweis  auf  Chretien  in  den 
neuentdeckten  Wolfenbütteler  Fragmenten  kommt.4) 

Die  Berufungen  ergehen:  auf  die  äventiure,  die  wärheit,  auf 
das  rnaere,  das  wäre  maere,  auf  ,,das  Buch",  in  dem  er  es  las, 
wiederholt  aber  auch  einfach  auf  das,  was  „man  sagt",  oder 
sie  bestehen  auch  nur  darin,  daß  der  Dichter  erklärt,  das  und  das 
sei  ,,ihm  nicht  kund",  ,,ihm  nicht  gesagt". 

Tch  gebe  nachstehend,  unter  Verwertung  der  Eggertschen, 
eine  Liste  der  Hartmannschen  Quellenberufungen,  indem  ich  in 
Klammer  beifüge,  auf  was  die  Berufung  sich  bezieht,  und  unter 
„Chretien'*  die  Stelle  verzeichne,  wo  sich  bei  ihm  entsprechendes 
findet,  oder  finden  müßte. 

Hartmann   182  ff.:  Chretien:5) 

sagt  diu  äventiure  war  595  ff. 

(das    letzte    Sperberturnier    hat 
vor  zwei   Jahren  stattgefunden) 

280:  375  ff. 

nach  der  äventiure  zal  fehlt, 

(der     alte     Ritter     trägt     einen 
Schafpelz) 

742:  778  ff. 

als  uns  diu  äventiure  zalt  fehlt. 

(Iders  prächtige   Rüstung) 

1416:  1358. 

so  man  sagt 


(Nichte  des  Herzogs) 


4)  7138,  wie  es  S.  14  u.  statt  7318  heißen  muß:  als  ich  iu  ze  sagen 
weiz,  ist  doch  wol  zu  streichen;  4280  und  4282,  7486  und  7490  stehen 
an  der  gleichen  Stelle. 

5)  Die  Ziffern  sind  für  Chretien  natürlich  andere  als  bei  Eggert,  da 
diesem  die  kritische  Förstersche  Ausgabe  des  Erec  noch  nicht  vorlag. 


Weiteres  zur  Mabinog ionfrage. 


59 


1586: 

so  man  saget 

(Enide     wird     reich     gekleidet) 

1621: 

....    nach  sage    

(Gäweins      untadpliges     Wesen) 

1926: 

als  man  ez  von  der  wärheit  weiz 
(auf  Maheloas'  Glasinsel  herrscht 
niemals     Kälte     noch     Hitze) 

1949: 

so   man   seit 

(die  jungen    Könige  sind  gleich 
gekleidet) 

2093: 

uns  saget  daz  wäre  maere 
(Brian  größer  als  alle) 


1653  f. 


1691  f. 
(entspricht    aber   nur    ganz   im 
allgemeinen) 

1951. 


1964  ff. 
fehlt. 


1998. 


2098: 

sd  saget  man  uns  danne 

(Bllei  der  kleinste  Zwerg) 

2238 : 
nach  der  äventiurc  sage 
(Turnier  zwischen  Tanebroc  und 
Prürin) 


1997. 


2131. 


2722: 

so  man  seit 

(Gäwein  tut  es  stets  allen  zu- 
vor;    folgt    längere     Charakte- 
ristik) 


2224  f. 

(nur:    er  machte    damals   seine 

Sache    gut;    die    Charakteristik 

fehlt) 


2741: 

als  wirz  mit  warheit  haben  ver- 
nomen 

(Gäwein  ein  vollkommener  Rit- 
ter) 


ib. 
fehlt. 


2758: 

wan  man  saget 

(Gäwein    in    Britannien    keiner 

gleich) 


ib. 

fehlt. 


2896: 

nach  der  äventiure  sage 

(Erec    und    Enide    in    Carnant 

freundlich  empfangen) 


2337  ff. 


3298: 

man  saget 

(die    Wegelagerer    bilden    eine 
Gesellschaft  unter  sich. 


2796  ff. 
fehlt. 


60 


Rudolf  Zenker. 


3497: 

des  enist  mir  niht  geseit 
(wem    der    Knabe    Speise    und 
Wein  bringt) 

3684: 

wände  wir  haben  vernomen 

von  dem  gräven  maere 

(der    Graf    von    Natur    bieder, 

aber  die  Minne  bringt  ihn  auf 

Abwege) 

4280: 
ist  uns  wunder  geseit. 

mim    si    danne    gelogen    dar   an 

wir    müezen    siner    geschiht 
ein    michel    teil    verdagen. 
(Guivrets  Persönlichkeit) 

4307: 
dar  umbe  man  noch  von  im  seit 
(Guivret    hat   stets    Glück   ge- 
habt) 

462912: 

alse  uns  Crestiens  sagit 

(Artus   ist   ausgezogen,   um   zu 

jagen) 

5657: 

des  enist  mir  niht  kunt 

(warum  die  beiden  Riesen  Cadoc 

feind  sind) 

6126: 

desn  ist  mir  niht  gezalt 

(warum    der    Graf    durch    den 

Wald  ritt) 

7054: 
ich  enhabe  ius  gesaget 
so  vil  als  ichs  weste 
(alles    auf    V.    4628    Folgende) 

7298: 

des  horte  ich  im  den  meister  jehen 

(die    linke    Seite    von    Emdens 

Rosse  blendend  weiß) 

7461: 
als  uns  der  meister  seite 
(Frauenreitzeug  dem  Pferde  auf- 
gelegt) 

7834: 

als    uns    der    äventiure    zal 

Urkunde  da  von  git 

(Schilderung  der  Burg  Brandi- 

gan 


3129  f. 

(stimmt      nicht     zu     H., 

beides  wird  bei  Gh.  den  Mähern 

des  Grafen  Galoain  gebracht) 

3248  ff. 
fehlt. 


3679  f. 
fehlt     (nur   ganz    kurze    Be- 
merkung, s.  unten  S.  63) 


ib. 
fehlt. 


3945  ff. 


4517  ff. 
(keine  Angabe  darüber) 


4676  ff. 
(kein  Grund  angegeben) 


was  auf  3931  folgt. 


5325: 
fehlt. 


5330  ff. 
(aus    gemachten    Angaben     zu 
erschließen) 

5397  ff. 
fehlt  (in  dieser  Form ;  Hartm. 
macht    ganz    andere    Angaben) 


Weiteres  zur  Mabinogion frage. 


61 


7486:  5316  ff. 

aan  als  mir  da  von  bejach  (die  Schilderung  des  Zelters  ist 

von  dem  ich  die  rede  hän  bei  Hartmann  viel  ausführlicher) 

als     ich    an     sinem    bouche    las 

7892:  5739  ff. 

des  hörte  ich  im  den  meister  jehen  (kann    aus    der    hier   gegebenen 

(der   Baumgarten  der  schönste,  Schilderung  erschlossen  sein) 
den  es  je  gab) 

8200:  fehlt,6)    (müßte    nach    5571 

der  meister  enliege  erwähnt  werden) 

(Palast  der  80  Witween) 

8240:  die  ganze  Episode  fehlt. 

als  ichs  bin  bewiset 
(Tracht  der  80  Witween) 

8697:  5739  ff. 

ob    uns    daz    buoch    niht    liuget  (stimmt  im  allgemeinen) 

(Schilderung  des  Baumgartens) 

9018:  5899. 

als  ich  ez  las 

(rote     Rüstung     Mabonagrains) 

9283 :  5938  ff. 

so  man  seit  fehlt. 

(Erec  hat  in  seiner   Jugend  in 
England  die  Ringkunst  erlernt) 

9722:  6251. 

als  ich  ez  las 

(Emde  und  ihre  Kusine  in  Lalut 
geboren) 

10038 :  Hartmanns  ganzer  Schluß  fehlt 

als  uns  diu  wärheit  von  im  sagt  bei  Chretien. 

(Erecs    Ruhm    übertrifft    alles) 

Diese  große  Zahl  von  Hartmanns  Quellenberufungen  im 
Erec  ist  auffällig  im  Hinblick  auf  die  Tatsache,  daß  sich  im  Iwein, 
von  dem  es  feststeht,  daß  er  allein  aus  Chretien  geschöpft  ist,  — 
den  er  inhaltlich  genau  wiedergibt  —  ihrer  im  ganzen  nur 
vier  finden,  E  g  g  e  r  t  S.  29,  obgleich  diese  Dichtung  nur  ca. 
2000  Verse  weniger  zählt  als  der  Erec  (8166  gegen  10134). 

Die  Liste  zeigt,  daß  in  16  Fällen  die  Berufung  durch  Chre- 
tiens  Text  nicht  zu  begründen  ist,  in  zwei  Fällen  ist  die  Überein- 
stimmung nur  eine  ziemlich  allgemeine,  in  zwei  weiteren  Fällen 
ist  das,  was  H.  sagt,  aus  Gh.  nur  zu  erschließen,  in  einem  Falle 
— 7486  —  steht  bei  Ch.  nur  das  wenigste  von  dem,  was  H.  hat. 

6)  Chretien  entspricht  hier  nicht,  wie  Eggert  meint,  da  der  V.  5559 
bei  ihm  erwähnte  pales  der  Palast  ist,  in  dem  Evrain  selbst  wohnt  und 
in  den  er  Erec  gleich  nach  dessen  Ankunft  führt  =  die  veste  bei  Hartm. 
8188. 


62  Rudolf  Zenker. 

Eggert  zweifelt  nun  nicht,  daß  es  bei  denjenigen  Stellen, 
„wo  die  Züge  durchaus  bestimmt  und  concret  gehalten  sind," 
mit  der  Quellenberufung  seine  Richtigkeit  hat;  Fiktion  der  Quelle 
sei  hier  nicht  anzunehmen:  „Diese  Unsitte,  daß  man,  bloß  um 
sich  ein  größeres  Ansehen  zu  geben,  und  seinen  Mitteilungen  ein 
bedeutendes  Gewicht  zu  verleihen,  fremde  Quellen  vorgibt, 
taucht  erst  weit  später  auf.'"  Er  vermutet  unter  Berufung  auf 
Bartsch,  daß  Hartm.  eine  vollständigere  Hds.  vor  sich  gehabt 
habe.  Die  Schuld  müßte  dann  nach  dem  oben  Gesagten  also  auch 
hier  wieder  auf  das  schon  lückenhafte  Original  unserer  gesamten 
Chr. -Überlieferung  geschoben  werden.  Aber  dann  müßten  in 
diesem  eine  Anzahl  sehr  umfangreicher  Lücken  angenommen 
werden  und  eine  so  weit  gehende  Verstümmelung  des  Original- 
textes zu  einer  so  frühen  Zeit  ist  nach  allem,  was  wir  über  die 
handschriftliche  Überlieferung  der  Artusromane  wissen,  ganz 
unwahrscheinlich. 

Trotzdem  wird  man  aus  Hartmanns  Quellenberufungen  an 
sich  an  Stellen,  wo  bei  ihm  ein  umfangreicheres,  durch  Benutzung 
einer  anderen  Chr. -Hds.  nicht  zu  erklärendes  Plus  vorliegt,  Ver- 
wertung einer  zweiten  Quelle  mit  einiger  Sicherheit  nicht  er- 
schließen können,  da  sich  für  Eggerts  Meinung,  schwindelhafte 
Quellenberufungen  seien  zu  H. 's  Zeit  noch  nicht  üblich  gewesen, 
kaum  der  Beweis  erbringen  lassen  wird,  vielmehr  doch  noch  mit 
der  Möglichkeit  gerechnet  werden  muß,  daß  H.'s  Berufungen  in 
der  Tat  als  solche  zu  bewerten  sind,  daß  er  eigene  Erfindungen 
und  Zusätze  durch  sie  decken  wollte ;  wenigstens  möchte  ich  diese 
Möglichkeit,  an  die  ich  allerdings  selbst  nicht  glaube,  in  Rechnung 
setzen,  da  von  gegnerischer  Seite  voraussichtlich  mit  ihr  operiert 
werden  würde. 

Aber  an  e  i  n  e  r  zu  Chretien  nicht  stimmenden  Stelle  scheint 
mir  die  Berufung  Hartmanns  auf  seine  Quelle  dennoch  keinen 
Zweifel  zu  lassen,  daß  er  hier  wirklich  eine  solche  benutzte  und 
nicht  eigene  Erfindung  durch  Fiktion  einer  Quelle  glaubhaft 
machen  wollte. 

Schon  Eggert  meint,  Hartmann  habe  neben  Chretien  auch 
noch  die  „Sage"  benutzt:  ,,In  einzelnen  dieser  Stellen,  nament- 
lich in  den  ganz  unbestimmten,  wo  es  bloß  heißt:  man  saget, 
ist  es  nicht  immer  nötig,  sie  direkt  auf  die  Vorlage  zu  beziehen, 
vielmehr  eine  Beziehung  auf  die  über  jene  Helden  umlaufende 
Sage  geboten",  wobei  er  also  wohl  nicht  an  mündliche  Fassungen 
gewisser  Episoden  des  Ghretienschen  Romanes  denkt,  sondern 
an  anderweitige  Traditionen  über  einzelne  Personen,  die  in 
dem   Romane  auftreten. 

In  der  Tat  geht  nun  an  einer  Stelle,  wo  der  Ausdruck  be- 
gegnet, —  Eggert  hat  ihr  keine  besondere  Beachtung  geschenkt  — 
aus  der  Art  und  Weise,  wie  Hartm.  sich  ausdrückt,  hervor,  daß 
er  hier  eine  von  Chretien  verschiedene    Quelle 


Weiteres  zur   Mabinogionfragr.  6'J 

benutzt  haben  muß,  die  allenfalls  eine  mündliche 
gewesen  sein  kann.  Es  handelt  sich  um  die  38  Verse  umfassende 
Schilderung  Guivreiz'  des  Kleinen,  V.  4279 — 4316,  der  bei  Chr. 
nur  drei  Verse  gegenüber  stehen : 

De  lui  vos  sai  verite  dire, 
qu'il  estoit  mout  de  eors  peüz, 
mes  de  grant  euer  estoit  hardiz. 

Bei   Hartm.  heißt  es  hier  V.  4279  ff.: 

Von  des  selben  manheit 
ist  uns  wunder  geseit. 
er  was  ein  vil  kurzer  man, 
mirn  si  danne  gelogen  dar  an 


4298  wir  müezen  siner  geschiht 
ein  michel  teil  verdagen. 
man  möhte  vil  da  von  gesagen, 
wan  daz  da  wurde  der  rede  ze  vil: 
da  von  ich  iu  si  kürzen  wil. 

4307  dar  umbe  man  noch  von  im  seit 

Daß  Hartm.  hier  eine  Quelle  fingiert  haben  sollte,  ist  nicht 
denkbar;  denn  welchen  Grund  könnte  er  gehabt  haben,  zu  er- 
klären, er  kürze  die  ihm  vorliegende  Darstellung,  wenn  er  es 
nicht  wirklich  tat?  Auch  macht  die  dreimalige  Quellen- 
berufung: „ist  uns  wunder  geseit",  „mirn  si  danne  gelogen  dar  an"  y 
„dar  umbe  man  noch  von  im  seit",  durchaus  den  Eindruck  der 
Wahrhaftigkeit,  und  die  so  individuell  gehaltene  Angabe,  Guivreiz 
sei  einem  Zwerge  gleich  gewesen,  habe  aber  große  Arme  und 
Beine  und  eine  kräftige,  starke  Brust  gehabt,  4283 — 87,  sieht 
nicht  so  aus,  als  stamme  sie  aus  Hartmanns  eigener  Erfindung. 

Die  Annahme,  Hartmann  habe  eine  ältere,  bessere  Ghr.- 
Hds.  benutzt,  welche  ausführliche  Mitteilungen  über  Guivreiz  ent- 
hielt, ist  unzulässig,  da  die  Stelle  nicht  anders  beurteilt  werden 
kann  als  eine  ganze  Reihe  anderer  umfangreicherer  Plusstellen 
bei  Hartm.,  deren  Ableitung  aus  einer  vollständigeren  Chr.-Hds. 
uns  nötigen  würde,  in  der  Quelle  der  erhaltenen  Chr.-Hdss.  so 
enorme  Lücken  anzunehmen,  wie  sie  sich  in  der  gesamten  hand- 
schriftlichen Überlieferung  der  Artusepik  nicht  nachweisen  lassen. 

Dazu  kommt,  daß  Hartmanns  Darstellung  in  der  Guivreiz- 
Episode  von  der  Chretiens  außerordentlich  stark  abweicht:  Gleich 
zu  Anfang  fehlt  bei  Hartm.  alles,  was  Chretien  V.  3663—3769 
erzählt,  nämlich  daß  Erec  mit  Enide  über  eine  abgemähte  Wiese  an 
eine  Zugbrücke  kommt,  hinter  der  sich  ein  mit  Mauer  und  Graben 
rings  umschlossener  hoher  Turm  befindet,  daß  sie  über  die  Brücke 
reiten,  daß  Guivrez  —  dies  die  Chretiensche  Form  des  Namens  — 
sie  von  dem  Turme  aus  erblickt  und  sich  waffnen  läßt  —  aus- 
führliche Schilderung  — ,  daß  er  ihnen  entgegenreitet  auf  einem 


64  Rudolf  Zenker. 

Roß,  dessen  Hufschlag  die  Kieselsteine  zu  Staub  zermalmt  und 
rings  Funken  entsprühen  läßt,  daß  Enide,  welche  die  drohende 
Gefahr  wieder  zuerst  bemerkt,  in  die  größte  Seelenangst  gerät  und 
in  einem  Monolog  von  26  Zeilen  mit  sich  zu  Rate  geht,  ob  sie 
Erec  warnen  soll,  und,  nachdem  sie  es  getan,  von  Erec  bedroht  wird. 
Bei  Hartm.  wird  V.  4276 — 9  nur  bemerkt,  Erec  sei  in  ein 
unbekanntes  Land  gekommen,  dessen  Heer  ihm  fremd  war,  und 
dann,  nach  der  Schilderung  Guivreiz',  heißt  es  von  Erec  V.  4316: 

Do  er  den  strlt  et  vant, 

dö  wart  im  ir  triuwe  erkant. 

als  si  in  ge  warnet  häte, 

nü  sähen  si  also  dräte, 

in  [sc.  Guivreiz]  dort  zuo  rlten. 

Allerdings  hat  M.  Haupt,  Erec,  Leipzig  1837,  Anm.  zu 
4317  die  Ansicht  ausgesprochen,  es  müsse  hier  in  der  Hds.  eine 
Lücke  vorliegen,  und  Paul,  Beitr.  3,  195  hat  ihm  beigestimmt: 
„Es  mußte  geschildert  werden,  auf  welche  Weise  Erec  mit  dem 
Guivreiz  zusammentrifft,  wie  ihn  Enite  zuerst  erblickt  und  ihren 
Mann  warnt,  was  ausführlich  im  französischen  Text  berichtet 
wird  ....  Nach  der  Überlieferung  ist  es  eine  starke  Zumutung, 
er  in  4318  auf  Erec  zu  beziehen.  Die  Worte  als  si  in  gewarnet 
haete  setzen  doch  wohl  voraus,  daß  diese  Warnung  bereits  erzählt 
worden  ist." 

Mir  scheint  das  aber  keineswegs  sicher.  Da  unmittelbar  vor- 
her Hartm.  erklärt  hat,  er  müsse  einen  großen  Teil  von  Guivreiz' 
Geschichte  verschweigen,  er  wolle  die  Rede  kürzen,  liegt 
es  doch,  meine  ich,  viel  näher,  anzunehmen,  H.  habe  hier,  zu- 
gleich mit  einem  Teile  dessen,  was  seine  Quelle  von  Guivreiz' 
Persönlichkeit  meldete,  auch  ihre  näheren  Angaben  über  das  Zu- 
sammentreffen Erecs  mit  ihm  überschlagen,  und  das  er  V.  4318, 
welches  Paul  beanstandet,  erkläre  ich  daraus,  daß  Hartm.  hier 
eben  seine  ausführlichere   Quelle  vor  Augen  hatte. 

Allerdings  kann  auch  in  diesem  Falle  aus  dem  Fehlen  der 
Angaben,  die  Chr.  zu  Eingang  der  Episode  macht,  ein  Schluß  auf 
Benutzung  einer  anderen  Fassung  der  Episode  durch  Hartm. 
nicht  gemacht  werden. 

Aber  auch  im  Folgenden  weicht  die  Erzählung  Hartmanns 
von  der  Chretiens  wesentlich  ab: 

Es  fehlt  zunächst  bei  Chretien  vollständig  das  52  Zeilen 
umfassende  Gespräch,  das  bei  Hartm.  Guivreiz  vor  dem  Kampfe 
mit  Erec  führt.  Sodann  endet  der  Zweikampf  bei  Hartm.  damit, 
daß  Erec  den  Guivreiz  zu  Boden  schlägt,  V.  4437,  während  Chr. 
3827  ausdrücklich  bemerkt,  Guivrez  sei  nicht  zu  Fall  gekommen: 
bei  ihm  zersplittert  Guivrez'  Schwert,  worauf  dieser  sich  zur 
Flucht  wendet.  Daß  Erec  und  Guivreiz  sich  bei  den  Händen  fassen 
und  zusammen  ins  Gras  setzen,  daß  Enide  ihnen  Schweiß  und 
Blut  abwischt,  Hartm.  4493—4511,  wird  bei  Chr.  3922  ff .  nicht 


Weiteres  zur  Mabinogionfrage.  65 

erwähnt.  Bei  letzterem  3907  lehnt  Erec  die  Einladung  Guivrez* 
ab,  bei  H.  4569  nimmt  er  sie  an,  und  der  Besuch  auf  Guivrez' 
Schlosse  wird  dann  in  50  Versen  geschildert,  V.  4579 — 4628, 
während  bei  Chr.  beide  sich  sofort  wieder  trennen. 

Diese  weitgehenden  Differenzen  legen  den  Gedanken  sehr 
nahe,  daß  Hartm.  in  der  ganzen  Guivreiz-Episode  einer  anderen 
Quelle  folgt,  oder  daß  er  doch  neben  Chr.  noch  eine  solche 
verwertet  hat.  In  jedem  Falle  dürfen  wir  es  im  Hinblick  auf  das 
oben  Bemerkte  als  ziemlich  sicher  betrachten,  daß  es  mit  Hart- 
manns Berufung  auf  eine  ihm  vorliegende  ausführlichere  Über- 
lieferung über  Guivreiz,  die  er  abkürzt,  seine  volle  Bichtigkeit 
hat,  und  daß  er  zum  mindesten  seine  Schilderung  von  dessen 
Persönlichkeit  aus  ihr  entnimmt.  Diese  Quelle  war  dann  aber 
gewiß  keine  andere,  als  eine  ihm  bekannte  zweite  Fassung  eben 
der  vorliegenden  Episode.  Ist  dem  so,  dann  besteht  kein  Grund, 
zu  bezweifeln,  daß  Hartm.  auch  in  anderen  Fällen,  wo  er  sich  auf 
ihm  gewordene  Mitteilungen,  auf  das,  was  „man  sagt",  beruft, 
und  wo  Chr.  Entsprechendes  nicht  hat,  abgesehen  von  den  Fällen, 
wo  es  sich  nur  um  ein  geringes  Plus  gegenüber  Chr.  handelt, 
das  er  möglicher  Weise  aus  einer  älteren,  besseren  Hds.  haben 
könnte,  wirklich  aus  einer  anderen  Erec-Erzählung  oder  solchen 
Erzählungen  geschöpft  hat. 

Es  läßt  sich  also  wenigstens  in  diesem  einen  Falle  schon  aus 
der  Form  von  Hartmanns  Quellenberufung  der  Schluß  ziehen, 
daß  seine  Darstellung  sich  nicht  allein  auf  Chretien  gründen  kann. 
Daß  das  Gleiche  an  anderen  Stellen,  wo  er  wesentlich  über  Chr. 
hinausgeht,  aus  anderweitigen  Gründen  gefolgert  werden  muß, 
wird  später  gezeigt  werden. 

In  allen  übrigen  Fällen  aber,  wo  Eggert  Verwertung  der  Sage 
durch  Hartm.  annimmt,  möchte  ich,  da  ich  ganz  sicher  zu  gehen 
und  allen  etwa  möglichen  Einwänden  von  vornherein  zu  be- 
gegnen wünsche,  a  priori  die  Möglichkeit  nicht  völlig  aus- 
schließen, daß  er  seine   Quelle  nur  fingiert  hat. 

Ich  wende  mich  nunmehr  dem  Vergleich  Hartmanns 
mit  dem  kymrischen  Mabinogi  zu  und  werde,  indem  ich 
dem  Gange  der  Chretienschen  Erzählung  folge,  alle  von  Dreyer, 
Hagen  und  Piquet  aufgezeigten  Stellen,  wo  Hartmann  und  das 
Mabinogi  gegen  Chretien  übereinstimmen,  anführen,  werde  ihnen 
noch  eine  Anzahl  bisher  nicht  beachteter  Stel- 
len, die  ich  mit  einem  Sternchen  versehe,  hinzu- 
fügen und  werde  in  jedem  einzelnen  Falle  untersuchen: 

1.  ob  die  Übereinstimmungen  sich  erklären  lassen  durch  die 
Annahme  eines  zufälligen  Zusammentreffens  zweier  Bearbeiter, 
für  die  es  nahe  lag,  in  Chretiens  Darstellung  das  Gleiche  zu  be- 
anstanden und  es  in  gleicher  Weise  abzuändern; 

Ztsclir.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.   XLV'/J.  5 


»>»i  Rudolf  Zenker. 

2.  i»b  sie  sich  erklären  lassen  durch  die  von  Förster  ad 
hoc  aufgestellte  Hypothese,  es  möchten  alle  uns  erhaltenen  Hdss. 
des  Chretienschen  Erec  zurückgehen  auf  ein  gemeinsames,  schon 
fehlerhaftes  Original,  welches  eine  bessere,  teilweise  vollständigere 
Hds.  zur  Vorlage  gehabt  hatte,  und  der  Erec  Hartmanns  sowie 
das  Mabinogi  seien  aus  einer  Hds.  des  letzteren  Typus  geflossen, 
welche  an  den  in  Frage  kommenden  Stellen  von  dem  gemein- 
samen Original  der  erhaltenen  Chretien -Handschriften  abwich, 
bessere,  ursprünglichere  Fassungen  bot. 

Ich  gebe  zu  — wie  ich  das  schon  früher  ausgesprochen  habe  — , 
daß  mit  der  Möglichkeit  der  Existenz  einer  solchen  älteren,  bis- 
weilen Ursprünglicheres  bietenden  Am-Hds.  gerechnet  werden 
muß.  Aber  ich  wiederhole:  es  ist  bei  dem  Operieren  mit  dieser 
Hypothese  aufs  entschiedenste  daran  festzuhalten,  daß  durch 
sie  Differenzen  bei  Hartmann  und  im  Mabinogi  gegenüber  Chretien 
nur  dann  erklärt  werden  können,  wenn  es  genügt,  an  der  be- 
treffenden Stelle  in  ihrer  Quelle  ein  Plus  oder  Minus  von  einem 
Verspaar  oder  einer  geringen  Anzahl  von  Versen  anzunehmen;  wo 
immer  das  Zusammengehen  der  beiden  Texte  in  ihrer  Vorlage  eine 
von  der  des  überlieferten  Chretien-Textes  inhaltlich  abweichende 
Darstellung  fordert,  da  kann  diese  Vorlage  nicht  eine  bessere, 
vollständigere  Chretien-Hds.  gewesen  sein,  sondern  nur  eine  von 
Chr.  unabhängige  Erec-Erzählung,  weil,  wie  oben  S.  54  ff.  dargelegt 
wurde,  Verschiedenheiten  im  Gang  der  Erzählung  sich  eben  in 
der  handschriftlichen  Überlieferung  von  keinem  der  Chretienschen 
Romane  nachweisen  lassen  und  demzufolge  auch  nicht  ange- 
nommen werden  kann,  daß  solche  Verschiedenheiten  in  einer 
verlorenen  Handschrift  zu  finden  gewesen  sein  sollten. 

Nach  diese  ii  prinzipiellen  Bemerkungen  beginne  ich  mit 
der  Prüfung  der  in  Betracht  kommenden  Konkordanzstellen. 

Ich  benutze  das  Mabinogi  in  der  Übersetzung  von  J.  L  o  t  h  , 
Les  Mabinogion,  trad.  du  gallois  etc.  Edition  entieremmt  revue, 
corrigce  et  augmenlee,   II,  Paris   1913. 

1.  Hartmann  und  das  Mabinogi  führen  erst  Erecs  Abenteuer 
mit  Yder  und  dem  Zwerge  zu  Ende,  bevor  sie  —  H.  1098  ff., 
M.  S.  139  —  den  Bericht  über  den  Verlauf  der  Jagd  und  die  Rück- 
kehr des  Hofes  bringen,  während  Chretien  den  letzteren  mitten 
in  jenes  Abenteuer,  V.  275 — 341,  gleich  da,  wo  Erec  sich  von  der 
Königin  trennt,  einfügt.     Dreyer  no.  4,  Hagen  S.  463. 

Hierüber  wurde  schon  diese  Zs.  42 a,  32  gehandelt:  es  liegt  der 
Fall  vor,  daß  zwei  Bearbeiter  unabhängig  von  einander  geändert 
haben  könnten,  indem  beide  die  Unterbrechung  der  Erzählung 
von  Erecs  Abenteuer  als  störend  empfanden.  Trotzdem  verdient 
im  Hinblick  auf  die  sonstigen  Übereinstimmungen  der  beiden 
Texte  gegenüber    Chretien  ihr  Zusammengehen  auch  in  diesem 


Weiteres  zur  Mabinogionfrage,  67 

Punkte  Beachtung,  und  in  Wirklichkeit  wird  es  sich  aus  einer 
gemeinsamen  Quelle,  die  nicht  Chretien  war,  erklären,  aber 
Beweiskraft  für  die  Annahme  einer  solchen  Quelle  besitzt  es  an 
sich  nicht. 

2.  Erecs  Eintreffen  bei  dem  alten  Ritter  (vavassor ).  Dreyer 
n»».  1,  Piquet  no.  I;  beide  verzeichnen  die  Hartmann  und  dem 
Mabinogi  gemeinsamen  Züge  hier  noch  nicht  vollständig. 

Bei  Chretien  v.  342  ff.  wird  Erecs  Ankunft  folgendermaßen 
erzählt: 

Erec,  dem  Ritt*  r  Vder  und  seinem  Zwerge  nachreitend,  kommt 
in  einen  Burgflecken  (un  chastel),  in  dessen  Straßen  ein  festliches 
Treiben  herrscht;  Erec  sieht  den  Ritter,  der  von  den  Einwohnern 
freudig  begrüßt  wird,  in  einer  Herberge  verschwinden.  Er  selbst  reitet 
noch  etwas  weiter  und  erblickt  nun  durch  ein  offenes  Tor,  das  in  einen 
ärmlich  aussehenden  Hof  führt,  auf  einer  Treppe  (sor  uns  degrez)  einen 
bejahrten  Ritter  liegen.  Er  reitet  in  den  Hof  hinein,  der  Ritter  eilt 
ihm  entgegen  und  fordert  ihn  freundlich  auf,  bei  ihm  Herberge  zu 
nehmen. 

Von  dieser  Darstellung  unterscheidet  sich  sowohl  die  Hart- 
manns als  die  des  Mabinogi  in  folgenden  Punkten: 

a*.    Es  wird  geschieden   zwischen  dem  Marktflecken,  bezw. 
der  Stadt  und  einem  über  dem  Marktflecken,  bezw.  am  Ende 
der  Stadt  gelegenen  Schlosse: 
Hartmann   V.  222  f.: 

ein  market  under  dem  hüse  lac: 
da  kom  er  geriten  in. 

Im  nächsten  Verse  wird  das  ,,hüs''  ,,die  burc'  genannt. 

Mabinogi  S.   129: 

Ils  marcherent  ....  jusqu'  ä  une  ville  forte.  Ils  apercurent, 
vers  l'extremite  de  la  ville,  des  remparts  et  un  chäteau  et  se  dirigerent 
de  ce  cöte. 

b*.  Es  wird  ausdrücklich  bemerkt,  der  Ritter  sei  in  dem 
Schlosse  eingekehrt,  während  wir  bei  Chretien  nur  erfahren,  daß 
er  irgendwo  Herberge  fand : 

Hartm.  V.   173  ff.: 

Nu  sach  er  wä  gegen  im  schein 
ein  hüs  anheizen  Tulmein 


da  reit  der  ritter  vor  im  in. 

Mab.  S.  130:  Le  Chevalier,  la  femme  ä  cheval  et  le  nain  se  rendirent 
au  chäteau. 

c*.  Der  Ritter  wird  in  dem  Schlosse  freudig  empfangen, 
während  bei  Chretien  nur  davon  die  Rede  ist,  daß  die  Leute  in 
den  Straßen  des  Ortes  ihn  willkommen  heißen :  Hartm.  V.  177  ff., 
Mab.  S.  130. 

d.  Erec  findet  den  alten  Ritter,  bei  dem  er  Herberge  nimmt, 
nicht,  wie  bei  Chr.,  i  n  der  Stadt,  sondern  etwas  abseits 
vor  oder  in  einem  alten  verfallenen  Gebäude: 

5* 


68  Rudolf  Zenker. 

Hartra.  V.  249: 

Nu  reit  er  also  wiselös, 

unz  daz  er  verre  vor  im  kos 

ein    altez    gemiure. 

Er  schlägt  den  Weg  nach  diesem  ein  und  findet  in  ihm  den  alten 
Ritter. 

Mab.  S.  130: 

II  jeta  les  yeux  autour  de  lui  et  apercut,  ä  quelque  distance  de 
la  ville,  une  vieille  cour  tombant  en  ruines  et  t  oute 
percöe  de  trous.  Comme  il  ne  connaissait  personne  en  ville, 
il  se  dirigea  de  ce  cöte. 

Der  alte  Ritter  sitzt  auf  eim-r  Marmorbrücke  vor  dem  Hause. 
Dreyer  no.  1,  Piquet  no.   1. 

S.  über  diesen  Punkt  Förster,  Lancelot  S.  CXL1V.  Er  äußert 
sich  aber  hinsichtlich  der  Bedeutung,  die  er  der  Übereinstimmung 
Hartm. "s  mit  dem  Mab.  beimißt,  sehr  unklar:  er  gibt  zu,  daß  der 
Zug  nicht  überflüssig  sei,  vielmehr  erwarte  jeder,  „daß  dies  Haus 
des  Vavasors,  dessen  Armut  so  nachdrücklich  betont  wird,  in 
einer  entsprechenden  Verfassung  erwähnt  wird";  „entscheidend" 
aber  werde  [nämlich  dafür,  daß  es  sich  nicht  einfach  um  eine 
Abänderung  des  uns  vorliegenden  Textes  Chr/s  handelt]  „nur 
das  Zusammentreffen  des  Mab.  mit  Hartm."  Gleich  nachher 
aber  bemerkt  er,  bei  allen  diesen  Fällen  bestehe  „noch  immer 
die  Wahrscheinlichkeit,  daß  es  Zusätze  irgend  eines  bedacht  und 
konsequent  in  dieser  Richtung  seine  Beobachtungen  oder  Einfälle 
an  passenden  Orten  einschiebenden,  etwas  selbständigeren  Schrei- 
bers sind". 

e*.  Erec  bittet  den  Alten  um  Herberge,  oder  genauer  —  so 
übereinstimmend  Hartm.  und  Mab.  —  :  er  erklärt  ihm,  er  bedürfe 
der  Herberge,  worauf  jener  ihn  auffordert,  bei  ihm  zu  bleiben 
(Hartm.  V.  300  ff.,  Mab.  S.  130),  während  bei  Chr.  384  ff.  der  Alte 
Erec  gar  nicht  zu  Wort  kommen  läßt,  sondern  ihm  sofort  ent- 
gegeneilt und  ihn  einlädt.  Es  kommt  hinzu,  daß  bei  Hartm.  und 
im  Mab.  ausdrücklich  hervorgehoben  wird,  wie  peinlich  es  Erec 
ist,  in  dieser  Weise  um  ein  Nachtquartier  bitten  zu  müssen:  bei 
Hartm.  hören  wir  v.  302: 

diu  bete  machte  in  schamrot, 
und  wenn  es  im  Mab.  heißt: 

Gereint  le  regarda  fixement  longtemps.  „Valet",  dit  le  vieillard, 
„ä  quoi  songes-tu?"  —  „Je  suis  songeur,"  repondit  Gereint,  „parce  que 
je  ne  sais  oü  aller  cette  nuit", 

so  kann  das  doch  nur  so  verstanden  werden,  daß  Erec  es  nicht 
über  sich  gewinnen  kann,  seine  Bitte  anzubringen,  —  er  wartet, 
bis  er  angesprochen  wird. 

Diese  fünf  ganz  speziellen  Übereinstimmungen,  von  denen 
die  unter  d  offenbar  die  bedeutsamste  ist,  stehen  unter  einander 
in  gar  keinem  Causalnexus,  die  eine  wird  nicht  durch  die  andere 


Weiteres  zur  Mabmogionfrage.  69 

gefordert  oder  auch  nur  nahe  gelegt,  sie  werden  ebensowenig 
durch  Chretiens  Darstellung  nahe  gelegt,  auch  die  unter  d  nicht, 
wonach  der  Ritter  in  einem  verfallenen  Gebäude  wohnt, 
denn  wenn  er  auch  bei  Ch.  als  a  r  m  geschildert  wird,  so  pflegen 
doch  auch  arme  Leute  nicht  gerade  in  verfallenen  Häusern  zu 
wohnen;  die  Übereinstimmungen  lassen  sich  ebensowenig  erklären 
durch  Benutzung  einer  älteren  Chretien-Hds.  durch  Hartm.  und 
den  Kymren,  denn  sie  haben,  ausgenommen  allein  die  unter  d, 
zur  Voraussetzung  nicht  ein  Plus  von  ein  paar  Versen,  sondern 
eine  wirkliche  Verschiedenheit  der  Darstellung  von  der,  welche 
alle  Hdss.  Ch.'s  bieten.  Die  wichtigste  Übereinstimmung,  d,  ließe 
sich  allerdings  als  ein  Plus  gegenüber  H.-M.  in  einem  Verspaar 
zwischen  V.  374  und  375  anbringen.  Daß  aber  auch  sie  in  einer 
älteren  Chretien-Hds.  nicht  gestanden  haben  kann,  zeigt  die 
Schilderung,  die  Chr.  V.  479 — 500  von  der  splendiden  Bewirtung 
gibt,  die  Erec  bei  dem  vavassor  zu  Teil  wird.  Denn  ein  solches 
Festmahl,  bei  dem  man  auf  Steppdecken  und  Teppichen  sitzt, 
würde  doch  in  einem  alten  Gemäuer  undenkbar  sein,  der  Wider- 
spruch wäre  ein  zu  krasser,  als  daß  Chr.  ihn  sich  hätte  zu  Schulden 
kommen  lassen  können.  Umgekehrt  würde,  vorausgesetzt,  Chr. 
habe  die  Version  H.-M.'s  vor  sich  gehabt,  jene  Schilderung  ver- 
ständlich machen,  warum  d  bei  Chr.  fehlt.  Da  es  nun  ganz 
unglaublich  ist,  daß  zwei  von  einander  unabhängige  Bearbeiter 
Chretiens  durch  reinen  Zufall  in  all  diesen  Änderungen  zusammen- 
getroffen sein  sollten,  so  ist  für  die  ganze  Stelle  Chr.  als  Quelle 
Hartm. 's  und  des  Mab.  vollkommen  ausgeschlossen,  vielmehr 
müssen  beide  hier  geschöpft  haben  aus  einer  Erec-Erzählung, 
welche  nicht  die  Chretiens  war. 

Wer  die  drei  Texte  hier  vorurteilsfrei  mit  einander  vergleicht, 
wird  auch  zugeben,  daß  die  Darstellung  Chretiens  —  wie  so  oft  — 
undeutlich,  verwaschen,  die  Hartmanns  und  des  Mabinogi  hin- 
gegen vollkommen  klar  und  präzise  ist: 

Der  Ritter  kehrt  in  irgend  einer  Herberge  ein,  —  bei  Hartm. 
und  im  Mabinogi  in  der  Burg,  die  am  Ende,  bezw.  oberhalb  des 
Ortes  liegt;  Erec  erblickt  den  Alten  „auf  einer  Treppe",  —  bei 
Hartm.  und  im  Mab.:  in,  bezw.  vor  einem  alten,  verfallenen 
Gebäude,  welches  etwas  abseits  außerhalb  des  Ortes  liegt. 

Nehmen  wir  an,  die  Darstellung  von  H.  und  M.  sei  bezüg- 
lich der  fünf  in  Rede  stehenden  Punkte  hier  die  ursprüngliche  und 
auch  in  Chr.'>  Quelle  vorhanden  gewesen,  so  würden  sich  die 
Abweichungen  des  letzteren  teils  —  a,  6,  c,  —  als  Folge  von 
flüchtiger  Lektüre  der  Vorlage  oder  von  ungenauer  Erinnerung, 
teils  —  d,  e  —  als  bewußte  Änderungen  unschwer  erklären  lassen: 
obgleich  nämlich  Chretien  die  Armut  des  Vavassor  wiederholt 
hervorhebt,  ist  es  ihm  doch  offenbar  darum  zu  tun,  die  Lebens- 
haltung des  künftigen  Schwiegervaters  seines  Helden,  eines  Königg- 
sohnes,  noch  als  einigermaßen  anständig  erscheinen  zu  lassen 


70  Rudolf  Zenker. 

und  diesem  selbst  nichts  zuzumuten,  was  seiner  Würde  nicht 
entsprechen  würde;  deshalb  gibt  er  ihm  einen  Diener,  deshalb 
läßt  er  ihn  seinen  Gast  aufs  herrlichste  traktieren.  Dazu  stimmte 
nun  aber  ein  „altes  Gemäuer"  als  Behausung  nicht,  es  erschien 
ihm  als  eine  Herabwürdigung  des  trefflichen  Alten.  Und  mit 
Erecs  Vornehmheit  vertrug  es  sich  in  seinen  Augen  nicht,  daß 
er  um  Herberge  bettelte,  —  das  Erröten  vor  Scham  glaubte  er  ihm 
ersparen  zu  müssen.  Aus  diesen  Gründen  eliminierte  er 
das  alte  Gemäuer  und  ließ  er  den  Alten  mit  seiner  Einladung 
Erecs  Bitte  um  Herberge  zuvorkommen. 

Hartmann  und  das  Mabinogi  haben  weiter  folgende  Züge 
gegen  Chretien  gemein: 

3.  Die  Armut  des  Ritters  ist  konsequent  durchgeführt: 
Hartm.  307  ff.,  Mab.  S.  130  ff.;  er  hat  keinen  Diener,  Hartm.  349, 
Mab.  S.  131.  Bei  Chr.  393  ff.  besteht  ein  greller  Widerspruch 
zwischen  der  mehrmaligen  Betonung  der  Armut  des  Ritters, 
V.  376,  510,  der  ärmlichen  Kleidung  seiner  Tochter,  V.  402  ff., 
und  der  vom  Dichter  gegebenen  Schilderung  seiner  Häuslichkeit; 
bei  ihm  ist  auch  ein  Diener  vorhanden.     Piquet  no.  2. 

V.  365  ff.  heißt  es  bei  Hartm.: 

„Für  den  Gast  wurde  gesorgt,  so  gut  als  sie  es  vermochten;  gute 
ausgebreitete  Teppiche  und  darauf  gelegt  kostbares  Bettzeug  von 
dem  besten,  das  es  gibt,  mit  Samt  bezogen,  reichlich  mit  Gold  geziert, 
dergestalt,  daß  ein  Mann  das  Bett  nicht  hätte  aufheben  können,  und 
er  es  nur  mit  Hilfe  von  drei  anderen  hätte  hinlegen  können,  und  darüber 
gebreitet,  wie  es  großen  Herren  zukommt,  eine  Steppdecke  von  Seide, 
reich  und  bunt  gemustert,  —  diewaren  in  dem  Hause  abends 
gar  teuer  (d.  h.  nicht  vorhanden):  sie  boten  wohl  gutes  Stroh: 
darüber  genügte  ihnen  ein  schlichtes  Bett:  das  bedeckte  ein  weißes, 
leinenes  Laken.  Auch  gab  es  da  ritterliche  Speise:  alles  Gute,  was  ein 
kluger  Mann  in  seinem  Sinn  erdenken  könnte,  das  hatten  sie  in  Über- 
fülle und  alles,  was  zur  Bewirtung  gehört,  aber  man  trug  es 
nicht  auf  den  Tisch.  Der  gute  Wille  mußte  ge- 
nügen, den  man  da  im  Hause  fand:  denn  er  ist  ein 
Unterpfand  aller  Güte." 

Im  Mab.  S.  131  hat  der  Alte  entweder  überhaupt  keine  Speisen 
im  Hause  oder  doch  keine,  die  er  seinem  Gaste  vorsetzen  möchte.  Er 
schickt  deshalb  seine  Tochter  in  die  Stadt,  damit  sie  das  beste  Mahl 
hole,  das  sie  bekommen  könne.  Das  Mädchen  bringt  dann  einen  Krug 
mit  Honig,  ein  Kalbsviertel  und  zwei  Schnitten  Brod :  „für  etwas 
Besseres  würde  man  ihr  keinen  Kredit  gegeben  haben."  Gereint  meint 
aber,  dies  genüge  ihm. 

Bei  Chretien  wird  die  Abendmahlzeit  V.  479  ff.  folgendermaßen 
geschildert: 

„Steppdecken  und  Teppiche  waren  über  die  Betten  ausgebreitet, 
auf  die  die  drei  sich  setzten  ....  Der  Ritter  hatte  nur  einen  Diener, 
weder  Zimmermädchen  noch  Dienerin.     Dieser  richtete  in  der  Küche 


Weiteres  zur  Mabinogionfrage.  7! 

für  das  Abendessen  Fleisch  und  Vögel  ....  Gar  gut  und  sehneil 
wußte  er  herzurichten  Fleisch  im  Wasser  und  Vögel  auf  dem  Rost .... 
Tische  und  Tischtücher.  Brot  und  Wein  wurden  rasch  beschafft  und 
gebracht,  dann  hat  man  sich  zum  Abendessen  niedergesetzt.  Alles 
was  sie  brauchten,  hatten  sie  nach  Wunsch  (Trestot,  quanque  mestiers 
lor  fu,  Ont  a   Inr  \olante  eu). 

Also  alles,  was  bei  Hartm.  nur  in  der  „Idee"  vorhanden  ist, 
das  ist  hier  herrliche  Wirklichkeit!  Während  im  Mab.  ein  ein- 
faches Mal  aus  der  Stadt  beschafft  werden  muß,  hat  man  hier 
Fleisch,  Geflügel  d.  h.  den  feinsten  Braten,  den  es  gibt,  Brot  und 
Wein  in  Fülle  im  Hause,  dazu  einen  eigenen  Koch! 

Durch  die  Annahme  einer  älteren  Chr.-Hds.  als  Quelle  H.-M.'s 
ist  hier  nichts  zu  erklären,  denn  Verschiedenheiten  der 
Darstellung,  wie  eine  solche  hier  vorgelegen  haben  müßte,  be- 
gegnen eben  in  Chr.-Hds.  nirgends,  dürfen  also  auch  für  jene 
hypothetische  ältere   Hds.  nicht  angesetzt  werden. 

Dagegen  könnte  man  nun  allerdings  einwenden,  -  wie 
Förster,  Lancelot  S.  CXLV,  Anm.  bezüglich  des  bei  Chr.  vor- 
handenen Diners  tut7)  — -,  die  Inkonsequenz  Chr. 's  sei  eben  von 
zwei  verschiedenen  Bearbeitern  bemerkt  und  beseitigt  worden. 
Dagegen  wäre  zu  sagen,  daß  stets  die  größere  Wahrscheinlichkeit 
dafür  spricht,  die  objektiv  bessere,  widerspruchsfreie,  logisch 
konsequente  Darstellung  sei  gegenüber  der  objektiv  schlechteren, 
in  sich  widersprechenden  die  ursprüngliche,  als  es  sei  umgekehrt 
die  letztere  aus  jener  durch  bewußte  Änderungen  begabter  Be- 
arbeiter hervorgegangen.  Und  sollen  wir  glauben,  daß  unabhängig 
von  einander  zwei  Bearbeiter  sowohl  die  feinen  Gerichte  als  auch 
den  Diener  entfernten,  obwohl  doch  der  letztere  auch  bei 
einem  verarmten  Ritter  durchaus  nicht  in  dem  Maße  unwahr- 
scheinlich ist,  daß  notwendig  der  Leser  an  ihm  Anstoß  nehmen 
muß? 

Für  die  Unursprünglichkeit  von  Chretiens  Darstellung  spricht 
auch  der  Umstand,  daß  bei  ihm  trotz  des  zur  Verfügung  stehenden 
Dieners,  ganz  wie  bei  Hartm.  und  im  Mab.,  die  Tochter  des  alten 
Ritters,  Enide,  Erecs  Pferd  besorgen  muß,  obgleich  doch  vor 
allem  dies,  mehr  als  das  Kochen,  das  er  verrichtet,  die  Sache  des 
Knechtes  gewesen  wäre.  Es  ist  dies  also  in  unserer  Episode  eine 
zweite  Inkonsequenz  Chretiens,  der  offenbar  Enide  als  Pferde- 
wärter in  seiner  Quelle  vorfand,  den  Diener  aber  selbst  einführte, 
und  es  unterließ,  diesen  nun  auch,  wie  er  vernünftigerweise  hätte 
tun  müssen,  mit  der  Besorgung  des  Pferdes  zu  betrauen. 


")  Es  ist  ein  Irrtum,  wenn  F.  hier  meint,  auch  das  Mab.  habe  6.  121 
(=  131  der  2.  Aufl.)  den  Diener,  obgleich  es  ihn  vorher  geleugnet  hatte. 
Es  ergibt  sich  aus  der  Darstellung  des  M.  mit  voller  Deutlichkeit,  daß 
es  sich  nicht  um  einen  Diener  des  Vawssor  handelt,  sondern  um  einen, 
der  Enide  aus  der  Stadt  mitgegeben  wird,  wo  sie  Einkäufe  gemacht 
hat:   Elle   revint  bientöt  accompagnee  cTun  serviteur. 


72  Rudolf  Zenker. 

Ich  glaube,  wir  dürfen  mit  allergrößter  Wahrscheinlichkeit 
behaupten,  daß  die  Darstellung  Hartmanns  und  des  Mab.  hier 
die  ursprüngliche  und  die  des  französischen  Dichters  aus  dem  unter 
der  vorigen  Nummer  geltend  gemachten  Grunde  aus  ihr  abge- 
leitet sein  muß. 

4.  Erec  erzählt  bei  Hartm.  und  im  Mab.  dem  alten  Ritter, 
wie  er  von  Yder  beschimpft  worden  ist,  während  er  bei  Chr.  sich 
auf  die  Bemerkung  beschränkt,  er  „könne  ihn  nicht  leiden". 
Dreyer  no.  2,  Piquet  no.  3. 

Hartm.  474  ff.,  Mab.  S.  133;  Chr.  hat  602    ff.  nur: 

„Cel  Chevalier,  je  ne  l'aim  pas. 
Sachiez,  se  je  armes  avoie, 
L'esprevier  li  chalangeroie." 

5.  über  diese  Stelle  dieseZs.  421,  57,  wo  ich  schon  ausgesprochen 
habe,  daß  ich  ihr  kein  Gewicht  beilegen  will,  da  hier  in  der  Tat 
die  von  Förster,  Lancelot  S.  CXLV,  Anm.  vorgeschlagene  Er- 
klärung durch  die  Annahme  des  Ausfalls  einiger  Verse  zwischen 
602  und  603  in  den  erhaltenen  Hdss.  möglich  ist. 

5.  Erec  bekommt  von  dem  alten  Ritter  bei  Hartm.  einen 
alten,  schweren  und  breiten  Schild,  einen  unbehilflich  großen 
Speer,  er  und  sein  Roß  sind  halb  unbedeckt,  im 
Mab.  ist  er  angetan  „lui  et  son  ckeval,  d 'armes  lourdes,  rouillees, 
sans  valeur" ,  dagegen  wird  er  bei  Chr.  aufs  herrlichste  aus- 
gerüstet, der  alte  Ritter  erklärt  ihm  V.  613  ff.: 
, .Armes  beles  et  buenes  ai 


Leanz  est  li  haubers  tresliz, 

Qui  antre  eine  canz  fu  esliz. 

Ghauces  ai  mout  buenes  et  chieres, 

Cleres  et  beles  et  legieres. 

Li  hiaumes  est  et  bruns  et  biaus, 

Et  li  eseuz  fres  et  noviaus." 

Piquet  No.   4. 

Auch  über  diese  von  Förster,  Lancelot  S.  CXLV — CXLIX 
und  kl.  Erec  S.  XXIX  besprochene  Stelle  wurde  schon  Zur  Mabino- 
gionfrage  S.  37 — 40 und  diese  Zs.  42 l,  33 ff.  gehandelt;  es  genügt,  auf 
das  dort  Gesagte  zu  verweisen.  Es  ist  ganz  unwahrscheinlich,  daß 
zwei  von  einander  unabhängige  Bearbeiter  hier  Chretiens  Dar- 
stellung in  genau  der  gleichen  Weise  geändert  haben  sollten,  viel- 
mehr haben  beide  offenbar  die  alten  schlechten  Waffen  schon 
in  ihrer  Vorlage  gefunden,  und  da  letztere  zu  der  Armut  des  alten 
Ritters  stimmen,  muß  die  Version  Hartmanns  und  des  Mabinogi 
als  die  ursprüngliche  betrachtet  werden:  Chretien  änderte,  weil 
er  seinen  Helden  nicht  in  solch  jämmerlicher  Rüstung  zum  Streit 
ausziehen  lassen  wollte.  Die  Differenz  zwischen  Chretien  einer- 
seits, Hartm.  und  Mab.  andererseits  erklärt  sich  also  wieder  un- 
gezwungen  durch   Chr. 's    Rücksichtnahme   auf  den   Geschmack 


Weiteres  zur   M ab inogion frage. 


73 


seines  feinen,  höfischen  Publikums,  bei  dem  ein   Königssohn  in 
alten  rostigen  Waffen  Anstoß  erregt  haben  würde. 

6.  Der  Zweikampf  zwischen  Erec  und  Yder,  Hartm.  754  ff., 
Mab.  S.   133  ff.,  Chr.  863  ff. 

Hartm.  und  Mab.  stimmen  gegenüber  Chr.  in  folgenden 
vier  Zügen  überein: 

a*.  Bei  Hartm.  und  im  Mab.  brechen  Erec  und  Yder  eine 
ganze  Reihe  Lanzen,  bei  Chr.  findet  nur  e  i  n  Gang  mit  der  Lanze 
statt ; 

b*.  Erec  wirft  seinen  Gegner  mit  der  besonders  starken,  bis 
zuletzt  aufgesparten  Lanze  seines  Schwiegervaters  aus  dem  Sattel, 
während  bei  Chr.  die  ihm  von  seinem  Schwiegervater  gelieferte 
Lanze  im  ersten  Gang  sofort  zersplittert; 

c.  Yder  allein  stürzt  aus  dem  Sattel,  während  bei  Chr. 
Erec  das  Gleiche  passiert;  Piquet  no.  5.,  Dreyer  no.  3. 

d*.  Erec  steigt  ab,  um  zu  Fuß  mit  dem  Schwert  weiter 
zu  kämpfen.     Piquet  no.  5. 

S.  über  die  ganze  Szene  wieder  diese  Zs.  421,  35  ff.  Die  Über- 
einstimmung Hartmanns  und  des  Mab.  in  den  angeführten  vier 
Zügen  läßt  sich  weder  durch  zufälliges  Zusammentreffen  zweier 
Bearbeiter  Chr. 's  erklären,  da  nichts  bei  Chr.  diese  Änderung 
nahe  legt,  noch  auch,  im  Hinblick  auf  das  schon  oben  Bemerkte, 
durch  Benutzung  einer  älteren  Chr.-Hds.  durch  die  Bearbeiter, 
vielmehr  erweist  sie  mit  Sicherheit  hier  für  Hartm.  und  Mab.  eine 
Quelle,  welche  nicht  Chretien  war. 

Förster,  Lancelot,  S.  CXLV,  Anm.  erwähnt  nur  c  und  nimmt 
hier  wieder  eine  Lücke  in  unseren  Hdss.  an. 

7*.  Erec  gewinnt  die  Kraft  zu  dem  letzten  gewaltigen  Streich, 
mit  dem  er  seinen  Gegner  zu  Boden  streckt,  endlich  durch  die 
Erinnerung  an  die  ihm  und  der  Königin  von  dem  Zwerge  angetane 
Schmach  (H.:  und  durch  den  Anblick  Enidens),  nur  kommt  bei 
Hartm.  die  Erinnerung  ihm  selbst,  während  er  im  Mab.  von  seinem 
Schwiegervater  daran  erinnert  wird. 


Hartm.  929  ff.: 
Es   war   lange    zweifelhaft, 
wer  in  dem    Kampfe   den   Sieg 
davon  tragen  würde: 

Unz  daz  Erec  der  junge  man 
begunde  denken  dar  an 
waz  im  üf  der  heide 
ze  schänden  und  ze  leide 
von  sJnem  getwerge  geschach. 
und  als  er  dar  zuo  an  sach 
die  schoenen   frowen   Eniten, 
daz  half  im  vaste  striten. 
wan  da  von  gewan  er  dö 
siner  krefte  rehte  zwo. 


Mab.  S.  135: 

Le  vieillard  voyant  que 
Gereint  venait  de  recevoir  un 
coup  terrible  et  douloureux, 
s'approcha  vivement  de  lui  en 
disant: 

„Seigneur,  rappelle-toi  l'ou- 
trage  que  tu  as  recu  du  nain; 
n'est-ce  pas  pour  le  venger  que 
tu  es  venu  ici  ?  rappelle-toi 
l'outrage  l'ait  ä  Gwenhwyvar, 
l'emme  d'Artur." 

En  entendant  ces  paroles, 
Gereint  revint  ä  lui;  il  appela 
ä  lui  toutes  ses  forces 


74  Rudolj  Zenker. 

Bei  Chr.  fehlt  diese  Motivierung;  auch  bei  ihm  wird  Erec, 
wie  bei  Hartm.,  durch  jene  Erinnerung  und  den  Anblick  Enidens 
angefeuert,  aber  bei  anderer  Gelegenheit,  nämlich  während  der 
Pause,  die  die  beiden  Gegner  auf  Yders  Vorschlag  in  dem  Kampfe 
eintreten  lassen. 

Da  bei  Chr.  keinerlei  Anstoß  vorliegt,  so  müßte  es,  als  ein 
ßehr  merkwürdiger  Zufall  bezeichnet  werden,  wenn  zwei  ver- 
schiedene Bearbeiter  seine  Darstellung  hier  in  identischer  Weise 
abgeändert  hätten;  ebenso  versagt  die  Erklärung  durch  An- 
nahme der  Benutzung  einer  älteren  Hds.  durch  beide. 

Weiter:  Die  Version  von  H.  und  M.  ist  ohne  Frage  die  bessere. 
Denn  damit  nach  der  vereinbarten  Ruhepause  der  Kampf  von 
Erec  wieder  aufgenommen  werde,  bedarf  es  doch  für  ihn  nicht 
eines  besonderen  Ansporns;  es  versteht  sich  von  selbst,  daß  er, 
sobald  er  etwas  Atem  geschöpft  hat,  sich  seinem  Gegner  von  neuem 
stellt.  Dagegen  ist  das  fragliche  psychologische  Moment  sehr 
wohl  geeignet,  zu  erklären,  warum  Erec  in  dem  so  lange  unent- 
schieden gebliebenen  Kampf  endlich  doch  die  Oberhand  gewinnt. 
Die  H.-M.'sche  Version  wird  deshalb  die  ursprüngliche  sein  und 
das  Motiv  ist  bei  Chr.  an  die  falsche  Stelle  geraten;  allerdings 
tritt  es  bei  Chr.  später  noch  einmal  hervor,  V.  989,  aber  erst, 
nachdem  Erec  den  entscheidenden  Streich  bereits  geführt  hat:  in 
der  Erinnerung  an  die  erlittene  Schmach  will  er  dem  wehrlos 
vor  ihm  liegenden  den  Kopf  abschlagen,  aber  als  dieser  um  Gnade 
fleht,  schenkt  er  ihm  das  Leben. 

8.  Nachdem  Erec  mit  seinen  Wirtsleuten  in  deren  Behausung 
zurückgekehrt  ist,  will  der  Herzog,  bezw.  Graf,  dem  der  Ort 
gehört,  Enide  mit  besseren  Kleidern  beschenken,  aber  Erec  lehnt 
das  Anerbieten  ab:  die  Königin  selbst  soll  später  Enide  kleiden. 
Hartm.  1406  ff.,  Mab.  S.   137. 

Dagegen  macht  bei  Chr.  1353  ff.  die  Nichte  des  Grafen, 
Enidens  Kusine,  ihren  Oheim  darauf  aufmerksam,  daß  es  ihm 
zur  Unehre  gereichen  werde,  wenn  er  Enide,  seine  Nichte,  in  so 
ärmlicher  Kleidung  davonziehen  lasse;  der  Graf  fordert  sie  auf, 
sie  möge  Enide  von  ihren  eigenen  besten  Kleidern  schenken,  was 
Erec  aber,  wie  bei  H.-M.,  ablehnt.     Dreyer  no.  5. 

Ist  die  Chr. 'sehe  Version  die  ursprüngliche,  so  bleibt  wieder 
dunkel,  was  hier  zwei  verschiedene  Bearbeiter  veranlaßt  haben 
sollte,  in  gleicher  Weise  zu  ändern;  Zurückführung  der  H.-M. "sehen 
Version  auf  eine  ältere  Hds.  ist  ebensowenig  angängig.  Um- 
gekehrt ist  es  verständlich,  wie  Chr.,  vorausgesetzt,  es  habe  ihm 
die  Hartm. 'sehe  Fassung  der  Episode  vorgelegen,  dazu  kam, 
das  in  Rede  stehende,  ihm  eigentümliche  Motiv  hier  einzuführen: 
es  heißt  nämlich  bei  Hartm.,  gleich  nachdem  Erec  das  Anerbieten 
des  Herzogs  ausgeschlagen  hat,  dessen  Nichte  habe  Erec  gebeten, 
ein  Pferd  von  ihm  anzunehmen,  V.  1413  ff.,  —  Chr.  hat.  also  ein- 


Weiteres  zur  Mabinogionfrage.  75 

fach,    vielleicht   in   Folge    einer    kleinen    Erinnerungstäuschung, 
das  Eingreifen  der  Nichte  etwas  früher  erfolgen  lassen. 

9.  Für  die  Bewirtung  der  zahlreichen  Gäste,  die  sich  am 
Abend  nach  dem  Zweikampf  im  Hause  des  alten  Ritters  einfinden, 
sorgt  der  Herzog,  bezw.  Graf,  der  im  Mab.  auch  seine  Diener 
mitbringt,  Hartm.  1394  ff.,  Mab.  S.  136  f. 

Bei  Chr.  ist  davon  mit  keinem  Wort  die  Rede,  so  daß  man 
bei  der  Armut  des  Ritters  nicht  begreift,  woher  bei  ihm  auf  ein- 
mal die  „vaslet  plus  de  eint''  kommen  und  wie  er  eine  so  große 
Gesellschaft  bewirten  kann.     Piquet  no.  6. 

S.  den  Vergleich  der  Darstellung  des  Mab.  und  Ohr. 's  bei 
Edens,  Erec-Geraint  S.  83  f. 

Hier  ist  nun  allerdings  die  Erklärung  möglich,  es  habe  eine 
ältere  Chr.-Hds.,  die  H.-M.  benutzten,  einige  Verspaarc  mehr 
enthalten,  die  etwa  den  bezüglichen  Versen  bei  Hartm.  ent- 
sprachen, wie  das  Förster,  Lancelot,  S.  CXLV,  Anm,  auch  an- 
nimmt. Die  Stelle  mag  deshalb  nicht  als  beweiskräftig  betrachtet 
werden.8) 

10.  Es  geschieht  des  Sonnenscheins  Erwähnung,  der  durch 
das  Fenster  von  Erecs  und  Emdens  Kemenate  fällt,  Hartm.  3015, 
Mab.  S.  152;  bei  Chr.  wird  seiner  nicht  gedacht,  Dreyer  no.  7, 
Piquet  no.  8;  besprochen  von  Förster  Lancelot  S.  CXXXV  und 
kl.  Erec0-  S    XXX. 

S.  auch  über  diese  Stelle  Zs.  42",  37  ff.  Dem  dort  gesagten 
ist  nichts  hinzuzufügen.  Da  ein  Plus  von  einem  Verspaar  in  einer 
älteren  Hds.  die  Abweichung  H.-M. 's  erklären  würde,  so  messe 
ich  ihr  keine  Beweiskraft  bei. 

11.  Das  Eifersuchtsmotiv,  welches  das  Mab.  in  der  zentralen 
Szene   S.    153  bietet,   scheint  auch  bei   Hartm.   schon  ebenda, 


8)  Dreyer  No.  6  rechnet  zu  den  Übereinstimmungen  zwischen 
Hartmann  und  Mab.  auch,  daß  bei  H.  1735  ff.  und  M.  S.  144  die  Ritter 
Arturs  ihre  Bewunderung  für  Enidens  Schönheit  ausdrücken,  bei  Chr. 
1751  ff.  hingegen  nicht.  Indessen  die  angezogenen  Stellen  entsprechen 
sich  nicht  genau:  die  bei  H.  findet  sich  da,  wo  Enide  vor  den  Rittern 
erscheint,  nachdem  sie  von  der  Königin  prächtig  gekleidet  worden  ist, 
die  in  M.  gleich  beim  Empfang  Enidens;  hier,  gleich  bei  ihrer  Ankunft, 
gedenkt  aber  auch  Chr.  des  Eindrucks,  den  Enidens  Schönheit  auf 
die  Ritter  macht,  V.  1544:  Sa  grant  blaute  prisent  et  loent.  Die  Nummer 
ist  also  zu  streichen. 

Piquet  führt  als  No.  7  an:  ,,Il  est  possible  que  les  jouies  prelimi- 
naires  de  V Erec  allemand  au  tournoi  de  Tanebrog  et  les  nombreux  tournois 
que  le  Mabinogion  prete  ä  Erec  avant  J'empirier'  aient  la  meme  origine" ; 

Diese  Annahme  scheint  mir  aber  doch  recht  gewagt.  Denn  bei 
Hartm.  2412  ff.  ist  die  Rede  von  einem  fünfstündigen  Lanzenbrechen 
vor  dem  großen  Tournier  bei  Tanebrog,  dessen  im  Mab.  keine  Erwäh- 
nung geschieht,  im  Mab.  hingegen  von  Turnieren,  die  sich  über  drei 
Jahre  erstrecken.     Ich  möchte  beides  nicht  in  Parallele  setzen. 


76  Rudolf  Zenker. 

V.  3044  f.,  mit  den  Worten  angedeutet  zu  sein:  Si  vorhte  daz  si 
wurde  gezigen  Von  im  anderr  dinge,  wie  denn  später,  V.  6780  ff.,  bei 
H.  noch  deutlicher  als  bei  Chr.  V.  4920  ff.  und  5138  ff.  ausge- 
sprochen wird,  daßErec  die  ganze  Abenteuerfahrt 
unternommen  hat,  weil  er  an  Enidens  Liebe 
zweifelte  und  ihre  Treue  auf  die  Probe  stellen 
wollte:  Ez  was  durch  versuochen  getan  Ob  si  im  waere  ein  rehtez 
wip\  er  habe  nun  die  Gewißheit  gewonnen,  Daz  er  an  ir  hatte 
Triuwe  unde  staete   Unde  daz  si  waere  Ein  wip   unwandelbaere. 

Bei  Chr.  fehlt  das  Motiv  in  der  in  Rede  stehenden  Szene 
gänzlich.     Piquet  no    9. 

Vgl.  hierzu  Zur  Mabinogionfr.  S.  71 — 78  und  diese  Zs.  421, 
37  ff. 

Förster,  Lancelot  S.  CXLV  f.  Anm.  polemisiert  gegen  Piquet. 
Aber  seine  Behauptung,  die  Angabe:  Si  vorhte  usw.  habe  Hartm. 
selbst  hinzugefügt,  entbehrt  des  Beweises.  Der  Einwand,  bei 
H.  habe  Enide  die  Befürchtung  gehabt,  im  Mab.  habe  sie  dagegen 
Erec:  „das  ist  doch  nicht  dasselbe",  ist  unverständlich,  denn  es 
handelt  sich  doch  nicht  um  die  gleiche  Befürchtung, 
sondern  um  das  gleiche  Motiv:  dort  fürchtet  Enide,  Erec 
werde,  wenn  sie  ihm  über  den  Grund  ihres  Kummers  keine  Aus- 
kunft gebe,  an  ihrer  Liebe  zweifeln,  hier  fürchtet  Erec,  Enide 
liebe  einen  anderen,  es  liegt  also  allerdings  in  beiden  Fällen  das 
gleiche  Motiv  vor:  Zweifel  an  Enidens  Liebe,  nur  tritt  es  in  ver- 
schiedener Form  auf:  bei  H.  wird  das  Auftreten  eines  solchen 
Zweifels  nur  befürchtet,  im  Mab.  greift  der  Zweifel  wirklich 
Platz.  Die  Behauptung,  der  V.  2522  bei  Chr.:  Por  moi  fu  dit, 
non  por  autrui,  beruhe  auf  einem  Mißverständnis  der  Stelle  in 
Mab.  S.  153:  Une  autre  pensee  le  mit  en  emoi:  c'est  que  ce  n'etait 
pas  par  sollicitude  pour  lui  qu'elle  avait  ainsi  parle,  mais  par 
amour  pour  un  autre  qu'elle  lui  preferait,  das  Eifersuchtsmotiv 
sei  also  durch  ein  Mißverständnis  in  das  Mab.  hineingekommen, 
ist  unhaltbar,  da  wir  ja  später,  wie  oben  festgestellt,  auch  bei 
Chr.  und  bei  Hartm.  hören,  daß  Erec  an  der  Liebe  der  Gattin 
gezweifelt  hat;  vielmehr  verhält  sich  die  Sache  offenbar  gerade 
umgekehrt:  in  Chr.'s  Quelle  wird  der  im  M.  ausgesprochene 
Gedanke  so  ausgedrückt  gewesen  sein,  daß  über  die  Beziehung 
der  Negation  ein  Zweifel  möglich  war,  und  Chr.  machte  aus  dem: 
„um  mich  nicht,  um  einen  andern",  ein:  „um  mich,  nicht  um 
t'inen  andern". 

Piquets  Auffassung  wird  also  durch  Försters  Einwände 
nicht  erschüttert. 

Da  bei  Chr.  ein  Anlaß,  Erecs  Benehmen  aus  Eifersucht, 
aus  Zweifel  an  Enidens  Liebe  zu  erklären,  nicht  gegeben  ist, 
und  dessen  ganzes  weiteres  Verhalten  zu  einem  solchen  Verdacht 
nicht  stimmen  würde,  so  kann  weder  selbständige  Änderung 
zweier  Bearbeiter  noch  eine  vollständigere  Chr.-Hds.  die  Über- 


Weiteres  zur  Mabinogionfrage.  77 

einstimmung  erklären.  Indessen  da  die  Sache  bei  Hartm.  doch 
nicht  absolut  sicher  ist,  so  möchte  ich  auch  diesen  Fall  nicht  als 
voll  beweiskräftig  betrachten. 

12.  Der  Knappe,  welcher  Erec  und  Enide  Speise  und  Trank 
anbietet,  ist  allein,  Hartm.  3489  ff.,  Mab.  S.  160;  bei  Chr.  3126  ff. 
ist  er  von  zwei  anderen  Knappen  begleitet.  Dreyer  no.  8,  Hagen 
S.  467. 

Wie  schon  Zs.  421,  43  bemerkt,  messe  ich  der  Übereinstimmung 
keine  besondere  Bedeutung  bei,  da  in  der  Tat  zwei  Bearbeiter 
unabhängig  von  einander  darauf  verfallen  konnten,  die  beiden 
Knappen,  die  entbehrlich  sind,  wegzulassen. 

13.  Erec  und  Enide  waschen  sich  vor  der  Mahlzeit,  welche 
der  Knappe  ihnen  vorsetzt,  Hartm.  3547  ff.,  Mab.  S.  161;  bei 
Chr.  wird  das  nicht  erwähnt.     Dreyer  no.  9. 

Es  könnte  ein  Zusatz  zweier  Bearbeiter  vorliegen,  oder  ein 
Plus  von  einem  Verspaar  in  einer  älteren  Hds. 

14.  Bevor  Erec  mit  Enide  sich  in  den  Burgflecken,  in  dem 
der  Graf  wohnt,  und  ins  Wirtshaus  begibt,  reitet  der  Knappe, 
der  ihnen  Speise  und  Trank  geboten  hat,  zum  Grafen,  der  nun 
Erec  einladen  läßt,  bezw.,  bei  Hartm.,  indem  er  ihnen  entgegen 
geht,  selbst  einlädt,  bei  ihm  Wohnung  zu  nehmen;  Hartm. 
3600  ff.,  Mab.  S.  161  f.;  bei  Chr.  begibt  sich  der  Knappe  zum 
Grafen  erst,  nachdem  Erec  und  Enide  im  Gasthaus  bereits  ein- 
getroffen sind,  der  Graf  lädt  sie  auch  nicht  ein,  bei  ihm  zu  wohnen, 
sondern  er  bietet  Erec  nur  an,  ihn  im  Wirtshaus  frei  zu  halten, 
Chr.  3194  ff.,  3277  ff.     Dreyer  no.   10  (teilweise). 

Hier  liegen  zwei  ganz  spezielle  gemeinsame  Abweichungen 
Hartm. 's  und  des  Mab.  vor,  welche  ein  sicheres  Indizium 
sind,  daß  beide  in  dieser  Episode  einer  Quelle 
folgen,  welche  nicht  Chretien  war;  denn  es  ist  ganz 
unglaublich,  daß  zwei  von  einander  unabhängige  Bearbeiter  Chr. 's 
dessen  Darstellung,  die  diese  Änderungen  in  keiner  Weise  nahe 
legt,  beide  genau  in  der  gleichen  Weise  modifiziert  haben  sollten; 
eine  von  den  erhaltenen  Ghr.-Hdss.  abweichende  Hds.  als  Quelle 
H.-M.'s  ist  ebenfalls  ausgeschlossen,  da  diese  dann  eine  von  der 
der  erhaltenen  Hdss.  inhaltlich  abweichende  Darstellung  geboten 
haben  müßte,  s.  oben  S.  54. 

15.  Als  Erec  und  Enide  sich  im  Wirtshause  zur  Mahlzeit  nieder- 
lassen, befiehlt  Erec  der  Enide  ausdrücklich,  sich  an  einen  von 
ihm  entfernten  Platz  zu  setzen: 

Hartm.  3662  ff. :  Mab.  S.   162:: 

Die  frowen  Eniten  er  niht  liez  Gereint    dit    ä    Enid:    „Va 

mit  samt  im  ezzen,  de  l'autre  cöte  de  la  chambre 

wan  er  was  gesezzen  et  ne  passe  pas  de  se  cöte-ci." 

besunder  hie  und  si  dort 
von  im  an  der  tweheln  ort. 


78  Rudolf  Zenker. 

Von  dieser  Darstellung  unterscheidet  die  Chretiens  sieh  in 
zwei  Punkten: 

1.  Eine  Mahlzeit  wird  hei  ihm  überhaupt  nicht  ausdrücklich 
»t wähnt,  sie  ist  aber  offenbar  einbegriffen  in  der  allgemeinen 
Angabo  V.  3205  ff.: 

Li  ostes  moult  bei  les  recut 
et  tot  quanque  il  lor  estut 
[ist  atorner  a  grant  plante 
liez  et  de  bueno  volante. 

Hier  wird  indes  ein  Fernsitzen  Enidens,  wie  bei  Hartm. 
und  im  Mab.,  nicht  erwähnt,  vielmehr  hören  wir  davon  erst 
später,  als  der   Graf  erschienen  ist,  V.  3310: 

L;t  dame  seoit  de  lui  loing 

tant  con  deus  lances  ont  de  lonc. 

2.  Der  Leser  muß  annehmen,  daß  Enide  sich  freiwillig  von 
Erec  fern  hält,  da  ein  Befehl  Erecs,  daß  sie  sich  von  ihm  fern 
setze,  nicht  erwähnt  wird. 

Pique t  no.    1  0  . 

Förster  bespricht  die  Stelle  Lancelot  S.  CXLVI  Anm.  Er 
meint,  daß  Enide  sich  auf  Erecs  ausdrücklichen  Befehl  von  ihm 
weit  weg  setzt,  habe  Hartm.  „aus  eigenem  hinzugefügt,  da  ihm 
offenkundig  ist,  daß  Enide  freiwillig  den  ihr  gebührenden  Platz 
nicht  aufgegeben  hätte."  „Mab.  151  [=  163  2.  Aufl.]  läßt  das 
Paar  ebenfalls  essen,  und  entfernt  Enide  mit  den  Worten:  Va  de 
l'aulre  cöte  de  la  chambre  et  ne  passe  pas  de  ce  cöte-ci.  Dies  ist  doch 
die  direkte  Wiedergabe  von  de  Vautre  part  Erec  3285,  das  Mab. 
also  gleichfalls  früher,  wo  er  [sie]  vom  Essen  sprach,  das  bei  Erec 
fehlt,  schon  einschiebt,  um  seinem  Leser  keine  Rätsel  aufzutischen.' 

Zugegeben,  daß  das:  Va  de  Vautre  cöte  ...  im  Mab.  auf  das 
bei  Chretien  an  viel  späterer  Stelle  begegnende: 

V.  3284:      .    .   li  cuens  onques  ne  repose 
De  regarder  de  l'autre  part 

zurückgeführt  werden  kann  -  -  was  aber  wenig  wahrscheinlich 
ist,  da  dies  doch  einfach:  „nach  der  anderen  Seite"  heißt,  und 
nach  dem  Zusammenhang  hier  keineswegs  an  ein  Entferntsitzen 
gedacht  zu  werden  braucht  — ,  so  ist  doch  damit  die  Überein- 
stimmung zwischen  den  beiden  Texten  nicht  erklärt,  denn  es 
handelt  sich  in  erster  Linie  nicht  um  das  Fernsitzen  an  sich, 
sondern  darum,  daß  es  auf  Befehl  Erecs  erfolgt,  wovon 
bei  Chretien  keine  Rede  ist.  Das  Zusammentreffen  zweier  Be- 
arbeiter in  diesem  Punkte  heischt  Erklärung,  und  die  bleibt 
Förster  eben  schuldig.     Dazu  kommt  also  noch  no.   1. 

Ein  bloßer  Zufall  kann  nun  hier  schwerlich  angenommen 
werden,  Erklärung  durch  ein  Plus  in  einer  älteren  Chr.-Hds.  wäre 
zur  Not  wohl  möglich,  ist  aber  gleichfalls  unwahrscheinlich, 
da,  wenn  auch  bei^Chr.  jener  Befehl  ursprünglich  vorhanden  ge- 


Weiteres  zur  M  ab  inogion  frage.  79 

wesen  wäre,  kein  Anlaß  vorgelegen  hätte,  später  die  Tatsache, 
daß  Enide  von  Erec  entfernt  saß,  nochmals  zu  erwähnen. 

Für  die  Annahme,  daß  der  in  Rede  stehende  Befehl  vielmehr 
von  Chr.  unterdrückt  worden  ist,  spricht  die  Erwägung,  daß 
seine  Beseitigung  sich  völlig  befriedigend  erklären  läßt  durch  die 
bei  Chr.  verschiedentlich  hervortretende  Tendenz,  Erec  in  seinem 
Benehmen  gegen  Enide  möglichst  rücksichtsvoll  erscheinen  zu 
lassen. J) 

16*.  Enide  setzt  ihren  Gatten  rechtzeitig  von  der  ihr  durch 
den  Grafen  drohenden  Gefahr  in  Kenntnis  und  beide  reiten  noch 
während  der  Nacht  davon:  Hartm.  3992  ff.,  Mab.  164  f.;  bei  Chr. 
läßt  sie  Erec  die  ganze  Nacht  schlafen  und  beide  entfernen  sich 
erst  bei  anbrechendem  Morgen,  V.  3459  ff. 

S.  diese  Zs.  42',  46  f.  Enidens  Verhalten  bei  Chr.  ist  wider- 
sinnig, die  Darstellung  bei  H.-M.  muß  die  ursprüngliche  sein. 
Erklärung  durch  zufälliges  Zusammentreffen  oder  eine  andere 
Hds.  kommt  unter  diesen  Umständen  nicht  in  Betracht. 

17.  Der  Graf  hat,  als  er  am  Morgen  Enide  entführen  will 
und  das  Nest  leer  findet,  mit  dem  Wirt  eine  im  Wesentlichen 
bei  Hartm.  und  im  Mab.  genau  übereinstimmende  Unterhaltung, 
Hartm.  4058  ff.,  Mab.  S.  166;  bei  Chr.  3522  fehlt  diese  Unterhaltung 
vollständig.     Hagen  S.  467. 

S.  über  diese  Stelle  die  ausführliche  Darlegung  Zs.  42 \  45. 
Jede  andere  Erklärung  als  durch  eine  von  Chr.  verschiedene 
Quelle  ist  ausgeschlossen. 

18*.  Es  wird  des  Lichtes,  bezw.  der  Lichter  gedacht,  welche 
Erec  und  Enide  beim  Aufstehen  anzünden  und  zurücklassen: 
Hartm.  4052,  Mab.  S.  165;  bei  Chr.  ist  es  schon  Tag,  von 
Lichtern  nicht  die  Rede. 

S.  Zs.  421,  47. 

19.  Erec  und  Guivrez  haben  vor  dem  Zweikampf  ein  Ge- 
spräch, dessen  Inhalt  freilich  bei  Hartm.  und  im  Mab.  verschieden 
ist,  das  aber  hier  und  dort  mit  einer  Herausforderung  Guivrets 
schließt:  Hartm.  4325  ff.,  Mab.  S.  168.     Dreyer  no.  11. 

Bei  Chr.  wird  ein  solches   Gespräch  nicht  erwähnt: 


9)  Als  Xo.  11  führt  Piquet  an,  daß  Hartm.  und  Mab.  beide  nicht, 
wie  Chr.  V.  2961  f.  tut,  den  Leser  darüber  aufklären,  daß  Erec  seine 
Gattin  nur  auf  die  Probe  stellen  will  und  keineswegs  die  Absicht  hat, 
seine  Drohungen  auszuführen.  Da  indessen  zur  Erklärung  dieser  Über- 
einstimmung die  Annahme  genügt,  H.  und  M.  hätten  beide  die  frag- 
lichen Verse  ausgelassen,  und  ein  zufälliges  Zusammentreffen  zweier 
Bearbeiter  bei  bloßen  Auslassungen  leicht  eintreten  kann,  so  möchte 
ich  der  Übereinstimmung  keine  Bedeutung  beimessen;  ich  habe  gegen 
die  Kritik,  welche  Förster  an  dieser  Nummer  Lancelot  S.  CXLVI  übt, 
nichts  einzuwenden. 


80  Rudolf  Zenker. 

V.  3770  Contre  le  Chevalier  s'esmuet  [sc.  Erec], 
Qui  de  bataille  le  semont. 
Assanble  sont  au  pi6  del  mont  .... 

Da  indessen  hier  die  Einfügung  eines  dem  Zweikampf  vor- 
ausgehenden Wortwechsels  zwischen  Guivrez  und  Erec  für  die 
Bearbeiter  nahe  liegen  mußte,  so  wird  man  auch  diese  Überein- 
stimmung für  die  Beweisführung  besser  außer  Rechnung  setzen. 

20.  Erec  besiegt  Guivret  durch  einen  gewaltigen  Streich, 
den  er  ihm  auf  den  Helm  versetzt:  Hartm.  4434  ff.,  Mab.  S.  169. 
Piquet  no.   12. 

Auch  bei  Chr.  3823  ff.  schlägt  Erec  seinen  Gegner  mit  voller 
Wucht  auf  den  Helm,  aber  er  bringt  ihn  dadurch  nur  zum  Wanken, 
als  besiegt  erklärt  Guivret  sich  erst,  als  ihm  sein  Schwert  zerbricht: 

Erec  s'esforce  et  s'esvertue, 

6'espee  li  a  anbatue 

el  hiaume  jusqu'el  chapeler 

si  que  tost  l'a  fet  chanceler; 

mes  bien  se  tint,  qu'il  ne  chei. 

Et  eil  ra  Erec  anvai, 

si  l'a  si  durement  feru 

sor  la  pane  de  son  escu, 

qu'au  retreire  est  li  branz  brisiez  .... 

Er  wirft  nun  auch  den  Griff  weg  und  wendet  sich  zur  Flucht;  als 
Erec  ihn  verfolgt,  ergibt  er  sich. 

S.  dazu  Förster,  Lancelot  S.  CXLVII,  Anm. 

Da  Chr.  den  Streich  auf  den  Helm  auch  hat,  so  ist  die  Mög- 
lichkeit zuzugeben,  daß  allenfalls  zwei  verschiedene  Bearbeiter 
darauf  verfallen  konnten,  schon  durch  ihn  den  Kampf  beenden 
zu  lassen. 

Andererseits  läßt,  vorausgesetzt,  die  Darstellung  H.-M.'s  sei 
die  ursprüngliche  gewesen,  die  Chr. 'sehe  Version  sich  bei  der 
bekannten  Vorliebe  des  Dichters  für  ausführliche  Kampfschil- 
derungen ungezwungen  erklären  aus  seinem  Bestreben,  den  Zwei- 
kampf in  die  Länge  zu  ziehen. 

21*.  In  der  Szene  mit  Keu  wird  in  dem  fremden  Ritter  Erec 
erkannt:  Hartm.  4851  ff.,  Mab.  S.  172;  nur  ist  es  bei  H.  Keu, 
der  ihn  an  der  Stimme  erkannt  zu  haben  glaubt,  im  M.  er- 
kennt Gauvain  ihn  bestimmt  und  zwar  am  Gesicht. 

Bei  Chr.  4155  gibt  Erec  sich  selbst  zu  erkennen. 

S.  über  diese  Szene,  —  welche  auch  die  folgende  no.  22* 
einbegreift  —  meine  ausführliche  Erörterung  Zs.  42 x,  48  ff. 

Die  Übereinstimmung  zwischen  Hartm.  und  Mab.  ist  von 
besonderer  Wichtigkeit,  denn  es  ist,  wie  a.  a.  0.  dargelegt 
wurde,  nicht  zu  glauben,  daß  zwei  verschiedene  Bearbeiter  Chr. 
hier  in  der  gleichen  Weise  geändert  haben  sollten,  und  die  Er- 
klärung durch  eine  von  ihnen  benutzte  ältere  Chr.-Hds.  ist  aus- 
geschlossen, da  es  sich  wiederum  um  eine  von  der  Chr. 's  sachlich 


Weiteres  zur  Mab  inogiotif  rage.  81 

abweichende  Darstellung  handelt;  dafür,  daß  beide  hier  aus  einer 
Quelle  schöpfen,  die  nicht  Chr.  war,  spricht  auch  der  Umstand, 
daß  beide  offenbar  eine  Version  bieten,  die  älter  ist  als  die  Chr. 's, 
da  Erecs  Erkennung  die  Voraussetzung  bildet  für  die  Bezeichnung 
des  fremden  Ritters  als  des  besten  Ritters  bei  Chr.  4123,  als 
welcher  Erec  ja  in  der  Tat  in  dem  Gedichte  erscheint;  ihre  Version 
muß  also  auch  in  Chr. 's  Quelle  vorhanden  gewesen  sein. 

22.*  Der  Grund,  weswegen  Erec  sich  weigert,  mit  Gauvain 
an  Artus'  Hof  zu  kommen,  ist  der,  daß  er,  müde  vom  Kampfe 
mit  Guivret  und  schwer  verwundet,  wie  er  ist,  sich  körperlich 
und  seelisch  nicht  in  der  Verfassung  befindet,  um  sich  bei  Hofe 
blicken  zu  lassen,  nur  gibt  er  diesen  Grund  bei  Hartm.  nicht  sofort, 
gelegentlich  der  an  ihn  ergangenen  Aufforderung,  an,  wo  er  sich, 
V.  4974  ff.,  vielmehr  nur  in  allgemeinen  Ausdrücken  entschuldigt, 
sondern  erst,  nachdem  es  Gauvain  durch  eine  List  gelungen  ist, 
ihn  doch  zu  Artus  zu  bringen: 

Hartm.  5061  ff.:  „Ihr  seht  wohl,  daß  ich  gegenwärtig  müde  und 
verwundet  bin  und  so  wenig  geeignet,  bei  Hofe  zu  erscheinen,  daß  ich 
mich  des  Hofes  wohl  enthalten  hätte,  wenn  Ihr  es  mir  erlassen  haben 
würdet.  Ihr  habt  an  mir  nicht  wohl  getan";  denn,  V.  5055:  „wer  bei 
Hofe  erscheinen  soll,  dem  geziemt  Freude,  und  daß  er  dem  Hofe  sein 
Recht  werden  lasse  (d.  h.  daß  er  so  auftreten  könne,  wie  man  bei  Hofe 
auftreten  soll);  dazu  bin  ich  jetzt  nicht  im  Stande  und  ich  muß  mich 
dessen  enthalten  als  ein  in  seiner  freien  Bewegung  behinderter  Mann." 

Mab.  S.  172  f.:  „Je  ri ' irai  pas",  repondit-il,  „je  ne  suis  pas  dans 
un  etat  ä  me  presenter  devant  qui  que  ce  soit."  Gwalchmei  läßt  daraufhin 
dem  Artur  melden,  Gereint  wolle  nicht  kommen,  weil  er  verwundet 
sei  „et  que  c'etait  pitie  de  voir  V etat  dans  lequel  il  se  trouvait". 

Dagegen  wäre  bei  Chr.  4106  ff.  Erecs  schwere  Verwundung 
umgekehrt  gerade  ein  Grund,  der  ihn  veranlassen  könnte, 
an  den  Hof  zu  gehen: 

Je  ne  sui  mie  bien  nemez, 
ainz  sui  navrez  aeuans  Ie  cors; 
et   neporquant   ja  n'istrai  fors 
de  mon  chemin  por  ostei  prandi 

„Ich  bin  nicht  recht  wohi,  sondern  bin  im  Leibe  verwundet, 
uiid  trotzaem  werae  lcn  von  meinem  Wege  nicht  abgehen, 
um  Unterkunft  zu  suchen/ 

Als  Grund  von  Erecs  Weigerung,  vor  Artur  zu  erscheinen, 
scheint  Chr.  zu  betrachten  seinen  ungeduldigen  Tatendrang,  der 
ihm  keine  Ruhe  läßt;  wenigstens  scheint  so  "verstanden  werden 
zu  müssen  die  Motivierung  seiner  Weigerung  gegenüber  Keu,  der 
ihn  vor  Gauvain  schon  zu  Artur  mitnehmen  wollte: 

V.  4011  Erec  respont:  „Vos  dites  bien; 
mes  je  n'i  iroie  por  rien. 
Ne  savez  mie  mon  besoing; 
ancor  m'estuet  aler  plus  loing. 
Leissiez  m'aler;  que  trop  demor. 
Ancor  i  a  assez  del  jor." 
Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.    XLV'/2-  ß 


82  Rudolf  Zenker. 

,,Erec  antwortet:  «Ihr  sprecht  gut,  aber  ich  komme  um  keinen 
Preis  mit.  Ihr  kennt  meine  Notlage  nicht;  ich  muß  noch  weiter 
reiten.  Laßt  mich  ziehen,  allzu  lange  verweile  ich.  Noch  ist  ein 
gutes  Stück  vom  Tage  übrig.»" 

Da  Chr.  also  die  ganze  Situation  anders  auffaßt,  so  ist  es 
in  hohem  Grade  unwahrscheinlich,  daß  zwei  von  einander  un- 
abhängige Bearbeiter  die  völlig  verschiedene  Motivierung  von 
Erecs  Weigerung,  welche  H.  und  M.  haben,  eingeführt  haben 
sollten,  und  es  ist  direkt  ausgeschlossen,  daß  diese  zu  der  Chr. 's 
geradezu  im  Widerspruch  stehende  Motivierung  in  einer  ver- 
lorenen Chr.-Hds.  gestanden  haben  könnte.  Wir  haben  also  auch 
in  dieser  Episode  wieder  ein  ziemlich  sicheres  Zeugnis  für  eine  von 
Hartm.  und  Mab.  benutzte,  von  der  Chr. 's  abweichende  Dar- 
stellung der  Erec-Geschichte. 

23.  Der  Graf  von  Limors  (Graf  Limwris)  fordert  Enide  auf, 
mit  ihm  zum  Essen  zu  kommen ;  als  sie  sich  weigert,  führt  er  sie 
mit  Gewalt  zu  Tische: 

Hartm.  6358  ff.  Mabinogi,  S.  177: 

Nachdem  der  Graf  sich  zu 
Tisch  gesetzt  hat,  schickt  er  zwei 
Kapläne  und  drei  Dienstleute  zu 
Enide,  die  bei  der  Bahre  ihres 
ihres  Gatten  weilt,  und  läßt  sie 
auffordern,  zum  Essen  zu  kommen, 
aber  Enide  kümmert  sich  um  die 
Boten  nicht;  nun  sendet  der  Graf 
zu  ihr  „der  Herren  michel  mere", 
die  indes  gleichfalls  nichts  aus- 
richten: 

V.    6376: 
der  wirt  sprach  „ich  muoz  selbe  „Viens    manger".    —    „Je 

dar".  n'irai  point,  par  moi  et  Dieu."  — 

Also  er  dö  zuo  ir  kam  „Tu  viendras,  par  moi  et  Dieu." 

bi   der   hant   er  sl   nam  Et  il   l'emmena  ätable, 

und  hiez  si  mit  im  ezzen  gän.  m  a  1  g  r  e"   e  1 1  e,  et  lui  demanda 

des  bat  diu  frouwe  sich  erlän.  avec  insistance  de  manger. 


Der  Graf  wiederholt  die  Bitte  noch  zweimal,  V.  6410  und  6420  f. 

V.  6423  Swie  vil  er  doch  sl  gebat, 

sone  wolte  si  niht  von  der  stat, 

unz  er  si  also  betwanc, 

er  zöch  si  hin  sunder  danc: 

wan  si  enmohte  im  niht  gestriten. 

er  ensazte  si  niht  ze  siten: 

ir  wart  ein  valtstuol  vor  gesät 

ze  tische  engegen,  als  er  bat, 

durch  daz  er  die  frouwen 

diu  baz  möhte  schouwen. 

Bei   Chr.    ist   keine    Rede   davon,   daß   Enide   herbeigeholt 
werden  muß,  und  daß  der  Graf  genötigt  ist,  sie  bei  der  Hand  zu 


Weiteres  zur  Mabinog:onfrage.  83 

nehmen  und  an  den  Tisch  zu  ziehen,  sie  wird  vielmehr  als  schon 
anwesend  gedacht,  und  wir  hören  nur,  der  Graf  habe  sie  mit 
Gewalt  auf  einen  Faltstuhl  setzen  und  den  Tisch  vor  sie  hinstellen 
lassen: 

V.  4779  Apres  vespres,  un  jor  de  mai, 
Enide  estoit  an  grant  esmai. 
Onqu'^s  ses  diaus  ne  recessoit. 
Et  li  cu^ns  auqui:,s  l'angressoit 
par  proiiere  et  par  menacier, 
de  pes  feire  et  de  solacier, 
et  si  l'a  sor  un  faudestuel 
feite  asseoir  estre  son  vuel. 
Vossist  ou  non,  I'i  ont  assise 
et  devant  li  la  table  mise. 
D'autre  part  est  li  cuens  assis  .... 

Dreyer  no.  12. 

Hier  läßt  sich  wieder  die  Möglichkeit  nicht  bestreiten,  daß 
die  von  H.-M.  benutzte  Chr.-Hds.  einige  Verspaare  mehr  hatte, 
welche  die  in  Rede  stehende,  in  den  erhaltenen  Hdss.  fehlende 
Angabe,  der  Graf  habe  Enide  mit  Gewalt  zu  Tisch  geführt,  ent- 
hielten. 

Es  ist  aber  bei  Beurteilung  dieser  Stelle  zu  beachten,  daß 
Hartm.  hier  auch  in  anderen  Punkten  sachlich  von  Chr.  abweicht: 

Bei  Chr.  4767  ist  nur  von  einem  Geistlichen  die  Rede: 
Lors  ont  le  chapelain  mande,  während  H.  6341  f.  von  Bischöfen, 
Äbten  und  vielen  Pfarrern  spricht,  —  allerdings  wäre  es  möglich, 
daß  die  von  H.  benutzte  Hds.  hier  les  chapelains  gelesen  hätte. 
S  'dann  erzählt  Chr.  nichts  davon,  daß  der  Graf  Enide  erst  zwei- 
mal durch  Kapläne  und  Dienstmannen  zu  Tische  habe  bitten 
lassen,  und  davon  kann  auch  in  einer  älteren  Hds.  nichts  gestanden 
haben,  da  eine  Lücke  nur  zwischen  V.  4784  und  85  angesetzt 
werden  könnte,  Erec  aber  schon  vorher  im  Gespräch  mit  Enide 
begriffen  erscheint.  Da  Enide  bei  Chr.  schon  zur  Stelle  ist, 
so  muß  natürlich  bei  ihm  auch  die  Unterhaltung  fehlen,  in  der 
bei  H.  6377 — 6412  der  Graf  die  Widerstrebende  zu  bereden  sucht, 
sich  zu  Tische  zu  setzen.  Bei  H.  6436  f.  vergießt  Enide  Tränen, 
daß  der  Tisch  naß  wird,  wovon  bei  Chr.  nichts  steht. 

Da  diese  Züge  im  Mab.  keine  Entsprechung  haben,  so  könnte 
es  sich  freilich  auch  um  Änderungen  H.'s  handeln,  aber  ebensogut 
wäre  es  möglich,  daß  sie  aus  jener  von  Chr.  verschiedenen  Erec- 
Erzählung  stammten,  auf  die  der  H.  und  M.  gemeinsame  Zug  hin- 
weist, daß  Enide  von  dem  Grafen  mit  Gewalt  zu  Tische  geführt 
wird.10) 


,0)  Hagen  S.  471  glaubt  eine  Übereinstimmung  des  Mab.  mit  Hartm. 
gegen  Chr.  auch  darin  erkennen  zu  sollen,  daß  in  beiden  der  Schrecken 
der  Ritter  bei  Erecs  Wiedererwachen  speziell  darauf  zurückgeführt 
wird,  daß  ein  Toter  wieder  zum  Leben  ersteht: 

6* 


84  Rudolf  Zenker. 

24*.  Guivret,  der  „kleine  König",  hört,  ein  ,, toter  Mann"  habe 
den  Grafen  erschlagen,  er  sagt  sich,  daß  damit  Erec  gemeint  sein 
muß,  und  macht  sich  mit  Gefolge  auf,  um  ihm  beizustehen:  Hartm. 
6833  ff.,  Mab.  S.   179. 

Vgl.  Förster,  Lancelot  S.  CXLVII,  Anm.  Die  nachstehenden 
Ausführungen,  wie  auch  die  unter  no.  25,  wurden  niedergeschrie- 
ben, bevor  ich  Försters  Darlegung  eingesehen  hatte,  mit  dem 
ich  in  der  Interpretation  der  Darstellung  des  Mab.  hier  zusammen- 
treffe; es  ist  aber  F.  völlig  entgangen,  daß  sich  damit  eine  wich- 
tige Übereinstimmung  Hartmanns  mit  dem 
Mabinogi    gegenüber     Chretien     ergibt. 

Bei  Hartm.  6813  ff.  wird  erzählt,  ein  Knappe  aus  Limors 
sei  zu  König  Guivret  gelaufen  und  habe  ihm  gemeldet,  ,,ein  toter 
Mann"  habe  den  Grafen  Oringles  erschlagen;  Guivret  erkennt, 
daß  damit  Erec  gemeint  sein  muß,  und  fürchtet,  das  „lantvolk" 
werde  an  Erec  Rache  nehmen  wollen  und  ihn  ermorden,  er  macht 
sich  deshalb  mit  etwa  dreißig  Rittern  auf,  um  ihm  ,,aus  dem 
Lande  zu  helfen". 

Im  Mab.  wird  zunächst  nichts  davon  berichtet,  daß  zu 
Guivret  Kunde  von  den  Vorgängen  auf  der  Burg  zu  Limwris 
gelangt,  wir  hören  nur,  daß  Erec  und  Enide  im  Walde  auf  ein- 
mal ilim  und  seinem  Gefolge  begegnen;  aber  daß  auch  hier  Guivret 
von  Gereint  Nachricht  erhalten  hat,  erfahren  wir  gleich  nachher 
aus  seinen  an  letzteren  gerichteten  Worten:  Je  suis  le  petit  roi\ 
je  viens  d  ton  secours,  parce  que  j'ai  appris  que  tu  etais  dans  la  peine, 
und  daß  Guivret  nicht  nur  diese  allgemeine  Tatsache,  sondern 
auch  genaueres  über  die  vorausgehenden  Ereignisse  erfahren  hat, 
zeigen  seine  unmittelbar  folgenden  Worte:  Si  tu  avais  suivi  mon 
conseil,  tu  n'aurais  pas  eprouve  ces  malheurs,  welche  nur  dahin  ver- 
standen werden  können,  daß  die  Kunde  von  Gereints  Ohnmacht, 

Hartm.  6663  ff  :  Mab.  S.   178: 

Fliehens  gienc  in  michel  not:  Ce  n'est  pas  tant  la  crainte 

wan  si  forhten  den  tot.  de     l'homme     vivant     qui     les 

saisissait    que    le    spectacle    du 
mort  se  levant  pour  les  frapper. 
Es  wird  dann  ausgeführt,  daß  es  kein  Wunder  sei,  wenn  nichts- 
ahnende Leute  beim  Anblick  eines  auf  der  Bahre  liegenden,  mit  blutigen 
Wunden  bedeckten,  in  Tücher  gewickelten  Mannes,  der  sich  plötzlich 
erhebt,  in  Schrecken  geraten. 

Bei  Chr.  4867  ff.  stehe  dem  nur  gegenüber: 

Li  Chevalier  saillent  des  tables, 
tuit  cuident  que  ce  soit  deables, 
qui  leanz  soit  antr'  aus  venuz  .... 
Hagen  scheint  aber  übersehen  zu  haben,  daß  es  auch  bei  Ehr. 
gleich  nachher.  V.  4877  f.,  heißt: 

Et  crient  tuit,  et  foible  et  fort: 
„Eunez,  fuiiez!    vez  ci  le  mort." 
Aus  dieser   Stelle   könnte  wohl   die   Darstellung   H.-M.'s   erklärt 
werden;  icn  möchte  deshalb  den  Punkt  von  der  Liste  absnt" en 


Weiteres  zur  Mabinogionfrage.  85 

von  den  Vorgängen  im  Schlosse  zu  Limwris,  der  Tötung  des 
Grafen  durch  Gereint,  schon  zu  ihm  gedrungen  war.  Daß  weiter 
in  der  Quelle  des  Mab.  der  Überbringer  dieser  Nachricht  an 
Guivret  den  Gereint  auch  als  ,, toten  Mann"  bezeichnet  haben 
muß,  wie  er  es  bei  Hartm.  tut,  wird  unter  der  nächsten  Nummer 
gezeigt  werden. 

Somit  hat  also  der  kymrische  Erzähler  unzweifelhaft  seine 
Quelle  gekürzt:  was  er  stillschweigend  voraussetzt  und  dann 
durch  Guivret  nur  andeutend  aussprechen  läßt,  das  muß  in  ihr 
vor  dem  Zusammentreffen  Guivrets  mit  Gereint,  wie  bei  Hartm., 
ausdrücklich  erzählt  worden  sein:  Guivret  sei  gemeldet  worden, 
ein  „toter  Mann"  habe  den  Grafen  von  Limwris  erschlagen, 
Guivret  habe  sich  gesagt,  daß  damit  Gereint  gemeint  sein  müsse, 
und  er  habe  beschlossen,  ihm  zu  Hilfe  zu  eilen. 

Dagegen  geht  nun  bei  Chr.  das  Gerücht  —  nur 
von  einem  solchen  (novele),  nicht  von  einem  bestimmten  Boten, 
ist  die  Rede  —  von  Limors  aus,  ehe  Erec  den  Grafen 
erschlagen  hat:  ihm  wird  gemeldet,  ein  im  Kampf  getöteter 
Ritter  sei  im  Walde  gefunden  worden  und  bei  ihm  eine  schöne 
Dame;  der  Graf  Oringles  habe  die  Leiche  fortschaffen  lassen  und 
wolle  die   Dame  trotz  ihres  Widerstrebens  heiraten: 

V.  4948  Trovez  les  avoit  anbedeus 

Li  cuens  Oringles  de  Limors, 

s'an  avoit  fet  porter  le  cors, 

et  la  dame  esposer  voloit; 

mes  ele  le  contredisoit. 

Quant  Guivrez  la  parole  oi 


Er  denkt  sofort  an  Erec  und  macht  sich  mit  tausend  Rittern 
und  Dienstmannen  auf,  nicht  um  Erec  beizustehen, 
wie  bei  Hartm.  und  im  Mab.,  sondern  um  den 
Leichnam   zu  bestatten  und   Enide   zu  befreien. 

Es  ist  vc  llk<  mmen  ausgeschl«  ssen,  daß  zwei  von  einander 
unabhängige  Bearbeiter  Chr. 's  diese  Darstellung  durch  die,  welche 
Hartm.  und  das  Mab.  bieten,  ersetzt  haben  sollten;  es  ist  ebenso 
ausgeschlossen,  daß  letztere  ganz  verschiedene  Version  in  einer 
älteren,  besseren  Chr.-Hds.  gestanden  haben  könnte,  aus  der 
si  wi  hl  Hartm.  als  auch  das  Mab.  sie  übernahmen,  denn  wir  haben 
hier  ja  wieder  den  Fall,  daß  bei  Hartm.  und  im  Mab.  nicht  ein 
Plu<  gegenüber  Chretien  vorliegt  —  nur  Pluszüge  bei  den  Be- 
arbeitern will  Förster  selbst  durch  die  Hypothese  der  Existenz 
einer  solchen  Hds.  erklären  — ,  sc ndern  eine  Verschieden- 
heit der  Erzählung,  und  zwar  eine  sehr  wesentliche  Ver- 
schiedenheit! 

Hier  haben  wir  also  abermals  ein  jeden 
Zweifel  ausschließendes  Indizium,  daß  Hartm. 
und  das  Mab.  beide  eine  von  der  Chretien- 
schen    abweichende    Erec-Erzählung   benutzt 


86  Rudolf  Zenker. 

haben  müssen,  ja  es  dürfte  dies  von  allen  in 
Betracht  kommenden  Stellen  überhaupt  die 
wichtigste    sein. 

25.  Der  „kleine  König"  Guivret  erkennt,  als  er  nächtlicher 
Weile  mit  den  beiden  Reisenden  zusammenstößt,  Enide,  bezw. 
Erec,  (  hne  daß  Enide  nötig  hat,  ihm,  wie  sie  es  bei  Chr.  5061  tut, 
ausdrücklieh  Erecs  Namen  zu  nennen.  Dreyer  no.  13,  Piquet 
no.   13.") 

Bei  Hartm.  6861  ff.  trifft  Guivret  im  Walde  mit  Erec  zusammen, 
sticht  ihn,  da  er  ihn  in  d<  r  Dunkelheit  nicht  erkennt,  vom  Roß  und 
will  ihm  den  Garaus  mach'  n,  Enide  ab  r  bittet  um  das  Leben  des 
Gatten,  der  schon  von  Guivret  in  der  Seite  verwundet  sei: 

6956  Guivreiz  die  froun  Eniten 
bi  dir  stimme  (rkande, 
ouch  half  ez  daz  si  in  nande. 

Im  Mab.  S.  179  begegnet  Guivret  gleichfalls  dem  Gereint,  ohne 
ihn  zu  erkennen,  und  reitet  mit  eingelegter  Lanze  auf  ihn  los: 

El  le  voyant,  Enid  s'ecria:  ,,Seigneur,  quelle  gloire  auras  -  tu  ä 
iuer  un  hnmme  mort,  qui  que  tu  puisses  etre?"  —  „Ciel,"  dil-il,  „serait- 
ce  Gereint?  ' 

Daß  hier,  wie  bei  Hartm.,  Enide  nach  Auffassung  des  Er- 
zählers an  der  Stimme  erkannt  wrd,  wie  Piquet  meint,  —  <b 
Dreyer  der  gleichen  Meinung  ist,  bleibt  ungewiß  — ,  glaube  ich 
nicht,  da  Guivret  dann  d<  ch  zunächst  Enide  namhaft  machen 
müßte,  während  er  vielmehr  v<  n  Gereint  spricht;  Piquets  Auf- 
fassung ist  wc  hl  durch  die  Darstellung  Hartm. 's  beeinflußt. 
Wer  die  Stelle  unbefangen  liest,  muß  den  Eindruck  haben,  daß 
Guivret  aus  der  Bezeichnung  des  von  ihm  ange- 
griffenen Ritters  als  eines  „toten  Mannes" 
durch  Enide  schließt,  Erec  vor  sich  zu  haben. 
Wie  er  zu  diesem  Schluß  k'  mmt,  ist  im  Mab.  nicht  ersichtlich, 
wird  es  aber  s<  f<  rt,  wenn  wir  annehmen,  die  Darstellung  der 
kymris  hen  Erzählung  sei  hier  unv(  llständig,  es  sei  in  ihrer 
Quelle,  wie  bei  Hartm.,  Erec  durch  das  Gerücht  als  „teter  Mann" 
bezeichnet  werden  —  ein  teter  Mann,  so  wird  bei  Hartm.  ja  dem 
König  Guivret  durch  den  Boten  gemeldet,  habe  den  Grafen 
Oringles  erschlagen: 

11 )  Beide  formulieren  aber  die  hier  vorliegende  Übereinstimmung 
zwischen  H.  und  M.  nicht  völlig  genau: 

Dreyer:  „Guivrez  erkennt  Enide,  ohne  sich  wie  bei  C.  den  Namen 
nennen  zu  lassen  (bei  H.  ausdrücklich  an  der  Stimme,  bei  M.,  ohne 
daß  dies  besagt  wird)." 

Piquet:  Aussi  bien  dans  le  conte  celtique  que  chez  Hartmann,  Gui- 
vret reconnait  Enide  ä  sa  voix. 

Guivret  erkennt  aber  im  Mab.,  wie  das  oben  gegebene  Zitat  zeigt, 
zunächst  nicht  Enide,  sondern  Erec,  und  es  ist  hier  nicht  gesagt  — 
wie  Dreyer  richtig  feststellt  — ,  daß  er  sie  an  der  Stimme  erkannt  habe. 


WeiUres  zur  Mabinogion frage.  87 

V.  6832  nü  gienc  er  [der  garzün]  für  den  künec  stän 
unde  begunde  im  sagen 
wie  der  gräve  Oringles  waere  erslagen, 
und  daz  hete  ein  toter  man  getan,   — 

und  wenn  wir  annehmen,  Guivret  habe,  wie  bei  Hartm.,  gleich 
vermutet,  mit  dem  „tüten  Mann"  sei  Gereint  gemeint:  nun  auch 
Enide  von  einem  „toten  Mann"  spricht,  denkt  Guivret  s  f.  rt  an 
Gereint,  den  er  ja  sucht.  „Ciel, . . .  serait  ce  Gereint  ?"  Da,  wie  unter 
der  vorigen  Nummer  gezeigt,  das  Mab.  bezüglich  des  Inhalts  der 
Nachricht,  die  Guivret  erhält,  gegen  Chr.  zu  Hartm.  stimmt, 
so  hindert  nichts,  anzunehmen,  die  Nachricht  sei  in  der  Quelle 
des  Mab.  auch  in  der  gleichen  Form  überbracht  w.  rden,  und  da 
nun  unter  dieser  Voraussetzung  die  Erkennung  Gereints  durch 
Guivret  im  Mab.  erst  verständlich  wird,  so  spricht  w>  hl  die  größte 
Wahrscheinlichkeit  dafür,  daß  es  sich  tatsächlich  so  verhält, 
daß  auch  in  der  Quelle  des  Mab.  dem  Guivret  gemeldet  wurde, 
ein  ,,ti  ter  Mann"  habe  den  Grafen  von  Limwris  erschlagen. 
Dies  ist  auch  die  Auffassung  Försters,  Lanc. 
S.  CXLVII,  Anm. 

Bei  Chr.  4941  ff.  erfährt  Guivret  vielmehr 
von  Euidf,  daß  er  Erec  vor  sich  hat:  Guivret 
sticht  den  Erec,  den  er,  wie  bei  Hartm.  und  im  Mab.,  nicht 
erkennt,  wie  bei  H.,  vom  R  ß;  Enide  macht  ihm  heftige  V  r- 
würfe,  er  beruhigt  sie  und  fragt  sie  nach  dem  Namen  ihres 
Gatten,  den  sie  ihm  nun  nennt: 

5059  Quant  Enide  asseürer  s'ot, 

br.emant  li  respont  an  un  mot: 

„Er<  c  a  non,  mantir  n'an  doi " 

Wir  haben  hier  also  abermals  eine  gemeinsame  Abweichung 
Hartm. 's  und  des  Mab.  von  Chr.,  ven  der  es  wenigstens  übeiaus 
unwahrscheinlich  ist,  daß  zwei  verschiedene  Bearbeiter  auf  sie 
verfallen  sein  s  Uten,  ins>  fern  bei  Chr.  für  den  Leser  keinerlei 
Anstoß  vorhanden  ist,  irgend  ein  Anlaß,  die  Nennung  von  Erecs 
Namen  durch  Enide  zu  beseitigen,  nicht  gegeben  scheint,  —  eine 
Abweichung  auch,  die,  in  Anbetracht  der  Tatsache,  daß  wieder 
eine  Verschiedenheit  der  Erzählung  vorliegt,  nicht  durch 
Benutzung  einer  anderen  Chr.-Hds.  durch  beide  Bearbeiter  er- 
klärt werden  kann. 

26.  Erec  und  Enide  gelangen,  als  sie  in  Begleitung  Guivrets 
ihre  Reise  fortsetzen,  an  einen  Scheideweg: 

Hartm.  7810:  Mab.  S.  180: 

>.ü  truoc  si  der  huofslac  Us   arriverent   ä  la  grand' 

üf  einer  schoenen  heide  route  et   virent  qu'elle  se  divi- 

an  eine  wegescheide.  sait  en  deux. 

Sie  schlagen  denjenigen  Weg  ein,  den  sie  nicht  einschlagen 
sollten  —  so  läßt  sich  das,  was  beiden  Texten  hier  gemein  ist, 
formulieren: 


88  Rudolf  Zenker. 

Bei  Hartm.  wollen  sie  nach  Britannien  zu  König  Artus,  sie  reiten 
aber  fehl,  indem  sie  sich  für  den  mehr  betretenen  der  beiden  Wege 
entscheiden: 

Die  rehten  sträze  si  vermiten: 
die  baz  gebüwen  si  riten. 

Im  Mab.  reiten  sie  nur  für  einen  Tag  spazieren,  um  sich  dann  an 
den  Hof  Guivrets  zu  begeben.  Sie  begegnen  einem  Fußgänger,  bei 
dem  sie  sich  erkundigen,  welchen  von  beiden  Wegen  sie  am  besten 
einschlagen  würden;  sie  entscheiden  sich  aber  gerade  für  den  Weg, 
vor  dem  er  sie  warnt,  weil  von  allen  denen,  die  ihn  betreten  haben, 
nie  einer  wieder  zurückgekehrt  sei. 

Bei  Chr.  ist  von  einem  Scheideweg  nicht  die 
Rede,  Erec  und  Enide  gelangen  mit  Guivret 
ohne  Aufenthalt  direkt  nach  dem  Schlossp 
Brandigan: 

V.  5367  Chevauchie'  ont  des  le  matin 

jusqu'au  vespre  le  droit  chemin 
plus  de  tränte  liues  galesches, 
et  vienent  devant  les  bretesches 
d'un  chastel  fort  et  riche  et  bei  ...  . 
Dreyer  no.   14. 

Diese  Übereinstimmung  zwischen  Hartm.  und  Mab.  in  einem 
ganz  speziellen  Zuge,  dessen  Einführung  durch  Chr. 's  Darstellung 
in  keiner  Weise  nahe  gelegt  wird,  beruht  schwerlich  auf  Zufall, 
sie  kann  auch  nicht,  wie  Förster,  Lancelot  S.  CXLV,  Anm. 
will,  aus  einer  älteren  Hds.,  auf  die  H.-M.  zurückgingen,  ab- 
geleitet werden,  da  ja  nach  Chr.  die  Reisenden  ,,bis  zum  Abend'', 
also  bis  sie  am  Ziele  sind,  „immer  den  geraden  Weg  weiter  ge- 
ritten sind"  und  zwischen  den  Versen  5369  und  5370,  zwischen 
denen  die  auf  den  Scheideweg  bezüglichen  Verse  gestanden  haben 
müssten,  nichts  ausgefallen  sein  kann,  da  sie  durch  den  Reim 
gebunden  sind. 

So  macht  auch  diese  Stelle  eine  von  Chr.  abweichende  Quelle 
Hartm. 's  und  des  Mab.  wenigstens  sehr  wahrscheinlich. 

27.  Die  Geliebte  des  Mabonagrain  sitzt  in  einem  Zelte: 
Hartm.  8901 :  „eine  pavilüne"  (und  zwar  auf  einem  Bette  mit 
silbernen  Bettpfosten,  V.  8953  ff.);  Mab.  S.  182:  „wt  pavillon 
de  paile"  (auf  einem  vergoldeten  Stuhle,  ib.) ;  bei  Chr.  5880  ff. 
sitzt  sie  vielmehr  im  Schatten  einer  Sykomore  (auf  einem  silbernen 
Bette,  das  mit  einem  goldgestickten  Tuche  bedeckt  ist).  Dreyer 
no.   15    Piquet  no.   15. 

Die  Übereinstimmung  läßt  sich  durch  eine  andere  Hds. 
kaum  erklären,  wie  das  Förster,  Lancelot  S.  CXLV,  Anm.  aller- 
dings tut,  dagegen  kann  freilich  die  Möglichkeit  nicht  geleugnet 
werden,  daß  zwei  Bearbeiter,  denen  bei  dauerndem  Aufenthalt 
di  >  Sykomore  als  ein  ungenügendes  Obdach  erschien,  unabhängig 
voneinander  letztere  durch  ein  Zelt  ersetzten. 


Weiteres  zur  Mabinogion frage.  89 

28*.  Als  Erec  vor  die  Jungfrau  im  Zelte  hintritt,  warnt  sie 
ihn  vor  Mabonagrain: 

Hartm.  8972  ff.:  Mab.  S.   183: 

Erec   ist   vom    Roß   gestie-  Die  Jungfrau  sagt  zu  Gereint, 

gen  und  vor  die  Jungfrau  hin-  nachdem   er   sich   in    den    dem 

getreten,  8985:  ihrigen      gegenüber      stehenden 

Stuhl  gesetzt  hat: 
„herre,  get  durch  got  von  mir  „Seigneur",    ....     „je 

stän.  ne  te  coiibeille  pas  de  t'asseoir 

ez  muoz  iu  an  den    lip    gän,  dans   cette   chaire."   —   „Pour- 

und    ersiht    iuch    min    herre:  quoi?"    —    „Celui    ä    qui    eile 

er  ist  von  uns  unverre."  appartient    n'a    jamais    permis 

qu'un  autre  s'y  assit".  —  ,,11 
m'est  fort  egal  qu'il  trouve  mal 
que  je  m'y  assoie". 

Bei  Chr.  5894  ff.  werden  zwischen  Erec  und  dem  Fräulein 
vor  dem  Erscheinen  Mabonagrains  keinerlei  Worte  gewechselt, 
eine  Warnung  findet  nicht  statt. 

Hier  könnte  wieder  ein  Mehr  von  einigen  Versen  in  einer 
anderen  Hds.  die  Übereinstimmung  erklären. 

29.  Man  hört  Mabonagrain  kommen,  ehe  er  sichtbar  wird 
(bei  H.  vernimmt  man  seine  Stimme,  im  M.  ein  lautes  Getöse): 
Hartm.  8989  ff.,  Mab.  S.  183. 

Bei  Chr.  ist  davon  nicht  die  Rede.     Dreyer  no.   16. 
Auch  hier  würden  einige  Plusverse  in  einer  älteren  Hds.  zur 
Erklärung  der  Abweichung  genügen. 

30.  Es  wird  gleich  zu  Anfang  erwähnt,  daß  Mabonagrain 
beritten  ist,  und  zwar  sitzt  er  auf  einem  besonders  großen,  starken 
Roß: 

Hartm.  9014:  Mab.  S.  183: 

Sin  ros  was  gröz  unde  hö,  un     Chevalier     monte    sur 

starc  rot  zundervar.  un   cheval   de   guerre,    aux   na- 

seaux  orgueilleux,  ardent  et  fier, 
aux  os  forts   .... 

Beide  Züge  fehlen  bei  Chr.     Dreyer  no.  17. 
Abermals  ist  die  Annahme  von  Plusversen  zulässig. 

30  \  Mabonagrain  fährt  Erec  mit  der  Frage  an,  wer  ihn  ge- 
heißen habe,  sich  auf  den  Stuhl  zu  setzen,  bezw.  seiner  Frau  so 
nahe  zu  treten;  nachdem  Erec  geantwortet  hat,  (bei  H.  mit  der 
Gegenfrage,  inwiefern  er  damit  unrecht  getan  habe,  im  Mab.  nur: 
„moi-meme" ) ,  erklärt  Mabonagrain,  er  habe  unrecht,  bezw. 
töricht  gehandelt  (H.  9020:  ez  ist  et  vil  toerlick;  M.:  Tu  as  eu  tort 
de  me  causer  pareille  honte  et  paraille  af front  . 

Bei  Chr.  5907  ff.  wirft  Mabonagrain  dem  Erec  sein  Unrecht 
vor,  ohne  ihn  zu  fragen. 

Einige  Verspaare  könnten  ausgefallen  sein. 

31.  Nach  dem  letzten  Abenteuer  kehrt  Erec  mit  Enide  in 
seine  Heimat  zurück,  übernimmt  die  Regierung  und  lebt  mit  der 


90  Biviol f  Zenker. 

Gattin    glücklich    bis    an    sein    Lebensende:    Hartm.    10  001  ff. , 
Mab.  S.   184  ff. 

Die  Schlußworte  lauten  im  Mab.  S.   184: 

Gereint  se  rendit  dans  ses  etats.  II  los  gouverna  ä  partir  de  lä 
d'une  facon  prospere;  sa  vaillano*  ne  c<  sserent  de  lui  maintenir  gloire 
et  r^putation  dösormais,  ainsi  qu'ä  Enid. 

Chr.  hat  einen  ganz  abweichenden  Schluß,  V.  6510  ff.: 
Erec  wird  nach  dem  T«  de  seines  Vaters  nicht  in  seiner  Heimat, 
sondern  zu  Nantes  durch  den  dortigen  Bischt  f  mit  großem 
P(  mp  zum  König  gekrönt:  die  Feier  wird  ausführlich  beschrieben. 
Dann  heißt  es: 

„Als  dieses  Fest  zu  Ende  war,  löste  der  König  [Artus]  die  Ver- 
sammlung der  Könige,  H<  rzöge  und  Grafen,  deren  eine  sehr  große 
Anzahl  anwesend  war,  und  die  des  anderen  Volkes  und  der  kleinen 
Leute,  die  zu  dem  Feste  gekommen  waren,  auf.  Reichlich  schenkte 
er  ihnen  Pferde,  Waffen  und  Silber,  Tücher  und  Gewänder  von  mancher 
Art,  deshalb  weil  er  sehr  freigebig  ist,  und  um  Erccs  willen,  den  er  so 
sehr  liebte.     Hier  ist  die  Geschichte  zu  Ende." 

Dreyer  no.   18. 

t  ber  diesen  Schluß  habe  ich  schon  Zur  M abinogionfrage, 
S.  92  ff.  ausführlich  gehandelt,  meine  dort  gegebene  Darstellung 
bedarf  aber,  wie  ich  jetzt  glaube,  in  wesentlichen  Punkten  der 
M*  difikatii  n. 

Es  kann,  wie  ich  a.  a.  0.  S.  93  bemerkte,  nicht  wohl  ein 
Zweifel  darüber  bestehen,  daß  der  Schluß,  welchen  Hartm.  und 
Mabinrgi  bieten,  der  ursprüngliche  Schluß  der  Erec-Erzählung 
gewesen  ist:  Erec  kehrt  mit  der  Gattin  in  seine  Heimat  zurück 
und  beide  leben  d<  rt  glücklich  bis  an  ihr  Ende.  Die  Logik  der 
ganzen  Erzählung  f  rdert  diesen  Schluß  unbedingt. 

Ist  dem  so,  dann  bestehen  zwei  Möglichkeiten,  den  hier 
zwischen  Chretien,  der  mit  Erecs  Krönung  zu  Nantes  schließt, 
einerseits  und  Hartm. -Mab.  andererseits  vorliegenden  Unterschied 
zu  erklären: 

1.  Alle  sieben  erhaltenen  Chr.-Hdss.,  die  in  den  letzten 
Versen  stark  differieren,  gehen  zurück  auf  ein  am  Ende  ver- 
stümmeltes Original:  Chretiens  Dichtung  berichtete,  wie  Hartm. 
und  das  Mab.,  am  Schluß  —  nach  der  Krönung  zu  Nantes  —  auch 
nrch  die  Heimke  r  Erecs  in  sein  Reich.  Hartm.  und  das 
Mab.  hatten  n<  ch  eine  v(  llständige  Hds.  vor  sich,  beide 
ließen,  um  zu  kürzen,  die  Krönung  zu  Nantes  weg. 

2.  Hartm.  kannte  neben  Chretien  eine  vollständigere  Version 
des  Erec-St<  ffes,  auf  die  auch  das  Mab.  zurückgeht,  und  er 
ersetzte  den  ihn  nicht  befriedigenden  Schluß  Chretiens  durch  den 
abweichenden,  den  er  hier  fand. 

Ich  ließ  es  seinerzeit  dahingestellt,  welche  von  den  beiden 
Möglichkeiten  den  Verzug  verdiene;  für  die  erstgenannte  machte 
ich  geltend,  daß  in  der  Tat  den  uns  erhaltenen  Hdss.  ein  eigent- 


Weiteres  zur  Mabmogionfrage.  91 

hoher  Schluß  gefehlt  zu  haben  scheint,  und  nicht  einzusehen  ist, 
warum    Chr.   die    Dichtung   unvollendet   gelassen   haben   sollte! 
Nun  kann  aber  gerade  gegen  1  ein  sehr  gewichtiges  Bedenken 
geltend  gemacht  werden: 

Der  genaue  Vergleich  Hartmanns  mit  Chreticn  zeigt  nämlich, 
daß  ersterer,  wenn  er  auch  gelegentlich  Chretiens  Darstellung 
etwas  kürzt,  d<  ch  keine  einzige  Epis<  de  vollständig  ausgelassen 
hat,  —  er  zeigt  ferner  daß  es  dem  deutschen  Dichter  im  Grunde 
durchaus  nicht  um  Abkürzung  der  Erzählung  zu  tun  war, 
indem  er  im  Gegenteil  diese  vielfach  sehr  stark  erweitert  hat] 
s.  z.  B.  die  viel  ausführlichere  Schilderung  des  Turnieres,  die 
geradezu  maßl<  s  breite  Beschreibung  von  Enidens  Pferd  u.  a.  m. 
Gesetzt  deshalb,  es  habe  Hartmann  eine  vollständigere  Cliretien- 
Hds.  vc  rgelegen,  welche  außer  der  Beschreibung  der  Krönung 
zu  Nantes,  die  die  uns  erhaltenen  Hdss.  bieten,  auch  noch  den 
bei  Hartmann  vcrliegenden  Schluß  enthielt,  müßte  es  als  höchst 
unwahrscheinlich  bezeichnet  werden,  daß  er  die  ganze  Krönungs- 
episcde,  die  bei  Chretien  412  Verse,  V.  6  46—  6958,  umfaßt, 
und  die  d<  ch  die  deutschen  ritterlichen  Leser  gewiß  auch  inter- 
essiert hätte,  einfach  weggelassen  haben  seilte;  es  wäre  nach 
seinem  s<  nstigen  Verfahren  bestimmt  zu  erwarten,  daß  er,  wenn 
er  schon  kürzen  wollte,  der  Krönung  zu  Nantes  zum  mindesten 
m  einer  Anzahl  Versen  Erwähnung  getan  hätte. 

Außerdem  müßte  es  zum  mindesten  als  auffällig  bezeichnet 
werden,  daß  Hartm.  und  das  Mab.  beide  unabhängig  von- 
einander die  ganze  Episode  der  Krönung  zu  Nantes  gestrichen 
haben  s>  Uten. 

Ferner  wird,  entgegen  meiner  früheren  Auffassung,  doch 
w«  h!  wenigstens  mit  der  Möglichkeit  gerechnet  werden  müssen, 
daß  V.  6158:  Li  contes  fine  ci  a  tant,  den  Hds.  P  allein  bietet' 
ursprünglich  ist,  wie  ja  auch  Förster  den  Vers  in  seine  kritische 
Ausgabe  aufnimmt,  sei  es,  daß  P  doch  für  sich  allein  a  len  anderen 
Hdss.  gegenüber  eine  Gruppe  bildet  —  daß  Försters  Handschriften- 
stammbaum nicht  haltbar  ist,  wurde  a.  a.  0.  S.  94  schon  fest- 
gestellt — ,  sei  es,  daß  es  jenen  Vers  aus  einer  besseren  Hds.  ent- 
lehnte, n  welchem  Falle  also  dorn  Original  der  erhaltenen  Hdss. 
em  Abschluß  —  freilich  ein  rein  äußerlicher  —  nicht  gefehlt  haben 
würde. 

Und  angenommen,  Chretiens  Quelle  habe  der>  Schluß  Hart- 
manns und  des  Mab.  enthalten,  so  würde  auch  eine  Erklärung 
für  den  von  ihm  vrrgen«  mmenen  i  rsatz  dieses  Schlusses  durch 
die  Krönung  von  Nantes  nicht  fehlen. 

Förster  bemerkt  nämlich  S.  56  seines  Kristian  von  Troyes 
Wörterbuch  „Einer  ....  Mitteilung  Ph.  A.  Beckers  29.  Oktober 
1913  verdanke  ich  die  Angabe,  daß  er  sich  bei  der  Königskrönung 
m  Nantes  (6553  ff.)  fragt,  «ob  Kristian  nicht  einfach  der  Krönung 
Geoffroys  durch  seinen  Bruder  Heinrich  II.  in  Nantes  beigewohnt 


Rudolf  Zenker. 

hat  und  wie  ein  rechter  Dichlor  sie  in  Dichtung  umsetzt».  — 
Diese  Krönung  würde  mit  ihrem  Jahr  1158  vortrefflich  passen 
und  gäbt1  so  einen  Terminus  a  quo,  so  daß  der  Erec  mit  1160  (oder 
knapp  vor   11GU)  wirklich  genau  bestimmt  wäre." 

Beckers  Hypothese  hat  gewiß  etwas  Bestechendes.  Der 
Gedanke  läge  dann  nahe,  Chretien  habe,  eben  um  seine  Dichtung 
durch  eine  so  hoch  aktuelle  Schilderung  zu  schmücken,  den  ihm 
vorliegenden,  zu  Hartm.  und  zum  Mab.  stimmenden  Schluß 
durch  diesen  anderen,  Erecs  Krönung  durch  Artus  zu  Nantes, 
ersetzt. 

Aus  diesen  Gründen  glaube  ich  es  nunmehr  im  Unter- 
Bchiede  von  meiner  Zur  M ab inog ionfrage  a.  a.  0.  gegebenen 
Darstellung,  wo  ich  eine  Wahl  zwischen  den  beiden  m.  E.  be- 
stehenden Möglichkeiten  nicht  traf,  als  sehr  wahrscheinlich  be- 
ll.iliten  zu  dürfen,  daß  Hartm.  seinen  ganzen  Schluß  der  von 
ihm  neben  Chr.  benutzten  zweiten  französischen  Fassung  des  Erec- 
Stoffes  entnommen  hat:  ihm  lag  Chr.  vor  in  dem  Texte,  den  die  uns 
erhaltenen  Hdss.  bieten  und  der  der  ursprüngliche  gewesen  sein 
kann:  hier  machte  die  weitläufig  geschilderte  Krönung  zu  Nantes 
den  Beschluß;  daneben  aber  benutzte  er  jene  andere  Erec-Dichtung 
welche  die  Krönung  nicht  kannte  und  an  ihrer  Stelle,  offenbar 
im  Einklang  mit  der  Originaldichtung  von  Erec,  die  Bückkehr 
Erecs  und  Enidens  nach  Carnant  hatte.  Zwischen  beiden  Ver- 
sionen mußte  Hartm.  wählen,  und  er  entschied  sich  für  die  letztere. 

S(  »mit  darf  auch  der  Hartmannsche  Schluß  als  ein  Argument  für 
die  Benutzung  einer  zweiten  Erec-Dichtung  durch  Hartm.  gelten. 

Damit  wären  nunmehr  die  Fälle  erschöpft,  wo  Hartmann 
und  Mabinogi  gegenüber  Chretien  die  gleichen  Abweichungen 
zeigen. 

Wenn  wir  nun  die  Liste  überblicken,  so  haben  wir  im  ganzen 
U  Nummern,  nämlich  no.  1,  4,  9,  10,  12,  13,  15,  19,  20,  23, 
27,  28,  29,  30,  bei  denen  die  Möglichkeit  zugestanden  werden 
mußte,  die  gemeinsame  Abweichung  der  Texte  zurückzuführen 
entweder  auf  selbständige  Änderungen  zweier  Bearbeiter  Chretiens 
oder  —  und  das  ist  bei  weitem  der  häufigere  Fall  —  auf  die  Be- 
nutzung einer  Chretien-Handschrift  durch  die  Bearbeiter,  welche 
besser  war  als  alle  sieben  uns  erhaltenen  Hdss.  des  Erec  und  an 
den  in  Betracht  kommenden  Stellen  einige  schon  in  dem  Original 
aller  erhaltenen  Hdss.  ausgefallene  Plusverse  aufwies  — ,  die 
Möglichkeit,  daß  schon  das  gemeinsame  Original  aller  sieben  Erec- 
Hdss.  lückenhaft  war,  haben  wir  Förster  zugestanden;  für  sich 
steht  no.  11,  bei  der  Übereinstimmung  zwischen  Hartmann  und 
Mabinogi  nicht  mit  voller   Sicherheit  behauptet  werden  kann. 

Dagegen  sind  nun  in  den  17  übrigen  Fällen:  no.  2,  3,  5,  6, 
7,  8,  11,  14,  16,  17,  18,  21,  22,  24,  25,  26,  31,  die  in  Bede  stehen- 
den beiden  möglichen  Erklärungen  für  die  Differenzen,  welche 


Weiteres  zur  Mabinogionft 

Hartm.  und  Mab.  gegenüber  Chretien  aufweisen,  teils  vollkommen 

ausgeschlossen,    leiis    doch   in   hohem    Grade   unwahrscheinlich 
und  zwar   sind    die    wichtigsten,   direkt  entscheidend  e  a 
Cbereinstimmungen  die  unter  no.  2,  6,  14,  16,  17.  21,  22,  24, 
26:  diese  genügen,  um  mit  „mathematische  r     S  ioh( 
heit  zu  beweisen,   daß   an  den  Stellen,  wo  b  i  e 
begegnen,   Ilartmann  und  das   Mabinogi    beide 
aus   einer,    sei    es  mündlich,   sei   es   schriftlich 
überlieferten,    von     der    Chretien  s    vielfach 
abweichenden    Erec-Dichtung   geschöpft   ha- 
ben  müssen,  —  Hartmann  benutzt   diese   Quelle  n  e  b  e  n 
Chretien,  das  Mabinogi  benutzt  sie  ausschließlich. 

Besondere  Beachtung  verdient  von  diesen  Punkten  nun 
no.  5,  „Waffen  des  alten  Ritters",  weil  es  hier  ganz  deut- 
lich ist,  daß  Hartmann  zwei  verschiedene, 
sich  widersprechende  Versionen  vor  sich  hatte, 
die     er    beide    in   seine    Darstellung   aufnahm. 

Er  stimmt  nämlich  einerseits  zu  Chretien,  der  dem  ver- 
armten Ritter  ..senöne,  leichte  Waffen"  zuschreibt: 

Der  aite    Ritter  sagt  zu  Erec: 

Chretien  613  ff. :  Hartmann  589  ff. : 

Armes  buenes  et  beles  ai.  So  haben  wir  hie  zehant 

vil  schoenez  isengewant, 

Chauct's    .i    mout    buenes    et  beidiu    behende    [=    legieret) 

chieres,  unde  gu>>t. 

Cleres   et    beles   et  legieres.  Erec  probiert  dann  die  Rüstung 

an,  V.  617: 
dö  was  ez  behende  unde  gii"' 

Später   aber   heißt  es  bei   Hartmann   in   teilweise   wör 
lieh  er  Übereinstimmung  mit  dem  Mabinogi: 

V.   746  ff.:  Mab.   S.   134: 

sin  schilt  was  alt  swaere  bre  it.  Gereint ,  couverl 

siniu  sper  unbehende  gröz.  Iui   et  son   cheval.   d'ar- 

halp  er   und  daz  ros  blöz,  mes   lourdes,    r  o  u  i  i  i  • 

als   imz  sin   alter  sweher  lech.  sans  valeur. 

Würde  an  letzterer  Stelle  eine  bewußte  Änderung  Hart 
rnanns  vorliegen,  so  hätte  er  nicht  V.  589  ff.  von  schönen,  leichten 
Waffen  gesprochen.  Vielmehr  folgt  er  hier  offenbar  der  Dar- 
stellung der  zweiten  von  ihm  benutzten  Quelle,  welche  die  von 
Chretien  getilgten,  für  den  verarmten  Ritter  allein  passenden 
schweren,  schlechten  Waffen,  die  die  ursprüngliche  Fassung  der 
Erzählung  gehabt  haben  muß,  bewahrt  hatte.  Der  Widerspruch 
zu  der  Darstellung  Chretiens  ist  Hartmann  nicht  zum  Bewußt- 
sein gekommen.  Solche  Diskrepanzen  werden  sich,  wo  auf  ! 
nicht  völlig  harmonierende  Darstellungen  des  gleichen  Vorgangs 
eine  dritte  gegründet  wird,  immer  leicht  einfinden. 


94  Rudolf  Zenker. 

Wer  künftig  noch  behauptet,  daß  Hart- 
mann  aussch  ließlieh  Chretien  vor  sich  ge- 
habt habe,  wird  sich  erst  mit  diesen  Stel- 
len auseinanderzusetzen  haben  und  uns 
sagen  müssen,  wie  er  die  hier  vorliegenden, 
ganz  speziellen  Übereinstimmungen  beider 
Texte,  welche  zum  Teil  von  der  Art  sind,  daß 
sie  den  Zufall  ohne  weiteres  ausschließen, 
erklären  will.  Daß  die  von  Förster  gegebene  Erklärung, 
auf  Grund  deren  man  bisher  die  Stellen  ignoriert  hat,  durch- 
aus unmöglich  ist,  wurde  im  Vorausgehenden  S.  54  ff.  und 
dann  von  Fall  zu  Fall  gezeigt. 

Die  fraglichen  Übereinstimmungen  sind  nun  aber  zugleich 
insofern  für  das  Erec-Gereint-Problem  von  einschneidender  Be- 
deutung, als  sie,  wenn  sie  auch  an  eich  nicht  die  Unab- 
hängigkeit des  Mabinogi  von  Chretien  darLun,  doch  so- 
viel mit  absoluter  Sicherheit  beweisen,  daß 
der  kymrische  Erzähler  eine  von  der  Chr- 
tienschen  vielfach  abweichende  Erec-Über- 
lieferung  kannte,  die  er  unter  allen  Umständen  neben 
ersterer  verwertet  haben  müßte;  daß  der  Kymre  eine  solche 
zweite  Erec- Überlieferung  —  und  zwar  ausschließlich  —  be- 
nutzte, such'e  mit  Hilfe  ganz  anderer  Kriterien  nachzuweisen 
Edens,  indem  er  zeigte,  daß  die  Darstellung  des  Mab.  h  ufig 
ursprünglicher  ist  als  dfe  Chre  iens  und  also  nicht  aus 
diesem  geschöpft  sein  kmn;  die  Übeinstimmungen  Hartm  -Mab. 
gegen  Chretien  dienen  somit  dem  Ergebnis  Edsns' 
zur  Bestätigung  und  sind  auch  )  ür  diejenigen 
zwingend,  welche  die  von  E.  angewandten  Kri- 
terien der  Logik  und  Konsequenz  der  Darstel- 
lung nicht  gelten  lassen  wollen.  Wnn  si>  gleich 
der  Annahme,  daß  da^  Mab.  außerdem  auch  Chretien  benutzt 
habe,  nicht  im  Wege  stehen  würden,  so  stimmen  sie  doch  eben- 
sowohl zu  dem  auf  Grund  eines  genauen  Vergleiches  des  Mab. 
mit  Chretien  gewonnenen  Ergebnis,  wonach  das  kymrische 
Märchen  von  letzterem  völlig  unabhängig  ist. 

Dreyer  führt  außerdem  S.  23  f.  noch  15  Stellen  auf, 
an  denen  Hartm.  und  das  Mab.  „dasselbe  auslassen",  —  da  erst 
entschieden  werden  soll,  ob  beide  Chretien  überhaupt  ver  sich 
gehabt  haben,  so  werden  wir  vielmehr  sagen:  „von  Chr.  Berichtetes 
nicht  erwähnen"  — ,  indem  er  bemerkt,  daß  diese  Stellen  „bei  der 
die  Erzählung  sehr  kürzenden  Darstellung  Ms.  natürlich  weniger 
ins  Gewicht  fallen".  Ich  begnüge  mich,  hier  auf  Dreyer  zu  ver- 
weisen und  sehe  von  Registrierung  und  Besprechung  der  Stellen 
ab,  da  sie  als  Beweismaterial  für  de  Benutzung  einer  von  Chr. 
verschiedenen  Erec-Fassung  durch  Hartm.  und  Mab.  nicht  dienen 
können;  denn  wenn  von  zwei  Bearbeitern  eines  Textes  der  eine 


Weiteres  zur  Mabinog'onfrage.     Anhang.  95 

6eine  Vorlage  durchgohends  stark  kürzt  —  wie  der  Kyrnre  getan 
haben  müßte,  falls  er  Chr.  v<  r  sich  hatte  — ,  der  andere  sie  wenig- 
stens an  vielen  Stellen  kürzt,  wie  Hartmann  tut,  s  i  werden  b<  ide 
aller  Wahrscheinlichkeit  nach  öfters  das  Gleiche  auslassen. 
Soviel  über  die  Hartmann  und  dem  Mabincgi  gemein- 
samen Abweichungen  v<  n  Chretien. 

Ich  gehe  nun  dazu  über,  eine  Anzahl  Stellen  genauer  ins  Auge 
zu  fassen,  wo  Hartmann  v<  n  Chretien  abweicht,  o  h  n  e  daß  das 
Mabin<  gi  etwas  Entsprechendes  böte,  —  eine  ganze  Reihe  sehr 
auffälliger  Unterschiede  zwischen  dem  deutschen  Dichter  und 
seiner  französischen  V  rlage  —  es  handelt  sich  vorzugsweise  um 
längere,  inhaltreiche  Plusstellen  bei  dem  ersteren  —  in  schärfere 
Beleuchtung  zu  rücken,  Unterschiede,  die,  um  mit  Bartsch  zu 
sprechen,  „nicht  so  schlechthin  als  Willkür  des  deutschen  Be- 
arbeiters gelten  dürfen,  s  ndern  bei  denen  die  Frage  nach  einer 
anderen  Quelle  berechtigt  erscheint '.  Ihre  Betrachtung  wird 
dem  durch  die  virstehende  Untersuchung  gewonnenen  Ergebnis 
zur  Bestätigung  dienen. 

(Fortsetzung  folgt.) 

Rostock  i.  M.  Rudolf  Zenker. 

Anhang. 

Während  vorstehender  Artikel  bereits  im  Druck  war,  kam  mir 
durch  freundliche  V  rm  tt  ilung  des  II<  rrn  Herausgebers  die  inzwischen 
in  dieser  Zeitschrift  441  (i9.6),  Heit  5/7,  S.  129—188  erschienene 
Abhand.'ung  von  W  Meyer-Lübke,  Chrestien  von  Troyes  Erec 
und  Enide,  zu  G  s  cht.  D  r  Verfasser,  dessen  Autor. tat  als  Sprach- 
forsch  r  unbestritten  :st,  dt  r  sich  aber  als  Literarhistoriker  bisher  nur 
ganz  geli  gentlich  b  tat  gt  hat  und  speziell  auf  dem  Gebiet  der  Artusepik 
m.  W.  nur  erst  mit  e  nz  hen  kurzen  Referaten  hervorgetreten  ist, 
polemisiert  vielfach  g<  gen  Förster  —  er  spricht  S.  170  einmal  von 
der  ,,bci  Förster  b:s  zur  Zwangsvorstellung  entwickelten  Auffassung 
von  Cr.  stiens  Genialität  und  Urschöpfung"  — ,  auch  nimmt  er  geli  gent- 
lich Edens  gf  gen  Forst  rsche  Vorwürfe  in  Schutz,  aber  in  der  so  überaus 
wichtigen  Frage  nach  dem  V*  rliä  tnis  von  Chretiens  Erec  und  Enide 
zu  dem  kymr. sehen  Prosamärchi  n  von  Gereint  stimmt  er,  wie  sein 
lrühi  nr  Kollege  Ph.  A.  Becker  —  mit  dem  ich  mich  deswi  gen  im 
Literaturblatt  f.  germ.  und  rom.  Philologie  1903,  Sp.  180—182  und  in 
dnser  Zs.  41 l  (i913),  131—165  bereits  auseinandergesetzl  hab 
doch  wieder  dem  verstorbenen  Bonner  Romanisten  bei.  Ich  x> id 
mich  in  einer  späteren  Nummer  dieser  Artikelreihe  mit  den  ganzen, 
die  Erec-Dichtung  betr effendi  n  Darlegungen  Meyer-Lübkes  —  aus- 
genommen den  Abschnitt,  in  dem  Fragen  der  mir  fern  liegenden  kel- 
t  sehen  Sprachgeschichte  mit  hereinspielen  —  eingehend  zu 
Aul  dem  knappen  Raum,  der  mir  in  diesem  Hefte  noch  zur  V<  rfügung 
steht,  muß  ich  mich  darauf  beschränken,  die  wenigen  Seit*  n.  die  M 
Lübke  am  Sch'usse  seiner  Abhandlung  speziell  dem  Erec-Gereint- 
Probleme  widmet:  neun  Seiten  von  sechzig,  die  d<  r  Artikel  umfaßt, 
kritisch  Stellung  zu  nehmen.  Immerhin  möchte  ich  \\  nigsb  ns  zu  ein 
paar  an  früherer  Stelle  begegnenden  Bemerkungen  Meyer-Lübkes 
mich  sofort  äußern: 


96  Itntlul]  Zenker. 

I  .  I.  o  t  hat  in  der  Romania  30  (1901),  21  den  Namen  Enide,  kymr. 
Enid,  abgeleitet  von  kymr.  enit,  „Waldlerche",  und  festgestellt,  daß 
dieses  Wort  dem  Keltischen  des  Festlandes  fremd  ist,  s.  dazu  Zur  Ma- 
binogionfragc  S.  96;  er  i  rschließt  daraus  insularen  Ursprung  des  Namens 
und  weiter  insularen   Ursprung  der  Krec-Erzählung  selbst. 

Meyer-Lübke  wendet  S.  144  ein:  „Um  diese  Zusammenstellung 
einleuchtend  zu  machen,  müßte  nachgewiesen  werden,  daß  bei  Kymren 
auch  sonsl  derartige  Vogelnamen  zu  Personennamen  werden  und  daß 
der  Name  Enid  auch  sonsl  im  Kymrischen  vorkommt.  Beides  ist, 
si  weit  man  bisher  weiß,  nicht  der  Fall".  Das  habe  auch  Förster  schon 
in  dieser  Zs.  383  I  1910),  184  richtig  bemerkt.  „Die  kymrische  Literatur 
kennt  ESnide  einzig  und  allein  als  Name  der  Gattin  des  Erec,  sonst 
nicht,  so  daß  man  an  seinem  kymrischen  Ursprung  zweifeln  darf". 
Man  könnte  dann  wohl  „eine  Schöpfung  des  [französischen]  Dichters 
sehen,  bei  der  die  Alliteration  mit  Erec  den  Anstoß,  die  Erinnerung 
an  Eneas  die  'Weiterbildung  brachte". 

Daß  Voraussetzung  der  Ableitung  Enid  <  enit  der  Nachweis  der 
Entstehung  von  Personennamen  aus  Vogelnamen  im  Kymrischen  sei, 
muß  ich  bestreiten.  Es  kann  sich  sehr  wohl  um  einen  singulären  Fall 
handeln,  und  der  Grund  für  diese  Verwendung  des  Appellativums  als 
weiblicher  Personennamen  ist  doch  wohl  ohne  weiteres  hinreichend 
deutlich. 

Wenn  Förster  a.  a.  O.  bemerkt:  „Es  ist  mir  (und  ebenso  den 
Keltisten)  nicht  bekannt,  daß  es  derartige  Namensbezeichnungen  auf 
den  keltischen  Inseln  oder  dem  keltischen  Festland  gegeben  habe". 
so  will  das  nicht  viel  besagen,  denn  Förster  war  bekanntlich  des  Kel- 
tischen nicht  mächtig,  und  die  ganze  keltische  Philologie  lag  ihm  fern; 
sein.-  keltische  Autorität  war  früher  Heinrich  Zimmer,  der  aber,  als 
dieser  Artikel  geschrieben  wurde,  längst  nicht  mehr  unter  den  Lebenden 
weilte.  Hat  Förster  wirklich  Keltisten  in  dieser  Sache  konsultiert, 
warum  macht  er  sie  dann  nicht  namhaft  ? 

Daß  Voraussetzung  der  in  Rede  stehenden  Ableitung  der  Nach- 
weis sonstigen  Vorkommens  des  Namens  Enid  im  Kymrischen  sei, 
möchte  ich  gleichfalls  bezweifeln.  Es  gibt  genug  Namen,  die  nur  als 
Namen  gewisser  Gestalten  der  Dichtung  begegnen.  Wo  ist  denn  der 
Name  Perceval  nachgewiesen  außer  im  Perceval-Roman?  Wo  sind  die 
Namen  Laudine,  Lunete  belegt  außer  im  Ivain?  wo  der  Name  Beowulf 
außer  im  gleichnamigen  angelsächsichen  Epos  ?  wo  der  Name  Lohengrin 
außer  im  Schwanenritter-Roman  ?  Es  ließen  sich  bei  einiger  Umschau 
ja  noch  zahllose  Beispiele  anführen! 

Aber  Meyer-Lübke  hätte  in  Wirklichkeit  gar  nicht  weit  zu  gehen 
gebraucht,  um  ein  kymrisches  Analogon  zu  enit  >  Enid  zu  finden; 
denn  der  kymrische  Name  Gwalchmei,  der  berühmte  Gauvain  der 
französischen  Romane,  ist  abgeleitet  von  kymr.  gwalch,  „männlicher 
Falke",  s.  Loth,  Les  Mabinogion  I  (1913),  S.  288,  Anm.  1.  Besteht 
danach  ein  vernünftiger  Grund,  die  Identität  des  Namens  Enid  mit 
kymr.  enit,  „Waldlerche",  in  Zweifel  zu  ziehen?  Wenn  Enid  in  der 
kymrischen  Literatur  außer  in  der  Erec-Dichtung,  genauer:  im  Gereint, 
nicht  begegnet,  so  gilt  doch  von  Enide  in  der  französischen  Literatur  das 
gleiche;  auch  hier  findet  sich  der  Name  sonst  nicht!  Und  wenn  Meyer- 
Lübke  vermutet,  der  französische  Dichter  des  Erec  habe  den  Namen 
frei  erfunden,  warum  soll  das  der  Kymre  dann  nicht  gerade  so  guthaben 
tun  können?  Warum  soll  das  eine  eher  möglich  sein  als  das  andere  ?  Daß 
für  die  Wahl  eines  Namens  mit  anlautendem  E  die  Alliteration  zu 
Erec  bestimmend  war.  ist  ja  sehr  wohl  denkbar,  aber  dieses  Motiv 
könnte  gerade  so  gut  wie  bei  dem  Franzosen  auch  bei  dem  Kymren 
wirksam  gewesen  sein,  denn  neben  Gereint  steht  im  Kymrischen  eine 
Form  ohne   anlautendes  G!     Daß  Enide.  wie   Meyer-Lübke  meint, 


Weiteres  zur  Mabinogionjrage.     Anhang.  97 

vielleicht  eine  Ableitung  von  dem  Namen  Aeneas,  fr.  Enee,  sei,  ist  doch 
eine  Hypothese,  die  völlig  in  der  Luft  schwebl  und  die  re<  hl  wenig  ein- 
leuchtet. M.-L.  denkt  jedenfalls  an  Eniide.   Aber  welchen  Anlaß  sollte 

der  französische  Dichter  gehabt  haben,  den  Namen  seiner  Heldin  dem 
Titel  des  römischen  Epos  nachzubilden?  Warum  diese  künstliche  Hypo 
these,  wo  die  Ableitung  von  enit  sich  so  ungezwungen  darbietet  ? 

Meyer-Lübke  meint  ferner,  wenn  enit  dem  heutigen  restläi  dischen 
Keltisch  fremd  sei,  so  beweise  das  noch  nicht,  daß  die  alte  Spracht 
Bretonische  des  Mittelalters,  das  Wort  nicht  besessen  habe. 
gewiß  richtig,  und  im  Hinblick  auf  diese  Erwägung  kann  die  Ableitung 
des  Namens  aus  dem  Kymrischen  allerdings  nicht  als  absolut  Bit  h<  i 
betrachtet  werden,  aber  hat  sie  nicht  trotzdem  alle  Wahrscheinlichkeit 
für  sich,  wenn  wir  bedenken,  daß  der  Schauplatz  des  Erec-Romans  bi  »wohl 
bei  dem  Kymren  als  bei  Chr^tien  das  kymrische  Britannien  ist, 
und  daß  gerade  im  Kymrischen,  in  keinem  anderen  keltischen  Dialekte, 
enit,  „Waldlerche",  heute  vorhanden  ist? 

S.  147  erklärt  M.-L.:  „Von  der  Eifersucht,  die  der  Verfasser  des 
Gereint  und  mancher  Neuere  bei  ihm  [nämlich  bei  Chretiens  Erec] 
finden  wollen,  ist  keine  Spur  da,  sonst  würde  er  nicht  beim  Abschied 
für  den  Fall,  daß  ihm  auf  der  Fahrt  ein  Unglück  zustoßen  sollte,  Etüde 
seinem  Vater  anempfehlen,  .  .  ."  Diese  Darstellung  ist  nicht  richtig. 
Mit  den  „Neueren"  sind  gemeint  Gaston  Paris,  der  Lrheber  der  An- 
schauung, von  der  die  Rede  ist,  Mario  Roques,  Edens  und  Verf.,  die 
wir  uns  hier  G.  Paris  angeschlossen  haben.  Wir  haben  nun  aber  keines- 
wegs behauptet,  daß  Erec  bei  Chretien  als  eifersüchtig  erscheine,  sondern 
das  gerade  Gegenteil:  daß  Erec  von  dem  französischen  Dichter  nicht 
als  eifersüchtig  oder,  was  auf  dasselbe  hinausläuft,  als  nicht  an  der  Liebe 
seiner  Gattin  zweifelnd,  geschildert  werde,  aber  wir  haben  festgestellt, 
daß  das  Eifersuchtsmotiv  im  kymrischen  Mabinogi  vorhanden  ist,  und 
haben  aus  dieser  Tatsache  und  dem  in  sich  widerspruchsvollen  Charakter 
von  Chretiens  Erzählung  den  Schluß  gezogen,  daß  jenes  Motiv  auch 
in  Chretiens  Quelle  existiert  haben  müsse,  der  höfische  Dichteres  ab<  r 
getilgt  habe,  weil  ihm  niedrige  Eifersucht  seines  Helden  unwürdig 
dünkte,  er  dessen  Verhältnis  zu  Enide  als  ein  rein  ideales  erscheinen 
lassen  wollte.  Das  ist  also  etwas  ganz  anderes.  Die  Tatsache,  auf 
welche  Meyer-Lübke  hinweist:  daß  Erec  beim  Abschied  die  Gattin 
seinem  Vater  empfiehlt,  habe  ich  Zur  Mabinogionjrage  S.  76  selbst  als 
Beweis  dafür  angeführt,  daß  Erec  bei  Chretien  gegen  Enide  keinen 
Groll  hege,  nicht  als  eifersüchtig  geschildert  werde  1 

S.  172  bemerkt  Meyer-Lübke,  Brugger  habe  in  dieser  Z«.  271, 
92  mit  Recht  betont,  „daß  für  die  zweite  Burg  [nämlich  die  zweite  der 
beiden  Burgen,  die  Erec  seinem  Vater  schenkt]  nur  Roadan  oder  Rodoan 
in  Betracht  kommen  kann,  daß  Rotelan,  mit  dem  Lot.  Ä.  XXV,  1»  und 
Zenker  Mabinogion  S.  82  operieren,  nur  der  schlechteren  Überlieferung 
angehört." 

Hier  muß  ich  das  „mit  Recht"  bestreiten. 

Die  Handschriften  bieten  die  folgenden  Formen: 

V.  1335:  C  roadan,  H  rodoan,  P  tonadan,  VA  roalan,  B  rotelan, 
E  rodolan;  ,  . 

V.  1882:  C  roadan,  H  rodoan,  P  rodouan,  V rodan,  A  roela,  B  rodeten, 
E   rodoalen.  , 

Daß  von  allen  diesen  Formen  gerade  Roadan  oder  Rodoan  li 
Text  gesetzt  werden  müsse,  folgert  Brugger  aus  dem  von  Förster 
gr.  Erec  S.  IVund  kl.  Erec  S.  XXXI  aufgestellten  Handschnftenschema. 
ich  habe  aber  seitdem  Zur  Mabinogionjrage  S.  !»4  festgestellt,  aau 
Försters  Schema  nicht  richtig  sein  kann,  denn  dann  mußten  <  ie  vier 
Kopisten  der  Hdss.  C,  B,  V  und  A  alle  unabhängig  voneinander  den 

Ztsclir.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.    XLV'/'.  7 


98  Rudolf  Zenker. 

Erec  mit  V.  0942  plötzlich  abgebrochen  haben,  obgleich  an  dieser  Stelle 
in  der  Erzählung  gar  kein  Einschnitt  vorhanden  ist;  das  erscheint  ganz 
lublich.  Aus  Försters  Bemerkungen  S.  IV  und  V  des  gr.  Erec 
ergibt  sich  auch  zur  Evidenz,  daß  sein  Stammbaum  auf  einem  ganz 
schwankenden  Grunde  errichtet  worden  ist:  S.  V  bringt  F.  einen  von 
dem  ersten  verschiedenen  Stammbaum,  der  ihm  anfangs  der  richtige 
dünkte,  und  den  er  nur  wegen  der  regelmäßigen  Zusammengehörig- 
keit von  HC  gegen  PB  nicht  akzeptiert  habe.  Eine  die  Nachprüfung  er- 
möglichende exakte  Begründung  seines  Stammbaumes  gibt  er  überhaupt 
nicht,  da  er  die  Stellen,  auf  welche  er  ihn  gründet,  gar  nicht  anführt: 
wir  müssen  seine  Behauptungen,  daß  die  und  die  Hdss.  enger  zusammen 
gehören,  auf  Treu  und  Glauben  hinnehmen,  seine  Angaben  aber  zeigen 
d<  ii  I  iich,  wie  unsicher  er  sich  selbst  fühlt.  Indem  nun  dieser  Stammbaum 
sich  als  unhaltbar  erweist,  wird  Bruggers  Argumentation  sofort  hinfällig, 
sie  wäre  es  aber  selbst  dann,  wenn  der  Stammbaum  richtig  wäre,  da 
Förster  kl.  Erec  S.  XXXII  sich  genötigt  sieht,  an  vielen  Stellen  gegen- 
seitige Beeinflussungen  der  verschiedenen  Handschriftenfamilien,  also 
Benutzung  mehrerer  Vorlagen  durch  die  Schreiber  anzunehmen,  wodurch 
natürlich  alles  ins  Wanken  kommt  und  die  Rekonstruktion 
der  ursprünglichen  Lesarten  auf  Grund  des  auf- 
gestellten Stammbaumes  ohne  weiteres  illu- 
sorisch wird.  Folglich  ist  nicht  der  mindeste  Grund  vorhanden, 
die  Formen  mit  t,  d:  rotelan,  rodolan,  rodelen,  rodoalen,  als  der  schlechteren 
Überlieferung  angehörig  zu  betrachten,  sie  können  ebensogut  im 
Original  gestanden  haben,  wie  die  Formen  ohne  t,  und  von  den  letzteren 
kann  die  von  V  und  A  gebotene  Form  roalan  offenbar  ebenso  leicht  aus 
der  von  E,  rodolan,  wie  aus  der  von  C,  roadan,  entstanden  sein.  Da 
nun  ein  Rodolan,  Rotelan  ohne  weiteres  mit  dem  bekannten  Orte 
Ruddlan  in  Nordwales  identifiziert  werden  darf,  während  für  Rodoan, 
Roadan  sich  irgend  eine  Identifikation  nicht  hat  erbringen  lassen,  und 
da  Ruddlan  eben  in  den  Gebieten  liegt,  in  denen  der  Schauplatz  des 
Erec  ist,  im  keltischen  Westbritannien,  so  spricht  alle  Wahrscheinlich- 
keit dafür,  daß  es  sich  um  dieses  handelt,  —  wenn  natürlich  auch  eine 
Gewißheit  beim  Stande  der  Überlieferung  nicht  zu  erreichen  ist. 

Ich  komme  nun  zum  Schlußteil  des  Meyer-Lübkeschen  Artikels, 
der  sich  speziell  mit  der  Erec-Gereint-Frzge  befaßt.  Ich  bemerke  hier 
gleich,  daß  ich  die  L  o  t  h  sehe  Mabinogion-Übersetzung  nach  der  ver- 
mehrten und  verbesserten  2.  Auflage  vom  J.  1913  zitieren  werde, 
während  M.-L.  noch  die  1889  erschienene  1.  Auflage  benutzt. 

Meyer-Lübke  bringt  zunächst  eine  Beobachtung,  aus  der  er  den 
Schluß  ziehen  zu  dürfen  glaubt,  daß  der  Verfasser  des  Mabinogi  den 
Erec  (.hreliens  vor  sich  gehabt  haben  müsse,  S.  179:  „Nachdem  Gereint 
den  Sperber  gewonnen,  heißt  es,  «le  lendemain  ils  partirent  pour  la  cour 
d' Arthur.  Uaventure  de  Gereint  s'arrele  icv>  (L  o  t  h  II,  138).  Als  sodann 
Edern  an  Artus  Hof  kommt  und  von  Genievre  Verzeihung  erhält, 
übergibt  ihn  Artus  dem  Arzt,  seine  Geliebte  wird  zur  Königin 
gebracht.  vLeur  histoire  s'arrele  icv>  (S.  132).  Als  Edern  von  Gereint 
besiegt  ist,  zieht  er  traurig  mit  seiner  Geliebten  und  dem  Zwerg  ab. 
dLeur  histoire  s'arrete  lä»  (S.  126).  Derartige  einen  Abschluß  angebende 
Bemerkungen  hätten  auch  anderswo  angebracht  werden  können, 
beispielsweise  im  Owen  nach  der  Erzählung  des  Kynon,  sie  finden  sich 
aber  ....  nirgends.  Daher  wird  man  nicht  fehl  gehen,  in  ihnen  eine 
Nachahmung  des 

ici  fenist  li  premiers  vers 

[Erec  V.  1844,  wo  Försters  Ausgabe  aber  hat:  Ci  fine  li  premerains 
vers  —  Meyer-Lübke  bevorzugt  die  Lesart  von  CE,  s.  S.  138]  zu  sehen". 


Weiteres  zur  Mabinogion  frage.     Anhw  99 

Man  könne  nicht  annehmen,  daß  Chrötien  den  Vers  aus  Beiner  Vorlage 

entnommen  habe,  denn  man  dürfe  ihm  nicht  zumuten,  dafi 

direkt  Unverständliches  übernommen  habe.     „Was  im    Brec  einmal 

zufällig  und  auffällig  erscheint,  das  wird  hier  zum  Gewohnheitsmäßigen. 
Der  Verf  erweiti  rl  >■  ine  Vorlage,  er  will  sie  nicht  einfach  Qbi  ra  tzi  n, 
er  macht  sie  mit  viel  Überlegung  zurecht,  ändert  ihm  unv<  rständlich, 

nicht  begründet  erscheinende  Stellen,  kann  daher  aueh  nicht  nur 
gerade  einmal  sagen,  das  sei  der  Schluß  einer  Episode,  sondern  wied<  r- 
ho.t  es,  wodurch  das  Unverständliche  der  vereinzelten  Bemerkung  in 
Erec  behoben  erscheint"  (S.  180). 

In  dieser  Argumentation  ist  mir  zunächst  nicht  ersichtlich,  was  an 
dem  in  Rede  stehenden  Verse  eigentlich  Unverstand  lieh  sein  boU:  der 
Vers  steht  da,  wo  das  erste  Hauptstück  des  Erec  tatsächlich  zu  Ende 
ist,  die  Gewinnung  Enidens  durch  Erec;  beide  sind  an  Artus'  Hol  i  inge- 
troffen, Enide  hat  als  die  schönste  von  Artus  den  Kuß  bekommen:  der 
Vers  ist  a'so  vollkommen  an  seinem  Platze ;  im  Folgenden  wird  die  Hoch- 
zeit des  Paares  erzählt,  an  die  sich  die  Handlung  des  zweiten  Teiles,  die 
Abenteuerfahrt,  anschließt.  Will  Meyer-Lübke  etwa  sagen,  es  sei  un- 
verständlich, daß  die  ausdrückliche  Ai  gäbe,  daß  ein  Abschnitt  der 
Erzählung  zu  Ende  sei,  bei  Chretien  nur  dieses  eine  Mal  begegne  ?  Aber 
da  der  Erec  nur  in  zwei  Hauptabschnitte  zerfällt,  die  Gewinnung 
Enidens  und  die  mit  ihr  unternommene  Abenteuerfahrt  des  Helden, 
jedenfalls  in  diese  beiden  Hauptabschn  tte  zer  egt  werden  kann,  und 
nichts  hindert,  anzunehmen,  daß  auch  der  Dichter  nur  diese  beiden 
Teile  unterschied,  war  ja  doch  gar  kein  Anlaß,  den  Ausdruck  wieder 
zu  verwenden  außer  am  Schluß,  wo  die  eine  Hds.,  die  sehr  wohl  hier 
das  Ursprüngliche  haben  kann  —  Förster  selbst  nimmt  den  Vers  ja 
in  den  kritischen  Text  auf  — ,  in  der  Tat  hat:  Li  contes  fine  ci  a  tant. 
Auch  daß  vers  in  dem  Sinne:  „Hauptteil  eines  Abenteuerroman' s" 
sonst  nicht  begegnet,  genügt  doch  nicht,  den  Ausdruck  als  unverständ- 
lich zu  beanstanden,  besonders  wenn  wir  bedenken,  daß  der  Erec 
Chretiens  erster  erhaltener  Roman  und  überhaupt  der  älteste  Artus- 
roman in  französischer  Sprache  ist,  den  wir  besitzen:  Vers  könnt-  zu 
eiuer  früheren  Zeit  sehr  wohl  in  diesem  Sinne  in  Gebrauch  geu 
und  später  auß-r  Übung  gekommen  sein.  Somit  liegt  auch  kein  Grund 
vor,  warum  Chretien  den  fraglichen  Vers  nicht  aus  einer  Vorlage  ent- 
nommen haben  sollte,  und  hat  er  das  getan,  dann  könnten  die  von 
Meyer-Lübke  verglichenen  Mabinogion-Stellen  natürlich  gerade  so  gut 
wie  auf  Chretien  selbst  auch  auf  seiner  Vorlage  beruhen. 

Inwiefern  aus  der  Darstellung  des  Mab.  hervorgehen  soll,  daß  der 
Verf.  die  Gewohnheit  habe,  bei  Chretien  vereinzelt  erscheinend, 
nachher  immer  zu  wiederholen,  ist  mir  auch  nicht  ersichtlich,  da  M<  y<  r- 
Lübke  nicht  ein  einziges  Beispiel  für  diese  angebliche  Gewohnheit 
des  Kymren  beibrirgt.  Wenn  der  kymrische  Erzähler  nach  M 
Lübkes  Auffassung  neue  Motivierungen  in  die  von  Chretien  Qbi  rnom- 
mene  Erzählung  einführt  —  daß  er  das  tut  und  nicht  umgekehrt  I  hre- 
tien  gewisse  Motivierungen  ausgelassen  hat,  soll  doch  aber  erst  be- 
wiesen werden!  — ,  so  ist  das  etwas  ganz  anderes,  und  ich  weiß  nicht, 
welche  Beziehung  zwischen  diesem  für  ihn  angeblich  charakteristi- 
schen Streben  und  der  wiederholten  Angabe,  daß  nun  eine  Episode  zu 
Ende  sei,  eigentlich  bestehen  soll. 

Aber  auch  wenn  wir  jenen  Vers  als  Chretiens  Eigentum  betrachten 
—  und  ich  habe  durchaus  keinen  Grund  zu  bezweifeln,  daß  er  das  ist  — , 
bietet  er  ein  Kriterium  für  Abhängigkeit  des  Mabinogi  vom  Erec  nicht, 
denn  eine  genauere  Betrachtung  zeigt  sofort,  daß  keinerlei 
Anlaß  vorliegt,  zwischen  ihm  und  den  drei  von 
M.-L.  angezogenen  Stellen  überhaupt  irgend  einen 
Zusammenhang    anzunehmen. 


100  Rudolf  Zenker. 

Dei  Ausdruck:  ,,Le  rt-cit  de  son  aventure  ä  lui  s'arrete  lä"  (so,  nicht 
,.Lrur  hiatoire  s'arrite  /«",  hat  die  2.  Aufl.  der  Übersetzung)  begegnet 
na  Rfabinogi  zuerst,  nachdem  Gereint  den  Edern  besiegt  hat  und  dieser 

mit  si'in-T  Üiinii'  und  dem  bösen  Zwerg  zum  Artushof  abgeritten  ist, 
L  o  t  h  II,  136;  es  handelt  sich  aber  gar  nicht  um  eine  „einen  Abschluß 
angebende  Bemerkung",  wie  Meyer-Lübke  meint,  sondern  um  eine 
solche,  welche  eine  Unterbrechung  anzeigt:  „Die  Erzählung  von 
Beinern  Abenteuer  hält  hier  inne":  die  Geschichte  von  Edern  ist  ja 
hier  noch  gar  nicht  zu  Ende,  sie  wird  vielmehr  später,  S.  140,  fort- 
gesetzt, wo  erzählt  wird,  wie  die  drei  nun  an  Artus'  Hof  eintreffen l 

Zum  zweiten  Mal  findet  sich  der  Ausdruck  im  Mab.  S.  138:  „L'aven- 
ture  de  Gereint  s'arrete  ici",  nachdem  Gereint  mit  Enide  nach  Artus'  Hof 
aufgebrochen  ist  und  der  Erzähler  dazu  übergeht,  über  Artus'  Jagd  auf 
den  weißen  Hirsch  zu  berichten,  und  abermals  ist  zu  übersetzen:  „Ihre 
Geschichte  hält  hier  inne",  denn  S.  143  wird  sie  fortgesetzt. 

Zum  dritten  Mal  stoßen  wir  auf  die  in  Rede  stehende  Wendung,  „Leur 
histoire  ä  eux  deux  s'arrete  ici",  am  Ende  der  Episode,  in  der  erzählt 
wird,  wie  Edern  mit  seinen  Begleitern  am  Hofe  eintrifft  und  er  selbst 
von  Artus  dessen  Leibarzt,  seine  Begleiterin  der  Königin  anvertraut 
wird,  S.  143:  die  Bedeutung  ist  die  gleiche,  wie  an  den  beiden  ersten 
Stellen,  denn  Edern  tritt  später  nochmals  auf,  S.  148,  wo  eine  Aus- 
söhnung zwischen  ihm  und  der  Königin  stattfindet  und  er  Erec  auf 
der  Heimreise  begleitet. 

Somit  wird  in  allen  drei  Fällen  mit  dem  „s'arrite  ici"  nicht  ein  ei- 
gentlicher Abschluß  angezeigt,  wie  bei  Chretien  mit  dem:  „Hier  endigt 
der  erste  Gedichtabschnitt",  sondern  vielmehr  nur  ausgesagt,  daß  der 
Erzähler  das  eben  behandelte  Thema  vorläufig  abbricht,  daß 
er  von  der  einen  Person  zu  einer  anderen  übergeht,  um  dann 
später  zu  der  ersteren  zurückzukehren. 

Folglich  besteht  zwischen  dieser  im  Mab.  in  nicht  großen  Zwischen- 
räumen bald  nacheinander  dreimal  wiederkehrenden  Formel  und 
Chretiens  an  ganz  anderer  Stelle  sich  findender  Angabe,  der  erste 
Ted  von  Erecs  Geschichte  sei  nun  zu  Ende,  —  die  hier  keineswegs 
abgebrochen,  sondern  unmittelbar  weiter  fortgesetzt  wird  —  durch- 
aus keine  Ähnlichkeit,  und  es  liegt  auch  nicht  der  Schatten  eines  Grundes 
vor,  zwischen  beiden  Ausdrücken  irgend  einen  Zusammenhang  anzu- 
nehmen. 

Dazu  kommt,  daß  Chretiens  Bemerkung:  „Hier  ist  der  erste  Ge- 
dichtabschnitt zu  Ende",  wie  wir  sahen,  erst  da  begegnet,  wo  Erec 
schon  mit  Enide  bei  Artus  eingetroffen  ist,  also  an  späterer  Stelle  als 
alle  drei  damit  in  Vergleich  gestellten  Ausdrücke  des  Mab.  An  der  dem 
Chretienschen  Einschnitt  entsprechenden  Stelle  im  Mab.,  S.  144,  nach 
en  rapport  avec  sa  beaute,  begegnet  die  Formel  nicht,  wie  doch  zu  erwarten 
wäre,  wenn  sie,  wie  Meyer-Lübke  meint,  wirklich  jenem  Verse  Chretiens 
nachgebildet  wäre. 

Auch  ist  darauf  aufmerksam  zu  machen,  daß  im  Hinblick  auf  die 
eben  vermerkte  Tatsache  des  späteren  Auftretens  des  Chretienschen 
Verses,  im  Falle  wir  annehmen,  der  Kymre  habe  den  Chretienschen 
Roman  fortlaufend  gelesen,  die  Ableitung  des  im  Mab.  schon  und  aus- 
schließlich vorher  begegnenden  Ausdruckes  aus  dem  Chretienschen 
überhaupt  ausgeschlossen  wäre;  aber  freilich  kann  eingewandt  werden, 
der  Kymre  möchte  vielleicht,  bevor  er  an  die  Übertragung  ging, 
den  ganzen  Roman  gelesen  haben  und  es  möchte  sich  ihm  der  in  Rede 
stillende  Vers  eingeprägt  haben,  so  daß  er  ihn  nachher  an  früherer 
Stelle  verwenden  konnte. 

Indes  haben,  wie  wir  sahen,  die  beiden  Ausdrücke  überhaupt 
nichts  miteinander  zu  schaffen. 

Somit    erweist    sich    auch    dieses    angebliche 


Weiteres  zur  Mabi^ogionjra^e.     Anhang.  [Ol 

Indizium  für  die  Abhängigkeit  der  kymriscben 
Erzählung  von  C  h  r  6  t  i  e  n  b  e i  näherem  Zusehen 
sofort  als  gänzlich  unbrauchbar! 

Meyer-Lübke  kommt  dann  nun  auch  auf  die  schon  wiederholt 
erörterte  costume  am  Eingang  des  Erec  zu  sprechen  und  trägt  hier  eine 
ganz  neue  Auffassung  des  Chrätien-Textes  vor,  ohne  doch  irgendwie 
hervorzuheben,  daß  seine  Interpretation  von  den  bisher  gegebenen 
Deutungen  verschieden  ist. 

Ich  hatte  mich  dahin  ausgesprochen,  daß  hier  Chivh  n  seine  Quelle 
mißverstanden  haben  müsse,  Meyer-Lübke  aber  mi ■int.  das  Mißverständ- 
sei vielmehr  auf  meiner  Seite.  Ich  werde  sofort  zeigen,  daß  dem  in«  h t 
so  ist. 

Da  mir  daran  gelegen  ist,  die  Leser  in  den  Stand  zu  setzen, 
selbst  ein  Urteil  darüber  zu  bilden,  ob  die  von  Meyer-Lübke  vorge- 
tragene Auffassung  wirklich  haltbar  und  seine  Behauptung,  daß  ich 
Chretien  nicht  verstanden  habe,  zutreffend  ist,  so  bin  ich  genötigt 
etwas  ausführlicher  zu  Werke  zu  gehen,  als  Meyer-Lübke  es  tut,  aus 
dessen  Darstellung  selbst  diejenigen,  welche  die  bisherige  Kontroverse 
über  diese  Stelle  verfolgt  haben,  kaum  eine  deutlich.'  Vorstellung  ge- 
winnen werden,  um  was  es  sich  eigentlich  handelt; 
Die  Sache  ist  diese: 

Im  Eingang  des  Erec  wird  erzählt,  Artus  habe  Ostern  zu  Caradi- 
gan  Hof  gehalten:  „Aber  ehe  die  Hoffestlichkeit  zu  Ende  ging,  i  rklärte 
der  König  seinen  Rittern,  er  wolle  den  weißen  Hirsch  jagen,  um  die 
Gewohnheit  zuehrtn"  (eigentlich  „zuerhöhen", por  la  costume ressau 
Gauvain  widerspricht,  denn  „der  weiße  Hirsch  habe  die  Gewohnh  it", 
daß  sein  Erleger  die  schönste  Dame  am  Hof  küssen  müsse,  und  das 
werde  Streit  verursachen,  da  jeder  Ritter  wünschen  werde,  «laß  se  i  oe 
Dame  als  die  schönste  geehrt  wtrde.  Aber  der  König  bleibt  bei  seinem 
Entschluß:  „Morgen  früh  werden  wir  alle  mit  großem  Vergnügen  aus- 
ziehen, um  den  weißen  Hirsch  in  dem  Abenteuerwalde   zu  erjat 

Edens  bezog  nun  —  was  durch  den  Wortlaut  der  Stelle  gewiß  nahe 
gelegt  ist  —  die  Gewohnheit,  von  der  der  König  hier  spricht,  auf  die 
Jagd  nach  dem  weißen  Hirsch  und  machte  auf  die  Ungereimth  M 
merksam,  die  darin  liege,  daß  eine  Sitte  bestehen  solle,  den  weißen 
Hirsch  zu  jagen,  der  doch  nur  einmal  zur  Strecke  gebracht  werden  k 
Er  verwies  auf  die  costume,  von  der  in  vielen  Artusromanen  die  Rede 
ist,  wonach  König  Artus  sich  bei  hohen  Festen  nicht  eher  zu  1 
setzen  wollte,  bis  irgend  ein  neues  Abenteuer  angi  mi  Idel  worden  war. 
sowie  darauf,  daß  im  Mabinogi  die  bei  Chrötien  vorhandene  I  nklarh<  it 
nicht  bestehe,  indem  hier  von  einer  costume  nicht  die  Rede  ist,  vielm«  lir, 
während  der  König  tafelt,  einer  seiner  Förster  erscheint  und  m 
er  habe  im  Walde  einen  weißen  Hirsch  gesehen,  worauf  der   König 
beschließt,  das  Tier  zu  jagen.    Edens  vermutet«   deshalb,  es  lieg 
Chretien  hier  ein  Mißverständnis  vor:  es  habe  sich  in  seiner    '. 
die  auch  die  des  Mab.  war  und  in  letzterem  reiner  i  rhall  !  um 

diese  costume  gehandelt:  Artus  habe  nicht  essen  wollen,  bevor 
iure  gemeldet  worden  sei,  da  sei  der  Förster  erschii  nen,  di  r   '•  n  \ 
Hirsch  gemeldet  habe,  nun  sei  die  Bedingung  erfülll  und  Artus 

habe  beschlossen,  den  Hirsch  zu  jagen,  und  sich  nun  erst  zu  Tisch  gi 
S  m  i  r  n  o  v  in  der  Revue  celtique  33,  130  ff.  wandt.  g<  gen  I 
ein,  mit  der  costume  sei  vielmehr  die  Ausübung  des  Kußri  cht  s  g<  n 
die  mit  der  Jagd  auf  den  weißen  Hirsch  traditionell  verbünd«  i 
und  ich  glaubte  diese  Auffassung  als  richtig  anerkenn«  n  zu  müss<  n, 
denn  es  spircht  für  sie  auch  V.  1845  f.,  wo  es  nach  Vollzug  der  Z<  n  n 
heißt: 

Quant  li  beisiers  del  cerf  fu  pns 
Lonc   la   costume   del   pais. 


102  Rudolf  Zenker. 

A.ber  ich  bemerkte  schon  diese  Zs.  401,  201,  daß  damit  die  Unklar- 
heit bei  Lhrötien  doch  nicht  behoben  sei,  denn  bevor  man  beschließen 
kann,  i  inen  weißen  Hirsch  zu  jagen,  muß  man  doch  wohl  wissen,  ob 
Qb<  rhaupl  einer  da  ist. 

M  yer-Lübke  nun  stimmt  —  im  Gegensatz  zu  Förster, 
Becker,  Smirnov  —  Edens  darin  bei,  daß  es  sich  in  der  Tat  um 
jene  and  re  costume  handeln  müsse,  die  er  dahin  definiert,  „daß  zu,  jedem 
großen  Fest  [an  Artus'  Hof]  die  Ausführung  irgend  einer  ungewöhn- 
lichen Leistung  gehört",  ab<  r  er  weicht  von  Edens  ab,  insofern  er  nicht 
ein  Mißverständnis  Chrötiens  gelten  lassen  will,  in  dessen  Quelle  von 
dii  S(  r  Sitte  die  Rede  war,  sondern  annimmt,  Chr^tien  selbst  habe  die 
fragliche  costume  im  Sinne,  die  er  nur  als  bekannt  voraussetze  und  über 
die  er  sieh  d<sha!b  nicht  näher  äuß  re:  difstr  costume  genüge  Artus 
eben,  indtm  er  die  Jagd  auf  den  weißen  Hirsch  b<  schließe  (von  dem, 
woh'gemerkt,  vorher  noch  gar  nicht  die  Rede  war). 

Diese  neue,  bisher  von  Niemand  vertretene 
Auffassung  unserer  Stelle  ist  indessen  ganz 
unmöglich! 

Es  ist  nämlich  gar  nicht  richtig,  daß,  wie  Meyer-Lübke  meint, 
die  costume  darin  besteht,  „daß  zu  jedem  groß-  n  Feste  die  Ausführung 
irgend  einer  ungewöhnlichen  Leistung  g<  hört",  als  welche  a'so  im 
vorliegenden  Falle  die  am  nächsten  Tage  stattfindende  Hirschjagd 
zu  gelten  hätte.  Vielmehr  ist  die  Sitte  einzig  die,  daß  Artus  bei 
hohen  Festen  so  lange  nicht  speist,  bis  irgend 
ein  Abenteuer  gemeldet  worden  ist,  d.  h.  bis  irgend 
eine  Person  erschienen  ist,  die  eine  merkwürdige  Kunde  bringt,  zu 
einem  zu  bestehenden  Abenteuer  auffordert  oder  überhaupt  der  Anlaß 
wird,  daß  merkwürdiges  sich  ereignet. 

Ich  vereinige,  um  das  zu  beweisen,  einmal  sämtliche  mir  bekannte 
Stellen,  an  denen  von  der  fraglichen  costume  die  Rede  ist,  in  knappster 
Analyse: 

Chrötien,  Graal  (ed.  Bai  st,  Freiburg),  bekanntlich  sein  letztes 
Werk,  V.  2784:  Artus  sagt  zu  Keu,  der  ihn  zur  Tafel  auffordert,  „er 
werde  an  einem  so  großen  Feste  nicht  eher  essen,  als  bis  dem  Hofe 
eine  Neuigkeit  gemeldet  sei"  (tant  que  n  a  cort  novele  viegne).  Der 
von  Perceval  besiegte  Clamadex  erscheint  dann  und  stellt  sich  Artus 
als  Gefangener. 

Pseudo-Wauchier,  ib.  (ed.  Potvin  III,  Mons  1866), 
V.  12  ."'92  ff:  Artus  ist  Pfingsten  zu  Carduel  gekrönt  worden.  Keus 
will  das  Wasser  zum  Händewaschen  herumreichen,  aber  der  König 
verbietet,  daß  dies  geschehe,  bevor  eine  seltsame  Neuigkeit  eingetroffen 
sei  oder  ein  schönes  Abenteuer  sich  ereignft  habe: 

12  633  Devant  ce  k'estrange  novele 
U  autre  aventure  moult  bele 
I  soit  voiant  tous  avenue; 
La  coustume  ai  ensi  tenue 
Toute  ma  vie  jusques  Chi. 

Ein  prächtig  geschmückter  Ritter  kommt  in  den  Palast  geritten, 
der  verlangt,  daß  einer  der  anwesenden  Ritter  den  Versuch  mache, 
ihm  mit  einem  Streiche  das  Haupt  abzuschlagen. 

Ebenda,  V.  15664:  Artus  weilt  Pfingsten  zu  Charlyon.  Er  verbietet 
Keus  wieder,  das  Wasser  zu  reichen,  da  er  die  Gewohnheit  habe,  nicht 
zu  essen, 

15  (.70  Devant  que  venir  i  veisse 

Novele  estrange  ou  aventure. 


Weiteres  zur  Mabinogionfrage.     A   hang.  103 

Chevalier  as  deus  espees  (ed.  W.  Förster,  Halle  L877)  i:<7  ff 
Artus  hält  zu  Pfingsti  d  in  Cardueil  Hof,  alle  tafeln  fröhlich,  der  König 
aber  sitzt  gedankenvoll  da  und  ißt  nicht,  V.  Hi4,  denn  noch  nie  ist  I ,, - i 
einem  so  großen  Feste  ein  Abenfc  u<  r  ausg(  bli<  I"  a.  1-  i  rs<  le  inj  dann 
ein  Ritter,  Bote  des  Königs  Ris  d'Outretombe,  der  vertan  \rlus 

sich  ihm  unterwi  rfe. 

R  a  o  u  I  v.  II  o  u  d  e  n  c ,  Yengeance  Raguidel  (<  d.  Fr  i  <  d  w  agner 
Halle  1909),  V.  18:  Artus  hat  zu  Ostern  Hol  zu  l  p  hal  die 

Gewohnheit,  bei  Festen  nicht  zu  essen,  1)  vor  dem  Hofe  Kund' 
einem  Abenteuer  gekommi  n  ist  (Devant  ce  qu'en  $a  cort  entrast  A 
d'aucune  aventure).    Aber  der  Abend  naht,  die  Stund*    d 
vorüber,  ohne  daß  sich  eine  aventure  meldet.     V  rg  b  ns  su 
Barone  den  trauernden  König  zum  Essen  zu  b  wegen  :  Noch  aii   hab      r 
bei  einem  so  hohen  Feste  gegessen,  ehe  seh  ein  Abi  ut  u<  r  gen 

hatte,  und  Gott  habe  „ihm  diese  Gewohnheit  erhalt  n"  (Diua 

A/'a    le    costume  maintenue)   d.   i.:  hat  ihm  immer  ein  Abenteu 
schickt.     Endlich,   als  die  Nacht  schon  hereingi  brochen    ist,    kommt 
ein   Schiff  mit  dem   Leichnam   eines  von  einer  Lau/..-   durchbohrt  n 
Ritters  an  den  Strand  g<  trieben. 

Rigomer  (ed.  W.  Förster,  Dresden  1908),  V.  22  ff. :  Artus  weilt 
im  Mai  zu  Karlion.  Die  Ritb  r  s<  tzen  sich  noch  nicht  zu  Tische,  weil 
sie  '  erst  ein  Abenteuer  einst  llen  muß,  erwartungsvoll  st  ihre 

Köpfe  zum  Fenster  hinaus:  Por  mit  mars  d'or  ne  just  brisie  Li  costume 
a  la  cort  le  roi.  Ein  Fräulein  kommt  angeritt  Q,  das  die  Ritter  zu 
ihrei   H«  rrin  einlädt:  sie  würden  da  das  wenn  gste  Leben  haben. 

Livre  d' Artus,  Freymond  in  Zs.  171  (1895),  40:  Hof- 

haltung zu  Weihnachten  verweigert  Artus  seine  Teilnahme  am  Mahle, 
weil  bisher  keine  Nachricht  von  einem  Abenteuer  eingetroffen 
Da  sit  ht  er  vom  Fenster  aus,  wie  eine  Dame  von  -  im  r  I  Li   t   rschar  miß- 
handelt wird  und  eilt  ihr  zu  Hilfe. 

Le  Mantel  (ed.   F.  A.   Wulff,   Romania   14,   34311.).    Y.    i 
König  Artus  hä.t  zu  Pfingsten  Hof,  er  ist  gewohnt,  bei  hohi  n  ! 
so  lange  nicht  zu  essen  od»  r  zu  trink«  n  und  sich  nicht  zu  Tisch  zu  s  tzi  Q, 
bis  „ein  neues  Abenteuer  an  den  Hol  gelangte."    Ein  Knappe  kommt 
angesprengt,  der  im  Auttrage  i-inis  Fräuleins  den  Mantel  überbringt, 
um  den  seh  die  Erzäh  ung  dr»  ht. 

Le  Roi  Artus  bei  P.  Paris,  Les  Romans  de  la  Table  ronde,  II 
(18G8),  S.  250:  Artus  erklärt  am  Feste  dtr  heiligen  Jungfrau  seinen 
Ritt-rn:  ,,Je  voue  ä  Dieu  que,  toutes  les  fois  que  je  porterai  couronne, 
j'aüendrai  pour  me  mettre  au  manger  que  quelque  cas  aventureux  nie 
soit  conte;  etjemengage  ä  mener  V aventure  ä  fin  par  un  de  ceux  qui.  pour 
acquerir  honneur  et  gloire,  consentiront  ä  sejourner  ä  ma  cour,  ä  iure 
d'amis,  de  pairs  et  compagnons" '. 

Floriant  et  Florete  (ed.  F.  Michel,  Edinburgh  1873),  V.  1546 
(mir  augenblicklich  nicht  zugänglich). 

Roman  en  Prose  de  Tristan  (L  ö  s  e  t  h,  Paris  1891),  S.  280 
meldet  Artus,  es  sei  Zeit,  zu  essen,  die  Mittagsstunde  sei  da:  „Voua 
avezdoncoubliela  coutume,  dit  Arthur;  je  suis  le  roi  di  s  avi  ntures  .  .  . 
La  costume  de   cestui  jor  savez  vous  bien;  m'en  cuidez 
oster?   Nous  ne  pouvons  diner,  le  jour  d'une  si  grande  fßte,  ayanl 
quelque  aventure   soit  arriveV'.    Ein   ärmlich   gekleideter  Rittei 
scheint,  der  einen  in  Versen  abgefaßten   Brief  Oberbringl   und   .neu 
selbstgefert'gten  Lai,  seinen  eigenen  chant  de  mort,  sin  , 

Provenzalischer  Roman  von  Jaujre  (ed.  R  a  y  n  o  u  a  r  d,  Lcxique 
roman  I,   1838),   S.   49  f.:  . 

Artus  hä.t  Pfingsten  zu  Carduel  Hof,  er  weigi  M  sich 
sich    ein   Abenteuer   ereignet    habe;    als   bis    drei    Uhr    oachmil 
nichts  passiert   ist,    macht  er  sich  mit  Galvan  auf  und   reite!   naeü 


L04  Rudolf  Zenker. 

ianda,  wo  ßie  eine  klagende  Stimme  hören,  der  sie  nachgehen: 
■ie  rinden  vor  einer  Mühle  ein  jammerndes  Weib,  dem  ein  Ungetüm 
das  Getreide  wegfrißt. 

Ulrich  von  Zatzikhoven,  Lnnzelet  (ed.  K.  A.  Hahn, 
Frankfurt  a.  Main  1845),  V.  5708  ff.:  Artus  will  nicht  essen  und  trinken, 
bevor  er  neue  Märe  vernommen  hat. 

."712  wand  er  niht  enbizen  wolte, 
e  er  daz  dinc  vernaeme, 
daz  ze  sagenne  gezaeme 

siner  massenie 

Ein  Fräulein  erscheint  im  Auftrag  seiner  Herrin  mit  dem  Mantel. 
Wirnt   von    Gravenberg,  Wigalois  (ed .  F.  Pfeiffer, 
Leipzig  1847),  V.  247  f f . : 

Artus,  der  zu  Karidöl  residiert,  hat  die  Sitte,  daß  er  sich  morgens 
nicht  zu  Tische  setzt, 

e  er  eteswaz 
von  äventiure  hiet  vernomen. 
Eines  Tages  stellt  sich  bis  Mittag  kein  Abenteuer  ein.     Endlich 
sieht  die  Königin,  die  sich  in  ihren  Saal  begeben  hat,  einen  Ritter  in 
scharlachenem  Gewände  auf  rotem  Pferde  im  Tal  heranreiten,  der  sie 
bittet,  einen  Gürtel  von  ihm  entgegenzunehmen. 

Wolfram,  Parzwal,  XIII,  648  (648,  18):  Ein  von  Gawan  gesandter 
Bote  kommt  zu  Berns  an  der  Korea,  wo  Artus  weilt,  auf  den  Hof  ge- 
sprengt; er  hört  von  den  Rittern,  es  bestehe  der  Brauch,  daß  weder 
Weib  noch  Mann  esse,  ehe  ein  Abenteuer  sich  eingestellt  habe. 

P  1  e  i  e  r,  Meleranz  (ed.  K.Bartsch,  Stuttgart  1861),  V.  3175: 
Artus  aß  am  Morgen  nie,  bevor  er  „etwas  von  äventiure  vernommen 
hatte".  Ein  wohl  gekleideter  Knabe  kommt  angeritten  und  meldet,  sein 
H>  rr.  ein  Ritter,  wünsche,  einen  Speer  mit  dem  Sohn  des  Königs 
von  Frankr .ich  —  Artus'  Neffen  —  zu  brechen. 

Stricker,  Daniel  von  dem  blühenden  Tal  —  den  E.  Wechssler, 
Rom.  Jahresber.  4  (18  8—1900),  II,  S.  399,  im  Gegensatz  zu  den 
Germanisten,  wie  ich  g  aube,  mit  Recht,  auf  einen  verlorenen  fran- 
zösischen Artusroman  zurückführt  —  (ed.  G.  Rosenhagen, 
Breslau  1894,  German.  Abh.  IX),  V.  75  ff.:  König  Artus  gelobte,  er  wolle 
den  Tag  so  lange  nicht  essen,  bis  er  „ein  neues  Märe  vernommen  habe"; 
seine  Absicht  dabei  war,  daß  die  Ritter  sich  nicht  verliegen  sollten: 
79  er  wolde  fasten  alle  tage, 

unz  er  von  sehene  ald  von  sage 
vernaeme  ein  niuwez  maere, 
davon  ze  sagene  waere. 
daz  tete  er  niht  wan  umbe  daz, 
daz  sie  sich  regeten  dester  baz 
und  ritterschelte  pflaegen 
und  sich  da  nicht  veriaegen; 
und  nochmals  ebenda  V.  400  ff. :  Die  Tafelrunder  hätten  eines  Tages 
gerne  gegessen,  aber: 

dö  was  dehein  fremdes  maere 
dannoch  für  den  künec  komen  .  .  . 
Ein  starker  Riese  kommt  auf  den  Hof  geritten. 

Auf  Grund  dieses  Materiales  können  wir  bezüglich  der  fraglichen 
Sitte  folgendes  feststellen: 

1.  Es  wird  überall  ausdrücklich  erwähnt,  der  König  habe  nicht 
essen  wollen,  bevor  eine  aventure  sich  ereignet  hatte; 


Weiteres  zur  Mabinogionfrage.     Anhang.  LOS 

2.  Nirgends  wird  diese  costume  als  bekannt  vorausgesetzt,  obgleich 
sämtliche  zitierte  Denkmäler  jünger  sind  als  dei    I 

3.  Niemals  handelt  es  sich  einfach  darum,  daß  mit  dem  Feste  irgend 
eine  ungewöhnliche  Leistung  verbunden  werden  soll,  niemals,  außer 
im  provenzalischen  Jaufre,  laßt  Artus  aus  eigener  Initiative  den  Ent- 
schluß, anläßlich  des  Festes  etwas  besonderes  zu  vollbringen,  vielmehr 
wird  stets  das  Abenteuer  von  außen  an  den  König,  den  Hof  her- 
angebracht: der  König  wartet  darauf,  daß  sich  etwas  ereigne,  und 
siehe  da,  seine  Erwartung  wird  erfüllt.  Wenn  der  Jaufreroman  hiervon 
eine  Ausnahme  macht  und  der  König  auszieht,  ohne  daß  sich  etwa 
eignet  hat,  so  ist  zu  bemerken,  daß  doch  auch  hier  Artus  lange  auf 
das  Abenteuer  wartet;  sodann:  der  Artusroman  ist  bekanntlich  bei 
den  Provenzalen  aus  Nordfrankreich  importiert  und  der  Jaufre 
hier  sein  einziger  Vertreter;  danach  haben  wir  in  der  Darstellung  des 
Romanes  eine  jüngere  Entstellung  der  alten,  sonst  streng  inne  ge- 
haltenen Formel  zu  erblicken. 

Damit  ist  bewiesen,  daß  Meyer-Lübkes  Auslegung  der  Chretien- 
Stelle,  seine  Annahme,  wenn  Chretien  den  König  erklären  läßt,  er 
wolle  zwecks  Aufrechterhaltung  der  costume  den  weißen  Hirsch  jagen, 
so  meine  Chretien  damit  eben  die  in  Rede  stehende  Sitte,  die  der  Dichter 
nur  als  bekannt  voraussetze,  nicht  möglich  ist.  Es  kann  kein  Zweifel 
sein,  —  darin  gebe  ich,  wie  schon  bemerkt,  Smirnov  recht  — ,  daß 
Chretien  selbst  einfach  an  die  traditionell  mit  d»r  Hirschjagd  ver- 
bundene Kußzeremonie  denkt;  aber  dafür,  daß  es  sich  nur  um  ein  Miß- 
Verständnis  Chretiens  —  oder  schon  seiner  unmittelbaren  Quelle  — 
handelt,  und  daß  ursprünglich  hier  allerdings  von  jener  anderen  Sitte 
des  Nichtessens  ohne  vorheriges  Abenteuer  die  Rede  war,  sprüht 
einerseits  der  seltsame  Zug  bei  Chretien,  daß  Artus  beschließt,  d  e  n 
weißen  Hirsch  zu  jagen,  ohne  daß  von  einem  solchen  —  der  doch 
immer  eine  Ausnahme  darstellt,  —  vorher  mit  einer  Silbe  die  Red- 
war, andererseits  die  Darstellung  des  Mabinogi,  wo,  genau  wie  in  allen 
Romanen,  welche  die  costume  erwähnen,  ein  Abenteuer  von  außen 
kommt,  sich  ohne  Zutun  des  Königs  einstellt:  Artus'  Förster  erscheint 
und  meldet,  er  habe  im  Walde  einen  wunderbaren  weißen  Hirsch 
gesehen,  wie  er  noch  nie  einen  erblickt.  Allerdings  wird  im  .Mab.  die 
fragliche  Sitte  nicht  ausdrücklich  erwähnt  und  auch  nicht  inne  ge- 
halten, da  Artus  bereits  bei  Tische  sitzt,  als  der  Förster  eintritt,  abi  r 
natürlich  hindert  nichts,  anzunehmen,  es  sei  auch  im  Mab.  die  ursprüng- 
lich'1 Fassung  der  Episode  nicht  mehr  rein  erhalten,  und  das  Motiv  d<  r 
costume  sei  vom  Bearbeiter  vergessen  oder  auch  absichtlich  eliminiert 
worden,  weil  sie  ihm  neu  war  und  ihm  unwahrscheinlich  vorkam.  !•  r 
Gedanke  liegt  nahe,  die  Darstellung  des  Mab.  in  Verbindung  mit  d<  r  Er- 
wähnung dieser  Sitte  sei  auch  in  Chretiens  Quelle  Vorhand«  n  gl  wi  sen, 
aber  von  ihm  —  oder  schon  von  seiner  direkten  Vorlage  —  entstellt 
worden.  Aber  wenn  diese  Vermutung  auch  nicht  zutreffen  sollte,  ist 
doch  das  Mißverständnis  Chretiens  hier  auf  Seite  Meyer-Lübkes  und 
nicht  auf  der  meinigen,  da  der  französische  Dichter  selbst  jene  Sitte 
in  keinem  Falle  im  Auge  haben  kann. 

Gewiß  habe  auch  ich  mich,  wie  ich  schon  längst  zugestanden,  in 
dem  hier  von  M.-L.  aus  Mabinogionfrage  S.  68  zitierten    Satz 
Versehens  schuldig  gemacht,  indem  ich,  Edens  folgend,  die  costume  im 
Sinne  Chretiens  auf  die  Hirschjagd  bezog,  während  Chreti«  n  a  so  viel- 
mehr an  den  traditionellen  beisier  denkt,  aber  nicht  de  ses  Mißv<  rständ 
nis  meint  Meyer-Lübke  ja  mit  seinem  Vorwuri.  sondern  das  andere, 
welches  darin  bestehen  soll,  daß  ich  nicht  erkannt  habe,  daß  Chr.  hier 
an  die  in  der  Vollbringung  einer  besonderen  Leistung  best  hendi 
stume  denkt.    Die  Annahme,  daß  Chretien  das  hier  tue,  i-t,  wie  gezeigt 
wurde,  nicht  richtig. 


Inf,  Rudolf  Zenker. 

Daß  ich  „unbewußt  vielli  icht  doch  bis  zu  einem  gewissen  Grade 
\ . . n  hen    Anschauungen    beherrscht",    im    Erec   den    ersten 

Artusroman  erblicke,  wie  M.-L.  ebenda  meint,  trifft  gleichfalls  nicht 
zu,  wie  Meyer-Lübke  aus  meiner  Broschüre  hätte  ontn<  hmen  können, 
denn  S.  106  sage  jch  doch  ausdrücklich:  „Daß  es  aber  auch  eigentliche 
Artusromane  schon  vor  Chretien  gigeben  hat,  scheint  hervorzugehen 
aus  der.  .  Unt«  Buchung  von  Frl.  Morriss  .  .  .",  nämlich  aus  dem  in 
letzterer  erbrachten  Nachweis,  daß  die  beiden  neuerdings  publiziert  n 
lat'  mischen  Artusromane  De  Ortu  Waluuani  und  Historia  Meriadoci 
den  Robert  von  Tor.gny  zum  Verfasser  haben  und  vermutlich  nicht 
lange  nach  1139,  a;so  vor  dem  Erec,  entstanden  sind. 

M<  yi  r-Lübke  bringt  dann  als  „typisches  Beispiel"  dafür,  wie 
Edens  zu  W<  rke  g(  he,  S.  181  dessen  Bemerkungen  S.  79  zu  der  ersten 
Begegnung  zwischen  Erec  und  dem  alten,  vor  seinem  Hause  sitzenden 
Ritter,  Chretien  V.  317  ff.,  Mabinogi,  Loth  II,  130:  Bei  Chretien 
wird  der  alte  Ritter  als  nachdenklich,  „pensif",  bezeichnet,  im  Mab. 
erscheint  vielmehr  Gereint  als  ,,songeur".  Da  nun  wohl  Erec  Grund 
zur  Nachdenklichkeit  habe  —  weil  er  noch  nicht  weiß,  wo  er  die  Nacht 
zubringen  soll  —  und,  füge  ich  hinzu:  weil  er,  der  Königssohn,  sich 
offenbar  scheut,  den  Alten  um  Herberge  anzubetteln  (er  sieht  ihn  lange 
an,  ohne  ein  Wort  zu  sagen)  —  nicht  aber  der  letztere,  so  sei,  meinte 
Edens,  hier  wohl  ein  .Mißverständnis  Chretiens  anzunehmen,  dessen 
Vorlage  die  Version  des  Mabinogi  bot.  Aber  E.  legt  selbst  dieser  Be- 
obachtung so  wenig  Gewicht  bei,  daß  er  den  Punkt  gar  nicht  in  die 
S.  129  ff.  gegebene  Liste  der  nach  seiner  Ansicht  beweiskraftigen 
Argumente  aufgenommen  hat,  was  Meyer-Lübkc  wohl  entgangen  ist, 
denn  sonst  würde  er  wohl  nicht  gerade  dieses  Beispiel  zur  Kennzeichnung 
von  Edens  Methode  der  Beweislührung  wählen.  Natur  ich  kann  man 
gegen  E.  einwenden,  der  Alte  erscheine  eben  nachdenklich,  weil  er  arm 
ist.  Ich  messe  deshalb  Edens'  Beobachtung  auch  keinerlei  Gewicht 
bei,  wie  er  selbst  ja  ein  nennenswertes  für  sie  nicht  in  Anspruch  nimmt, 
unej  es  verlohnt  sich  unter  diesen  Umständen  eigentlich  gar  nicht,  über 
die  Sache  weitere  Worte  zu  verlieren,  trotzdem  will  ich  eine  hier  von 
Meyer-Lübke  gemachte  Bemerkung  nicht  unbeantwortet  lassen: 

M.-L.  meint:  „D  r  arme  Crestien  muß  ein  ganz  merkwürdig  un- 
verständiger Mann  gewesen  sein,  wenn  er  eine  doch  in  seiner  eigenen 
Sprache  geschriebene  Vorlage  so  oft  und  so  eigenartig  mißverstanden 
hat". 

Ich  erwidere: 

1.  Ob  Chretiens  Vorlage  in  französischer  Sprache  abgefaßt  war, 
wissen  wir  gar  nicht,  denn  sie  kann  auch  eine  lateinische  gewesen  sein, 
wie  die  vorhin  schon  erwähnten  Artusromane  des  Robert  von  Torigny 
und  auch  die  von  G.  L.  K  i  t  t  r  e  d  g  e  herausgegebene  Artuserzähiung 
,, Arthur  und  Gorlagon"')  lateinisch  sind,  und  das  von  Chretien  lür  den 
Perceval  benutzte  ,,lii>re"  anerkanntermaßen  vermutlich  gleichfalls 
lateinisch  war. 

2.  Ob  Chretien  für  den  Erec  eine  eigentliche  „Vorlage"  gehabt 
hat,  wissen  wir  ebenso  wenig,  denn  seine  Quelle  kann  auch  eine  münd- 
liche gewesen  sein,  ein  von  dem  Vortragenden  auswendig  gelernter 
conte  mäßigen  Umfangs. 

3.  Man  sollte  endlich  einmal  aufhören,  nach  Försterschem  Muster 
mit  Chretiens  a  priori  feststehend«  r  Intelligenz  als  Basis  der  Unter- 
suchung seiner  Werke  zu  operieren.  Welches  Maß  von  Intelligenz  und 
Klarheit  des  Denkens  wir  ihm  zuschreiben  dürfen,  das  wollen  wir  erst 
aus  dem   Studium  seiner  Werke  entnehmen,  denn  wir  haben  keine 

l)  Studies  and  Notes  in  PhiloLgy  end  Literature  VIII,  Boston 
1903,   149  tf. 


II \ iteres  sur  Mabinogionfrage.     Anhang.  L07 

andere  Quelle  für  unser  Urteil.  Es  empfiehlt  sich  deshalb  nicht,  mit 
einer  bestimmten,  hohen  Vorstellung  von  seinem  Ingenium  an  dir  Inter- 
pretation seiner  Dichtungen  heranzutreten.     Daß  Chretien  imstande 

war,  seinen  Lesern  völlig  ungereimte  Dinge  mit  der  Miene 
der  größten  Selbstverständlichkeit  aufzutischen,  das  bew<  l 
schlagend  und  unwiderleglich  di<  Episode  von 
der  Joie  de  la  cort  im  Erec,  deren  Fassung  schlechthin 
kindisch  genannt  werden  muß,  s.  darüber  Edens  S.  123.  I! 
meni  impossible",  bemerkt  der  klarblickende  Gaston  Paris  in  der 
Romania  20,    154,  „d'imaginer  quelque  chose  de  plus   absurde,   de  plus 

incoherent  et  en  meme  temps  de  moiiis  interessant  que  cc  ricit " 

Es  ist  ganz  deutlich,  daß  Chretien  hier  mißverstandi  ne  Überlieferung  in 
arg  entstellter  Form  wiedergibt.    Ebenso  erhall-  n  wir  im  Ivain  da 
die  Einschlif ßung  des  Helden   im  Tbrverließ  erzählt   wird,  ein* 
kommen  unsinnige  Lokalschildi  rung,  welche  erst  durch  di    D 
des  Mabinogi  verständlich  wird,  also  auf  einem  groben  Miß  vi  rständn  sse 
Chretens  beruht,   s.  meine  demnächst  erscheinende   eingehende  \   r- 
gleichung  des  Ivain  mit  dem  Mabinogi  von  Owen.    Unter  diesen  I  m- 
ständen  best*  ht   nicht   der  mindeste  ('•rund,   zu   bezweifeln,  daß  d  r 
Dichti  rauch  an  anderen  Stellen  seine  Quelle  mißverstand«  o  habi  n  l 

Dieser  Einwand  Meyer-Lübkes  ist  also  in  allen  seinen  Teil«  n  h  n- 
fällig. 

M.-L.  meint,  das  Mißverständnis  liege  hier  aul  Daß 

das  festste  h<\  kann  ich  gleichfalls  nicht  zug'  ben.  Wenn  auch  eingi  räumt 
werden  muß,  daß  das  ,,pensif"  bei  Chretien  sich  ebenfalls  begründen 
läßt  und  a'so  das  „songeur"  des  Mabinogi  auf  ihm  b.  ruhen  kann,  s<  t 
doch,  da  das  letztere  in  der  kymrischen  Erzäh'ung,  wie  wir  sahen, 
gut  begründet  erscheint,  das  umgekehrte  Verhältnis  zum  mindi 
eb  nso  wohl  möglich,  und  wir  können  nur  sagen:  b  e  i  d  e  Auffassungen 
sind  zu'ässg,  das  Mißverständnis  oder  die  willkürl  ehe  Änd«  rung  k  a  n  n 
ebenso  wohi  auf  Seite  des  Kymren  als  der  des  Franzosen  liegen,  — 
derjenige  d<  r  das  letztere  annimmt,  kann  a'so  ebensowohl  im  Rechte 
sein,   wie   derjenige,  der  den  anderen  Fall  lür  wahrscheinlicher  hält 

Meyer-Lübke  meint,  vieles,  was  Edens  bei  Chretii  n  nnv.  rständlich 
findet,  sei  es  nur  dann,  „wenn  man  Chretien  ob.  r  lach  ich  lii  st.  Wenn 
der  Kymre  weitläufiger  ist,  so  verhält  sich  seine  Darstellung  zu  dt  r  des 
Franzosen,  wie  die  Erzählung  ein  und  desselben  Gegenstandes  sich 
auch  heute  verschieden  gestalt.  n  würde,  j<  nachdi  m  man  ein  lit  rar  seh 
gebildetes  Publikum  oder  das  Volk  oder  Kindt  r  als  Leser  voraussi  t/t. 
Um  das  zu  zeigen,  wäre  Edens  Arbeit  Seite  für  Seite  zu  wid<  r 
was  sich  wohl  nicht  lohnt". 

Ob  Edens,  von  dem  Lo  th,  Les  Mabinogion  II,  1913,  50  Aniii. 
9  sagt,  er  gebe  „une  comparaison  minutieuse  des  deux  romans  , 
Chretien  oberflächlich  gelesen  hat,  darüber  stellt  ich  das  Urteil  ruhig 
denen  anheim,  die  an  seine  Abhandlung  ohne  Voreingenommen^  it 
herantreten  und  sie  mit  der  Othmers,  welch   i  r  bekämplt,  v.  rgleii  hi  n. 

Gegen  die  Methode  aber,  gignensche  Anschauung,  n  und  Einwände 
dadurch  kurzerhand  zu  erledigen,  daß  man  <  rklärt,  i  s  würd<  zwar  •  m 
leichtes  sein,  eine  Widerlegung  zu  liefern,  ab.  r  es  vi  rlohne  sich  nicht, 
dürfen  doch  wohl  erhebliche  Bedenken  geltend  gemacht  wi  rden.  u  i 
Mühe  des  Versuches,  Edens  im  einzelnen  zu  widerlegen,  haben 
längst  Förster,  Smirnov  und  Ph.  A.  Becker  unterzogen, 
die  also  doch  wohl  der  Meinung  g(  w-  si  n  sein  müsa  i  •■  r  Mühe 

wert  sei.     Ich  habe  aber  Zur  Mabinogienfrage  (Forst-  r),  40, 

188  ff.  (Smirnov),  und  ebenda  41,   131  ff.  (Becker)  gezeigt,  daß  alle 
diese   Kritiker  nur  einen  Teil  der  von   E.  beigebrachten   Argum 
berücksichtigen,  andere,  und  gerade  mit  die  g(  wichl  gst<  n,  ignon*  ren  — 
so  überschlägt  z.  B.  Förster  in   der  Edensschen  Dissertation  volle  16 


108  Rudolf  Zenker. 

Beiteo  -  ,  ich  habe  ferner  in  ausführlichster  Wese  gezeigt,  daß  sämtliche 
von  gegnerischer  Seite  vorgebrachten  Argumente  der  Nachprüfung  nicht 
Stich  halten,  und  ich  stelle  fest,  daß  weder  Förster  noch  Becker  sich 
seitdem  wieder  zur  Sache  hat  vernehmen  lassen,  — nur  Smirnov  bringt 
m  der  Rumänin  42,  480  eine  kurze  Bemerkung,  in  der  er  das  Urteil  den 

pn  anhi  umstellt;  ich  glaube  unter  diesen  Umständen  die  bisherigen 
Widerlegungsversuche  als  gescheitert  bezeichnen  zu  dürfen.  Da  scheint 
es  mir  denn  nicht  angängig,  jetzt  zu  erklären,  es  sei  gar  nicht  nötig, 
die  Edenssche  Beweisführung  Punkt  für  Punkt  zu  widerlegen.  Die 
große  Autorität,  welche  Meyer-Lübke  auf  dem  Gebiet  der  romanischen 
Sprachforschung  zweifelsohne  besitzt,  scheint  mir  kein  Grund  zu  sein, 
seinen  Urteilen  auf  einem  Gebiete,  auf  dem  er  sich  literarisch  selbst- 
ständig noch  gar  nicht  betätigt  hat,  das  gleiche  Gewicht  zuzubilligen 
und  für  solche  Anerkennung  zu  beanspruchen,  wofern  sie  sich  nicht 
auf  lückenlose,  sachliche  Beweise  stützen. 

Weiter:  die  zitierte  Bemerkung  Meyer-Lübkes  ist  geeignet,  den 
Anschein  zu  erwecken,  als  folgere  Edens  daraus,  daß  das  Mab.  bisweilen 
weitläufiger  ist  als  Chretien  —  in  der  Regel  verhält  die  Sache  sich  be- 
kanntlich umgekehrt  —  irgend  etwas  zu  Gunsten  der  von  ihm  ver- 
tretenen These  von  der  Unabhängigkeit  der  kymrischen  Erzählung 
gegenüber  Chretien.  Das  ist  aber,  wie  jeder  weiß,  der  die  Abhandlung 
gelesen  hat,  doch  durchaus  nicht  der  Fall.  Vielmehr  ist  es  E.  in  diesen 
Fällen  nur  darum  zu  tun,  zu  zeigen,  daß  Chretien,  falls  er  eine  in  den 
wesentlichen  Zügen  der  Handlung  mit  dem  Mabinogi  übereinstimmende 
Vorlage  hatte,  nicht,  wie  Förster  immer  wieder  behauptete,  ein  skla- 
vischer Abschreiber  gewesen  sein  müßte.  Das  ist 
also  etwas  ganz  anderes!  Das  Mab.  erzählt  manches  recht  verschieden 
von  Chretien;  nehmen  wir  nun  an,  dies  alles  habe  schon  in  seiner  Quelle 
g  -linden,  und  letztere  sei  auch  die  Chretiens  gewesen,  dann  hat  der 
Franzose  keineswegs  seine  Quelle  einfach  abgeschrieben,  sondern  er  hat 
in  recht  erheblichem  Maße  geändert.  Das  allein  wollte  Edens 
mit  den  erwähnten  Feststellungen  dartun  und 
das  hat  er  dargetan,  und  damit  ist  die  in  Rede 
stehende  gegenteilige  Behauptung  Försters 
widerlegt. 

M.-L.  bespricht  dann  den  Aufenthalt  Erecs  und  Enidens  in  dem 
Gasthause,  in  dem  sie  den  Besuch  des  Grafen  Galoain  empfangen, 
Chr.  3205  ff.,  Mab.  S.  161  ff. 

Bei  Chretien  lassen  die  beiden  sich  reichlich  bewirten,  zahlreiche 
Kerzen     und     Lichter    in     Fülle     erhellen     den     Raum:     3264     Erec 

mout  riche  ostel  tenoit Mout  i  ot  cierges  alumez  Et  chandoiles  es- 

pessement.  Edens  findet  es  auffällig,  daß  ,,die  beiden  allein  ein  solches 
Fest  feiern",  S.  102.  Im  Mab.  ist  die  Festfeier  motiviert:  hier  hat  Erec 
durch  den  Wirt  die  beste  Gesellschaft  der  Stadt  zu  sich  bitten  lassen 
und  bewirtet  sie  nun  splendide.  E.  meint,  dies  Motiv  sei  bei  Chr.  ver- 
gessen. Meyer-Lübke  wendet  ein,  Erec  wolle  sich  eben  nach  gehabter 
Entbehrini.T     (was  besonderes  zu  gute  tun. 

Obgleich  Edens  dieses  Argument  in  seine  Beweisliste  einreiht,  ist 
es  doch  ohne  Frage  eines  der  schwächsten,  und  ich  bin  gerne  bereit, 
es  preis  zu  geben.  Immerhin  verdient  es  in  Verbindung  mit  stärkeren 
Argumenten  m.  Dafürhaltens  eine  gewisse  Beachtung,  und  Edens  hat 
i  bi  n  Momente,  die,  isoliert  betrachtet,  nicht  viel  Beweiskraft  besitzen, 
aber  bei  ihrem  Auftreten  neben  anderen,  eindrucksvolleren  die  gleiche 
l'utung  wie  die  letzteren  nahe  legen,  auch  in  seine  Liste  mit  auf- 
genommen.  Daß  Erec  und  seine  Gattin  sich  nach  den  gehabten  Ent- 
1"  hrungen  ausgiebig  bewirten  lassen,  ist  ja  durchaus  verständlich, 
aber  daß  das  Mahl  des  Ehepaares  nun  gerade  bei  so  reichem  Kerzen- 


Weiteres  zur  Mabinogionfragc.     Anhang.  109 

schein  vor  sich  gehen  muß:   Mout  i  ot  cierges  alumez  Et  ehandoilea 
espessement  —  man  denkt  unzweifelhaft  an  einen  festlich  erleuchi 
Saal  — ,  kann  doch  immerhin  auffallen,  würde  sich  aber  wieder  Behr 
natürlich  erklären,  wenn  wir  annehmen,  daß,  wie  im  Mab.,  so  auch  in 
Chretiens   Quelle  eine  geladene   Gesellschaft  anwesend   w'w  und   dies 

Moment  bei  Chretien  in  Vergessenheit  geraten  ist.     E    k ml  auß  r 

dem  zu  der  Edensschen  Beobachtung  jetzt  hinzu,  daß,  3.  77 

no.  14  gezeigt  wurde,  gerade  in  dieser  Szene  Mabinogi  und  Hartmann, 
den  Meyer-Lübke  ja  gar  nicht  berücksichtigt,  eine  sehr  spezielle,  den 
Zufall  ausschließende  Übereinstimmung  zeigen,  welche  es  zweifellos 
macht,  daß  beide  hier  wenigstens  teilweise  einer  von  Chretien  ver- 
schiedenen Erec-Dichtung  folgen.  Es  wird  also  mit  Edens'  Ver- 
mutung wohl  doch  seine  Richtigkeit  haben. 

S.  183  spricht  Meyer-Lübke  von  dem  „auch  von  Edens  als  möglich 
betrachteten  Standpunkt,  daß  Gereint  nicht  eine  Übersetzung,  sondern 
eine  Bearbeitung  von  Erec  sei  .  ." 

Hier  liegt  indessen  ein  Mißverständnis  M.-L.'s  vor,  an  dem  all«  i- 
dings  Edens  zum  guten  Teile  selbst  schuld  ist.    E.  räumt  nirgends  die 
Möglichkeit  ein,  daß  das  Mabinogi  eine  Bearbeitung  des  Chrätienschen 
Erecsoi, — seine  ganze  Dissertation  von  Anfang  bis  zum  Ende  bekämpft 
ja  vielmehr  diese  Auffassung!    M.-L.  hat  die  vorher  S.  180  von  ihm 
zitierte  Stelle  bei  Edens  im  Auge,  S.  78,  wo  dieser  bei  Behandlung  der 
Sperberepisode  bezüglich  einer  im  Mab.  gegenüber  Chrätien  spezieller 
gehaltenen  Schilderung  bemerkt:  „Solche  Stellen  ....  machen  durch- 
aus den  Eindruck,  als  ob  M.  (resp.  dessen  Vorlage)  selbständig  erzählt, 
das  Erzählte  deutlich  vor  Augen  sieht  und  nicht  bloß   stur 
abschreibt".      Meyer  -  Lübkes   Auffassung    rührt    daher,   daß    Edens 
sich  in  diesem  Satze,   wie  man  wohl  sagt,    „arg  vergaloppiert"  hat. 
Über  das,  was  er  eigentlich  meint,  kann  trotzdem  nach  dem  Zusamn 
hang  seiner  ganzen  Darlegungen  durchaus  kein  Zweifel  sein.    Daß  das 
Mabinogi  „stumpfsinnig  abschreibe",  ist  ja  doch  noch  nie  von  j< 
behauptet  worden,   wohl  aber  hat  Förster  wieder  und  wieder  erklärt, 
wenn  Chretien  und  das  Mab.  auf  die  gleiche  Quelle  zurückgingen,  dann 
würde  Chretien  seine  Vorlage  „stumpfsinnig  abgeschrieben"  haben, 
was  ihm  nicht  zuzutrauen  sei.    Dieser  Gedanke  schwebt  E.  hier  vor; 
er  wollte  sagen:  „Solche  Stellen  zeigen,  daß  M.  (resp.  dessen  Vor 
oft  a  n  d  e  r  s  erzählt  als  Chretien,  und  daß  dieser,  vorausgesetzt, 
Vorlage  habe  im  allgemeinen  mit  dem   Mab.  ziemlich  genau  überein- 
gestimmt, keineswegs  bloß  stumpfsinnig  abgeschrieben  haben  würde". 
Mit  diesem  Gedanken  hat  sich  aber  bei  E.  der  andere  verquickt,  daß  der 
Verf.  der  kymrischen  Erzählung  von  Vorgängen,  die  bei  Chrötii  n  r  in 
typisch-formelhaft  geschildert    werden,    ganz    individuelle,    deutliche 
Anschauungen  hat,  was  besser  stimmt  zu  der  Annahme,  sein.    Dar- 
stellung sei  die  ursprüngliche  als  es  sei  dies  die  Chretiens  um 
übersetze  einfach  den  letzteren,  wie  Förster  ja  will.    Ich  bekenne  als 
Referent  meine  Schuld,  daß  ich  den  verunglückten  Satz,  über  di  .. 
hinweggelesen,  nicht  korrigiert  und  eingerenkt  habe. 

Damit  fällt  also  auch  der  Schluß,  den  _ Meyer-Lübke  aus  dieser 
angeblichen  Einräumung  Edens'  zieht,  dahin. 

Im  folgenden,  S.  183,  macht  sich  M.-L.  das  eigen; 
Genüge  kritisierte,  beständig  wiederholte  Hauptargum-nt   Förster 
eigen:  Er  meint,  wenn  die  ganze  gute  Komposition  des  Erec,  die 
seinem  Aufsatz  ins  Licht  gestellt  habe,  auch  schon  in  Chretn  ns  «ui  u 
vorhanden  gewesen  sei,   „so  muß  man  sich  billig  fragen,  was  denn 
eigentlich  Crestien  selber  gemacht  hat".     Man  werde   doch  ment  an- 
nehmen, „daß  er  ein  inhaltlich  und  innerlich  gut  aufgebautes  Vj 
in  schlechtere  Verse  gebracht  habe."   [In  schlechtere  als  welcne  t    wir 


HO  liulnlf  Zenker. 

,  doch  weder,  ob  Chretiens  Vorlage  in  Versen  abgefaßt  war,  noch, 
u!><  rhaupt  in  französisch  r  Sprache  geschrieben  war,  und  gesetzt, 
i  wirklich  in  französischen  Versen  geschrieben  gewesen,  so  kennen 
wir  doch  in  jedem  Falle  diese  Verse  nicht,  und  es  ist  also  möglich, 
daß  dieselben  keineswegs  besser  waren  als  die  Chrelienschen  es  nach 
Meyer-Lübkes  Meinung  sind,  sondern  noch  schlechter!]  Man  werde 
vi'  [mehr  annehmen,  daß  die  ganze  Komposition  von  Chretien  herrühre. 
Ich  halte  dieses  Argument  nach  wie  vor  für  gänzlich  unbrauchbar  — 
ich  habe  mich  schon  Zur  Mabinogionfrage  S.  20  darüber  ausgesprochen, 
aber  Meyer-Lübke  nimmt  von  meinen  dortigen  Ausführungen  keine 
Notiz.  Worin  die  Selbständigkeit  des  französischen  Dichters  besteht, 
wenn  er  mit  dem  kymrischen  Prosamärchen  aus  der  gleichen  Quelle 
geschöpft  hat,  das  "erkennen  wir  doch  durch  einen  Vergleich  des 
li  tzteren  mit  dem  Erec  in  voller  Deutlichkeit:  Chretien  hat  die  ganze 
hichte  m  die  verfeinerte  höfische  Atmosphäre  seiner  Zeit  getaucht, 
r  hat  umfängliche,  farbenreiche  Schilderungen  des  höfischen  Lebens 
«  ingefügt,  die  Kampfszenen  breit  ausgemalt,  er  zeigt  sich  bestrebt,  die 
Erzählung  nach  Maßgabe  seiner  eigenen  naiven  ästhetischen  Begriffe 
zu  verschönern,  hat  Züge,  die  ihm  roh  oder  häßlich  schienen,  getilgt, 
so  das  im  Mab.  vorhandene  Motiv  von  Erecs  Eifersucht,  bezw.,  was 
auf  dasselbe  hinausläuft,  von  seinem  Zweifel  an  Enidens  Liebe,  —  daß 
Eifersucht  den  höfischen  Dichtern  als  lächerlich  gegolten  habe,  be- 
merkt ja  Meyer-Lübke  S.  147,  A.  21  selbst  — ,  er  ist  bestrebt,  seinen 
Helden  und  seine  Heldin  überall  ins  beste  Licht  zu  rücken,  arbeitet  die 
psychologischen  Momente  stärker  heraus,  bringt  lange  Monologe,  er- 
W(  itert  die  dialogischen  Szenen,  usw.  usw.  Der  ausgesprochen  höfische 
Charakter  seiner  Dichtung,  die  aktuellen,  einen  breiten  Raum  ein- 
nehmenden Milieuschilderungen,  die  realistische  Darstellungskunst,  das 
starke  Hervortreten  des  psychologischen  Momentes  genügen  im  Bunde 
mit  dem  eleganten,  flüssigen  Stil  vollkommen,  um  den  großen  Erfolg 
seiner  Dichtung  gegenüber  älteren,  primitiveren  Leistungen  auf  dem 
Gebiete  der  Romankunst  verständlich  zu  machen.  Ihm  außerdem 
selbständige  Komposition  der  Handlung,  stoffliche  Originalität  zuzu- 
schreiben, liegt  gar  kein  Grund  vor,  und  bei  einem  Literarhistoriker, 
der  sich  nur  einigermaßen  mit  Quellenfragen  befaßt  hat,  ist  mir  die 
Forderung,  daß  Chretien,  wenn  er  auf  den  Namen  eines  Dichters  An- 
spruch haben  wolle,  auch  die  Grundlinien  der  Handlung  seines  Erec 
erfunden  haben  müsse,  wirklich  einigermaßen  verwunderlich.  Ich  be- 
schränke mich  darauf,  hinzuweisen  auf  das,  was  ich  über  diesen  Punkt 
Zur  Mabinogionfrage  a.  a.  O.,  s.  auch  S.  24,  gesagt  habe.  Ein  Verfahren, 
das  bei  den  französischen  Bearbeitern  antiker  Stoffe,  bei  den  mittel- 
hochdeutschen Dichtern  der  höfischen  Epik,  bei  berühmten  Dichtern 
der  neueren  Zeit  anerkannte  Tatsache  ist,  das  soll  einem  Chretien  nicht 
zugetraut  werden  können?  Ich  meine,  man  sollte  endlich  einmal  dieses 
ungeeignete,  von  Förster  geprägte  Argument  für  Chretiens  stoffliche 
Selbständigkeit  zum  alten  Eisen  werfen  1  Ich  sehe  auch  nicht  ein, 
welchen  Anlaß  gerade  die  deutschen  Forscher  eigentlich  haben,  immer 
wieder  ihre  Lanze  für  die  stoffliche  Unabhängigkeit  und  das  erleuchtete 
Kunstverständnis  des  wackeren  Chretien  einzulegen,  über  den  die 
kompetentesten  französischen  Literarhistoriker,  bei  aller  Anerkennung 
seiner  trefflichen  Seiten,  so  scharf  urteilen  und  dessen  Schwächen  sie 
so  unverhohlen  zugestehen,  wie  die  von  mir  Zur  Mabinogionfrage  S.  10 
angeführten  Stellen  zeigen. 

Meyer-Lübke  bespricht  dann  weiter  S.  184  den  Zug,  daß  bei  Chretien 
Enide  das  Pferd  Erecs  versorgen  muß,  während  doch  der  alte  Ritter 
einen  Diener  im  Hause  hat,  der  dem  Leser  als  die  für  diese  Dienst- 
leistung zunächst  in  Betracht  kommende  Person  erscheint.    Im  kym- 


Weiteres  zur  Mabinogion frage.     Anha  111 

Tischen  Märchen  hat  der  Ritter,  in  konsequenter  Durchführung  der 
Armut  des  Ritters,  keinen  Diener,  und  h  ha  |,  die   !  Miktion 

Enidens  als  Pferdewärterin  motiviert.  M.-L.  gibl  zu,  Gereint  (  das 
Mab.)  sei  hier  „zweifellos  konsequenter,  wi  im  <  r  Enid  nai  h  B 
des  Pferdes  die  Einkäufe  machen  läßt."  Abi  r  darauf  kommt  i  s  doch 
eben  an,  daß  Mab.  auf  Schritt  und  Tritt  konsi  qui  at,  logisch,  Chretii  a 
hingegen  dies  nicht  ist.  Nach  anerkannten,  doch  oichl  i  twa  von  mir 
oder  Edens  ausgedachten  methodischen  Grundsätzen  |  Üabinogion- 
frage  S.  55  f.  und  diese  Zs.  40*  [19 13],  192  —  Meyer-Lübke  b«  achte«  di«  Be 
Darlegungen  nicht)  spricht  eine  solche  durchgehende  Konsequenz  fnr 
die  Ursprünglichkeit  der  Darstellung  des  Mabinogi  und  gegen  die 
Ursprünglichkeit  der  Chretienschen  Fassung,  natürlich  nur,  soweit 
die  letztere  es  an  Konsequenz  fehlen  läßt.  Daß  man  znr  Nol  auch  für 
Chretiens  Erzählung  eine  Erklärung  finden  kann:  ,,Das  Pferd  nament- 
lich eines  Ritters,  den  man  ehren  will,  wird  vom  vaslet  oder  vom  eseuier 
besorgt,  der  serjani  aber  ist  offenbar  ein  tiefi  r  sti  hendi  r  Knecht,  di  r 
wohl  die  Küche  besorgen,  aber  nicht  mit  Pferden  umgehen  kann", 
ändert  an  jener  Tatsache  gar  nichts.  Daß  die  Pf<  rde  zu  ehri  nd(  r  Ritter 
damals  nur  von  vaslets  oder  eseuiers  in  Empfang  genommen  worden 
seien,  ist  im  übrigen  nicht  richtig,  —  die  serjant  tun  den  gleichen  Dienst 
vgl.  Perceval  V.  24  640: 

IUI.  sierjans  a  apiel^s 
Si  fait  reeoivre  lor  destriers 

(es  ist  die  Rede  von  Perceval  und  seinen  Begleitern),  und  ebenda  V.  H 4  <»!*'» 
t Perceval);  und  außerdem  ist  essehr  wenig  wahrscheinlich,  daß  in  jener 
Zeit,  in  der  das  Pferd  eine  so  große  Rolle  spielte,  der  einzige  Diener, 
den  sich  ein  verarmter  Ritter  hält,  nicht  verstanden  haben  sollte,  ein 
solches  zu  besorgen.  Sollen  wir  glauben,  daß  der  serjant  besta 
in  der  Küche  gestanden  und  gekocht,  Enide  hingegen  sich  im  PI 
stall  zu  schaffen  gemacht  habe?  Das  wäre  doch  wohl  die  verkehrt'' 
Welt!  Da7u  ist  es  auch  hier  leicht  verständlich,  was  Chretien 
veranlaßte,  seine  Vorlage,  falls  sie  mit  dem  Mab.  in  dem  fraglichen 
Punkte  übereinstimmte,  zu  ändern:  es  schien  ihm  unwürdig,  daß  der 
künftige  Schwiegervater  sein«  s  Helden,  eines  Prinzen,  nicht  einen 
einzigen  dienstbaren  G- ist  im  Hause  gehabt  haben  sollte,  —  wie  wir 
denn  später  auch  an  Stelle  der  einfachen  Bewirtung,  die  im  Mab.  d<  r 
Alte  seinem  Gaste  bietet,  bei  Chretien  ein  si  hr  reichliche  linden, 
die  sich  wieder  mit  der  Armut  des  Ritters  schlecht  verträgt  und 
wegen  auch  von  Hartmann  scherzend  abgelehnt  wird. 

Auch  bei  der  Besprechung  der  Keu-Gavain-Episode 
S.  184  ff.  räumt  M.-L.  ein,  daß  die  Darstellung  des  Mab.  ..klarer  und 

besser  begründet  ist  als  die  im  Er*  c, es  ist  daher  nur  begreiflich, 

daß  Edens  und  Zenk<  r  sie  für  ursprünglich  hait  n  und  di  r  Spott,  mit 
dem  Förster  gerade  diese  Stelle  in  Edens  Arbeit  behandelt,  kann  natür- 
lich nicht  als  Gegenargument  gelten".  Er  gesi  hl  zu,  daß  die  Dar- 
stellung Chr.'s  schwitrig  zu  erk  ären  sei,  trotzdem  glaubt  er  im  Stande 
zu  sein,  sie  verständlich  zu  machen.  Ich  sehe  davon  ab,  die  ganze  Situ 
ation  abermals  klar  zu  legen,  s<  tze  sie  vielmehr  unter  V<  rweis  auf 
Edens  S.  106  ff.,  Zur  Mabinogionfrage  S.  78  ff.,  diese  Zs.  401  (1913), 
196  ff.  und  ebenda  421  (1914),  48  ff.  a;s  bekannt  voraus  und  I-  mi  rke 
zu  Meyer-Lübkes  Erklärungsversuch  folgendes: 

M.-L.  meint  zunächst,  Erec  weigere  s  ch  Gauvain  gegenüber  deshalb, 
zu  Artus,  der  im  Walde  sein  Lager  aufgeschlagen  hat,  zu  g<  hen,  weil 
eine  sofortige  Annahme  der  Einladung  „einem  Abschluß  dieses  Ab- 
schnittes gleichgekommen"  wäre:  er  hätte  dann  die  Fahrt  mit  Enide 
und  die  Prüfung  der  letzteren  nicht  fortsetzen  können. 


112  Rudolf  Zenker. 

Diese  Deutung  ist  mir  schlechthin  unverständlich.  Bekanntlich 
wird  es  so  eingerichtet,  daß  Erec  trotz  seiner  Weigerung  beim  Weiter- 
peiten  auf  Artus'  Hofhaltung  stößt,  er  wird  dort  freudig  begrüßt,  seine 
Wunden  werden  verbunden,  und  am  nächsten  Tage  reitet  er  mit  Enide 
weiter.  Inwiefern  sollte  er,  wenn  er  freiwillig  der  Einladung  zu  Artus 
Folg'  t  hätte,  sich  damit  die  Möglichkeit  genommen  haben, 

seine  Heise  mit  Enide  fortzusetzen,  was  er  nach  der  unfreiwilligen 
Begegnung  ja  tut  ?  Er  konnte  doch,  wenn  er  Artus  freiwillig  einen 
Besuch  abstattete,  genau  ebenso,  wie  er  es  beim  unfreiwilligen  Zusam- 
mentreffen  mit  ihm  tut,  dessen  Aufforderung  zu  längerem  Bleiben  ab- 
lehnen I  Seine  Willfährigkeit  gegen  Gauvains  Bitte,  Artus  zu  besuchen, 
V.  4006,  verpflichtete  ihn  doch  zu  gar  nichts  weiter!  Die  „gezwungene 
[Annahme  der  Einladung]  gab  Gelegenheit  zu  der  Heilung  [vielmehr 
nur  zum  Verbinden!]  von  Erecs  Wunden",  —  aber  die  freiwillige 
hätte  doch  natürlich  die  gleiche  Gelegenheit  gegeben! 

,,Der  Streit  zwischen  Zenker  und  Förster,  ob  der  Zustand  des 
schwerverwundeten  Erec,  wie  der  Kymre  meint,  sein  Auftreten  am  Hofe 
unmöglich  gemacht,  oder  ob  er  gerade  als  Sieger  aus  schweren  Kämpfen 
besonders  ehrenvoll  aufgenommen  worden  wäre,  ist  überflüssig". 
Aber  genau  die  gleiche  Darstellung  wie  der  Kymre  gibt  in  diesem 
Punkte  —  worauf  bisher  noch  nicht  aufmerksam  gemacht  wurde  — 
auch  Hartmann,  von  dem  man  bisher  allgemein  annahm,  daß  er  aus- 
schließlich Chretien  vor  sich  gehabt  habe:  Hartmann  hat  den  gleichen 
Grund  für  Erecs  Weigerung,  zu  Artus  zu  gehen,  wie  das  Mab. :  daß  er 
wegen  seiner  Müdigkeit  und  seiner  schweren  Wunden  augenblicklich 
nicht  in  der  Verfassung  sei,  um  bei  Hofe  zu  erscheinen,  nur  ist  Hart- 
mann ausführlicher,  s.  oben  S.  81  no.  22: 

5061  ir  seht  wol  daz  ich  ze  dirre  stunt 
bin  beide  müede  unde  wunt 
und  so  unhovebaere 
daz  ich  wol  hoves  enbaere  .... 
Freilich  gibt  bei  ihm  Erec  diese  Begründung  für  seine  Weigerung, 
zu  Artus  zu  kommen,  nicht  sofort,  wo  er  vielmehr  nur  erklärt,  V.  4976: 
Ich  habe  ze  disen  ziten  Gemaches  mich  bewegen  gar,   sondern  erst  als 
'iauvain  ihn  durch  List  zum  König  gebracht  hat,  indessen  ändert  das 
natürlich  an  der  vorliegenden  sachlichen  Übereinstimmung  nichts. 

Dieses  Zusammentreffen  des  Kymren  und  des  deutschen  Dichters 
nun  gegenüber  Chretien,  der  eine  völlig  verschiedene  Erklärung  für 
Erecs  Weigerung  gibt,  kann  kaum  auf  Zufall  beruhen,  wie  schon 
oben  festgestellt  wurde,  —  folglich  müssen  beide  ihre  Motivierung  aus 
einer  gemeinsamen  Quelle,  aus  einer  von  der  Chr^tiens  verschiedenen 
Erec-Erzählung  geschöpft  haben. 

Meyer-Lübke  meint  nun  aber,  die  Version  des  Mab.  erkläre  sich 
daraus,  daß  der  Kymre  die  Chrötiensche  Stelle 
4104  Je  ne  sui  mie  bien  heitiez, 

Einz  sui  navrez  dedans  le  cors; 
Et  neporquant  ja  n'istrai  fors 
De  mon  chemin  por  ostel  prandre  .  .  . 
mißverstanden  habe,  indem  er  das  neporquant  nicht  beachtete  und  also 
übersetzte:  „Ich  bin  nicht  recht  wohl,  sondern  im  Leibe  verwundet,  und 
ich  werde  von  meinem  Wege  nicht  abgehen   [statt  des  Chretienschen: 
ich  werde  trotzdem  von  meinem  Wege  nicht  abgehen],  um  Unter- 
kunft zu  suchen",  und  er  habe  nun  diese  Antwort  so  aufgefaßt,  als  solle 
der  erste  Teil  des  Satzes  den  zweiten,  Erecs  Weigerung  begründen. 

Diese  Auslegung  ist  aber  sehr  unwahrscheinlich,  und  zwar  aus 
folgenden  Gründen : 


Weiteres  zur  M  ab  inogion  frage.     Atihang.  \\  : 

1.  Da  Hartmann  dieselbe  Version  hat  wie  das  Mab.        was  aller- 
dings Meyer-Lübke  nocli  nicht  wußte  — ,  so  müßten  wir,  wenn  die  ge- 
gebene Erklärung  richtig  ist,  annehmen,  daß  sowohl  der  Kymr 
Deutsche  sich  genau  das  gleiche  Mißverständnis  hätten  zu  Schulden 
kommen  lassen,  daß  beide  das  neporquant,  das  mit  seinen  drei  Silben 
doch  breit  und  deutlich  genug  dasteht,    übersehen   hatten,   was 
wiß  nicht  eben  wahrscheinlich  genannt  werden  kann;  daG  ue  etwa 
beide  das  Wort  nicht  verstanden  haben  sollten,  ist  m.  ht  zu  glauben, 
da  es  bei  Chretien  im  Erec  mehrfach  vorkommt,  dem  Glossar  EU  ! 
außer  an  dieser  Stelle  noch  viermal  —  und  zwar  zweimal,  \.  518  and 
3000,  vorher — ,  vielleicht  aber  noch  öfter,  da  die  vorliegende  Stelle  im 
Glossar  gar  nicht  zitiert  wird,  was  die  Vermutung  nahe  legt,  daß  noch 
andere  Belegstellen  im  Glossar  fehlen  möchten. 

2.  Angenommen,  beide  Bearbeiter  hätten  wirklich,  wie  Meyer- 
Lübke  es  von  dem  einen  annimmt,  durch  einen  merkwürdigen  Z 
über  das  neporquant  weggelesen,  ist  es  nicht  glaubhaft,  daß  sie  beide  nun 
auch  unabhängig  voneinander  denChretienschen  Text  in  merkwürdigem 
Zusammentreffen  so  interpretiert  haben  sollten,  wie  sie  tun.  Nach  Mi 
Lübkes  Auffassung  hätten  der  Kymre  und  Hartmann  die  Worte,  die 
Chretien  dem  Erec  in  den  Mund  legt:  „Ich  bin  verwundet  im  Leibe  m 
werde  trotzdem  nicht  von  meinem  Wege  abgehen,  um  Unterkunft  zu 
suchen,"  in  Folge  von  Nichtbeachtung  des  ,, trotzdem"  vielmehr 
standen:  „Weil  ich  verwundet  bin,  werde  ich  nicht  von  meinem  V 
abgehen  usw."  Zwischen  diesem  Gedanken  und  dem,  welchen  wir  über* 
einstimmend  sowohl  im  Mab.  als  bei  Hartm.  finden:  „Ich  bin  verwundet 
und  deshalb  nicht  in  einem  Zustande,  in  dem  ich  mich  bei  Hofe 
sehen  lassen  könn  te"  —  warum  nicht,  das  erfahren  wir  ja  bei 
Hartmann,  während  das  Mab.  keine  Auskunft  erteilt:  nämlich  weil 
dem,  der  bei  Hofe  erscheine,  Freude  gezieme  —  zwischen  diesen  beul,  a 
Gedanken  ist  doch  noch  immer  ein  deutlicher  Abstand:  dort  einlach 
die  Weigerung,  die  Fahrt  zu  unterbrechen  und  Herberge  zu  nehmen,  hier 
der  Hinweis  darauf,  daß  er  sich  so  bei  Hofe  nicht  sehen  lassen  kam,. 
Ist  es  sehr  wahrscheinlich,  daß  zwei  verschiedene  Bearbeiter,  nachdem 
sie  durch  Zufall  beide  das  „trotzdem"  ausgelassen  hatten,  nun  au. 
jenen  Gedanken,  bei  dem  es  doch  auf  den  ersten  Blick  keineswegs  deut- 
lich ist,  in  wiefern  Erec  seine  Wunden  veranlassen  können,  seine  Fahrl 
nicht  zu  unterbrechen,  beide  genau  in  der  gleichen  Weise  ausgelegt 
haben  sollten?  Denn  das  ,,/e  ne  suis  pas  dans  un  etat  ä  nie  prisentei 
devant  qui  que  ce  soit"im  Mab.  entspricht,  nachdem  eben  an  ihn  dii 
Aufforderung  ergangen  ist,  bei  Hofe  zu  erscheinen,  doch  wörtlich  di  i 
Erklärung  Erecs  bei  Hartmarin,  er  sei  unhovebaere,  dem  Hofe  müsse 
sein  Recht  werden  und  dazu  sei  er  jetzt  nicht  imstande  (Da  enkan  ü  h 
nü  niht  zuo  Und  muoz  mich  sümen  dar  V.  5058).  Daß  diese  Begrüial iin_ 
von  Erecs  Weigerung  sich  keineswegs  von  selbst  versteht,  ergibt  sich 
doch  wohl  daraus,  daß  Förster  Edens'  Ansicht,  sie  sei  ursprünglich, 
als  fast  läppisch  bezeichnete.2) 

Also   ich  glaube,   das  Zusammentreffen   von   Mab.    und    Hartm. 
macht  Meyer-Lübkes  Annahme,  daß  die  Version  des  Mab.   hii  l 
einem  Mißverständnis  Chretiens  zu  erklären  sei,  ganz  unwahrscheinlich. 
In  jedem  Falle  aber  erweist  sich  der  Hohn,  welchen  Förster  hier 
Edens  ergießt,  durch  das  Hinzutreten  Hartmanns  zu  dem   Mab 
als  eine  böse  Entgleisung,  indem  danach  nicht  nur  dem  Kymren 

2)  Diese   Zs.    381,   177:    „Fast  läppbch   aber  ist  des    Verfa 
i.Edens']  Ansicht,  daß  W  [=  Mabinogi]  das  richtige  und  ursprüng- 
liche (!)  hat,  weil  er  eigens  motiviert  [gemei   t  ist:  in  d.  r  oben  an- 
gegebenen Weise  motiviert],   warum  der  verhauene    und    verwundete 
Erec  nicht  mit  Kei  und  Gauvain  zu  Artus  ziehen  will." 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.    XLVV1.  8 


114  Rudolf  Zenker. 

dem  auch  dem  in  dir  ritterlichen  Sphäre  sich  bewegenden  deutschen 
Dichter  Erecs  Zustand  als  ein  völlig  ausreichender  Grund  erschien,  sich 
i  11  h  t  bei  Hofe  sehen  zu  lassen. 

Und  dann  der  Hauptpunkt:  Gauvains  Versprechen,  das  er  Artus 
gibt,  er  wolle  ihm  den  besten  Ritter  zeigen,  obgleich  er  keine  Ahnung 
hat,  wer  der  verwundete  Ritter,  den  er  im  Walde  getroffen  hat,  eigentlich 
ist.  M.-L.  meint,  daß  der  Fremde  ein  vorzüglicher  Ritter  sei,  erschließe 
Gauvain  aus  dessen  zerhauenem  Schild,  seinen  Wunden  und  daraus, 
daß  er  trotz  dieser  Wunden  weiter  ziehen  wolle.  Aber  Erec  wfrd  von 
Gauvain  nicht  als  ein  vorzüglicher,  sondern  a!s  der  beste 
Ritter  bezeichnet,  was  doch  noch  etwas  wesentlich  anderes  ist,  und 
daß  er  letzteres  ist,  kann  doch  aus  der  bloßen  Tatsache,  daß  er  Wunden 
davon  getragen  und  trotzdem  weiter  reiten  will,  noch  nicht  erschlossen 
werden,  denn  ein  Verwundeter  kann  ebensowohl  ein  Besiegter  wie  ein 
Sieger  sein,  und  daß  seine  Wunden  ihn  nicht  zum  Rasten  zu  veranlassen 
vermögen,  beweist  wohl,  daß  er  von  großem  Tatendrang  erfüllt  ist, 
aber  auch  nicht,  daß  er  das  Prädikat  des  besten  Ritters  verdient! 
Wohl  aber  ist  das  Prädikat  ohne  weiteres  verständlich,  wenn  wir  an- 
nehmen, Chretiens  Darstellung  sei  hier  lückenhaft  und  es  liege  ihr  die 
im  Mabinogi  gebotene  zu  Grunde,  denn  in  diesem  erkennt  Gauvain 
in  dem  fremden  Ritter  den  Erec,  der  ja  bei  Chretien  in  der  Tat  als  d  e  r 
beste  Ritter  der  Welt  geschildert  wird. 

Die  ganze  Episode  ist  so  einfach,  so  vollkommen  klar  und  wider- 
spruchsfrei, wenn  wir  die  Version  des  Mab.  als  die  ursprüngliche  be- 
trachten, aus  der  die  Chretiens  durch  flüchtige  Lektüre  oder  Er- 
innerungstäuschung hervorgegangen  ist  (abweichende  B<  gründung  von 
Erecs  Weigerung,  Nichterkennen  Erecs  durch  Gauvain)  und  die  Episode 
muß  erst  durch  so  künstliche  Erklärungen,  wie  Meyer-Lübke  sie  hier 
vorschlägt,  auf  die  Beine  gebracht  werden,  wenn  wir  umgekehrt  Chretiens 
Darstellung  als  die  ursprüngliche  ansehen,  aus  welcher  die  des  Mab. 
und  Hartmanns  abgeleitet  sei!  Und  warum  diese  gewaltsamen  Deu- 
tungen? Weij  durchaus  nicht  zugestanden  werden  soll,  daß  Chretien 
bisweilen  seine  Quelle  verballhornt  hat,  denn  wenn  di»s  zugestanden 
wird,  dann  haben  die  Versionen  des  Mab.  in  einer  Reihe  von  Fällen 
die  Priorität  zu  beanspruchen,  und  wenn  dem  so  ist,  dann  muß 
Chretien  die  Grundlinien  der  Erzählung  sowie  viele  Einzelheiten  schon 
in  seiner  Quelle  vorgefunden  haben,  dann  ist  es  um  den  Ruhm  seiner 
stofflichen  Originalität  geschehen,  und  diese  darf  a  priori  nicht  an- 
gezweifelt werden,  weil  der  dop  elt  falsche  Satz  an  die  Spitze  g<  stellt 
wird:  Chretien  ist  ein  großer  Dichter,  und  ein  großer  Dichter  ist  stoff- 
lich durchaus  originell! 

Zuletzt  bespricht  Meyer-Lübke  meinen  Hinweis  auf  die  Tatsache, 
daß  Chretien  sich  über  den  insularen  Schauplatz  des  Erec  gar  nicht 
klar  sei,  die  ich  erschloß  aus  seiner  Angabe,  Enidens  Eltern  seien  von 
Wales  nach  Nantes  geritten:  V.  6580  ff. :  „Tag  für  Tag  legten  sie  eine 
große  Strecke  zurück:  so  lange  ritten  sie  Tag  für  Tag,  b:s  sie  mitgroßt  r 
Freude  und  reicher  Ausrüstung  am  Abend  vor  Weihnachten  in  der 
Stadt  Nantes  anlangten". 

Ich  erfahre  hier  den  Vorwurf  der  Pedanterie,  weil  ich  angeblich  die 
Forderung  stelle,  ,,daß  der  Dichter  sich  genau  so  ausdrücken  soll,  wie 

etwa  ein  Schüler  in  seinem  Aufsatz Natürlich  haben  sie  einen 

Teil  der  Reise  zu  Wasser  machen  müssen."  Ich  glaube  aber  diesen  recht 
harten  Vorwurf  doch  nicht  zu  verdienen,  denn  ich  meine,  daß  man 
doch  nicht  nur  von  einem  Schüler  zu  erwarten  hat,  daß  er  sich  sach- 
gemäß und  verständlich  ausdrücke,  sondern  von  Jedermann.  Wer, 
um  einen  bestimmten  Ort  zu  erreichen,  eine  Seereise  machen,  außer- 
dem aber  einen  Teil    des  Weges  zu  Pferde  zurücklegen  mußte,   dem 


Weiteres  zur  Mabinogionfrage.     Anhang.  115 

kann  es  nicht  bei  lallen,  zu  sagen,  er  sei  vom  Ausgangspunkt  nach 
dem  Ziel  seiner  Reise  geritten;  darüber  ist  gar  kein  Streit  mög- 
lich, und,  wie  wir  gleich  sehen  werden,  urteil  e  n  b  i  e  r  .1  d  d  e  r  e 
Gelehrte  genau  ebenso  wie  ich. 

Wenn  Meyer-Lübke  meint,  es  sei  Chretien  doch  uichl  Euzutraui  n, 
daß  er  nicht  gewußt  habe,  daß  Evroic  in  England  lag,  su  erwidere  ich, 
daß  ich  bei  der  bekannten  groben  geographischen  I  nwissenheit  des 
mit  Geographiestunden,  geographischen  Handbüchern  und  Atlanten 
noch  nicht  beschwerten  Mittelalters3)  dies  sehr  wohl  für  möglich  halte, 
nachdem  Chretien  ja  doch  gar  nicht  gewußt  zu  haben  braucht,  daß 
Evroic  mit  York  identisch  ist. 

Dafür,  daß  es  sich  nun  aber  in  der  Tat  so  verhalt,  wie  ich  im  Hin- 
blick auf  jene  Stelle  annehme,  und  Chretien  sich  wirklich  nichl  darübi  r 
im  klaren  ist,  daß  der  Erec  in  Großbritannien  spielt,  spricht  der  I  in- 
stand, daß  unser  conteur  sich  auch  den  insularen  Schau- 
platz seines  /poin  ganz  unzweifelhaft  nicht  deutlich 
gemacht  hat.  Dieser  Roman  beginnt  mit  einem  Hoffeste  des 
Königs  Artus  zu  Carduel  en  Gates,  d.  i.  vermutlich  Carlisle  in  Cumber- 
land,  s.  Zimmer  in  dieser  Zs.  13,  99;  von  dort  reitet  nun  Ivain 
zum  Besuch  der  Wunderquelle  direkt  nach  dem  Walde  Broceliande, 
der  bekanntlich  in  der  französischen  Bretagne  liegt,  und  seine  l, 
wird  so  genau  beschrieben,  daß  für  eine  Seefahrt  absolut  kein  Platz 
bleibt,  V.  762  ff.:  „Tag  um  Tag  ritt  er  so  lange  durch  Gebirge  und 
Täler  und  durch  lange,  weite  Wälder,  durch  fremde,  wilde  Landschaften, 
und  er  kam  durch  manche  schlimme  Durchgänge  und  bestand  manche 
Gefahr  und  mancherlei  Nöte,  bis  er  geradenwegs  zu  dem  Fußpfad  kam 
[von  dem  Calogrenant  erzählt  hatte] . ."  Dieser  Pfad  führt  Ivain  dann 
zu  dem  Hause  des  vavassor,  bei  dem  er  übernachtet;  von  da  gelangt 
er  am  folgenden  Morgen  reitend  zu  der  Waldlichtung,  wo  er  den 
riesenhaften  Hirten  trifft,  der  ihm  den  Weg  zur  Quelle  weist,  V.  795. 
Hier  ist  es  also  im  Hinblick  auf  die  Ausführlichkeit  der  Dar- 
stellung vollkommen  ausgeschlossen,  daß  Chretien  eine  Seereise  seines 
Helden  vorgeschwebt  und  er  nur  der  Kürze  halber  ihrer  nicht  Erwähnung 
getan  haben  sollte. 

Daß  der  Dichter  sich  den  Wald  Broceliande  und  den  Hof  des 
Artus,  Carduel  in  Wales,  nicht  durch  das  Meer  getrennt  dachte,  geht 
auch  mit  Sicherheit  aus  Ivain  V.  1826  ff.  hervor:  Laudine  verlangt 
von  Lunete,  daß  sie  ihr  Ivain  heranschaffe,  dessen  Anwesenheit  im 
Schlosse  Lunete  geheim  hält  und  von  dem  Laudine  annimmt,  daß  er 
an  den  Artushof  zurückgekehrt  sei.  Lunete  antwortet:  „  .  .  ich  will 
dahin  gehen  lassen  einen  meiner  Knaben,  der  sehr  s  C  h  n  •  I  I 
läuft;  er  wird  nach  meiner  Schätzung  bis  zum  Hofe  des  Königs 
Artus  mindestens  bis  morgen  Abend  unterwegs  sein,  —  eher  wird  er 
[Ivain]  nicht  aufzufinden  sein."  Laudine  gibt  zur  Antwort:  .1 
Termin  ist  zu  spät.  Die  Tage  sind  jetzt  lang.  Sagt  ihm  vielmehr,  daß 
er  morgen  Abend  wieder  hier  zurück  sei  und  daß  er  s  c  h  n  e  1 1  e  r 
gehe,  als  er  sonst  zu  tun  pflegt;  wenn  er  seine  Kräfte  recht  eu- 
sammen  nimmt,  wird  er  aus  zwei  Tagereisen  eine  machen.  Heute 
Nacht  wird  der  Mond  scheinen,  und  so  kann  er  die  Nicht  /.um  rage 
machen." 

Diese  Darstellung  ist  schlechthin  unvereinbar  mit  der    Annahme, 
der  Bote  habe  das  Meer  zu  überschreiten  gehabt. 
Auch  später  ist  im  Ivain  nie  von  einer  Beeren- 
der Held  doch  V.  5843  an  Artus'  Hof  zurückkehrt. 


3)  Und   nicht   nur  des   Mittelalters:  bekanntlich      ei     I   I    noch 
Shakespeare  im  Wintermärchen  Böhmen  ans  Me  PI 


116  Rudolf  Zenker. 

Damit  ist  nun  unwiderleglich  bewiesen,  daß  der 
Dichter  entweder  nicht  wußte,  daß  Carduel  en  Gale s 
in  England  liegt,  oder  nicht,  daß  der  Wald  von  Broce- 
liande  sich  in  der  französischen   Bretagne  befindet. 

Daß  für  eine  Seereise  in  der  Schilderung  von  Ivains  Fahrt  zur 
Quelle  kein  Platz  ist  und  daß  eine  solche  dem  Dichter  ebensowenig 
sonst  irgendwo  vorgeschwebt  hat,  wo  von  der  Reise  einzelner  Personen 
von  der  Quelle  zu  Artus'  Hof  oder  umgekehrt  berichtet  wird^  ist  auch 
die  Ansicht  von  Förster,  der  gr.  Ivain,  Anm.  zu  V.  189,  S.  278,  bemerkt: 

,,Ob  sich  nun  Christian  den  Zauberwald  in  Armorika  gedacht  habe, 
ist  sehr  fraglich.  Man  muß  vielmehr  schließen,  daß  er  sich  denselben  in 
England  gelegen  denkt.  762  ff.  wird  der  Weg  beschrieben,  den  Ivain 
von  Carduel  in  Wales  aus  einschlägt:  von  einer  Seefahrt,  die  Christian 
sonst  (vgl.  Cliges)  erwähnt,  ist  keine  Rede.  In  der  Nähe  der  Quelle 
ist  Laudinens  Schloß.  Artus' Weg  dahin  ist  nicht  beschrieben  (2171  f.). 
Nun  nimmt  Ivain  von  Laudine  Urlaub  De  retorner  soi  en  Bretaingns 
(2546),  von  der  (aus  Carduel)  er  ja  gekommen  war.  Mithin  läge  die 
Quelle  nicht  in  der  Bretagne.  Eine  andere  Anspielung  findet  sich  im 
ganzen  Buche  nicht.  Zwar  zieht  man  bald  von,  bald  zu  der  Quelle; 
aber  nie  kommt  man  auf  die  See.  Danach  läge  die  Quelle 
in  England,  aber  außerhalb  der  Bretagne,  d.  h.  des  von  Britten  be- 
wohnten Teiles." 

Danach  ist  also  auch  Förster  der  Meinung,  daß  von  einem  Wechsel 
des  Schauplatzes  zwischen  England  und  der  französischen  Bretagne  — 
die  aber  bekanntlich  zu  Chretiens  Zeit  zu  England  gehörte  —  im  Ivain 
keine  Rede  sein  kann:  der  Schauplatz  ist  entweder  ausschließlich  in 
England  oder  ausschließlich  in  der  Bretagne  zu  suchen,  —  wo  ?  darüber 
ist  er  nicht  völlig  ins  klare  gelangt,  er  entscheidet  sich  aber  für  die 
erstere  Möglichkeit. 

Indes  kann  es  vielmehr  als  so  gut  wie  gewiß  betrachtet 
werden,  daß  Chretien  sich  den  Schauplatz  in  Wahrheit 
ausschließlich  auf  dem  Festlande  gedacht  hat: 

Zunächst  ist  es  a  priori  wenig  wahrscheinlich,  daß  Chretien  als 
Franzose  nicht  gewußt  haben  sollte,  daß  der  sagenberühmte  Wald 
ßreceliande  sich  in  der  kontinentalen  Bretagne  befand. 

Sodann:  Chretien  kannte  die  —  von  Förster  in  der  eben  genannten 
Anm.  zitierte  —  Stelle,  wo  der  Reim  Chronist  Wace  seinen  Besuch  an 
der  Quelle  erzählt,  und  bei  diesem  ist  es,  wie  auch  Förster  feststellt, 
ganz  deutlich,  daß  die  Quelle  sich  in  Armorika,  auf  dem  Festlande 
befindet.  Andererseits  schöpfte  Huon  de  Mery  bekanntlich  aus  Chretiens 
Ivain,  und  seine  Darstellung  —  auch  von  Förster  angeführt  —  läßt 
gleichfalls  keinen  Zweifel,  daß  er  sich  den  Wald  nebst  Quelle  in  Armo- 
rika denkt:  er  liegt  für  ihn,  wie  F.  feststellt,  in  der  Nähe  des  Weges, 
den    das    aus   Armorika    zurückkehrende    französische    Heer    nimmt. 

Huon  de  Mery  denkt  sich  auch  Cornwall  und  Irland  —  das  erstere 
wohl  in  Folge  von  Verwechselung  mit  der  bretagnischen  Landschaft  Cor- 
nouaille  —  auf  dem  Festlande,  denn  es  heißt  bei  ihm  (ed.  Wimmer), 
V.  2020  ff.  von  den  französischen  Rittern:  Orent  chevauchie  tote  nuit 
Par  bois  et  par  jorez  oscures  Querant  depors  et  aventures  Par  Cornouaille 
et  par  Illande  E  vindrent  par  Brouceliande.  ,,Sie  waren  die  ganze  Nacht 
hindurch  auf  der  Suche  nach  Zeitvertreib  und  nach  Abenteuern  durch 
Wälder  und  dunkle  Forste  geritten  durch  Cornwall  und  Irland,  und  sie 
sie  kamen  durch  Brouceliande."  So  hätte  er  sich  unmöglich  ausdrücken 
können,  wmn  er  sich  Cornwall  in  England  und  Irland  als  Insel  dachte. 

Weiter:  Auch  in  dem  mhd.  Wigalois,  dem  ein  französischer  Artus- 
roman zu  Grunde  liegt  —  Wigalois  =  Gui  Galois  —  ist  der  Schauplatz 
rein  kontinental  und  Artus'  Residenz  in  der  kontinentalen  Bretagne 
gedacht.     Der  deutsche  Übersetzer,  Wolf  Graf  von  Baudissin, 


Weiteres  zur  Mabinogionfrage.     Anhang.  117 

Guy  von  Waleis,  der  Ritter  mit  dem  Rade,  von  W  i  r  n  t  von  Um  v  e  n- 
berg,  Leipzig,  1848,  bemerkt  S.  328  in  Anm.  zu  V.  150:  ,  Benecke 
versetzt  Caridoel  nach  Carlisle  in  Northumberland ;  ich  bezweifle  aber 
nicht,  daß  es  in  der  Bretagne  gedacht  werden  müsse,  wie  im  Ivain. 
Gewiß  hat  die  ursprüngliche  Erfindung  (wenn  sie  aus  Wales  stammt) 
den  König  Artus  in  England  wohnen  lassen:  aber  Wind  folgl  einer 
späteren  bretagnischen  Bearbeitung,  und  wenn  er  seinen  Guy  von 
Caridoel  nach  Corentin  r  e  i  te  n  ,  oder  d  n  König  Artus  sein  Hoflager 
in  Nantasan  halten  läßt,  so  muß  er  sich  die  Residenz  des  Königs  auf 
dem  Festlande  vorgestellt  haben:  dafür  zeugen  auch  die  übrigen  fran 
zösischen  Ortsnamen." 

Sodann:  der  unbekannte  Verfasser  des  vor  1228  entstanden 
Artusromanes  Claris  et  Laris  (ed.  Alton,  Tübingen  1884)  denkt  sich 
ganz  unzweifelhaft  Artus'  Residenz  Caradigan  auf  dem  Festlande,  in 
der  kontinentalen  Bretagne,  denn  die  beiden  Titelhelden  gelai 
V.  449 — 4579  von  der  Gascogne  aus  reitend  dahin:  oirg<  ads  wird 
ein  anderer  Ausdruck  als  chevauchier  gebraucht.  Noch  4393  ff.  erkläri  n 
sie  einem  Grafen:  Aller  voulons  en  Bretaigne  Veoir  le  roy  et  sa  compaignt 
Pour  aprendre  chevalerie.  Am  nächsten  Morgen  reiten  sie  weiter, 
V.  4455:  Li 'endemain  matin  se  leverent  Droit  vers  la  forest  s'cn  ale[rrnt], 
Cerchiee  Vont  le  jor  entier.  Von  diesem  Walde  aus  gelangen  sie  reitend 
noch  an  demselben  Tage  nach  Caradigan,  V.  4573  ff.  Auch  Kamaaiot 
wird  auf  dem  Festlande  gedacht,  s.  V.  11  360  ff.  Unter  Bretagne  wird 
überall  nur  die  französische  Bretagne  verstanden:  V.  30304  brechen  die 
beiden  Helden  von  Köln  auf  und  gelangen  reitend  nach  der  Bn  tagne. 

Und  nun  erwäge  man  noch  die  für  unsere  Begriffe  geradezu  un- 
geheuerliche geographische  Unkenntnis,  die  sogar  auf  den  doch  von 
gelehrten  Männern  herrührenden  Weltkarten  des  11.  bis  13.  Jahrhund-  rta 
zu  Tage  tritt,  s.  die  Abbildungen  bei  K.  Kretschmer,  Geschichte 
der  Geographie,  Berlin-Leipzig  1912,  S.  53  ff.  Auf  der  Beatuskart- 
von  St.  Sever,  11.  Jahrh.,  ist  Irland  direkt  westlich  von  den  Pyn  n8  n 
eingezeichnet,  die  Insula  Britannia  zieht  sich  nördlich  davon  als  schma- 
ler länglicher  Streif  dicht  an  der  Küste  von  Uuasconia  bis  Saxonia  bin, 
die  Nordküste  des  Mittelländischen  Meeres  verläufl  von  der  Meerenge 
von  Gibraltar  bis  zum  Eingang  des  adriatischen  Meeres  in  fasl  gerader 
Linie  gegen  Osten,  Tuscia  liegt  westlich  von  Romania  und  Rom,  Sizilien 
westlich  von  Sardinien  usw. 

Wenn  wir  dies  alles  in  Rechnung  ziehen,  liegt  offenbar  aichl  der 
mindeste  Grund  vor,  zu  bezweifeln,  daß  auch  Chretien,  der  doch  kein 
Gelehrter  und  kein  Geograph  war,  sich  Carduel  in  Wales,  wo  ^rtus 
Hofhält,  auf  dem  Festlande  gedacht  habe,  daß  für  ihn  Artus  ein 
König  der  festländischen  Bretagne  war  und  für  ihn  also  auch 
die  ganze  Handlung  des  Ivain  auf  dem   Kontinente  spielte.4) 

4)  Die  Frage,  wo  sich  Chretien  den  Wald  von  Breceliande  und  den 
Schaup.atz  des  Ivain  denkt,  wird  sehr  ausführlich  behandelt  in  dem 
umfangreichen  Werke  von  Felix  B  e  1  1  a  m  y  ,  La  Foret  de  Brecht 
la  fontaine  de  Berenton,  I,  Rennes  1896,  S.  572—582.  Auch  er  hi 
für  wahrscheinlich,  daß  der  Schauplatz  rein  kontinental  zu  denken  ist: 
„  .  .  .  fadmeltrai  que  dans  son  idee  [der  Chretiens],  il  n'j/  avaü  point 
de  mer  interposee  entre  l'ile  de  Bretagne  et  V Armorique;  que  ces  deux 
contrees  se  joignaient,  ne  formaient  qu'une  seule  et  mime  terre  conttnue 
et  que  Von  allait  directement  de  Vune  ä  Vautre  ä  pied  ou  ä  cheval,  Selon 


ausdrücklich  erwähne,  eine  Möglichkeit,  die  nach  dem  oben 

nicht  anerkannt  werden   kann.     Die   strenge   philologische    Ix- unter- 


118  Rudolf  Zenker. 

Was  ab  r  di  m  einen  recht  ist,  ist  dem  anderen  billig.  Spielt  der 
ganzi'  Ivain  für  Chretien  auf  dem  Kontinente,  in  der  Bretagne,  so 
Reg1  imlit  der  mindeste  Grund  vor,  zu  bezweifeln,  daß  er  auch 
den  Srhauplatz  des  Erec  sich  im  kontinentalen  Kelten- 
lande dachte  und  seine  Angabe,  Enidens  Eltern  seien  vom  Hofe  des 
Artus  nach  Nantes  geritten,  genau  wörtlich  zu  verstehen  ist. 

Es  sei  darauf  hingewiesen,  daß  in  der  Tristandichtung  die  Meer- 
fahrt stets  ausdrücklich  erwähnt  wird,  so  oft  der  Schauplatz  zwischen 
England  und  Irland,  England  und  der  Bretagne  wechselt. 

Bekanntlich  ist  in  den  beiden  Mabinogion  von  Gereint  und  von 
Owen  der  Schauplatz  ausschließlich  insular  und  beide  sind  auch  hier 
klar  und  konsequent,  während  bei  Chretien  Unklarheit  und  innerer 
Widerspruch  vorliegt. 

Somit  ist  das  Mißverständnis  des  Chrötientextes  auch  hier  nicht 
auf  meiner  Seite. 

Damit  wären  sämtliche  Einwände,  die  von  Meyer-Lübke  gegen  die 
in  Festhaltung  des  alten  Gaston  Parisschen  Standpunktes  von  mir 
und  Edens  —  wie  auch  von  einer  ganzen  Reihe  anderer  Forscher  — 
vertretene  Auffassung  vom  Verhältnis  des  französischen  Erec  zum  kym- 
rischen  Mabinogi  vorgebracht  worden  sind,  auf  ihre  Berechtigung  hin 
aufs  genaueste  untersucht  und,  denke  ich,  als  ebensowenig  stichhaltig 
erwiesen,  wie  es  die  von  Förster,  Smirnov  und  Becker  geltend  gemachten 
Argumente  für  die  Ursprünglichkeit  der  Chretienschen  Darstellung  sind. 

Meyer-Lübke  beendigt  seinen  Artikel  mit  der  Formulierung  seines 
Ergebnisses  in  Gestalt  einer  Schlußfolgerung,  die,  wie  ich  glaube,  ohne 
Kommentar  kaum  richtig  verstanden  werden  wird,  —  daß  sie  es  aber 
werde,  daran  habe  ich  ein  gewisses  Interesse,  denn  mancher,  der  sich 
nicht  die  Zeit  nimmt,  eine  längere  Abhandlung  über  ein  kompliziertes 
Problem  zu  lesen,  wird  doch  nicht  versäumen,  sich  das  Endergebnis 
anzusehen,  und  die  Gefahr,  daß  Meyer-Lübkes  Darstellung  hier  miß- 
verstanden wird,  scheint  mir  sehr  nahe  zu  liegen.  Ich  muß  deshalb  auf 
diesen  Schlußpassus  noch  eingehen. 

Meyer-Lübkes  Gedankengang  ist  der  folgende: 

1.  „Der  Roman  [von  Erec]  als  Kunstwerk",  so  meint  M.-L.,  sei 
in  der  uns  vorliegenden  Gestalt  jedenfalls  „von  seinem  ersten  Verfasser 
gedichtet  worden",  d.  h.  die  Grundlinien  der  Handlung  des  uns  unter 
dem  Namen  des  Chretien  von  Troyes  erhaltenen  Erec-Romans  rührten 
von  dem  Verfasser  dieses  Romanes  selbst  her. 

2.  Da  in  dem  Prolog,  der  zwar  nach  Meyer-Lübke  teilweise  jüngeren 
Ursprungs  wäre,  in  welchem  er  aber  den  den  Namen  enthaltenden  Vers 
für  ursprünglich  hält,  sich  Chretien  von  Troyes  als  Verfasser  nennt, 
und  da  Stil,  dichterische  und  metrische  Technik  dieselben  seien,  wie 
in  den  sicher  echten  Romanen  Chretiens,  so  könne  nicht,  wohl  daran  ge- 
zweifelt werden,  daß  der  Verfasser  des  uns  handschriftlich  vorliegenden 
Romanes  wirklich  mit  Chretien  von  Troyes  identisch  sei. 

3.  Conclusio:  ergo  müsse  man  doch  wohl  Chretien  als  „Schöpfer" 
des  Erec  bezeichnen,  d.  h.  aus  1  und  2  folge,  daß  er  nicht  nur  der  Ur- 
heber des  uns  erhaltenen  Romans  sei,  sondern  daß  auch  die  in  dem 
Roman  erzählte  Geschichte  sein  Eigentum  sei,  daß  er  sie  nicht  aus 
älterer  Quelle  entlehnt  habe,  und  M.-L.  stellt  diejenigen,  die  dies  be- 
zweifeln, auf  eine  Stufe  mit  Leuten,  „die  auch  nicht  für  sicher  halten, 
daß  Shakespeare  der  Verfasser  der  unter  seinem  Namen  uns  erhaltenen 
Dramen  sei." 


pretation  ist  eben  Bellamys  Sache  nicht,  und  die  anderen  Artusromane 
hat  er  nicht  berücksichtigt. 


Weiteres  zur  Mab  inog  ionfrage.     Au  hau.  119 

Hierzu  bemerke  ich: 

ad  1:  Daß  die  Geschichte,  welche  den  Inhalt  des  uns  erhaltenen 
Erec  Romanes  bildet,  von  dem  Verfasser  des  letzten  n  selbst  herrühre 
von  ihm  mit  Verwertung  älterer  Episodendichtung  selbständig  kora- 
poniert  wurde,  ist  von  M.-L.  nicht  bewiesen  worden :  der  einsige  <  '■rund 
den  er  für  diese  Annahme  geltend  zu  machen  weiß,  ist  der,  daß,  wenn 
man  des  Dichters  stoffliche  Originalität  bestreite,  nicht  einzusehen 
sei,  was  denn  überhaupt  an  der  ganzen  D.chtung  sein  eigen  sein  Bolle. 
Auf  diese  Frage  glaube  ich  oben  S.  110  eine  ausreichende  Antwort 
erteilt  zu  haben  und  ich  verweise  auf  das  dort  Gesagte. 

ad  2:  Daß  der  uns  vorliegende  französische  En-r  in  der  erhalten  n 
Fassung  den  Chretien  von  Troyes  zum  Verfasser  habe,  [gl  bisher  von 
gar  niemand  je  in  Zweifel  gezogen  worden  auß>  r  von  Coh  n,  der 
Zs.38l(19ll),  95  ff.  sich  bemüht,  V.  9— 26  des  Prologes  —in  V.  9  steht 
der  Name  des  Chretien  von  Troyis  —  als  unecht  zu  erweisen  und  weiter 
hin  Gründe  dafür  geltend  zu  machen  sucht,  daß  dieser  uns  vorliegende 
Erec  nur  eine  Überarbeitung  des  von  Chretien  selbst  verfaßten  Originales 
sei.  Diese  überaus  künstliche  Hypoth  se  hat  m.  W.  bisher  nirgends 
Zustimmung  gefunden,  —  Förster  selbst  im  „Wörterbuck"  S.  54  ver- 
wirft sie  als  aus  „Hyperkritik"  hervorgegangen  — ,  Meyer-Lübke  indes 
ist  geneigt,  sie  teilweise  gelten  zu  lassen,  betrachtet  aber  trotzdem 
V.  9,  in  dem  sich  Chretien  selbst  als  Verfasser  nennt,  als  echt. 

Dies  zeigt,  daß  es  sich  unter  1  und  2  um  ein  ganz 
verschiedenes  Problem  handelt:  diejenigen,  welche  1 
bestreiten,  bezweifeln  nicht  im  mindesten,  daß  der  uns  vorliegende 
Erec  Chretien  zum  Verfasser  habe,  aber  sie  behaupten,  daß  er  rein 
stofflich  von  einer  älteren  Vorlage  abhängig  sein  müsse;  wer  sich  dagegen 
auf  den  Standpunkt  von  Cohn  stellt,  2,  leugnet  keineswegs  die  stofflich 
Originalität  Chretiens,  wohl  aber  —  trotz  des  Prologes,  in  dem  er  ge- 
nannt wird,  bezw.  sich  nennt  — ,  daß  die  uns  erhaltene  Fassung  des 
Romans  von  Chretien  selbst  herrühre. 

Wenn  deshalb  Meyer-Lübke  zum  Schluß  die  Vertivti  r  beider  An- 
schauungen zusammenfaßt  als  solche,  die  in  Zweifel  ziehen,  daß  Chretien 
der  „Schöpfer"  des  Erec  sei,  —  daß  M.-L.  dabei  auch  an  1  denkt,  zeigt 
sein  Zusatz:  wenn  auch  nicht  ganz  in  der  Weise,  wie  Förster  es  sich 
vorstelle  — ,  so  macht  er  sich  einer  fehlerhaften  Kontamination  sehn 
indem  er  „Schöpfer"  in  einem  doppelten  Sinne  faßt:  „Erfinder,  bi  zw. 
Komponist  der  in  dem  Roman  behandelten  Geschichte"  und  „Ver- 
fasser des  unter  seinem  Namen  erhaltenen  Romanes".  Der  Ver- 
gleich mit  den  Shakespeare-Leugnern—  ich  darf 
wohl  diesen  Ausdruck  gebrauchen  —  hat  nur  dann  einen 
Sinn,  wenn  das  Wort  „Schöpfer"  in  der  letzter- 
wähnten Bedeutung  gebraucht  wird,  also  für  die 
Cohnsche  Theorie,  die  ich  entschieden  ablehne, 
er  paßt  nicht  auf  die  Anschauung  derer,  die  1  bestreiten;  hier  müßte 
es,  wenn  auf  Shakespeare  exemplifiziert  werden  soli,  vielmehr  heißi  n: 
„gibt  es  doch  auch  Leute,  welche  behaupten,  dal.'.  Shakespeare  die 
Stoffe  seiner  Dramen  aus  älteren  Quellen,  denen  er  sieh  vielfach  in- 
haltlich sehr  genau  anschließt,  entnommen  habe",  aber  daß  <v  das 
getan,  behaupten  bekanntlich  alle  Leute,  es  wird  von  gar  niemand  in 
Zweifel  gezogen,  folglich  wäre  dieser  Vergleich  nur  Wasser  aui 
Mühle  derer,  welche,  wie  ich  es  tue,  Chretiens  stoffliche 
Originalität  bestreiten. 

Soviel  für  diesmal.  Mit  dem  sonstigen  Inhalt  i\t-±  Meyer-Lüb- 
keschen  Artikels,  der  gewiß  volle  Beachtung  verdient,  werde  ich 
mich,  wie  schon  eingangs  bemerkt,  in  einem  späteren  Artikel  zu 
befassen  haben. 


120  Rudolf  Zenker. 

Nachtrag. 

Brei  während  Obiges  im  Drucke  ist,  werde  ich  inne,  daß  Förster 
im  „Wörterbuch"  in  den  angehängten  „Nachträgen  zur  Einleitung" 
8.234*  r.  gelegentlich  der  Erwähnung  von  \V.  A.  Nitzes  Abhand- 
lung „The  Romance  of  Erec,  son  of  Lac",  Modern  Philology  XI  (1913), 
g,  445 — 4S!>,  die  in  einem  der  folgenden  Artikel  dieser  Reihe  ein- 
g  hend  besprochen  werden  wird,  auf  meine  Ausführungen  zur  L  a  u - 
d  ine  -  J  o  cas  te  -Frage  in  dieser  Zs.  41  (1913),  140  ff<  kurz 
zu  sprechen  kommt.  Nitze  zitiert  nämlich  S.  458  Anm.  1  beim  Hinweis 
auf  den  Parallelismus  Laudine-Jocaste  auch  meinen  eben  genannten 
Artikel  und  bemerkt,  ich  habe  dort  auf  die  Möglichkeit  hingewiesen, 
„«daß  nicht  der  Thebenroman  den  Ivain,  sondern  umgekehrt  eine 
ältere  Fassung  des  letzteren  jenen  beeinflußt  hat!»  [?]",  —  eine  An- 
gabe,  welche  bei  denen,  die  meinen  Artikel  nicht  gelesen  haben,  leicht 
die  irrtümliche  Vorstellung  erwecken  kann,  als  sei  die  Geltendmachung 
der  erwähnten  Möglichkeit  dasjenige  Argument,  mit  dem  ich  Försters 
„mathematischen"  Beweis  für  die  Abhängigkeit  der  Mabinogion  von 
Chr6tien  bekämpfe,  und  als  werde  mein  Gegenbeweis  für  den,  der  jene 
chkeit  ablehnt,  ohne  weiteres  hinfällig. 

In  der  Tat  hat  Förster  selbst  a.  a.  O.,  indem  er  die  Bemerkung 
Nitzes  zitiert  und  die  fragliche  Möglichkeit  als  „unsinnig"  bezeichnet, 
die  Sache  sofort  in  dem  angegebenen  Sinne  dargestellt. 

Demgegenüber  bemerke  ich,  daß  ich  a.  a.  O.  vielmehr  mit  Hamel 
und  Förster  Beeinflussung  des  Chretienschen  Ivain  durch  den  Theben- 
roman annehme,  zugleich  aber  den  Nachweis  liefere,  daß  aus  den  paar 
Zügen,  welche  die  Laudine-Episode  mit  der  Jocaste-Episode  gemein  hat, 
für  die  Abhängigkeit  des  Mab.  von  Owen  von  Chreticns  Ivain,  also  auch 
für  die  Abhängigkeit  der  Mabinogion  von  Chretien  überhaupt,  gar  nichts 
erschlossen  werden  kann.  Nur  nebenbei  habe  ich  noch  auf  die 
Möglichkeit  hingewiesen,  daß  es  sich  am  Ende  auch  umgekehrt  ver- 

ü  und  vielmehr  eine  ältere  vor-Chretiensche  Version  des  Ivain, 
die  aotwendig  existiert  haben  muß,  den  Thebenroman  beeinflußt  haben 
möchte.  Jener  von  mir  geführte  Gegenbeweis 
aber  ist  völlig  unabhängig  davon,  ob  man  diese 
Möglichkeit  gelten  läßt  oder  nicht,  er  bleibt 
somit  auch  für  die,  welche  das  nicht  tun,  in 
seinem    vollen    Umfang    bestehen. 

Im  übrigen  ist  der  Gedanke  einer  Beeinflußung  des  Thebenromanes 
durch  eine  ältere  vor-(.hretiensche  Spielmannserzählung  von  Ivain 
nicht  im  mindesten  „unsinnig",  nachdem  feststeht,  daß  die  antikisie- 
renden Versromane  tatsächlich  schon  den  Einfluß  der  bretonischen 
Dichtung  erfahren  haben  :  so  tritt  z.  B.  im  Trojaroman  die  Fee  Morgaine 
auf,  die,  wie  Miß  Paton  gezeigt  hat  —  s.  die  Fortsetzung  dieses 
Artikels  — ,  aus  irischer  Sage  stammt. 

Rostock.  Rudolf  Zenker. 


Etymologisches. 

Boche.1) 

Die  kühle  —  man  könnte  fast  sagen  heitere  —  Sachlichkeit 
mit  der  die  Deutschen  über  Herkunft  und  Bedeutung  dieses 
Wortes  handeln,  ist  nicht  nur  an  sich  ein  schönes  Merkzeichen 
ihrer  auch  im  Kriege  nicht  erschütterten  Gelassenheit  und  wissen- 
schaftlichen Vorurteilslosigkeit,  sondern  sie  ist  wohl  auch  die 
beste  und  für  die  Franzosen  sicherlich  beschämendste  Antwort 
auf  den  Schimpf,  den  sie  uns  damit  anzutun  gedenken.  Statt 
uns  davor  zu  verkriechen  oder  gar  uns  getroffen  zu  fühlen,  heh  m 
wir  das  Geschoß  auf,  zerlegen  es  und  tragen  zu  seiner  Erklärung  bei. 

Zunächst  ein  Überblick  über  die  Sippe,  die  im  Laufe  von  zwei 
Jahren  entstanden  ist  und  sich  täglich  vermehrt: 

b  o  c  h  e  =  der  Deutsche ;  hierzu  bochesse=die  Deutsche 
Tu  Vaim.es,  ta  Bochesse?  (Pet.  Paris.  3.  Febr.  16.)  b  o  c  h  e  adj.: 
Mr.  Ribot,nouB  l'en  felicitons,  serefuse  ä  imiter  le  docteur  Helfferich, 
le  prestidigitateur  si  habile  ä  extraire  des  poches  boches  l'argent 
qui  n'y  est  pas  et  qu'  il  prHe  ä  ses  preteurs  (Journal.  30.  Nov.  L5). 
une  idee  bien  bocke,  La  Suisse  bocke;  b  o  c  h  i  s  m  e  =  das  Deutsch- 
tum. (Gesammelt  von  Kr.  Nyrop2).  e  m  b  o  c  h  e:  Mettons,  que  les 
5000  ä  6000  premiers  depositaires  [d'un  secret]  soient  surs;  ne 
comptons  dans  le  nombre  ni  Boches  ni  emboches  ni  meme  simples 
citoyens  du  monde  desireux  de  donner  des  renseigtiements  (Ch. 
Maurras,  Le  Figaro,  23.  Aug.  1915).  bochiser  =  deutsch 
gesinnt  sein,  spionieren ;  Bochie,  Bochonnie,  Deutschland ; 
bochonnerie,  bocherie  „exploit  de  Boche"  (alle  bei  Sainäan8). 
Außerdem  bedeutet  bocherie  auch  den  Deutschen  als  wegwerfen- 

x)  Da  die  vorliegende  Studie  bereits  vor  längerer  Zeil  abgeschickt 
wurde,  konnten  die  seither  erschienen  n  Untersuchungen  von  R.  II  amm 
(Neuere  Sprachen  1916,  S.  169  ff.),  M  axMüller  (Zeitschr.  I'.  Iran/.. 
u.  engl.  Unr.  XV,  Die  franz.  Soldatenspradu-  im  Wdtkrng),  k  ii  ß- 
m  a  n  n  (Grenzboten,  16.  Sept.  1916),  nur  noch  in  Korrekturnot 
rücksichtigt  werden.  Vollständigkeit  in  der  Aufzählung  frühen  r  Er- 
örterungen dieses  zeitgemäßen  Stoffes  wurde  von  vornhen  in  nicht 
angestrebt.  Es  liegt  in  der  Natur  der  Sache,  daß  hie  und  da  gleiche 
Meinungen  geäußert  wurden.  Müller  und  Kießmanu  haben  Doch  einige 
andere  Neubildungen  verzeichnet. 

2)  Boche,   Politiken  6.  Dez.  1915. 

3)  L'argot  des  Tranchees,  Paris  1915,  S.  135. 


122  Elise  Richter. 

,1,-n  Saiiiim  lausdnick,  wie  etwa  crapule:  Quand  les  beaux  jours 
renattront  .  .  .  Au  soleil  nous  remont'rons  .  .  .  Mais  la  bocherie 
inhumaine  .  .  .  Pataugera  jusqu'au  bout  (Theodor  Botrel,  Les 
boues  heroiques  de  V  Yser,4) ;  Boboche  als  Kinderwort  (!)  bei 
Sainean  a.  a.  0.  S.   134. 

Vor  allem  zahlreiche  Zusammensetzungen:  sur boche, 
Bochemagne  (bei  Nyrop  a.  a.  O.),  Bochemans  (Emile 
Pouget,  Humanite,  8.  Okt.  15) ;  B  o  c  h  o  p  h  i  1  e.  Peut-on 
dire  .  .  .  que  .  .  les  amis  de  la  France  vont  enfin  revoir  sur  l'affiche 
de  VOpera-Comique  non  plus  seulement  les  operas  du  Bochophile 
Puccini  .  .  .  .  ?    (Guerre  Sociale,  1.  Dez.  15).   Austroboche. 

C'en  est  fait  de  cette  ftevre qui  aboutissait  ä  faire  preferer 

la  contrefacon  maladroite  de  l'art  francais  ä  l'art  francais  lui-meme, 
du  fait  seul  que  cette  contrefacon  s'aggravait  d'une  etiquette  austro- 
boche (L.  Roger-Miles,  Le  Figaro,  18.  Aug.  15).  aeroboches: 
on  entend  les  aeroboches  sans  les  voir  (Henri  Malo,  Le  Drame  des 
Flandres,  1916  S.  150) ;  tue-boches,  tire-boches, 
tourne-boche  Gewehr  (bei  Sainean,  a.  a.  0.  S.  46^ ;  t  e  1  e  - 
b  o  c  h  i  e :  La  teUbochie  sans  fils  Aufschrift  einer  Witzzeichnung 
in  La  Victoire,  27.  Jan.  1916,  einen  Amsterdamer  Trompeter 
darstellend,  der  für  die  Zentralmächte  unselige  Nachrichten  aus- 
tutet. Mortauboche,  Spitzname  eines  parigot  de  Mont- 
martre in  Contes  veridiques5)  S.  54,  Antiboche:  cette  glorieuse 
compagnie  surnommee  l' Antiboche,  ebd.  18. 

Als  Wortspiel:  La  Boche.  Rudyard  Kipling  s' arrha  lon- 
guement  place  de  la  Cathedrale  (zu  Reims^  .  ...  La  Boche  est  un 
animal  plus  firoce  que  ceux  de  la  jungle  'Par.  18.  Aug.  1915).  Ist 
hier  la  boche  in  der  Bedeutung  wildes  Tier  in  Anlehnung  an  bete 
firoce  gebraucht,  so  ist  du  boche  „Wild"  an  gibier  oder  ä.  gelehnt: 
Nos  poilus  tuent  du  boche  (Victoire,  24.  Febr.  16  ;  la  haine  du  boche 
qui  avait  envahie  sa  foret  [Contes  veridiques  S.  23).  Bochie  .  .  .  la 
Taupe  das  apc  kalyptische  Tier  (Andre  Suares,  C'est  la  Guerre^ 
1915  S.  77).     boches,  bouchers  (ebd.  S.  83). 

Ist  es  eine  Binsenwahrheit,  daß  die  Sprache  der  Spiegel  der 
Seele  ist,  so  ist  nicht  minder  wahr,  daß  diese  Wörtersammlung  — 
so  ohne  jede  Erläuterung,  wie  sie  hier  gegeben  wird,  —  eine 
Anklage  gegen  die  Sprachgemeinschaft  bildet,  die  sie  schafft  und 
verwendet.  Es  spricht  daraus  ein  Bedürfnis  nach  Rohheit  des 
Ausdruckes,  wie  er  bei  keinem  der  anderen  kriegführenden  Völker 
aufgetreten  zu  sein  scheint. 

Über  die  Herkunft  des  Wortes  sind  sie  sich  selbst  nicht  im 
Klaren.  Am  23.  August  1915  schrieb  Julien  de  Norfon  im  Figaro: 
J'ai  lu  qu'il  y  a  quelque  part  des  juges  occupes  d  scruter  l'exacte 
signification  du   mot  boche,   afin  de  savoir   avec  precision  quelle 


*)  Chansons  de  route,   Refrains  de  guerre  II,   1915. 

5)  Contes  veridiques  des  tranchees  par  un  groupe  de  poilus,    1915. 


l'.tymologi'sches. 

injure,  legalemenl  parlant,  il  co  siste,  et  qui  lui  auraienl  d&couvert 

le  sens  d'absces  ripugnant.      Sowohl  der  Temps  als  der   Matiu 
brachten  Untersuchungen;  im  Temps  äußert.'  Bich  Paul  Stapfer*) 
gegen  die  Annahme,  daß  bocke  aus  caboche  herzuleiten  Bei, 
mehr  käme  es  von  alboche,  dem  Argotwort   für  allemand,  pur 
un  facetieux  emploi  d'une  terminaison  qui  ne  signifie  rien. 

Hieran  anknüpfend,  seien  vor  allem  die  bisherigen  Abieil  ungen 
auf  ihren  Wert  hin  geprüft.  Nicht  ernstlich  in  Betrachl  k  mmen 
die  häufig  genannten  von  dt.  Busch,  Bursch,  Buschmann,  Bock 
(bier\  Teudobrocus;  von  einem  Frankfurter  (Metzger)  Boche"'.) 
Widerlegbar  sind  folgende: 

1.  Von  dem  Pariser  Metzger  Simon  Lecoustelier,  genannt 
Caboche,  ,,im  Jargon  Boche",  der  1411  die  Pariser  Bürger  gegen 
die  Armagnacs  anführte  und  viele  Schreckenstaten  vollführte, 
„so  daß  der  «Boche»  das  Schreckw(  rt  der  französischen  Mutter 
ist  für  böse  Kinder,  und  zwar  in  der  Grundbedeutung  «Kindle- 
fresser»"  usw.  Diese  Erklärung  wäre  sehr  ansprechend,  wi 
sie  der  Verfasser,  Ulrich  Schmid8),  durch  irgend  etwas  bewiesen 
hätte.  Weder  ist  die  Kürzung  „Boche"  für  Simon  Cab  »che 
nachgewiesen  (seine  Partei  sind  die  Cabochards  noch  boche  in 
der  Bedeutung  „Kinderschreck"  in  irgend  einer  Mundart.  Der 
Verfasser  bringt  gar  keine  früheren  und  keine  anderen  Belege, 
die  diese  Aufstellung  gegen  irgend  eine  andere  stützen  könnten. 

2.  Von  Vulgärarabisch  bachi',  „schmutzig,  häßlich  übel- 
riechend", das  Dr.  D.  Herze  g9)  aufstellt.  In  Bezug  auf  die 
Lautung  beruft  sich  der  Verfasser  auf  die  von  Cohen,  Le  Parier 
Arabe  des  Juifs  d' Alger  S.  114  besprochene  Verdumpfung  des  a, 
so  daß  es  wie  o  anklingt  und  den  auch  sonst  im  Vulgär- 
arabischen üblichen  Verlust  des  auslautenden  Ajin,  wodurch 
bachi'  wie  bos  laute;  doch  erinnert  er  sich  nicht,  das  Wort  selbst 
gehört  zu  haben.  Die  morphologische  Frage  berührt  Herz  g 
nicht,  und  doch  ist  ein  Schimpfwort  wie  boche  sicher  substantivisch 
und  nicht  adjektivisch  zu  denken.  Es  ließe  sich  allerdings  zur  Stütz.' 
von  bachi'  anführen,  daß  der  Übergang  vom  Adjektiv  zum  Sub- 
stantiv im  Französischen  selbst  vor  sich  gehen  konnte:  man 
übernimmt  einen  wegwerfenden  Ausdruck  nach  seinem  Gefühls- 
wert und  aus  *  77  est  boche,  c'est  un  komme  boche  könnte  ja  wohl 
die  substantivische  Wertung:  *  ce  boche  usw.  erwachsen  sein.10) 


6)  17.  April  1915,  vergl.  Paul  Stapfer,  Les  lecons  de  la  guerre,  P.tis 
1915. 

7)  Erwähnt  bei  Dr.  Ulrich  Schmid  (Lugano),  Reichspost  10.  Okt. 
1915. 

8)  Ebenda. 

9)  Grazer  Tagespost,  15.  Jan.  1916,  erweitert  durch  fr-uixlliche 
briefliche  Mitteilung  vom  27.  Jan.  1916. 

10)  Schuchardt  äußert  sich  brieflich  gegen  bachC  aus  lexikalischen 
Gründen  (er  findet  es  weder  im  Arabischen,  Kabylischen  noch  im  Fran- 
zösischen) wie  aus  morphologischen  und  lautlichen. 


124  Elise  Richter. 

Die  Annahme,  daß  die  Soldaten  in  den  60  er  Jahren  des 
vorigen  Jahrhunderts  das  Schimpfwort  aus  einer  fremden  Sprache 
entlehnten  und  in  die  Heimat  brachten,  wäre  an  sich  ansprechend. 
Aber  wie  man  sieht,  fehlen  nahezu  alle  Voraussetzungen  für  irgend 
eine  Sicherheit  dieser  Annahme.  Wer  übrigens  boche  aus  einem 
Wort  für  „schmutzig  "ableiten  will,  findet  die  Grundlage  im 
südlichen  Frankreich  selbst.  In  Grenoble11)  ist  bochar,  bouchar 
schmutzig,  in  Languod.  bouchar  (-da)  stinkig,  schmutzig12),  in  Blonay 
am  Genfersee13)  bolsardö,  beschmutzen;  alle  diese  Wörter  gehören 
zum  Stamm  boc-,  in  Blonay  ist  botse  Böckchen.  Aus  bochar  konnte 
ein  neues  Simplex  boche  Schmutzian  entstehen.  Indessen  finde 
ich  nichts  dergleichen  belegt. 

3.  Von  türk.  bosch  =  nichts,  nichtsnutzig,  Unsinn,  das  sich, 
wie  Sigurt  Hallberg14)  nachweist,  durch  Moriers  Roman  Ayesha 
1834  in  England  (engl,  bosch  =  trash)  und  durch  dasselbe  viel 
gelesene  Buch  auch  in  Schweden  einbürgerte.  Kr.  Nyrop  wies 
die  Etymologie  sofort  zurück,15)  da  frz.  boche  erst  1866  zum  ersten 
Male  belegt  ist16)  und  da  in  der  Bedeutung  „liederlicher  Kerl". 

4.  Als  Kürzung  aus  Alboche.  Diese  öfters  gehörte  Vermutung 
setzt  die  Verballhornung  von  Allemand  zu  Alboche  (Alleboche) 
als  das  Ursprüngliche  an,  da  die  Silbe  -boche  auch  an  andere  Wörter 
gehängt  werde:  rigolboche,  fantaboche.  Es  schien  nicht  uneben, 
boche  auf  eine  Stufe  zu  stellen  mit  andern  Argot-Silben;  so  wird 
Anglais  zu  Angliche,  pile  (Zahn)  zu  piloche,  vin  zu  vinoche,  sante 
zu  santache.  Aber  gerade  wenn  man  diese  Wörter  zum  Vergleich 
heranzieht,  ergibt  sich  die  methodische  Unrichtigkeit  der  Fol- 
gerung: Sämtliche  Wörter  des  Argjt  werden  niemals  um  den 
Stamm  gekürzt,  was  ja  auch  an  sich  gar  nicht  möglich  wäre, 
sondern  um  das  Suffix  (vergl.  aristocrate  aristo  u.  a.h  Eine  Aus- 
nahme bilden  allenfalls  mas[troquet  und  mar\chand,  z.  B.  chand 
d'ail.  Nun  wird  man  aber  in  chand  natürlich  sofort  den  andern 
Fall  erkennen:  chand  ist  eben  kein  produktives  Suffix  und  daher 
als  selbständiges  Wort  möglich,  bei  -oche,  ache,  -iche  trifft  das 
nicht  zu.  Lehrreich  ist  die  Kürzung  pitaine  aus  capilaine,  nicht 
etwa  -aine,  das  ja  keinen  Begriffsträger  abgeben  kann,  oder  von 
crenom  aus  sacrenom.  Alboche  ist  aber  in  anderer  Beziehung  auch 
wieder  nicht  diesen  letzteren  Beispielen  gleichzustellen,  denn  es 
ist  ja  nicht  das  Suffix  -oche  sondern  -boche,  das  sich  von  AI-  loslöst. 
Während  es  also  sehr  einleuchtend  ist,  daß  Allemand  mit  dem 
Schimpfwort  boche  vermengt  wird  —  wie  etwa  clericanaille  —  ist 
die  Rückbildung  von  Alboche  zu  boche  unmöglich.     Übrigens  ist 

X1)  Ravanat,    Dict.    des    patois    des    environs    de   Grenoble,    1911. 
12)  Boissier  de  Sauvage  de  la  Croix  Dict.  Langued.  —  Franc   1785. 
la)  E.  Muret-Louise  Odin,  Glossaire  du  Patois  de  Blonay,  (Memoires 
ei  Doc.  publ.   p.   la  soc.  d'hist.  de  la  Suisse  Rom.)    IjIO. 
14)   Dagens  Nyheter,   19.  Dez.   1915. 
lb)  Politiken,  24.   Jan.   1916. 
1C)  A.   Delvau,   Dict.  de  la  langue  verte. 


Etymologisches. 


125 


bocke  auch  ganz  objektiv  früher  belegbar  als  alboche,  das  in  der  Be- 
deutung „Deutschsprechender",  „Deutscher"  vorläufig  nicht  vor 
dem  Jahre  1883  nachgewiesen  ist,  u.  zw.  in  drin  Buche  Ti  raodzai 
pi,  Imprimerie  veveysanne,  wo  S.  39  Alboches  unter  Turcs  und 
Kaiserlicks  erwähnt  werden  und  S.  41:  „La  population  de  Vevi  y 
composee  d'nn  sixicmc  de  cacapeyvres,  d'un  üers  de  t&pelets,  d'une 
moitie  d' alboches;  ceux-ci  tiennent  le  haut  du  pave."11) 

5.  Kürzung  aus  caboche.ls)  Ausdenselbenlinguistisrlnn  Gründen 
als  den  eben  gegen  die  Ableitung  aus  alboche  angegebenen;  außer- 
dem ist  caboche  fast  in  ganz  Frankreich  seit  Jahrhunderten  als 
wegwerfende  Bezeichnung  des  Kopfes  neben  tele  (vergl.  ALF  1 
und  weiter  in  der  Bedeutung  „Dickschädel"  gebräuchlich.  Die 
Form  boche  steht  neben  caboche  und  alboche.19) 

Was  ist  nun  überhaupt  vom  Stamme  boche  aus  alter  Zeit 
vorhanden?  Die  französischen  Mundarten  zeigen  das  Wort 
boche  —  so  weit  es  seinen  Bedeutungen  nach  überhaupt  hier  ein- 


gereiht  werden   kann 

Beule 
Buckel 


boche  ist 


Blase 

Kugel 
Faß 

Scheit 


Balken 
Fichte 


ungefähr    in    folgender    Verteilung:-0) 

im  Pik.  Normannisch«  n 

im  Pik.  Norm.,   Jsere, 

Langued.,    H.  -Loire, 

=  frz.  bosse      Puy-de-Döme,  Meuse, 

Mont.  u.  a. 

im   Langed.,     B.-Pyr., 

H.-Pyr.  u.  a. 
im  Langed.,  Sav.,  Mars. 
=  afrz.  bocel  im   Langed.,   Meuse, 

Schw.  Jura,  Jsere,  Am, 
=  frz.  bliche  inNorm.,  Saint., Meuse, 
Mont.,  Carital,  Wall.. 
Lyon,  Cher,  Indre. 
afrz.  bauche     in  S"mme,  Nord. 
im  Schweiz.   Jura. 


17)  Ich  verdanke  diesen  Fund  Cornu's  einer  freundlichen  Mitte- 
lung Schuchardt's. 

)8)  Aufgestellt  von  Sainean,  Temps,  22.  Dez.  1914,  verteidigt 
von  Dr.  Eugen  Lerch,  Berliner  Tageblatt  Nr.  380,  1915. 

19)  Unter  den  vielen  Zeitungsaufsätzen,  die  sich  mit  boche  besi 
tigen,  sei  hier  nur  noch  einer  ..Ableitung"  gedacht,  die  der  ( Irazer  1  a$es 
post  zukam  (16.  Jan.  1916).     Frau  A.  Herzog  (Klagenfurt)  Bchreibt: 
„Ich  selbst  wurde  einst  von  einem  französisch-schweizerischen  Brief- 
träger „Saleboche"  geheißen,  weshalb  ich  mich  um  die  Bi  di  utung  des 
Wortes  genau  erkundigt  habe.    Man  sagte  mir,  es  stamm.'  von 
boche.    Des  Wortspieles  wegen  setzte  der  Franzose  das  „S     vor,  W  - 
halb  sich  Salleboche  oder,  wie  er  es  meint,  Saleboche  ergiebt.   Wenn  er 
die   Grobheit  „Säle"  wegläßt  und  weniger  gemein  sein   will,   bleiDt 
„Boche",  deshalb  wurde  dies  nach  und  nach  zu  einem  Schimpfwort 
für  die  Deutschen,  aber  meistens  sprechen  sie  von  den  „Salebo, 

20)  Auf  Vollständigkeit  des  mundardlichen  Stoffes  ist  von  vorn- 
herein kein  Anspruch  erhoben. 


126  Elise  Richter. 

Es  empfiehlt  rieh  die  Wörter  nach  ihrer  Grundlage  zu  sondern. 

I.  *bottia  Beule,  französisch bosse,  pik. norm. u.a. bocke.  Die 
altfranz.Z'  it  kennl  bo<  /"  /><>ce  bosse  nicht  nur  in  der  Bedeutung  „Pest- 
beule" sundern  auch,, Pest"21).  Bei  Dumeril22)  ist  verzeichnet  puerla 
bocke,  seit  dem  XIV.  Jahrhundert.  Die  Verwendung  für  „stinkende 
(Eiter-,  Pest-) Beule"  ist  also  eine  der  ältesten  des  Wortes.  Aus 
ihr  allein  kann  sich  ohne  weitere  Zuhilfenahme  die  Jargonver- 
wendung  von  bocke  =  Lump,  liederlicher  Kerl  entwickelt  haben, 
Die  seit  1866  bei  Delvau  belegt  ist.  Zu  bocke  Buckel,  bochu, 
boucku,  gehört  das  altfrz.  treilles  ä  bocke,  serrure  ä  bocke  und  wohl 
auch  bouckarde  „Zackenmeißel". 

Das  Altfranzösische  und  die  modernen  Mundarten  kennen 
bosse  in  der  Bedeutung  Blase  (=  schriftsprachlich  ampoule) 
Mir.  de  Notre-Dame  I,  3,  339,  soussier  ne  me  fault  mie  .  .  .  Que 
je  n'aie  briefment  la  croce,  Et  seray  de  la  haute  boce  =  von  der  hohen 
Gesellschaft,  vergl.  das  wegwerfende  deutsche  „Blase"  für  „Fa- 
milie". Sauvage:  bot  kos  Blasen  an  den  Händen,  ALF.  1438 
bouxorlo  in  B.-Pyr.  und  H.-Pyr.  u.  a.  Vergl.  auch  Ed.  Brissaud, 
Hist.  des  expressions  populaires  relatives  d  l'anatomie,  la  Physi- 
ologie et  ä  la  medec  ne,  1892.  Die  Bedeutung  Kugel  hat  bocke 
in  Languedoc23)  und  Marseille-4),  boc'he  (=  jr  im  Savoyischen, 
vergl.  Constantin,25)  wo  auch  fg.  bocke  in  gleicher  Verwendung 
erwähnt  wird,  bocker  =  die  Kugel  treffen,  während  Sachs- 
Villatte26)  bouche  schreibt.  Die  bisherige  Meinung  war,  daß 
frz.  bocke  —  Kugel  aus  Italien  stamme;  der  erste  Beleg  ist  bei 
Menage,  Origines  de  la  langue  jrancaise  1650,  u.  zwar  b  o  c  h  e  1 1  e: 
c'est  un  mot  nouveau  que  le  Cardinal  Mazarin  a  apporte  en  France 
et  qui  sig  lifie  ce  jeu  de  boule  qu'on  appelle  le  maistre.  De  V Italien 
bocietta,  diminutif  de  boccia,  qui  signijie  une  boule  de  Mail.  Danach 
wäre  bocke  eine  Rückbildung  aus  dem  Deminutif.  Die  Annahme 
ist  aber  nicht  bindend.  R.  Hamm27)  macht  darauf  aufmerksam, 
daß  in  Italien  das  Hammer-Ballspiel  palla  maglio  heißt  (wie  auch 
im  Französischen  mail,  und  hält  daher  boccia  =  „Kugel  zum 
Werfen"  für  ein  Lehnwort  aus  dem  Spanischen.  In  der  Tat  gibt 
das  Voc.  Crusca  keinen  früheren  Beleg  für  boccia  (=  Spiel) 
als  1673  bei  De  Luca,  //  dottor  Volgare.  Hier  wird  ausdrücklich 
das  boccia-Spiel  als  „Werfen  der  Kugel  mit  der  Hand"  erklärt, 
so  wie  es  noch  jetzt  in  Norditalien  und  vielen  anderen  romanischen 
Gegenden  üblich  ist,  nicht  als  Hammerspiel;  aber  das  Wort  muß 
natürlich   viel  länger   im   italienischen    Sprachschatz  vorhanden 

21)  Vergl.   Godefroy,   Dict.  de  Vanc.  Franc. 

22)  Dumeril,  Lex.  Norm. 

23)  Vgl.  d'Hombres,  Dict.  Langu.-Frang. 

24)  Rigaud,   Dict.  a" Argot  moderne,   1888. 

25)  Constantin-Desormaux,  Dict.  Savoyard,  1902. 

26)  Enzykl.  WB.  1905. 

27)  Liller  Kriegszeitung,  24.  Dez.   1915,   Boche's  Ende. 


Etymologisches. 

sein,  da  doch  die  Ableitung  bocietta2*)  zur  Zeil  Mazarins  im  Ge- 
brauch war. 

R.  Hamm  findet  in  einzelnen  belgischen  Wörterbüchern*9 
bosse  „Wurzelknorren"'  verzeichnet;  danach  wäre  Beine  Annahme 
daß  es  auch  ein  pik.  bocke  in  gleicher  Bedeutung  •_'■  l>  .  möglich, 
wenn  dies  auch  —  inden  jetzigen  Zeitläufen  nicht  nachweisbar  ist' 
Da  nun  die  harten  Spielkugeln  aus  Wurzelknorren  gefertigl 
werden,  ergäbe  sich  ein  erfreulicher  Zusammenhang,  der  für  das 
Verständnis  des  Wortes  boccia  sehr  wichtig  wäre.  Allerdings 
müßte  dann  die  Geschichte  des  Spiels  ganz  anders  dargestellt 
werden:  Nur  für  die  nordfranzösische  Gegend,  weder  für  das  italie- 
nische boccia  noch  für  das  spanische  bocha  stimmt  linguistisch 
der  Ansatz:  Wurzelknorren  >  Hartholzkugel,  da  die  Grundlage 
*bottia  weder  für  das  eine  noch  für  das  andere  paßt.  Unter  dieser 
Voraussetzung  könnte  also  bocke  nur  ein  in  Nordfrank- 
reich heimisches  Wort  sein,  weder  ein  italienisches  oder  enga- 
dinisches,  noch  ein  spanisches,  noch  ein  katalanisches,  wo  botya 
jetzt  Kegelkugel  bedeutet.  Die  Herleitung  von  bocke  und  boccia 
macht  Schwierigkeiten.  Meyer -Lübke30)  leitet  das  spanische  Wort 
aus  dem  Italienischen  ab,  ohne  letzteres  ganz  zu  erklären.  Er  lehnl 
es  an  buttia  (Faß).  Sind  nun  etwa  boccia  und  bocke  nicht  boden- 
ständig, sondern  vom  Norden  her  eingewandert,  so  ist  es  nicht  wahr- 
scheinlich, daß  eine  Ausfuhr  von  Spielkugeln  aus  N>rdfrankreich 
nach  Italien  stattgefunden  hätte;  viel  eher  müßte  man  annehmen, 
daß  das  ganze  Spiel  im  Nordfranzösischen  —  Niederländischen  - 
heimisch,  von  da  nach  Spanien  und  dann  weiter  nach  Italien 
gekommen  sei,  von  wo  es  als  Hofbelustigung  nach  Frankreich 
zurückgewandert  wäre.  Dieser  ganzen  Erklärung  fehlt  aber  die 
Stütze:  bocke  und  bochette  sind  keine  französischen  Schrift  Wörter, 
wie  wir  dann  eigentlich  erwarten  müßten,  vielmehr  ist  bochette  wie 
es  scheint,  jetzt  gar  nicht  und  bocke  nur  in  .Mundarten  vorhanden, 
und  zwar  in  der  Bedeutung  Kugel  nur  in  Südfrankreich,  in  der 
Bedeutung  „Beule"  nur  im  Norden,  während  im  Süden  zwar  die 
Bedeutung  „Blase"  in  der  -cÄ-form  belegt  ist,  nicht  aber  die 
„Beule,,"  oder  „Wurzelknorren".  Die  -s-formen  können  natür- 
lich nicht  als  Beweis  gelten.  Daher  ergibt  sich  neuerdings  als 
offenbarer  Ausgangspunkt  der  Sippe  frz.  bocke  sp.  bocha  = 
„Kugel"  die  norditalienisch-wälsch-tirolische  Form  boccia. 

2.  buttia  =  Faß.  Schweiz,  böse  — >  frz.  bosse  (ML. 
REW.),  sav.  bocke  (=  cp  bei  Constantin31) ;  ebendort:  frz. 
bocket  =  kleines  Faß.  Morvan  boucheau  =  kleine  Tonn«';  vgl. 
ALF.   Nr.    1313  (tonneau) ;  einiges  ist  auch  auf  der   Karte    113 


28)  Im  Voc.  Crusca  nicht  verzeichnet. 

29)  Boche  und  Alboche,  Neuere  Sprachen,   1916,  S.  227. 

30)  Etym.  WB.  n     ,      L    „ 

31)  In  derselben  Mundart  entspricht  dem  frz.  bosse  (Beule)  boc  he 

(=   X). 


Elisi'  Richter. 

(baril).  Die  lautlichen  Veränderungen  wie  boye,  bouche,  brauchen 
hier  nicht  weiter  berücksichtigt  zu  werden.  Neben  dem  afrz. 
steht  apik.-norm.  bouchel  usw.;  ferner  aprv.  bqch,  botge  =  Faß- 
buden  (vgl.  Levy  Dict.  Prov.-Franc.),  dessen  o  nach  der  *bottia- 
Gruppe  weist. 

...  bosca  =  Weideland  >  Busch.  Afrz.  boschel, 
bochal  (gleichbedeutend  zu  buisson),  boschage,  woneben  natürlich 
mundartlich  bosquel,  boscage  usw.  Saint.,  Verdun.-Chal.,  Cher, 
Nievre  bouchure  lebende  Hecke,  vgl.  ALF.  Nr.  1592,  Mont.  bouchon 
=  Gebüsch,  Lyon,  boches  et  sochons  —  Schößlinge  und  Setzlinge 
a.  129132),  hierzu  Grenoble  (Ravanat)  bochessie  wildwachsend  und 
lyon.  bochasse  wilde  Frucht  (Puits-Pelu)33).  Anjou34)  boucher  un 
pr6  mit  Gezweige  gegen  Vieh  schützen,  bouchis  dürre  Zweige  u.  ä.; 
afrz.  desbochier  der  Zweige  berauben,  1420  „berauben",  des- 
bochilleur  1455  in  der  Gaunersprache  der  Coquillards35)  „Be- 
trüger", „Dieb".  Gir.  bux,  ALF.  Nr.  186,  Verdun.-Chal.  bouchot 
Gebüsch,  Gehölz.  Vom  Norden  über  Osten  bis  an  die  Alpes  Marit. 
ziehen  sich  die  Formen  buxe,  boky  usw.  vgl.  ALF.  Nr.  186  (buis) 
und  145  (bois). 

Begriffliche  Weiterbildungen:  afrz.  boscheer,  bouchoyer  u.  a., 
holzschneiden  >  arbeiten.  Meuse36)  bocher  =  piocher.  Anderer- 
seits aus  der  Bedeutung  Holz  schlagen  >  schlagen  >  mißhandeln, 
so  afrz.  boucheter,  bochequier  (Greban,  Myst.  de  la  Pass.  f.  195  a), 
nfrz.  bochonner  prügeln,  bochon  Faustschlag.  Vgl.  dazu  cabochonner 
und  cabochon  in  gleicher  Bedeutung.  Franche-Compte  boquer  usw. 
Neben  dieser  ofozjj-Entwicklung  steht  die  oi-Form  des 
Südwestfranzösischen  (vgl.  ML.  REW  bosca)  bois,  die  ins  Fran- 
zösische dringt.  Daher  afrz.  boisson  =  Gebüsch,  boissier  =  der 
Holzbearbeiter,  Gren.  (Ravanat)  boisson  u.  a. 

Durch  Kreuzung  der  bois-Formen  mit  den  bosch-Formen 
haben  wir  boichier,  boischel  =  Gebüsch  u.  a.;  das  bei  God.  nicht 
erklärte  boichon  kann  die  hürdenartige  Verfestigung  des  Abhanges 
am  Graben  bedeuten.  Für  die  modernen  Formen  vgl.  ALF.  144. 
Erhält  bois  die  Bedeutung  Gehölz  und  Holz  im  Allgemeinen, 
so  ist  lothr.  bohön  Buche  und  Schweiz.  Jura  boche  Fichte 
(ALF.  1190)  eine  neue  Spezialisierung,  offenbar  für  das,  was 
örtlich  das  „Gehölz  schlechtweg"  ausmacht. 

Zu  bosca  gehört  auch  afrz.  bousche  =  Strohwisch,  reboucher  = 
stumpf  machen,  boscher  =  boucher  (1389,  Nevers)  zustopfen, 
embouckier,  embochier.  Von  da  bouche  =  dumm  (geistig  verstopft) 
noch  im  XVIII.  Jahrhundert  =borne?l),reboiichete  =  Stumpfheit. 


32)  Fertiault,  Rev.  Pat.  IV— V. 

88)   Nizier  de  Puits-Pelu,  Le  Patois  Lyonnais. 

34j  Verrier  et  Onillon,  Glossaire  de  Anjou  1908. 

36)  Mem.  Soc.  Lingu.  VII  und  Lucien  Schöne,  Le  jargon  de  Villon. 

sc)  Labourasse,  Gloss.  du  Patois  de  la  Meuse. 

*")  Vgl.  Boissiere,  Dict.  analogique  de  la  langue  francaise. 


Etymologisches.  [2  I 

4.  b  u  x  u  s.   Afrz.  bois,  nfrz.  ftwis;  aus  pro> .  bois  leitel  Meyei 
Lübke38)dasmittelfrz.  fowwab.  Hierzu buisier  (buissir)     Bchlac 
(vgl.  ML  unter  buchseri),    buison    (buisson,  buissot)    =  dumm, 
buisnard   =  Dummkopf,    buxus  ergibt  katal.  60a;  und  spanisch 
^w/o,  das  jetzt  von  dem  katal.  Lehnwort  60/  verdrängl   ist,  aber 
in  bujeda  (-0,  -al)  vorliegt.    Die  naheliegende  Vermutung,  daß  die 
boccia  (sp.  bocha)  aus  Buchsbaumholz  gedrechselt  wäre,  wird  ah 
wiederum    sprachgeschichtlich    nicht   gestützt.       Das    Neben- 
einander von  bois  —  boisson  —  buis  ergibt  die  Bildung  buisson. 
Mont.39)    buisse    =   Schößling,    Stumpf.      Das   vielfach   die   Ab- 
kömmlinge von  bosca  die  Bedeutung  von  buis  annehmen,  zeigt 
ALF.  186  (buis)  und  187  (buisson).    Eine  Mischung  aus  beiden 
ist  bbiix,  Pas  de  Calais. 

5.  Frk.  *busca=  Scheit,  buche  mit  allen  seinen  Ablei- 
tungen, bucher  =  Holz  hauen,  bücheron,  afrz.  abuchier,  pik.  busquer, 
norm.40)  bucher,  buker,  alyon.  bucher  =  stoßen,  prügeln,  schlagen. 
Die  Beschäftigung  des  Holzschiagens  löst  überall  zwei  Bedeutungs- 
reihen aus:  1.  schlagen  wie  ein  Stück  Holz,  2.  schlagen  wie  mit 
einem  Stück  Holz,  in  beiden  Fällen  — >  fest  prügeln.  Da  buch 
auf  ü  zurückgeht,  buis  auf  9,  bouche,  boche  auf  Q,  sollten  die  Wor1 
reihen  eigentlich  klar  geschieden  sein.  Dies  ist  aber  ganz  und 
gar  nicht  der  Fall,  vielmehr  haben  wir  die  Kreuzungen  in  be- 
grifflicher und  lautlicher  Beziehung  nach  allen  denkbaren  Mög- 
lichkeiten: 

Da  beche  zu  der  Bedeutung  „Holz"  kommt,  kann  es  auch 
für  „Scheit"  gesagt  werden.  So  haben  wir  bocheron  statt  bucht  1 
in  Aube,  Yonne,  im  ganzen  Norden  und  Osten,  eingeschlossen 
Aisne,  Meuse,  ersetzt  der  Stamm  bok-  den  Stamm  buch;  hierzu 
&OHc/i-inMarneund&0*i£-inMeurthe(vgl.ALF.  185),Lyon(Puitsj>>l 
bochi  =  buche  usw.  Bei  dem  viamischen  Keulenwurfspiel,  das 
Hamm  in  seinem  verdienstlichen  Aufsatze41)  als  erster  für  die 
Erklärung  von  boche  heranzog,  heißt  die  Wurfkeule  boche] 
boche  ist  aber  nicht,  wie  Hamm  meint,  aus  buche  gebildet,  sondern 
neben  buche  in  zahlreichen  andern  Mundarten  wie  hier. 

Die  Kreuzungen  gehen  noch  weiter.  Nur  aus  dem  Stamm  bosca 
=  Gebüsch,  können  die  Wörter  entspringen,  die  „verstecken", 
„s  i  c  h  i  n  Hinterhalt  legen"  bedeuten :  daher  it.  imbost 
sp.  emboscar,  afrz.  emboscher,  embouchier.  Alle  anderen  Lautungen 
zeigen  die  Einmischung  der  andern  Stämme:  embuissier  (des- 
buissier),  anboiehier,  embuschier,  embuquier  (Mont.  buquer,  I  i 
Jahrh.),  embouchiier,  wie  sie  eben  früher  aufgestellt  wurden. 
Damit  löst  sich  die  lautliche  Schwierigkeit,  die  durch  die  Erklärung 


38)  REW. 

39)  Sigart,  Glossaire  etymologique  montois. 

40)  Dumeril. 


4U)  Dumeril. 

41)  Liller  Krieg  zeitung  und  nun  auch  noch  Magdeburger  (General- 
anzeiger, 10.  Jan.  1917,  Französische  Schimpfworte. 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.   XLVV*.  9 


Elise  Richter. 

aus  it.  imboscare  nicht  behoben  war.  Desgleichen  findet  sich 
neben  buchier  =  schlagen,  stoßen  auch  abuissier,  abuickier,  also 
Einführung  von  -ui-  und  -uis  in  den  Stamm  von  bosche;  oder 
desbuchier  statt  desbochier  der  Zweige  berauben. 

6.  Fr k.  b  a  1  k  o  =  B  a  1  k  e  n,  afrz.  baue  Balken,  baucher  Balken 
(Gestell)  aufrichten,  wovon  deverbales  bauche  „die  Werkstatt, 
d(  in  ursprünglich  jedenfalls  ein  „Baugerüst"  zugrunde  lag;  hierzu 
embaucher  =  in  die  Werkstatt  aufnehmen,  desbauchier  (auch 
desbauchir  Dienstleute  abdingen,  abwendig  machen,42)  esbauchier, 
embochier  —  oquier  usw.  das  Holz  aus  dem  Gröbsten  arbeiten, 
also  einerseits  „verkleinern",  andrerseits  „skizzieren  einer  Arbeit", 
herausarbeiten.     Mit  Einmischung  von  buche-,  rabuchier. 

Lothr.  bokö  =  Wagebalken  ist  sicher  balko;  hoch  in  den  Dep. 
Somme  und  Nord  (ALF.  1080)  Balken,  pik.  bochon  Wagebalken 
(ML.)  gehören  zu  den  Mischbildungen;  denn  buche  bedeutet  an 
sich  nicht  Balken,  und  ebensowenig  das  ihm  lautlich  entsprechende 
boche.  Andererseits  haben  wir  von  balko  Maskulinbildungen  auf  -k. 

Es  ist  nun  zu  beachten,  daß  alles  wasrund,  schwer 
und  hohl  ist,  alles  was  den  nichtbehauenenStamm 
ausdrückt,  alles  Schwerbewegliche,  Formlose, 
Klotzige  sich  eignet,  einen  Dummkopf,  Tölpel, 
ungeschlachten  Menschen  zu  bezeichnen.  Daher 
sind  bocho  =  Faß,  boche  =  Ku  g  e  1  im  Süden,  boche  =  Balken 
im  Nordosten,  boche  =  S  c  h  e  i  t  im  Norden  und  Osten  gleich 
gute  Grundlagen  für  verächtliche  und  beschimpfende  Bezeich- 
nungen: boche  =  Rindvieh,  tete-de-boche  =  Schafskopf; 
und  mit  der  eben  geschilderten  Gleichläufigkeit  der  verschiedenen 
Lautungen:  buche  =  Dummkopf,  temps  de  buche  =  Büffel- 
wochen vor  der  Prüfung,  Bas-Maine  bok'ätar  (Dottin43)  D  u  m  - 
mian.  In  einer  ganzen  Reihe  von  Mundarten  ist  also  boche  als 
grobes  Wort  verbreitet,  dazu  kann  noch  die  Argotverballhornung 
boche  als  b[ete  +  -oche  kommen,  die  Marcel  Schwob44)  ansetzt  und 
die  ihr  Gegenstück  in  moche,  muche,  aus  m\al  +  -oche,  -uche  hat: 
Schwob  erwähnt  auch  den  Ausruf:  Je  ne  suis  pourtant  pas  wie 
boche!  Ich  bin  doch  kein  Rindvieh;  tele  de  boche  =  Schafskopf  ist 
ziemlich  gleichwertig  zu  tele  carree.  Hamm45)  berichtet,  daß  tetc 
d'alboche  =  Streithammel  seit  etwa  50  Jahren  in  Nordfrankreich 
nachweisbar  ist,  zunächst  ohne  jede  Beziehung  auf  Deutsche,  oder 
besser  gesagt  auf  Allemands:  Hamm  betont  nämlich,  daß  die  zur 
Rübenernte  in  die  französischen  Grenzgebiete  kommenden  VI  amen 


42)  Es  ist  nicht  ersichtlich,  warum  ML  REW,  den  Zusammenhang 
mit  balko  in  Abrede  stellt.  Vielleicht  entging  ihm  das  Bindeglied,  afrz. 
baucher,  das  im  Wörterbuch  nicht  erscheint? 

4i)   Georges  Dottin,  Glossaire  des  Parlers  Du  Bas-Maine. 

u)  Marcel  Schwob  et  G.  Guiyesse,  Etüde  sur  V  Argot  francais,  Mem. 
Soc.  Lingu.  VII. 

45)  Liller  Kriegszeitung. 


Etymologisches.  \:\[ 

mit  ihrem  groben  Keulenspiel  bocke  zu  der  Entstehung  der  Red 
art  beigetragen  haben.  Es  handelt  sich  um  die  Landschaften 
bei  Arras — Douai — Soissons.  So  wie  man  le  feu  al  Crosse  <d 
brique,  al  gasse  sagt  'statt  d  la)  so  auch  le  feu  al  bocke.  I  Jäher  wäre 
tele  d'alboche  zunächst  Schimpfname  für  den  Bochespif\<r  und 
dann  erst  national  gemünzt  auf  den  Nichtfranzosen,  nämlich 
zuerst  auf  den  Vlamen  und  später  auf  den  Deutschen.  (Hamm 
berichtet  auch,  daß  während  des  Krieges  die  Deuts«  hin  öfters 
als  flamands  geschimpft  wurden.)  Der  Anklang  an  Allem,! ml 
wäre  danach  ein  rein  zufälliger,  vielmehr  hätten  „die  Pariser  den 
«dialektischen  Artikel  al»  abgestoßen  und  so  aus  alboche  bocke 
gebildet".  Mit  dieser  sprachwissenschaftlichen  Erklärung40)  ist 
Hamm  weniger  glücklich,  als  mit  seinen  tatsächlichen  Funden. 
Es  ist  klar,  daß  der  Ausdruck  tele  d'alboche  aus  jeu  al  bocke  doch 
nur  dann  gebildet  werden  konnte,  wenn  (und  wo)  man  den  wahren 
grammatikalischen  Sachverhalt  gar  nicht  verstand.  Die  Ent- 
wicklung dürfte  daher  anders  darzustellen  sein:  Zu  dem  längst 
vorhandenen  tele  de  buche,  tele  de  boche  ist  höchst  wahrscheinlich 
das  sonst  grammatikalisch  unverständliche  tele  d'alboche  a  1  s 
örtlicher  Kalauer  gebildet  worden. 

Wie  aus  der  bisherigen  Darstellung  hervorgeht,  ist  boche  auf 
verschiedenen  Wegen  zum  geläufigen  Schimpfwort  geworden. 
Seine  geschichtliche  Entwicklung  dürfte  sich  so  feststellen  lassen: 

1.  In  nicht  bestimmbarer  Zeit  wird  pik.  norm,  boche  =  Pest- 
beule im  Argot  zu  Liederjan,  Lump.  Die  Aufnahme  von  Mundart- 
wörtern in  das  Argot  ist  an  sich  ein  selbstverständlicher  Vorgang. 
Erster  Beleg  1866  bei  Delvau.  Vergl.  aber  unten  rigolbochc,  Mit 
den  anderen  Bedeutungen  von  boche  hat  es  nichts  oder  sehr  wenig 
zu  tun. 

2.  Seit  alters  ist  in  vielen  Mundarten  vorhanden:  boche 
Klotz   >  Dummkopf;  tele  de  boche. 

3.  Aus  boche  =  Klotz,  Scheit  entwickelt  sich  die  Sonder- 
bedeutung Keule.  Daher  feu  al  boche  bei  Vlamen,  die  nach 
Nordfrankreich  als  Erntearbeiter  kamen;  Verballhornung  zu 
tele  d'alboche  =  Streithammel  (Dickschädel,  tele  carree,  caboche). 
Ist  bei  tele  d'alboche  die  ursprüngliche  Bezeichnung  auf  den  nicht- 
französischen  Z?oc/?espieler  und  Feldarbeiter  die  naturgemäße,  so 
ist  doch  die  Verwendung  von  tele  de  boche  für  den  Deutschen  bis 
jetzt  die  früher  nachgewiesene:  aus  dem  Jahre  1874 
stammt  der  erste  Beleg  für  tele  de  boche  =  Deutscher  Druck« 
gehilfe;  das  Wort  boche  ist  also  zwar  viel  älter  als  der  Siebziger 
Krieg,  aber  offenbar  im  Anschluß  an  die  damals  herrsch 
Stimmung  mit  Vorliebe  auf  den  Deutschen  bezogen  worden.  So- 
bald tele  de  boche,  dessen  Bedeutung  „Dickschädel"  nicht  aus  dem 

46)  Sie  ist  in  „Neuere  Sprachen"  zwar  nicht  ganz  unterdrückt, 
daneben  aber  weit  besser  Zusammenfall  von  tete  'd'alboche  und  tete 
de  boche  angenommen.     (Korr.-Note.) 

9* 


Elise  Richter. 

:.  ist,  Anwendung  auf  den  Deutschen  hatte,  ist  die 

:i  Alboche  zu  AUemand  unter  allen  Umständen  nach- 

-  it  L883  ist  Alboche  gebucht  als  Bezeichnung  des  deutsch 

mi, ,l.n   I  -.  Luxemburgers,  Schweizers47!  und  alsbald 

utschen  überhaupt.    Daß  eine  bewußte  Verballhornung  von 

aUemand    vorliegt,    beweist    das    Vorhandensein    der    Varianten 

Atiemoches,   Allemouches  (an  der   Sarre  und  Untermosel)4S)   mit 

den    bekannten    Argotsuffixen    von    wegwerfender    Bedeutung. 

4.  Die  Pariser  Gaunersprache  liebt  bekanntlich  Bildungen 
auf  -oche  und  verballhornt  viele  Wörter  durch  Vertauschung  ihres 
ursprüngliches  Ausgangs  mit  „-oche".  Daher  b-oche  aus  bete, 
wie  m-oche  aus  mal  möglich. 

Marcel  Schwob,  der  —  im  Jahre  1892  —  der  Entstehung 
des  Wortes  doch  noch  bedeutend  näher  stand,  hält  boche  geradezu 
für  ein  künstliches  Wort  (scheme  arüficiel).  Ce  sont  des  groupes 
de  lettres  qui  n'acquierent  wie  signification  precis '  quepar  lecontexte 
de  la  phrase:  einmal  erscheint  ihm  boche  =  b[ete  -f-  o"he,  in  tele 
de  boche  =  b[ois  +  oche,  und  aus  dieser  allgemein  pejorativen 
Lautreihe  boche  erfolgen  dann  die  Bildungen  rigolboche,  fanta- 
hoche,  Alleboche,  ItalbocheA9) 

Hier  wäre  nun  einzuschalten,  daß  rigolboche  eine  Zusammen- 
setzung aus  rigoler  (argot  und  alt:  sich  erlustigen,  gütlich  tun) 
+  boche  in  der  Bedeutung  „Lump"  und  ursprünglich  Eigenschafts- 
wort ist  ,, lustig,  drollig'',  zuerst  belegt  bei  Larchey50)  für  das 
Jahr  1860.  Es  geht  also  mindestens  in  die  50  er  Jahre  zurück, 
und  ist  daher  der  älteste  Zeuge  für  boche  =  Lump.  Übrigens  kann 
boche  allein  damals  die  Bedeutung  „Deutscher"'  noch  kaum  gehabt 
haben,  da  Marcel  Schwob  es  sonst  wohl  erwähnt  hätte,  während 
in  fantaboche  {fantassin  +  boche)  wie  in  Alleboche  die  Bedeutung 
„Klotz'  vorliegt. 

Selbstverständlich  gehört  caboche  überhaupt  nicht  in  diese 
VY<  rtgruppe,  da  es  eine  schon  afrz.  Bildung  aus  cap-  +  -oche  ist, 
dem  aus  dem  Süden  einwandernden  Pejorativsuffix  -oche  (=  it. 
occio,  dem  in  den  betreffenden  Mundarten  -osse  entspricht: 
cabosse^ ;  caboche  kann  aber  ein  Ausgangspunkt  für  die  modernen 
Argotbildungen  auf  -oche  sein. 

Wir  sehen  also,  daß  die  boche-Wörter  aus  den  verschiedensten 
Quellen  fließen.     So  ist  das  mundartliche  boche  hochgradig  ge- 

4T)  Vgl.  außer  der  S.  125  erwähnten  Schrift,  T  a  p  p  o  1  e  t ,  Zur 
Etymologie  von  boche  und  alboche,    Schweizer   Volkskunde  1915,  S.   17. 

48)  Revue  des  deux  mondes,  15.  Aug.  1915,  S.  783,  nach  Louis  Ber- 
trand. Ich  habe  mir  die  betreffende  Nummer  leider  nicht  beschaffen 
können. 

»)  A.  a.  o.   S.  43. 

50)  In  den  Memoires  de  Rigolboche,  einer  bekannten  Cancantänzerin, 
bei  Larchey,  Dict.  hist.  etym.  et  anecdot.  de  Vargot  parisien,  1872.  Die 
Tänzerin  hat  sich  also  jedenfalls  einen  bedeutungsvollen  Künstlernamen 
beigelegt. 


Etymologisches.  1 33 

eignet,  im  Argot  eingereiht  zu  werden,  schon  wegen  der 
tonmalenden  Kraft,  die  ihm  innewohnt.  Keine  Lautreihe  ver 
möchte  in  solchem  Grade  das  Blöde,  Glotzende,  Ungeschlachte 
wiederzugeben,  wie  eben  diese;  auch  die  schweizerischen  Ausdrücke 
für  boeuf  von  der  Form  botehe  u.  a.,  die  ML  als  „Lockrufe"  erklärt, 
dürften  hier  einzureihen  sein:  box  ist  sozusagen  ein  größerer  <  Ichse 
als  boeuf.  Schon  der  6-Anlaut  erscheint  den  Romaneu  offenbar 
besonders  geeignet  zur  Wiedergabe  des  Blöden  und  es  ist  gewiß 
kein  Zufall,  daß  er  seine  Schimpfwörter  so  gerne  mil  ihm  bü 
det:  balourd,  bete,  betet,  brate,  buche,  bougre,  butorst  Hlitres, 
äne  bäte,  bome,  bloc,  brigand,  bandit,  barbare,  tele  de  bois  -  ich 
begnüge  mich  mit  der  Sammlung,  die  Paul  Stapfer  in  unedlem 
Eifer  gegen  die  Boches  schleudert,51)  die  sich  noch  stark  ver- 
mehren ließe  und  in  der  nur  brigand,  bandit  und  bougre  nicht 
auch  —  oder  mindestens  früher  einmal  —  den  Vorwurf  des  Blöd- 
stammelnden  einschließen. 

Mit  entsprechendem  Atemdruck  herausgeschleudert,  kann 
sich  beleidigende  Verachtung  darin  zusammenpressen.  Ein  niehl- 
leidenschaftlicher  Nichtsprachf",  scher  äußerte  sich  über  BocJie,  wie 
immer  die  geschichtliche  Grundlage  des  Wortes  sei,  es  mußt«'  zu 
dieser  Form  kommen,  um  den  Ausdruck  zu  tragen,  der  hinein  ge- 
legt wird.  Als  Bezeichnung  für  den  „Deutschen  Tolpatsch'  ist 
es  daher  um  so  mehr  geeignet,  weil  es  eben  ."ein  tonmalend  ohni 
jede  Hemmung  nur  Ausdruck  der  Stimmung  sein  kann.  „Les 
Boches,  comme  on  les  nomme  si  bien"  (!)  sagt  Stapfer  a.  a.  0. 
S.  16.  Mit  Recht  bemerkt  Schuchardt,  boche  war  anfangs  eine 
schlaffe  Hülle,  die  jetzt  mit  giftiger  Luft  aufgeblasen  ist.52)  Die 
Bedeutungen  Lump,  Pestbeule  treten  dabei  ganz  zurück;  weder  die 
—  meist  belächelten  — deutschen  Vergnügungs-  oder  gar  Hochzeits- 
reisenden, noch  das  deutsche  Militär,  noch  die  gefürchteten 
deutschen  Handlungsreisenden  sind  geeignet,  die  Vorstellung  des 
„Liederlichen"  in  so  hohem  Grade  zu  erwecken. 

Im  Verhältnis  zum  gewandten,  graziösen,  schlauen  Fran- 
zosen wird  im  Deutschen  noch  immer  mit  Vorliebe  das  Geistig- 
plumpe, Vierschrötige,  Grobe  gesehen.  Wie  denn  auch  jetzt  dem 
Wort  bocke  hauptsächlich  der  Beigeschmack  des  H  hen,  Bar- 
barischen, Viehischwilden,  nicht  der  des  Hinterlistigen,  Heuch- 
lerischen, Giftigen  gegeben  wird.  Boche  allein  ist  als  Ersatzwort 
für  A  llemand  vorläufig  nicht  vor  1895  belegt  Delesalle58)  bringt 
unter  AUemand:  alboche,  Bocke,  Bosch,  Choucroutman,    Vangeur 


51)  Les  lecons  de  la  guerre  1915  S.    115. 

52)  Grazer  Tagespost,  9.  Jan.  1916.  Auch  Siegmund  Feist  nennt 
boche  ein  „lustbetontes"  Wort,  Neuere  Sprachen  1916,  S.  !<»<•  Vergl. 
noch  Horch,  Berliner  Tageblatt  Nr.  496,  1915  und  Kießmann,  drenz- 
boten,   16.  Sept.   1916. 

53)  Georges  Delesalle,  Dict.  Argot-Francais  et  Francais- Argot, 
eingeleitet  von   Jean  Richepin  (1895). 


134  Elise  Richter. 

d>  choucrouie,  Prusco,  Pnissicn,  tele  de  bocke.  In  einem  Argotbrief 
aus  dem  Jahre  1896  heißt  es:  i  (der  Deutsche  Kaiser)  vient  de 
d&cider  que  les  boches  fiteraient  plus  gue  deux  fois  V  anniversaire 
dt  Sidan.6*)  In  der  welschen  Schweiz  ist  es  schon  so  eingebürgert, 
daß  es,  wie  mir  Pr«  fessor  Gauchat  freundlichst  mitteilt,  nicht 
mehr  unbedingt  Schimpfwort  ist.55)  Tappelet  dagegen  verzeichnet 
es  nicht  in  seiner  Schrift:  „Die  alemannischen  Lehnwörter  in  den 
Mundarten  der  französischen  Schweiz"'06),  S.  48  ff.,  wo  verschiedene 
Schimpfwörter  gesammelt  sind.  Er  erwähnt  nur  albots,  dessen 
Herkunft  ihm  unklar  bleibt,  während  er  es  n  Schweizer  Volks- 
kunde S.   17  als  Kreuzung  von  allemand  +  boche  ansieht. 

In  Paris  selbst,  oder  vielmehr  in  der  Schriftsprache  ist  boche 
erst  während  des  Krieges  so  eigentlich  in  Umlauf  gekommen. 
Die  feinere  Literatur  des  ersten  Kriegshalb  Jahres  enthält  sich 
des  Ausdrucks.  Wo  das  Wort  Allemand  der  Empfindung  nicht 
genügt,  wird   Teuton  oder  Prusco  oder  Germain  u.  a.  gesagt.67) 

Aber  im  V»  lke  ist  das  Wort  durchaus  geläufig  und  zwar  von 
den  ersten  Kriegstagen  an:  Soldatenbrief  vom  9.  August  1914:58) 
Les  Boches  sont  innombrables;  vom  14.  August  :l5))  nous  avons 
enterre  320  Boches;  vom  17.  AugustGOi:  voüä  50  000  boches  qui 
vieiment  attaquer  la  ville.  Im  Matin,  22.  August  1914:  La 
principale  preoccupation  de  ces  braves  gens  (ein  Freiwilligenkorps) 
est  de  ne  pas  se  voir  reformer  et  d' aller  eux  aussi  taper  sur  les  Boches 
usw.  Man  sieht,  daß  das  Wort  längst  geläufig  und  in  bestimmten 
Schichten  durchaus  eingebürgert  war.  Dies  erhellt  ja  auch  aus 
den  Ausführungen  des  Kriegsgefangenen  Ch.  Etienne.61) 

Alboche  tritt  dagegen  stark  zurück.  Aus  den  ersten  Kriegs- 
tagen im  Elsaß:  forte  position  occupee  par  les  albochesß2)  Rund- 
vers des  20.  Korps,  das  seit  Kriegsbeginn  unter  General  von 
Castelnau  kämpft: 

Ohel  les  Alboches ! 

Les  sales  tetes  de  pioches ! 


!>i)  Sainean,  L'argot  des  Tranchees  12. 

68j  Vgl.  auch  Neue  Zürcher  Zeitung,  6.   Jan.   1916. 

5C)  Die  alemannischen  Lehnwörter  usw.  Kulturhistorisch-lingu- 
istische  Untersuchung  I.   1914. 

57)  Carnet  de  Route  d'un  officier  d'alpins,  1915:  La  peur  du  Ger- 
m  a  i  n  avait  rendu  les  Lorrains  prudens,  S.  13;  Mauprat,  Kultur 
et  Teutonnerie,  (Zeichnungen);  Ch.  Noight,  Les  barbares 
modernes,  1914;  J.  L.  de  Lanessan,  Pqurquoi  les  Germains  seront  vain- 
cus  1915;  Journal  des  Economistes:  Le  manifeste  des  Kultur- 
krieger.        Lettres  hero'iques,   1914:  ces  maudits    t  e  u  t  o  n  s. 

B8)  La  vie  de  guerre  contee  par  les  soldats,  1914 — 15,  Lettres  recueillies 
et  publiees  par  CharLs  Foley  1915. 

69)  Ebenda. 

co)  Lettres  hero'iques,   1914,   Geneve,  S.  9. 

61)  Fischers  Neue  Rundschau  XXVI  S.   1150  ff.  (1915). 

62)  Lettres  hero'iques,   S.   19  U.  21. 


Etymologisches. 

C'est  iious  les  costauds 

A  Curieres  de  Castelnau.^) 

Boche  gewinnt  zusehends  an  Raum  und  findel  seil  i<.nf>  auch 
Eingang  in  ernstere  Schriften;  eine  der  ersten  ist  allerdings  die  des 
Abbe"  Wetterle,  Propos  de  Guerre,  2e  S&rie,  in  der  eine  Ri 
deutscher  Charakterköpfe  unter  dem  Titel  Tcirs  de  Bo 
schildert  wird.  War  boche  wohl  schon  vor  dem  Kriege  mehr  als 
nur  ein  Spitzname,  so  bezeichnet  Sainöan64)  es  jetzt  als  un  stigmate 
un  nom  monslrueux  qui  rap  eile  le  Gog  et  le  Magog  de  l'Apoca- 
lypse."  Maurice  Donnay  hat  seine  Aufnahme  in  die  Akademie 
beantragt.  Er  beabsichtigt  offenbar  damit,  den  Haß  zu  ver- 
ewigen; aber  da  wird  wieder  einmal  der  Geist,  der  das  Böse  will 
das  Gute  schaffen.  Denn  ein  Haßwort,  daß  zum  gewohnhi 
mäßigen  Ausdruck. von  Obrigkeit  wegen  gestempelt  wird,  hör! 
eben  dadurch  auf,  ein  emphatisches  Wort  zu  sein  und  wird  zu  einer 
gefühlsleeren  sachlichen  Bezeichnung.  In  der  Tat  heißt  es  bereits 
bei  Sainean  wenige  Seiten65)  nach  den  eben  angez  genen  pathe- 
tischen Worten:  ce  sobriquet  est  devetiu  Tappellatif  ethnique 
general  aussi  bien  dans  les  tranchees  que  dans  la  presse.  Gerade 
mit  dieser  so  schrecklich  gemeinten  Feststellung  wird  eigentlich 
nichts  anderes  gesagt,  als  daß  die  Haßkurve,  die  sich  in  der  Ge- 
schichte des  Wortes  boche  zeichnet,  ihren  Höhepunkt  über- 
schritten hat.  Der  fortwährende  Gebrauch  entlaugt  auch  das 
giftigste  Wort.  Es  wäre  nicht  das  erstemal,  daß  ein  verächtlicher 
Ausdruck  zu  schwebender  Bedeutung  kirne  und  ob  dereinst 
ein  lebender  und  bewundernder  Beigeschmack  hinzutreten  wird, 
das  liegt  natürlich  nicht  in  der  Beschaffenheit  seiner  Laute,  sondern 
einzig  darin,  wie  w"r,  unsere  Siege,  unsere  künftigen  Geschlecht 'T 
auf  die  Einbildungskraft  derer  wirken  werden,  die  „Boche'  sag 

Wrien.  Elise   Richter. 


Französische?*  forteresse. 

Ad.  Tobler  hat  in  den  Sitzungsber.  der  Ah.  der  Miss,  zu  Berlin, 
1896,  854,  andeutungsweise  auch  im  Buch  vom  franz.  Versbau 
alter  und  neuer  Zeit,  4.  Aufl.,  39  Anm.  das  franz.  forteresse,  früher 
forterecc  durch  Entwicklung  eines  e  zwischen  Kons,  und  r  aus 
fortrece  und  dieses  durch  nochmalige  Aussprache  des  r  aus 
forttee  entstehen  lassen,  dabei  beide  Vorgänge,  Bowohl  die  Ent- 
wicklung des  Sproßvokals  wie  die  Wiederholung  des  r  durch 
Beispiele  gestützt.  Bei  dieser  Entstehung  von  forterece  müßten 
prov.,  span.,  port.  fortaleza  aus  dem  altfranz.  forterecc  mit  Ersats 
des  zwischentonigen  e  durch  a  nach  bekannten  Mustern  hervor- 

°3)  Le  Petit  Par.,  10.  Okt.  1915. 
64 )  V Argot  des  Tranchees,  6.  1". 
«5)  S.   13. 


136  Josef   Brück. 

agen  sein.    Dag<  gen  wandte  (..  Paris,  Rom.  25,  621  dasmittel- 
lateinische  fortalitia  d*-*   12.  Jahrhs.,  also  einer  Zeit,  in  der  das 
franz.  Woii  noch  kaum  alle  angenommenen  Entwicklungen  durch- 
achl  haben  werde,  a  iwie  das  rum.  foritiletU  ein,  das  doch  nicht 
aus  einer  franz.  Form  des  Mittelalters  entlehnt  sein  könne.    Er 
iiiiiuiif  ein  vulgärlat.  *fortalicia  an,  auf  das  er  mm.  fortaleta,  span., 
port.  fortaleza,  franz.  fortelece  zurückführt;  das  letztere  habe  sich 
mit   fortece,  fortrece,  forterece  verschmolzen.     Weiteres  hat  nun 
\.  Thomas  in  den  Nouveaux  essais  de  philologie  francaise,  99 
unter  Hinweis  auf  das  von  ihm  belegte  altprov.  fortareza  neben 
fortaleza  ein  vulgärlat.  *fortaricia  neben  fortalicia  angesetzt  und 
behauptet,  daß  altfranz.  fortrece  durch  Synkope  aus  forterece  her- 
ri:. 'gangen  sei  und  nicht  durch  Zusatz  eines  r  aus  fortece,  wie 
Tobler  meinte.     Der  Dict.  gen.  nimmt  in  der  Frage  keine  klare 
Stellung  ein.     Er  bezeichnet  forteresse  einfach  als  derive  de  fort 
unter  Hinweis  auf  die  §§  82,  124  der  grammatischen  Bemerkungen. 
Nun  wird  zwar  in  §  82  das  Suffix  -icius  behandelt,  so  daß  man 
glauben  könnte,  es  werde  in  forteresse  der  Ausgang  -aricia  an- 
genommen, aber  andererseits  wird  in  demselben  §  82  eine  Ver- 
mengung von  -icia  und  -itia  behandelt,  und  in  dem  noch  heran- 
gezogenem §  124  -itia  behauptet.    Dieselbe  unklare  Stellung  wie 
Dict.  gen.  nimmt  auch  Nyrop  in  der  Frage  ein.    I,  442  hält  er  das 
zweite  r  von  fortrece  für  parasitisch;  III,  109  nimmt  er  in  forteresse 
unter  Hinweis  auf  prov.  fortareza  ein  -aricia  an,  vertritt  freilich 
III,    111   eine  Vermengung  von  -itia  und   -icia.      Meyer-Lübke 
•  ■rbhckte  in  der  Rom.  Gramm.  II,  250  in  forteresse  das  Suffix  -itia, 
während  er  im  Wörterb.  unter  fortis  sich  über  die  Art  der  Ab- 
lösung nicht  äußert.     Die  Angaben  über  die  wissenschaftliche 
Literatur  zeigen  jedenfalls,  daß  die  Art  der  Ableitung  von  forteresse 
aus  fort  noch  strittig  ist.   Sie  soll  im  folgenden  besprochen  werden. 
Vor  allem  soll  eine  Entscheidung  darüber  versucht  werden,  ob 
in  forteresse  -icia  oder  -itia  enthalten  sei.     Dabei  wird  von '  der 
von   Mussafia,    Rom.    18,   531   behaupteten,   von  Meyer-Lübke, 
Zs.  14,  280,  auch  von  Nyrop  und  dem  Dict.  gen.,  wie  sich  oben 
gezeigt  hat,  angenommenen  Suffixvertauschung  (-icia  statt  itia) 
abgesehen.     Ob  diese  Ansicht  richtig  sei  oder  nicht,  kann  hier 
nicht  erörtert  werden,  da  ja  dann  die  ganze  Frage  der  Behandlung 
des  intervokalen  tj  im  Franz.  besprochen  werden  müßte.     Daß 
paresse  pigritia  wiedergebe,  ist  ja  sicher;  ob  direkt  oder  über 
pigriaa,  ist  für  uns  hier  eine  Sache  sekundärer  Bedeutung.    Für 
den  Fall,  daß  aus  -itia  erst  durch  Vertauschung  mit  -icia  ein 
-ece  entstanden  sein  sollte,  würde  die  obige  Frage  dahin  lauten 
ob  vur  diesem  Suffixtausch  bei  unserem  Worte  -itia  oder  -icia 
da  war.  Zunächst  erhebt  sich  die  Frage,  ob  altfranz.  foriece  „Kraft" 
Ltia  ode  --icia  enthalte.  Da  es  nach  seiner  Bedeutung  das  Adjektiv- 
abstraktum  von  fortis  ist  und  die  Adjektivabstrakta  im  Rom  ganz 
gewöhnlich  mit  -itia  gebildet  werden,  aber  nicht  mit  -icia,  so  ist 


Etymologist  '  I  .- 

es  sehr  wahrscheinlich,  daß  fortece-itia  enthalte.  \l.  doch 

auch  möglich,  wenn  auch  nicht  wahrscheinlich,  daß  fortea  dur<  h 
dissimilatorischen  Schwund  des  zweiten  r  aus  forterece  und  dieses 
nach  der  Ansteht  desselben  Gelehrten  aus  fortariäa  entstanden 
wäre;  dieses  hätte  zunächst  „feste  Sache"  bedeutel  dann  mit 
Spezialisierung  „fester  Platz",  andererseits  mit  Übergang  vom 
konkreten  Begriff  zum  abstrakten  „Festigkeit-.  Lautlich  ahn- 
kann foriece  nicht  nur  -itia  wie  perece  enthalten,  s  indem  auch 
-icia.  Aus  dem  franz.  Worte  allein  läßt  sich  als.,  die  Präge  nicht 
entscheiden,  wenn  man  keine  Annahme  a  priori  machen  will 
Vielleicht  gibt  uns  das  prov.  forte:,,  Auskunft,  Dei  Pseudoturpin 
in  Zs.  14,  der,  wie  schon  Horning,  Zs.  18,  241  hervorhob,  das 
scharfe  s  regelmäßig  durch  ss  und  nur  das  stimmhafte  durch  s 
oder  z  bezeichnet,  schreibt  Zs.  14,  500,  Z.  4  fortesa,  sowie  er  eben- 
dort,  Z.  10  longuesa,  501,  Z.  17  und  23  riquesas  schreibt.  Der  Ver- 
fasser oder  Schreiber  sprach  alo  das  prov.  Wort  mit  stimmhaftem 
s,  auf  das  ja  auch  die  Schreibung  forteza,  die  Raynouard  111, 
375  und  Levy  III,  572  je  einmal  belegen,  hindeutet;  darnach 
schrieb  ja  auch  Levy  im  Wörterb.  forteza.  Da  nun  d 
gewöhnlichen  Annahme  im  Prov.  intervokales  */'  immer  stimm- 
losen und  inter vokales  tj  immer  stimmhaften  Laut  ergab, 
wäre  für  das  prov.  Wort  -itia  sicher.  Allein  einerseits  verzeichnet 
Levy  neben  forteza,  fortesa  auch  ein  fortessa  in  dem  mir  nicht  zu- 
gänglichen Rec.  gascon  18,  Z.  10,  wo  es  doch  nur  das  stimm] 
meinen  kann,  so  daß  nach  der  gewöhnlichen  Annahme  m 
fortitia  im  Prov.  ein  forticia  vorhanden  sein  müßto,  andererseits 
hat  Horning,  Zs.  25,  736  gezeigt,  daß  auch  inten  /  im 

Prov.  in  halbgelehrten  Wörtern  stimmhaftes  s  ergeben  kann, 
u.  zw.  durch  den  Hinweis  auf  das  neuprov.  Suplesi,  Soumplesi 
aus  Sidpicius,  das  nach  dem  Wörterbuch  von  Georges  nur  mit 
ei  erscheine.  Darnach  könnte  also  auch  forteza  -icia  enthalten. 
Wegen  des  Nebeneinanders  von  -esa  und  -essa  im  Prov.  s.  Horning, 
Zs.  18,  241,  auch  24,  553  f.  zu  prov.  arbousso.  Kurz,  auch  das 
prov.  Wort  entscheidet  die  Frage  nicht  mit  Sicherheit.  S  i  bleibt 
noch  das  ital.  fortezza  „Festigkeit"  und  „Festung"  übrig.  Dieses 
kann  nur  -itia  enthalten,  da  -icia  bekanntlich  -eecia  ergeben  hätte 
und  kein  Grund  vorliegt,  fortezza  für  ein  Lehnwort  aus  dem  Nord- 
italienischen  oder  gar  dem  Sizilianisch-Kalabresischen  zu  halten, 
wo  kj  ts  ergab.  Dies  ist  zwar  auch  eine  Annahme,  aber  sii  w  i 
durch  die  gesicherte  Tatsache  begründet,  daß  die  groß.'  M 
der  Wörter  der  ital.  Schriftsprache  den  toskanischen  Lautstand 
zeigen;  das  Vorhandensein  eines  nicht  toskanisrlien  müßte  durch 
den  bewiesen  werden,  der  ihn  behaupten  würde.  Hingegen  wan- 
dle -itia,  nicht  icia  für  fortece  sichernde  Annahme,  daß  fortece 
nicht  über  fortrece  aus  forterece  entstanden  sein  könne  ihm!  daß 
bei  der  Sippe  die  abstrakte  Bedeutung  älter  als  die  konkrete 
«ein  müsse,   durch   keine   Tatsache   begründet;   deshalb    konnte 


1  Jos<i   Bruch. 

oben  für  das  altfranz.  fortece  allein  das  Vorhandensein  von  -itia 
Dicht  als  sicher  bezeichnet  werden.  Da  nun  aber  das  altfranz. 
fortece  und  das  prov.  forteza  -itia  enthalten  können,  das  ital. 
fortc::<i  es  enthalten  muß,  andererseits  sowohl  das  franz.  und  das 
pmv.  wie  das  ital.  Werl  die  abstrakte  Bedeutung  „Kraft"  tat- 
Bächlich  aufweisen,  so  müssen  auch  das  franz.  und  das  prov. 
\\.  1 1  -itia  enthalten,  u.  zw.  nach  der  allgemeinen  Regel,  daß 
in  verschiedenen  rom.  Sprachen  auftretende  Wörter  gleichen 
Sinns,  die  der  gleichen  etymoL  gischen  Grundlage  fähig  sind, 
von  einander  etymologisch  nicht  getrennt  werden  dürfen.  So  ent- 
halten denn  altfranz.  for'ece,  prov.  forteza  gewiß  -itia.  Sie  gehen 
wohl  zusammen  mit  ital.  fortezza  auf  ein  schon  vulgärlat.,  über 
Gallien  und  Italien  verbreitetes  fortitia  zurück.  Wer  aber  an- 
nimmt, daß  das  ja  in  den  drei  Sprachen  noch  lebendige  Suffix 
an  das  überall  vorhandene  Adjektiv  selbständig  angefügt  worden 
sei,  gibt  zwar  das  aus  der  etymologischen  Zusammengehörigkeit 
von  fortece  und  fortezza  gewonnene  Argument  für  das  Vorhanden- 
sein von  -itia  in  fortece  auf,  muß  aber  doch  auch  im  Ausgange 
von  fortece  altes  -itia  sehen,  weil  eben  nur  -ece  aus  -itia  im  Franz. 
produktiv  war,  nicht  aber  ein  -ece  aus  -icia;  dieses  war  nur  in 
-aricia  im  Franz.  lebendig.     Soviel  sei  über  fortece  gesagt. 

Nunmehr  sei  die  längere  Form  besprochen.  Da  erhebt  sich 
zunächst  die  Frage,  ob  die  Form  mit  /  älter  sei,  wie  G.  Paris  a.  a.  O. 
glaubte,  oder  die  mit  r.  Paris  kam  zu  seiner  Ansicht  c  ffenbar 
wegen  der  Übereinstimmung  des  prov.,  span.,  port.  fortaleza, 
rum.  fortäletä.  Was  zunächst  das  Prov.  betrifft,  so  wies  Thomas 
a.  a.  0.  ein  neben  fortaleza  stehendes  fortareza  nach.  Das  span. 
fortaleza  w'rd  man  wegen  des  erhaltenen  /  mit  Meyer-Lübke, 
Wörterb.  für  ein  Lehnwort  aus  dem  Prov.  halten.  Man  könnte 
zwar  das  /  durch  Einfluß  von  fuerte  erklären  wollen;  aber  wrarum 
sollte  gerade  bei  fuerte -fortaleza  der  Zusammenhang  so  stark 
gefühlt  worden  sein,  daß  der  Anlaut  des  einen  nach  dem  des 
anderen  umgestaltet  worden  wäre,  da  dies  doch  bei  fuego  -  hogar, 
fuente  -  altspan.  hontana  nicht  eintrat  ?  Wenn  man  aber  einmal 
das  span.  Wort  für  entlehnt  hält,  wird  man  auch  port.  fortaleza 
dafür  ansehen.  Das  rum.  fortäletä,  das  G.  Paris  noch  anführt, 
kann  ich  nirgends  finden  und  Tiktin  antwortet  mir  freundlichst 
auf  eine  Anfrage,  auch  er  wisse  nicht,  in  welchem  obskuren  Werke 
G.  Paris  sein  fortaleta  gefunden  habe;  gebräulich  sei  es  jedenfalls 
nie  gewesen.  Tiktin  kennt  nur  fortereta,  fortäretä,  aus  der  heutigen 
Sprache  nur  fortareätn,  das  um  die  Mitte  des  19.  Jahrhs.  auf- 
gekommen sei,  auf  franz.  forteresse  beruhe,  jetzt  wieder  vor 
cetate  im  Rückgang  begriffen  sei.  Da  rum.  fortäreatä  ein  junges 
franz.  Lehnwort  ist,  so  fehlt  es  auch  im  Wörterb.  Tiktins  nach 
dem  vom  Buchstaben  e  an  befolgten,  in  der  Vorrede  zum  2.  Bande 
ausgesprochenen  Grundsatze,  jüngere  Entlehnungen  aus  dem 
Franz.  beiseite  zu  lassen.  Aus  dem  Grunde  der  jungen  Entlehnung 


Etymologisches.  \    \ 

fehlt  fortareata  natürlich  auch  in  Cihacs  In  ct.  d'itymologie  daco- 
romane  I,  elements  latins  und  in  Puscarius  Wörterb.  1,  l.ni.  Element. 
Damit  sind  die  Momente  beseitigt,  die  G.  Paris  zum  Vnsatze 
eines  vulgärlat.  fortalicia  veranlaßten.  Wie  der  Ansatz  der  hin- 
reichenden Gründe  ermangelt,  so  entbehrt  die  Begründung  der 
von  ihm  angenommenen  vulgärlat.  Bildung  jeglicher  Wahrschein- 
lichkeit. Er  hält  fortalicia  für  den  Plural  von  fortalicium  und  dies 
für  eine  Bildung  aus  fortis  nach  dem  Muster  vi  in  sodalicium 
spoiisalicium.  Diese  Erklärung  müßte  man,  auch  wenn  ein  vulgär- 
lateinisches  fortalicia  gut  begründet  wäre,  ablehnen,  da  beide 
Wörter  der  Bedeutung  nach  sehr  ferne  stehen  und  das  eine  gar 
nicht,  das  andere  nur  als  gelehrtes  W<  rt  im  Rom.  lebt,  da  somit 
der  Volkssprache  beide  wohl  fehlten  und  keine  volkstümliche 
Bildung  herverrufen  konnten;  dies  müßte  aber  fortalicia  du  ch 
sein.  Nachdem  so  das  Etymon  von  G.  Paris  beseitigt  ist,  wird 
man  ohne  weiteres  prov.  fortaleza,  altfranz.  fortelcce  für  jünger 
und  erst  aus  fortareza,  forterece  entstanden  betrachten,  du  die 
Dissimiltion  von  r-r  zu  r-l  eine  ganz  gewöhnliche  Sache  ist.  Nun- 
mehr haben  wir  uns  nur  mehr  mit  altfranz.  forterece,  neufranz. 
forteresse  und  prov.  fortaresa  zu  befassen.  Ist  forterece  wirklich 
über  fortrece  aus  fortece  entstanden,  wie  TV  bler  meinte?  I» 
Auffassung  wird  meines  Erachtens  durch  die  parallele  Bildung 
secheresse  unmöglich  gemacht.  Dieses  Wort,  altes  secherece,  das 
nicht  so  wie  forterece  aus  fortece  aus  dem  daneben  stehenden 
sechece  hergeleitet  werden  kann,  hat  prov.  secaresa  zur  Seite  ganz 
wie  forterece  fortaresa  und  diese  verhalten  sich  zu  fort  genau  so 
wie  secherece,  secaresa  zu  sec.  Beide  Wortpaare  zeigen  —  ob  ur- 
sprünglich oder  nicht,  ist  jetzt  noch  nicht  zu  erörtern  —  in  beiden 
Sprachen  die  abstrakte  Bedeutung  (,, Trockenheit"  und  „Festig- 
keit") und  wrie  franz.  forteresse  daneben  den  festen  Ort  bezeichne  t, 
so  benennt  prov.  secaresa  daneben  den  trockenen  Ort.  Secheresse 
wellte  Meyer-Lübke,  Rom.  Gramm.  II,  399,  nachdem  er  eine  andere 
Erklärung  selbst  abgelehnt  hat,  zweifelnd  als  Anlehnung  an  secherie 
auffassen.  Diese  Ansicht  scheitert  meines  Erachtens  daran, 
daß  im  Altprov.  neben  secaresa  kein  secaria  bezeugt  ist.  Um  sie 
aufrecht  zu  erhalten,  müßte  man  secaresa  für  entlehnt  aus  secl/< 
halten,  so  wie  man  ja  bei  Toblers  Auffassung  von  forterece  pr<  \ . 
fortaresa,  fortaleza  als  aus  forterece  entlehnt  ansehen  muß.  Dabi  i 
würde  ich  -aresa  aus  -erec  nicht  durch  Provenzalisierung,  als<  i  durch 
das  Bewußtsein,  daß  dem  franz.  unbetonten  e  gewöhnlich  ein 
prov.  a  entspreche,  erklären,  u.  zw.  deshalb  nicht .  weil  das  Pr<  \ . 
ja  auch  ein  zwischentoniges  e  hatte,  das  franz.  e  zudem  in  den  aus 
dem  Norden  entlehnten  Formen  bachelier,  merevilha,  merevilhar 
neben  bodenständigen  bacalar,  meravelhar  (Karch.  DU  nordfranz. 
Elemente  im  Altprov.,  13)  bewahrte;  vielmehr  würde  ich  -aresa 
durch  Anlehnung  an  die  von  Thomas,  Nouveaux  essais,  88  ff. 
als  prov.  Ortsnamen  belegten  Typen  cabrareza  „Ort  mit  Ziegen", 


140  Josef   Bruch. 

calmareza  ..<  >rt  mit  dem  öden  Land"  u.  a.  erklären,  an  die  fortareza 
ber  Ort",  secareza  „trockener  Ort"  leicht  angelehnt  werden 
konnten. 

Da  Tublers  Auffassung  von  forterece  durch  secherece  widerlegt 
wird,  bo  wird  man  beide  und  dazu  die  prov.  Wörter  fortaresa, 

-,  sa  für  selbständige  Ableitungen  von  fort,  sec  halten.  Über 
di<'  Art  der  Ableitung  ist  noch  einiges  zu  sagen. 

Zunächst  erhebt  sich  die  Frage,  ob  -ece  in  forterece  auf  altes 
-itia  zurückgehe,  wie  Meyer-Lübke  Rom.  Gramm.,  II,  520  ohne 
weiteres  annahm,  oder  auf  -icia,  wie  Thomas  der  Ansicht  ist. 
Auch  hier  weist  meines  Erachtens  secherece  dem,  der  es  für  ganz 
bo  wie  forterece  gebildet  hält,  den  Weg.  Es  hat  ital.  seccareccia, 
secchereccia  „Dürre"  zur  Seite.  Man  hat  keinen  Grund  und  daher 
auch  kein  Recht,  es  für  toskanisiert  und  entlehnt  aus  prov. 
secaresa  zu  halten.  Man  darf  hierfür  nicht  das  erste  a  der  Form 
seccareccia,  das  allerdings  der  florentinischen  Mundart  nicht  ent- 
spricht, geltend  machen;  die  Form  mit  a  kann  aus  der  Gegend  von 
Siena  bezogen  sein,  wo  a  regelrecht  ist  (Hirsch,  Zs.  9,  529).  Direkt 
gegen  die  Annahme  einer  Entlehnung  und  für  die  Bodenständig- 
keit von  secchereccia  spricht  seccaia  „Vertrocknen",  das  auf  jeden 
Fall  echt  ital.  ist,  weil  es  -aia,  nicht  das  doch  im  Ital.  häufige 
-iera  zeigt.  Das  durch  seccaia  verlangte  siccaria  aber  bildet,  wie 
wir  bald  sehen  werden,  die  Grundlage  für  seccareccia  so  wie  prov. 
sequiera  die  für  secaresa.  Da  also  seccareccia,  secchereccia  boden- 
ständig ist  und  schon  wegen  der  Parallele  seccaia  -  sequiera  prov. 
secaresa  davon  etymologisch  nicht  getrennt  werden  darf,  so  ist 
der  Typus  siccaricia,  nicht  siccaritia  gesichert.  Zu  -7cia,  nicht  zu 
-itia  stimmt  auch  -icia  in  sequerisso  zu  Bordeaux  (Mistral  unter 
secaresso\  dessen  i  freilich  zur  Not  durch  nicht  volkstümliche 
Entwicklung  von  -itia  erklärt  werden  könnte,  ferner  -Tcius  in 
ital.  secchericcio  „trockener  Zweig".  Durch  -icia  in  secherece  wird 
nun  nach  unserer  Auffassung  -icia  auch  für  forterece  gesichert. 
Da  nun  -er-  von  -erece,  -ar-  ar  von  -aresa  auf  ar  weisen,  so  ist  der 
von  Thomas  ohne  weitere  Erörterung  angesetzte  Ansgang  -aricia 
gegen  Tobler,  Meyer-Lübke  und  G.  Paris  begründet,  gegen  den 
letzten  insofern,  als  er  ja  mit  Tobler  ein  fortitia  für  fortrece,  forterece 
neben  seinem  fortalicia  annahm. 

Dieses  -aricia  bedarf  nun  gerade  in  forterece  -  fortaresa, 
secherece  -  secaresa  gar  sehr  einer  weiteren  Begründung,  an  die 
Thomas  nicht  dachte.  Wenn  man  nämlich  seine  reiche  Liste  der 
Bildungen  auf  -aricius,  -aricia  durchsieht,  so  findet  man  außer 
unseren  zwei  Wörtern  nur  noch  ein  von  einem  adjektivischen 
Stamm  abgeleitetes  Wort,  nämlich  longueresse  „rechtwinkliges 
sehr  verlängertes  Prisma,  das  man  in  die  Schieferbrüche  schneidet, 
um  den  Schiefer  leichter  abzuheben."  Zu  diesem  Wort  bemerkt 
Thomas,  Nouveaux  essais  91:  longueresse  parait  s'etre  substitue 
o  longuesse.  Mozin  ne  connait  que  ce  dernier.  Darnach  ist  longueresse 


Etymologisches.  I  ;  | 

ein  unsicherer  Fall;  es  kann  meines  Erachtens  Kreuzung  des 
alteren  longuesse,  das  Mozin  als  „partie  de  la  cariire  dFardoise 
qu'un  oiwrier  Kamille"  erklärt,  mit  longuerine,  longrine    Wandrul 

(als  Ausdruck  der  Bergbaukunde)  sein.  So  bleiben  als  sichere 
Ableitungen  von  Adjektiven  mit  -aricia  nur  forteresse  siehe) 
übrig.  Dies  ist  sehr  auffällig  bei  der  großen  Zahl  der  sonstigen 
Bildungen  mit  diesem  Suffix.  Weiter  ist  die  in  Altfranz  und 
Altprov.  bei  beiden  Wörtern,  im  Neufranz,  noch  bei  sicheresse 
erhaltene  abstrakte  Bedeutung  der  beiden  Wörter  etwas  bei  den 
Ableitungen  mit  -aricius,  -aricia  Ungewöhnliches.  Zwar  sagl 
G.Paris,  Rom.  25,  621,  daß  fortelece  niemals  den  einfach  abstrakten 
Sinn  habe,  den  fortece  aufweise.  Allein  auch  wenn  man  von  dem 
Belege,  den  Godefroy  IV,  99  für  fortelesce  in  der  Bedeutung 
„force'  gibt,  nämlich  von  der  Stelle  in  Beneeits  Ducs  de  Norm 
II,  5513,  wo  mir  die  Bedeutung  „force"  keineswegs  sicher  scheint^ 
absieht,  so  ist  ja  forterece,  aus  dem  fortelece  durch  Dissimilation 
hervorging,  mit  dem  es  also  etymologisch  identisch  ist,  mehrfach 
in  der  abstrakten  Bedeutung  „Kraft"  belegt.  Dies  war  G.  Paris 
wohl  bekannt,  bewies  ihm  aber  nichts  für  fortelece,  da  er  dieses 
von  forterece  etymologisch  trennte.  Außerdem  ist  das  von  fortelt  ce 
etymologisch  jedenfalls  nicht  zu  trennende  prov.  fortaleza  in  der 
Bedeutung  „Kraft"  belegt  (Levy).  Während  also  forterece, 
secherece  und  ihre  prov.  Entsprechungen  neben  konkreter  auch 
abstrakte  Bedeutung  zeigen,  bezeichnen  die  zahlreichen  von 
Thomas  angeführten  Bildungen  mit  -aricius,  -aricia  fast  alle  eine 
Anwendung  des  durch  das  Grundwort  ausgedrückten  Begriffs 
auf  das  wirkliche  Leben ;  nur  7  Wörter  benennen  so  wie  forterece 
„Stärke",  secherece  „Trockenheit"  die  durch  das  Grundwort  be- 
zeichnete Idee  als  Begriff  substantiviert,  nämlich  die  altfranz. 
Wörter  bruierece  „das  Lärmen",  chaplerece  „das  Niedermetzeln", 
crierece  „das  Schreien",  croisserece  „das  Knirschen",  retenterece 
„das  Widerhallen",  traierece  „das  Ziehen"  und  das  moderne 
saintongeois  battfejresse  „action  d'un  epluie  violente  et  surtout  <l< 
la  grele  battant  le  sol  et  les  recolles",  also  „das  Aufschlagen";  s. 
Thomas,  Nouveaux  essais  107  f.,  110.  Von  diesen  Verbalabstrakten 
wird  unten  die  Rede  sein. 

Thomas  sagt  a.  a.  0.,  68,  daß  -erez,  -erece  nur  bei  Wörtern 
erscheine,  die  schon  -ier  enthalten,  und  Meyer-Lübke  bemerkt 
in  der  Rom.  Gramm.  II,  462  von  dem  entsprechenden  ital.  Ausgange 
-ereccio,  daß  er  Bildungen  auf  -aio  {-aria)  voraussetze.  Wenn  man 
diese  Bemerkungen  als  richtig  annimmt  und  beachtet,  daß  die 
ältesten  Beispiele  von  -aricius,  -aricia  capsaricius  „durch  den 
capsarius  aufbewahrt"  und  sigillaricia  „Geschenke  zu  den  sigilla- 
ria"  deutlich  von  Bildungen  auf  -arius,  -aria  abgeleitet  sind,  so 
wird  man  -aricius,  -aricia  nicht  für  -aris  -f  -icius,  was  von  vorn- 
herein auch  möglich  wäre,  sondern  für  -arius,  -aria  -f-  -icius, 
-icia  halten.    Die  Ableitungen  von  substantivischen  Stämmen  mit 


1 12  Jo  '  I   Bruch. 

-aricius,  -aricia  sind  ohne  weiteres  bogreiflich,  da  ja  -arius,  aria% 
-iiriuin  ganz  gewöhnlich  an  Bolche  Stämme  antreten.  Auch  die 
Ableitungen  konkreter  Bedeutung  von  Verbalstämmen  mit 
-aricius,  -aricia  erklären  sich  aus  den  freilich  weder  von  Meyer- 
Lübk<'  noch  von  Nyrop  beachteten  Nomina  agentis  auf  -ier  wie 
alt  franz.  balochere  „baloneoire"  (wegen  der  Bedeutung  vgl. 
ose  „Schaukelstuhl"),  corrier  „courrant",  emparlier  „avocat", 
prov.  eslenegier  ,,qui  glisse",  malparlier  „medisant",  auch  parlier 
„parleur",  mondier  „vanneur",  noiriguier  „nourrisseur",  noirisier 
„preeepteur",  perseverier  „perseverant",  revendiera  „revendeuse", 
frisier  ,,tisserand",  voguier  „rameur",  katal.  saquer  ,,wer  den  ersten 
Ball  wirft",  span.  lagotero  „schmeichlerisch",  lambarrero  „Bumm- 
ler", mangonero  „sich  unberufen  einmischend'  ,  m  stwerp  „Aus- 
plauderer", port.  altaneiro  „hoch  hinaus  wollend",  sard.  dennegarzu 
„negatore",  um  nur  Fälle  anzuführen,  die  nicht  leicht  als  Ab- 
leitungen von  suffixlosen  Verbalsubstantiven  aufgefaßt  werden 
können.  Da  die  nomina  agentis  öfters  zur  Benennung  von  Werk- 
zeugen verwendet  wurden,  die  die  Tätigkeit  ausüben,  oder  mit 
denen  man  sie  ausüben  kann  (für  letzteres  vgl.  man  altfranz. 
cJi'itifriere  „Kochgeschirr"  und  bibiere  „Zitze"),  so  begreift  man, 
daß  viele  Wörter  mit  -aricius,  -aricia  Werkzeuge  bezeichnen. 
Nebenbei  sei  die  Beobachtung  mitgeteilt,  daß  sich  unter  den 
vielen  von  Thomas  angeführten  Ableitungen  von  Verbalstämmen 
mit  -aricius,  -aricia  nur  zwei  befinden,  die  das  prov.  Gebiet  be- 
treffen, nämlich  molin  mailharet  „Walkmühle",  das  er  S.  97  aus 
dem  Dep.  Creuse  belegt,  und  mariin-pescheret  „Eisvogel"  zu 
Montpellier,  merle-picheret  gleicher  Bedeutung  im  Limousin,  die 
er  S.  98  verzeichnet.  Da  dieses  und  mailharet  aus  dem  Grenz- 
gebiet zum  Franz.  stammen  und  einfach  aus  dem  Franz.  herüber- 
gekommen sein  werden,  martin-pescheret  aber  das  franz.  martin- 
pecheur  +  et  mit  leichter  Provenzalisierung  von  pecheur  ist,  so 
ergibt  sich  die  Feststellung,  daß  das  Prov.  mit  -aricius,  -aricia 
keine  Ableitungen  von  Verbalstämmen  bildete. 

Wie  die  von  Substantiven  und  Verben  gewonnenen  Wörter 
auf  -erece,  so  werden  auch  die  von  Adjektiven  hergenommenen 
Formen  Bildungen  auf  -ier  oder  iere  voraussetzen.  Da  gerät  man 
zunächst  in  Sorge,  wenn  man  Meyer-Lübkes  Rom.  Gramm.  II, 
509  einsieht.  Er  sagt  dort  nämlich:  Zur  Erweiterung  von  Adjek- 
tiven dient  arius  wohl  selten,  wenn  es  überhaupt  vorkommt. 
Norm,  grädye  ist  offenbar  nur  eine  Umänderung  von  altier,  das 
seinerseits  aus  ital.  altier o  entlehnt  ist.  Wenn  Meyer-Lübkes 
Angaben  zuträfen,  so  wären  forterece,  secherece  schwer  verständ- 
lich. Allein  sie  treffen  nicht  völlig  zu.  Zunächst  wurden  wie  in 
grädye  aus  Adjektiven  mit  -arius  neue  Adjektiva  gebildet.  Solche 
Fälle  sind:  die  schon  von  Nyrop  III,  123,  §  249,  I  angeführten 
Wörter  grossier,  journalier  zu  altfranz.  Journal  „täglich",  plinier, 
weiter     altfranz.     bassier     „bas",     brünier    „sombre",     doublier 


Etymolog  \  \  : 

„double",  felonier  „felon",  franckier  „franc",  gresslier  „grl  I 
mmuier   „mince",   plainier   „uni",   presentier   „pr§t",   senestrier 
„gauche",  sommier  „extreme",  tendrier  „tend       .    prov.  doblier 
„double",  egalier  „egal",  escosieramen  „clandestinement",  das  i  in 
escosier  „clandestin*'  neben  escos  „secret"  vi  raussetzt,  esquerrier 
„gaucher",    estrankier    „etranger",    estremier    „ertrgme",    gri  irr 
„tirant  sur  le  gris",  grosier  „r<  s",  maligtüer  „möchant"  zu  mal 
gleicher  Bedeutung,  megier  „mitoyen",  menurfi,  r  „menu",  mortalier 
„m<  rtel",    parier    „pareil"    zu   par   gleicher    Bedeutung,    plenier 
„plein",  riquier     „riche",  von  Levy  mit  Fragezeichen  versehen, 
senequier    „gaucher"    zu   senec,    senestrier    ,  gaucher"     travei 
„transversal"  zu  travers  gleicher  Bedeutung,  katal.  lecarder  „eifer- 
süchtig" zu  lecart  gleicher  Bedeutung,  solter  ,, ledig",  zu  soll  gleic 
Bedeutung,  somer  ,,<  berer",  span.  albero  „weiß",  bafero  „unterer", 
carero  „teuer  verkaufend",  certero  „sicher  im  Treffen", 
„Andacht  erweckend"  zu  devolo,  das  dieselbe  Bedeutung  haben 
kann,  escotero  „unbeladen"  zu  escueto  gleicher  Bedeutung,  grosero 
„r.  h",    llenero    „vollständig",    postrimero  „letzter"  zu  poslremo, 
soltero  „ledig",  travesero  „schräg"  zu  travieso  g!  leutung, 

port.  alveiro,  careiro,  cerleiro,  grosseiro,  solteiro,  wie  im  Span., 
dazu  fouveiro  „fahl",  raseiro  „flach"  zu  raso  gleicher  Bedeutung, 
san'eiro  „fromm",  tenreiro  „zart"  zu  tenro  gleicher  Bedeutung, 
allenfalls  noch  vasqueiro  „schielend"  zu  vesgo  derselben  Bedeutung. 
Weit  verbreitet  sind  leviarius,  primarius,  tertiarius  für  / 
primus,  tertius.  Weiteres  leitete  man  von  Adjektiven  mit  -ariuiti, 
-aria  vielfach  Substantiva  ab,  die  einen  Gegenstand  bezeichnen, 
welcher  die  durch  das  Adjektiv  ausgedrückte  Eigenschaft  in 
besonderem  Maße  zeigt.  Beispiele  sind  altfranz.  bassiere  „lieu 
bas,  vallee,  pc  rte  d'ecluse",  clarere  „vin  de  liqueur",  neueres  clairiire 
„Lichtung",  creusiere  „treu",  das  auch  ein  Verbalabstraktuni 
creuser  „aushöhlen"  in  der  Art  der  später  zu  besprechenden 
Bildungen  sein  könnte  (vgl.  unser  Höhlung),  gast  ere  „terrain 
inculte"  zu  gast,  hantiere  „hauteur",  hermier  „terre  inculi' 
zu  herme,  longiere  „linge  beaueoup  plus  long  que  large,  essuie-mains, 
mesure  de  terre",  plainiere  „plaine",  prov.  fres  uiera  „feuillagea 
frais",  longiera  „serviette  longue",  rogier  „garanciere",  katal.  etwa 
corder  „Lamm"  zu  lat.  cordus,  roger  „Rotzunge",  travessera 
„Querweg",  span.  acedera  ,  Sauerampfer",  albero  „Kreiden  den'  . 
amarguera  „Bitterkraut",  amarguero  „Spargel",  calvero  „unfruchl  - 
barer  B  den,  Lichtung  in  Wäldern",  cordero  „Lamm",  der e eher a 
„gerader  Weg  ",  fetidero  „Stinkbaum",  larguero  „Seitenpf  • 
longuera  „schmaler  Streifen  Feldes",  mollera  „Fontamllr,  Scheitel' 
mollero  „das  Fleischige  des  Armes",  otero  „Anhöhe",  sn/uero  und 
sequera  „trockener  B  den",  ternero  „Kalb"  zu  tierno,  pnrt.  caveira 
„T  tenk  pf,  eingefallenes  Gesicht",  outeiro,  sequeiro,  ler/nir,,  wie 
im  Span.,  dazu  ladeiro  „flacher  Teller"  zu  latus  „breit",  transnmnl. 
lenteiro  „feuchte  Erde"  zu  lento  „feucht",  ebendort  cMeiro  „Ebene" 


Jo\ef   l>riich. 

Meyei  Lübkes  Wörterb.  .  Schon  das  Latein  hatte  caldaria  „Warm- 
Eelle",  im  Rom.  dann  „Kessel",  calvaria  „Schädel",  viridarium, 
dann  viridiariwn  „Garten".  Damit  ist  Meyer-Lübkes  Behauptung, 
daß  -arius  im  Ri>m.  kaum  zur  Weiterbildung  von  Adjektiven  ver- 
wendet worden  sei,  als  nicht  zutreffend  erwiesen.  Daß  sie  nicht 
zutreffe,  wußten  er  und  alle  anderen,  die  den  mm.  Wortschatz 
kennen,  längst;  es  wurde  aber  hier  mit  Belegen  für  die,  die  ihn 
nicht  kennen  und  auf  die  Angaben  bauen  könnten,  hervorgehoben. 
Damit  wäre  ein  Ausgangspunkt  für  die  Erklärung  von  -aricia 
in  forlerece,  secherece  gewonnen.  Trotzdem  waren  etwa  wieder 
verlorene  Bildungen  wie  forlier  „fest"  und  „fester  Ort",  sechier 
„trocken"  und  „trockener  Ort"  gewiß  nicht  der  Ausgangspunkt 
von  forterece,  secherece,  sondern  die  bezeugten  altfranz.  Wörter 
fortiere,  sechiere  und  prov.  sequiera  (bei  Levy)  sowie  fortiera, 
das  zwar  bei  Levy  fehlt,  das  aber  doch  wohl  durch  ein,  wie  es 
scheint,  im  Mittellatein  Südfrankreichs  belegtes  fortera  voraus- 
gesetzt wird.  Du  Cange  III,  573  gibt  nämlich  aus  der  Hist.  Occit. 
II,  579  folgenden  für  mich  nicht  kontrollierbaren  Beleg:  castrum 
neque  forteram  seu  forteras  ....  non  aiiffcramus.  Freilich  könnte 
es  sich  auch  um  das  nach  Südfrankreich  gedrungene  und  dort 
latinisierte  altfranz.  fortiere  „Festung"  handeln.  Durch  fortiere 
fortiera,  sechiere,  sequiera  werden  für  das  Vulgärlatein  Galliens 
fortaria,  siccaria  wahrscheinlich  gemacht  und  an  diese  trat  nun 
-icia  an.  Um  erst  franz.  und  prov.  Vorgänge  kann  es  sich  nicht 
handeln,  da  das  einfache  -icia  im  Franz.  nicht  mehr  lebendig  war, 
wie  Thomas  a.  a.  0.,  S.  68  mit  Recht  bemerkt.  Ein  an  fertiges 
fortiere  angefügtes  -ece  hätte  zudem  wohl  forlier ece  ergeben;  vgl. 
poussier eux  und  Nyrop  III,  44.  Falls  longueresse  doch  nicht  aus 
longuesse  +  longuerine  entstanden  sein  sollte,  kann  es  longaricia 
sein  und  dieses  longaria  -f-  icia.  Longaria  wird  durch  prov. 
longuiera  „Länge",  altfranz.  longuiere  gestützt;  das  letztere  belegt 
Godefroy  aus  dem  Perceforest,  da  das  gedruckte  longniere  in 
longuiere  zu  verbessern  ist.  Die  Bildungen  fortiere,  longuiere, 
sechiere  in  einen  größeren  Zusammenhang  zu  stellen,  soll  in  einem 
eigenen  Artikel  über  die  rom.  Adjektivabstrakta  auf  -aria  unter- 
nommen werden,  nicht  hier,  da  es  sich  in  diesem  Falle  nicht  wie 
bei  dem  Typus  bassier  oder  wie  später  bei  den  Verbalabstrakten 
auf  -iere  um  Widerlegung  anderer,  der  hier  zu  gebenden  Beweis- 
führung hinderlicher  Ansichten  handelt.  Hier  ist  nur  noch  etwas 
über  die  Bedeutungsentwicklung  von  forteresse  zu  sagen.  Gewiß 
ist  die  abstrakte  Bedeutung  die  ältere  und  die  konkrete  aus  jener 
entstanden.  Dafür  sprechen  die  Parallelen  altfranz.  ferte  und 
fermerie,  die  beide  „Festung"  bedeuten,  altprov.  fermetat  „Festig- 
keit" und  „fester  Platz",  fermaria  „Festung",  wo  die  bekannte 
Funktion  der  Suffixe-fa/em  und  -erie,  arie,  aus  Adjektiven  Adjektiv- 
abstrakta zu  bilden,  die  abstrakte  Bedeutung  als  die  ursprüngliche 
erweist;  für  erie  wird  die  Funktion  durch  alle  von  Nyrop  III,  183 


Etymologisches.  1  r. 

§  395,  1  angeführten  Beispiele  mit  Ausnahm«  von  vieillerie  er- 
wiesen. Auch  ital.  fortezza,  nieder],  ueste  und  unser  Feste,  das  uooh 
im  Mittelhochdeutschen  auch  die  Festigkeit  bezeichnet« 

den  Übergang  von  „Festigkeit"  zu  „Festung". 

Zum  Schluß  sei  noch  die  Bildung  der  oben  angeführten 
7  Wörter  bruierece,  c/utplerece,  crierece,  croisserece,  retentt 
traierece,  batteresse  besprochen,  die  die  durch  das  Verb  au 
gedrückte  Handlung  als  solche  bezeichnen.  Zunächst  isl  zu  bi  • 
achten,  daß  bruierece,  crierece,  croisserece,  retentereo  einerseits, 
batterece,  chaplerece  andererseits  Begriffsgruppen  bilden.  Der 
Ausgang  wurde  offenbar  von  zwei,  drei  Musterwörtern  aus  auf 
andere  übertragen,  allerdings  ohne  je  große  Verbreitung  zu  finden. 
Weiteres  ist  zu  beachten,  daß  sie  mit  einer  Ausnahme  alle  auf 
engem  Gebiete,  nämlich  in  Südwestfranz,  auftreten.  Godefroy 
belegt  bruierece  aus  dem  Ovide  moralise,  chaplerece  aus  Beneeits 
Ticjaroman,  crierece  aus  den  beiden  genannten  Werken  und  aus 
denMakkabäern  Gautiers  de  Bclleperche,  croisserece  aus  dem  Troja- 
roman,  retenterece  steht  ebendort  V.  8552  im  Reim  zu  chaph 
und  traierece,  das  Godefroy  nur  in  der  Bedeutung  „celle  qui  tire" 
kennt,  hat  die  sichere  Bedeutung  „das  Ziehen"  im  Tnjamman 
7392,  9497  [:blece\  15  892.  Die  altfranz.  Wörter  erscheinen  also 
bei  Beneeit  aus  Sainte-Maure  bei  Tours,  bei  Gautier  aus  Bclle- 
perche bei  Laon  und  im  Ovide  moralise,  dessen  Verfasser  an  einer 
von  Thomas,  Rom.  22,  271  angeführten  Stelle  gegen  den  clers  de 
Sainte  More  auftritt,  also  Beneeit  kannte  und  seine  bruierece, 
crierece  wohl  von  ihm  übernahm.  Dazu  kommt  batteresse  aus  der 
heutigen  Mundart  der  Saintonge.  Wenn  man  von  crierece  bei 
Gautier  absieht,  der  es  übrigens  auch  aus  dem  berühmten  Ticja- 
roman bezogen  haben  kann,  so  begegnet  -ece  im  Verbalabstraktum 
nur  in  den  Landschaften  Touraine  und  Saintonge.  Ob  dies  eini 
weiter  reichende  Ursache  hat  oder  nicht,  weiß  ich  nicht.  Nunmehr 
sei  die  Bildung  dieser  Verbalabstrakta  noch  einiger  erklärender 
Bemerkungen  gewürdigt.  Die  Formen  gingen  von  kürzeren  auf 
-iere  aus,  die  allerdings  nur  in  einem  Falle  durch  die  Überlieferung 
bezeugt  sind,  nämlich  in  escriere  „Geschrei",  aus  dem  ein  ein- 
faches criere  leicht  erschlossen  werden  kann;  aber  das  Vorhanden 
6ein  der  Ableitungen  auf  -iere  von  den  anderen  Verben  darf  aus 
der  Existenz  der  gleichen  Bildung  bei  8  anderen  Zeitwörtern  mit 
Wahrscheinlichkeit  entnommen  werden.  Es  sind  dies  die  alt- 
franz. Wörter  dreciere  „Richtung",  eissiere  „Ausgang",  gagiere 
„Verpflichtung",  dazu  contregagiere  „Repressalie"  von  conlre- 
gagier  „mit  gleichem  vergelten",  laviere  „lavure",  pensiere  „ Ge- 
danke", prisiere  „Schätzung",  remontiere  „Nachmittag",  eigent- 
lich wie  remontee  „Nachmittag"  die  „heure  de  relevee"  bedeutend, 
endlich  saigniere  „Aderlaß".  Das  Prov.  hat  acabiera  „Vollendung", 
cremiera  „Brandschaden",  dresiera  „Richtung",  eschamnhiera  „Aus- 
tausch", gatgiera  „Verpflichtung";  aus  dem  Neuprov.  seien  mit 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.    XLV*/1.  1° 


1  ',»,  Jos  f  Brück. 

Rücksicht  auf  späteres  cagueiro,  cagairo,  caguero  „Durchfall", 
dazu  -cagarello  gleicher  Bedeutung  und  pisseiro  „Drang  zum 
Harnen"  aus  Mistral  I,  416  und  II,  583  angeführt.  Die  Not- 
wendigkeit, die  Zurückführung  des  -iere,  -iera  dieser  Verbal- 
abstrakta auf  -aria  gegenüber  anderer  Ansicht  zu  verteidigen, 
zwingt  Beispiele  aus  anderen  rem.  Sprachen  anzuführen.  Das 
Katalanische  hat  cacera  „Treibjagd",  caguera  „Drang  zum 
Scheißen",  casera  „Heiratslust",  dressera  „Richtweg ",  manquera 
„Fehler",  petera  „Drang  zum  Furzen",  ploranera  „Weinerlichkeit", 
pixera  „Harndrang".  Das  Spanische  hat  gaguera  „das  Stottern", 
cansera  „Belästigung",  drecera  „Reihe,  Häuser,  Bäume",  zunächst 
wohl  „Richtung",  pedorrera  „Gefurze",  pelotera  „Streitigkeit", 
perderas  „Ablaß  für  Wallfahrten",  (s.  u.\sementera  „Saat",  sonera 
und  so'tarrera  „Schlaflust".  Das  Portugiesische  sagt  raleira  „das 
Reiben",  ronqueira  „das  Röcheln",  torreira  „sengende  Glut".  Aus 
dem  Italienischen  sind  cacaia,  das  Petrocchi  aus  Annibal  Caro  belegt, 
dazu  cacaiuola  „Scheißerei"  und  sonnaia  „Schläfrigkeit",  aus  dem 
Sardischen  Spanos  cagaredda  „diarrea"  anzuführen.  Wenn  man 
zunächst  nur  die  altfranz.  und  prov.  Verbalabstrakta  auf  -iere, 
-iera  betrachtet,  so  denkt  man  sogleich  an  die  denselben  Sprachen 
angehörenden  Verbalabstrakta  auf  -ier,  die  Meyer-Lübke,  Rom. 
Gramm.  II,  513  und  Thomas,  Nouveaux  essia  110  ff.  besprochen 
haben;  den  Listen  von  Thomas  S.  116  f.  kann  man  übrigens 
altfranz.  gibier  „action  de  se  demener",  tranchier  „tranchee", 
votier  „volonte",  prov.  embarguier  „embarras",  das  Themas  zwar 
S.  118  aus  dem  Bearnischen  belegt,  das  aber  in  seiner  Liste  der 
altprov.  Beispieie  fehlt,  dann  pejurier  „empirement",  poiriguier 
„pourriture"  von  poirigar,  daneben  poridier  mit  dem  d  von 
poirideza,  hinzufügen.  Diesem  -ier  legen  Meyer-Lübke  und  Thomas 
-erium  zugrunde  und  nehmen  wegen  der  Lautf>rm  Einfluß  von 
-ier  aus  -arium  an.  Wenn  diese  Ansicht  richtig  wäre,  wenn  also 
-ier  der  Verbalabstrakta  auf  lat.  -erium  zurückginge,  so  würde 
man  das  in  gleicher  Funktion  verwendete  -iere  auf  -eria,  den 
Plural  von  -erium  zurückführen  und  nicht  auf  lat.  -aria.  Allein 
-aria,  nicht  -eria  wird  durch  italienisches  -aia,  durch  sardisches 
cagaredda,  das  ebenso  wie  neuprov.  cagarello  ein  -arella  aus  -aria 
4-  -ella  bietet,  und  durch  katalanisches  -era  erwiesen,  das  zu 
quera  „Holzwurm"  aus  caria  ;für  caries  ,  nicht  zu  fira  „Jahrmarkt" 
aus  feria  stimmt.  Danach  wird  man  wml  auch  -ier  auf  -arium 
zurückführen  und  ital.  -io  abtrennen.  Es  scheint,  daß  im  V>  lks- 
latein,  u.  zw.,  wie  die  Sphäre  der  Begriffe  „scheißen,  pissen, 
furzen"  zeigt,  in  den  untersten  Schichten  der  Brauch  bestand, 
aus  Verbalstämmen  mit  -arium,  -aria  nomina  acti  nis  zu  bilden, 
daß  aber  das  Suffix  in  dieser  Funktion,  wohl  deshalb  weil  es  von 
den  untersten  Schichten  gebraucht  wurde,  durch  den  Einfluß 
mittlerer  und  höherer  Kreise  bald  wieder  abkam.  Wahrscheinlich 
entstand  -arium  durch  einen  der  späteren  Flexion  des  Infinitivs 


lUymolog'sches.  I  17 

analogen  Vorgang,  durch  Anfügung  von  -iwn  aichl  wie  im  Lat. 
an  den  Stamm  (contagium\  sondern  an  den  Infinitiv  auf  -ort. 
So  bildete  man  aus  per-dare  „vergeben"  (=  perdonare  i  ium 
perdarium,  dazu  den  Plural  perdaria,  der  als  Singular  gefafil  und 
mit  dem  Plural-*  versehen  span.  perderas  „Ablaß"  ergab.  Am 
diesem  so  belegten  und  erklärten  -aria  -f-  -icia  erwuchs  -aricia 
und  daraus  altl'ranz.  -erece.  Ebenso  entstand,  wie  Doch  bemerkt 
sei,  im  Prov.  aus  -arium  +  -icium  ein  -aricium,  -eritz.  Ncl.cn 
chaplier  „abatage"  steht  chapleritz  gleicher  Bedeutung,  das  Lew  1, 
250  aus  der  Geschichte  des  navarrischen  Krieges  3093,  3098  belegl . 
Da  er  chaplier  aus  demselben  Werke  44G3,  4954  und  aus  dem 
zweiten  Teile  der  Albigenserclm  nik,  der  bekanntlich  manche 
sprachliche  tbereinstimmungenmitder  Geschichte  des  navarrischen 
Krieges  zeigt,  belegt,  so  ist  die  innige  Beziehung  zwischen  -ier 
und  -eritz  in  diesem  Falle  durch  die  Überlieferung  erwiesen  und 
indirekt  der  ven  uns  angenommene  Zusammenhang  zwischen 
altfranz.  -iere  und  -erece  im  Verbalabstraktum  gestützt.  Das 
Suffix  -icius  trat,  chne  die  Bedeutung  viel  zu  ändern,  an  das 
fertige  Verbalabstraktum  auf  -aria,  -arium  an,  so  wie  es  im  Typus 
chapleilz,  capladitz  an  das  fertige  nrmen  aeth  nis  auf  -ata  sich  an- 
fügte oder  wie  in  katal.  cruixidera  , Verschlagenheit"  (daneben 
in  gleicher  Bedeutung  cruiximent,  also  Verbalabstraktum  von 
cruixir\  in  span.  buenas  absolvederas  ,,grc  ße  Bereitwilligkeit, 
k  szusprechen",  despachaderas  „rasche  Abfertigung",  lloradera 
„das  Weinen",  in  pert.  brincadeira  „Scherz",  choradeira  „Weinen", 
enseccadeira  „Abenddämmerung")1",  -aria,  das  eben  besprochene 
Suffix  für  Verbalabstrakta,  an  -ata,  -ita,  den  bekannten  anderen 
Ausgang  für  Verbalabstrakta,  antrat. 

Josef  Bruch. 


Ufoch  einmal  über  IVas.  parel/e. 

In  ZfSL.  422,  102  habe  ich  frz.  parelle,  neuprov.  pana 
kat.  paradella,  panadella  „Ampfer"  aus  *palateUa  und  dieses 
durch  gegenseitige  Umstellung  des  l  und  p  aus  *lapathella  ent- 
stehen lassen.  Diese  Herleitung,  die  übrigens  für  frz.  parelle  und 
kat.  paradella  schon  von  Baist,  ZrP.  5,  560  und  darnach  \  i  n 
Scheler  bei  Diez,  5,  808  und  im  Dict.  etym.  franc.,  377,  wenn 
auch  mit  Ablehnung,  in  Erwägung  gezogen  wurde,  ist  vi  n  Gamill- 
scheg  und  Spitzer,  Die  Bezeichnungen  der  „Klette'  im  Gallo- 
romanischen,  10  Anm.  2  abgelehnt  worden  u.  zw.  mit  den  W<  rten : 
„Ebenso  scheitert  das  Silbenverschiebespiel,  das  Bruch,  Zeitschr. 
f.  frz.  Spr.  42-',  102  treibt,  um  frz.  parelle,  kat,  paradella,  aeupi 
panadella  ans  *lapathella,  *palalella  etc.  zu  erklären,  an  der 
Glossenform  parada".    Hierzu  sei  einiges  bemerkt.     Das  „Sil] 

])  Das  Port,  zeigt,  daß  es  sich  im  Span,  nicht  um  -atoria  handelt. 

10* 


Josef    Urach. 

hiebespiel",  das  ich  getrieben  haben  soll,  bestand  in  der 
Annahme  der  gegenseitigen  Umstellung  von  /  und  p  in  Hapathella. 
Eine  solche  gegenseitige  Umstellung  zweier  einander  nicht  be- 
rührender Konsonanten  wird  von  D.  Behrens,  Über  reziproke 
Metathese  im  Romanischen,  23  ff.  und,  hier  mit  weiter  ver- 
breiteten  Fällen,  9!  f.,  von  Meyer-Lübke,  Rom.  Gramm.  I,  483; 
GGr.  I-,  681;  Frz.  Gramm.  I*/s,  175;  Einf.  '-,  156  f.,  von  Cornu, 
GGr.  I2,  996,  insbesondere  mit  Formen  aus  den  Mundarten  Frank- 
reichs von  D.  Behrens,  Beitr.,  497  a  vielfach  belegt.    Somit  habe 

ine  Erscheinung,  die  bei  einer  größeren  Anzahl  rom.  Wörter 
sicher  vorliegt,  für  ein  weiteres  Wort  angenommen.  Ob  man  dies 
ein  ,, Spiel  treiben"  nennen  kann,  mögen  andere  entscheiden. 
Nunmehr  sei  der  sachliche  Einwand  besprochen,  nämlich  das 
Glossenwort  parada.  Es  steht  Cgll.  III,  592,  31;  594,  5;  613,  63; 
615,  63;  626,  9;  627,  56.  Alle  Belege  gehören  demselben  Glossar 
an  und  je  drei,  nämlich  592,  31;  613,  63;  626,  9  einerseits  und 
594,  5;  615,  63;  627,  56  andererseits  derselben  Stelle  des  Glossars, 
das  von  Goetz  noch  drei  Hss.  dreimal  abgedruckt  wurde,  weil 
deren  verschiedene  Lesungen  nicht  gut  im  Variantenapparat 
untergebracht  werden  konnten  (Praefatio,  XXXIII».  Die  drei 
Belege  der  an  zweiter  Stelle  angeführten  Gruppe  sind  ferner 
nur  Umkehrungen  der  ersten  Gruppe.  Ob  man  unter  diesen  Um- 
ständen von  einem  „wiederholt  lappacium  glossierenden  parada' 
sprechen  darf,  wie  dies  G.  und  S.  tun,  mögen  andere  entscheiden. 
Das  Glossar,  in  dem  parada  vorkommt,  kann  man  nach  dem 
Anfangsw.  rte  Anesus-Glrssar  nennen.  Parada  ist  Rückbildung 
aus  rom.  *paradella,  das  durch  Dissimilation  und  Erweichung  des 
inter vokalen  t  aus  *palatella  entstanden  ist.  Damit  die  Annahme 
einer  Rückbildung  nicht  etwa  als  Silbenabschneidespiel  aufgefaßt 
werde,  sei  außer  auf  die  Ro.  Gramm.  Meyer-Lübkes  II,  401  noch 
auf  die  Artikel  seines  Wbs.  hingewiesen,  in  denen  Rückbildungen  an- 
genommen werden,  nämlich  auf  die  Nummern  1031,  113'  3,  120,  418, 
444,  450,  524,  700,  746,  842,  874-,  880,  887,  888'2,  961,  985,  1036, 
1025,  12245,  1228,  1305,  1358,  1359,  1361,  1365,  1386,  1400,  1403', 
1413,  1414,  1423,  1506,  1536,  1583,  1640',  1649  ,  1666,  1683,  1686, 
1694,  1743,  2011%  2069,  21145,  2259,  2293,  23212,  2359,  2414,  2424, 
2538,  2602,  2788a,  2803,  2893,  2894,  2987,  3066,  3090,  3105, 
3185,  3216,  3231,  3298,  3347,  3424,  3516,  3610,  3656,  3721,  3777, 
3841,  3899,  3918,  3966,  3973,  4234,  4484,  4621,  4770,  4840,  4950, 
5003,  5045,  5105,  5135,  5172,  5233,  5245,  5248,  5283,  5326,  5360, 
5417,  5443,  5712,  5767,  5888,  5965,  5983,  6080,  6114,  6218a,  6250, 
64 11^,  6517,  6694,  6778,  6809,  6892,  6968-,  7037,  7136,  72200, 
7300,  7592,  7597,  7633-,  7644,  7662,  7731,  8128,  8169,  8218, 
8292,  84412,  8507-25  85341,  8570,  8605,  8668,  8680,  8765,  8772, 
8938,  9044,  9114,  9144,  9164,  92(>4,  9224,  9232,  9277,  9304, 
9531.  Nun  konnte  parada  nur  auf  den  Gebieten  durch  Rück- 
bildung gewonnen    werden,  auf   denen    *palatella   zu    *paratella 


Etymologisches.  \  ',<• 

und  nicht  zu  *panatella  dissimiliert  wurde.  Nach  frz.  pan 
ueuprov.  paradelo  (Mistral  II,  468  und  635  .  kat.  paradella  t 
diese  Dissimilation  auf  jedem  der  drei  Sprachgebiete  Btatt  au! 
denen  sich  *lapathella  überhaupt  findet.  Somit  war  auch  die 
Entstehung  der  Form  parada  auf  jedem  der  drei  Gebiete  möglich. 
Wenn  also  das  Anesus-Glussar,  das  parada  enthält,  auf  frz.  oder 
prov.  oder  kat.  Gebiete  entstanden  ist,  so  ist  das  Vorkommen 
von  parada  darin  ohne  weiteres  erklärlich.  Wenn  es  aber  auf 
anderem  Gebiete  entstanden  wäre,  so  wäre  damit  erwiesen  daß 
das  aus  *lapathella  hervorgegangene  *palatella  auch  auf  anderem 
Gebiete  vorhanden  war,  dort,  auch  zu  paratella  dissimiliert  wurde, 
aber  später  aus  der  Volkssprache  schwand.  Ein  einstiges  Vorhand«  i  - 
sein  des  Grundwortes  der  Sippe  von  parelle  und  ein  späteres 
Verschwinden  auf  anderem  als  auf  dem  frz.-prov.-kat.  Gebiete 
müßte  aber  dann  auch  von  G.  und  S.  angenommen  werden, 
wenn  das  Glossar,  das  parada  enthält,  auf  anderem  Gebiete  als 
dem  heutigen  der  Sippe  von  parelle  entstanden  wäre.  Somit 
kann  die  früher  hervorgebrachte  Herleitung  von  parelle  und  Beiner 
Verwandten  durch  das  Glossenwort  parada  auf  keinen  Fall  zum 
Scheitern  gebracht  werden,  wo  immer  auch  das  Glossar,  das 
parada  enthält,  entstanden  sei.  Nachdem  so  der  Haupteinwand 
gegen  unsere  Herleitung  erledigt  ist,  sei  einiges  zu  den  weiteren 
Bemerkungen  gesagt,  die  G.  und  S.  a.  a  0.  über  unsere  Wort- 
sippemachen. FürDitzensAbleitungaus/y/v//r/A/  machen  sie  geltend, 
daß  „auf  einen  Typus  pratella  südfrz.  Reflexe  der  Karte  patü 
des  AL  in  den  Dep.  Correze,  Lot-et-Garonne,  Aude,  Aveyron  hin- 
zuweisen scheinen"'.  Gemeint  sind  die  von  ALF.  B  1657  ver- 
zeichneten Formen  pradelo  in  Gorreze  P.  609,  Lot-et-Garonne 
P.  637,  638,  Aveyron,  P.  724  und,  was  G.  und  S.  übersehen  ha) 
Dordogne,  P.  628,  und  pradeleto  in  Aude,  P.  773.  Übrigens  er- 
scheint pradelo  auch  auf  der  Karte  1345  in  Lot-et-Garonne,  P.  636 
für  „tussilage".  Da  die  auch  von  Meyer-Lübke,  Wh.  6230  ab- 
gewiesene Herleitung  aus  pratella  von  G.  und  S.  ebenfalls  u.  zw. 
wegen  des  Glossenwortes  parada  nicht  angenommen  wird,  - 
auch  von  ihrem  Standpunkt  aus  in  diesem  pradelo  ein  Argumenl 
gegen  unsere  Herleitung  nicht  gegeben.  Die  auf  ein  so  kli 
Gebiet  beschränkte  Form  pradelo  ist  gewiß  gegenüber  der  1  rm 
paradelo,  die  im  Frz.  einerseits,  im  Kat.  andererseits  ihren  Ver- 
wandten hat,  sekundär  und  es  ist  nicht  eine  Umdeutung 
pratella  zu  paratella,  an  die  G.  und  S.  einen  Augenblick  da«  hten, 
sondern  die  umgekehrte  Umdeutung  anzunehmen.  Der  Name 
des  gerne  auf  Wiesen  wachsenden  Ampfers,  des  lapathi  prata 
amantis,  wie  Horaz  sagt,  wurde  volksetymol  gisch  an  pratum 
angelehnt.  So  erklärt  sich  auch  das  von  G.  und  S.  heranj 
pratella  für  lapathium  bei  Matthaeus  Silvaticus,  Opus  pandec 
tarum  medicinae  c.  388  (nicht  386,  wie  sie  angeben  .  Da  unsere 
Wortsippe  nur  auf  dem  frz.,  dem  prov.  und  dem  kat.  Sprachgebiete 


Josef  Bruch. 

vorkommt,  bo  muß  der  italienische  Arzt  Matteu  Selvatico,  über 
dessen  Lebenslauf  man  nichts  Sicheres  weiß,  entweder  selbst 
in  Frankreich  oder  Nordi  stspanien  gewesen  sein  oder  die  Form 
von  einem  Bekannten,  etwa  einem  Schüler,  der  von  d(  rt  kam, 
erfahren  haben.  Da  nun  heute  noch  pradelo  im  Dep.  Aveyrcn  und 
pradeleto  im  Dop.  Aude  vt  rk<  mmt,  so  ist  es  gewiß  nicht  kühn, 
anzunehmen,  daß  ein  pradelo  früher  auch  im  Dep.  Herault  v(  r- 
handen  war,  das  zum  Teile  zwischen  den  östlichen  Teilen  der 
Depp.  Aveyron  und  Aude  gelegen  ist,  und  daß  pradelo  insbesi  ndore 
auch  in  der  Hauptstadt  des  heutigen  Dep.  Herault,  in  M.  ntpellier 
gebraucht  wurde.  So  glaube  ich  denn,  daß  die  Fi  rm  pratella  bei 
Matteo  Selvatico  aus  M<  ntpellier  stammt.  Vermutlich  besuchte  er 
selbst  die  berühmte  medizinische  Schule  dieser  Stadt.  Wie  immer 
aber  auch  sich  das  Erscheinen  von  pratella  gerade  bei  ihm  erklären 
möge,  so  beruht  jedenfalls  die  Form  auf  sekundärer  Umdeutung 
von  paratella  nach  pratum.  Nachdem  nunmehr  die  Bemerkungen, 
die  G.  und  S.  gegen  die  früher  von  mir  vorgebrachte  Herleitung 
gemacht  haben,  erörtert  sind,  sei  diese  Herleitung  selbst  aus- 
führlich begründet;  denn  die  kurze  Darlegung,  auf  die  ich  mich 
seiner  Zeit  beschränkte,  weil  ich  die  Ableitung  für  evident  hielt, 
genügte  ja,  wie  sich  gezeigt  hat,  keineswegs,  um  alle  zu  über- 
zeugen. 

Wenn  man  bei  der  Lösung  des  vorliegenden  etymologischen 
Problems  systematisch  vergeht,  so  wird  man  zuvörderst  parelle, 
panadelo,  paradella,  die  in  der  Bedeutung  gleich  und  in  der  F(  rm 
ähnlich  sind,  nicht  voneinander  zu  trennen,  sondern  auf  eine 
gemeinsame  Grundlage  zurückzuführen  suchen.  Als  s<  lche  hat 
Meyer-Lübke,  Wb.  6230  *paratella  angesetzt.  Er  hat  die  Form 
mit  einem  Sternchen  versehen,  sc  mit  in  dem  von  Ducange-Car- 
pentier-Henschel  VI,  164a  verzeichneten,  von  Scheler  heran- 
gezogenen paratella  des  dem  Macer  fälschlich  zugeschriebenen, 
in  Wahrheit  von  Otto  aus  Meung  an  der  Loire  's.  Gröber  in  seinem 
Gr.  II,  386)  verfaßten  Lehrgedichtes  de  naturis  fauch  virtutibus) 
herbarum  einen  Beleg  für  das  von  ihm  angesetzte  Grundw«  rt 
nicht  gesehen  u.  zw.  mit  echt.  Der  im  Anfang  des  12.  Jahrhunderts 
schreibende  Franzose  hat  sein  paratella  durch  eine  nach  bekannten 
Mustern  vorgenommene  Latinisier ung  der  Form  paredele  seiner 
Mundart  erhalten ;  darauf  weist  ja  auch  sein  Ausdruck  herba  solet 
lapathi  vulgo  paratella  vocari  hin.1)  Noch  weniger  lehrt  das  von 
Ducange-Carpentier-Henschel  VI,  156  b  aus  dem  „chron.  angl." 
des  Joannes  Whethamstedus  verzeichnete  paradella  etwas  über 
die  alte  Geschichte  unseres  Wortes.  Es  gehört  zwar  gewiß  hierher; 
denn  die  von  den  Herausgebern  des  Glossariums  nach  dem  alten 

')  Die  Ansicht  Schelers  bei  Diez5,  808  und  im  Dict.,  377,  aaß 
paratella  Latinisierung  des  kat.  paradella  sei,  beruht  auf  der  irrigen 
Annahme,  daß  der  Macer  floridus  auf  der  Pyrenäenhalbinsel  ent- 
standen sei. 


Etymologisches.  151 

Editor  Hearnius  vorgebrachte  Erklärung  als  „anethi  silvestris 
species"  ist  sicher  durch  die  Bedeutung  „rumex"  zu  ersetzen, 
die  für  den  übertragenen  Ausdruck  illa  paradella  invidiae  ebenso 
gut  paßt.  Aber  der  Beleg  gehört  dem  15.  Jahrhundert  an  und  der 
englische  Mönch  hat  sein  paradella  wohl  aus  den  von  seinen  Lands- 
leuten besetzten  Teilen  Südfrankreichs  bezogen,  d.  h.  durch 
Latinisierung  des  prov.  paradelo  gewonnen.2)  Dieses  von  Meyer- 
Lübke  angesetzte  *  parate  IIa  genügt  nur  den  Furmen  mit  inlauten- 
dem r,  aber  nicht  denen  mit  n.  Diese  müßte  man  entweder  durch 
Assimilation  des  r  an  das  l  und  nachfolgende  Dissimilation  von 
l-ll,  was  eine  von  vornherein  wenig  glaubliche  komplizierte  An- 
nahme wäre,  oder  durch  Einfluß  eines  anderen  Wortes  erklären. 
Nun  ist  zwar  gerade  bei  einem  Pflanzennamen  die  Einwirkung 
eines  anderen  Wortes  von  vornherein  leicht  möglich,  darf  aber 
doch  auch  nur  dann  angenommen  werden,  wenn  es  nötig  ist,  d.  h. 
wenn  eine  das  r  als  ursprünglich  erweisende  Etymologie  sicher 
steht.  Dies  ist  aber  hier  nicht  der  Fall.  Kurz,  *paratella  paßt 
als  Grundform  unserer  Sippe  nicht.  Damit  ist  auch  die  von  dieser 
Grundform  ausgehende  Etymologie  widerlegt,  die  G.  und  S.  a.  a.  O. 
77  vorgebracht  haben.  Diese  Ableitung  hat  übrigens  auch  andere 
Mängel.  Es  soll  von  parare  der  Bedeutung  „zusammenschneiden'* 
eine  Ableitung  *paratella  geschaffen  worden  sein,  die  wie  kat. 
enciam  „Salat"  aus  *incisamen  von  der  Bedeutung  „Zusammen- 
geschnittenes'' zu  der  „Salat"  und  dann  wie  saladero  „Sauerampfer 
in  den  Depp.  Haute-Garonne,  Hautes-Pyrenees,  das  angeblich 
zu  salada  „Salat"  gehört,  von  der  Bedeutung  „Salat"  zu  der 
„Sauerampfer"  über  „Sauerampfersalat"  gelangt  sei.  Nun  ist 
zwar  eine  Bedeutung  „schneiden"  für  parare  zuzugeben  und 
darnach  eine  Bedeutung  „Zusammengeschnittenes"  für  ein 
*paratella  ebenfalls.  Aber  schon  die  Bedeutungsentwicklung  zu 
„Salat"  ist  eine  bloße  Annahme  und  dadurch,  daß  ein  anderes 
Wort  sie  erfuhr,  nur  als  möglich  erwiesen,  hingegen  als  wirklich 
eingetreten  keineswegs  irgendwie  wahrscheinlich  gemacht.  Der 
weiter  anzunehmende  Bedeutungswandel  von  „Salat"  zu  „Sauer- 
ampfer" endlich  wird  durch  das  neuprov.  saladero  und  seine 
von  Rolland,  Flore  populaire  IX,  175  verzeichneten  Verwandten 
nicht  gestützt;  denn  die  von  Meyer-Lübke,  Wb.  6129  neben  der 
Herkunft  aus  oxalis  zur  Wahl  gestellte  Verbindung  mit  salada 
„Salat"  ist  m.  E.  gewiß  wieder  zu  Gunsten  der  Ableitung  aus 
exalis  aufzugeben.  Diese  von  Schuchardt,  Zr.P  26,  401  mit  Recht 
ohne  weitere  Erörterung  als  geradezu  selbstverständlich  vorge- 
brachte, übrigens,  wie  gesagt,  auch  von  Meyer-Lübke  als  möglich 
anerkannte  Herleitung  von  saladero  aus  oxalis  wird  durch  die  von 
Schuchardt  und  Meyer-Lübke  a.  a.  0.  angeführten  und  anerkann- 
ten Ableitungen  von  oxalis  verlangt,   unter  denen  das   lyonn. 

2)  Eine    Latinisierung   der   damals   schon    erreichten    frz.    Form 
parelle  hätte  kaum  paradella  ergeben. 


152  Josef  Brück. 

salettt  als  Stichwort  genannt  sei.  Dadurch  ist  rom.  *sal-  als  Ver- 
r  von  oxalis  gesichert.  .Nach  der  Form  paßt  also  oxalis  ebenso 
gut  als  Etymon  von  saladero  wie  salada.  Zur  Bedeutung  von 
saladero  aber  paßt  die  von  oxalis  trefflich,  während  die  von 
salada  ferner  steht.  Somit  sind  für  saladero  zwei  Etyma  vorge- 
schlagen, von  denen  das  eine  in  Form  und  Bedeutung,  das  andere 
in  der  Form,  aber  nicht  in  der  Bedeutung  stimmt.  Da  igt  doch 
nach  einfacher  Regel  der  Wahrscheinlichkeit  das  in  Form  und 
Bedeutung  passende  Etymon,  also  oxalis  vorzuziehen.  Damit  ist 
dem  für  *paratella  angenommenen  Bedeutungswandel  die  Parallele 
genommen.  Die  Ableitung  unserer  Wortsippe  durch  G.  und  S. 
hat  also  noch  andere  Schwächen  außer  der,  daß  sie  von  einer 
nicht  zu  allen  Formen  passenden  Grundlage  ausgeht.  Kehren 
wir  nun  zu  dieser  zurück.  Wie  *paratella  nur  den  Formen  mit  r, 
so  entspräche  *panalella  nur  denen  mit  n.  Man  könnte  zwar 
westfrz.  paren  (daraus  pazen)  durch  Dissimilation  zum  n  des 
erst  durch  Suffixtausch  eingetretenen  Suffixes  erklären,  müßte 
aber  dann  r  in  parelle  für  eine  Übertragung  von  paren  halten  und 
außerdem  noch  neuprov.  paradelo,  kat.  paradella  erklären.  Dies 
wären  immer  komplizierte  Annahmen.  Wenn  man,  ohne  für  eine 
bestimmte  Form  voreingenommen  zu  sein,  einfach  die  den  ge- 
gebenen Formen  am  besten  entsprechende  Grundlage  sucht, 
wird  man  auf  *palatella  geführt  u.  zw.  durch  folgende  Erwägung. 
Der  in  parelle,  paradelo,  paradella — panadelo,  panadella  vorliegende 
Wechsel  von  Liquiden  und  Nasalen  ist,  solange  es  möglich  ist, 
nicht  durch  Kreuzung  mit  anderen  Wörtern  zu  erklären,  sondern 
auf  lautlichem  Wege,  also  durch  Assimilation  und  Dissimilationen. 
Eine  Erklärung  des  n  oder  r  durch  Assimilation  kommt  nicht 
in  Betracht,  da  ein  zweites  n  oder  r  in  den  gegebenen  Formen 
nicht  da  ist  außer  in  paren,  in  dem  aber  gerade  der  Konsonant 
hinter  pa-  ein  r  und  nicht  ein  n  ist;  somit  bleibt  die  Dissimilation. 
Nun  bemerkt  man,  daß  parelle,  paradelo,  paradella,  panadelo, 
panadella  ein  11  aufweisen  und  dieser  über  drei  rom.  Sprachen 
verbreiteten  Form  mit  Z-haltigem  Ausgang  gegenüber  wird  man 
die  nur  im  Frz.  vorkommenden  Formen  mit  anderem  Ausgang 
wie  paren,  palelz  für  jünger  halten.  So  kommt  man  auf  die  An- 
nahme einer  Dissimilation  zu  //  und  damit  einer  Entstehung  von 
n  und  r  aus  l,  also  auf  die  Grundform  *palatella,  in  der  weiterhin 
-ella  leicht  als  das  bekannte  Suffix  abgetrennt  werden  kann. 
Somit  gelangt  man  durch  eine  systematische  Erwägung  zum 
Stamme  *palat-.  Wenn  man  nun  weiterhin  bedenkt,  daß  die 
betreffende  Pflanze  im  Lat.  mit  dem  Stamm  *lapath-  bezeichnet 
wird,  so  hat  man  nebeneinander  ein  rom.  *palat-  „Ampfer"  und 
•  in  lat.  lapalh-  „Ampfer".  Soll  zwischen  beiden  wirklich  kein 
Zusammenhang  bestehen?  Dies  ist  doch  höchst  unwahrschein- 
lich und  die  Ansicht,  daß  *palat-  durch  Umstellung  aus  lapath- 
•ntstanden  sei,  ergibt  sich  geradezu  mit  Notwendigkeit. 


Etymologisches.  153 

Nunmehr  seien  die  von  Rolland,  Flore  populaire,  IX,"  169 
verzeichneten  frz.  und  prov.  Formen  gruppiert.  Sie  lassen  sich 
auf  folgende  Typen  zurückführen:  1.  *palatella:  neuprov.  paladelo 
(Mistral  II,  635),  polodelo.  Die  Form  wurde  früher  für  den  Typus 
*palatella  nicht  geltend  gemacht,  weil  sie  von  den  Gegnern  dieses 
Typus  zur  Not  durch  eine  freilich  seltene  Fernassimilation  von 
n  oder  r  an  das  /  des  Suffix  erklärt  werden  könnte.  2.  *paratella: 
neuprov.  padarelo,  paradele,  paradere  (im  Dep.  Gironde  mit  gask. 
r  für  //),  paradele  (mit  Umstellung  von  r  und  d  aus  paradele  ent- 
standen), porodelo,  podorele  (wieder  mit  Umstellung);  urfrz. 
*pareele,  daraus  einerseits  durch  die  von  Meyer-Lübke,  Frz. 
Gramm.  I2/3,  114  besprochene  Entwicklung  eines  Hiatus  -e  zu  i 
parielle,  andererseits  durch  Schwund  des  Hiatus-e  parelle,  daraus 
durch  Suffixtausch  pareille,  parere  in  Mayenne  und  Vosges  (viel- 
leicht unter  Einfluß  des  lautlich  und  als  Pflanzenname  nahe 
stehenden  parie" taire),  paren  (vgl.  wegen  des  Suffixes  molenc 
„Königskerze"  und  beachte  das  von  G.  und  S.  a.  a.  0.,  24  ff. 
Gesagte),  pazene  (aus  parene  mit  z  für  r  entstanden).  3.  *panatella 
neuprov.  panadtto.  4.  *parnatella  (aus  *paratella  +  *panatella) : 
neuprov.  pornodelo,  pornozelo,  pornojelo.  5.  *pratella  (aus  *paratella 
"pratum):  neuprov.  pradelo,  prodelo.  6.  *pardella:  dadurch,  daß 
noch  das  Suffix-me  an  -ella  angefügt  wurde,  meus.  perdeline, 
padeline,  vosg.  pet'line,  auch  pepline  d'kpäre,  poplitie  (wohl  mit 
Angleichung  des  Anlauts  der  zweiten  Silbe  an  den  der  ersten  wie 
in  dem  Pflanzennamen  verveine),  bez.  dadurch,  daß  -ine  für  eile 
eintrat,  vosg.  pedine,  pedy'ine,  pedrine  (mit  nochmaliger  Aus- 
sprache des  r  wie  in  perdrix),  dann  mit  derselben  Entwicklung 
wie  in  popline  belfort.  popin-ne,  poupin-ne,  endlich  neben  dem 
schon  erwähnten  pedrine  mit  anderem  Ausgang  vosg.  pedran, 
belg.  padrone,  pödrone,  pandrone.  Wie  erklärt  sich  nun  dieses 
*pardella?  Zunächst  ist  an  belg.  padrone  das  von  A1F.  B  1657 
seitwärts  mitgeteilte  padrön  für  „patience"  auf  P.  191,  also 
in  Malmedy  in  der  Rheinprovinz  anzureihen.  Mit  diesem 
padrön  haben  nun  schon  G.  und  S.,  die  ja  die  Identität  mancher 
Bezeichnungen  des  Ampfers  und  der  Klette  nachgewiesen  haben, 
a.  a.  0.,  7  und  Anm.  padrone  „Klette"  in  Roye  (Dep.  Somme) 
bei  Rolland  VII,  127  und  parduna  des  Capitulare  de  villis,  c.  70 
verbunden.  Sie  wissen  das  p  nicht  zu  erklären.  Da  nun  padrone 
die  Klette  und  den  Ampfer  benennt,  so  liegt  es  nahe,  Verschränkung 
von  *paratella,  bez.  daraus  durch  Erweichung  des  intervokalen  t 
entstandenen  *paradella  mit  bardana  anzunehmen.  So  ist  das  oben 
angesetzte  *pardella  einfach  *paradella  +  bardana.  Andererseits 
trat  für  bardana  mit  Ersatz  des  Ausgangs  -ana  durch  -one  (wohl, 
wie  G.  und  S.,  7  Anm.  2  meinen,  nach  cardone)  ein  bardöne  ein, 
das  in  mozarab.  bardon  enthalten  sein  wird.  Durch  Verschränkung 
des  daneben  gebliebenen  bardana  mit  diesem  neu  entstandenen 
*bardöne  ergab  sich  bardona  bei  Diefenbach  und  daraus  durch 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.    XLVT.  II 


Skm,'slaus  Klozner. 

Einmischung  von  *paradella  pardöna,  das  mit  dem  im  späteren 
Latein  Nordfrankreichs  für  ö  geschriebenen  uH)  als  parduna  im 
Capitulare  erscheint.  Durch  nochmalige  Aussprache  des  r  wie  in 
perdrix  entstand  aus  pardona  ein  *pardrona,  das  mit  dissimila- 
t  irischem  Schwund  des  ersten  r  padrone  lieferte.  Nunmehr  bleiben 
von  den  durch  R  »Hand  verzeichneten  Formen  nur  noch  folgende 
übrig:  paleze  im  Orne,  mit  agglutiniertem  Artikel  apaleze  zu 
M  ntargis  im  Loiret,  das  auf  *palatia  zurückgeht,  welches  wieder 
durch  Umstellung  aus  *lapathia  entstanden  ist,  pareze  zu  Livre 
in  Mayenne,  das  eine  Verschränkung  des  in  demselben  Orte  da- 
neben vorhandenen  schon  besprochenen  parene  mit  paleze  im 
benachbarten  Orne  ist,  endlich  patöle  in  Troyes  und  pataouno 
im  Dep.  Gorreze.  An  diese  ist  zunächst  petarafo  „patience"  an- 
zureihen, das  A1F.  B  1657  für  den  P.  735,  für  Galmont  im  Dep. 
Aveyron  (somit  nicht  allzuweit  vom  Dep.  Gorreze)  verzeichnet, 
weiteres  nach  A1F.  1 12  patarafe  ebendort,  pale  auf  P.  924,  zu 
Torcieu  im  Ain,  patywä  in  P.  817,  zu  Riotord  im  Dep.  Haute- 
Loire,  alle  „Klette"  bedeutend,  auch  patis  „Klette"  bei  Mistral  II, 
501,  ferner  mehrere  den  Stamm  pat-  zeigende  Benennungen  der 
Königskerze  und  des  Huflattichs,  die  G.  und  S.,  27  Anm.  anführen. 
Sie  sehen  darin  palte  „Tatze",  das  „zwanglos  für  großblättrige 
Pflanzen"  gebraucht  worden  sei.  Hierin  mögen  sie  Recht  haben. 
Damit  ist  der  Stamm  von  patöle,  pataouno  erklärt.  Der  Ausgang 
ist  mir  unverständlich. 

Josef  Bruch. 


Rescapg. 

In  den  Berichten  über  den  Untergang  der  „Titanic"  konnte  man 
für  die  geretteten  Schiffbrüchigen  oft  den  Ausdruck  „les  rescapes" 
in  den  Tagesblättern  lesen.  Im  Dictionnaire  de  l'Academie  findet 
sich  das  Wort  rechapper,  als  familiär  bezeichnet;  die  Beispiele  weisen 
darauf  hin,  daß  es  einerseits  die  Bedeutung  hat:  eine  Krankheit  odor 
eine  Gefahr  glücklich  überstehen,  dann,  als  Partizip,  in  der  Redens ai  t 
un  rechappe  de  la  potence  vorkommt.  Sachs- Villatte  bringt  ebenfalls 
diese  Bedeutungen,  führt  aber  an,  daß  rechappe  auch  ohne  den  Zusatz 
Galgenschwengel  heißt.  Dies  ist  wohl  der  Grund,  warum  in  der  Be- 
deutung „geretteter  Schiffbrüchiger"  die  pikardische  Form  rescape 
Anklang  gefunden  hat.  „Larousse  Mensuel  Illustre"  bringt  das  Wort 
in  der  2.  Nummer  des  Jahrgings  1907  und  führt  an,  es  sei  ein  Ausdruck 
aus  den  Kohlenbezirken  des  Nordens  und  sei  ursprünglich  nur  von 
Bergleuten  gesagt  worden,  die  mit  heiler  Haut  einer  Gefahr  entkommen 
waren,  später  dann  auch  für  Schiffbrüchige  angewendet  worden.  Als 
Beispiel  steht  dort:  Les  rescapes  de  V Jena.  Jedenfalls  ist  die  Form 
rescape  erst  in  neuester  Zeit  in  die  Schriftsprache  eingedrungen,  um 
die  lautgerechte  Form  zu  ersetzen,  die  eine  anrüchige  Nebenbedeutung 
hat. 


3)  Die  karolingische  Orthographiereform  konnte  sich  hier  nicht 
geltend  machen,  da  ein  klassisch-lat.  Wort  nicht  vorlag,  das  das  Muster 
gewesen  wäre. 


Etymologisches.  155 

Kanton. 

Damit  bezeichnet  man.  kleine  Figürchen  aus  Ton,  bemalt,  welche 
zur  Darstellung  der  Geburt  Christi  zu  Gruppen  vereinigt  werden. 
(Sachliches  hierüber  in  Larousse  Mensuel  Illustre,  1912,  No.  61,  aus- 
führlicher: Elzeard  Rougier,  Petite  histoire  des  santons,  Marseille  1910.) 
Zugrunde  liegt  die  provenzalische  Form  santoun,  die  beim  Übergang 
in  die  Schriftsprache  in  der  Endung  französisch  umgeformt  wurde, 
während  der  Stamm  die  Umwandlung  (in  saint)  nicht  mitgemacht  hat, 
ohne  daß  sich  für  diese  ungleiche  Behandlung  ein  Grund  angeben  ließe. 

Beispiele  für  humoristische  Wörter  bringt  Larousse  Mensuel 
Illustre  einige.  Zunächst  sei  erwähnt  bat-1'äne  für  den  Müller- 
knecht. Über  die  Bildung  ist  weiter  nichts  zu  sageu,  sie  ist  eine  der 
zahlreichen  Imperativ-Bildungen,  der  Einfall  ist  jedenfalls  bemerkens- 
wert. Über  die  Verbreitung  dieses  Spottausdrucks  ist  nichts  an- 
gegeben, ebensowenig  über  das  Alter.  —  Ein  Fachausdruck  der  Schrift- 
setzer ist  sarrasiner,  billiger  arbeiten  als  nach  dem  Tarif.  Die 
Sarazenen  werden  ja  in  der  alten  Literatur  als  treulos  und  wortbrüchig 
hingestellt.  Die  Kenntnis  dieses  Umstandes  seitens  der  Schriftsetzer 
ist  weiter  nicht  auffällig,  der  Vergleich  eines  Vertragsbrüchigen  mit 
einem  Sarazenen  wirkt  hier  allerdings  humoristisch.  —  Der  bretonische 
Soldat  wird  von  seinen  Kameraden  nigousse  genannt;  dies  wird 
in  der  genannten  Zeitschrift,  Jg.  1909,  Nr.  23  als  Umgestaltung  der 
Anfangsworte  eines  bretonischen  Liedes  gedeutet:  aus  an  ini  goz  .. 
bildete  man  d  la  nigousse,  daraus  dann  le  nigousse. 

Prag.  Ladisla.us  Klozner. 


11* 


Beiträge  zu  einer  Geschichte 
der  französischen  Sprache. 

I.  Die  Aasbreitang  der  französischen  Sprache. 

Politische  Verhältnisse  und  die  kulturelle  Vorherrschaft 
Frankreichs  haben  im  Mittelalter  und  in  der  neueren  Zeit  der 
französischen  Sprache  über  das  ursprünglich  auf  das  nördliche 
Gallien  beschränkte  Verbreitungsgebiet  hinaus  einen  Einfluß- 
bereich von  großer  Ausdehnung  geschaffen.  Läßt  sich  die 
Einwirkung,  die  sie  auf  verwandte  und  fremde  Sprachen  aus- 
geübt hat.  räumlich  und  zeitlich  heute  annähernd  bestimmen, 
so  bedarf  es,  um  die  Intensität  dieser  Einwirkung  im  Einzelnen 
festzustellen,  noch  zahlreicher  und  gründlicher  Vorarbeiten. 
Die  nachstehenden  Ausführungen  wollen  lediglich  eine  allge- 
meine Orientierung  über  den  Gegenstand  bieten  und  streben 
in  keiner  VN'eise  eine  erschöpfende  Behandlung  desselben  an  r). 

')  Vgl.  die  einschlägigen  Kapitel  in  F.  Bruuot's  Histoire  de  la  langue 
frangaise  I  (.Paris  1905)  S.  358  ff.  uud  in  Petit  de  Jullevilles  Histoire  de  la 
litterature  frangaise  YI,  866  ff.  Über  die  Verbreitung  des  Französischen  in  der 
Gegenwart  bietet  im  Besonderen  eine  von  der  Älliance  frangaise  für  die 
Pariser  Weltausstellung  vom  Jahre  1H00  vorbereitete  Veröffentlichung :  La 
langue  frangaise  dans  le  monde  (Paris.  Siege  social  de  TAlliance  frangaise, 
1900)  nützliche  Angaben.  Mit  Unterstützung  derselben  Gesellschaft  ver- 
faßte A.  Metin  Notes  et  documents  sur  la  langue  frangaise  et  l'enseigne- 
ment  du  frangais  hors  de  France,  erschienen  in:  Congres  international  pour 
l'extension  et  la  culture  de  la  langue  frangaise.  Premiere  Session,  hinge 
10—14  septembre  1905  (Paris  1906).  Vgl.  über  die  Älliance  frangaise  u.  a. 
I!.  Labergerie  in:  Revue  generul,  15  juillet  1885,  S.  275— 279.  Über  andere 
auf  die  Ausbreitung  der  französischen  Sprache  bedachte  Organisationen: 
die  Älliance  israelite  universelle,  die  Föderation  internationale  pour  l'ex- 
tension et  la  culture  de  la  langue  frangaise,  die  Association  flamande  pour 
vtdgariser  la  langue  frangaise  's.  einige  Angaben  bei  M.  Wilmotte  Le  fran- 
gais enseigne  dans  le  monde,  in:  La  Revue  LXXXI  (1909),  S.  289  ff,  über 
die  Älliance  israelite  universelle  außerdem  *Narcisse  Leven  Cinquante  ans 
d  histoire.  Paris  1911  (dazu  C.  Z.  Klötzel  Dt.  Levante-Zeitung  VI  (.1916), 
6.  S.  347—349.)  —  über  das  Französische  als  Weltsprache,  seine  Stellung 
und  Eignung  als  Sprache  des  internationalen  Verkehrs  vgl.  u.  a. :  F.  Balden- 
sperger  Comment  le  XVIII  siede  expliquait  l'universalite  de  la  langue 
frangaise.  in:  Etudcs  d'histoire  litteraire,  Paris  1907:  Fr.  Wenk  Die  inter- 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XLV  -K  11 


/>.  Behrens. 

I.  Sudfrankreich. 

Einen  Abschnitt  in  der  Geschichte  Südfrankreicha  bilden 
\lbigenserkriegc  im  13.  Jahrhundert.  Sie  haben  den  Ver- 
fall derTroubadourpoesie.  das  Erstarken  der  königlichen  Zentral- 
gewalt und  einen  verstärkten  Literatur-,  Kultur-  und  Sprach- 
einfluß  Nordfrankreichs  auf  den  Süden  im  Gefolge.  In  einen 
ungleichen  Kampf  mit  der  französischen  Verkehrs-  und  Schrift- 
sprache sehen  wir  die  südfranzösischen  Schwesteridiome  ein- 
treten, deren  allmählichen  Untergang  auch  wiederholte  Wieder- 
belebungsversuche nicht  aufzuhalten  vermögen.  Die  Geschichte 
des  Zersetzungsprozesses,  der  sich  in  den  verschiedenen  Gegen- 
den des  Sprachgebietes  in  verschieden  raschem  Tempo  bis  in 
die  Gegenwart  hinein  vollzieht,  ist  noch  nicht  geschrieben. 
In  verstärktem  Maße  sehen  wir  zunächst  französische 
Sprachelemente  in  die  provenzalischen  Literaturdenkmäler  und 
in  die  provenzalischen  Urkunden  Eingang  finden'-).  Französisch 
abgefaßte  Urkunden  begegnen  im  13.  und  14.  Jahrhundert  in 
Südfrankreich  vereinzelt.  Größere  Bedeutung  als  Urkunden- 
sprache gewinnt  das  Französische  hier  im  15.  Jahrhundert,  um 
dann  im  Laufe  des  16.  unter  Einwirkung  der  Verordnungen 
Ludwigs  XII  (1510),  Franz  I  (Villers-Cotteret  1539)  und 
Karls  IX  (1564)  das  Lateinische  und  Provenzalische  nahezu 
auf  dem  ganzen  Gebiet  zu  verdrängen3). 

nationale  Stellung  des  Französischen.  Programm  d.  I.  deutschen  Staats- 
Oberrealschule  in  Prag  1894;  F.  MaMeaxL'Unioersalüe  de  la  langue  franraise. 
Progres  ou  Regression  ...  in :  Congres  international  . .  .  Premiere  Session 
Liege.  10  —  14  septembre  1905  (Paris  1906);  A.  Rey  La  langue  franraise 
est-elle  en  regression  dans  le  monde?  Causes  et  remedes,  ib.;  C.  de  Lollis 
L' 'Universalltd  della  lingua  francese,  in:  La  Cultura  XXVI  (1907),  S.  825 ff. ; 
4.  Furstenhoff  Raisons  plaidant  en  faveur  de  l'adoption  du  franeais  comme 
langue  auxiliaire  internationale.  Conference  falte  an  Congres  international 
pour  l'extension  et  la  eulture  de  la  langue  franraise,  ä  Arlon,  le  20 — 83 
septembre  1908,  in:  Revue  de  Hongrie  15  octobre  1908;  I.  Novicow  L'ex- 
pansion  de  la  nationalite  franraise.  Coup  d'reil  sur  Vavcnir.  Paris  1903 
(s.  dazu  F.  Brunot  Une  apologie  de  la  langue  franraise,  in:  Rev.  des  deux 
Mondes  1er  juin  1903):  J.  Novicow  Le  Franeais  langue  internationale  de 
l'Europe.  Paris  1911.  —  Über  das  Französische  als  Sprache  des  diplo- 
matischen Verkehrs  s.  F.  H.  Geffken  in  F.  von  Holtzendorff  Handbuch  des 
Völkerrechts  III.  S.  677—679  und  vergl.  Friedr.  Karl  Moser  Abhandlung 
von  den  Europäischen  Hof-  und  Staatssprachen,  nach  deren  Gebrauch  im 
Reden  und  Schreiben.  Frankfurt  a.  M.  1750.  —  Weitere  Literatur  habe 
ich  in  den  folgenden  Fußnoten  verzeichnet  und  glaube  dabei,  ohne  Voll- 
ständigkeit anzustreben,  Wichtiges  nicht  übersehen  zu  haben.  Schriften, 
die  mir  nur  dem  Titel  nach  bekannt  geworden  sind,  wurden  durch  ein 
Sternchen  kenntlich  gemacht. 

*)  R.  Karch  Die  nordfranzösischen  Elemente  im  Alt  provenzalischen. 
Heidelberger  Dissert.  1901. 

*)  A.  Giry  Manuel  diplomatique.  Paris  1894  S.  466  f.  —  H.  Aft're 
Substitution  du  franeais  au  latin  et  au  patois  dans  la.  ridaction  des  actes 
publics,  in:  Mem.  de  la  soc.  des  lettre?,  sciences  et  arts  de  VAvegrou  XI 
1 1^74—1878),  S.26— 29.  —  Devaux  Essai  sur  la  langue  rulgaire  du  Dauphin!' 


Beiträge  zu  rinn-  Geschichte  der  französischen  Sprache.  159 

Im  16.  Jahrhundert  beginnt  der  Süden  an  der  Pflege  der 
nationalen  Literatur  erfolgreich  sich  zu  betätigen.  Es  ver- 
gehen dann  noch  Jahrhunderte,  bis  das  Französische  als  Sprache 
des  täglichen  Verkehrs  im  mündlichen  Gebrauch  zu  allge- 
meinerer Verwendung  gelangte.  1661  schreibt  Racine  an  La- 
fontaine:  „J'avais  commenee  des  Lyon  ä  ne  plus  guere  entendn 
le  langage  du  pays,  et  ä  n'Stre  plus  intelligible  moi  mime.  Ce 
malheur  s'accrut  ä  Valence  .  .  .  Je  vous  jure  <ji<<  fai  <n<l<tnt 
besam  d'un  interprete  qu'un  Moscovite  en  auroit  besoin  dans 
Paris..."*)  Etwa  100  Jahre  später  bemerkt  der  Abbe  Sau- 
vages in  der  Einleitung  seines  1756  in  Nimes  erschienenen 
Dictionnaire  languedocien-francois,  daß  das  Provenzalische  noch 
die  Muttersprache  nicht  nur  des  Volkes  im  weiteren  Sinne, 
sondern  ebenso  der  besseren  Stände  {honn.etes-gens)  sei:  ,,c'est 
In  premiere  qui  se  presente,  db  qu'ils  emploient  plus  volontiers, 
lorsque,  libres  des  egards  qu'&n  doit  ä  un  SupSrieur,  ou  de  l<i 
gene  que  cause  mt  etranger,  ils  out  ä  traiter  ävec  un  ami,  oh 
I  s'entretenir  famüierement  dans  leur  domestique:  le  Francois, 
qu'ils  ne  trouvent  guere  de  mise  gue  dans  le  serieux,  dement 
ainsi  pour  In  plüpart  m/e  langue  eträngire;  ils  forcent  nature 
lors  qu'ils  y  out  recours;  il  est  certain  o«  moins  que  s'ils  n'ont 
<  u  di'  bonne  heure  des  modeles  ä  suivre,  des  maitres  pour  eon- 
sulter,  ((■  que  si  avec  res  secours  <('■  celui  des  bons  /irres,  ils  ne 
se  sunt  faits  par  mt  long  exercice  mir  habitude  du  Francois, 
le  tour  (('■  Vexpression  leur  echapent;  la  langue  du  pays  perce, 
ißii  croit  parier  Francois,  &  l'oi/  ne  fait  que  franciser  le  pur 
Languedocien  ..."  Wir  dürfen  hiernach  in  den  wichtigeren  Ver- 
waltungs-  und  Verkehrszentren  eine  vom  Provenzalischen 
stark  beeinflußtes  Französisch  annehmen,  dessen  man  sich  zu- 
nächst kaum  anders  als  im  Verkehr  mit  Behörden  und  Fremden 
zu  bedienen  pflegte. 

Um  einem  Bedürfnis  nach  korrekterer  Aneignung  des 
Französischen  entgegenzukommen  (pour  V  Instruction  des  Pro- 
vencaux  qui  n'ont  pas  une  enti&re  intelligence  nil'usage  par  fait 

■drionale  au  moyen  äge.  Paris  et  Lyon  181)2.  S.  14f.  —  31.  Lanusse 
De  l'influence  du  dialccte  gascon  sur  la  langue  francaise.  Paris  1893. 
8.  107  ff. :  La  langue  francaise  en  Gascogne  jusqu'en  1539.  —  Blaue  Essay 
sur  la  Substitution  du  franijais  au  provencal  ä  Narbonne,  in:  Bull,  histo- 
rique  et  philol.  1897.  —  J.  Anglade  La  Substitution  du  francais  au  langue- 
docien dans  un  manuscrit  de  l'eglise.  de  Fournes.  in :  Rec.  d.  lang.  vom. 
XLII  (1899).  p.  179.  S.  ib.  p.  236  —  275  (Notice  sur  un  livre  de  comptes  de 
l'eglise  de  Fournes,  Aude).  —  A.  Leroux  De  la  Substitution  du  francais 
au  tat  in  et  au  provencal  ä  Limoges,  in:  Bull,  histor.  et  philol.  1900.  — 
A.  Leroux  L'idiorne  limousin  dans  les  chartes,  les  inscriptions,  les  chro- 
niques,  in:  Melanges  Chabaueau  (Erlangen  1907),  p. 437— 461.  —  P.Meyer 
Documenta  liuguistiques  du  midi  de  la  France.  Paris  1909,  S.  172  f.,  188 
Anro..  422,  482  f.  —  A.  Leroux  De  Vintroduction  du  francais  en  Limousin. 
Paris  1911. 

')  (Eueres  de  J.  Racine  p.  p.  P.  Mesnard,  Paris  1865.     S.  413  f. 

11* 


[60  D.  Behrens. 

,/r  In  lanyue  frangaise),  hatte  bereits  1723  Pere  Sauveur- Andre 
Pellas  ein  provenzalisch-französisches  Wörterbuch  erseheinen 
lassen  5).  In  gleicher  Absicht  veröffentlichte  der  Abbe  Sauvages 
sein  vorhin  erwähntes  Wörterbuch,  und  in  der  Folgezeit  be- 
gegnen wir  Werken,  deren  Verfasser  mehr  oder  weniger  aus- 
schließlich den  gleichen  praktischen  Zweck  verfolgen,  in 
wachsender  Zahl 6). 

Erst  nachdem  in  den  Städten  die  Einbürgerung  des 
Französischen  weitere  Fortschritte  gemacht  hatte,  hat  es  von 
hier  aus  zunächst  in  engerem,  dann  in  weiterem  Umkreise 
unter  der  Landbevölkerung  allmählich  Boden  gewonnen.  Wie 
langsam  im  ganzen  dieser  Ausbreitungsprozeß  sich  vollzog, 
lassen  gegen  Ausgang  des  18.  Jahrhunderts  die  Berichte  er- 
kennen, welche  das  Conventsmitglied  Gregoire  aus  den  süd- 
lichen Provinzen  des  Landes  auf  seine  berühmte  Rundfrage 
erhalten ').  Selbst  die  auf  die  Sprache  gerichteten  Uni- 
formierungsbestrebungen der  Revolutionszeit 8)  dürften  an  den 
bestehenden  Verhältnissen  nicht  allzu  viel  geändert  haben. 
Erst  im  Verlauf  des  19.  Jahrhunderts  haben  die  fortschreitende 
Entwickelung  der  Verkehrsmittel,  allgemeine  Dienstpflicht, 
Schule  und  Tagespresse  der  weiteren  Ausbreitung  der  fran- 
zösischen Schriftsprache  kräftigeren  Vorschub  geleistet9")  und 
damit  die  heimischen  Idiome  Südfrankreichs  raschem  gänz- 
lichem Verfall  preisgegeben. 

*)  IHctionnaire  proven^al  et  frangois  dans  lequel  on  trouvera  les  mots 
provenraux  et  quelques  phrases  et  proverbes  expliquez  en  francois,  avec  les 
termes  des  arts  liberaux  et  mecaniques.    Avignon  1723. 

*)  Vgl.  meine  Bibliographie  des  patois  gallo  romans.  2.  Aufl.,  Berliu 
1893  (dazu  Nachträge  und  Fortsetzung  Zs.  f.  frz.  Spr.  XXV1,  S.  196 ft'.). 
passim.  —  C.  Latreille  et  L.  Vignon  Les  grammairiens  lyonnais  et  le  fran- 
cais parle  ä  Lyon  ä  la  fin  du  XYlIle  siecle,  in:  Melangcs  de  philoloqie 
Offerte  ä  Ferdinand  Brunot,  Paris  1904.    S.  237  ff. 

7)  A.  Gazier  Lettres  ä  Gregoire  sur  les  patois  de  France  1790—1794. 
Documenta  inedits  sur  la  langue,  les  mceurs  et  l'etat  des  esprits  au  debut 
de  la  Revolution,  avec  introduction  et  notes.  Paris  1880.  (Auch  in:  Rev. 
d.  langues  romanes  Bd.  Vff.). 

8)  S.  Bibliographie  des  pat.  gallo-rom.    2.  A.     S.  12  f. 

8)  Angaben  hierüber  begegnen  in  zahlreichen  von  mir  in  der  Biblioyr. 
d.  pat.  gallo-rom.  verzeichneten  Schriften.  Hier  seien  erwähnt:  Bory  De 
I'etude  de  la  langue  frangaise  ä  Marseille  avant  la  fondation  de  l'Academie 
de  cette  ville,  in:  Memoires  de  l'Acad.  des  sc,  belles-lettres  et  arts  de 
Marseille.  Aunees  1858—1864.  Marseille  1864.  S.  177—200.  —  J.  Gillieron 
Importation  indirecte  du  francais  ä  Yillard-de-Beaufort  (Savoie),  in :  Rev. 
des  pat.  gallo-rom.  1  (1887),  p.  30—32.  —  Ed.  Bourciez  La  langue  gasconnr 
ä  Bordeaux.  Notice  historique  (Extrait  de  la  Monographie  publiee  par  la 
Municipalite  bordelaise  de  Bordeaux  1892).  —  C'amelat  L'clement  etranger 
dans  le  patois  d'Arrens,  canton  d'Aucun  (Hautes-Pyrenees),  in:  Bulletin 
de  la  Soc.  des  parlers  de  France  I,  S.  199  —  215  (L'element  francais).  — 
A.  Dauzat  Glossaire  etymologique  du  patois  de  Yincelles,  Introduction,  in : 
Rev.  des  langues  romanes  t.  LVI  (1913),  S.  285  ff.  —  C.  Grapengeter  Die 
nordfranzösischen  Elemente  in  Mistrals  Werken.  Kieler  Dissertation. 
Berlin  1916. 


Beiträgt   zu  einer  Geschichte  der  französischen  Sprache.  161 
2.  Westschweiz. 

In  der  Westschweiz  sehen  wir  die  gleiche  Entwicklung 
wie  in  Südfrankreich  sich  vollziehen  10).  Das  Tempo,  in  dem 
die  französische  Schriftsprache  hier  Eingang  fand,  ist  eher  ein 
rascheres  gewesen.  Auffällig  bleibt  im  besonderen,  daß,  so- 
weit es  sich  heute  beurteilen  läßt,  als  Urkundensprache  auf 
dem  ganzen  Gebiet  das  Latein  vom  Französischen  direkt  ab- 
gelöst wurde  ll).  Durch  die  Reformation  erfuhr  hier  die  Aus- 
breitung des  Französischen  eine  sehr  wesentliche  Förderung, 
wenn  auch  J.  J.  Scaliger,  der  1572 — 1.574  an  der  von  Calvin 
gegründeten  Akademie  wirkte,  bemerkt,  daß  es  zu  seiner  Zeit 
noch  streng  verpönt  gewesen,  sich  desselben  im  Genfer  Senat 
zu  bedienen  l2). 

Im  17.  Jahrhundert  kommen  Fremde  aller  Herrn  Länder, 
darunter  zahlreiche  Vertreter  des  hohen  Adels,  nach  Genf, 
die  außer  der  Schule  Calvins  der  Wunsch,  im  Gebrauch  der 
französischen  Sprache  sich  zu  vervollkommnen,  dorthin  zog. 
Die  Aufhebung  des  Edicts  von  Nantes  (1685)  brachte  einen 
neuen  Zustrom  französischer  Emigranten,  die  ihrerseits  zur 
Verbreitung  des  Französischen  beigetragen  haben  13). 

Nachdem  etwa  seit  der  Mitte  und  dem  Ausgang  des 
18.  Jahrhunderts  die  französische  Schriftsprache  in  den  größeren 
Städten  die  heimischen  Mundarten  verdrängt  hatte,  hat  die- 
selbe im  Laufe  des  19.  rasch  auch  außerhalb  derselben  an 
Boden  gewonnen,  in  protestantischen  Gegenden  früher  als  in 
katholischen,  in  den  Industriebezirken  früher  als  unter  der 
ackerbautreibenden  Bevölkerung,  in  der  Ebene  früher  als  in 
den  höher  gelegenen  Distrikten. 

An    der  Pflege    der    französischen  Literatur   hat    sich  die 


")  L.  Gauchat  Langue  et  patois  de  la  Suisse  Romande  (Article  ex- 
trait  du  „Dictionnaire  geographique  de  la  Suisse"),  Xeuchatel  1907  (mit 
bibliographischen  Angaben).  —  E.  Muret  Les  patois  de  la  Suisse  romande. 
Extrait  de  la  Bibliotheque  universelle  et  Revue  suisse.     Lausanne  1909. 

u)  s.  die  einschlägige  Literatur  bei  Gauchat  l.  e.    S.  6. 

,2)  Scaligerana  ou  bon  mots,  rencontres  agreables  et  remarques  judi- 
cieuses  &  sravantes  de  J.  Scaliger.  Cologne  1695,  p.  329  s.  v.  Langue  Fran- 
raise:  „A  Geneve  de  mon  temps  celui-lä  eust  paye  Taniande,  qui  eust  parle 
Frangois  au  Senat,  il  falloit  parier  Savoyard".  Eng.  Ritter  bemerkt  dazu 
Mhnoires  et  documents  p.  p.  la  societe  d'hist.  et  d'archeol.  de  Geneve  XIX 
(1877),  p.  58:  „II  ne  faut  pas  trop  presser  Tassertion  de  Scaliger:  celui-lä 
eut  paye  Tarnende  .  .  . ;  on  ne  connait  rien  qui  confirme  ce  dire.  Vgl.  da- 
gegen die  von  G.  Steinhausen  Zs.  f.  vgl.  Litteraturg.  X.  F.  VII,  366  erwähnte 
Klage  Lampenbergs,  wonach  er  in  Genf  im  Jahre  1586  nicht  ordentlich 
Französisch  habe  lernen  können  „cum  inaxima  pars  Germanica,  alia  Sabau- 
diaca  aut  Gavotica  lingua  utuntur,  vix  unus  atque  alter  minister  inveniatur 
qui  pure  loquatur  gallice". 

")  Ch.  Borgeaud  Histoire  de  l'universite  de  Geneve.  Geneve  1900. 
S.  439  ff. 


L62  V.  Behrens. 

Westschweiz  in  hervorragender  Weise  beteiligt l4),  wahrend 
sie  nur  eine  sehr  bescheidene  Dialektliteratur  IS)  aufzuweisen 
hat.  Um  den  korrekten  Gebrauch  der  Reichssprache  unter 
Fernhaltung  mundartlicher  Beimischung  zu  fördern,  hatte  1691 
der  Genfer  Franoois  Poulain  de  la  Barre  einen  Essai  des  re- 
marques particulieres  sur  lu  langue  francoise  pour  la  ville  de 
Genive  erscheinen  lassen16).  Mit  dem  19.  Jahrhundert  beginnt 
eine  Reihe  von  Veröffentlichungen,  die  in  mehr  oder  weniger 
ausgesprochener  Weise  den  gleichen  Zweck  verfolgen l7). 
Heute  besteht  neben  einer  puristischen  eine  ausgesprochen 
antipuristische  Strömung,  deren  Vertreter  auf  keinen  Geringeren 
als  J.  J.  Rousseau  sich  berufen  können  l8). 

3.  Italien. 

Französischer  Spracheinfluß  macht  sich  in  Italien  zuerst 
im  Mittelalter  geltend 19).  Derselbe  war  in  Süditalien  und 
Sizilien  die  Folge  politischer  Verhältnisse,  die  durch  die 
normannische  Eroberung  im  11.  Jahrhundert  eingeleitet  wur- 
den 20).  Stärker  war  der  Einfluß,  der  in  Norditalien  von 
französischen  Sängern  und  Spielleuten  ausging,  die  im  Gefolge 
der  Rompilger  dorthin  kamen.  Zeugnisse  sind  vorhanden, 
daß  seit  der  ersten  Hälfte  des  12.  Jahrhunderts  Stoffe  der 
Karls-  und  Artussage  hier  bekannt  waren.  Aus  der  zweiten 
Hälfte  des  13.  und  aus  dem  14.  Jahrhundert  sind  zahlreiche 
Abschriften  und  Umdichtungen  französischer  Vorlagen  in  einer 
Art  franko-italienischer,  mit  mehr  oder  weniger  starkem 
italienischem  Einschlag  versehenen  Kunstsprache  erhalten,  die 


u)  V.  Rössel  Histoire  de  la  litterature  francäise  hors  de  France 
Lausanne  1895.    S.  32—158. 

")  L.  Gauchat  et  J.  Jeanjaquet  Bibliographie  linguistique  de  la  Suisse 
Romande.    T.  I.     Xeuchatel  1912.    S.  71  ff.  u.  253  ff. :   Litterature  patoise. 

18)  Vgl.  Cb.  Borgeaud  l.  c.    S.  445. 

17j  Vgl.  meine  Bibliographie  des  patois  gallo-romans.  "±  Aufl.,  Berlin 
1893,  S.  135ff.  die  Arbeiten  von  Gaudy-Lefort,  Develey,  J.  Humbert,  Bon- 
höte.  L.  Grangier,  W.  Pludhun  u.  a. 

18)  A.  Fraiif-ois  Les  provincialismes  suisses  romands  et  savoyards  de 
J.-J.  Rousseau,  in:  Annales  de  la  Societe  Jean-Jacques  Rousseau  111  (1907), 
P- 1—67.  —  G.Wißler  Das  schweizerische  Volksfranzösisch,  in:  Rom.  Forsch. 
XXVn,  3  (1910),  S.  690-851. 

")  P.Meyer,  De  l'expansion  de  la  langue  francaise  en Italie pendani 
le  Moyen-age  in  Atti  del  congresso  internazionale  di  scienze  storiche  (Roma, 
1—9  April'e  1903).  Vol.  III,  Roma  1906,  S.  64-104.  —  Francesco  Noyati, 
Attraverso  ü  Medio  Evo.  Bari  1905.  S.  255 — 365:  I  codici  francesi  dei 
Gonzaga.  —  J.  Bedier  Les  chansons  de  geste  et  les  routes  d' Italic  in: 
Romania  XXXVI.  XXXV1T. 

20)  F.  Chalandon,  Histoire  de  la  domination  normande  en  Italie  et 
en  Sicile.  2  vol.  Paris  1907.  —  G.  Pitr6  Le  tradizioni  cavalleresche  i>opo- 
lari  in  Sicilia.  in:  Romania  XIII,  315—398.  —  G.  Bertoni  L' imitazione 
francese  neipoeti  meridionali  della  scuola  poetica  sicüiana,  in:  Rom.  Forsch. 
XXIII,  819-824. 


Beiträge  zu  einer  Geschichte  der  französischen  Sprache.  163 

•auch  in  Ibertragungen  aus  anderen  als  der  französischen 
Sprache  und  in  Originalwerken  verwendet  worden  ist21).  Eine 
besondere  Stellung  nimmt  Piemont  ein.  das  Amphibienland 
(jjaese  anfibio),  wie  es  Alfieri  später  getauft  hat'-2),  wo  politisch- 
dynastische und  wirtschaftliche  Verhältnisse  früh  in  besonderem 
Maße  den  Einfluß  des  Französischen  begünstigt  haben. 

Ein  erneuter  starker  Spracheinfluß  Frankreichs  auf  Italien 
beginnt  im  17.  Jahrhundert  als  Begleiterscheinung  einer  neuen 
französischen  aristokratischen  Gesellschaftskultur,  die  selbst 
von  der  italienischen  Renaissancekultur  beeinflußt  nun  in 
breitem  Strom  über  einen  großen  Teil  Europas  sich  ergoß23). 
Der  Beginn  dieser  Bewegung  fällt  für  Italien  mitten  in  eine 
Periode  literarischen  und  politischen  Verfalls,  wodurch  ihre 
Ausbreitung  begünstigt  wurde.  In  einem  vom  6.  Juli  1681 
aus  Florenz  datierten  Briefe  an  den  Grafen  Carlo  de'  Dottori 
bemerkt  Francesco  Redi  zur  Aussprache  des  Wortes  parruca, 
daß  einige  affektierte  junge  Leute  (giovanotti  leziosi)  perruca 
aussprechen,  um  dem  französischen  Ursprung  näher  zu  kommen, 
da  ihnen  alles  "Widerwillen  bereite,  was  nicht  aus  Frankreich 
stamme  und  nicht  einen  französischen  Beigeschmack  habe 
(imperroche  f<<  loro  nausea  qualsisia  cosa}  che  non  venga  della 
Francia,  e  quel  höh  odori  di  franzese2*).  Antonio  Vallisnieri 
(1661—1730),  Professor  an  der  Universität  Padua,  der  in 
einem  langen  Schreiben  an  seinen  Freund  Allemandro  Pegalotti 
für  den  Gebrauch  eines  reinen  Italienisch  an  Stelle  des 
Lateinischen  eintritt  (che  ogni  Italiano  debba  scrivere  in  Lin- 
gua purgata  Ttaliana,  <>  Toscana,  per  debito,  per  giustizia,  e  per 


")  A.  Mussana,  Alt  französische  Gedichte  aus  venezianischen  Sand- 
schriften. Wien  1864.  —  A.  Keller,  Die  Sprache  des  Venezianer  Roland 
V4.  Straßb.  Diss.  1884.  —  W.  Meyer|-Lübke]  Frankoitalienische  Studien, 
in  Zs.  f.  rom.  Phil.  IX  (1885)  597  —  (540,  X  (1886)  22-55,  363-410.  — 
P.  Rajna  Frammenti  di  redazioni  italiane  del  Buovo  d'Antona,  in  Zs.  f. 
rom.  Phil.  XI  (1887)  153—184.  —  H.  Wähle  Die  Pharsale  des  Nicolas  von 
Verona.  Marburg  1888.  —  H.Wable  Die  Syntax  in  den  franco-italieni sehen 
Dichtungen  des  Nicolas  von  Verona.  Progr.  Magdeburg  1890.  —  A.  Todt 
I>ie  franco-italienischen  lienartbranchen.  Giessener  Diss.  1903.  —  G.  Bei- 
toni Attila,  poema  franco-italiano  di  Nicola  da  Casola.  Friburgo  1907 
|  Collectanea  Friburgensia.  X.  S.  fasc.  IX].  —  Fr.  Mainone  Laut-  und  Formen- 
lehre in  der  Berliner  franho-venezianischen  Chanson  de  geste  von  Huov 
d'Auvergne  (Erster  Teil:  Reimprüfung  und  Lautlehre).  Greifswalder  Diss. 
1911.  —  H.Schneider  Die  Sprache  des  Nicolas  von  Verona.  Heidelberger 
Dissert.  1911.  —  A.  Thomas  UEntree  d'Espagne,  chanson  de  geste  franco- 
italienne.    2  vol.    Paris  1913  [Soc.  des  anciens  textes]. 

22)  Vita  di  Vittorio  Alfieri  scritta  da  esso.  Epoca  terza.  Cap.  primo 
(Edizione  stereotipa.  Milano  1874,  p.  72). 

'i3)  G.  Maugain.  Etüde  sur  Devolution  intellectuelle  de  VItalie  de  165? 
ä  1750  environ.  Paris  1909.  p.  354ft'. :  La  diffusum  de  la  litteratvre  et  de 
la  langue  fram-aises  en  Italic  ä  la  fin  du  XVII«  svcle  et  dans  lapremiere 
moitie  du  XV IIP. 

2*)  Opere  di  Francesco  Itedi.    Vol.  quinto,  Milano  1811,  p.  126. 


164  Ü.  Behrens. 

decoro  della  nostra  Halia),  klagt,  daß  viele  seiner  Landsleute- 
nicht  nur  auf  französische  Art  sich  kleiden,  speisen,  ihre 
Zimmer  möblieren,  ihre  Häuser  schmücken,  ihre  Gärten  und 
Villen  anlegen,  sondern  alle  Gebräuche  der  Franzosen  sich 
aneignen  und  deren  Sprache  reden  und  schreiben  wollen, 
während  sie  in  der  eigenen  nur  zu  stammeln  und  zu  schmieren 
verstehen  (nun  sapendo,  che  balbettare,  <■  scarobocchiar  Hella 
nostra 25).  Das  ganze  18.  Jahrhundert  hindurch,  bis  in  das 
19.  hinein  ist  dann  in  Italien  die  Frage  des  französischen 
Spracheinflusses  immer  von  neuem  erörtert  worden.  Sehr 
nachdrücklich  tritt  1740  ein  Mitglied  der  in  Siena  begründeten 
Akademie  der  Intronati 26)  in  einer  Schrift  über  die  Unter- 
weisung  der  Frauen  dem  Überhandnehmen  des  französischen 
Literatur-  und  Spracheinflusses  entgegen2').  1747  verhöhnt 
der  Yeroneser  Scipione  Maffei,  Mitglied  der  Akademie  der 
Arkadier.  die  Gallomanen  in  einem  Lustspiel  //  Raguet, 
womit  diejenigen  Leute  bezeichnet  wurden,  die  ein  italienisch- 
französisches  Kauderwelsch  redeten. 

Die  Bestrebungen  einzelner  Schriftsteller,  die  italienische 
Sprache  vor  der  Verunstaltung  durch  Gallicismen  zu  schützen, 
haben  in  der  zweiten  Hälfte  des  18.  Jahrhunderts  ebensowenig 
wie  in  der  ersten  einen  nennenswerten  unmittelbaren  Erfolg 
gehabt.  Die  Französierung  machte  vielmehr  weitere  Fort- 
schritte. Die  Übersetzungen  aus  dem  Französischen  mehrten 
sich  und  mehr  als  je  bedienten  sich  italienische  Schriftsteller 
in    ihren    Veröffentlichungen     der    französischen    Sprache28). 

")  Opere  fisico-mediche  stampate  e  manoxcritte  del  Kavalier  Antonio 
Vallisnieri.    Tomo  III,  Venezia  1733,  p.  257. 

")  Vgl.  über  dieselbe  Max  J.  Wolff  Die  Intronati  von  Siena.  in 
Münchener  Museum  II,  53—78. 

27)  Trattato  degli  studj  delle  donne.  in  due  parti  diviso,  opera  d'un: 
Accademico  Intronato.  Parte  seconda,  Venezia  1740.  p.  41 :  ...  Imperciocche 
negl'Italiani  ragiouanienti,  volendo  parere  di  sapere  a  fondo  l'idiouia  Francese. 
mescola  colle  piu  stacciate,  ed  approvate  parole,  le  raglierie,  il  vengo  di 
füre,  il  darmi  l'ouore,  Yadresse.  Vamuser,  et  taute  altre  parole,  ed  espres- 
sioni  straniere,  ch'e  da  temere.  cbe  bei  bello.  siccome  a'  Romain  ne'  tempi 
di  Giulio  Cesare  nel  buon  Latino  accadde,  si  corrompa  il  nostro  parolajo 
Italiano;  ed  i  piu  attaccati  alle  sante  leggi,  o  decisioui  della  Crnsca,  e  i 
direttori  stessi  di  quel  grande  autorevolissimo  Imperio.  abbiauo  a  rimettere 
di  lor  severitä  e  durezza,  e  diventar  difensori,  se  nou  introduttori  delle 
parole  strauiere.  E  nnalmente,  il  che  sarebbe  cosa  peggiore,  che  cou  la 
privata  atfezione  a  frullou  battente  dal  pieno  Seuato  Oruscajo  queste  pelle- 
grine  parole  non  si  approvino  ...  und  ib.  p.  43:  Si  danuo  tutte  al  genio 
di  libri  Francesi,  al  gusto  Francese,  al  parlar  Francese.  al  pensar  e  giudicar 
Francese,  tutto  saper  nell'  abrege  Francese,  volendo  per  liuo  imparare  il 
Catechismo.  ed  ogn'altra  istruzione  Cristiaua  in  liiigua  Francese.  e  pregare, 
e  parlare  ancora,  se  sia  possibile  con  Dio  istesso  in  questa  istessa,  per  altro 
nobile  e  bella  lingua. 

")  Ch.  Dejob.  Müdes  sur  la  tragedie.  Paris  s.  d.  p.  107 ff. :  La  tra- 
gedie  irancaise  en  Italie  et  la  tragedie  italienne  en  France  aux  XVlIIe  et 
XIXe  siecles.  —  Eug.  Bouvy,  Voltaire  et  V Italic.  Paris  1898,  p.  1-36: 
Voltaire  et  la  langue  italienne. 


Heiträge  zu  einer  GeschichU    der  französischen  Sprache.  165 

Bezeichnend  ist,  daß  ein  Autor  wie  Graf  Francesco  Algarotti, 
dem  eine  besondere  Vorliebe  für  französische  Eigenart  durchaus 
nicht  zum  Vorwurf  gemacht  werden  kann  und  der  in  einem 
Briefe  an  Antonio  Nicolini  aus  dem  Jahre  1763 29)  den  Gallicis- 
mus  in  der  Sprache  nachdrücklich  rügt,  sich  selbst  dem 
französischen  Spracheinfluß  nicht  hat  entziehen  können, 
bezeichnend  auch,  daß  es  an  Neuerern  nicht  fehlte,  die  es 
offen  billigten,  mit  den  fremden  Ideen  jedesmal  auch  die  fremden 
Ausdrücke  dafür  zu  übernehmen.  Am  weitesten  in  dieser 
Richtung  gingen  die  Mailänder  Encyklopädisten,  die  um 
Beccaria  und  die  beiden  Verri  sich  gruppierten  und  ihre 
Theorien  im  besonderen  in  der  von  ihnen  begründeten  Zeit- 
schrift //  Caffe  (Brescia  und  Venedig  1765 — 1766)  ver- 
fochten 30).  Feierlich  und  förmlich  (avanti  il  Notajo)  lassen 
die  Schriftsteller  des  ( 'affi  durch  Allessandro  Verri  an  das 
Wörterbuch  der  Crusca  eine  Absage  formulieren,  worin  sie 
jede  Bevormundung  in  der  Wahl  der  Ausdrucksmittel  für 
ihre  Gedanken  energisch  zurückweisen  und  im  besondern  auch 
in  bezug  auf  die  Verwendung  des  Fremdwortes  sich  völlige 
Freiheit  wahren31).  Eine  weniger  extreme  Richtung  vertritt 
unter  den  Neologen  der  Paduaner  Melchiore  Cesarotti,  der 
1785  in  seinem  Versuch  über  die  Philosophie  der  Sprache 
gegen  diejenigen  sich  wendet,  die  zwecklos  die  Muttersprache 
französieren  (che  vanno  tiitto  gwrno  infrancesando  ht  lingua 
italiano  senza  proposito),  es  aber  gleichzeitig  seltsam  und 
lächerlich  findet,  Entlehnungen  aus  dem  Französischen  dann 
zu  verschmähen,  wenn  für  einen  Gedanken  ein  italienischer 
Ausdruck  nicht  zur  Verfügung  stehe,  dagegen  (was  oft  der 
Fall  sei)  ein  völlig  passender  französischer  sich  finde32). 
Andere  verhielten  sich  dem  Gallicismus  in  der  Sprache  gegen- 
über ablehnend.  So  Bettinelli  aus  Mantua,  der  zwar  eine 
Herübernahme  fremder,  insbesondere  französischer  Wörter 
nicht  in  jedem  einzelnen  Falle  für  unstatthaft  erklärt33),  im 
übrigen  aber  mit  Entrüstung  die  Sprachmenger,  die  er  als 

*•)  AI  signor  marcliese  abate  Antonio  Xiccolini,  a  Fuligno :  Sulla  ne- 
cessitä  di  arrichire  di  voci  toscane  il  Dizionario  della  Crusca  (Opere  scelte 
-li  Francesco  Algarotti.  Vol.  III.  Milano  1832,  p.  470  ff.).  —  Ida  Frances 
Treat   Uu  cosmopolite  Italien  du  XYIlfc  sii-cle,  Francesco  Algarotti.    Tre- 

1913. 

80)  Eug.  Bouvy,  Le  Vomte  Pietro  Verri  (17X8— 1797),  ses  idees  et  son 
temps.  Paris  1889.  —  Eug.  Laudry  Cesare  Beccaria.  Scritti  e  ledere  in- 
editi,  raccolti  ed  illustrati.    Milano*  1910. 

")  II  Caffe  o  sia  brevi  e  varj  discorsi  gia'  distribuiti  in  fogli  perio- 
dici.  seconda  edizione.     Tomo  I,  Venezia  176H.  p.  47  ff. 

32)  Sagqi  mala  filosofia  delle  lingue  e  del  gusto  di  Melchior  Cesarotti. 
Milano  1831  {Opere  scelte  di  Melchior  Cesarotti  Vol.  IV),  Parte  III,  Cap.  13  : 

hitroduzione  dei  termini  francesi.  Eine  eingehende  Analyse  von  C's 
*aggi  gibt  H.  Breitiuger  Das  Stadium  d.  Italienischen.  Zürich  1879,  pg.  3(3  ff. 

S3)  Sopra  lo  studio  delle  belle  lettere  e  sul  gusto  moderno  di  quelle 
(8.  Bouvy  Voltaire  et  Vltalie  p.  32). 


166  I>.  Behrens. 

Fripponi  armati  di  stranier  mmaggio 
A  culbutar  tutto  il  buon  linyuaggio 3*) 

bezeichnet,  zurückweist.  Als  1783  die  Akademie  der  Wissen- 
schaften zu  Mantua  die  Preisfrage  stellte:  Wie  der  gegen- 
wärtige Geschmack  Italiens  in  den  schönen  Wissenschaften 
beschaffen,  und  falls  er  verderbt  sei,  durch  welche  Mittel  er 
verbessert  werden  könne?  gingen  drei  (des  Preises  sämtlich 
nicht  für  würdig  befundene)  Bewerbungsschriften  ein.  deren 
Verfasser,  die  Lombarden  G.-B.  Velo 35),  M.  Borsa 36j  und 
I.  Pindemonte 37),  zu  dem  übereinstimmenden  Ergebnis  ge- 
langen, daß  sich  unter  französischem  Einfluß  „in  den  Stil  der 
meisten  italienischen  Schriftsteller  ein  mehr  oder  weniger 
unechter  Geschmack  allmählich  eingeschlichen,  welcher  haupt- 
sächlich in  einem  allzu  sorgfältigen  Bestreben  nach  witzigen 
und  schwülstigen  Ausdrücken,  nach  fremden  Formen,  und 
nach  dem  Schein  eines  philosophischen  Geistes  bestehe". 
„Es  würde  unverzeihlich  sein",  schreibt  Pindemonte  38),  „wenn 
wir  eine  so  reiche,  so  schöne  und  so  ausdrucksvolle  Sprache, 
wie  die  unsere  ist,  verwildern  und  verderben  ließen.  Wir 
würden  uns  den  häßlichen  Vorwurf  des  Cicero  zuziehen, 
welcher  denjenigen,  der  seine  eigene  Sprache  nicht  in  seiner 
Gewalt  hat,  nicht  nur  des  Namens  eines  Redners,  sondern 
auch  eines  Menschen  unwürdig  achtet".  Das  Lesen  fremder 
Bücher,  so  meint  er  weiter,  schade  an  sich  nichts,  könne 
denen,  die  neben  der  Vollkommenheit  der  Sprache  auch  ein 
feines  L^rteilsvermögen  besitzen,  sogar  nützen.  Dieselben 
müßten  aber  im  Stande  sein,  die  fremden  Wörter  und  Formen 
in  die  Substanz  und  Eigenart  ihrer  Sprache  zu  verwandeln, 
nicht  aber  glauben,  die  Grazien  könnten  unverändert  eine 
andere  Sprache  reden  und,  ohne  sich  umzukleiden,  sowohl  an 
der  Seine  als  am  Arno  gefallen.  L^nter  denen,  die  ein  starkes 
nationales  Empfinden  in  ihrem  Kampfe  gegen  den  französischen 
Spracheinfluß    leitete,   steht   in    erster  Linie   Vittorio    Alfieri. 


a*)  Le  Raccoltc,  cauto  II.  ott.  2M  (hier  zitiert  nach  Bouvy  l.  c.  pg.  31). 

")  [G.-B.  Velo]  11  carattere  nazionale  del  gusto  italiano,  e  di  certo 
gusto  dominante  in  letteratura  straniera.  Vicenza  1786.  —  Vom  selben 
Verfasser:  Sulla  preminenza  di  alcune  lingue  e  sull'  autorita  degli  scrittori 
approvati  e  di  grammatici.    Vicenza  1789. 

")  Matteo  Borsa  Del  gusto  presente  in  letteratura  italiana  .  .  .  «lata 
in  luce  e  accompagnata  da  copiose  Osservazioni  relative  al  medesimo  argu- 
menta da  Stefano  Arteaga  [1784]. 

")  I.  Pindemonte,  Qual  aia  presentemente  il  gusto  delle  Belle- Letter e 
in  Italia,  e  come  possa  restituirsi  se  in  parte  depravato.  Milano  1783.  — 
Des  Ritters  I.  Pindemonte  Abhandlung  über  den  ^gegenwärtigen  Geschmack 
der  Italiener  in  den  schönen  Wissenschaften.  Übersetzt,  und  durch  An- 
merkungen erläutert,  von  C.  J.  .lagemann.    Halle  1788. 

'*)  Hier  zitiert  nach  Jagemann's  Übersetzung. 


Beiträge  zu  einer  Geschichte  der  französischen  Sprache.  167 

Derselbe  berichtet  aus  seiner  Jugendzeit  (1766),  daß  er  als 
Piemontese  weniger  Italienisch  als  Französisch,  und  auch  dieses 
nur  mangelhaft  verstanden,  das  Wenige  aber,  das  er  in 
seinem  armen  Köpfchen  damals  etwa  gedacht  und  geformt, 
sei  in  französische  Lumpen  gehüllt  gewesen  39).  Zehn  Jahre 
später  (1776)  reiste  er  dann,  um  sich  zu  „entfranzösierena, 
auf  ein  halbes  Jahr  in  die  Toskana,  eine  Zeitspanne,  die  sich 
ihm  als  nicht  ausreichend  erwies,  um  eine  traurige  Gewohn- 
heit von  zehn  und  mehr  Jahren  zu  vernichten  (ma  sei  mesi 
mm  disfanno  una  trista  abitudine  <li  dieci  <■  piü  <n>nii0).  In 
Alfieri's  Misogallo  fand  der  Franzosenhaß  im  18.  Jahrhundert 
seinen  stärksten  Ausdruck.  Neben  Alfieri  verdient  dessen  als 
Schriftsteller  weniger  berühmter  Landsmann  Galeano  Napioni 
hier  besondere  Erwähnung,  der  in  seinem  1791  erschienenen 
umfangreichen  Hauptwerk  über  den  Gebrauch  und  die  Vorzüge 
der  italienischen  Sprache  aus  warmem  patriotischem  Empfinden 
heraus  gegen  den  französischen  Literatur-  und  Spracheintiuß 
sich  wendet41). 

Die  französische  Eroberung  (1796 — 1800)  und  die  napoleo- 
nische Herrschaft  (1800  —  1814)  hatten  zunächst  eine  weitere 
Steigerung  des  französischen  Spracheinflusses  in  Italien  zur 
Folge.  Abgesehen  davon,  daß  jetzt  Italien  mehr  noch  als 
zuvor  von  französischer  Literatur  überschwemmt  wurde  und 
französische  Truppen  ins  Land  kamen,  wurde  durch  die 
Gesetzgebung  und  die  Leitung  der  Presse  auf  die  Anwendung 
der  französichen  Sprache  eingewirkt42).  Unter  den  Schrift- 
stellern, die  für  den  Gebrauch  des  Französischen  in  Italien 
in  jener  Zeit  eingetreten  sind,  ist  Carlo  Denina  besonders  zu 
nennen.  Ist  er  auch,  so  weit  ich  sehe,  niemals  so  weit 
gegangen,  wie  mehrfach  angenommen  worden  ist,  allgemein 
die  italienische  Prosa  durch  die  französische  ersetzen  zu  wollen, 
so  hat  er  doch  1803  seinen  piemontesischen  Landsleuten  allen 
Ernstes    einen    dahin    gehenden   Vorschlag    gemacht  43).      Im 


*•)  Vita  (s.  obeu  Amn.  22)  III,  1,  pg.  72. 

40)  Vita  IV,  2,  pg.  176. 

41)  Dell' uso,  e  dei  pregj  della  lingua  italiana  libri  tre.  Torino  1791. 
Vol.  I,  p.  153f. :  Xon  pochi  Italiani  resteramio  meravigliati  dal  mostrar  che 
fa  l'Abate  Cesarotti  di  risguardar  come  inseparabili  in  Italia  il  genio  filo- 
sofico.  la  coltura  delle  scienze,  ed  il  Francesismo  (Saggio  aopra  la  lingua 
italiana  p.  157,  e  p.  118).  A  nie  pare,  che  il  nulla  abbia  prodotto,  che  il 
Francesismo,  vale  a  dire  una  ridicola,  e  dannosa  iniitazione  di  lingua,  e  di 
costumi  stranieri  ....  Qual  e  lo  scrittore  di  poesia  veramente  celebre,  che 
abbia  affettato  il  Francesismo  ?  . . . 

*2)  P.  Hazard,  Im  revolution  francaise  et  lex  lettres  üaliennes  1789— 
1815.    Paris  1910. 

*ä)  [Carlo  Denina]  DelV  Uso  della  Lingua  Francese,  discorso  in  forma 
di  lettera  diretto  ad  un  letterato  Piemontese.  Berlino  1803,  pg.  14:  Ma 
che   penserete   voi  e   i  vostri  compagui  e  colleghi,    quando  udirete  che  la 


lüg  J>.  Behrens. 

allgemeinen  läßt  sich  feststellen,  daß  bei  den  italienischen 
Schriftstellern  der  Zeit,  wie  sie  auch  über  die  „Lingua  illustre" 
sonst  denken  mochten  4"M,  von  ganz  vereinzelten  Ausnahmen 
wie  Denina  abgesehen,  in  bezug  auf  die  Reinhaltung  der  Sprache 
von  Gallicismen  Einmütigkeit  herrschte.  Die  Fremdherrschaft 
hat  eine  Kräftigung  des  nationalen  Gedankens  in  Italien 
bewirkt  und  so  in  nachhaltiger  Weise  die  im  Laufe  des 
19.  -Jahrhunderts  erfolgte  Befreiung  vom  französischen  Sprach- 
joch vorbereitet.  Vincenzo  Monti45)  und  Ugo  Foscolo46) 
erklären  sich  gegen  die  Aufnahme  von  Gallicismen.  Selbst 
Allessandro  Verri  ändert  jetzt  gründlich  seine  Meinung47). 
Denina's  Landsmann  M.  Carlo  Vidua  tritt  nachdrücklich  für 
den  Gebrauch  der  italienischen  Sprache  ein  48)  und  M.  Paroletti 
warnt  diejenigen,  welche  Französisch  und  Italienisch  neben- 
einander zu  schreiben  und  zu  sprechen  genötigt  seien,  eine 
Vermischung  beider  Idiome  eintreten  zu  lassen49).  Mit  großem 
Nachdruck  hat  unter  vielen  anderen  auch  der  Abbate  Antonio 
Cesari  aus  Verona  den  Gallicismus  in  der  Sprache  bekämpft50). 


povertä  iiresupposta  deila  lingua  francese  debb'essere  per  li  Piemontesi  an 
maggior  niotivo  di  preferirla  all"  Italiana  per  uso  di  parlare,  e  di  scriver 
libri  istruttivi,  storici,  politici,  morali  e  dilettevoli  in  buona  prosa?  Eppur 
non  e  dubbio  che  cotesta  copia  di  voci  significanti  la  stessissima  cosa  ei  e 
piu  d'  impaccio  che  di  commodo,  salvo  nel  compor  versi  e  far  rime,  o  in 
•jualche  discorso  d'apparato  e  di  pompa,  dove  non  si  eerca  gxan  precisione. 

**)  Vgl.  u.  a.  V.  Vivaldi  Storia  delle  controversie  intorno  alla  nostra 
lingua.  Catanzaro  1894—1898,  3  voll.  —  N.  Caix  Die  Streitfrage  über  die 
italienische  Sprache  in:  Italia,  hrsgb.  von  K.  Hillebrand.  III  (Leipzig  1876) 
pg.  121  ff.  —  Francesco  d'  Ovidio  Le  correzioni  ai  Promessi  Sposi  e  la 
guestione  dtlla  lingua.     Quarta  edizione.     Xapoli  1905. 

")  Monti,  Lezioni  di  eloquenza,  I.  II  (op.  t.  V,  p.  280).  Hier  zitiert 
nach  P.  Hazard  l.  c.  pg.  324.  Anni. 

1S)  Prose  e  poesie  edite  ed  inedite  di  Ugo  Foscolo  ordinate  da  Luigi 
Carrer.  Venezia  1842,  p.  343 ff.:  Frammenti  di  Lezioni  di  Eloquenza.  Vgl. 
ib.  p.  279  ff.  Foscolo's  Bemerkungen  zu  Giuseppe  Marocco's  Kloqio  funebre 
di  Pietro  Tenlie. 

*7)  I  quattro  libri  di  Senofoute  .  .  .  nuova  traduzione  dal  greco,  di 
M.  A.  diacomelli;  con  note  e  variazioni  di  Alessandro  Verri.  Brescia  180H. 
Hier  citiert  nach  P.  Hazard  /.  c.  pg.  334.  538. 

**)  Lette re  del  Coute  Carlo  Vidua  pubblicate  da  Cesare  Balbo.  Toiuo  I, 
Torino  1834:  Libro  I.  5  al  Sig.  Luigi  Provana  (24  agosto  1806)  und  ib.  öl 
al  Sig.  Cesare  Balbo  (12  iuglio  1810). 

*•)  Modeste  Paroletti,  Discours  sur  le  car acter e  et  l'etude  des  deux 
lang ues  Vitalienne  et  la  francaise  in  :  Memoire»  de  l'Ac.  Imper.  des  sciences, 
litte rature  et  beaux-arts  de  Turin.  Litterature  et  beaux-arts.  T.  IV,  Turin 
1811,  S.  473 ff. 

50)  Tocabidario  degli  Accademici  della  Crusca,  oltre  le  giunte  fatteci 
finora,  cresciuto  d'assai  migliaja  di  Voci  de'  classici,  le  piü  trovate  da  Vero- 
nesi;  didicato  a  S.  A.  imperiale  il  principe  Eugenio.  vice-re  d'Italia.  Tomo 
primo  A-B.  Verona  1806,  in-4°.  —  Dissertazione  sqpra  lo  stato  presente 
della  lingua  italiana  scritta  da  Antonio  Cesari  dell'  oratorio  di  Verona,  sozio 
ordinario  dell*  Accademia  italiana  di  scienze,  lettere  ed  arti  coronata  dalla 


Beiträge  zu  einer  Geschichte  der  französischen  Sprache.  169 

Was  aber  in  diesem  Zusammenhange  noch  besonders  be- 
merkenswert erscheint,  in  dem  Großherzogtum  Toskana  machte 
sogar  die  französische  Regierung  dem  italienischen  Volks- 
empfinden  das  weitgehende  Zugeständnis,  für  die  Reinheit 
der  Sprache  einzutreten51).  Unter  dem  9.  April  des  Jahres 
1809  verfügte  Napoleon  durch  besonderes  Dekret  nicht  nur, 
■daß  in  den  Gerichtsverhandlungen,  den  Notariatsakten  und 
sonst  neben  der  französischen  die  italienische  Sprache  ver- 
wendet werden  dürfe,  sondern  auch,  daß  ein  jährlicher  Preis 
von  500  Napoleonsd'or  für  diejenigen  Schriftsteller  ausgesetzt 
werde,  deren  Werke  am  wirksamsten  zur  Reinhaltung  der 
italienischen  Sprache  beitragen.  In  einem  Dekret  vom 
13.  Januar  1810  wurden  hierzu  besondere  Ausführungsbe- 
stimmungen gegeben,  und  in  einem  solchen  vom  19.  Januar  1811 
die  Akademie  der  Crusca  wiederhergestellt. 

Ward  so  der  Einfluß  der  französischen  Sprache  in  der 
napoleonischen  Zeit  im  ganzen  wirksam  zurückgedämmt,  so 
hat  sich  dieselbe  gleichwohl  noch  lange  in  Italien  großer  Ver- 
breitung erfreut  und  ist  die  einzige  im  Lande  gepflegte  Fremd- 
sprache geblieben,  bis  ihr  gegen  Ende  des  19.  Jahrhunderts 
im  Englischen  und  Deutschen  ernsthafte  Konkurrenten  ent- 
standen sind  ,2). 

Über  das  umfangreiche  französische  Sprachmaterial,  das 
im  Mittelalter  und  in  der  Neuzeit  in  das  Italienische,  sei  es 
in  die  Mundarten  oder  in  die  Schriftsprache  Eingang  gefunden 
hat,  fehlt  zur  Zeit  noch  eine  eingehende  wissenschaftliche 
Untersuchung 5S). 

4.  Spanien. 

Mannigfache  Beziehungen  zu  Frankreich  haben  auch  hier 
bereits  im  Mittelalter  die  Aufnahme  französischen  Lehnguts 
in  die  Sprache  bewirkt.    Französische  Ritter,  die  den  Spaniern 


stessa  Accademia  il  14  Dicembre  1809  {Biblioteca  di  opere  classiche  antiche 
>:  moderne.  Yeiiezia  1832).  —  Le  Grazie,  dialogo  di  Antonio  Cesari,  che 
compie  la  dissertazione  sopra  la  lingua  italiana  coronata  della  stessa  Acca- 
demia il  14  Dicembre  1809  (Biblioteca  di  opere  class.  antiche  e  moderne. 
Venezia  1832.) 

")  Vgl.  P.  Hazard  (s.  oben  Anm.  42)  pg.  317  ff. 

51)  Ch.  Dejob  La  langue  francaise  en  Italic  in:  La  langue  francaise 
dans  le  monde  (s.  oben  Anm.  Ij  p.  61  ff. 

")  Vgl.  W.  Meyer-Lübke  Italienische  Grammatik  passini ;  G.  Flechia 
Arch.glott.  ital.  III,  33  A.,  322  A.  1,  340 f. ;  C.  Avolio  Introduzione  allo  studio 
del  dialetto  siciliano,  Xoto  1882,  pg.  49 ff. ;  C.  Allario  I  principali  francesismi 
da  eritarsi  nella  Hngua  parlata  e  scritta.  Torino  1879;  über  einige  frühe 
Entlehnungen  s.  auch  W.  Brückner  Sprache  der  Langobarden  pg.  6.  8, 
Charakteristik  der  germ.  Elemente  im  Ital.  pg.  28 ff.  und  Zs.  f.  rom.  Phil. 
XXIV  (1900),  pg.  68  A..  69,  70,  74:  ältere  Arbeiten  verzeichnet  P.Viani 
Dizionario  di  pretesi  francesismi.   Vol.  I  (Firenze  1858)  p.  LlXf. 


L70  D.  Behrens. 

in  den  endlosen  Kämpfen  gegen  die  Mauren  Hilfe  brachten  5i), 
sind  zum  Teil  jenseits  der  Pyrenäen  dauernd  seßhaft  ge- 
worden. Der  Hof  Alphons  VI  (1072  — 1109),  dessen  zweite 
(Gemahlin,  Constanza,  aus  Frankreich  stammte,  war  fast  ganz 
französisch.  Französische  Wallfahrer  pilgerten  jahraus  jahrein 
in  großen  Scharen  nach  Santiago  de  Compostela.  Eine  von 
Cluni,  später  von  Citeaux  ausgehende  Klosterreform  hatte  die 
Hesiedelung  spanischer  Klöster  mit  französischen  Mönchen 
zur  Folge  5i).  Durch  Yermittelung  französischer  Spielleute  und 
Geistlicher  hat  die  altspanische  Literatur  auf  den  verschieden- 
sten Gebieten  den  Einfluß  der  französischen  erfahren.  Erst 
als  gegen  Ausgang  des  Mittelalters  im  geistigen  Leben  Europas 
Italien  die  Führung  übernommen,  ist  durch  politisch-dynastische 
Beziehungen  besonders  begünstigt  in  Spanien  an  die  Stelle 
des  französischen  Einflusses  der  italienische  getreten.  Es  folgt 
die  Hochblüte  nationaler  Literatur  unter  den  Habsburgern 
im  16.  und  17.  Jahrhundert,  nachdem  eine  durch  die  Eroberung 
Granada's  und  die  Erschließung  einer  neuen  Welt  eingeleitete 
gewaltige  politische  Machtentfaltung  eine  außerordentliche 
Steigerung  aller  kulturellen  Kräfte  der  Nation  bewirkt  hatte. 
Ward  so  von  etwa  1400  bis  1700  der  französische  Sprach- 
einfluß in  Spanien  stark  zurückgedrängt,  so  wäre  es  zu  weit 
gegangen,  ihn  für  diesen  Zeitraum  gänzlich  in  Abrede  stellen 
zu  wollen.  Mit  der  Einführung  der  burgundischen  Hofordnung 
unter  Karl  I.  (1516 — 1556)  wurden  eine  Anzahl  französischer 
Ausdrücke  für  Hofchargen  übernommen  56).  Philipps  II. 
1 1556 — 1598)  dritte  Gemahlin,  Elisabeth  von  Yalois,  brachte 
bei  Hof  das  Französische  zu  solchem  Ansehen,  daß  Baltasar 
Sotomayor  1565  für  diejenigen,  die  bei  Hof  verkehrten,  eine 
französische     Grammatik 5r)     herauszugeben     sich     entschloß, 

il)  Vgl.  G.  Baist  in:  Gröbers  Grundriß  II,  2  (1897),  S.  386. 

")  E.  Sackur  Die  Cluniacenser  II.  Halle  a.  S.  1894,  S.  101-113:  Die 
*  'lnniacenser  in  Spanien. 

")  A.  Rodriguez  Villa  Etiquetas  de  la  casa  de  Austritt.  Madrid  [1875 1.  — 
Barthelemy  Joly  Voyage  en  Espagne  (1603—1604),  hrsgb.  v.  L.  Barrau-De- 
higo  in:  Revue  HispaniqueXX  (1909),  S.  559f.  —  Gregorio  Mayans  i  Siscär 
Origines  de  la  langxia  espanola.    Madrid  1737.    S.  98. 

*7)  Grammatica  con  reglas  mvy  prouechosas  y  uecessarias  para  aprender 
a  leer  y  escrinir  la  leugua  Francese  . . .  S.  den  vollständigen  Titel  bei  El 
Conde  de  la  Vifiaza  Uiblioteca  hiatorica  de  la  filologia  castellana  (Madrid 
1893),  Nr.  164<).  Ein  von  Vifiaza  mitgeteilter  Passus  der  Widmung  des 
Bnches  gibt  über  dessen  Zweck  beachtenswerten  Aufschluß :  „Dos  [lenguajes] 
principalmente  me  parece  que  solos  mäs  necesarios,  italiano  y  frances; 
porque  de  lo  uno  hay  muchas  regiones  que  reconocen  nuestros  ceptros,  a 
euya  causa  la  corte  estä  siempre  acompanada  dellos;  y  lo  otro  con  el  feli- 
cissimo  matrimonio  de  Ja  Reina  nuestra  senora  es  tanta  la  counmicacion 
que  hay,  y  que  se  espera  que  .sieinpre  habrä,  que  quien  de  acqui  adelante 
no  supiere  frances,  le  faltarä  mucha  parte  de  la  que  el  buen  Cortesano 
üebe  tener;  pues  uno  de  los  mayores  entretenimientos  que  entre  ellos  hay 
es  el  trato  que  con  las  damas  se  tiene,  de  las  cuales  muchas  son  francesas." 


Beiträgt   zu  einer  GeschichU   der  französischen  Sprache.  171 

wahrend  Liario  ö  Ledel  im  gleichen  Jahr  und  wohl  für  den 
gleichen  Benutzerkreis  ein  französisch-spanisches  ]'<»(fl/til<<r/o5S) 
hat  erscheinen  lassen.  Im  17.  Jahrhundert  mehren  sich  die 
für  Spanien  bestimmten  Hilfsmittel  zum  Studium  des  Fran- 
zösischen. So  veröffentlicht  1624  Diego  de  la  Encarnacion 
(Diego  de  Cisneros)  eine  Gramdtica  fr<ht<<*<<  en  < */></?<<>/,  die 
1635  eine  zweite  Auflage  erlebte  59).  1647  wurde  Sotomayors 
Grammatik  in  Barcelona  wie  es  scheint  neu  herausgegeben  60). 
1666  ließ  Labresier  de  la  Puente  für  die  Söhne  der  Vornehmen 
und  des  Adels  Paralelos  de  las  tres  Lenguas  ( 'astellana,  Fran- 
cesa '  Ttaliana  erscheinen  mit  einem  Widmungsschreiben  an 
die  Caballeros  >h  In  primerä  Nöbleza  </>■  la  Corte  de  Madrid91). 
Bemerkenswert  ist  auch,  daß,  während  im  17.  Jahrhundert 
die  spanische  Literatur  in  besonders  starkem  Maße  die  fran- 
zösische beeinflußte,  gleichzeitig,  wenn  auch  zunächst  in  be- 
scheidenem Umfange,  die  französische  Literatur  von  neuem 
auf  die  spanische  befruchtend  einzuwirken  angefangen  hat. 
Von  größerer  Bedeutung  als  diese  literarische  Einwirkung 
dürfte  für  den  französischen  Spracheinfluß  in  Spanien  in  dieser 
Zeit  der  Zustrom  zahlreicher  Einwanderer  aus  Frankreich  ge- 
wesen sein.  Nicht  nur  französische  Compostelapilger  kamen 
nach  wie  vor  in  Scharen  in's  Land,  auch  französische  Kauf- 
leute und  Gewerbetreibende  aller  Art  haben  sich  jetzt  in 
großer  Zahl  zum  vorübergehenden  oder  dauernden  Aufent- 
halt dort  eingefunden.  Die  Weltmachtpolitik  der  Habsburger 
sollte  dem  Lande  nicht  dauernd  zum  Segen  gereichen.  „Der 
Nationalstolz",  bemerkt  J.  Sempere  C2),  „von  der  einen  Seite, 
und  von  der  anderen  Seite  die  große  Leichtigkeit,  ohne  viel 
Arbeit  seinen  Lebensbedarf  zu  erlangen,  mußten  in  Spanien 
mehr  als  anderwärts  den  natürlichen  Hang  der  Menschen  zum 
Müßiggang  und  zur  Geringschätzung  der  Künste  und  Hand- 
werke verstärken.  Weit  entfernt,  sich  dem  zu  widersetzen, 
daß  die  Ausländer  der  einträglichsten  Gewerbe  sich  bemäch- 
tigten, sahen  sie  diese  mit  der  kältesten  Gleichgültigkeit  an  .-.." 
Nach    Antoine    de    Bruneis    Reisebericht03)    hat    es    in    den 


")  Yocabulario  de  los  vocablos  que  ma*  comunmente  se  stielen  usar  . . 
8.  den  vollständigen  Titel  bei  Viiiaza  l.  c.  Nr.  1723.  Auch  mit  Sotomayors 
Grammatica  zusammen  herausgegeben  (Viiiaza  Nr.  1646). 

")  Viiiaza  l.  c.  Nr.  132. 

,0)  Viiiaza  l  c.  Nr.  138. 

M)  Viiiaza  l.  c.  Nr.  141.  —  Lexikographische  Hülfsmittel  s.  bei  Viiiaza 
l.  :  unter  Nr.  724  etc. 

*'■')  J.  Sempere  Betrachtungen  über  die  Ursachen  der  Größe  und  des 
Verfalls  der  spanischen  Monarchie,  übersetzt  und  mit  Anmerkungen  be- 
gleitet von  H.  Schäfer.    Zweiter  Teil.     Darmstadt  1829.    S.  150. 

")  |  Antoine  de  Brunei]  Voyage  d'Espagne.  Cologne  1667.  P.  23.  79. 
Vgl.  über  den  Verfasser  und  sein  Werk  E.  Foulche-Delbosc  Revue  Hispa- 
nique  III  (1896),  p.  33 ff.  (dazu  A.  Farinelli  in  Melange*  Picot  II,  616). 


172  0.  Behrens. 

sechziger  -Uhren  des  17.  Jahrhunderts  in  Madrid  allein  über 
40  00O  Franzosen  gegeben,  die  „sous  im  habit  espagnol,  et  en 
sc  diaant  Bourguignons,  Walons,  et  Lorrains,  y  fönt  fieurir  le 
Commerce  et  /<>  Manufacture".  Die  Gesamtzahl  der  Fremden, 
so  berichtet  derselbe  Gewährsmann,  war  nach  zuverlässigen 
Angaben  damals  in  der  Hauptstadt  so  groß,  daß  sie.  wenn 
sie  gewollt,  sich  derselben  hätten  bemächtigen  und  die  Spanier 
daraus  vertreiben  können.  Noch  sei  bemerkt,  daß  die  häufige 
Berührung  mit  französischen  Truppen  wie  zur  Nachahmung 
der  französischen  Militärtracht6*),  so  auch  zur  Aufnahme  einer 
Anzahl  Ausdrücke  der  französischen  Militärsprache  '*)  in  das 
Spanische  bereits  im  17.  Jahrhundert  geführt  hat. 

Als  1701  der  erste  Herrscher  aus  dem  Hause  Bourbon. 
Philipp  V,  den  spanischen  Thron  bestieg,  vermochte  sich  das 
Land,  das  von  seiner  stolzen  Weltmachtstellung  längst  herab- 
gesunken und  dessen  wirtschaftliches  und  zuletzt  auch  geistiges 
Leben  in  beispiellosen  Yerfail  geraten  war,  dem  Einfluß  des 
politisch  mächtigen,  wirtschaftlich  und  kulturell  hochstehenden 
Frankreich  nicht  zu  entziehen 66).  Deutlich  haben  sich  die 
Spuren  dieses  Einflusses  auch  der  Sprache  eingeprägt.  Der 
für  die  Aufklärung  in  seinem  Vaterlande  unermüdlich  tätige 
Benediktiner  Benito  Geronymo  Feijoö  hat  1726  im  ersten 
Bande  seiner  Bühne  der  Kritik  (El  Teatro  <-ritio>)  eine  Ab- 
handlung über  Neologismen  {Ahjtnw*  observationes  »obre  la  in- 
trodnctton  de  voce»  mievas  en  nostro  idioma)*7)  erscheinen 
lassen,  in  der  er  bemerkt,  daß  es  in  seinem  Vaterlande  zwei 
gleich  tadelnswerte  extreme  Richtungen  gäbe,  eine  konser- 
vative, die  von  keiner  Neuerung  etwas  wissen  wolle,  und 
eine  fortschrittliche,  antinationale  —  er  nennt  die  Vertreter 
derselben  Nationistas  — ,  die  auf  alles  Einheimische  mit  Ver- 
achtung herabsähe,  alles  Französische  bewundere:  Solo  en 
Francia,  pongo  ]><>»•  exenvplo,  regnan}  segun  su  dietamen,  In  de- 
licadeza,  In  policia,  el  buon  gusto.  Arn  tot/o  es  rudeza,  y  barbarie. 


•4)  A.  Morel-Fatio  Etudes  mr  VEspagne  III,  238f. 

")  F.  Bnmot  in  Petit  de  Julleville  Histoire  de  la  langne  et  de  la 
litteratvre  francaixe.  VI  (1898),  S.  885. 

••)  A.  Baudrillart  Philippe  V  et  la  cour  de  France  1700—1715.  Paris 
1889.  —  G.  Desdevises  du  Dezert  L'Espagne  de  V Annen  Begime.  La 
richesse  et  la  civilisation.  Paris  1904.  —  *  F.  Anton  del  Olmet  Proceso  de 
Jus  migeites  de  la  decadentie  espanola.  IV  :  Los  Afrancesados.  Madrid  1913  (?). 

")  So  lautet  der  Titel  der  ersten  Ausgabe  nach  Vifiaza  l.  c.  Nr.  1266. 
In  den  mir  vorliegenden  späteren  Ausgaben  des  Teatro  critico  aus  den 
Jahren  1733  und  1773  lautet  derselbe:  Paralelo  de  las  lenguas  castellanu. 
g  Francesa.  S.  auch  Biblioteca  de  Autores  espanoles.  T.  56:  Obras  esco- 
gidas  del  Padre  frag  Benito  Jerommo  Feijoo  g  Montenegro.  Madrid  1863. 
8.  45  ff.,  und  vgl.  M.  Sarmiento  Demonstration  critico-apologetica  del  theatro 
critico  universal.  Tomo  primero.  Segunda  impression.  Madrid  1739.  S. 
186  ff.  —  i'ber  Feij<'»o  handelt  *  X.  Morayta  El  P.  Feijoo  y  sns  obras.  Valencia 
1913. 


Beiträge  zu  eine)'  Geschichte  dev  französischen  Sprache.  173 

Unter  den  Xationisten,  und  nicht  unter  ihnen  allein,  sei  es 
Mode  geworden,  die  Sprache  durch  die  Aufnahme  französischer 
Elemente  zu  verunstalten,  so  daß  diejenigen,  welche  ein  reines 
Castilianisch  redeten,  beinahe  als  Menschen  einer  grauen  Vor- 
zeit (cqmo  hombres  del  tiempo  </>■  los  Godos)  angesehen  würden. 
Feyjoö  selbst  hält  Kenntnis  der  französischen  Sprache  für 
nützlich.  j;i  bis  zu  einem  gewissen  Grade  für  notwendig  „/<  - 
specto  de  los  sujetos  inclinados  d  la  letura  curiosa,  y  erudita", 
bestreitet  aber,  daß  sie  der  spanischen  in  Bezug  auf  Ausdrucks- 
fähigkeit (propriedad),  Wohlklang  (harmonia)  und  Wortreich- 
tum (copia)  überlegen  sei.  Ohne  Notwendigkeit  die  Sprache 
zu  französieren,  findet  er  tadelnswert,  die  Entlehnung  einzelner 
Kunstausdrücke  {algimas  voces  facultativas,  cuyo  emprestito  es 
indispensable  de  unas  Naciones  a  otros)  statthaft.  In  der 
gleichen  gemäßigten  und  verständigen  Weise  hat  er  sich  ge- 
legentlich sonst  zur  Fremdwörterfrage  geäußert G8).  Nach  ihm 
und  neben  ihm  haben  unter  seinen  Landsleuten  viele  andere 
mehr  oder  weniger  eingehend  das  gleiche  Thema  behandelt. 
Mayans  y  Siscar  führt  1737  in  seinen  Origenes  de  la  lengua 
espanola  69)  den  starken  Import  französischer  Wrörter  auf  die 
seit  Beginn  des  Jahrhunderts  vermehrten  Handelsbeziehungen 
zu  Frankreich,  die  große  Zahl  französischer  Einwanderer  und 
die  Einwirkung  der  gelehrten  Literatur  Frankreichs  zurück. 
Letztere,  bemerkt  mit  beachtenswertem  Freimut  der  könig- 
liche Bibliothekar,  sei  der  spanischen  überlegen,  weil  sie  mehr 
als  diese  sich  königlicher  Gunst  zu  erfreuen  hatte  {Devemos 
conceder  a  los  Franceses  esta  gran  ventaja;  porque  hau  tenido 
muchos  Reyes  mas  aficionados  que  los  nuestros  a  favorecer  los 
Letraäos,  sin  cuyo  fomento  las  Letras  /»><■<>  medran).  Andere 
national  gesinnte  Männer  wie  Benito  de  San  Pedro  haben 
mit  besonderem  Nachdruck  auf  die  großen  Vorzüge  der 
heimischen  Sprache  und  deren  ruhmreiche  Vergangenheit  hin- 
gewiesen 70),  wohl  um  dadurch  indirekt  dem  Überhandnehmen 
des  französischen  Spracheinflusses  zu  begegnen.  Antonio  Cap- 
manv,  der  in  früheren  Arbeiten  den  Einfluß,  den  die  franzö- 


''*)  Carlas  eruditas.  y  curiosas.  I.  Xueva  impresion.  Madrid  1774. 
1).  2H5ff. :  Detiende  el  autor  el  uso  que  hace  de  algimas  voces,  ü  peregrinas, 
6  nuevas  en  el  idioma  Castellano.  —  Über  Feijöo's  Stellung  zur  französischen 
Literatur  vgl.  ib.  V,  p.  367  ff. :  Disuade  a  im  amigo  suyo  el  autor  el  estudio 
de  la  Lengua  Griega:  y  le  persuade  el  de  la  Francesa. 

e9)  I,  p.  97  f. 

70)  Arte  del  Eomance  castellano  dispuesta  sequn  sus  prineipios  gene- 
rale* i  el  uso  de  los  mejores  autores.  Valencia  1769.  Darin  I,  p.  96— -101 : 
De  las  grandes  perfecciones  de  la  Lengua  Espanola,  i  modo  de  conseguirlas. 
II,  p.  213—228:  De  la  excelencia  de  la  lengua  espanola  i  necessidad  de  su 
estudio.  ( »racion  que  se  dijo  en  la  Academia  de  Bellas  Letras.  que  celebrö 
el  Colegio  Andresiano  aHo  1767.  en  las  Escuelas  Pias  .  .  .  Vifiaza  /.  c.  XXX 
und  Xr.  152. 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XLV3/*.  12 


174  D.  Behrens. 

•  ■  Sprache  auf  seine  Muttersprache  ausübte,  als  nützlich 
anerkennt71)  und  zwischen  Sprachreinheit  {pureza)  und  einem 

nstelten,  den  Geisl  einengenden  Purismus  (afectacion 
minuciosa,  que  estrecha  y  aprisiona  el  ingenio),  dessen  Vertreter 
in    ihren   Schriften    gewöhnlieh    kalt,    trocken    und  „fleischlos" 

arnados)  seien,  unterschieden  wissen  will 72),  hat  später  73), 
indem  er  nach  seinem  eigenen  Geständnis  dabei  mehr  von 
politisch-nationalen  als  grammatischen  Erwägungen  sich  hat 
leiten  lassen74),  auf  das  Nachdrücklichste  den  Gallicisrnus  in 
der  Sprache  bekämpft.  In  seiner  1808  erschienenen  politischen 
Schrift  Centinela  contra  Vranceses 7y)  geht  er  sowTeit,  an  dem 
Wort  central,  obgleich  es  spanisch  sei.  Anstoß  zu  nehmen 
„solo  por  verla  usada  en  Trancia  para  establecimientos  politicos 
1/  literarios  de  su  loca  revolucion".  Von  spanischen  Gelehrten, 
die  im  18.  Jahrhundert  gegen  die  Französierung  ihrer  Mutter- 
sprache sich  geäußert,  seien  noch  Terreros76),  Gregorio 
Garces77)  und  Vargas  Ponce78)  genannt.  Daneben  haben 
andere  Autoren  der  Zeit  versucht,  die  Sprachmenger 
dem  Fluch  der  Lächerlichkeit  preiszugeben,  indem  sie.  wie 
Jorge    de    Pitillas79),    Tomas    de    IriarteS(r)    und  Juan    Pablo 

71)  *Discursos  analiticos  sobre  la  f'ormacion  de  las  lenguas,  y  sobre 
la  castellana  en  particular.  Madrid  1776  (hier  erwähnt  nach  Viiiaza  l.  c. 
('ol.  108 f.).  Im  »deichen  Jahr  veröffentlichte  Capmany :  Arte  de  traducir 
d  idioma  frances  dl  Castellano.  Con  el  rocabulario  lögico  y  figurado  dt 
la  fräse  comparada  de  ambas  lenguas.    Madrid. 

7S)  Filosofia  de  la  Eloquent ia.     Madrid  1777.     p.  40. 

Vgl.  Observaciones  criticas  sobre  la  excelencia  de  la  lengua,  in: 
Teatro  historico-critico  de  la  eloquencia  espanolal,  p.  CXXXff. —  *Comen- 
tario  con  glosas  criticas  y  joco-serias  sobre  la  nueva  traduccion  castellana 
de  las  aventuras  de  Telemaco.  pnblicada  en  la  Gaceta  de  Madrid  de  15  de 
Mayo  del  presente  aiio.  Madrid  1798  (Viüaza  /.  c.  Col.  1807).  —  Xuevo 
onario  frances-espanol.  Madrid  1805.  —  *  Filosofia  de  la  Elocuencia. 
2.  Aufl.    Madrid  1811  (s.  Viiiaza  l.  c.  Col.  109  Anm.  1). 

'*)  Centinela  contra  Franceses.  Valencia  1808.  p.  73.  (S.  F.  Brunot, 
Mist,  de  la  lanque  et  de  la  littfr.  fr.  publ.  sous  la  direction  de  L.  Petit  de 
Jnlleville  VI,  884). 

Parte  Segnnda.     p.  20. 

,e)  Esteban  de  Terreros  y  Pando  Diccionario  castellano  con  las  voces 
de  ciencias  y  artes  y  sus  correspondientes  en  las  tres  lenguas  francesa, 
latina  e  italiana.    T.  I.     Madrid.    Prologo  p.  XV f. 

77)  Fnndamento  del  rigor  y  elegancia  de  la  lengua  castellana  .  .  . 
T.  II.    Madrid  1791.    Prölogo  p.  XIII.     Vgl.  Viiiaza  l.  c.  Col.  6I4ff. 

7*)  *  Declamacion  contra  los  abusos  introdueidos  en  el  castellano  pre- 
sentada  y  non  premiada  en  la  Academia  Espanola.  aiio  de  1791.  Siguela 
una  disertacion  sobre  la  lengua  castellana,  y  la  antecede  an  diälogo  que 
explica  et  designio  de  la  ohra.    Madrid  1793  (Vinaza  l.  c.  Col.  116ff.). 

TSi  Sätira  contra  Ins  malos  escritores  de  este  siglo.  Por  an  Anonimo 
lorge  Pitillas.  Zuerst  erschienen  in  Diario  de  los  literatos.  T.  VII. 
Madrid  1742.  Vgl.  über  den  Verfasser  G.  Ticknor,  Geschichte  der  schönen 
Literatur  in  Spanien  II.    Leipzig  1852.    p.  338. 

"')  Fäbulas  literarias  (1782) :  Xr.  V  (Los  dos  loros  y  la  cotorra).  Vgl. 
auch  Nr.  XXXIX  (El  retrato  de  Golilla).  Über  die  Fäbulas  literarias 
(hrsgb.  von  Aag.  de  Caeta  in:  Biblioteca  de  autores  espanoles  63,  2)  s.  Cota- 
relo  y  Mori  Irtarte  y  su  epoca,  Madrid  1897.  p.  231  ff. 


■  i'nii    zu  iii"i    Geschichte  der  französischen  Sprache,   175 

Forner81)  dieselben  mit  den  Wulfen  der  Satire  bekämpften  und, 
wie  im  besonderen  der  Jesuitenpater  Jose  Francisco  Isla 82)  und 

.Ium'' de  Cadalso  83)  parodierten.  Es  mögen  diese  zahlreichen 
Kritiken  für  die  Größe  des  l'bels  einen  Blaßstab  abgeben,  einen 
wesentlichen  Erfolg  in  der  Beseitigung  desselben  hatten  sie 
nicht.  J laben  doch  Schriftsteller  wie  Cadalso.  die  den  franzö- 
sischen Einfluß  in  der  Sprache  besonders  eindrucksvoll  be- 
kämpften,  sich  selbst  diesem  Einfluß  nicht  entziehen  können! 
Die  französische  Revolution  hat  an  diesen  Verhältnissen 
im  Ganzen  wenig  geändert.  Eine  ihrer  nächsten  Folgen  für 
Spanien  war.  daß  ein  Teil  der  znhlreichen  dort  sich  aufhalten- 
den Franzosen  zum  Verlassen  des  Landes  genötigt  wurde. 
Mehrere  \Yochen  lang,  so  berichtet  der  französische  Gesandte 
beim  spanischen  Hof,  J.  Fr.  de  Bourgoing84),  sah  man  in  den 
spanischen  Häfen  und  auf  den  Landstraßen  nichts  als  Fran- 
zosen, die  aus  dem  Lande  getrieben  wurden.  Dem  steht 
gegenüber  die  Aufnahme  einer  nicht  geringen  Zahl  aus  Frank- 
reich ausgewanderter  Geistlichen.  Es  sollen  ihrer  22  000  nach 
Spanien  geflüchtet  sein  und  ein  Teil  hier  als  Sprachmeister 
Beschäftigung  gefunden  haben85).  Die  Freiheitskämpfe  der 
Jahre  1808  bis  1813  haben  zu  einer  nationalen  Wiedergeburt 
Spaniens  nicht  geführt.  Die  Francesados  als  politische  Partei 
um  Joseph  Bonaparte  wurden  niedergeworfen,  die  Francesados 


81)  Satira  contra  Ins  uieios  introducidos  en  la  poesia,  zuerst  erschienen 
Madrid  1782.  jetzt  bequem  zugänglich  in  Biblioteca  de  las  aidores  espanoles. 
T.  63,  2.  p.  304  ff.  Forner's  Satira  wurde  vou  der  spanischen  Akademie 
preisgekrönt.  Sein  Mitbewerber  um  den  Akademiepreis  war  Leandro 
Feruandez  de  Moratin,  dessen  Arbeit  unter  dem  Titel  Leccion  poetica. 
Satira  contra  los  vicios  introducidos  en  la  poesia  castellana  .  .  .  ebenfalls 
Madrid  1782  zuerst  im  Druck  erschien  und  seitdem  u.  a.  von  Buenaventuro 
Carlos  Aribau  in  Bd.  II  der  Bibl.  de  aid.  espanoles  (p.  576  ff.)  veröffentlicht 
wurde.  "Vgl.  Cotarelo  y  Mori  Iriarte  y  su  epoca  p.  245.  —  Von  Forner  in 
diesem  Zusammenhange  weiter  zu  nennen:  Exequias  de  la  lengua  castellana. 
Satira  Menippea,  por  el  licenciado  Don  Pablo  Ipnocausto.  Diese  1795,  zwei 
Jahr  vor  dem  Tode  des  Autors,  entstandene  Arbeit  wurde  erst  1871  von 
Ant.  de  Cueta  in  Bibl.  de  aidores  espanoles,  t.  B3,  p.  378  ff.  dem  Druck 
übergeben.    Vgl.  besonders  p.  394. 

82)  Fray  Gerundio  de  Campazas  II,  8  (Obras  escogidas  del  Padre  Isla 
hrsgb.  von  P.  F.  Monlau  in  Bibl.  de  aid.  esp.  XV.  p.  1951).  Vgl.  auch 
B.  Gaudeau  Etüde  sur  Fray  Gerandio  et  sur  son  auteur  Le  P.  Jose  Fran- 
cisco de  Fsla  1703—1781.    Paris  1890  (These). 

85)  Obras  ineditas  in:  Per.  Hispanique  I,  302f.:  Carta  al  Exm°  Sor 
Marques  de  Penafiel  Conde  Duque  de  Benavente,  etc.  La  mitad  en  lenguage 
e.-paÜGl  antiguo,  y  despues  en  el  estilo  afrancesado  que  hoy  usan  alguiios 
de  los  que  ni  saven  Castellano,  ni  Frances. —  Cartas  Marruecas  Xr.  XXXV 
(Obras  de  D»  Jose  Cadahalso.    T.  II.    Madrid  [1818],  p.  UiOff.). 

84)  Bourgoing's  Neue  Reisen  durch  Spanien  in  den  Jahren  17R2—1793. 
Aus  dem  Französischen  übersetzt  uud  mit  Anmerkungen  begleitet  von 
ihr.  Aug.  Fischer.     III.  Bd..  Jena  1800,  p.  276  f. 

ih)  Chr.  Aug.  Fischer  Reise  von  Amsterdam  über  Madrid  und  Gadiz 
nach  Genua  in  den  Jahren  1797  und  179S.     Berlin  1799.    p.  119. 

12* 


n  6  l>-  Behrens. 

als  Vertreter  eines  von  Frankreich  her  inspirierten  Liberalis- 
mus im  weiteren  Sinne  bestanden  fort,  und  es  bleibt  ihre  Ge- 
schichte mit  derjenigen  des  modernen  Spanien  eng  verknüpft B8). 
..Was  die  Qallicismen  angeht,"  bemerkt  bald  nach  der  Mitte 
des  19.  Jahrhunderts  J.  Eug.  Hartzenbusch 87),  ,,  so  sündigen 
wir  in  Wahrheit  alle.  Der  Redner  auf  der  Kanzel,  im  Par- 
lament und  bei  Gericht,  der  Geschichtsschreiber.  Mathematiker. 
Dichter,  Kaufmann,  die  Dame  von  Stand,  die  Näherin,  der 
Schüler  und  die  Stiftschülerin  (colegiala),  alle  die  wir  zum 
Studium  oder  zum  Vergnügen  französische  Bücher  oder  schlechte 
l'bersctzungen  aus  dem  Französischen  in  die  Hand  nehmen, 
lernen  einige  AVörter.  Redensarten  oder  Wendungen,  die  dem 
AVesen  des  Castilianischen  fremd  sind." 

Mehr  wohl  noch  als  das  Spanische  sind  die  beiden  anderen 
romanischen  Sprachen  der  Pyrenäenhalbinsel,  das  Portu- 
giesische88) und  das  C  a  t  a  1  an  i  s  c  h  e  89)  im  Mittelalter  und 
in  der  Neuzeit  dem  Einfluß  der  französischen  ausgesetzt  ge- 
wesen. Es  fehlt  für  dieselben  ebenso  wie  für  das  Spanische 
heute  noch  an  einer  eingehenden  wissenschaftlichen  Unter- 
suchung des  aufgenommenen  französischen  Lehnguts. 


86)  S.  Bev.  Hispan.  XXV  (1911).  p.  357  G.  Desdevises  du  Üezerts  An- 
zeige von  Mario  Mendez  Bejarano  Historia  poliiica  de  los  afrancesados. 
Madrid  1912. 

87)  Baralt  Dicciunarw  de  Galicismos.  Madrid  1855.  Prologo.  Vgl. 
unten  Anmerkung  88. 

98)  Zum  Spanischen  vgl.  J.  Cornu  Französ.-provenzal.  Lehnwörter 
im  Poema  del  Cid  (mitgeteilt  von  R.  Beer  Spanische  Literatur  geschieht  e 
I,  Leipzig  1903,  S.  68 f.)  —  Diccionario  de  galicismos.  6  sea  de  las  voces, 
locueiones  y  frases  de  la  lengua  francesa  que  se  kau  introdueido  en  el  Labia 
castellana  moderna,  con  el  jnicio  critico  de  las  que  deben  adoptarse.  y  la 
equivalencia  castiza  de  las  que  no  se  hallan  en  este  caso.  Por  D.  Rafael 
Maria  Baralt,  con  un  prologo  de  D.  Juan  Eugenio  Hartzenbusch.  Secnnda 
edicion.  Madrid  u.  Caracas  1874.  Vgl.  dazu  H.  Peseux-Richard  Revue  His- 
panique  IV  (1897).  31 — 44:  Quelques  remarques  sur  le  Diccionario  de  gali- 
cismos de  Baralt.  Weitere  einschlägige  Literatur  verzeichnet  ViLaza 
Biblioteca  histörica  de  la  filologia  castellana  unter  Nr.  1270  ff.  1747  ff.  Von 
neueren  Arbeiten  seien  genannt  Miguel  de  Toro  Gisbert  Apuntaciones  lexico- 
gräficas  Paris  [1912],  darin  p.  177—192:  Galicismos  consagrados,]).  277—280: 
Exiranjerismos  y  neologismos.  —  *E.  Hernändez  El  forasterismo  en  el 
lenguaje  in:  Estudios  de  Deusto.  Bilbao  1915.  —  Zum  Portugiesischen 
vgl.  Francisco  de  S.  Luz  Glossario  das  palavras  e  frases  da  lingua  franeeza. 
Lisboa  1827.  —  R.  Francisque-Michel  Les  Portugals  en  France,  les 
Francais  en  Portugal.  Paris  1882  (Chap.  II :  Relations  intellectuelles 
entre  la  France  et  le  Portugal).  —  H.  R.  Lauer  The  relations  of  the 
carliest  Portuguese  Lyric  School  with  the  Troubadours  and  Trouveres, 
in :  Mod.  Lang.  Notes  X,  4.  —  H.  L.  W.  Otto  Coup  d'oeil  sur  le 
Frducezismo  en  Portugal  et  au  Bresil.  in:  Mod.  Lang.  Notes  IX,  3. 

89)  Zum  Cat  alanischen:  .Joaquim  Casas-Carbu  Catalunga 
trilingüe.  Conferencia  donada  a  l'Ateneu  Barcelonas  el  20  d'Abril  de  18^6. 
Barcelona  1896.  —  *Ant.  l'areta  v  Vidal  Diccionari  de  Barbrismes. 
Barcelona  1901. 


■  ■<>'</'    zu  ''nur  Geschichte  der  französischen  Sprache.  177 
5.  England. 

Sprachlicher  Einfluß  Frankreichs  auf  England  macht  sich 
bereits  mit  dem  politischen  Einfluß  unter  Edward  dem  Bekenner 
(1042 — 1065)  und  früher  bemerklich.  Die  dann  folgende 
Eroberung  Englands  durch  die  französierten  Normannen  wurde 
für  die  Gestaltung  der  sprachlichen  Verhältnisse  des  Landes 
von  weittragendster  Bedeutung 90).  Nachdem  der  Normannen- 
herzog Wilhelm  bei  Senlac  die  Angelsachsen  unter  Haralds 
Führung  1066  geschlagen  hatte,  unterwarf  er  in  blutigem 
Ringen  die  noch  widerstrebenden  Teile  des  Reiches  und 
gründete  auf  völlig  veränderter  Besitzgrundlage  einen  neuen 
Lehnsstaat  mit  militärischer  Organisation  und  einer  in  der 
Hand  des  Königs  vereinigten  starken  Zentralgewalt.  Indem 
er  die  Güter  der  Angelsachsen,  welche  gegen  ihn  gekämpft 
hatten,  an  seine  Waffengefährten91)  mit  der  Verpflichtung  zu 
weiterer  Heeresfolge  als  Lehen  vergab,  ließ  er  den  gesamten 
großen  Besitz,  und  damit  die  sämtlichen  höheren  Beamten- 
stellen des  Landes,  in  normannische  Hände  übergehen.  Wie 
die  weltlichen,  so  wurden  die  höheren  geistlichen  Würden 
von  ihm  an  Normannen  vergeben.  Daß  sich  zahlreiche  Ange- 
hörige auch  der  niederen  Schichten  der  Gesellschaft  jenseits 
des  Kanals  dauernd  niederließen,  und  dieses  Element  bereits 
im  ersten  Jahrhundert  vom  Kontinent  her  durch  andauernden 
Zuzug  erhebliche  Verstärkung  erfuhr,  dürfen  wir  annehmen, 
auch  ohne  darüber  im  Einzelnen  genau  unterrichtet  zu  sein92). 
England  wurde  so  ein  zweisprachiges  Land.  Englisch 
Avar  die  Sprache  der  Besiegten,  Französisch  die  Sprache  der 
Sieger,  im  besonderen  diejenige  des  Königs,  des  königlichen 
Hofes,  der  Verwaltungsbehörden,  der  Gerichte,  des  Parlaments 
und  eines  großen  Teiles  der  Geistlichkeit.  Als  Sprache  der 
Literatur  finden  wir  auf  mehr  als  ein  Jahrhundert  hinaus  das 


9ü)  Vgl.  meinen  Beitrag  Französische  Elemente  im  Englischen  in 
H.  Pauls  Grundriß  der  germanischen  Philologie  I2  (1901),  S.  950  ff.  und  die 
hier  citierte  einschlägige  Literatur  zur  äußeren  Geschichte  des  Französischen 
in  England.  Außerdem  :  .1.  Vising  Franska  spräket  in  England.  Göteborg 
1900  —  1902.  —  J.  Derocquigny  A  contribution  to  the  studg  of  the  French 
element  in  English.  Lille  1904.  —  0.  Jespersen  Growth  and  structure  of 
the  English  language'2.     Leipzig  1912.     p.  84 — 113:  The  French. 

91)  E.  Dupont  Bechrrches  last,  et  topographiques  sur  les  compagnons 
de  GuiUaume  le  Conquerant.  2  vol.  Saint-Servan  [  1907  u.  1908].  —  E.  Dupont 
La  participation  de  la  Bretagne  d  la  conquete  de.  VAngleterre  par  les  Nor- 
mands,  in  Annales  de  la  Soc.  des  Leu.  Sc.  et  Arts  des  Alpes  Maritimes 
XXII  (1910),  p.  1 1 7 ff. 

9l)  W.  <  'unningham  Entwickelung  der  Industrie  und  des  Handels 
Englands.  Altertum  und  Mittelalter.  Autorisierte  Übersetzung  von  H.Wil- 
manus,  Halle  a.  8.  1912.  Anhang  E:  Die  Einwanderung  fremder  Handwerker 
in  England  in  normannischer  und  ang-evinischer  Zeit  (s.  auch  Zs.  f.  Sozial- 
und  Wirtschaftsgeschichte  Bd.  3.    p.  177—203). 


1/8  l).  I>  /'>■■  ns. 

Französische   neben    dem    Latein    in    nahezu    ausschließlicher 
Verwendung. 

Die  Kriege  mit  Frankreich  und  die  1203  erfolgte  Los- 
trennung  des  normannischen  Stammlandes  haben  hieran  zu- 
nächst nicht  allzu  viel  geändert.  Erst  als  nach  der  Mitte  des 
13.  Jahrhunderts  die  innerpolitischen  Wirren  zu  einer  dauernden 
Erstarkung  des  national-englischen  Elementes  der  Bevölkerung 
führten,  die  Grundlagen  zum  englischen  selfgovernmeiit  gelegt 
wurden,  sehen  wir  die  englische  Literatur  wieder  einen  kräf- 
tigen Aufschwung  nehmen  und  der  normannisch-französischen 
allmählich  den  Rang  ablaufen.  Yon  besonderem  Interesse  ist 
es  in  diesem  Zusammenhange,  festzustellen,  daß  die  von 
Heinrich  III.  unter  der  Einwirkung  der  Yerfassungspartei  am 
18.  Oktober  1259  erlassene  Proklamation  außer  in  französischer 
in  englischer  Sprache  bekannt  gegeben  wurde,  wenn  auch 
letztere  damit  als  offizielle  Staatssprache  noch  keineswegs 
zu  dauernder  Anerkennung  gelangt  war.  Allgemein  läßt 
sich  zu  dem  Kampf  der  beiden  Sprachen  bemerken,  daß  um 
die  Mitte  des  13.  Jahrhunderts  eine  Entscheidung  zu  Gunsten 
des  Englischen  sich  vorbereitete.  Herbeigeführt  wurde  dieselbe 
erst  im  14.  Jahrhundert,  und  auch  dann  hat  es  noch  langer 
Zeit  bedurft,  bis  das  Englische  seinen  vornehmen  Nebenbuhler 
aus  allen  Positionen  endgültig  verdrängte93).  Mit  der  Begrün- 
dung, daß  das  Französische  im  Lande  sehr  unbekannt  sei, 
wurde  1362  durch  Parlamentsbeschluß  das  Englische  für  das 
mündliche  Gerichtsverfahren  vorgeschrieben,  ohne  daß  damit 
noch  auf  lange  Zeit  hinaus  das  Französische  hier  völlig 
beseitigt  worden  wäre.  Im  gleichen  Jahre  wurde  das  Parla- 
ment zum  ersten  Mal  in  englischer  Sprache  eröffnet,  wogegen 
die  Verhandlungen  desselben  bis  in  die  Regierungszeit 
Heinrichs  VI.  (1422 — 1471)  meist  noch  französisch  geführt 
wurden  94).  Die  Gesetzesurkunden  wurden  bis  zum  Jahre  1488/9 
ausschließlich  in  französischer  und  lateinischer  Sprache  publi- 
ziert. Als  Hofsprache  sehen  wir  das  Englische  unter  den 
Nachfolgern  Edwards  I.  im  14.  Jahrhundert  an  Boden  gewinnen. 
Der  erste  englische  König,  als  dessen  Muttersprache  das  Eng- 
lische ausdrücklich  bezeichnet  wird,  ist  Heinrich  IV.  (1399 — 
1413).  In  den  königlichen  Kanzleien  bediente  man  sich  des 
Englischen  vor  dem  3.  Dezennium  des  13.  Jahrhunderts  nur 
ausnahmsweise.  Englisch  abgefaßte  Privaturkunden  begegnen 
selten  vor  Beginn  des  13.  Jahrhunderts.  Als  Unterrichts- 
sprache wurde  in  den  Lateinschulen  das  Französische  in  der 
2.  Hälfte    des    14.  Jahrhunderts    durch    das   Englische  ersetzt. 

")  L.  Morsbach  über  den  Ursprung  der  neuenglischen  Schriftsprache. 
Heilbroun  1888,  S.  1—9:  Der  erste  Gebrauch  der  englischen  Sprache  im 
privaten  und  offiziellen  Schriftverkehr  nach  der  normannischen  Eroberung. 

••)  ten  Brink  Gesch.  der  engl.  IM.  I*  381  f. 


Beiträge  zu  eitu  französischen  Sprache.  179 

Das  Englische  wurde  in  dem  langen  Existenzkampf  seiner 
inneren  Struktur  nach  durch  das  Französische  kaum  verändert. 
Um  so  stärker  ist  die  Beeinflussung,  die  es  durch  das  Ein- 
dringen französischen  Wortmaterials  und  französischer  Wort- 
bildungsmittel erfahren  hat.  In  welchem  Umfange  sich  solcher 
Einfluß  bereits  in  dem  auf  die  Eroberung  folgenden  Jahrhun- 
dert geltend  machte,  läßt  sich  nach  den  sehr  spärlich  vor- 
handenen englischen  Sprachdenkmälern  dieser  Zeit  nicht 
feststellen  95).  Die  Angaben  des  Dialogus  de  scaccario,  wonach 
schon  in  der  zweiten  Hälfte  des  12.  Jahrhunderts  unter  den 
Freien  der  Mann  englischer  von  dem  Mann  normannischer 
Abstammung  kaum  zu  unterscheiden  gewesen96)  und  das 
etwa  gleichzeitige  Zeugnis  des  Johannis  von  Salesbury,  wonach 
schon  damals  Engländer,  um  als  Normannen  zu  gelten,  in 
ihre  Rede  französische  Wörter  mischten 9" ),  lassen  keinen 
allgemeinen  Schluß  auf  die  politischen  und  sprachlichen  Ver- 
hältnisse des  Reiches  in  seiner  ganzen  Ausdehnung  zu98). 
Als  nach  einem  weiteren  Jahrhundert  der  Ausgleich  der 
nationalen  Gegensätze  vollzogen  und  auch  in  den  Kreisen 
eines  kräftig  aufstrebenden  englischen  Bürgertums  die  ver- 
feinerte normannisch-französische  Kultur  tonangebend  geworden 
war,  können  wir  in  den  nun  rasch  sich  mehrenden  Denkmälern 
der  englischen  Literatur  die  durch  das  Eindringen  zahlreicher 
französischer  Elemente  charakterisierte  Umbildung  des  Wort- 
schatzes verfolgen.  Der  Mischungsprozeß  hat  angedauert,  als 
das  Französische  längst  aufgehört  hatte  die  Muttersprache 
eines  Teiles  der  Bevölkerung  Englands  zu  sein99). 


95)  Vgl.  nuten  Anm.  99. 

•')  W.  Stubbs  Select  chartern.  Oxford  1905.  p.  201  f.:  jam  cohabi- 
tantibus  Anglicis  et  Normannis,  et  alterutrum  uxores  ducentibus  vel  nu- 
bentibu.s,  sie  permixtae  sunt  nationes,  ut  vix  discenii  possit  hodie,  de  libris 
loquor,  quis  Anglicus  quis  Normannus  sit  genere;  exceptis  duntaxat  as- 
criptitiis  qui  villaui  dieuntur,  quibus  non  est  liberum  obstantibus  dominis 
suis  a  sui  Status  conditione  diseedere. 

97)  Vgl.  Paul's  Grundriß  der  germ.  Phil.  12  (1901),  p.  963  Anm. 

88)  ten  Brink  Gesch.  d.  engl  IM.  I2,  p.  255  f. 

*B)  Die  Geschichte  der  iu  das  Mittel-  uud  Neuenglische  eingedrungenen 
französischen  Sprachelemente  haben  zahlreiche  Arbeiten  zum  Gegenstand. 
In  der  folgenden  Zusammenstellung,  die  auf  Vollständigkeit  keinen  Anspruch 
macht,  werden  die  oben  Anm.  90  bereits  genannten  einschlägigen  Unter- 
suchungen von  Derocquigny,  Jespersen  und  Verf.  nicht  nochmals  aufgeführt : 

Karl  Luik  Zur  quantitierung  der  romanischen  lehnwörter  und  den 
quantitätsgesetzen  überhaupt,  in:  Anglia  XXX  (1907),  p.  1 — 55. 

B.  ten  Brink  Chaucer's  Sprache  und  Verskunst.  Leipzig  1884  (2.  A. 
1899).  —  D.  Behrens  Beiträge  zur  Geschichte  der  franz.  Sprache  in  Eng- 
land I.  Zur  Lautlehre  der  französischen  Lehnwörter  im  Mittelenglischen. 
Heilbronn  188(>  (Französ.  Studien  V,  2).  —  Aug.  Sturmfels  Der  altfranz. 
Yokalismus  im  Mittelenglischen  bis  zum  Jahre  1400,  in :  Anglia  VIII 
(1885)  und  IX  (188H).  —  L.  Morsbach  Die  anglofranzi'msche  Konsonanten- 
dehnung, in:   Festgabe  für  Wendelin  Foerster,  Halle  1H02,  p  324-330.  — 


L80  D.  Behrens. 

Im  L6.  Jahrhundert  läßt  ßich  mit  einer  verstärkten  franzö- 
sischen Kultur-  und  Literatureinwirkung100)  ein  erneuter 
Btärkerer  Spracheinfluß  feststellen,  den  seit  dieser  Zeit   wieder- 


K.  Boevelmann  Zum  Konsonantismus  der  alifranzösischen  Lehnwörter  in 

nittelenglischen  Dichtung  des  14.  und  15.  Jahrhunderts.  Kieler  Diss.. 
1903.  —  J.  M,  Booker  The  Freneh  "inchoative"  suffix  -iss  and  the  Freneh 

njugation  in  Middle  English.  Heidelberger  Diss.  1912.  —  H'.  Sykea 
Freie  h  Clements  in  M!ddle  English.  Chapters  illustrative  of  the  Origin 
and  ßrowth  of  Roinance  Influence  on  the  Phrasal  Power  of  Standard 
English  in  its  Formative  Period.    Oxford  1899.  —  W.Owen  Sypherd  Old 

h  influence  on  Middle  English  Phraseology,  in:  Modern  Philology  V.  1. 

1'.  Kluge NJS proude-pride,  in:  Englische  Studien  XXI  (1895),  p.  334f. 

(handelt  über  Entlehnungen   aus  dem  Franz.  vor  der  norm.  Eroberung').  — 

W.  W.  Skeat  Wnglish  words  borrbwed  from  Freneh  before  the  conquest,  in: 

Sept.  28.    1895  Nr.  1221.  —  F.  Kluge   Das  französische  "Element 

m  Ormulum,  in:    Englische  Studien  XXII  (1896),  p.  179—182.  —  A.  Trampe 

'.'"'dtker  Freneh   Words  in  English  öfter  10ö'6,  in  Mod.  Lang.  Notes.   Nov. 

1909.  —  B.S.Monroe   Freneh  Words   in  Layamon,   in:   Modern  Philology 

IV  3.  p.   559  ff.     —     R.  Mettiar     l>ie     französischen     Elemente     im    Alt- 

und  Mittelenglischen  (800  —  1258).    Beiträge   zur  Geschichte  des  englischen 

Wortschatzes,  in:  Englische  Studien  XLI  (1909).  p.  177—252.  —  H.  Bradley 

The  word  „moillere"  in  Piers  the  Plowman,  in:  Mod.  lang,  review  D  ;1907), 

S.  163  f.  —  H.  Reinus  Die  kirchlichen  und  speziell  wissenschaftlichen  Lehn- 

irter    Ohaucers.     Halle    1906,    in:    Studien    zur    engl.  Phil,  hrsgb.   von 

L.  Morsbach  XIV.  —  G.  Reismüller  Romanische  Lehnwörter  bei  Lydgate. 

Leipzig  1911  [Münchener  Beiträge   zur  rom.  und  engl.  Philologie  Heft  48]. 

R.  E.  Zachrisson  A  contribution  to  the  study  of  Anglo-Normann  in- 
fluence on  English  place-names,  Lund  1909,  in:  Lands  Universitets  Ars- 
sk-rift.  X.  F.  Afd.  1.  Bd.  4.  Xr.  3.  —  R.  E.  Zachrisson  Two  instances  of 
Freneh  influence  on  English  place-names.  in:  Stadier  i  modern  spr'äkveten- 
skap  ntgivna  av  Xyfilologiska  Sällskapet  i  Stockholm  V  (1914). 

L.M.Gay  Anglo-French  words  in  English,  in:  Mod.  Lang.  Notes  XIV" 
(1899),  Sj).  80 — 85.  —  Ch.  Bastide  De  receutiore  gallicorum  verborum  usu 
in  anglica  lingua.  Parisiis  1906  (These).  —  F.  Rösener  Die  französischen 
Lehnwörter  im  Frühneuenglischen.  Marburger  Dissert.  1907.  —  E.  Metzger 
Zur  "Betonung  der  lat. -romanischen  Wörter  mit  besonderer  Berücksichtigung 
der  Zeit  von  ca.  1560  bis  ca.  1660.  Heidelberg  1908  (Anglist.  Forsch. 
Heft  25].  —  P.  Adolphi  Doppelsuffixbildung  und  Suffixwechsel  im  Englischen 
mit  besonderer  Rücksicht  auf  das  lat.-rom.  Element.  Marburger  Diss.  1H10. — 
H.  Brüll  Untergegangene  und  veraltete  Worte  des  Französischen  im  heutigen 
Englisch.     Halle  a.  S.  1913. 

*A.  Beljame  Quae  e  gallicis  verbis  in  anglicam  linguam  Johannes 
Dryden  introduxerit.  Paris  1881.  —  EL  Faltenbacher  Die  romanischen, 
speziell  französischen  und  lateinischen  (bezw.  latinisierten)  Lehnwörter  bei 
Caxton  (1422 (?)— 1491).     Münchener  Dissert.  1907. 

Francistjiie-Michel  A  critical  inquiry  into  the  Scottish  language  with 
the  view  of  ülustrating  the  rise  and  progress  of  civilisation  in  Scotland. 
Edinbourg  and  London  1882.  —  K.  Lenz,  Zur  Lautlehre  der  französischen 
Elemente  in  den  schottischen  Dichtungen  von  1500  — 1550.  Marburger 
Dissert.  1913.  —  A.  Bock  Das  französische  Element  in  den  neuenglischen 
Dialekten.    Münsteraner  Dissertation  1911. 

10°)  A.  H.  l'pham  The  Freneh  influence  in  English  literatur  from  the 
tsion  of  Elizabeth  to  the  Eestoration.  New  Vork  1908.  —  Sidney  Lee 
The  Freneh  Renaissance  in  England  an  aecount  of  the  literary  relationi 
of  England  and  France  in  Ute  sixteenth  Century.    Oxford  1910. 


Beiträgt   zu  einer  Geschichte  der  französischen  Sprache.  181 

holt  einsetzende  puristische  Strömungen101)  auch  das  ganze 
1/.  Jahrhundert  hindurch  nicht  aufzuhalten  vermochten. 
Förderung  hat  der  französische  Einfluß  im  17.  Jahrhundert  im 
besonderen  noch  durch  die  Ansiedelung  zahlreicher  französi- 
scher Hugenotten  auf  englischem  Boden  102)  und  die  zunehmende 
Französierung  des  königlichen  Hofes  erfahren 103).  Eine  in 
erster  Linie  vom  Bürgertum  getragene  erfolgreiche  nationale 
Reaktion  tritt  im  18.  .Jahrhundert  ein.  Nachdem  England  auf 
den  verschiedensten  Gebieten  geistigen  Lebens  die  Führung 
übernommen,  wurde  es  jetzt  der  Ausgangspunkt  einer  Be- 
wegung, die  weit  über  die  Grenzen  des  eigenen  Landes 
hinaus  zur  Beseitigung  der  kulturellen  Vorherrschaft  Frank- 
reichs wesentlich  beigetragen  hat. 

Daß  das  Normannische  seinerseits  in  England  starken 
\  Plünderungen  ausgesetzt  war,  hat  in  drastischer  Weise 
Walter  Map  schon  für  das  12.  Jahrhundert  bezeugt:  A />//</ 
Merleburgem  fons  ist  quem  si  quis,  ut  ahmt,  gustaverit,  gallice 
barbarizet ;  unde  cum  viciose  quis  illa  lingua  loquitur,  dicimus, 
eutn  loqui  gallicum  Merlebergae104*).  Im  13.  Jahrhundert  be- 
merkt Philipp  von  Beaumanoir  vom  Grafen  von  Gloucester, 
wo  er  ihn  in  Jehan  et  Blonde  französisch  redend  oder  vielmehr 
radebrechend  auftreten  läßt:  Si  vaut  <<  lni  parier  franchois 
Mais  sa  langue  turne  en  Englois  10,=1).  Französisch  radebrechende 
Engländer  werden  wiederholt  auch  sonst  in  französischen 
Texten  des  13.  und  15.  Jahrhunderts  vorgeführt106).  Anglo- 
normannische  Schriftsteller  der  späteren  Zeit,  wie  Willhelm 
von   Waddington 107)    und   Gower 108)   bitten   um   nachsichtige 

to:)  Fr.  Kluge  in  PauTs  Grundr.  d.  germ.  lJhilol.l2.  945 f.  —  W.  Preiu 
Puristische  Strömungen  im  Iß.Jahrh.  Ein  Beitrag1  zur  engl.  Sprachgeschichte. 
Progr.  Wanne  u.  Eickel  1909.     Auch  Dissert.  Münster  1909. 

102)  C.  Bastide  An.gla.is  et  Fraurais  du  XVII«  siecle.  Paris  1912.— 
L.  ('harlanne  L'influence  francaise  en  Angleterre  au  XVIIe  siecle.  Etüde 
sur  les  Relations  sociales  de  la  France  et  de  l'Angleterre  surtout  dans  la 
seconde  moitie  du  XVI  le  .siecle.  These.  2  vol.  Paris  1900.  Darin  I,  3 
La  langue  francaise  en  Angleterre.  Maitres  et  livres.  Le  francais  chez  le 
roi,  ä  la  com*,  dans  la  societe,  chez  les  ecrivains,  au  theatre. 

ioa)  C.  Bastide  l.  c. 

lu))  De  Nugis  Curialium  ed.  Th.  Wright  p.  235 f. 

luJ)  Jehan  et  Blonde  2035  f. 

l08)  L  E.  Matzke  Some  examples  of  French  as  spoken  bg  Euglishmen 
Old  French  Literature,   in:   Mod.  Philology,  Vol.  III,  Nr.  1,  June,  1905. 

l07)  Vgl.  J.  Payne  Tramactions   of  the  philol.  societg  1808/9.     p.  355- 

l0*)  The  complete  works  of  John  Gower  ed.  by  G.  C.  Macanlay.  The 
French  works.     Oxford  1899.     p.  391 : 

AI  universite  de  tout  le  monde 
Johan  Gower  ceste  Balade  envoie; 
Et  si  jeo  n'ai  de  Francois  la  faconde 
Pardonetz  nioi  que  jeo  de  ceo  forsvoie: 
Jeo  sui  Englois,  si  quier  par  tiele  voie 
Estre  escuse  .... 


L82  Ü.  Behrens. 

Beurteilung  ihrer  französischen  Schreibweise  unter  Hinweis 
auf  ihre  englische  Herkunft.  Das  englische  Juristenfranzösiscfa 
zeigt  den  sprachlichen  Verfall  in  besonders  stark  ausgeprägter 
Weise  und  entwickelt  sich  schließlich  zu  einer  Art  konven- 
tionellem Jargon101').  Dabei  hatte  man  es  an  Bemühungen, 
das  heimatliche  Französisch  nach  kontinentalem,  speciell  Pariser 
Muster  zu  modeln  jenseits  des  Kanals  von  jeher  nicht  fehlen 
lassen.  Von  den  zahlreichen  Ausländern,  die  außer  dem 
Verlangen  nach  gesellschaftlicher  "und  gelehrter  Bildung  der 
Wunsch,  in  der  französischen  Sprache  sich  zu  vervollkommnen, 
nach  der  französischen  Hauptstadt  zog,  stellte  England  im 
Mittelalter  und  darüber  hinaus  ein  besonders  großes  Kon- 
tingent u0).  Daneben  begegnet  in  vornehmen  Kreisen  der 
Brauch,  durch  französische  Erzieher  die  Kinder  in  französischer 
Sitte  und  Sprache  daheim  unterweisen  zu  lassen  m). 

Grammatische  Anleitungsschriften  und  sonstige  Hilfsmittel 
zur  Erlernung  des  Französischen  begegnen  in  England  seit 
dem  13.  Jahrhundert.  Sie  mehren  sich  gegen  Ende  des 
14.  Jahrhunderts11'-)  und  erscheinen  seit  dem  16.  u3)  in 
großer  Zahl. 

6.   Deutschland  und  die  anderen  deutschsprachigen  Länder. 

Französischer  Spracheinfluß  begegnet  hier  im  Mittelalter 
seit  dem  11.,  in  steigendem  Maße  im  12.  und  13.  Jahrhundert, 
als  Folge  der  Kulturhegemonie  Frankreichs,  die  sich  auf  ver- 
schiedenen Gebieten  geistigen  Lebens,  im  besonderen  in  der 
Hervorbringung  eines  von  dem  Rittertum  getragenen  neuen 
gesellschaftlichen    Bildungsideals    äußerte114).     Ein    wichtiges 

los)  F.  W.  Maitland  The  Anglo-French  law  langttage,  in:  The  Cam- 
bridge History  of  Engl.  Litt.  ed.  by  A.W.  Ward  and  A.  R.  Waller  I,  407  ff. 
(Ans  der  Einleitung  von  Maitlands  Ausgabe  der  Year  books  of  Edward  LI 
(Seiden  Society  Series). 

no)  A.  Bndinszky  Die  Universität  Paris  und  die  Fremden  an  derselben 

im  Mittelalter.  Berlin  1S7»>.  —  Fr.  J.  Furnivall  Early  English  Meals  an<f 
Manners  .  .  .  with  some  forewords  on  education  in  Early  England.  London 
1868  (Early  Engl.  Text  Society  XXXII).     p.  XL  f. 

ul)  Philippe  de  Beaumauoir  Jehan  et  Blonde  V.  403  f. 

ll!)  J.  Stürzinger  Orthographia  Gallica.  Heilbronn  1884.  Einleitung  1 : 
Zur  Geschichte  der  franz.  Grammatik  in  England  vor  dem  XVI.  Jh. 

11S)  A.  H.  üpham  I.e.  p.  9  ff. 

m)  K.  Lamprecht  Deutsche  Geschichte  III  (Berlin  1893),  p.  1831t.  — 
G.  Steinhausen  Geschichte  der  deutschen  Kultur  I  2.  Auh".  (Leipzig  und  Wien 
1913),  p.  308 ff.  —  Die  folgenden  beiden  Bücher  L.  Reynaud's  zeugen  von 
großer  Belesenheit  aber  ebenso  großer  Voreingenommenheit  ihres  Verfassers : 
Les  origines  de  l'inflnence  francaise  en  Allemagnc  I.  Paris  1913  (vgl. 
R.  Holtzmann  Frankf.  Zeit.  3.  Jan.  1915.  Erstes  Morgenblatt);  Histoire 
generale  de  l'inftuence  franraise  en  Allemagne.  Paris  1914.  —  Den  Ein- 
fluß französischer  Cisterzienser mönche  auf  die  Namengebmig  eines 
Ortes  in  Schlesien  sucht  H.  Sabersky  (Alt französisches   in  der  schlesischen 


/.'.   ■•/<,'    zu  einer   Qeschichtt   der  französischen   Sprache.  183 

Vermittlungsgebiet     der     deutsch-französischen     Beziehungen 

bilden  die  Grenzgebiete  am  üsiederrhein,  Flandern  und  Bra- 
brant,  von  wo  sich  der  Strom  französischen  Geistes  über  die 
nördlichen  Niederlande,  über  West-  und  Süddeutschland  und 
Donauabwärts  nach  Osterreich  hinein  ergießt,  während  Nieder- 
deutschland und  das  nördliche  Mitteldeutschland  davon  meist 
nur  mittelbar  berührt  worden  sind.  Kenntnis  der  fransösischen 
Sprache  wird  ein  wichtiger  Faktor  der  gesellschaftlichen  Bildung 
des  Rittertums,  das  ebenfalls  unter  französischem  Einfluß  die 
literarische  Führerschaft  übernimmt. 

Avoit  une  costumt   ens  el  tiois  pais 
Qiu    ü  grant  signor,  li  conti    et  li  marchis 
Avoient  entour  eux  gent  frangois  tons  dis 
Four  aprendre  frangois  lor.filles  et  fils, 

dichtet  in  der  2.  Hälfte  des  13.  Jahrhunderts  der  Bra- 
banter  Adenet 115)  mit  offenbarer  Anspielung  auf  die  Verhält- 
nisse seiner  Zeit.  Auch  fehlt  es  nicht  an  Zeugnissen  dafür, 
daß  man  auf  Erlernung  der  französischen  Sprache  an  der 
Quelle  selbst  bedacht  war.  Von  etwa  1180  ab  spiegelt  die 
Sprache  der  Literatur  in  besonders  starkem  Maße  die  Ein- 
wirkung der  feineren  höfisch-ritterlichen  Kultur  Frankreichs 
durch  die  Aufnahme  französischer  Ausdrücke  für  Begriffe 
des  höfischen  Lebens  wieder116).  Außer  einer  großen  Menge 
französischer  Wörter  und  "Wendungen,  fanden  Wortbildungs- 
mittel und  Übersetzungen  französischer  Modewörter  Eingang 
in    die    jetzt    entstehende    höfische  Kunstsprache 117),    die   zu 


Mundart)  in  den  Mitteilungen  der  Scklesischen  Gesellschaft  für  Volks- 
Icunde  XV  (1913),  p.  '209 f.  nachzuweisen  und  stellt  ebenda  eine  Unter- 
suchung anderer  Wörter  in  Aussicht,  die  eine  von  den  Klöstern  ausgehende 
altfranzösische  Spracheinwirkung-  vermuten  lassen.  Vgl.  dagegen  L.  Schulte 
Angebliche  altfranzösische  Ortsnamen  in  Schlesien  ib.  XVI  (1914),   p.  88  ff. 

m)  Berte  aux  gratis  pies  p.  p.  Aug.  Scheler.    Bruxelles  1874,  v.  148  ff. 

lls)  Fr.  Seiler  Die  EnUvickelung  der  deutschen  Kultur  im  Spiegel  des 
deutschen  Lehnwortes  II.  Von  der  Einführung  des  Christentums  bis  zum 
Beginn  der  neueren  Zeit.     2.  Aufl.    Halle  a.  S.  1907.    p.  104ff. 

117)  E.  Steinmeyer  Über  einige  Epitheta  der  mhd.  Poesie.  Rede  beim 
Antritt  des  Prorektorates  der  Kgl.  Bayer.  Friedrich-Alexanders-Universität 
Erlangen.  Erlangen  1889.  —  J.  Kassewitz  Die  französischen  Wörter  im 
Mittelhochdeutschen.  Straßburger  Dissertation  1890.  —  R.  F.  Kaind!  J>ie 
französischen  Wörter  bei  Gottfried  von  Strasburg,  in:  Zeitschr.f.  mm.  Phil. 
XVII  (1893).  p.  356—367.  —  Th.  Maxeiner  Beiträge  zur  Geschichte  der 
französischen  Wörter  im  Mittelhochdeutschen.  Marburger  Dissert.  1897.  — 
L.  Wiener  French  words  in  Wolfram  von  Eschenbach,  in:  American  Journ. 
of  Phil.  XVI  (1895),  326—361.  —  F.  Piquet  De  vocabulis  quae  in  duodecimo 
seculo  et  in  tertii  decimi  principio  Gallis  Germani  assumpserint.  These. 
Paris  1878.  —  H.  Palander  Der  französische  Einfluß  auf  die  deutsche  Sprache 
im  zwölften  Jahrhundert,  in:  Memoires  de  la  societe  neo-philologiqne  d 
Helsingfors  III  (1902),  p.  75—204.  —  Th.  Maxeiner  Die  mittelhochdeutsche1! 
Xubstayitire  mit  dem  Suffix  -ier.  in:  Arch.  f.  neuere  Spr.  CX  (1903),  p.  312— 


184  />.  Behrens. 

in  Ansehen  gelangt,  bevor  sie  mit  dem  Niedergang  des 
höfischen  Rittertums  gegen  Ausgang  des  13.  Jahrhunderts  all- 
mählichem Verfall  entgegengeht.  Ein  Teil  der  in  derselben 
enthaltenen  französischen  Elemente  wurde  von  der  Sprache 
des  täglichen  Verkehrs  aufgenommen  und  hat  hier  dauernd 
Bürgerrecht  erlangt. 

Im  14.  und  15.  .Jahrhundert,  der  Zeit  eines  kräftig  auf- 
strebenden Bürgertums,  haben  erweiterte  Handelsbeziehungen 
zwar  die  Aufnahme  französischen  Sprachguts  besonders  be- 
günstigt, im  Ganzen  aber  läßt  sich  jetzt  ein  starkes  Nach- 
lassen des  französischen  Spracheinflusses  feststellen  118). 

Das  ändert  sich,  als  im  16.  Jahrhundert  eine  unter  ita- 
lienischem und  spanischem  Einfluß  stehende  verfeinerte  Hof- 
kultur  Frankreichs  an  deutschen  Fürstenhöfen  und  beim  Adel 
Eingang  findet 119).  Die  in  höfisch-aristokratischen  Kreisen 
erneut  hervortretende  Hinneigung  zu  französischem  Wesen 
färbt  bald  auf  einen  Teil  des  seit  der  2.  Hälfte  des  16.  Jahr- 
hunderts in  einer  wirtschaftlichen  und  sozialen  Abwärts- 
bewegung befindlichen  Bürgertums  ab.  Politische  Verhältnisse, 
Französierung  des  diplomatischen  Verkehrs  durch  Karl  V. 120), 
die  Einwanderung  zahlreicher  Grlaubensflüchtlinge  m),  ein  ent- 
wickelter Reiseverkehr  u.  a.  haben  den  französischen  Einfluß 
begünstigt,  den,  wie  im  Mittelalter,  die  südlichen  Niederlande 
haben  vermitteln  und  verstärken  helfen  und  der  jetzt  wie 
damals  nicht  zum  wenigsten  auch  in  einer  starken  Vorliebe 
für  die  französische  Sprache  seinen  Ausdruck  findet. 

In  der  Erziehung  der  Fürsten  beginnt  bereits  im  16.  Jahr- 
hundert die  Erlernung  der  französischen  Sprache  eine  wichtige 
Rolle   zu    spielen.     Ebenso    wurde  in  den  Kreisen  des  Adels, 


345,  t'XI  (1903),  p.  404.  —  Hugo  Suolaliti  Ein  französisches  Suffix  im 
Mittelhochdeutschen,  in:  Xeuphilologische  Mitteilungen  herausgegeben  vom 
Neuphilologischen  Verein  in  Helsingfors.  XIV  (1914),  p.  111—124.  —  Ar- 
beiten, welche  die  neuere  Zeit  mit  behandeln,  sind  weiter  unten  auf- 
geführt. 

m)  Fr.  Seiler  l.  c.  11-  p.  186  ff.  III.  p.  90ff.  Vgl.  auch  Anm.  119  C.  Ge- 
bauer p.  5  f. 

m)  G.  Steinhausen  Die  Anfänge  des  französischen  Literatur-  und 
Kultureinflusses  in  Deutschland  in  neuerer  Zeit,  in:  Zs.  f.  vgl.  Litterat  ur- 
gesch.  X.  F.  VII  (1894).  p.  349-382.  —  C.  Gebauer  Geschichte  des  franzö- 
sischen Kultureinflusses  auf  Deutschland  von  der  Reformation  bis  zum 
dreißigjährigen  Kriege.  Straßburg  1911.  —  G.  Steinhausen  Geschichte  der 
deutschen  Kultur.    2te  Aufl.  \\  (Leipzig  u.  Wien)  1913,  p.  2931t'. 

•50)  G.  Steinhausen  Zs.  f.  vgl  Literaturgeschichte.  N.  F.  VII  (1894), 
p.  358  f. 

11 ')  H.  Tollin  Die  französischen  Kolonien  im  deutschen  Reich,  in: 
Deutsche  Erde.  1.  Jahrgang,  Gotha  1902.  p.  4f.    Dazu  ib.  Karte  der  franzö- 

en  Kolonien  im  (irbiete  des  heutigen  Deutschen  Reichs,  entworfen  von 
Paul  Lanehans. 


Beiträgt    zu  einer  Geschichte  der  französischen  Sprache.   L85 

der  an  die  Höfe  Anschluß  suchte,  auf  Aneignung-  des  Fran- 
zösischen schon  damals  in  steigendem  Maße  Bedacht  ge- 
nommen. Für  die  Stellung  des  Bürgertums  bezeichnend  ist 
ein  Vorkommnis  aus  dem  Anfang  des  17.  Jahrhunderts,  auf 
das  ich  bei  anderer  Gelegenheit  hingewiesen  habe  l22).  Der 
Prodekan  der  philosophischen  Fakultät  der  Universität  Gießen, 
Conrad  Bachmann,  lädt  im  Jahre  1611  in  einem  lateinisch  ab- 
gefaßten Schreiben  zum  Besuch  eines  in  französischer  Sprache 
gehaltenen  Vortrags  des  aus  Pforzheim  gebürtigen  Kandidaten 
der  Philosophie  Auchter  ein,  mit  dem  Bemerken,  dal.)  er 
(Bachmann)  selbst  Französisch  nicht  versteht,  und  wenige  von 
den  Geladenen  nach  seiner  Meinung  es  verstehen  dürften: 
})Cives  igitur  Academici,  quiqui  estis  quaesumus  hora  dicta  con- 
venire,  et  Oratorem  hunc  nostrum  in  media  Germania  natum  et 
educatum  volubiliilla  et  Gallica  lingua  perorantem  auscultare,  et 
si  pauci  vestrum  sint}  <//ii  ea  quae  dictiirus  est  intellignnt  {iieque 
ijisr  intelligo)  saltem  propter  argumentum  Orationis  adeste  . . ." 
Als  Auchter  den  vor  versammeltem  Senat  gehaltenen  Vortrag 
auf  Anraten  seines  akademischen  Lehrers,  Philipp  Garnier, 
dem  Druck  übergeben,  bemerkt  er  in  einem  an  3  badische 
Prinzen  gerichtetenWidmungsschreiben,  daß  er  sich  auf  Wunsch 
seiner  Eltern  dem  Studium  der  französischen  Sprache  gewidmet 
habe  „principalement  pour  ce  que  c'est  celle  <jni  /»nur  h  iour 
d'huy  est  le  plus  en  usage  en  la  cour  des  Princes  et  Seigneurs, 
ii  de  In  quelle  on  se  sert  coustumierement  en  toutes  conversations 
rt  devis  familiers".  Das  Ganze  ist  ein  interessanter  Beleg 
dafür,  daß  zu  Beginn  des  17.  Jahrhunderts  die  gelehrte  Welt, 
wenngleich  sie  ihrerseits  am  Latein  festhielt,  dem  Französischen 
als  Element  eines  höfischen  modernen  Bildungsideals  weitest- 
gehende Zugeständnisse  machte,  und  daß  man  um  diese  Zeit 
in  Bürgerkreisen  die  Sprache  der  neuen  Bildung  sich  anzueignen 
bestrebt  war.  Als  dann  mit  der  politischen  Vorherrschaft 
Frankreichs  unter  Ludwig  XIV.  der  französische  Einfluß  in 
wirtschaftlicher  und  kultureller  Beziehung  allgemein  eine 
weitere  außerordentliche  Steigerung  erfuhr,  wuchs  auch  das 
Ansehen  der  französischen  Sprache,  die  sich  in  Deutschland  das 
ganze  18.  Jahrhundert  hindurch  bis  in  das  19.  hinein  außer- 
ordentlicher Verbreitung   erfreute  123).     Alle  Welt  wollte  jetzt 

122)  Zur  Geschichte  des  neusprachlichen  Unterrichts  an  der  Universität 
Gießen  [Sonderabdruck  aus:  Die  Universität  Gießen  von  1607  bis  1907. 
Festschrift  zur  dritten  Jahrhundertfeier  herausgegeben  von  der  Universität 
Gießen.    Gießen  1907],  p.  3. 

123)  Laniprecht  Deutsche  Geschichte  Nil  (Freiburg  im  Breisgau  1905), 
p.  22 ff.  —  B.  Haendke  Deutsche  Kultur  im  Zeitalter  des  dreißigjährigen 
Krieges.  Leipzig  1906.  p.  324—336.  —  C.  Gebauer  Quellenstudien  zur  (be- 
schichte des  neueren  französischen  Einflusses  auf  die  deutsche  Kultur,  in: 
Archiv  für  Kulturgeschichte  V  (1907),  p.  440-468,  VI  (1908),  p.  1—21.  — 
C.  Gebauer  Quellenstudien  zur  Geschichte  des  französischen  Einflusses  auf 


L86  D.  Behn  ns. 

Französisch  leinen  und  unter  denen,  die  es  bis  zur  Beherrschung 
der  fremden  Sprache  nicht  brachten,  suchten  viele  wenigstens 
der  Muttersprache  durch  Einfügung  französischer  Brocken 
ein  französisches  Ansehen  zu  geben.  1687  bemerkt  Thomasius 
in  seinem  Programm  „Von  Nachahmung  der  Frantzosen" : 
..bey  uns  Teutschen  ist  die  frantzösische  Sprache  so  gemein 
geworden,  daß  an  vielen  Orten  bereits  Schuster  und  Schneider, 
Kinder  und  Gesinde  dieselbe  gut  genung  reden124)."  Zehn 
Jahre  später  findet  Leibniz,  obwohl  er  für  eine  maßvolle 
Einbürgerung    fremder  Wörter  eintritt,   daß  „der  Mischmasch 

iieulich  überhand  genommen,  also  daß  die  Prediger  auf 
der  Kanzel,  der  Sachwalter  auf  der  Canzley,  der  Bürgersmann 
im  Schreiben  und  Reden,  mit  erbärmlichem  Französisch  sein 
Teutsches  verderbet1'  l25).  17:28  schreibt  Montesquieu  von 
Wien  an  den  Abbe  d'Olivet:  „Notre  langue  y  (in  Wien^l  est 
si  universelle  qu'elle  ij  est  presque  la  seule  ckez  les  konnetes 
,-,,<.    et    V Italien    y   est   presque   inutile.     Je  suis  persuade  <]!<<■ 

rancais  gagneru  tous  les  jours  dans  les  pays  itrangers. 
La  coinmunication  des  peuples  y  est  si  grande  qu'ils  ont  abso- 
lument  besoin  d'une  langue  commune,  et  on  choisira  toujours 
notre  francaisCi  r-6).  1745  verfügte  Friedrich  der  Große,  daß 
die  Publikationen  der  Berliner  Akademie  sämtlich  in  franzö- 
sischer Sprache  zu  erscheinen  haben,  und  Maupertuis,  der  Prä- 
sident der  Akademie,  nennt  1750  das  Französische  „plutdt  la 
langue  de  l'Europe  entiere  que  la  langue  des  Frangois" l27). 
Über  ganz  Deutschland  ergoß  sich  eine  wahre  Flut  franzö- 
sischer Literaturwerke,  die  im  Original  und  in  Übersetzungen 
begierig    aufgenommen    wurden.      So    erfahren    wir    aus    der 

Deutschland  seit  dem  dreißigjährigen  Kriege,  in:  Archiv  für  Kulturgeschichte 
IX  (1911),  p.  404—438.  —  G.  Steinhausen'  Gesch.  d.  deutschen  Kultur  11 
{2.  Aufl.  191.'}).  p.  335  ff.  —  Bettina  Strauß  La  eulture  francaise  ä  Franc- 
fort au  X\'IIIe  siede.  Paris  1914.  —  Von  älteren  Schriftstellern  seien  er- 
wähnt :  Jh.  Gli.  Radiott  Frankreichs  Sprach-  und  Geistestyrannei  über  Europa 
s<  U  dem  Rastatter  Frieden  des  Jahres  1714,  München  1814,  und  Fr.  Rühs 
Historische  Entwicklung  des  Einflusses  Frankreichs  und  der  Franzosen 
auf  Deutschland  und  die  Deutschen.    Berlin  1815. 

"*)  J.O.Opel  Christian  Thomas.  Kleine  deutsche  Schriften,  in:  Fest- 

'  der  hiitor.  Commission  der  "Provinz  Sachsen  zur  Jubelfeier  der 
Universität  1 Falle -}Yittenberg  am  1.  bis  4.  August  1894.    p.  101. 

m)  Uncorgreifliche  Gedanken,  betreffend  die  Ausübung  und  Ver- 
besserung der  teutschen  Sprache  ed.  G.  E.  Guhraner,  in :  Leibniz's  Deutsche 
Schriften,  Berlin  1838,  I,  p.  456.  Vgl.  über  Leibnizens  Verhältnis  zur 
franz.  Sprache  Edm.  Pfleiderer  Gottfried  Wilhelm  Leibniz  als  Patriot,  Staats- 
mann und  Bildungsträger,  Leipzig  1876,  p.  295,  689  ff. 

m)  Correspondance  de  Montesquieu  p.  p.  Francis  Gehelin.  Avec  la 
'Kollaboration  de  M.  Andre  Morize.     T.  I  (Paris  1914),  p.  217. 

'")  Manpertois,    Des  devoirs    de    l'Academicien,    in:   Hist.  de  l'Ac. 

le  des  sciences  et  belles  lettres.     Annee  1753  (Berlin  175.0».  Memoires 

I  ff.  Vgl.  Ad.  Ilarnack  Geschichte  der  Königl.  preuß.  Ar.  der  Wisse7isch. 
zu  Berlin.     Erster  Band.     Erste  Hälfte.    Berlin  1900. 


Beiträgt    zu  einer  Geschichte  der  französischen  Sprache.  187 

„Litteratur-  und  Theaterzeitung1'  für  das  Jahr  17  82,  daß  sich 
um  die  Mitte  des  .lahrhunderts  in  Stralsund  „ein  Liebhaber- 
theater formierte,  auf  dem  aber  Deutsche  leider  Französisch 
reden"128).  „Dem  französischen  Theater  haben  Zeit,  Übung, 
Glück,  Natur  und  Menchen  so  viel  Vorzüge  vor  dem  unserigen 
erworben,  daß  wir  niemals  die  Unverschämtheit  haben  werden, 
uns  mit  demselben  in  eine  Yergleichung  zu  setzen/'  bemerkt 
i  <  48  der  Schauspieldirektor  Johann  Friedrich  Schönemann  in 
der  Vorrede  zum  2.  Bande  seiner  Sammlung  von  „Schauspielen, 
welche  auf  der  von  Sr.  Königl.  Majestät  in  Preußen  und  von 
[hro  Hochfürstl.  Durchl.  zu  Braunschweig  und  Lüneburg  privi- 
legierten Schönemannischen  Schaubühne  aufgeführt  werden"  l29). 
Auch  als  es  mit  Frankreichs  kultureller  Vorherrschaft  in  der 
zweiten  Hälfte  des  18.  Jahrhunderts  zu  Ende  ging,  und  in 
Deutschland  erfolgreiche  Bestrebungen  um  Begründung  und 
Pflege  einer  nationalen  Kultur  und  Literatur  der  Muttersprache 
wieder  zu  ihrem  Rechte  verhalfen,  hat  das  Französische  im 
Ganzen  an  Ansehen  zunächst  wenig  eingebüßt.  Friedrich 
der  Große,  der  durch  sein«  Taten  so  viel  zur  Kräftigung  des 
nationalen  Gedankens  beigetragen,  hat  sich  selbst  dem  Ein- 
fluß französischer  Philosophie,  Literatur  und  Sprache  nicht 
mehr  zu  entziehen  vermocht.  1769  schreibt  Herder:  „Nach 
der  Muttersprache  folgt  die  französische :  denn  sie  ist  die  all- 
gemeinste und  unentbehrlichste  in  Europa.  .  .  .  Ich  will,  daß 
selbst  der  Gelehrte  besser  Französisch  als  Latein  könne"  13°). 
Der  Verfasser  eines  im  „Theater-Kalender  auf  das  Jahr  1785" 
veröffentlichten  Berichtes  über  das  Fürstlich  Leiningen'sche  Ge- 
sellschaftstLeater  zu  Dürckheim  an  der  Hardt  sieht  sich  zu  der 
ausdrücklichen  Bemerkung  veranlaßt,  man  möge  aus  den  fran- 
zösischen Stücken,  die  gegeben  wurden,  „nicht  vermuten,  daß 
auch  hier  noch,  wie  an  so  vielen  anderen  Orten  eine 
Vorliebe  für  französische  Stücke131)  auf  Kosten  der  Vater- 
ländischen, herrsche".  1786  bemängelt  der  ( )sterreicher  Alxinger 
an  einem  Buch  seines  Freundes  Reinhold  „dessen  über  alle 
Maß  französierenden  Styl"  132).     Noch  in   der  Zeit  unmittelbar 


m)  Hans  Devrieut  Johann  Friedrich  Schönemann   und  seine  Schau- 

rgesellschaft.     Hamburg  und  Leipzig  1895.     p.  17B.    Anm. 

1:9)  ib.    p.  148. 

13t)  Journal  meiner  Heise  im  Jahre  1769.    Herders  sämtliche  Werke, 

irb.  von  B.  Suphan  IV.  Berlin  1878,  p.  393. 

13 ')  Gemeint  sind  Auffübrungen  derselben  in  französischer  Sprache. 
Über  das  franz.  Schauspiel  an  deutschen  Höfen  handelt  eingehend  J.-J.  Olivier 
Les  <  'omediens  Francais  dans  les  cours  d'Allemagne  au  XVlIIe  siede. 
4  Vol.     Paris  1901-1905. 

132)  R.  Keil  Wiener  Freunde  1784—1808.     Beiträge  zur   Jugendge- 

ite  der  deutsch-österreichischen  Literatur.     Wien  1883.     p.  42.    Es 

lelt  sich  um  Reinhold's  anonym  erschienene  Schrift  Herzenserleichte- 

rungen   zweyer  Menschenfreunde    in    vertraulichen   Briefen    über  Johann 

r  Lavaters  Glaubensbekenntnis  (Frankfurt!!  und  Leipzig  1785). 


188  />.  Behrens. 

vor  der  Revolution  haben  die  reisenden  Landjanker  unter 
den  in  Paris  sich  aufhaltenden  Deutschen  eine  besondere 
Klasse  gebildet.  Nicolaus  de  Bonneville  karikiert  ihre  Art  in 
einigen  Briefen,  worin  er  einen  Junker  seinen  Vater  mit  haute- 
ment  bien  ne,  gracieux  sieur  Papa  (Hochwohlgeborener.  gnä- 
diger Herr  Papa!)    anreden    läßt133).     Goethe    spottet  1  Ti'n ; 

Lange  haben  die  Großen  der  Franzosen  Sprache  gesprochen, 
Halb  nur  geachtet  der  Mann,  dem  sie  vom  Munde  nicht  floß, 
Nun  lallt  alles  Volk  entzückt  die  Sprache  der  Franken  l;ui. 

Die  Fremdherrschaft  der  napoleonischen  Zeit  hat  den 
Spracheinfluß  Frankreichs  auf  Deutschland  auf  verschiedene 
Weise  zunächst  gefördert 133),  wenn  auch  gerade  sie  es  war.  die 
zur  Stärkung  des  nationalen  Geistes  und  dadurch  mittelbar  zur 
Beseitigung  der  französischen  Sprachtyrannei  in  Deutschland 
wirksam   beigetragen.      Wie   sehr    noch    zur    Zeit    der    Frei- 


l")  Vgl.  G.  Depping  in:  Deutsche  Pandora  111,  p.  103. 

13 *)  Yenetianische  Epigramme  Nr.  59.  S.  auch  C.  Sachs  Goethes* 
Beschäftigung  mit  französischer  Sprache  und  Literatur,  in:  Zs.  f.  franz. 
Spr.  u.  Litt.  XXIII  (1901).  p.  41  f.  und  W.  Bode  Die  Franzosen  und  Eng- 
länder in  Goethes  Lehen  und  Urteil.  Berlin  1915.  Ein  weiteres  interessan- 
tes Zeugnis  für  das  in  der  2.  Hälfte  des  18.  Jahrhunderts  vorhandene 
Bestreben  bürgerlicher  Kreise,  es  in  der  Aneignung  des  Französischen  den 
Adeligen  gleichzutun,  siehe  Melangen  de  phüol.  rom.  dedies  ä  Carl  Wahlund 
(Macon  1896),  p.  193  f.  —  Über  die  zahlreichen  Franzosen,  die  von  1775 — 
1806  in  Weimar  sich  aufgehalten  oder  Beziehungen  dorthin  unterhalten 
haben,  vgl.  Gh.  Joret  Les  Francais  äla  cour  de  Weimar  (1775 — 1806),  in: 
Nouvelles  Archives  des  Missions  scientifiques  et  litt  erat  res  IX  (1899). 
p.  559—570. 

136)  Eine  eingehende  Untersuchung  fehlt.  Vgl.  *La  langue  frangaise 
dans  les  territoires  annexes  de  1794  d  1814.  in  Liter mediaire  des  chercheurs 
et  curieux  10  sept.,  SO.  nov.  1894.  —  L.  Salomon  Geschichte  des  deutsehen 
Zeitungswesens.  Zweiter  Band  (Oldenburg  und  Leipzig  1902:  Die  deutsehen 
Zeitungen  während  der  Fremdherrschaft  [1792—1814).  —  C.  Gebauer  Das 
französische  Element  im  Theaterleben  Magdeburgs  wahrend  der  Fremd- 
herrschaft {Ende  1806  bis  1814).  in:  Geschichtsblätter  für  Stadt  and  Land 
Magdeburg.     41.  Jahrgang  180H.     p.  32811'.  —   A.Fritz   Theater  und  Musik 

ichen  zur  Zeit  der  französischen  Herrschaft,  in:  Zs.  d.  Aachener  Ge- 
schichtsvereins 23.  Bd.  (1901),  S.  31-170.  —  A.Fritz  Theaterbezirke  am 
Rhein  vor  100  Jahren,  in:  Die  Rheinlande.  Aprilheft  1902.  —  W.  J.  Becker 
Forschungen  zum  Theaterwesen  von  Koblenz  I.  Gießener  Dissert.  1915. 
S.  58  ff.  —  Fr.  Katt  Berliner  Theaterverhältnisse  zur  Franzosenzeit  1807— 
1808,  in:  Deutsche  Bühnengenossenschaft  XXIX  (1900),  p.  199f. 

Über  die  französischen  Emigranten  s.  u.  a.  Ernest  Daudet  Histoire  de 
V Emigration  pendant  la  revolution.  3  Bde.  1904—1917.  —  Chr.  v.  Strum- 
berg Rheinischer  Antiquarius.  2.  unveränderter  Abdruck  I  (1860),  p.  4  fr. 
—  A.  Hechelmann  Westfalen  und  die  französische  Emigration,  in:  Zeitschr. 
f.  Vaterland.  Geschichte  und  Altertumskunde  Bd.  46,  2  (1888),  p.  33—91.  — 
H.  Harkensee  Beiträge  zur  Geschichte  der  Emigranten  in  Hamburg.  I.  Da> 
französische  Theater.  Wissenschaftliche  Beilage  zum  Jahresbericht  de> 
Realgymnasiums  des  Johamieums  in  Hamburg.  Ostern  1896.  II.  Madame 
de  Genlis.  Wissenschaftliche  Beilage  zum  Jahresbericht  der  Oberrealschule 
und  Realschule  vor  dem  Holstentor  zu  Hamburg.    Ostern  1900. 


Beiträgt    :><  l  'hte  der  französischen  Sprache.  189 

heitskriege  weite  Kreise  im  Banne  der  französischen  Sprache 
standen,  ersieht  man  aus  einer  im  Januar  181 2  „zum  Besten 
unbemittelter  Freywilliger  des  Großherzogthums  Hessen"  her- 
ausgegebenen Broschüre  Friedrich  Gottlieb  Welcker's:  Warn  i 
muß  die  französische  Sprache  weichen  und  wo  zunächst?  Daß 
in  der  Diplomatie,  meint  Verfasser,  das  Französische  beträcht- 
lich von  seinem  Gebiet  verlieren  werde,  lasse  sich  voraus- 
sehen. AVeit  weniger  lasse  sich  erwarten,  daß  an  den  deutschen 
Höfen  der  Geist  der  Zeit  eine  schnelle  oder  gänzliche  Ver- 
änderung hervorbringen  werde.  Die  Umgangsweise  der  Vor- 
nehmen und  Beiehen  richte  sich  überall  viel  nach  den  Höfen, 
und  so  werde  auch  diese  ganze  zahlreiche  Klasse  nicht  auf 
einmal  von  der  wohlbegründeten  Gewohnheit,  sich  französisch 
zu  unterhalten,  abkommen.  Von  der  Jugend  erst  erwartet  er 
.mit  Bestimmtheit,  ,,daß  sie  den  Unfug  unter  sich  nicht  mehr 
dulden  wird1'  l3ü).  Selbst  diese  Erwartung  hat  sich  nur  teilweise 
erfüllt.  Bereits  im  Ausgang  der  zwanziger  Jahre  (unter  dem 
8.  Februar  1827)  liest  man  in  den  „Blättern  für  literarische 
Unterhaltung" :  „Vir  kennen  einen  Ort,  da  war  es  vor 
1»» — 12  Jahren  fast  lebensgefährlich  sich  nur  merken  zu  lassen, 
daß    man    die  Sprache    der   ,  ruchlosen  Welschen  \    das  Idiom 

aus    dem    .neuen  Babel"   verstand  jetzt    dagegen  spielt 

man  daselbst  französische  Komödie,  kleidet  sich  nach  dem 
neuesten  Schnitt  der  rue  Vivienne  und  parliert  Französisch, 
daß  Franzosen  und  Deutschen  die  Ohren  gellen  möchten  13')." 
Nach  der  Pariser  Julirevolution  dürften  derartige  Rückfälle 
in  die  Französelei  mancherorts  erst  recht  in  die  Erscheinung 
getreter  sein.  Besonders  groß  war  jetzt  auch  die  Zahl  der 
Deutschen,  die  zu  ihrer  Belustigung  oder  Belehrung  kürzere 
oder  längere  Zeit  in  Paris  sieh  aufhielten.  Die  deutschen 
Gaue,  bemerkt  Depping  im  dritten  Bande  der  „Deutschen 
Pandora"  (1840),  sind  voll  von  Handwerkern,  welche  sich  in 
Paris  in  ihrem  Gewerbe  vervollkommnet  haben.  Mit  Bezug 
auf  die  in  Paris  eine  Zeitlang  sich  aufhaltenden  zahlreichen 
jüngeren  deutschen  Mediziner  sagt  Schokalski,  Vorsitzender 
des  Vereins  deutscher  Arzte  in  Paris  für  das  Jahr  1846,  daß 
es  damals  Sitte  gewesen,  das  deutsche  Doktordiplom  mit  Pariser 
Sand  bestreuen  zu  lassen  138).  Unter  den  Deutschen,  die  um 
diese  Zeit  des  Erwerbs  wegen  nach  Paris  auswanderten,  um 
später  in  die  Heimat  zurückzukehren,  nahmen  einen  besonderen 


136)  Ähnlich  kräftigen   Ausdruck  fand  die  nationale  Reaktion   s 

die  französische  Sprache  in  anderen  Schriften  der  Zeit.  Vgl.  L.  Geiger 
Berlin  1688-1840.  II  (Berlin  1895).  p.  389 ff.  Auch  die  oben  Anm.  122 
erwähnten  Schriften  von  Radioff  und  Rühs  sind  liier  zu  nennen. 

137)  S.  H.  Bloesch  Das  junge  Deutschland  in   seinen  Beziehungen  zu 
Frankreich.     Bern  1903.     p.  54  Anm. 

m)  W.  Strickers  Germania  I  (1847),  S.  2S3f. 

Ztaehr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XLV  1/4.  13 


L90  Ü.  . 

Platz  die  aus  Oberhessen  stammenden  Pariser  Straßenkehrer 
ein,  deren  Gesamtzahl  Ludwig  Bamberger  L86ü  auf  minde- 
stens  3000  geschätzt  hat.  Sie  selbst  zwar  hätten  zum  Unter- 
schiede von  allen  ihren  in  Paris  sich  aufhaltenden  Landsleuten 
nicht  das  Geringste  von  der  französischen  Sprache  erlernt. 
wohl  aber  seien  ihre  Kinder,  mit  denen  sie  reich  gesegnet. 
darin  ziemlich  schnell  vorwärts  gekommen  l39),  und  wir  dürfen 
annehmen,  daß  auf  sie  die  in  der  oberhessischen  .Mundart 
heute  vorhandenen  aus  dem  Französischen  stammenden  Wörter 
zum  Teil  zurückzuführen  sind.  Mit  Bezug  auf  die  Aufnahme 
französischer  Wörter  in  die  deutsche  Hochsprache  bemerken 
Dollfuß  und  Neffzer  in  einem  De  l'esprit  frangais  et  de  l'esprit 
nand  üherschriebenen  Aufsatz  an  der  S;iirzc  des  ersten 
Heftes  der  von  ihnen  begründeten  Revue  Germanique  vom 
Jahre  1858:   „eile  [la  langue  allemande]  //>■  sali  pas  se  borner, 

■  --    montre  toujours  preU  ä  emprunter  aux  langues  etrangereSf. 

■  -,1,1m//  an  frangais". 

Im  16.  Jahrhundert  bereits  verallgemeinerte  sich  in  ade- 
ligen und  besser  situierten  bürgerlichen  Familien  der  Brauch, 
ihre  Söhne  zur  Ausbildung  nach  Frankreich  zu  schicken.  Aber 
auch  diejenigen,  denen  die  Mittel  oder  die  Gelegenheit  fehlten, 
auf  diese  Weise  an  der  Quelle  die  Sprache  sich  anzueignen. 
fanden  dazu  in  der  Heimat  bald  reichliche  Gelegenheit.  An 
gedruckten  Hilfsmitteln  zur  Erlernung  des  Französischen  fehlte 
es  seit  dem  16.  Jahrhundert  nicht14'),  seit  der  2.  Hälfte  des 
Jahrhunderts  finden  wir  es.  wenn  auch  zunächst  nur  vereinzelt. 


us)  Louis  Bamberger  La  colonie  allemande.  in:  Paris  Guide.  Paris 
18b7.  II,  1017  ff.  Auch  erschienen  in  der  Rev.  Moderne  vom  1.  Mai  18<57 
mil  in  deutscher  Übersetzung  in  Ludwig  Bambergers  Gesammelten  Schriften 
!.  213 ff.  —  Fr.  Bansa  Die  deutsche  Hügelgemeinde  in  Paris.  1858— 1!»08. 
Ein  P5eitrag  zur  Geschichte  der  deutschen  Auslandsdiaspora.  Verlag  des 
i  "hristlichen  Zeitschriftenvereins.  Berlin  1908.  —  Vgl.  auch  Die  Pariser. 
Ein  Roman  aus  Hessen  von  Alfred  Bock.     Berlin  1909. 

14°)  P.  Stengel  Chronologisches  Verzeichnis  französ.  Grammatiken  vom 
Ende  des  14.  bis  zum  Ausgang  des  18.  Jahrhunderts.  Oppeln  1890.  — 
Ch.  Beaulieux  Liste  des  dictionnaires,  lexiques  et  vorabulaires  francais 
■nti'rieures  au  „thresor"  de  Nicot  (1608),'m:  Melanges  de  Philologie  o/ferts 
d  Ferdinand  Brunot.  Paris  1904.  p.  371—398.  Das  von  Beaulieux  p.  398 
nach  Schwartze  {Die  ~\Yörterbüchcr  d.  frz.  Spr.  vor  dem  Erscheinen  des 
Dict.  de  l'.lc.  frg.  Jena  1875)  aufgeführte  Vocabularium  Latinis,  Gallicis 
<■  TJieutonicis  rerbis  scriptum.  Lyon,  Jehan  Thomas  1507  dürfte  identisch 
sein  mit  dem  von  ihm  ebenda  nach  Brunet  verzeichneten  vom  Jahre  1514. 
Bei  dem  von  Beaulieux  p.  381  erwähnten  Dictionarius[t\Latinis,  Gallicis  et 
Germanis  vocabulis  conscriptus.  Straßburg,  Humpffuff  1515  handelt  es  sich 
um  einen  anderen  Druck  des  gleichen  Werkes.  Die  beiden  von  mir  einge- 
sehenen Drucke  Lyon  1514  und  Straßburg  1515  befinden  sich  auf  der  Hof- 
and  Staatsbibliothek  in  .München.  Sie  wurden  beschrieben  von  Simonsfeld 
im  Ausland  1893,  Nr.  27  und  danach  zitiert  von  G.  Steinhausen  Zs.  f.  vgL 
Lütges -h.     X.  F.  VII.  p.  357  Aiim. 


äyi    zu  einer   Get  zustechen   Sprache.  191 

im  Lehrplan  öffentlicher  Bildungsanstalten1*1),  und  Lehrer 
desselben  begegnen  seit  dieser  Zeit  in  wachsender  Zahl141). 
Französische  Sprachmeister,  meist  Franzosen  oder  Wallonen, 
die  wegen  ihres  Glaubens  der  Heimat  den  Rücken  kehrten  142), 
haben  später  Deutschland  geradezu  überschwemmt  und  konnten 
trotz  starker  Nachfrage  lohnende  Beschäftigung  in  ihrem  Beruf 
nicht  immer  finden.  So  waren  ihrer  1711  in  Gießen  so  viele, 
daß  einer  dem  andern  „das  Brod  aus  dem  Munde  riß",  und 
in  einem  Bericht  der  Universität  an  den  Landgrafen  vom  Jahre 
1744  wird  bemerkt,  daß  „es  an  dergleichen  subjectis  ...  im 
mindesten  nicht  fehlte,  vielmehr  ganz  Teutschland  derselben 
einen  großen  l'berfiuß  besitze,  welche,  wenn  sie  ihre  Mutter- 
sprache zu  dozieren  Urlaub  erlangen  können  auch  umsonst 
und  ohne  den  geringsten  ordinären  Gehalt  ihren  Aufenthalt 
allhier  zu  nehmen,  sich  es  vor  einer  Gnade  schätzen-1  143). 

Es  ist  nach  dem  Ausgeführten  begreiflich,  daß  trotz  früh 
einsetzender     und      andauernder      puristischer     Gegenbestre- 


141)  C.  Wahlund  La  philologie  francaisK    au   temps  jadis,  in:  Becueü 
.  '.moires  philologiques presente  ä  M.  Gaston  Paris  par  ses  Steves  suedois, 
Stockholm  1889.  p.  103if.  —  C.  Dorfeid  Französischer  Unterricht,  geschicht- 
licher Abriß,   in:    W.  Rein    Encyclqpädisches    Handbuch   der   Pädagogik. 
2.  Aufl.    3.  Bd.    Langensalza  1905.  p.  1—31. 

li2)  S.  Anni.  121  Tollin  und  beachte  über  die  Flüchtlingsgemeinden  aus 
der  großen  Zahl  einschlägiger  Arbeiten  im  besonderen  noch:  Ch.  Ancillon 
Histoire  de  Vetablissement  des  Francais  refugies  dans  le  Brandeboury. 
Berlin  1690.  —  Erman  et  Reclam,  Memoires  pour  servir  ä  l'histoire  des 
Befugtes  frangais  dans  les  Etats  du  Boi.  Berlin  1782ff.  —  Chv Weiss 
Histoire  des  refugies  protestants.  France  depuis  la  revocation  de  VEdit  de 
Nantes  jusqu'ä  nos  jours.  2  vol.  Paris  1853.  —  [Ph.  Weyel]  Die  franzö- 
sische Kolonie  Neu-Isenburg  bei  Frankfurt  am  Main.    Neu-Isenburg  1861. 

—  C.  F.  Köhler  Die  Befugtes  und  ihre  Kolonien  in  Preußen  und  Kurhessen. 

i  1867.  —  Ed.  Muret  Geschichte  der  französischen  Kolonie  in  Branden- 
burg-Preußen. Berlin  1885.  —  H.  Tollin  Geschichte  der  französischen 
Kolonie  von  Magdeburg.  3  Bde.  Halle  1887 ff.  —  A.  Schöttler  Die  franzö- 
n  Kolonien  zu  Müncheberg  und  Fürstenwalde.  I  Müncheberg.  Beilage 
zum  Programm  des  Gymnasiums  in  Fürstenwalde  1895.  —  G.  Pariset 
L'Ktid  et  les  Eglises  en  Prusse  sous  Frederic-Guillaume  Ier  [1713—1740], 
These.  Paris  1896.  p.  210-222:  Le  Befuge.  —  K.  Neßler  Festschrift  zur 
300jährigen  Jubelfeier  der  wallonischen  Gemeinde  zu  Hanau.  Hanau 
—  E.  Du  Bois-Reymond  Die  Berliner  französische  Kolonie  in  der 
AI:  d.  Wissenschaften  (Du  Bois-Reymond  Beden.  2.  Bd.  1887:  S.  503— 524). 

—  C.  Marmier  Geschichte  und  Sprache  der  Huycnottenkolonie  Friedrichs- 
lorf    am    Taunus.     Marburg    1901.    —    *  Auguste    Descamps    Un   villaye 

■  eis  en  Allemagne:  Friedrichsdorf  (Taunus).  101  p.  0.  J.  u.  0. 
(s.  H.  Witte  Deutsche  Erde  XI  (1912),  p.  181  f.)  —  D'-  Ebrard  Die  franzö- 
sische reformierte  Gemeinde  in  Frankfurt  a.  M.  1554—1904.   Frankfurt  1906. 

—  S.  ferner:  Die  franz.  Kolonie.  Zeitschr.  f.  Vergangenheit  u.  Gegenwart  der 
firanzösisch-reformierten  Gemeinden  Deutschlands;  Geschichtsblätter  des 
deutschen   Hugenotten -Vereins  und  Bulletiji  historique   et  litteraire   de.   la 

—  .    l'Mist.  du  protestantisme  frangais. 

us)  Zur  Geschichte  des  neusprachl.  Unterrichts  an  d.   Univ.  Gießen 
ien  Anm.  122),  II.  343. 

13* 


L92  D.  Behi 

bungen1**)  zu  den  im  Mittelalter  in  das  Deutsche  einge- 
drungenen französischen  Lehnwortern  und  "Wortbildungs- 
elementen  seit  dem  l»i.  Jahrhundert  sehr  zahlreiche  neue  hin- 
zugekommen    sind  u'°).    Wie    nachhaltig    und   tiefgehend    der 

'*•)  H.  Wolff  Der  Purismus  in  der  Litteratur  des  17.  JaJirhunderts. 

Straßburger  Dissert.  1888.  —  H.  Schultz  Die  Bestrebungen  der  Sprach- 
gesellschaßen  des  XVII.  Jahrhunderts  für  die.  Reinigung  der  deutschen 
Sprache.  Göttingen  1888.  —  Fr.  Kluge  \'on  Luther  bis  Lessing.  4.  Aufl. 
Straßburg  L904,  p.  166  ff.  —  A.  Streuber  Deutsches  Wesen  und  deutsche 
Sprache  in  französischen  Sprachlehren  früherer  Jahrhunderte,  in:  Seue 
Jahrbücher  1916.  II,  p.  261— 275.  —  über  Sprachreinigungsbestrebungeu 
im  18.  Jahrb.  vgl.  W.  Feldmann  Zs.  f.  deutsche  Wortforsch.  VII  (1905) 
p.  '241  ff.,  ib.  VIII  (1906)  p.  49;  über  solche  zu  Beginn  d.  19.  Jahrhunderts 
L.  Geiger  Berlin  1688—1840  (s.  oben  Anm.  13(5),  p.  389ft. 

UB)  Fr.  Aug.  Brandstäter  Die  Gallicismen  in  der  deutschen  Schrift- 
sprache mit  besonderer  Rücksicht  auf  unsere  neuere  schönwissenschaftliche 
Literatur.  Eine  patriotische  Mahnung.  Leipzig  1874.  —  J.  Moers  I>ic 
Form  und  Begriffsveränderungen  der  französischen  Fremdwörter  im 
Deutschen.  Bonn  1884  (Beil.  zum  Progr.  d.  höheren  Bürgerschule  zu  Bonn. 
( »stein  1884).  —  J.  Blumer  Zum  Geschlecht swandel  der  Lehn-  und  Fremd- 
wort er  im  Hochdeutschen.  Leitnieritz  1890.  —  Th.  Gärtner  Französische 
Redensarten  in  unserem  Deutsch,   in:   Wissenschaftliche   Beihefte    zur  Zs. 

d.  allg.  deutschen  Sprachvereins,  5te  Reihe,  Heft  32  (1910).  —  Fr.  Seiler 
Die  Entwiehelung  der  deutschen  Kultur  im  Spiegel  des  deutschen  Lehn- 
worts.    III  und  IV.    Halle  a.  S.  1910  u.  1912. 

F.  Kluge  Deutsche  Studentensprache.  Straßburg  1895,  p.  68 f.: 
Französische  Einflüsse.  —  P.  Lemhke  Studien  zur  deutschen  Weidmanns- 
sprache. Rostocker  Dissert.  1898.  p.  33f. :  Fremde  Einflüsse.  —  H.  Klenz 
Die  deutsche  Druckersprache.  Straßburg  1900.  p.  XXI  f.  —  L.  Günther 
Das  Rotwelsch  des  deutschen  Gauners.  Leipzig  1905.  p.  36  ff. :  Anteil  d. 
Französischen.  —  A.  Schirmer  Wörterbuch  d.  deutschen  Kaufmannssprache. 
Straßburg  1911.  p.  XX.  XXVII.  XXXIV.  XL.  —  A.  Götze  Deutscher  Krieg 
")nl  deutsche  Sprache,  in:  Neue  Jahrbücher  für  das  klassische  Altertum. 
Geschichte  u.  deutsche  Lit.     1915.     I.  Abt.     Bd.  35.     p.  146  ff. 

I).  F.  Malherbe  Das  Fremdwort  im  Reformationszeitalter.  Disser- 
tation Freiburg  i.  ßr.  1906.  —  C.  Gebauer  Gesch.  d.  frz.  Kultureinfl.  auf 
Deutschi,  von  d.  Reformat.  bis  zum  dreißig}.  Kriege  (s.  oben  Anm.  123), 
p.  I52ff. :  Die  Sprache.  —  K.  Weidmann  Der  Einfluß  des  Französischen 
auf   Fischarts  Wortschatz  in  Gargantua.     Gießener  Dissertation  1913. 

P.  A.  Lange  Über  den  Einfluß  des  Französischen  auf  die  deutsehe 
Sprache  im  17.  u.  18.  Jahrhundert,  in:  Uppsatser  i  romansk  filologi  tilläg- 
nade  Prof.  P.  A.  Geyer  pä  haus  sextioarsdag  den  9  April  1901.  Uppsala 
1901.  p.  225— 239.  —  Klara  Hechtenberg  Das  Fremdwort  bei  Gtimmels- 
hausen.  Heidelberger  Dissert.  1901.  —  Klara  Hechtenberg  Fremdwörter- 
buch des  17.  Jahrhunderts.     Berlin  1914. 

Fr.  Juvancic  Über  Gallizismen  in  Lessings  kritischen  Schriften,  in: 
Jahresbericht  d.  k.  k  Staats-Oberrealschule in  Laibachi.  d.  Schuljahr  1905  06. 
Laibach  1906.  Vgl.  dazu  Th.  Matthias  Zs.  d.  Allg.  deutsch.  Sprache.  XXIII 
1908  p.  129 — 132  und  s.  auch  K.  Behschnitt  Lessings  Ansichten  von  der  deut- 
schen Sprache.  Breslauer  Diss.  1915.  p.  18  ff. :  Fremdwörter.  —  0.  Schanzen- 
bach Französische  Einflüsse  bei  Schüler.  Progr.  Stuttgart  1885.  (Vgl.  dazu 
•  >.  Walzel  Arch.  f.  Literaturgesch.  XV.  205  ff.).  —  D.  Meyer  Schiller  und  das 
Fremdwort.  Dissert.  1908.  —  Fr.  Bock  Französischer  Einfluß  in  (roethe's 
Sprache.  Progr.  Wien  1903.  W.  Strasdas  Das  Fremdwort  bei  Goethe  bis 
zu  seiner  Rückbin-  aus  Itcdien.  Freiburger  Dissert.  Heidelberg1  1907.  — 
R.  Weißenfels    Über  französische   und    antike  Elemente   im   Stil  Heinrich 

e.  Kleists,   in:  Arch.  f.  n.  Spr.     Bd.  LXXX  (1888),  p.  265—312.   369—416. 


Beiträge  zu  einer  GeschichU    der  französischen  Sprache.  193 

französische  Spracheinfluß  gewesen  ist,  zeigt  sich  auch  darin. 
daß  durch  Yermittelung  der  Sprache  der  Gebildeten  eine  nicht 
unbeträchtliche  Anzahl  französischer  Wörter  in  die  deutschen 
Mundarten  ihren  Weg  gefunden  und  dort  sich  dauernd  ein- 
gebürgert hat 146).  Einen  besonders  starken  französischen 
Einschlag  weist  der  Wortschatz  der  Mundarten  Westdeutsch- 
lands 14T)  auf,  da  hier  ein  gesteigerter  Grenzverkehr,  in  den 
Reichslanden  Elsal.VLothringen  l48)  außerdem  eine  jahrhunderte- 


U6)  R.  Mentz  Französisches  im  mecklenburgischen  Platt  und  in  den 
Nachbardialekten.  2  Teile.  Beilage  zum  Jahresbericht  des  Realgymna- 
siums zu  Delitzsch  1897  und  1898.  —  C.  Fr.  Müller  Zur  Sprache  und  Poetik 
Fritz  Reuters.  I.  Wissenschaft!.  Beilage  zum  Jahresber.  d.  Kgl.  Gymuas.  in 
Kiel  1902.  p.  4 ff.:  Die  frauz.  Ausdrücke  und  die  Wortbild,  nach  dem 
Französischen.  —  E.  Mackel  Romanisches  und  Franziis.  im  Niederdeutschen, 
in:  Festscbr.  A.  Tobler  zum  70.  Geburtstage  dargebracht  von  d.  Berliner 
Gesellsch.  f.  d.  Stnd.  d.  n.  Sprachen  1905.  p.  263—273.  —  H.  Schönhoff 
Französ.  Lehnwörter  in  d.  niederd.  Mundarten,  in:  Germ.-rom.  Monats- 
schrift I  (1909),  6.  —  E.  Jiischke  Lateinisch-romanisches  Fremdwörterbuch 
der  schlesischen  Mundart.     Breslau  1908. 

147)  Ph.  Keiper  Franziisische  Familiennamen  in  der  Pfalz  und  Franzö- 
sisches im  Pfalzer  Volksmund.  Progr.  Zweibrücken  1891.  —  J.  Leithreuser 
Gallicismen  in  niederrheinischen  Mundarten  I.  IL  Progr.  Barmen  1891  und 
1894.  —  L.  Florax  Französische  Elemente  in  der  Volkssprache  des  nörd- 
lichen lloergebietes.  Progr.  Viersen  1893.  —  Ph.  Lenz  Die  Fremdwörter  des 
Handschuhsheimer  Dialekts.  Progr.  Baden-Baden  1896  (vgl.  dazu  Zs.  f. 
hochd.  Mundarten  I,  136 — 138).  —  Ed.  Sorg  Rom -umsehe  Lehn-  und  Fremd- 
wörter i-m.jjberp/ülzischen,  in:  Die  Oberpfalz  VII  (1913),  Heft  6—10.  — 
A.  Bach  Über  die  lateinisch-romanischen  Elemente  im  Wortschatz  der 
nassauischen  Mundart,  in:  Nassauische  Annalen  42.  —  M.  Martin  Die 
französischen   Wörter  im  Rheinhessischen.     Gießener  Dissert.  1914. 

148)  J.  Petersen  Das  Deutschtum  in  Elaß-Lothringen.  München  1902. 
1 1  ler  Kampf  um  das  Deutschtum  Heft  5].  —  H.  Witte  Das  Deutschtum 
Elsaß-Lothringens  nach  der  Volkszählung,  in:  Deutsche  Erde  VIII  (1909), 
p.  4H  ff.  76  ff.  —  G.  Anrieh  Deutsche  und  französische  Kultur  im  Elsaß  in 
geschichtlicher  Beleuchtung.  Rede,  gehalten  zur  Feier  des  Geburtstags  Sr. 
Majestät  des  Kaisers  am  27.  Januar  1916  im  großen  Saal  der  Aubette. 
Straßburg  1916.  —  C.  Zwilling  Die  fransösische  Sprache  in  Straßburg  bis 
zu  ihrer  Aufnahme  in  den  Lehrplan  des  Protestantischen  Gymnasiums, 
in:  Festschrift  zur  Feier  des  350jährigen  Bestehens  des  Protestantischen 
Gymnasiums  zu  Straßbarg.  p.  255 — 304.  —  E.  Schmidt  Die  Sprache  des 
Elsaß  im  vorigen  Jahrhundert,  in:  Im  neuen  Reich.  IV  (1874),  2.  p.  1011 — 
1015.  —  *H.  Kaiser  Der  Kampf  gegen  die  deutsche  Sprache  in  den  elsässi- 
schen  Schulen  von  1833  bis  1870  vornehmlich  nach  den  Akten  der  Vnter- 
richtsverwaltung  (Elsaß-Lotbringische  Kulturfragen  1913,  Heft  4/5).  Straßb. 
Els.-Lotbr.  Vereinigung.  —  Über  die  Straßburger  Verhältnisse  zu  Beginn 
der  dreißiger  Jahre  des  vorigen  Jahrhunderts  vgl.  Korrespondenz- Nach- 
richten im  Morgenblatt  für  gebildete  Stände  vom  22.  Juni,  30.  September, 
22.  und  24.  Oktober  1831.  —  Über  die  gegen  Mitte  des  Jahrhunderts  im 
Elsaß  hervortretenden  Französierungsbestrebungen  s.  Angaben  in  Strickers 
Germania  I  (1847),  p.  213ff.  In  einer  Notiz  von  Gödeke  heißt  es  dort 
p.  214  „Die  französische  Partei  verschmäht  selbst  geringe  Mittel  nicht,  sich 
auszubreiten  und  die  deutsche  Sprache  zu  beeinträchtigen.  Die  amtlichen 
Erlasse  sind  französisch  und  deutsch  abgefaßt,  die  deutsche  Seite  ist  nichts 
als  steife,  gezwungene,  fast  buchstäbliche  Übersetzung  der  französischen 
Phrasen,  so  daß  einem  Bauer  das  Verständnis   des  Deutschen    fast  ebenso 


im.}  h.  i- 

lange  Fremdherrschaft  die  Aufnahme  französischen  Sprachgutes 

außerordentlich  begünstigten.  Ebenso  erklärt  es  sich  aus  geo- 
graphischen, politischen  oder  volkswirtschaftlichen  Gesichts- 
punkten, daß  von  den  nicht  zu  Deutschland  gehörigen  deutsch- 
sprachigen Ländern  Holland149),  das  Großherzog- 
tum Luxemburg150),  die  via  mischen  Gebiete  ]><■!- 
giens    und     Nor dfrankr eiche151)    und    die    deutsche 


schwer  wird,  wie  das  des  Französischen.  Die  Regierung  soll  mit  Absicht 
durchaus  französische  Regimenter  in  das  Elsaß  legen,  um  den  unteren 
Klassen  durch  den  unvermeidlichen  Umgang  mit  den  Soldaten  das  Franzi'. - 
beizubringen  ..."  —  M.  Besler  Die  Forbacher  Mundart  und  ihre 
französischen  Bestandteile.  Progr.  Forbach  1900.  —  K.  Roos  Die  Fremd- 
wörter in  den.  elsässischen  Mundarten,  in:  Jahrbuch  f.  Geschichte,  'Sprache 
und  Literatur  Elsaß- Lothringens  XX  (1904).  p.  161—2(52.  —  G.  May  La 
luttc  poiir  le  francais  cn  Lorraine  arant  1870.  Etüde  sur  la  propagation 
de  la  langne  francaise  dans  les  departements  de  la  Meurthe  et  de  la  Moselle. 
Avec  une  carte  hors  texte.  Paris  und  Nancy  1912  / Annales  de  l'Est 
i'tie  anuec  fasc.  1].  Vgl.  dazu  H.Witte  Sprachenkämpfe  in  Lothringen  vor 
1870,  in:  Deutsche  Erde  XI  (1912),  p.  195-205.  Üher  die  Sprachgrenze 
wird  in  anderem  Zusammenhang  zu  handeln  sein. 

149)  J.  te  Winkel  Geschichte  der  niederländischen  Sprache  §§  62.  63. 
68,  in :  H.  Pauls  Grundriß  der  germ.  Piniol.  2.  Aufl.  I.  2.  —  Salverda  de 
Grave  in:  Taal  en  Letteren  VII  (1897).  p.  97— 106.  129  —  144;  Tijdschrift 
voor  nederlandsche  Taal-  en  Letterkunde  XV  (1896),  p.  172 — 219.  XVI 
1 1897),  p.  Hl-104.  XXI  (1902),  p.  38-65,  297—315;  Bomania  XXX  (1901), 
p.  65— 112;  Verhandelingen  der  Koninkl.  Ak.  ran  Wetenschappe.n.  Afd. 
Letterkunde.  X.  R.  VII  (1906).  394  p.  8°;  Handelingen  der  Maatschappij 
ran  Nederlandsche  Letterkunde  1912,  p.  23 — 57;  Derselbe:  L'influence  de 
la  langue  francaise  en  Hollande  d'apres  les  mots  empruntes.     Paris  1913. 

150)  *A.  Houdremont  Histoire  de  la  langue  francaise  comme  langne 
administrative  du  pays  de  Luxembourg.  Luxemburg,  chez  l'auteur,  1898. 
—  Sturm  La  langue  francaise  dans  le  grand-duche  du  Luxembourg,  in: 
La  langue  francaise  dans  le  monde  p.  p.  FAlliance  francaise.  Paris  1900 
(Vgl.  zu  dem  stark  tendenziös  gefärbten  Bericht  Sturms  H.  Witte  Deutsche 
Erde.  1.  Jahrg.  1902,  p.  150).  —  J.  Keiffer  La  langue  et  la  litterature  du 
< Wand- 1 > uche  du  Luxembourg,  in:  Annales  internationales  d'Historire. 
Congres  de  Paris  1900.  6e  Section,  Hist.  comparee  des  litteratures.  Paris 
1901.  p.  193—241.  —  Mme  Poirier  La  decroissance  de  la  langue  francaise 
dans  le  drand-Duche  du  Luxembourg.  in:  Congres  international  pour 
l'extension  et  la  eulture  de  la  langue  francaise.  Prem.  session,  Liege 
10—14  sept.  1905.  Paris  1906.  —  Fr.  Clement  Das  Deutschtum  im  Groß- 
herzogtum Luxemburg,  in:  Deutsche  Erde  V  (1906),  p.  90 f.  —  *J.  Tockert 
Iiomuiiisrhe  Lehniriirter  in  der  luxemburgischen  Mundart.  Luxemburg 
1910.  —  Über  die  Sprache  im  belgischen  Kreise  Arlon  vergleicht-: 
T.  Kellen  Arel.  eine  deutsche  Stadt  in  Belgien,  in:  Globus  LXXV  (1899), 
p.  21—24. 

151)  Frantz  Funck-Brentano  Philipp  le  Bei  en  Flaudre.  Paris  1896. 
p.  19—21 :  La  langue  francaise  en  Flaudre.  —  W.  de  Vreese  Gallicismen 
in  het  Zuidnederlandsch.  Gent  1899.  —  L.  Stuyck  La  langue  francaise  ä 
Anvers,  in:  Congres  international  pour  l'extension  et  la  eulture  de  la 
langue  franraise.  Prem.  sess.  Liege,  10—14  sept.  1905.  Paris  1906.  — 
<;.  van  Montagu  Pourquoi  fut  fondee  l\.  Association  flamande  pour  la 
vulgarisation  de  la  langue  francaise",  in:  Congres  international  .  .  Prem. 
sess.  Liege,  10—14  sept.  190.;.     Paris  1906.  —   i'ber  den  Sprachenkampf  in 


heitrihß    zu  einet    Geschichte  ■  Sprache.  195 

Schweiz152)  französischem  Kultur-  und  Spracheinfluß  in  be- 
sonderes hohem  Grade  ausgesetzt  gewesen  sind.  Daß  die 
Niederlande  als  Vermittelungsgebiet  dieses  Einflusses  im  Mittel- 
alter und  in  i]rr  Neuzeit  eine  hervorragende  Rolle  gespielt 
haben,    wurde  bereit.-  bemerkt. 

7.  Die  nordischen  Länder. 

Von  Missionaren  und  Mönchen  war  seit  dem  9.  Jahrhundert 
eine  kulturelle  Einwirkung  Frankreichs  auf  die  nordischen 
Reiche  ausgegangen1*53).  Geistliche  waren  es  auch  in  erster 
Linie,  die  durch  eine  umfassende  Übersetzertätigkeit 154)  im 
13.  und  14.  Jahrhundert  zuerst  in  Norwegen  die  Bekanntschaft 
mit  der  französischen  Dichtung,  insbesondere  der  höfisch- 
ritterlichen  vermittelt  haben.  Daß  hier  in  den  Tagen  König 
llakon  Hakonarson's  (1217 — 1263)  die  französische  Sprache 
in  großem  Ansehen  stand,  läßt  eine  Stelle  des  norwegischen 
„Königspiegelsi£  erkennen,  wo  der  Vater  seinem  Sohne  die 
Erlernung  der  lateinischen  und  französischen  Sprache  beson- 
ders eindringlich   empfiehlt l55).  weil  ihnen    die   weiteste  Ver- 


Belgien liegt  eine  umfangreiche  neuere  Literatur  vor.  auf  die  ich  vielleicht 
bei  anderer  Gelegenheit  zurückkommen  werde.  Vgl.  zuletzt  H.  Stens  Von 
der  Genter  Universität,  in:  Frankfurter  Zeitung,  Erstes  Morgenblatt  vom 
Dienstag,  24.  Oktober  1916. 

lsr>  Vgl.  L.  Gauchat  et  .1.  Jeanjaquet  Bibliographie  linguistique  de  la 
-  --  Romande  1.  p.  278  die  Hinweise  unter:  „Gallomanie  de  la  Suisse 
aUemande."  —  Louis  P.  Betz  J.  J.  Bodmer  und  die  französische  IMteratur, 
Ein  Litteraturbild  der  Kulturmaoht  Frankreichs  im  XVIII.  Jahrhundert 
[Sonderabdruck  aus  Johann  Jakob  Bödmet;  Denkschrift  zum  CC.  Geburts- 
tag (Zürich  1900)]  p.  19  f.  Nach  Betz  wäre  in  der  deutschen  Schweiz  die 
Gallomanie  auch  heute  noch  nicht  allerorten  ausgerottet.  Er  bemerkt  p.  20 
„Die  Reaktion  gegen  diese  Französelei,  gegen  das  Pariserin  in  Sitte  und 
Sprache,  ging  von  den  protestantischen  Orten  der  Deutsch-Schweiz  aus, 
namentlich  von  Zürich  und  Bern.  Allein  es  bedurfte  eines  guteii  Jahr- 
hunderts, bis  deutscher  Stammesstolz,  unabhängiger  Schweizersinn,  die 
(Tallomanie  ausrotteten  —  freilich  nicht  mit  Stumpf  und  Stiel,  denn  sie 
wuchert  noch  heute  da  und  dort." 

151  ■  F.  .1.  ('.  La  Porte  du  Theil  Memoire  concemant  les  relation 
txistoient  au  douzieme  siecle  entre  le  Dänemark  et  la  France,  in:  Memoires 
de  VInstitut  National  des  sciences  et  arts.  Litterature  et  beaux-arts.  T.  4e. 
Paii>  Vendemiaire  an  XI.  p.  212 ff.  —  Auguste  Strindberg  Les  relations 
de  la  France  avec  la  Suede  jusqu'ä  nos  jours.  Esquisses  historiques  des 
relations  des  deux  pays.  Paris  1891.  p.  7  ff.  —  Louis  Delavaud  LesFran 
dans  le  Nord.  Notes  sur  les  premieres  relations  de  la  France  avec  les 
royaumes  scandinaves  et  la  Russie  septentrionale  depuis  l'Antiquite  jusqu'ä 
la  fin  du  XVI e  siecle.    Ronen  1911. 

Ul)  Eng.  Mogk  NorwegischAsländische  Literatur:  F.  Die  Übersetz 
\tur,  in:   Panl's  Grundriß  der  germanischen  Philologie  II,  1  (Straß- 
burg 1901—1909).  p.  857  tl. 

155)  Speculum  regale.  Ein  altnorwegischer  Dialog  nach  Cod.  Arnamagn. 
243  Fol.  B  und  den  ältesten  Fragmenten  hrsgb.  von  ('.Brenner.  München 
1881.     p.  8. 


D.  Behrens. 

breitung  zukomme  (poiat  pcer  tuugur  yctuya  vidast).  Nicht 
selten  erfolgte  die  Aneignung  des  Französischen  in  Frankreich 
selbst,  haben  wir  doch  bereits  für  das  11.  und  12.  Jahrhundert 
Zeugnis,  daß  Nordlandsöhne  an  der  Universität  Paris  ihren 
Studien  obgelegen  haben  156).  Im  13.  Jahrhundert  war  ihre 
Zahl  so  beträchtlich,  daß  als  eines  der  ältesten  in  Paris 
etablierten  fremden  Kollegien  das  dänische  gegründet  wurde  157). 
wozu  drei  schwedische  später  hinzugekommen  sind  1>8).  Es 
liegt  nahe  anzunehmen,  daß  die  in  Paris  gebildeten  Nordländer 
wesentlich  dazu  beigetragen  haben,  die  Bekanntschaft  mit 
französischer  Dichtung  in  der  Heimat  zu  verbreiten,  wo  am 
norwegischen  Königshofe  für  dieselbe  ein  empfanglicher  Boden 
schon  früh  bereitet  war159).  Dabei  ist  bemerkenswert,  daß 
im  Gegensatz  zu  den  mittelhochdeutschen  Dichtern  es  die 
nordischen  Übersetzer  im  ganzen  vermieden,  französische 
Wörter  und  Wendungen  in  die  Muttersprache  zu  mischen, 
indem  sie  die  fremdländischen  Ausdrücke.  soweit  es 
anging,  durch  sinnverwandte  heimische  zu  ersetzen  oder 
zu  umschreiben  sich  bemühten  16°).  Eine  stärkere  sprachliche 
Einwirkung  Frankreichs  auf  den  Norden  ist  erst  in  der  neueren 
Zeit  vom  16.,  namentlich  aber  vom  17.  Jahrhundert  ab  erfolgt, 
wobei  in  Schweden  politische  Beziehungen  dem  französischen 
Einfluß  allgemein  noch  besonders  zu  statten  gekommen  sind. 
Französischen  Glaubensflüchtlingen  begegnen  wir  in  Schweden, 
seitdem  Gustav  Wasa  seinem  Sohn  und  Nachfolger  Erich  einen 
aus  seiner  Heimat  vertriebenen  Hugenotten,  Denis  Beuree, 
als  Erzieher  gegeben,  der  der  treue  Freund  und  Ratgeber  des 
unglücklichen  Königs  während  dessen  Regierungszeit 
(1560 — 1568)    blieb  und  wohl  mit  die  Veranlassung  war,    daß 

ll6)  Vgl.  L.  Delevaud  l.  c.  p.  31.  —  Abt  Arnold  voii  Lübeck  berichtet 
um  1200,  daß  dänische  Adelige  ihre  Söhne  „nicht  allein  um  den  geistlichen 
Stand  zu  heben,  sondern  auch  zur  Ausbildung  in  weltlichen  Wissenschaften 
nach  Paris  schickten".  Dort  wurden  sie  in  die  Sprache  und  Literatur 
Frankreichs  eingeführt.  S.  Die  Chronik  Arnolds  von  Lübeck.  Nach  der 
Aussrabe  der  Monumenta  Germaniae  übersetzt  von  Dr.  J.  0.  M.  Laurent. 
Berlin  1853,  p.  78  f. 

187")  Nach  A.  Budinsky  Die  Universität  Paris  und  die  Fronden  an 
derselben  im  Mittelalter,  Berlin  187B,  wurde  das  dänische  als  ..aller  Wahr- 
scheinlichkeit nach   ältestes  der  fremden  Kollegien  in  Paris   von  töagist<  l 

nes  von  Dänemark,  Kanonikus  von  Saint-Genevieve.  gegründet,  der 
1275  seinen  in  Paris  studierenden  Landsleuten  ein  zur  Abtei  Saint-Genevieve 
gehöriges  Haus  testamentarisch  vermachte.  Nach  A.  Luchaire  L'Universiti 
de  Paris  sous  Philippe-Auguste,  Paris  1899.  p.  28  wurde  das  erste  Kollegium 
von  dem  Engländer  Josce  gestiftet,  als  dieser  1180  von  Palästina 
zurückkehrte. 

m)  A.  Geffroy  Les  etudiants  suedois  d  Paris  au  14e  siede,  in:  Rev. 
des  soc.  sar.  V  (1858).  p.  659—669.  —  A.  Budinsky  l.  e.  p.  62-65. 

u*)  Vgl.  R.  Meißner  Die  Strengleikar.    Ein  Beitrag  zur  Geschichte 

der  altnordischen  Prosaliteratnr.  Halle  a.  S.  1902.  p.  11  tili. 
:t")  Vgl.  R.  Meißner  l.  c.  p.  234  ff. 


.'/'/•    zu  einer  Gen  ichen  Sprache,   l'1"/ 

von  diesem  andere  Franzosen  in  angesehene  Stellungen  befördert 
wurden.  Nachkommen  französischer  Hugenotten,  die  sich  im 
1/.  Jahrhundert  in  den  schwedischen  Bergwerksdistrikten  nörd- 
vmn  Mälarsee  ansiedelten,  verraten  dort  noch  heute  ihren 
französischen  Ursprung  in  Körperbau,  Gesichtsausdruck  und 
iche  "i1^.  In  Dänemark  hat  eine  1734  in  Fredericia  ge- 
gründete französische  reformierte  Gemeinde  ihren  ursprüng- 
lichen Charakter  auch  in  der  Sprache  bis  in  die  Gegenwart 
hinein  gewahrt l62).  Die  durch  die  neuen  religiösen  Lehren 
beeinflußten  Schriften  Marots,  Th.  Beza's,  Du  Bartas',  Plessis- 
Mornay's  und  anderer  wurden  in  den  skandinavischen  Ländern 
früh  übersetzt  und  nachgeahmt  l63).  Unter  den  Philosophen 
der  französischen  Renaissance  fand  Pierre  de  la  Ramee  in 
Schweden  zahlreiche  Anhänger.  Nach  ihm  hat  der  von  der 
Königin  Christine  1650  nach  Stockholm  berufene  Descartes 
nachhaltig  die  schwedische  Philosophie  beeinflußt.  Durch 
Christinens  Hinneigung  zu  französischer  Kultur  und  franzö- 
sischem Wesen  begünstigt  hat  damals  die  französische  Sprache 
auf  den  Wortschatz  der  schwedischen  direkt  und  durch  deutsche 
Vermittelung  sehr  stark  einzuwirken  begonnen,  so  daß  behauptet 
worden  ist,  es  sei  ein  schwedisch  geschriebener  Brief  jener  Zeit 
wegen  der  Beimischung  zahlreicher  französischer  Wörter  fast 
auch  für  einen  Franzosen  verständlich  gewesen  164).  Im  Beson- 
deren zeigt  sich  das  zunehmende  Interesse  für  die  französische 
Sprache  im  17.  Jahrhundert  in  Schweden  noch  in  der  Veröffent- 
lichung mehrerer  französischer  Sprachlehrbücher  l65),  sowie  darin, 
daß  schwedische  Dichter  und  Gelehrte  anfangen,  ihre  Werke  in 
französischer  Sprache  erscheinen  zu  lassen  l66).  Im  18.  Jahr- 
hundert wirkte  der  französische  Literatur-,  Kultur-  und  Sprach- 
einrluß  in  Schweden  in  verstärktem  Maße  fort 167)  und  erreichte 
hier  seinen  Höhepunkt  mit  der  Regierung  König  Gustav's  III. 
(17  71  — 1792),  dem  Schüler  Yoltaire's  und  der  Encyclopädisten, 
der  eine  ganz  französische  Erziehung  genossen  hatte,  als 
dramatischer  Dichter   französische  Quellen    benutzte   und  sich 


1     A.  Srrindberg  l.  c.  p.  109  f. 

1SI)  Cli.  Weiß  Histoire  des  refugies  protestants  de  France.  Paris 
1853,  II,  p.  308  ff. 

1C3)  A.  Strindberg  /.  c.  p.  115 ff.  —  E.  Wrangel  Apercu  de  l'influenci 
de  la  litterature  francaise  sur  la  litterature  suedoise,   in:  Annales  inter- 

i  des  d'histoire.     Conqres  de  Paris  1900.     6e  section:  Hist.  comp,  des 

'tures  (Paris  1901),  p.  179ft'. 

"*)  A.  Strindberg  l.  c.  p.  157  f. 

m)  S.  L.  Haminarskold  Förtekning  ,  lein  Sverige,  fron  äldre,  tili 
närvarande  Tider,  utkomna  Schale- och  Undenrisnings-Böcker.  Stockholm 
1 8 1 7.     p.  34  f. 

:ef)  A.  Strindberg  l.  c.  p.  158 f. 
ie:)  E.  Wrangel  l.  c. 


1>.  B 

in  Beinen  Erstlingswerken  selbst  der  französischen  Sprache 
bediente168).  Daß  in  Schweden  im  18.  Jahrhundert  mehrere 
Journale  in  französischer  Sprache  erscheinen  konnten  und  die 
in  schwedischen  Archiven  aufbewahrten  öffentlichen  und 
privaten  Urkunden  jener  Zeit  zum  erheblichen  Teil  französisch 
abgefaßt  sind,  sei  als  charakteristisch  für  die  sprachlichen 
Verhältnisse  angemerkt169).  Dem  herrschenden  französischen 
chmack  hat  die  von  Gustav  III.  1786  nach  dem  Muster 
der  französischen  gegründete  schwedische  Akademie  weiteren 
Vorschub  geleistet.  Daü  die  Zahl  der  französischen  Lehn- 
wörter im  Schwedischen  unter  diesen  Umständen  während  des 
18.  Jahrhunderts  „eher  zu-  als  abnahm",  darf  angenommen 
werden,  auch  wenn  eine  nähere  Untersuchung  hierüber  zur 
Zeit  fehlt.  Erst  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  setzte  eine 
starke,  von  nationalen  Erwägungen  geleitete  puristische  Gegen- 
bewegung mit  Erfolg  ein  l70).  Über  den  Gebrauch  des  Französi- 
schen im  Lande  bemerkt  der  Franzose  Du  Chaillu  l71)  mit 
besonderer  Beziehung  auf  die  Stockholmer  Verhältnisse  der 
siebziger  Jahre  des  verflossenen  Jahrhunderts,  daß  nach  seiner 
Wahrnehmung  die  heranwachsende  Generation  sich  mit  Vor- 
liebe dem  Deutschen  und  Englischen  zuwende,  „obschon  die 
offizielle  Korrespondenz  in  französischer  Sprache  geführt  werde 


;i;s)  Vgl.  A.  Qeffroy  Gustave  III  et  la  cour  de  France-.  I  (Paris 
1867),  54ff. :  Kducation  de  Gustave  III.  Son  premier  voyage  ä  Paris.  — 
0.  Levertin  Gustav  III  som  dramatisk  författare.  Stockholm  [1894].  — 
Kyell  R.  G.  Strömberg  La  traqedie  voltairienne  en  Suede,  in:  Rer.  d'Histoire 
litUraire  de  la  France  XXIII  (1916),  Nr.  1/2. 

169)  Vgl.  A.  Striudberg  l.  c.  p.  180. 

no)  A.  Noreen  Geschichte  der  nordischen  Sprachen,  besonders  in  alt- 
nordischer Zeit3  (Straßburg  1913),  p.  46.  —  Vgl.,  was  die  Sprache  des 
18.  Jahrhunderts  angeht,  die  entgegenstehende  Auffassung  bei  F.  W.  Born 
Geschichte  der  Literatur  des  skandinavischen  Nordens.  Leipzig  188<>, 
p.  322.  —  Über  die  französischen  Lehnwörter  in  der  heutigen  Sprache 
handelt  eingehender  Alfred  Nordfeit  Om  franska  Icinord  i  Svenskan,  in: 
Studier  i  modern  sprakvetenskap  utgifna  af  nyfilologisha  sällskapet  i  Stock- 
holm III  (Uppsala  1901),  p.  55—72.  Beachte  auch  A.  Nordfeit  En  fransk- 
svensh  etymologi,  in:  Arkiv  für  Nordisk  Filologi  XII  (1896),  p.  201—204. 
—  Das  in  Finnland  heute  gesprochene  Schwedisch  hat  zum  Gegenstand  ein 
Beitrag  Annie  Edelfelt:s:  Liste  de  mots  franvais  employes  dans  la  langue 
suedoise  arce  une  signification  detournee.  in:  Memoires  de  la  soc.  neo- 
philologique  ä  Helsingfors  I  (1893),  p.  360—  371.  —  Über  die  französischen 
Lehnwörter  im  Dänisch-norwegischen  existiert  m.  W.  noch  keine  etwas 
eingehendere  Untersuchung.  Zum  französischen  Einfluß  auf  die  dänische 
Literatur  im  18.  Jahrhundert  läßt  sich  u.  a.  vergleichen  A.  Legrelle  Hol- 
berg  considere  comme  imitateur  de  Molii're,  Paris  1864.  Jul.  Clausen 
Wranske  literater  i  Köbenhavn  pä  Frederik  den  femtes  tid,  in :  Historisk 
Tidsskrift,  Syvemle  rsekke,  (Kjöbenhavn  1897—99),  I  p.  1—81. 

m)  Im  Lande  der  Mitternachtsonne.  Sommer-  und  Winterreisen 
durch  Norwegen  und  Schweden.  Lappland  und  Nord-Finnland.  Nach  Paul 
1'».  Dn  chaillu,  frei  übersetzt  von  A.  Eelms.  Zweite  Auflage.  Kleine  Aus- 
gabe, Leipzig  1885,  p.  39. 


Beitr  ',ii,    Geschichtt   •'  >'  französischen  Spracht*.  199 

und  viele  den  höheren  Kreisen  Angehörende  diese  Sprache 
besser  sprechen  denn  die  übrigen'1.  Allgemein  läßt  sich  sagen, 
daß  in  den  skandinavischen  Ländern  das  Französische  sich  in 
den  Kreisen  der  Höhergebildeten  noch  heute  besonderen 
Ansehens  erfreut,  während  es  dort  im  Geschäftsverkehr  neben 
dem  Deutschen  und  Englischen  sehr  stark  zurücktritt l'-). 

8.  Rußland173). 

In  der  Geschichte  der  unter  Peter  dem  Großen  kräftig 
einsetzenden  „Europäisierung"  Altrußlands  bildet  der  Kultur- 
und  Spracheinfluß  Frankreichs  ein  wichtiges  Kapitel.  Die 
Pariser  Reise  Peters  im  Frühjahr  1717  wurde  allgemein  für 
die  Entwickelung  der  Beziehungen  beider  Länder  zueinander 
von  weittragender  Bedeutung.  Nachhaltigen  Einfluß  auf  dem 
Gebiet  der  Hofsitte,  des  verfeinerten  Luxus,  der  Literatur, 
des  Unterrichts,  der  künstlerischen  Bestrebungen  und  der 
Sprache  hat  Rußland  durch  Frankreich  zuerst  unter  den 
Regierungen  Elisabeths  (1741  — 1762)  und  Katharinas  II. 
(1762 — 1796 )  erfahren.  Die  Zahl  der  in  Paris  zum  Vergnügen 
oder  zum  Studium  sich  aufhaltenden  Russen  nahm  jetzt  be- 
trächtlich zu.  und  hatten  andererseits  während  der  Regierung- 
Peters  des  Großen  und  seiner  unmittelbaren  Nachfolger  die 
Franzosen  nur  einen  kleinen  Bruchteil  der  in  Rußland  lebenden 
„"Westeuropäer"  ausgemacht,  so  ergoß  sich  jetzt  über  das 
Zarenreich  eine  wahre  Flut  französischer  Einwanderer  zum 
vorübergehenden  oder  dauernden  Aufenthalt.  Wir  finden  sie 
hier  in  den  verschiedensten  Stellungen  und  Berufen,  als 
Künstler.  Gelehrte.  Militärs.  Kaufleute.  Industrielle,  Lakaien, 
Köche.  Hauslehrer  usw..  und  neben  zahlreichen  Abenteurern 
und  Industrierittern  114)  begegnen  unter  ihnen  einzelne  Reisende 

"•)  Vgl.  M.  Gandolphe  La  langue  francaise  en  Scandinavie  [in:  L> 
langue  francaise  dans  le  monde,  Paris  1900]  p.  43  „En  face  de  quelques 
centaines  d'Allemands  installes  dans  chaque  eentre  commercial,  des  inevi- 
tables  agents  britanniques  disperses  dans  les  inoindres  comptoirs  de  l'extreme 
nord,  les  Francais  sont  tout  juste  cinq  ou  six  ä  Stockholm,  im  peu  moins 
a  i'hristiania.  deux  ä  Helsingfors;  ä  Göteborg1,  ä  Bergen,  un  commis- 
voyageur  passe  tous  les  six  mois:  depuis  uue  quinzaine  d'annees,  le 
pavillon  de  notre  marine  marebande  est  presque  oublie  dans  les  ports  de 
la  Baltiqne." 

1TS)  L.  Pingaud   Les  Frankens   en   Russie  et  les  Busses  en   Franc,;. 
Paris   1886.    —   *Ch.  de,  Lariviere   La  langue.   et  l'influence  francaist 
Russie,   in:   Revue  des  Etudes  franco-russes  II  (1902).  —  *F.  Montussaint 
La  langue  francaise  en  Russie  de  1803  ä  1903,  in:   Rev.  des  Et.  franco- 

s    III   (1903).    —    Emile   Haumant   La    eulture   francaise    en    Russie 
•1-1900).     Paris  1910.  —  C.  Mettig  Die  Europäisierung  Rußlands  im 
18.  .Jahrhundert.     Gotha  1913   (Bildet   den  2.  Band  von  A.  Brückners  Ge- 
8chichte  Rußlands  bis  zum  Ende  des  IS.  Jahrhunderts). 

m)  In  einer  zeitgenössischen  satirischen  Zeitschrift.  Novikow's 
„Drohne",  wird  darüber  in  amüsanter  Weise  wie  folgt  gespottet:  ,.1'ieset 
Tage  lief  im  hiesigen  Hafen  [Kronstadt]  ein  Schiff  aus  Bordeaux  ein.  auf 


200  D.  Behrens. 

von  Ansehen  und  hohem  Rang.    Französische  Literaturwerke 

werden  nicht  nur  nachgeahmt,  sondern  finden  Verbreitung  im 
Original  und  in  zahllosen  gedruckt  und  handschriftlich  kur- 
sierenden Übersetzungen.  Kenntnis  der  französischen  Sprache, 
deren  Aneignung  entweder  direkt  an  der  Quelle  in  Frankreich 
erfolgte  oder  durch  die  zahlreich  im  Lande  sich  aufhaltenden 
Sprachmeister  und  durch  öffentliche  Unterrichtsanstalten  ver- 
mittelt wurde,  gehörte  immer  mehr  zum  guten  Ton  äußer  am 
russischen  Hof  auch  in  den  Kreisen  des  begüterten  Adels  und 
des  höheren  Beamtentums.  Als  bezeichnend  für  das  Ansehen. 
in  dem  die  französische  Sprache  bald  nach  der  Mitte  des 
18.  .Jahrhunderts  in  Rußland  stand,  sei  hervorgehoben,  daß  an 
der  1755  nach  deutschem  Muster  gegründeten  und  mit  deutschen 
Lehrkräften  besetzten  Moskauer  Universität  die  Vortragssprache 
zunächst  außer  lateinisch  französisch  war,  und  daß  bis  1765 
alle  Protokolle  der  Universitätskonferenzen  in  französischer 
Sprache  abgefaßt  wurden.  Als  im  Jahre  1760  der  Rektor 
der  Universität  den  neuen  Kurator  mit  einer  französischen 
Rede  begrüßt,  antwortet  dieser  in  französischer  Sprache*76). 
Eine  Folge  der  geschilderten  Verhältnisse  war  das  Eindringen 
zahlreicher  Gallicismen  in  die  russische  Hochsprache  l76),  deren 
rasch  fortschreitender  Französierung  eine  von  nationalem 
Empfinden  geleitete  Gegenbewegung  Einhalt  zu  tun  versuchte. 
Sumarokow,  der  Schöpfer  der  pseudoklassischen  Tragödie  nach 
französischem  Muster,  trat  allgemein  für  die  Reinhaltung  der 
Muttersprache  ein 17,2).  Keine  Geringere  als  die  Kaiserin 
Katharina,  die  Verehrerin  Voltaires  und  der  Encyclopädisten. 
gab  die  französisch-russische  Sprachmengerei  des  geckenhaften 

«lern,  neben  anderen  allermudernsten  Waren,  sich  vierundzwanzig  Franzosen 
befanden,  die  sich  alle  für  Barone,  Chevaliers.  Marquis  und  Grafen  aus- 
geben und  sagen,  daß  sie  infolge  Mißgeschickes  in  der  Heimat,  das 
sich  aus  verschiedenen  Ehrensachen  ergeben,  gezwungen  worden  seien. 
statt  in  Amerika  in  Rußland  goldene  Berge  zu  suchen  .  .  ."  Vgl.  A.  von 
Reinholdt  Geschichte  der  russischen  Litteratur  von  ihren  Anfängen  bis 
luf  die  neueste  Zeit.     Leipzig  o.  .f.     p.  423. 

m)  D.  A.  Tolstoi  Ein  Blick  auf  das  Unterrichtswesen  Russlands  im 
XVLU.  Jahrhundert  bis  1782.  Aus  dem  Russischen  übersetzt  von  P.  v. 
Kügelgen.    St,  Petersburg  1884.    p.  46  f.  52. 

1T6)  E.  Budde  Abriß  der  Geschichte  der  heutigen  russischen  Schrift- 
sprache p.  78—81,  in:  Enzyklopädie  der  slavischen  Philologie.  Liefer.  12 
(15i08)  (russisch).  Über  die  zur  Zeit  Peters  des  Großen  eingedrungenen 
Fremdwörter  französischen  Ursprungs  vgl.  *Smirnov  Der  Einfluß  des 
Westens  auf  die  russische  Sprache  in  der  Petrinischen  Zeit.  St.  Peters- 
burg 1910  (russisch).  Beide  Werke  sind  angezeigt  von  W.  Christiaui  im. 
Archiv  f.  slavische  Philologie.     XXXIII,  302—308. 

:77)  S.  Louis  Leger  La  litterature  russe,  notices  et  «droits  des  princi- 
paux  auteurs  depuis  les  origines  jusqu'd  nos  jours.  Paris  o.  .1.  |1892|. 
p.  107 f.  in  franz.  Übersetzung:  Sumarokow's  Plaidoyer  en  faveur  de  la 
langue  russe  und  ib.  p.  108  f.  Fable  contre  ceux  gui  corrompent  la  langue 
nationale.    Vgl.  A.  von  Reinholdt  l.  c.    p.  324. 


Beitrüge   zu  einei    Geschichte  der  französischen  Sprache.    . 

russischen  Landjunkers  dem  Fluch  der  Lächerlichkeit  preis  l7s). 
Auch  Von-Wizin 179),  Knjaznin  18°)  und  Novicow181)  sind  in 
diesem  Zusammenhange  zu  erwähnen.  Die  hier  sich  zeigende 
nationale  Reaktion  hat  dem  französischen  Spracheinrlul.)  in 
Rußland  nennenswerten  Abbruch  auch  dann  nicht  getan, 
als  sie  durch  die  Begebenheiten  der  französischen  Revolution 
und  der  napoleonischen  Zeit  neuen  Antrieb  erhalten  hatte. 
Es  scheint  durch  letztere  die  traditionelle  Hinneigung-  zu 
französischer  Kultur  und  Sprache  in  weiten  Kreisen  der 
russischen  Gesellschaft  eine  nachhaltige  Störung  überhaupt 
nicht  eigentlich  erfahren  zu  haben,  während  andererseits  durch 
die  Punwanderung  zahlreicher  politischer  Flüchtlinge  aus  Frank- 
reich das  französische  Element  im  Lande  allgemein  noch 
erheblich  verstärkt  worden  ist.  In  seiner  Novelle  „Eine 
Unglückliche"  hat  Iwan  Turgenjeff  einen  typischen  Vertreter 
des    reichen    russischen  Adels.  Iwan    Matwejitsch    Koltowskoj. 

178)  In  der  russisch  geschriebenenen  Komödie  „Der  Namenstag  der  Frau 
Wvoalkina".  Die  den  Stutzer  Firlefanz  [FMjuruskow]  charakterisierende 
Szene  s.  bei  L.  Leger  /.  c.  p.  117  ff.  und  v.  Eeinholdt  l.  c.  p.  353.  Auf  die 
Frage  der  Dienstmagd  Praskowja,  wo  er  so  lange  sich  aufgehalten  habe. 
läßt  da  die  Verfasserin  Firljafuskow  erwidern :  (in  v.  Reinholdt's  Ver- 
deutschung) ..Belle  demande !  Wo  ich  so  lange  gewesen  ?  A  ma  toilette, 
mein  Täubchen,  ä  ma  toilette  .  .  .  Wo  anders  kann  man  so  früh  sein. 
Gestern,  nach  dem  Abendessen  habe  ich  die  ganze  Nacht  mit  Kartenspiel 
verbracht.  Gins-  me  coucher  in  der  sechsten  Stunde  apres  minuit.  Stand 
heute  um  ein  Uhr  auf  und  habe  eine  solche  Migräne  und  einen  solchen 
Kater  in  der  Nase,  daß  sich  gar  nicht  sagen  läßt.  Ist  da  nicht  eau  de 
luce  zum  Riechen !  Ich  fürchte  .  .  .  vor  Schwäche  .  .  .  umzufallen  .  .  . 
Stützen  Sie  mich  .  .  ."  Über  andere  Auslassungen  Katharina^,  in  denen 
sie  der  in  Sitte  und  Sprache  hervortretenden  Gailomanie  der  Zeit  entgegen- 
tritt, s.  v.  Reinholdt  p.  349  f.  Über  die  Politik  Katarina's  zur  Zeit  der 
französischen  Revolution  vgl.  A.  Sorel  L'Europe  et  la  revolution  frangaise 
I1"  (1907).  p.  ölii f..  über  den  Typ  des  petit  maitre  in  der  russischen 
Komödie  F.  von  Berg  Die  altere  russische  Komödie.  Berliner  Dissertation 
1916.     p.  17. 

m)  In  Von-Wizins  Lustspiel  „Der  Brigadier"  wird  der  Sohn  des 
Brigadiers  als  der  typische  Vertreter  der  gallomanen  Stutzer  jener  Zeit 
dargestellt.  Vgl.  den  hei  Leger  l.  c.  p.  141  und  v.  Reinholdt  l.  c.  p.  364 f. 
in  Übersetzung  mitgeteilten  ersten  Auftritt  des  dritten  Aktes: 

Brigadier:  Höre.  Iwan,  ich  bin  selten  roth  geworden,  seit  ich  die 
Kinderschuhe  ausgetreten ;  heute  aber  wäre  ich,  trotz  meiner  grauen 
Haare,  fast  verbrannt  vor  Scham  deinetwegen. 

Sohn:  Mon  eher  pere!  Kann  es  mir  angenehm  sein,  daß  man  davon 
spricht,  ich  soll  eine  Rxissin  heirathen  ? 

Brigadier:  Ja  was  bist  du  denn  für  ein  Franzose?  Ich  dächte, 
auch  du  bist  in  Rußland  geboren. 

Sohn:  Mein  Körper  ist  in  Rußland  geboren,  das  ist  richtig-;  aber 
mein  Geist  gehört  der  französischen  Krone  usw. 

180)  v.  Reinholdt  p.  371.  In  Knjaznin's  Oper  „Unglück  von  einem 
Wagen"  rettet  sich  der  Bauer  Lukjan,  als  er  unter  die  Rekruten  gesteckt 
werden  soll,  dadurch,  daß  er  seinen  gallomanen  Herrn  „Monseigneur"  und 
die  Gntsherrin.  seine  Geliebte.  „Madame"  anredet. 

m)  v.  Reinholdt  p.  421  ff.    Vgl.  oben  Anm.  174. 


I 

lehnet,  der  bis  zur  Revolution  in  Paris  gelebt  hatte. 
Stockfranzose  geworden  war,  die  russische  Sprache  („c<  jargon 

■  l  üulgaireu  )  fast  ganz,  verlernt  hatte  und  einem  Emigranten. 
der  ihm  als  Vorleser  diente,  freies  Quartier  gab  l8-).  Die 
1812  vor  dem  Brande  aus  Moskau  nach  Nisnij-Nowgorod  ge- 
züchteten Damen  der  vornehmen  russischen  Gesellschaft 
tanzten  nach  Batjuskow  l83)  französische  Quadrillen  in  franzö- 
sischen Gewändern  und  verwünschten  die  Franzosen  —  in 
französischer  Sprache.  Trotz  der  Wandlungen,  welche  die 
innere  Entwicklung  Kurlands  auf  den  verschiedensten  Gebieten 
seit  und  im  letzten  («'runde  auch  infolge  der  napoleonischen 
Kriege  in  der  Richtung  auf  das  „Yolksmäßige"  durchmachte184), 
hat  sich  dort  das  ganze  19.  Jahrhundert  hindurch  und  bis  auf 
den  heutigen  Tag  eine  starke  Vorliebe  für  die  französische 
Sprache  erhalten.  Beweis  dafür  ist  u.  a.  die  große  Zahl 
russischer  Autoren,  die  ihre  Werke  in  französischer  Sprache 
Ypröffentliehon  185).  In  dem  satirisch-komischen  Zeitgemälde 
..  !>;,  todten  Seelen",  dessen  erster  Teil  1842  erschien,  meint 
Gogol,  da  wo  er  von  der  Erziehung  der  Gutsherrin  Manilowa 
handelt:  „In  Pensionen  bilden  wie  bekannt  drei  Gegenstände 
die  Grundpfeiler  aller  menschlichen  Tugenden:  Die  franzö- 
sische Sprache,  unumgänglich  nötig  für  das  häus- 
liche Glück;  Pianoforte,  um  dem  Gatten  angenehme  Augen- 
blicke zu  verschaffen,  und  endlich  der  wirtschaftliche  Teil,  das 
Stricken  und  Sticken  von  Börsen  und  anderen  l  berra- 
schungen"  l86).  Im  gleichen  Jahre  1842  bemerkt  Karl  Gutz- 
kow187), Petersburg  sei  noch  immer,,  die  Zuflucht  der  Tanzmeister, 
Friseurs,  Hauslehrer,  Gouvernanten,  Fechter  und  Schauspieler 
von  Paris" !  1886  schreibt  der  Dorpater  Professor  Alexander 
Brückner,  das  Französische  stehe  in  manchen  Kreisen  als 
Umgangssprache  „ebenbürtig  neben  dem  Russischen"  und  es 
seien  in  den  ersten  Ausgaben  der  Romane  Leo  Tolstoi's,  die 
uns  in  diese  Kreise  einführen,  so  viele  französische  Konver- 
sationsbestandteile   enthalten    gewesen,    daß    eine    besondere. 


182)  Iwan  Turgenjetf  Eine  Unglückliche.  Aus  dem  Russischen  von 
Wilhelm  Lange.   Leipzig.  Philipp  Reclam  jvm.  [Univ.-Bibl.  Nr.  W8.] 

183)  (■:.  Ilaumant  l.  c.  p.  278. 

18*)  A.  N.  Pypin  Die  geistigen  Bewegungen  in  Rußland  in  der  ersten 
Hälfte  de*  XIX.  Jahrhunderts.  I.  Ed.  Ans  dem  Russischen  übertragen 
von  Boris  Minzes.     p.  398. 

185)  Gregoire  Ghennady  Les  ecrivains  franco-russes.  Bibliographie 
des  ouvrages  francais  publies  par  des  Russes.  Dresde  1874.  —  V.  Rössel 
Histoire  de  la  Uttirature  frangaise  hör*  de  France.  Lausanne  1895. 
p.  l!>7ff. 

I8S)  In  deutscher  Übersetzung  Leipzig,  Ph.  Reclam  jun..  Qnivers.-Bibl. 
Nr.  118.    p.  24 f. 

;6TNi  Gesammelte  Werke  (Jena  o.  J.)2.    7.  Bd.    p.  102. 


"/     i  zösischeit  Sprache.  203 

russifizierfce  Ausgabe  derselben  nötig  wurde188).  Wenn 
dagegen  R.  Candiani  um  das  .lahr  1900  ausführt,  es  wären 
die  Bauern  die  einzigen  Untertanen  des  Zaren,  die  Franzö- 
sisch nicht  verstehen,  das  in  den  Kreisen  des  Kleinbürgertums 
ebenso  gebräuchlich  sei  wie  bei  Hof  1S9>,  so  dürfte  darin  eine 
Übertreibung  liegen.  Nach  der  1D12  erschienenen  letzten 
Auflage  von  Baedekers  Reisehandbuch  ist  in  den  feineren 
Gesellschaftskreisen  die  Kenntnis  der  französischen  Sprache 
last  allgemein,  wogegen  man  in  den  mittleren  Ständen  eher 
Deutsch  versteht190'). 

Nur  im  Vorbeigehen  erwähnt  sei  der  Einfluß,  den  das 
Französische  auch  auf  die  anderen  slawischen  Sprachen  aus- 
geübt hat.  In  Betracht  kommt  dabei  in  erster  Linie  Polen  l9r), 
das  französischem  Kultur-  und  Spracheinfluß  früh  und  zeit- 
weilig  in    besonders    starkem   Maße   zugänglich    gewesen    ist. 

9.  Rumänien  192). 

In  den  Donaufürstentümern  Moldau  und  AValaehei  haben 
von  der  Pforte  eingesetzte  griechische  (fanariotische)Hospodare 
im  18.  Jahrhundert  zuerst  die  Bekanntschaft  mit  französischer 
Sprache  vermittelt  l93K  Aus  dem  Dragomanstande  hervor- 
gegangen, waren  die  fanariotischen  Fürsten  des  Französischen 
mächtig,  das  sie  in  ihrem  neuen  Berufe  weiter  zu  pflegen  sich 
angelegen  sein  ließen.  Sie  hatten  in  ihrer  Umgebung  fran- 
zösische Sekretäre,  ließen   ihre  Kinder  in  französischer  Sprache 


;fr)  Alexander  Brückner  Bussen   und  Franzosen,  in:   Zs.  f.  allgcm. 
h.     III  (1886),  764. 

m)  La  langue  frangaise  dans  le  monde  p.  p.  l'Alliance  frangaise. 
Paris  1900.    p.  98  ff. :  La  langue  frangaise  en  Russie. 

190)  K.  Baedeker  Rußland.    7.  Aufl.    Leipzig  1912.    p.  XIII. 

19 1)  Vgl.  Georg  Brandes  Polen.  Paris,  Leipzig,  München  1898,  p.  42 
über  die  heutige  Verbreitung  der  franz.  Sprache  in  Polen.  —  St.  Weckowski 
Die  romanischen  Einflüsse  in  der  polnischen  Litteratur  bis  zum  Atisgange 
des  XVII.  Jahrhunderts.  Breslauer  Dissertation.  Posen  1901.  —  Christine 
Beresniewicz  Essai  d'une  Bibliographie  des  traduetions  francaises  de  la 
litterature  polonaise,  in:  Rec.  des  Bibliotheques  XXI  (1911),  p.  117 ff.  die 
Einleitung1.  —  Abel  Mansuy  Le  monde  slave  et  les  classiques  frangais  aux 
XYIe—XVIle  siecles.    Paris  1912. 

Über  die  heutige  Verbreitung  des  Französischen  bei  den  Südslawen 
V.  Malet  in  La  langue.  francaise  dans  le  monde.  Paris  1900.  p.  74—77. 
—  A.  Achterberg  Deutsche  und  französische  Schuleinflüsse  in  Bulgarien. 
in:  Das  Deutschtum  im  Ausland.    Heft  19  (1914). 

19;)  A.  Demetrescu  L'influence  de  la  langue  et  de  la  litterature 
frangaise  en  Roumanie.  Dissertation  Lausanne  1888.  —  G.  Bengesco 
Bibliographie  franco-roumaine  du  XIXe  siede.  I.  Bruxelles  1895  (Die 
Einleitung).  —  P.  Eliade  De  l'influence  frangaise  sur  l'esprit  public  en 
Roumanie.  Les  origincs.  Etüde  sur  l'etat  de  la  societe  roumaine  ä 
■   des  regnes  phanari  tes.  These.    Paris  1898. 

m)  P.  Eliade  l.    . 


204  D.  : 

unterrichten  und  waren  französischem  Kultur-  und  Literatur- 
einfluß zugänglich.  Die  Bojaren,  sei  es.  dal.1)  Nützlichkeitssinn 
oder  Nachahmungstrieb  sie  leitete,  suchten  es  ihnen  gleichzutun. 
\  erschiedene  Fakturen  haben  den  hier  in  den  Anfangen  sieh 
zeigenden  französischen  Einfluß  verstärken  helfen.  So  die 
seil  dem  russisch-türkischen  Kriege  von  1769  — 1774  häufiger 
und  enger  werdende  Berührung  mit  den  Russen,  die,  obgleich 
selbst  nur  oberflächlich  von  französischem  Sprach-  und  Bildung-- 
einfluß  berührt,  ihrerseits  auf  lange  hinaus  in  den  Fürsten- 
tümern französierenden  Einfluß  ausübten  l94).  Indirekt  haben 
dieselben  durch  die  1781  1782  erfolgte  Errichtung  von  Konsulaten 
in  Bukarest  und  Jassy  zur  Verstärkung  des  französischen  Ein- 
flusses insofern  beigetragen,  als  nun  auch  andere  Staaten 
dorthin  Residenten  entsandten,  die  gleich  ihren  russischen 
Kollegen  des  im  diplomatischen  Verkehr  üblichen  Französisch 
mächtig  waren.  Frankreich  selbst  hat  zuerst  1798  eine  kon- 
sularische Vertretung  in  den  Fürstentümern  eingerichtet.  Die 
französische  Revolution  vermittelte  den  Rumänen  nicht  nur 
neue  politische  Ideen,  sondern  hatte  auch  die  Einwanderung 
französischer  Emigranten  zur  Folge,  die  im  Lande  freund- 
liche Aufnahme  und  als  Hauslehrer  Beschäftigung  fanden  l85). 
Die  von  Siebenbürgen  ausgehende  nationale  Bewegung 
endlich  hat,  indem  sie  das  Bewußtsein  der  ,,lateini- 
schen"  Rasse  weckte,  im  zweiten  Dezennium  des  19.  Jahr- 
hunderts die  Französierung  der  rumänischen  Ge- 
schäft mittelbar  außerordentlich  begünstigt,  dem  Zustrom 
französischer  Kultur  und  Sprache  die  Schleusen  weit  ge- 
öffnet196). Rumänen  treffen  wir  nun  bald  in  großer  Zahl  in 
Paris,  um  hier  an  der  Quelle  französische  Bildung  sich  anzu- 
eignen 197).  Französische  Literaturwerke  werden  in  großer 
Zahl  von  Rumänen  übersetzt  und  nachgeahmt  und  es  vollzieht, 
sich  die  Entwicklung  der  rumänischen  Literatur  auf  Jahr- 
zehnte hinaus  wesentlich  unter  französischem  Einfluß  l!l5). 
Nicht  zum  wenigsten  macht  sich  die  Einwirkung  des  Franzö- 

m)  P.Eliade  l.  c.  p.  L72ff.       <i.  Kengesco  l.  c.  p.  XI  ff.  —  C.  von  S 
witsch  Die  russischen  Elemente  romanischen  und  germanischen  Ursprungs 
im    Rumänischen,    in:   Erster   Jahresbericht   des   Instituts  /'.  rumä 
Sprache  (Rumänisches  Seminar)  zu  Leipzig  1894.    p.  193  —  214. 

m)  P.Eliade  l.  c.  p.  261  ff. 

196')  P.Eliade  l.  c.  p.  277  ff. 

197)  P.Eliade  Les  premiers  „Bonjouristes"  {1818 — 1828),  in: 
international  pour  l'extension  de  la  culture  de  la  langue  frangaise.    Pn> 
session.    Liege.  10—14  septembre  1905.    Paris  1906. 

!08)  N.  I.  Apostolescu  L'infiuence  des  romardiques  francais  sur  la  pocsie 
roumaine.  These.  Paris  1909.  —  Virgile  Eossei  La  yoesie  francaise  en 
liomiuinh-,  in:  liev.  d'hist.  litt,  de  la  France  V  (1898),  p.  125— lb8  (Verf. 
handelt  über  rumänische  Dichter,  die  sich  der  französischen  Sprache  he- 
dienten).  S.  desselben  Verfassers  Histoire  de  la  littärature  francaise  hors 
de  France.    Lausanne  L895.    p.  504— 519. 


Beiträge  zu  einer  Geschichte  der  französischen  Sprache.  205 

sischen  auch  auf  die  rumänische  Sprache  bemerkbar,  in  der 
es  bald  von  französischen  Modewörtern  wimmelt.  In  einem 
Lustspiel  „Frantositele"  {Die  Französlinge)  hat  der  Dichter 
Paka  den  Gallicismus  in  der  Sprache  verspottet 199),  ohne 
dadurch  der  Ausbreitung  des  l'bels  im  mindesten  Einhalt  zu 
tun.  Erst  als  in  den  sechziger  Jahren  des  verflossenen  Jahr- 
hunderts nach  der  1H59  erfolgten  Vereinigung  der  Fürsten- 
tümer die  Entwicklung  derselben  zum  selbständigen  Staat 
begonnen,  setzte,  durch  die  politischen  Ereignisse  begünstigt, 
zunächst  auf  dein  Gebiete  der  Literatur  die  Reaktion  zu- 
gunsten einer  ^volkstümlich-heimatlichen1,1  Entwickelung 
ein200),  die  dann  auch  die  Sprache  in  nationalem  Sinne  günstig 
beeinflußt  hat.  Es  gilt  dies  zunächst  nur  von  der  Sprache 
der  Literatur.  Mit  Rücksicht  auf  die  L^mgangssprache  be- 
merkt A.  Demetrescu -0l)  im  Jahre  1888:  „Aujourd'hui  encore, 
la  langue  de  la  conversation,  dans  les  salons  roumains,  n'est 
qu'un  idiomt  hybride  melange  de  frangais  et  de  roumain.  On 
commence  wie  phrase  en  roumain  pour  la  finir  en  frangais  ou 
oice-versa,  enfin  toutes  les  combinaisons  l<>s  plus  ridicules  poui 
arriver  ä  ne  parier  ni  une  langue  ni  Vautre  .  .  .  Tel  est  Vascendant 
de  In  classe  superieure  d'une  nation  sur  le  peuple,  que  celui-ci 
se  laisse  empörter  par  le  courant  malsain,  si  bien  <jhc  ceux  qui 
,H  savent  pas  le  frangais,  pour  ne  pas  passer  pour  ignorants, 
emploient  an  moins  les  expressions  de  salutations  et  de  politesse 
•  ii  int  frangais  affreusement  prononce.  Se  saluer  en  roumain, 
a  sentit  passer  pour  un  pedant  ou  pour  un  grossier  personnage.li 
Noch  heute  ist  der  französische  Spracheinfluß  in  Rumänien 
bis  in  die  kleinbürgerlichen  Kreise  hinein  ein  außerordentlich 
großer.  Für  die  Gebildeten  ist  das  Französische  eine  Art 
Muttersprache -0-). 


•••)  A.  Demetrescu  l  c.  p.  47  ff. 

20°)  G.  Alexici  Geschichte  der  rumänischen  Literatur.  Iii  deutscher 
I  marbeitung  von  K.  Dieterich.    Leipzig  1906.     p.  128  ff. 

i01)  l.  c.  p.  50. 

2UJ)  A.  Malet  La  langue  frangaise  dans  les  etats  dannbiens,  in:  La 
langue  frangaise  dans  le  monde.  Üuvrage  p.  p.  l'Alliance  francaise.  Paris 
1900  [Exposition  universelle  de  1900].  —  Vgl.  auch  J.  Novicow  Le  Frangais 
langue  international  de  l'Europe  (Paris  1911),  p.  105—107  die  Zitate  aus 
zwei  Aufsätzen  XenopoPs  im  Courrier  europeen  vom  16.  Februar  und 
6.  April  1908.  Es  heißt  darin  u.  a. :  S'il  arrive  dans  un  salon  que  quelqu'un 
ne  sache  pas  le  frangais,  c'en  est  feit  de  lui.  Les  moindres  fautes  de 
frangais  sont  notees  et  soulignees  par  des  sourires  et  sufnsent  pour  ranger 
l'individu,  fivt-il  un  puits  de  science,  parmi  les  ignorants.  .lamais  une  femme 
n'ecrira  une  lettre  en  roumain.  Jainais  un  jeune  homme  n'osera  faire  sa 
cour  ä  une  jeune  fille  oü  ä  une  jeune  femme  en  roumain.  II  s'exposerait 
au  ridicnle." 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XLV-i*.  14 


/  >.     />'<  h  I  I 

10.  Ungarn. 

[)'w  Zahl  der  in  das  Magyarische  direkt  eingedrungenen 
französischen  Lehnwörter208)  ist  klein,  was  bei  einer  im  Ganzen 
intensiven  kulturellen  und  literarischen  Einwirkung  Frankreichs 
,  af  Ungarn  J"4)  überraschen  darf  und  wofür  man  in  dem  gänzlich 
ächiedenen  Bau  beider  Sprachen  die  Erklärung  hat  finden 
wollen.  Bereits  im  Mittelalter  (1052,  nach  anderen  1317) 
siedelten  sich  wallonische  Kolonisten  in  der  Erlauer  Diözese 
an.  wo  sie  Jahrhunderte  hindurch  ihre  Sprache  gewahrt 
haben 20S).  Zu  Sümeg  wurde  1091  ein  Benediktinerkloster  des 
heiligen  Agidius  gegründet,  in  das  laut  Stiftungsurkunde  als 
Novizen  nur  Franzosen  aufgenommen  werden  durften'^06). 
Zahlreiche  weitere  französische  Ordensniederlassungen  folgten 
im  12.  und  13.  Jahrhundert'-06).  Ungarn  reisten  im  Mittel- 
alter nach  Paris,  um  dort  ihre  Bildung  zu  vervollständigen206). 
Die  Kreuzzüge  führten  französische  Ritter  nach  T  ngarn  und 
ungarische  Könige  heirateten  französische  Prinzessinnen.  Am 
Hofe  war  im  besonderen  seit  Bela  III.  (1176 — 1196),  der  mit 
Margareta  von  Frankreich,  Schwester  Philipp  August's.  sich 
vermählte,  das  Französische  bekannt.  Daß  Belas  Nachfolger 
Emerich  | 1196  — 1205)  dem  südfranzösischen  Dichter  Peire 
Vidal  Gastfreundschaft  gewährte,  wirft  auf  die  kulturellen 
Bestrebungen  am  ungarischen  Königshofe  um  die  Wende  des 
12.  Jahrhunderts  interessantes  Licht.  Aron  einer  Einwirkung 
der  französischen  Literatur  auf  die  ungarische  lassen  sich 
freilich  unter  den  Arpaden  (1000 — 1300)  und  der  auf  diese 
folgenden  Dynastie  der  Anjou  (1301 — 1526)  nur  vereinzelte 
Spuren  nachweisen,  in  nachhaltiger  Weise  macht  sich  ein 
solcher  erst  im  letzten  Viertel  des  18.  Jahrhunderts  unter  den 
Habsburgern  durch  Yermittelung  des  damals  unter  starkem 
französischen    Einfluß    stehenden  Wiener    Hofes    bemerkbar. 


!.  Koni  Etüde  sur  l'influence  de  la  litterature  francaise  en  Rongrie 
{1772—1896).  Paris  1902.  These,  p.  452-475:  La  langue  et  la  littera- 
ture francaise  dans  la  societe  et  dans  l'enseignentent.  Verf.  gibt  p.  474 
eine  Zusammenstellung  der  gebräuchlichsten  frz.  Lehnwörter  im  heutigen 
ruirarischen.  —  Von  Einzeluntersuchungen  seien  genannt:  Melich  Jänos 
A  magyar  nyelv  öfranczia  jövenengszavai  [die  altfranz.  Lehuworte  im 
Magyarischen],  in:  Maggar  Nyelv  X  (1914)  p.  385  —  406.  —  *  Balassa  Jozsef 
Franczia  szök  a  maquarban  [französische  Wörter  im  Ungarischen],  in: 
Maggar  Nyelvör  XXVI  (1897),  439.  —  *Czako  Elemer  Gabor  Xemet- 
franczia  szök  | deutsch-französische  Wörter],  in:  Magyar  Nyelvör  XXVI 
(1897),  85. 

204)  I.  Kont  /.  c.  und  desselben  Verfassers  Geschichte  der  angarischen 
Literatur.     Leipzig  1906. 

J0B)  Karl  Freiherr  v.  Czoernig  Ethnographie  der  oesterreichischen 
Monarchie  II.  Wien.  1857,  p.  135. 

Su,,i  A.  Budinszky  Die  Universität  Paris  und  die  Fremden  an  der- 
im  Mittelalter,  Berlin  IST»;. 


■  i'kji    zu  •nur  Geschieht   der  französischen  Sprache.  207 

Unter  Besseneyei's  Führung  bildete  sich  eine  ungarische 
Dichterschule,  deren  Vorbilder  die  französischen  Autoren  des 
18.  Jahrhunderts,  insbesondere  Voltaire,  waren20').  Noch  ist 
aus  dem  18.  Jahrhundert  zu  erwähnen,  daß  sich  unter  Maria 
Theresia  neben  deutschen  zahlreiche  französische  Familien 
aus  dem  Elsaß  und  aus  Lothringen  im  Banat  ansiedelten,  die, 
bevor  sie  sich  germanisierten,  z.  T.  weit  in  das  L9.  Jahrhundert 
hinein  an  ihrer  Muttersprache  festgehalten  haben'-08).  Im 
dritten  und  vierten  Dezennium  des  19.  Jahrhunderts  hat 
Frankreich  neben  politischem  erneut  tiefergehenden  lite- 
rarischen Einfluß  auf  Ungarn  ausgeübt.  Die  1830  begründete 
ungarische  Akademie  hat  sich  zunächst  im  besonderen  die 
Übertragung  französischer  Autoren  in  das  Magyarische  ange- 
legen sein  lassen.  Eine  nach  Kisfaludy,  dem  Begründer  des 
ungarischen  Romantizismus  benannte  literarische  Gesellschaft 
trat  .1836  zu  dem  Zweck  ins  Leben,  „kritische  und  ästhetische 
Studien  im  französischen  Geschmack  zu  pflegen  und  durch 
Übersetzung  fremder  Meisterwerke  die  Muttersprache  zu  ver- 
feinern". Aus  neuerer  Zeit  ist  die  1907  in  Budapest  begrün- 
dete rührige  Societe  litteraire  francaise  besonders  zu  erwähnen. 
Dieselbe  stellte  sich  die  Aufgabe,  die  literarischen  und  künst- 
lerischen Bestrebungen  beider  Länder  zueinander  in  engere 
Beziehung  zu  bringen  und  ließ  als  Organ  die  Revue  de 
Hongrie  in  französischer  Sprache  erscheinen'209). 

il.  Griechenland. 

Eine  Einwirkung  Frankreichs  auf  Griechenland  hat  zuerst 
im  13.  und  14.  Jahrhundert  stattgefunden,  nachdem  nach  der 
Erstürmung  von  Byzanz  durch  die  Kreuzfahrer  1204  ein 
lateinisches  Kaisertum  auf  griechischem  Boden  errichtet  wurde 
und  in  Athen  und  Achaia  (Morea)  französische  Feudalherr- 
schaften   entstanden    waren210).     Wesen   und   Umfang    dieser 

207)  I.  Kont  l.  c.  —  Beachte  auch  *L.  Cacz  Montesquieu  in  Ungarn, 
in:  Ungarische  Rundschau  für  historische  und  soziale  Wissenschaften  IV 
(1915),  2.  —  Zum  Spracheinfluß  vgl.  *N.  Kömiye  L'infiuence  de  la  langue 
francaise  sur  le  style  hongrois  au  XVIII«  siede.     Progr.    Budapest   1881. 

20 8)  L.  Hecht  Les  colonies  lorraines  et  alsaciennes  en  Hongrie,  in: 
Memoire»  de  l'Academie  de  Stanislas  1878,  4e  serie,  t.  XI.  Nancy  1879. 
—  H.  Schuchardt  Romano-Magyarisches,  in:  Zs.  f.  rom.  Phil.  XV  (1891), 
p.  90  (Auch  Magyar  Nyelvör  XVIII  in  ungarischer  Sprache  erschienen).  — 
*R.  Chelard  La  Hongrie  millenaire.  1896,  p.  220 f.  (hier  zitiert  nach  Kont 
Etüde  p.  473).  —  *R.  Recouly  Le  Pags  Magyar.  Paris  1903  (Vgl. 
Deutsche  Erde  VII,  26). 

lcs)  Vgl.  Revue  de  Hongrie  I  (1908),  134  ff.:  Statuts  de  la  societe 
litteraire  francaise  de  Budapest  und  ib.  VI  (1910),  110. 

210)  Vgl.  W.  Miller  The  Latins  in  the  Lecant.  A  llistorg  of  Frankish 
Greece  (1204—1506).  —  London  1908.  —  F.  Gregorovius  Geschichte  der  Stadt 
Athen  im  Mittelalter.  2  Bde.  Stuttgart  1889.  —  II.  F.  Tozer  The  Franks 
in  the Peloponnese,  in:  The  Journal  of  Hellenic  studies  IV  (1883).  p.  165—236. 

14* 


208  D.  Behrens. 

ersten  französischen  Einwirkung  auf  das  Griechentum  festzu- 
stellen, Bcheint  schwierig.  Nach  K.  Dieterich  wäre  dieselbe 
„durchaus  innerlicher  Art1'  gewesen211).  Tatsache  ist,  daß 
sich  „äußerliche  sprachliche  oder  literarische  Einflüsse"  bis 
jetzl  nur  in  geringem  Blaße  haben  nachweisen  lassen.  Von 
dem  halben  hundert  Wortentlehnungen  aus  dem  Französischen, 
die  Man.  A.  Triandaphyllidis  in  seiner  Spezialuntersuchung 
../'/'>  Lehnwörter  der  mittelgriechischen  Vulgärliterqtur"  -1-) 
S.  14:2  fY.  aufführt,  sind  44  ausschließlich  in  der  Chronik 
von  Morea218),  nur  6  auch  aus  anderen  mittelgriechischen 
Texten  belegt  und  kaum  eins  derselben  hat  sich,  falls  nicht 
die  Durchforschung  der  Mundarten  noch  einschlägiges  Wort- 
material zu  Tage  fördert,  in  die  heutige  Sprache  hinein  er- 
halten 2U).  Wenn  Ath.  Buturas  2l5)  einen  Grund  hierfür 
u.  a.  auch  darin  hat  finden  wollen,  daß  die  sprach- 
liche Jlellenisierung  der  französischen  Ritter  infolge  des 
feudalen  Charakters  ihrer  vom  Zentrum  fast  unabhängigen 
Herrschaften  schon  nach  einigen  Jahrzehnten  erfolgt  sei,  so 
steht  dem  das  öfters  angezogene,  freilich  hier  wohl  nicht 
unbedingt  zuverlässige,  Zeugnis  des  Catalanen  Ramon  Muntaner 


m)  K.  Dieterich  Geschichte  der  byzantinischen  und  neugriechischen 
Lüteratur.    Leipzig  1902.     p.  HB. 

212)  Straßburg  1909.    Vf.  bemerkt  im  Vorwort  p.  10,  daß  die  Abfassung 

eines  ähnlichen  Werkes  für  das  Neugriechische  beabsichtigt  sei. 

,18)  TJie  chronicle  of  Morea,  J'i>  iqövlxov  iov  MoQbioq  ed.  in  two 
parallel  texts  from  the  Mss  of  Copenhagen  and  Paris  .  .  by  John  Schmitt. 
London  1904.  Über  die  auch  in  unserem  Zusammenhang  wichtige  Verfasser- 
frage und  Entstehungsgeschichte  der  griechischen  Chronik  handelte  zuletzt 
1.  Longnon  in  der  Einleitung  seiner  Ausgabe  der  französischen  Version: 
TÄvre  de  la  Conqueste  de  la  Princei  de  l'Amoree.  Chronique  de  Moree 
(1205 — 1305).  Paris  1911.  Entgegen  früheren  Annahmen  hält  L.  weder 
die  griechische  noch  die  französische  Darstellung  für  die  ursprüngliche, 
sondern  führt  beide  auf  eine  gemeinsame  italienische,  vermutlich  in  vene- 
zianischer Mundart  zwischen  1305  und  1331  redigierte  verloren  gegangene 
Originalfassung  zurück.    Als  Vf.  der  ältesten  auf  uns  gekommenen  (Copen- 

ier)  Version  des  griechischen  Textes  hält  er  entgegen  Schmitt  nicht 
einen  reinen  Franzosen,  sondern  einen  fränkisch-griechischer  Mischehe  ent- 
sprossenen sog.  Gasmulen  in  Übereinstimmung  mit  Adamantiou  (  Tu  Xgovixa 
rot    MoQiwq)  und  älterer  Auffassung  entsprechend  für  wahrscheinlich. 

m)  Triandaphyllidis  l.  c.  pp.  158.  162.  Daß  ngr.  uvxta,  Wade,  franz. 
hanche  direkt  entspricht,  scheint  altsgeschlossen.  Vgl.  G.  Meyer  Keugriech. 
Studien  IV  [Sitzungsber.  der  Wiener  Ak.  131.  Bd.  Wien  1895],  p.  11  f.  und 
A.  Thumb  in  Germanistische  Abhandl.  H.  Paul  zum  17.  März  1902  dar- 
gebracht (Straßburg  1902),p  .  232.  —  Das  starke  Überwiegeu  der  italienischen 
Lehnwörter  gegenüber  den  französischen  im  Wortschatz  des  Mittelgriechischen 
findet  in  dem  überragenden  Anteil,  welchen  die  Italiener  im  Mittelalter  am 
Handel  nach  griechischen  Häfen  hatten,  seine  einwandfreie  Erklärung. 

*")  Ath.  Bnturas  Ein  Kapitel  der  historischen  Grammatik  der  griech. 
Sprache.  Über  die  gegenseitigen  Beziehungen  der  griechischen  und  der 
fremden  Sprachen,  besonders  über  die  fremden  Einflüsse  auf  das  Griechische 
seit  der  nachldassischen  Zeit  bis  zur  Gegenwart.     Leipzig  1910.     p.  72. 


Beiträge  zu  einer  Geschichte  der  französischen  Sprache.  209 

entgegen,  wonach  noch  um  1325  von  eben  diesen  Rittern  ein 
Französisch  gesprochen  wurde,  das  an  Reinheit  dem  Pariser 
Französisch  nicht  nachstand'216).  Dagegen  wird  man  Buturas 
ohne  weiteres  zugeben,  daß  Spuren  früheren  französischen 
Spracheinflusses  durch  spätere  Eroberer,  insbesondere  durch 
die  Türken,  verwischt  worden  sein  können. 

Beträchtlich,  wenn  auch  im  Einzelnen  noch  wenig  unter- 
sucht211), scheint  der  Einfluß,  den  die  griechische  Sprache  vom 
Ausgang  des  18.  Jahrhunderts  bis  in  die  Gegenwart  hinein  durch 
die  französische  erfahren  hat.  Neben  den  französischen  Klassikern 
haben  in  der  2.  Hälfte  des  18.  Jahrhunderts  insbesondere  die 
französischen  Encyclopädisten  literarisch  die  Griechen  beeinflußt, 
deren  Freiheitsbestrebungen  durch  die  französische  Revolution 
und  das  Auftreten  Bonapartes  kräftigen  Antrieb  erhielten. 
Des  „ersten  Märtyrers  der  griechischen  Freiheit",  des  Dichters 
Rhigas  berühmtes  Sturmlied  ,.Auf  ihr  Söhne  der  Hellenen! 
Auf,  des  Ruhmes  Stunde  schlägt!"  ist  teilweise  der  Marseillaise 
nachgebildet218).  Außer  politischen  und  literarischen  haben 
allgemein  kulturelle  und  kommerzielle  Beziehungen  in  der 
Folgezeit  das  Eindringen  französischen  Sprachgutes  begünstigt. 
Dal.)  Griechenland  im  19.  Jahrhundert  das  Reiseziel  zahlreicher 
Franzosen  wurde,  bleibe  nicht  unerwähnt 219).  Besonders  her- 
vorgehoben zu  werden  verdient,  daß  1848  in  Athen  ein  fran- 
zösisches Institut  [Ecole  d'Äthdnes)  mit  der  ausdrücklichen 
Bestimmung  ins  Leben  gerufen  wurde,  neben  der  Erforschung 
des  klassischen  Altertums  der  Pflege  der  französischen  Sprache 
und  Literatur  im  Lande  zu  dienen  220).  In  einem  ausführlichen 
Bericht  an  die  Alliance  francaise  bemerkt  reichlich  ein  halbes 
Jahrhundert    später    der    damalige   Direktor    dieses   Instituts, 


216)  Chronik  des  edlen  En  Ranion  Muntaner  hrsgb,  von  K.  Lanz. 
Stuttgart  1844  [Bibl.  des  11t-  Vereins  in  Stuttgart  VIII]  Cap.  CCLXI:  „Per- 
que  hom  deya.  que  la  plus  gentil  caualleria  del  mon  era  de  Morea:  e  par- 
lauan  axi  bei  frances,  com  dins  en  Paris".  J.  Scbrnitt  äußert  Einleitung 
p.  LII1  seiner  Ausgabe  (s.  oben  Anm.  213)  der  Chronik  von  Morea  Zweifel 
daran,  daß  diese  und  andere  Angaben  Montaners  in  Cap.  CCLXI  den  Tat- 
sachen voll  entsprochen  haben:  .  .  this  whole  chapter  is  in  other  respects 
as  confused  as  it  can  be,  and  repeats  the  wildest  legends,  wbich  were  probably 
communicated  to  Muntaner  by  the  peasants  of  Morea  .  .  . 

*")  Beachte  die  einschlägige  Literatur  bei  Buturas  I.e.  pp.  80 f.  und 
oben  Anm.  8. 

*,$)  Vgl.  L.  Benloew  in :  Melange»  Henri  Weil,  Paris  1898.    p.  5. 

2lt)  Vgl.  Eug.  Lovinesco  Les  voyageurs  franrais  en  Grece  au  XIXe 
siecle  •1800--1900).  These  presentee  ä  la  Fac.  des  Lettres  pour  le  Docto- 
rat  es  Lettres.    Paris  1909. 

"°)  G.  Radet  L'Histoire  et  l'ceuvre  de  l'Ecole  francaise  d'Athenes, 
Paris  1901,  passim.  —  Ch.  Leveque  La  fondation  et  les  debuts  de  l'Ecole 
Francaise  d'Athenes,  in:  Revue  des  Deux  Mondes  4,  Mars-avril  1898.  pp. 
85-119. 


210  D,  Behrens. 

Th.  Homolle2  l):  Friquentant  la  Gr&ct  depuis  vinyt  ans,  jepuis 
constater  gue  la  curiosite"  du  frangais  nH  yas  diminui,  au  con- 
train  gut  in  connaissance  et  Venvploi  s'en  sont  r&pandus  de 
plus  t  ,■  plus  dans  les  milieux  plus  variSs  et  i>lns  larges.  Le 
frangais  est  la  langm  mondaine.:  dans  V  aristocratie  oulabour- 
geoisie,  jeunes  filles  <t  jeunes  gens  It  parlent  avec  une  /'</>■>///<' 
,i  iiik  correction  remarquables ;  partout  oü  il  y  <i  une  sociitS, 
<>it  causi  en  frangais;  dans  les  salons,  non  seulement  de  Grecs 
a  Urangers,  »/eis  nitre  Grecs  ....  Dans  beaucowp  de  familles 
,li  in  sociiU  <>)i  possöde  assez  bien  le  frangais  pour  gue  les 
parents  Venseignent  eux-memes  <t  <jur  les  enfants  Vapprennent 
par  Vusage,  comme  nur  langue  maternelle  .  .  .  Dabei  verkennt 
<l<r  Berichterstatter  nicht,  daß  dem  Französischen  im  Deutschen 
und  Englischen  starke  Konkurrenten  von  noch  wachsendem 
Einfluß  entstanden   sind. 

12.  Die  europäische  Türkei. 

Trotzdem  schon  im  16.  Jahrhundert  Franz  I.  als  erster 
unter  den  christlichen  Herrschern  beim  Sultan  einen  Bot- 
schafter beglaubigte,  französische  geistliche  Missionen  seit 
dieser  Zeit  in  Konstantinopel  tätig  waren,  und  rege  französische 
Handelsbeziehungen  zur  Levante  sich  entwickelten22-2),  blieb 
bis  um  die  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  der  Einfluß  der  fran- 
zösischen Sprache  auf  das  Osmanisch-Türkische  sehr  gering- 
fügig im  Vergleich  zu  dem  Einfluß,  den  das  Italienische  direkt 
oder  durch  Yermittelung  des  Griechischen  auf  dasselbe  aus- 
geübt hat223).  Erst  nachdem  in  den  fünfziger  Jahren  des 
vorigen  Jahrhunderts  unter  dem  Einfluß  des  Occidents  die 
Modernisierung  der  Türkei  begonnen  hat,  haben  französische 
Sprachelemente  in  großem  Umfang  Eingang  in  das  Osmanische 
gefunden,  das  heute  nicht  nur  von  französischen  Ausdrücken 
wimmelt,  sondern  auch  stilistisch  durch  das  Französische  be- 
einflußt worden  ist224).  Vor  dem  Weltkrieg  gehörte  es  in 
türkischen  Kreisen  lange  zum  guten  Ton,  europäische  Bildung 

2")  La  lanyue  frangaise  en  Grcce,  in:  La  langue  franraise  dann  le 
monde  p.  p.  l'Alliance  franraise.    Paris  1900.    p.  79i£ 


i^vio  nuyon,  in:  uiuicl.  an  ±>tunujmuc,  10  mais  iyio,  jj.  iu;> — luv. 

2")  G.Meyer  Türkische  Studien  1.    Die  griechischen  und  romanischen 

Bestandteile  im  Wortsehatz  des  Osmanisch-Türkischen  [Sitzungsberichte 
der  philol.-histor.  Klasse  der  Kaiserl.  Akad.  d.  Wissenschaften.  120.  Band. 
Wien  189:5.    p.  1—961- 

m)  S.  das  „Verzeichnis  verschiedener  Neologismen"  bei  G.  Meyer 
l  c.  pp.  85—87.  Wenn  Vf.  hierzu  p.  8  bemerkt  „dieser  Teil  der  romani- 
schen Elemente  werde  erst  in  hundert  oder  zweihundert  Jahren  dem  Sprach - 
forscher  und  dem  Kultnrhistoriker  ein  dankbares  Forschungsobjekt  bieten", 

rmögen  wir  ihm  darin  nicht  zuzustimmen. 


Beiträge  zu  eine)'  Geschichte  der  französischen  Sprache.  211 

in  Paris  sich  anzueignen,  mochte  auch  ein  Aufenthalt  daselbst 
keineswegs  immer  die  besten  Kulturfrüchte  zeitigen--5).  Die 
moderne  türkische  Literatur  hat  sieh  in  starker  Abhängigkeit 
von  der  französischen  entwickelt,  deren  Werke  am  Bosporus 
wahllos  übersetzt  und  nachgebildet  wurden226).  Schuleinflüsse 
haben  die  Stellung  des  Französischen  verstärken  helfen.  Jlat 
doch,  um  nur  dies  hervorzuheben,  das  1868  ganz  nach  fran- 
zösischem Muster  eingerichtete,  mit  französischen  Lehrkräften 
ausgestattete  und  zunächst  französischer  Leitung  unterstellte 
einzige  staatliche  Lyzeum  Konstantinopels,  das  sogenannte 
Galata-seraj.  auf  dorn  fast  sämtliche  höhere  Beamte  des  Reiches 
vorgebildet  werden,  trotz  zahlreicher  Wandlungen  bis  1904 
seinen  französischen  Charakter  im  Ganzen  zu  wahren  ver- 
mocht'-27). Auch  als  dann  die  osmanische  Regierung  für  sich 
allein  das  Besetzungsrecht  der  Lehrstellen  der  Anstalt  in  An- 
spruch nahm,  hat  sie  am  Französischen  als  Unterrichtssprache 
festgehalten  -28). 

13.  Der  vordere  Orient. 

Im  Mittelalter  haben  die  Kreuzfahrerstaaten  Syriens: 
Jerusalem.  Antiochia,  Tripolis  und  Edessa,  die  diesen  vorge- 
gelagerte  Insel  Cypern  und  das  ihnen  befreundete  Nachbar- 
land Armenien  französischen  Kultur-  und  Spracheinfluß  er- 
fahren'-'-9). Die  starke  Überlegenheit,  welche  im  Völkergemisch 
der  Kreuzzüge  die  Franzosen  hatten,  macht  es  erklärlich,  daß 
in  den  mit  dem  Schwert  eroberten  Ländern  französische  Dyna- 
stien gegründet  wurden  und  mit  französischen  Staats-,  Ge- 
sellschafts-   und    Rechtsformen -3n)    die    französische    Sprache 


22y)  F.  C.  Emiers  Die  Türkei.  Bilder  und  Skizzen  von  Land  und 
Volk.  München  1916.  p.  24.  —  l'ber  den  Gebrauch  des  Französischen  im 
internationalen  Verkehr  Konstantinopels  in  neuerer  Zeit  vgl.  die  Angaben 
bei  .T.  Novicow  Le  Francais  langue  internationale  de  l'Europe.  Paris  1911. 
p.  107  f. 

*2*)  Paul  Hörn  Geschichte  der  türkischen  Moderne.  Leipzig  1902. 
p.  8.  11  etc. 

m)  S.  über  Galata-seraj  und  die  französischen  Schulen  in  Konstantinopel 
Le  Vte  de  la  Jonquiere  Histoire  de  l'Empire  ottomane  depuis  les  origines 
jusqu'ä  nos  jours.  11.  Xouvelle  edition  entierement  refondue  et  completee. 
Paris  1914.  p.  563 ff.  Vgl.  außerdem  die  unten  p.  213  (der  vordere  Orient) 
unter  236  aufgeführte  Literatur.  Über  Veränderungen  im  Schulwesen  beim 
Eintritt  der  Türkei  in  den  Weltkrieg  handelt  P.  Fr.  Dunkel  Einiges  aus 
den  neuesten  Verfügungen  über  die  Privatschulen  in  der  Türkei,  in  :  I>as 
heil.  Land  LX   (1916),  2.     p.  80-87. 

J28)  La  Jonquiere  /.  c.  p.  566. 

"9)  Vgl.  Hans  Prutz  Kulturgeschichte  der  Kreuzzüge.    Berlin  1883. 

,3°)  E.  Rey  Les  colonies  frangues  de  Syrie  aux  XIIme  et  Xlllme 
sücles.  Paris  1883.  —  K.  Krumbacher  THe  Assisen  der  Königreiche  Jeru- 
salem und  Cypern,  in:  Geschichte  der  byzantinischen  IAtteratur*.  München 
1897.     S.  89«  ff. 


212  l>.  Behrens. 

Verbreitung    fand.      Tiefgehenden    und    nachhaltigen    Einfluß 

hat  freilich  das  Französische  in  den  Kreuzfahr erstaaten  auf 
die  Sprache  der  kulturell  hochstehenden  Araber  nicht  auszu- 
üben vermocht-31!.  Nach  dem  Zeugnis  Fulcher's  von  Chartres- 
baben  weite  Kreise  der  abendländischen  Bevölkerung  unter 
dem  Einflüsse  der  Orientalen  überraschend  bald  ihre  nationale 
Eigenart  aufgegeben.  „Die  wir  früher  Abendländer  waren", 
schreibt  Fulcher  zum  Jahre  11:24,  „sind  nun  Morgenländer 
geworden;  der  Römer  oder  Franke  ist  hierzulande  ein  Gali- 
läer  oder  Palästinenser,  der  aus  Reims  oder  Chartres  ein 
Bürger  von  Tyrus  oder  Antiochien  geworden:  wir  haben  schon 
die  Orte  unserer  Geburt  vergessen,  den  meisten  von  uns  sind 
sie  entweder  unbekannt  oder  wir  haben  von  ihnen  nichts  mehr 
gehört.  Der  eine  besitzt  schon  eigene  Häuser  und  Gesinde, 
der  andere  hat  sich  verheiratet,  nicht  mit  einer  Landsmännin, 
sondern  einer  Armenierin  oder  Syrerin  oder  mit  einer  ge- 
tauften Sarazenin 232) ."  Mit  Bezug  auf  die  Sprache  be- 
merkt derselbe  Gewährsmann233)  u.a.:  diversarum  linguanim 
coutitur  alternatim  eloquio  et  obsequio  alteruter.  Hiernach 
überraschtes  nicht,  wrenn  etwa  100  Jahre  später  (1217)  Jacob 
von  Yitry  in  einem  Brief  an  die  Äbtissin  Luitgard  berichtet, 
daß  in  Tripolis  allgemein  arabisch  (lingua  sarracena)  gesprochen 
werde  und  er  dort  während  eines  vierwöchentlichen  Aufent- 
halts mit  Hilfe  von  Dolmetschern  gepredigt  und  die  Beichte 
abgenommen  habe234).   Xur  an  den  Höfen  und  in  den  höheren 

M1)  Eine  zusammenfassende  Arbeit  über  die  zur  Zeit  der  Kreuzzüge 

aus  dem  Französischen  in  das  Arabische  vorübergehend  oder  dauernd  ein- 
gedrungenen Lehnwörter  fehlt.  S.  vorläufig  H.  Prutz  l.  c.  p.  401  (dazu  die 
Hinweise  p.  561)  und  das  von  F.  Brunot  Histoire  I,  363  f.  nach  H.  Deren- 
bourg  Note  snr  quelques  mots  de  la  langue  des  Francs  au  douzieme  such 
d' apres  le  texte  arabe  de  l'autobiog rapide  d'Ousäma  Ihn  Mounkidh  (Melanges 
Renier.  Paris  1887,  p.  453—465)  aufgestellte  Verzeichnis. 

m)  Fulcheri  Carnotensis  Historia  Hierosolymitana  hrs^b.  von  H.  Sagen- 
meyer, Heidelberg  1913,  p.  26  f. 

S3S)  ib.  üb.  III,  cap.  XXXVII,  5. 

*34)  Briefe  des  Jacobus  de  Vitriaco  {1216—1221}  hrsgb.  von  Reinhold 
Röhricht,  in:  Zeitschr.  f.  Kirchengesch.  XIV  (1894)  p.  115:  ..('um  autem 
appropinquassem  Tripolim,  comes  civitatis  et  princeps  Antiochie  cum  multis 
militibus  obviam  mihi  venerunt  .  .  .  Videns  autem,  quod  ad  Dominum  uni- 
versalem converterentur,  in  eadem  civitate  moram  per  mensem  feci.  et 
quia  communis  lingua  civitatis  erat  lingua  sarracena.  per  interpretes  fre- 
(juenter  predicabam  et  confessiones  audiebam".  Es  folgt  hieraus,  daß  Jacob 
selbst  das  Arabische  im  mündlichen  Gebrauch  nicht  beherrschte.  Dali  er 
desselben  nicht  unkundig  war.  darf  mau  mit  Ph.  Funk  {Jacob  von  Vitry 
Leben  und  Werke,  Leipzig  und  Berlin  1909,  p.  71)  daraus  schließen,  daß  er 
im  Prolog  seiner  Historia  orientalis  et  occidentalis  mitteilt,  er  habe  im 
Lager  von  Daraiette  „verschiedene  Bücher  aus  den  Bibliotheken  der  Lateiner, 
(kriechen  und  Araber  gewälzt"  (Cum  .  .  .  varios  libros  ex  armariis  Lati- 
norutn  Graecorum  et  Arabum  revolverem  .  .  .).  Vgl.  über  die  Kenntnis 
des  Arabischen  bei  den  Franken  noch  H.  Prutz  l.  c.  p.  403 f.  und  Brunot 
l.  c.  p.  361  f.    Wenn  hier  u.  a.  darauf  hinaewiesen  wird,  daß  nach  Tudebod 


Beiträge  zu  ('nur  Geschieht*   der  französischen  Sprache.  x!i:> 

Schichten  der  Gesellschaft  dürfte  am  Gebrauch  der  französischen 
Sprache  im  allgemeinen  festgehalten  worden  sein,  bis  mit  Accon 
L291  das  letzte  Bollwerk  der  Kreuzfahrerstaaten  in  Sarrazenen- 
hand  zurückgefallen  war. 

Seit  einigen  Dezennien  spielte  das  Französische  in 
Syrien,  wie  überhaupt  in  der  Levante'235),  als  Sprache 
des  internationalen  Verkehrs  wieder  eine  bedeutende  Holle, 
in  der  es  das  Italienische  im  Lauf  des  19.  «Jahrhunderts 
allmählich  zurückdrängte,  während  es  den  wachsenden  Wett- 
bewerb des  Deutschen  auszuhalten  hatte.  Schuleinfiüsse  haben 
von  politischen  und  wirtschaftlichen  Faktoren  unterstützt  die 
Ausbreitung  des  Französischen  hier  sehr  wesentlich  geför- 
dert'236), bis  durch  die  Kulturkampfbewegung  zu  Beginn  des 
laufenden  Jahrhunderts  der  französische  Einfluß  merkliche 
Einbuße  erlitt.  Während  des  Weltkriegs  hat  die  Türkei  das 
in  ihrem  Machtbereich  von  Frankreich  über  die  Katholiken 
ausgeübte  Protektorat  aufgehoben. 

Nachhaltigeren  Einfluß  durch  das  Französische  als  das 
Arabische  in  Syrien  hat  im  Mittelalter  die  griechische  Mund- 
art Cvp  er  ns  erfahren.  Nachdem  Richard  Löwenherz  1191  die 
Insel  den  Griechen  entrissen  hatte,  war  dieselbe  in  den  Be- 
sitz der  Templer  und  bald  darauf  (1192)  in  den  des  franzö- 
sischen Geschlechts  der  Lusignan  übergegangen,  die  nahezu 
dreihundert  Jahre  den  cyprischen  Thron  behauptet  haben237). 

Tankred  Syrisch  verstanden  habe,  so  ist  damit  eine  Bemerkung  des  Emirs 
Usäina  zusammen  zu  halten,  nach  der  derselbe  im  mündlichen  Gebrauch 
Bich  ..keiner  anderen  Sprache  als  derjenigen  der  Franken"  bediente  (s.  Deren- 
bourg  l.  c.  p.  453). 

236)  In  ihrer  Nummer  vom  20.  Februar  1911  bemerkt  die  Levante- 
Zeitung:  „Heute  erlernen  alle  Gebildeten,  alle  besseren  Kaufleute  in  den 
größeren  Städten  der  Levante  das  Französische.  Und  das  ist  nicht  nur 
in  den  Küstenstädten,  sondern  auch  weit  ins  Land  hinein,  wie  z.  B.  in 
Aleppo  und  selbst  in  Mossul  am  Tigris  der  Fall". 

"•)  Vgl.  u.  a.  G.  D'Orcet  L'influence  de  la  langue  frangaise  en  Orient, 
in:  La  Nouvelle  Revue.  T.  25.  Nov.  -dec.  1883.  p.  71B  — 738.  —  Pisani 
La  langue  frangaise  dans  le  Levant,  in :  La  langue  frangaise  dans  le 
monde  p.  p.  l'Alliance  Francaise.  Paris  1900.  p.  103ff.  —  Et.  Lamy  La 
France  du  Levant.  Paris  1900.  — ■  Die  Beiträge  von  Pisani  und  Andre 
in  :  Piolet  Les  Missions  catholiques  fran<taises  au  XIXe  siede  I.  Paris  o.  J. 
[1901  ].  —  A.  Metin  Xotcs  et  documents  sur  la  langue  frangaise  et  l'enseigne- 
ment  du  francais  hors  de  France  pp.  12 ff.,  in:  Congris  international  pour 

ision  et  la  eulture  de  la  langue  francaise.  Premiere  Sessio}i  Lüge, 
I<)-14  sept.  1905.  Paris  1906.  —  A.  Leroy-Beaulieu  La  langue  francaise 
et  les  Revolutions  de  l'Orient,  in:  Rev.  des  Deux  Mondes  5.  periode.  T.  50. 
Mars-avril  1909.  p.  854 ff.  —  *M.  Wilmotte  La  langue  francaise  en  Orient, 
in:  l'Opinion  *>,  13,  27  mars  1909.  —  C.  Z.  Klötzel  Die  Alliance  Israelite 
Universelle  und  ihre  Arbeit  im  Orient,  in:  Dt.  Levante-Zeitung  VI  (1916).  9. 
p.  o47 — 349.  —  Eng.  Mittwoch  Die  wirtschaftliche  Bedeutung  der  Sprachen- 
frage in  der  Türkei  in:  Archiv  für  Wirtschaftsforschung  im  Orient  1  (1916), 
p.  317—343. 

m)  L.  de  Mas  Latrie  Histoire  de  V'de  de  ( 'hypre  sous  le  regne  des 
princes  de  la  Maison  de  Lusignan.    3  Bde.    Paris  1852  — 18H1  (unvollendet). 


!\  \  1>.  Behr 

( \w\  \  (  in  Lusignan,  der  erste  in  der  Reihe  diesei  J  [errscherl  119 
1194),  begann  damit,  zahlreiche  Kolonisten  in  Bein  neues  Reich 
zu  ziehen,  indem  er  ritterbürtigen  Ankömmlingen  größere  Lehen 
zuteilte,  bürgerlichen  Rechte  und  Vorteile  verschiedener  Art  ge- 
währte. Es  gibt  eine  I  Überlieferung,  nach  der  es  in  Cypern  damals 
vorgekommen,  daß  aus  Schustern.  Maurern  und  armseligen  Stadt- 
schreibern Ritter  und  große  Gutsherren  wurden!?38).  Wie 
dem  auch  sei.  wir  dürfen  annehmen,  daß  unter  den  einge- 
wanderten Abendländern  Franzosen  die  große  Mehrzahl  bil- 
deten und  dal.')  allgemein  eine  verständige  Bevölkerungspolitik 
wesentlich  dazu  beigetragen  hat,  den  von  Guy  auf  Cypern 
nach  französischem  Muster  begründeten  Lehnstaat  Festigkeit 
und  Dauer  zu  verleihen.  ^Yas  die  Sprachverhältnisse  angeht. 
so  entstand  eine  Art  franko-griechisches  Mischidiom,  in  welchem 
die  auf  uns  gekommenen  inittelcyprische.n  Texte  239)  abgefaßt 
sind,  und  dessen  Existenz  uns  für  die  erste  Hälfte  des 
15.  Jahrhunderts  durch  den  Chronisten  Leontios  Machaeras 
noch  besonders  bezeugt  wird.  Seit  die  Lateiner  auf  Cypern 
herrschen,  bemerkt  Machaeras.  habe  man  angefangen,  Fränkisch 
zu  lernen  und  man  verderbe  das  Rhomäische  (Griechische): 
„wir  schreiben  fränkisch  und  r  ho  maisch,  so  daß  niemand  mehr 
weiß,  was  wir  für  eine  Sprache  reden'240)."  Unter  lingua 
franca  dürfte  hier  eine  Verkehrssprache  italienischer  und  fran- 
zösischer Färbung  zu  verstehen  sein.  Ein  ansehnlicher  Teil 
dar  in  den  cyprischen  Wortschatz  damals  eingedrungenen  fran- 
zösischen  Wörter241)  lebt  in  der  heutigen  Mundart2*2)  fort. 
Eine  kleine  Anzahl  französischer  Wörter  hat  im  Mittelalter 
in  das  Armenische  Aufnahme  gefunden.  In  Abwehr  gegen 
Mohamedaner  und  Griechen  hatte  der  politisch  weitblickende 
Leo  II  (118?  — 1219)  aus  der  Dynastie  der  Rubeniden.  unter 
Anlehung  an  die  christlichen  Staaten  Svriens  ein  neues  arme- 


23S)  Continuat  de  Gruillaume  de  Tyr  (Abgedruckt  in:  Reeueil  des 
Historiens  des  Croisades.  Historiens  occidentaiix.  T.  II.)  p.  18M  (Hand- 
schr.  D).  Vgl.  De  Mas  Latrie  /.  c.  p.  43  und  L.  Brehier  L'Eglise  et  l'Orient 
Moyen-Age.     Les  croisades.     Paris  1911.     p.  185. 

23*)  In  Betracht  kommen  im  besonderen  die  griechische  Übersetzung 
der  Assisen  (oben  Aum.  230)  sowie  die  Chroniken  des  Leontios  Machaeras 
und  des  Georg  Bustrone. 

2*ü)  Vgl.  K.  Krumbacher  Geschichte  der  byzantinischen  lAtteratnr*. 
p.  901. 

24 ')  Daß  italienische  Wörter  in  weit  größerer  Zahl  noch  als  franzö- 
sische Aufnahme  in  das  Mittelcyprische  gefunden  haben,  erklärt 
sich  aus  den  regen  Handelsbeziehungen,  die  die  Italiener  mit  Cypern  im 
Mittelalter  unterhalten  haben.  Vgl.  G.  Meyer  Romanische  Wörter  im 
kyprischen  Mittelgriechisch,  in:  Jahrbuch  für  vornan,  und  engl.  Sprache 
und  Literatur  XV  (1876),  p.  33  ff.  und  oben  zum  Griech.  Anm.  214.  -Über 
die  lingua  franca  in  Mittelalter  und  in  der  Neuzeit  handelt  H.  Schuchardt 
Zs.  f.  mm.   Phil.  XXXI II  p.  441  ff. 

**-)  S.  Menardos   r<x)Mzul   utaanovtxal  /..'J.-/.-  .'•>•  KvTtoo,   in:.': 
XII  (1900),  pp.  360  -384. 


Beitrüge   zu  ein  r  Geschichte  der  französischen  Sprache.  215 

nisches  Reich  Dach  abendländischem  Muster  gegründet,  und 
es  zeigt  der  Sprachgebrauch  mittelarmenischer  Texte  im  be- 
sonderen die  armenische  Übersetzung  der  Assisen  von  Antiochien 
aus  dem  Jahre   L265,  daß  mit  den   Begriffen  aus  dem  Gebiet 

der  feudalen  Staats-  und  Rechtsorganisation  in  mehreren 
Fällen  deren  französische  Bezeichnungen  übernommen 
wurden'243).  Dieselben  scheinen  fast  ausnahmslos  der  Sprache 
wieder  abhanden  gekommen  zu  sein,  nachdem  137  5  durch,  das 
arabisch- egyptische  Sultanat  der  Untergang  des  Königreichs 
Kleinarmenien  herbeigeführt  wurde  und  als  während  der  dann 
folgenden  Fremdherrschaften  die  von  Armenien  mit  dem  Abend- 
lande im  Mittelalter  geknüpften  Beziehungen  Jahrhunderte 
hindurch  nahezu  vollständig  unterbrochen  waren.  Dem  Geist- 
lichen Mekhitar  und  der  von  ihm  zu  Beginn  des  18.  Jahr- 
hunderts gegründeten  gelehrten  Kongregation  der  Mekhitaristen 
mit  Venedig  als  Hauptsitz,  gebührt  in  erster  Linie  das  Verdienst. 
die  Armenier  mit  der  westeuropäischen  Kulturwelt  erneut  in 
engere  Berührung  gebracht  zu  haben  -**).  Seit  der  Mitte  des 
19.  Jahrhunderts  etwa  sind  dann  die  armenische  Literatur  und 
Sprache  von  der  französischen  so  stark  beeinflußt  worden,  daß 
hiergegen  eine  nationalarmenische  Gegenbewegung  entstand 
und  A.  Tchobanian,  Herausgeber  einer  in  Paris  erscheinenden 
armenischen  Monatsschrift,  der  Anahit,  1901  schreiben  konnte: 
quelques-uns  de  nos  prosateurs  et  de  nos  poetes  recents,  tout 
en  revelant  itn  temperament  personnel,  ont  Scrü  avec  le  cerveau, 
lr  cceur  et  le  style  d'ecrivains  frangais  qui  connaitraient  l'ar- 
menien;  et  notr«  langue  risquait  de  perdre  compUtement  son 
earacUre  national,  si  cette  francomanie  excessive  n'etait  arrUee 
jxir  une  rSactione  necessaire  et  utile2**). 

2*3)  Vgl.  Ed.  Dulaurier  Le  royaume  de  la  Pdite  Armenie  au  point 
de  vue  historique,  in  :  Recueil  des  historiens  des  Croisades.  Doc.  armeniens 
T.  I,  p.  XLIXft  Von  besonderem  Interesse  ist  in  diesem  Znsammenhange 
noch  der  bei  Dulaurier  l.  c.  p.  579  ff.  abgedruckte  Brief  des  Heiligen 
Nerses  von  Lambron.  in  welchem  er  Leo  IL  ermahnt  an  den  Sitten  der 
Vorfahren  festzuhalten  und  u.  a.  auch  die  den  Lateinern  entlehnten  Titula- 
turen aire,  proximos,    connüable,    marechal,  lige  zu   vermeiden.    Vgl.  die 

Ifende  Briefstelle  auch  bei  Brunot  Hist.  I.  360.  —  H.  Hübschmann 
Armenische  Grammatik  I.  Leipzig  1897.  p.  389ff.  gibt  ein  Verzeichnis  der 
in  das  Mittelarmenische  eingedrungenen  franz.  Wörter  mit  Angabe  der 
Fundstellen.  —  Über  die  Verwendung  der  frz.  Sprache  in  der  armenischen 
Kanzlei  handelt  V.  Langlois  Essai  historique  et  eritique  sur  la  Constitution 
sociale  et  politique  <l<  l 'Armenie,  in:  Mim.  de  l'Ac.  imperiale  des  sciences 
de  St.  Päersbourg  711«  sene,  t.  3  (1860).—  Über  frz.  Laute  des  13.  Jahr- 
hunderts nach  dem  Zeugnis  mittelarmenischer  Transskriptiouen  s.  F.  N. 
Fink  in:  die  Neueren  Sprachen  IX  (1901/02),  p.  385 ff. 

"*)  Vgl.  Ed.  Dulaurier  Bev.  des  l>eu.r  Mondes  1854  XXIVe  annee, 
t.  6,  pp.  '245  ff. 

24B)  A.  Tchobanian  L'influence  de  la  litterature  francaise  dans  la 
lüterature  arminienne  contemporaine  p.  258,  in:  Annales  internationales 
d'histoire.  Congrea  de  Paris.  <ie  session.  Eist,  comparee  des  Litte ratures. 
Paris  1901.     p.  249—257. 


^ic»  I).  Behrens. 

Die  französischen  Kolonien. 

14.   Das  erste  französische  Kolonialreich. 

a)  La  Nouvelle  France.  Die  kolonisatorischen  Be- 
werbungen Frankreichs  haben  nach  einigen  vergeblichen  älteren 
Versuchen  zuerst  im  Anfang  des  1/.  Jahrhunderts  an  der 
Fundy-Bai  in  Akadien  (Neuschottland)  (1605)  und  am 
St.  Lorenzstrom  in  Kanada  (1608)  zu  dauernden  Erwer- 
bungen geführt.  Die  Geschichte  dieser  als  Neu-Frank- 
reich  bezeichneten  Niederlassungen,  die  zu  Territorien  von 
großer  Ausdehnung  sich  erweiterten,  ist  voller  Wechselfälle, 
bis  sie  in  den  endgültigen  Besitz  der  seit  Beginn  des  18.  Jahr- 
hunderts mit  den  Franzosen  auf  maritimem  und  kolonialem 
Gebiet  immer  erfolgreicher  rivalisierenden  Engländer  über- 
gingen 246).  Im  Frieden  von  Utrecht  wurden  1715  Akadien, 
Neufundland  und  die  Hudson-Bay,  im  Frieden  von  Paris  1763 
Kanada  und  die  zur  Nouvelle  France  noch  gehörenden  Ge- 
biete mit  Ausnahme  zweier  kleiner  als  Fischereistationen 
dienenden  Inseln,  St.  Pierre  und  Miquelon,  an  England  ab- 
getreten. Bewunderungswürdig  ist  die  Zähigkeit,  mit  der  die 
französischen  Bewohner  des  Landes  unter  der  englischen  Herr- 
schaft wie  an  ihrem  katholischen  Glauben,  so  an  den  Sitten  und 
an  der  Sprache  ihrer  Yäter  bis  heute  festgehalten  haben.  Mit 
berechtigtem  Stolz  konnte  Napoleon  Legendre  im  Jahre  1884 
bemerken:  „Par  nos  protestations  incessantes,  par  nos  efforts 
persistantSf  nous  en  sommes  arrives  ä  faire  reconnailre  ä  la 
langue  francaise  le  droit  de  cite  dans  ce  pays  qu'elle  avait 
jadis  conquis  ä  la  civilisation,  et  dont  on  avait  voulu  plus  tard 
Vexpulser;  nous  l'avons  fait  mettre  sur  un  pied  d'SgaMU  avec 
la  langue  de  nos  compatriotes  d'une  autre  origine" 247).  Als 
1867  die  Herrschaft  Kanada  (Dominion  of  Canada)  mit  den 
Provinzen  Ontario  (Ober-Kanada),  Quebec  (Unter-Kanada). 
Neuschottland  und  Neubraunschweig  gebildet  wurde,  hatte  die 
Sprachenfrage  durch  Artikel  133  der  Bundesakte  ihre  gesetz- 
liche Regelung  dahin  gefunden,  daß  für  alle  Bundesange- 
legenheiten das  Französische  neben  dem  Englischen  als  gleich- 
berechtigte offizielle  Sprache  anzusehen  sei,  eine  Bestimmung, 
die  auf  die  später  dem  Dominion  noch  beigetretenen  Provinzen 
Manitoba,  Britisch  Columbia  und  Prinz-Edwards-Insel  ebenso 
Atiwendung  findet.    In  der  überwiegend  von  Franco-Canadiern 

24e)  Vgl.  Yj.  Salone  La  colonisation  de  la  Nouvelle- France,  etude  sur 
les  origines  de  la  nation  canadienne  francaise.  These.  Paris  [1905].  — 
Die  Bezeichnung  Nouvelle -France  für  die  in  Frage  kommenden  Gebiete 
ist  wesentlich  älter  als  deren  dauernde  Besitzergreifung  durch  Frankreich 
zu  Beginn  des  17.  Jahrhunderts.  Über  den  schwankenden  Umfang  des  Be- 
griffs „Akadien"  vgl.  E.  Sieper  Neuere  Sprachen  IX,  4H8f. 

*47)  Napoleon  Legendre  La  procince  de  Quebec  et  la  langue  francaise* 
in:  Proceedings  and  Transactions  of  the  Royal  Soc.  of  Canada  for  fite 
year  1884.    Vol.  iL     Montreal  1885.     Section  l".  17. 


Beiträge  zu  einer  Geschichte  der  französischen  Sprache.  217 

bewohnten  Provinz  Quebec  wurde  das  Französische  außerdem 
auf  dem  Gebiet  der  Pro vinzial Verwaltung  als  mit  dem  Eng- 
lischen im  offiziellen  (Jebrauch  gleichberechtigt  anerkannt  '-'*■). 
Die  aktenmäßig  gut  beglaubigte  und  fleißig  durchforschte 
Siedelungsgeschichte  Kanadas'-49)  ergibt  als  Ursprungsland 
der  französischen  Kolonisten  zumeist  das  westliche  Nord- 
frankreich, insbesondere  die  Normandie,  dann  Perche,  Aunis, 
Saintonge,  Poitou  und  Ile-de-France.  Einem  im  ganzen  nur 
schwachen  Zustrom  von  Einwanderern250)  steht  eine  außer- 
ordentlich starke  natürliche  Vermehrung  der  eingewanderten 
Bevölkerung  durch  Geburtenüberschuß  gegenüber,  so  daß  für 
den  Beginn  des  20.  Jahrhunderts  die  Gesamtzahl  der  Franco- 
Kanadier  unter  Einberechnung  von  etwa  einer  Million  in  den 
Vereinigten  Staaten  lebenden  auf  annähernd  drei  Millionen 
angegeben  wird  -51).  Die  Geschichte  ihrer  Sprache  bietet  eine 
Fülle  interessanter  Probleme,  zu  deren  Lösung  in  neuerer 
Zeit  namentlich  die  1902  in  Quebec  ins  Leben  getretene 
rührige  Societe  des  parlers  frangais  au  Canada252)  beigetragen 

248)  E.  Bouchette  L'etat  legal  du  francais  au  Canada,  in:  Congres 
internat.  pour  l'extension  de  la  langue  francaise.  Premiere  Session:  Liege, 
10—14  sept.  1905.  Paris  1906.  Hiernach  lautet  Artikel  133  der  genannten 
Acte:  ..Either  the  English  or  the  French  langnage  may  be  used  by  any 
Person  in  the  Debates  of  the  Houses  of  Parliainent  of  Canada  and  of  the 
Houses  of  the  Legislature  of  Quebec;  and  both  these  languages  shall  be 
used  in  the  respective  records  and  Journals  of  these  Houses;  and  either  of 
these  languages  may  be  used  by  any  person  or  in  any  pleadings  or  process 
in  or  issuing  frora  any  court  of  Canada  established  under  this  act.  and  in 
or  front  all  or  any  of  the  courts  of  Quebec.  The  Acts  of  the  Parliainent 
of  Canada  and  of  the  Legislature  of  Quebec  shall  be  printed  and  published 
in  both  languages.'-  —  Zur  äußeren  Geschichte  der  französischen  Sprache 
iu  Canada  während  der  englischen  Herrschaft  vgl.  noch  u.  a.  *Boucher  de 
la  Bruere  fils  Le  Canada  sous  la  domination  anglaise.  Saint  Hyacinthe 
1863.  *  A.  Gerin-Lajoie  Dix  ans  au  Canada  —  de  1840  ä  1850.  Quebec  1891. 

849)  *L'Abbe  C.  Tanguay  Dictionnaire  genealogique  des  familles  cana- 
diennes  depuis  la  fondation  de  la  colonie  jusqu'ä  nosjours.  Montreal  1871 — 
1890.  7  Bde.  —  Stanislas  A.  Lortie  De  Vorigine  des  Canadiens-Francais, 
in :  Origine  et  le  parier  des  Canadiens-Francais  .  .  .  Publication  de  la 
Societe  du  parier  francais  au  Canada.  Universite  Laval.  Quebec-Paris 
1903.  —  B.Suite  Origin  of  the  French  Canadians,  in:  Proceedings  and 
Transactions  of  the  Royal  Society  of  Canada.  See.  Series-Yol.  XI.  Sect.  II 
1905.  p.  99  —  119.  —  *  A.-G.  Morice  Dictionnaire  historigue  des  Canadiens 
et  des  Metis  francais  de  l'Ouest.  Kanüoops,  B.  C. :  Published  for  the 
Author  1908. 

25°)  Genaue  Angaben  fehlen.  In  den  von  W.  Meyer-Lübke  Germ,  rom. 
Monatsschrift  I  (1909),  133  nach  Lortie  (s.  oben  unter  249)  mitgeteilten  Ziffern 
sind  nur  diejenigen  Einwanderer  enthalten,  deren  engere  Heimat  sich  hat 
feststellen  lassen.    Vgl.  J.  Geddes  Krit.  Jahresber.  XII  (1909—1912),  I  288. 

251)  Vgl,  a.  Metin  Notes  et  documents  sur  la  langue  francaise  et 
l'enseignement  du  francais  hors  de  France,  in:  Congres  international  pour 
l'extension  et  la  eulture  de  la  langue  francaise.  Prent,  sess.  Liege, 
10—14  sept.  1905.    Paris  190«. 

252)  Über  das  Programm  der  Gesellschaft  und  das  von  ihr  herausge- 
gebene Bulletin  du  parier  francais  au  Canada  s.  J.  Geddes  Krit.  Jahres- 


!>.  Behrens. 

hat.  Wie  verhält  sich  das  Französische  Kanadas  zu  dem  des 
Mutterlandes s53)?  [n  welchem  Umfange  haben  sich  örtliche 
Verschiedenheiten  in  der  spezifisch  kanadischen  Entwickelung 
Französischen  herausgebildet?254)  In  welcher  Weise  ist 
kanadische  Französisch  in  den  verschiedenen  Teilen  des 
Gebietes  durch  die  Sprache  der  unterworfenen  [ndianerstämme 
beeinflußt    worden255)  und  welchen  Einfluß  hat  es  seinerseits 

VI  II  1904),  I  222ff.  —  Über  die  auf  die  französische  Sprache  in 
Kanada  bezügliche  Literatur  orientiert  vortrefflich  'lie  von  J.  Geddes  und 
A.  Rivard   herausgegebene   Bibliographie   du  parier  fi  m   Canada. 

Paris,  Quebec  1906  [Publications  de  la  SociGte"  du  parier  francais  au  Canada]. 
—  Über  Neuerscheinungen  auf  dem  Gebiete  der  Sprache,  Litteratur,  Ge- 
Bchichte,  Landes-  und  Volkskunde  s.  .T.  Geddes  Krit.  Jahreaber.  Vff.  —  Von 
älteren  Arbeiten  über  die  sprachlichen  Verhältnisse  Canadas  seien  hier 
A.  M.  Elliotta  anregende  Beiträge  im  American  Journal  of  Philology  er- 
wähnt: Bd.  VI  (1885),  135—150:  Preliminarv-Historical ;  VII  (1886),  140— 
160:  SpeechrMtxture  in  French-Canada.  Externa!  influenae;  VIII  (1887) 
Speech- Mixtur e  in  French-Canada,  A.  Indian  and  French;  X  (1889), 
133—168:  Speech-Mixtur  e  in  French-Canada.  B.  English  and  Frem 
Ein  wissenschaftlichen  Anforderungen  entsprechendes  Wörterbuch  des  Cana- 
disch-Französischen  wird  von  der  Soc.  des  parlers  francais  au  Canada  vor- 
bereitet. Ältere  lexikographische  Arbeiten  sind  *0.  Dünn  Glossaire  Franco- 
( 'anadien.  Quebec  1880,  *S.  Clapin  Dictionnaire  canadien-francais.  Mon- 
treal und  Boston  1894.  *R.  Rinfret  Dictionnaire  de  nos  fautes  contre  la 
langue  frangaise.  Montreal  1896.  *N.  E.  Dionne  Le  parier  populaire  des 
canadiens  francais  oh  lexique  des  canadianismes.  acadianismes,  anglicismes, 
americanismes,  niots  anglais  les  plus  en  usage  au  sein  des  famules  cana- 
diennes  et  acadiennes  francaises  .  .  .  1909.  Vgl.  J.  Geddes  in  Krit.  Jahresb. 
XII,  I  269—274.  —  Über  den  Stand  der  französischen  Sprache  in  Canada 
n  Ausgang  des  verflossenen  Jahrhunderts  vgl.  auch  die  Beiträge  von 
E.  Salone  und  P.  Poirier  in:  La  langue  fr ancaise  dann  le  monde  (Paris  1900), 
p.  287—295. 

253)  Vgl.  W.  Meyer-Lübke  Das  Französische  Canadas.  in:  Germ.  rom. 
M<>,tatss<:hrift  I,  133 — 139.  *A.  Bivard  Les  dialectes  francais  dans  le  parier 
franco-canadien,  in:  Congres  international  des  Americanistes.    XVe  Session 

Quebec  en  1906.    Quebec  1907  (auch  in  :  Bull,  du  pari,  franc.  an  (,'anada 
V.  41-51,  81-85). 

254)  VltI.  J.  Squair  A  coutribution  to  the  study  ofthe  Franco-Canadian 
dialect,  in:  Proceedings  ofthe  Canadian  Institute'.  Toronto.  XXIV  1888), 
Xr.  50.  p.  161—168  (Betrifft  die  Mundart  von  Ste.  Anne  de  Beaupre  in  der 
Provinz  Quebec';.  —  J.  Geddes  Comparison  of  tico  Acadian  French  dialects 

n  in  the  northest  of  North- America  with  the  Franco-Canadian  dialect 
sjinj;en  at  Ste.  Anne  de  Beaupre,  Province  of  Quebec,  in:  Mod.  Lang.  AbresYIII 
(1893),  Sp.  449  ff.,  IX  (1894),  Sp.  lff.,  99ff.  —  A.  F.  Chamberlain  Notes  on  the 

lian-French  dialect  of  Grariby  (Province  of  Quebec),  in:  Mod.  Lang. 
NotesYil  (1892).  Si..  24  iL.  VIII  (1893),  Sp.  31  ff.  —  J.  Geddes  Study  of  an 
Acadian  French  dialect  spoken  oti  the  north  shore  ofthe  Baie-des-Chaleurs. 
Halle  a.  S.  1908.  —  *A.  F.  Chamberlain  The  vocabularyof  Canadian  French,  in: 

■■es   international   des  Americanistes,   KV6  Session  ä  Quebec  en  1906. 

Quebec   1907  („Deals  with   expressions  more  or  les  peculiar  to  the  "West 

and  Northwest"  J.  Geddes  Krit.  Jahresb.  X,.  I  203 f.).  —  *  Ph.  Gagnon  La  langue 

.in  nord-ouest  canadien.  in:  Bulletin  du  parier  franc.  au  Canada  XL, 

132—137  (J.  Geddes  Krit.  Jahre,/,.  X.  I  214 f.). 

Vgl.  A.  M.  Elliott  Speech-Mixture  in  French  Canada  (oben 
Anm.  252).  —  *A.-F.  Chamberlain  Words  of  Indian  origin  in  the  French- 
Canadian  dialect  and  litterature.  in:   American  Xotes  and  Queries.    Phila- 


:>'  einer  Geschieht*    der  französischen   Spruche,  219 

auf  die  [ndianersprachen  ausgeübt?256)  Wie  beschaffen  ist 
die  Sprache  der  von  Franzosen  und  Indianern  abstammenden 
Mischlinge    {half-breeds,  bois-brüles,  Mestizen),    deren    Zahl  zu 

-im    dieses    Jahrhunderts    auf    L0500    geschätzt  wird?251) 
Welchen  Anteil  hat  das  kanadische  Französisch  an  der  Bildung 
des    in    der    Gegend    des    Columbia-Flusses    im   Westen 
sprochenen    Handelsjargons,    des   Chinook?258)     Die    wichtige 

»e  nach  der  gegenseitigen  Beeinflussung  des  Französischen 
und  Englischen  in  Kanada  ist  nicht  einseitig  nur  mit  Bezug 
auf  die  Sprache  der  Höhergebildeten  und  der  Literatur'-59), 
sondern  unter  Berücksichtigung  der  verschiedenen  Stände  und 
auch  der  verschiedenen  Gegenden  des  weiten  Gebietes  zu 
stellen 2li0).  Besonderes  Interesse  beanspruchen  schließlich 
die  sprachlichen  Verhältnisse  der  in  den  Vereinigten  Staaten 
lebenden  Kanadier  und  Akadier.  Letztere  wurden  1755  aus 
ihrer    Heimat    vertrieben'-61).     Sie    kehrten    später    zum  Teil 

delphie,  K.-U.,  1888—1889,  t.  I.  II.  IV.  —  *B.  Suite  Les  mots  sauvages 
employes  au  Canada,  in:  Bulletin  des  recherches  historiques.  Levis  1897, 
*.  111.  p.  139.  —  *Eug.  Rouillard  Noms  giographiques  de  la  province  de 
Quebec  et  des  provinces  maritimes  emprunt&s  aux  langues  sauvages. 
Qu6bec  1906  (J.  Geddes  Kr  it.  Jahresb.  IX.  I  263).  —  *Eug.  Rouillard  Les 
noms  sauvaqes,  in:  Bulletins  du  parier  franc.  au  Canada  YH,  162 — 170. 
VIII.  97-100  (J.  Geddes  Krit.  Jahresb.  XI,  I  329;  XII,  I  295.  -  .1.  Geddes 
Indian  words,  in  desselben  Verfassers  Study  of  an  Acadian-French  dialect 
(s.  oben  Anw.  254  und  vgl.  dazu  noch  J.  Geddes  Krit.  Jahresb.  V,   I  318 f.). 

256)  *a.  F.  Cliamberlain  Xote  sur  l'influence  exercee  sur  les  Indiras 
Kitonaga  par  les  missionaires  catholiques,  in:  Herne  des  etudes  ithnogra- 
phiques  et  sociologiques  II,  155 — 158. 

257)  *C.  Derouet  Les  metis  Canadiern  francais.     Paris  1895. 

-'s»)  Vgl.  J.  Geddes  Krit.  Jahresb.  X,  1  204.  —  J.  C.  Pilling  Biblio- 
graphy  of  the  Chinookan  languayes  ( including  the  l  'hinook  jargori).  Washing- 
ton 1893  [Smithsonian  Institution.  Bureau  of  EthnologyJ.  —  H.  Halle, 
^1  manual  of  the  Oregon  trade  language  or  „Chinook  Jargon".  London 
1890.  —  G.  Gibbs  A  dictionary  of  the  Chinook  Jargon  or  trade  language 
of  Oregon.  New  York  1863.  —  Chinook  Texts  by  Franz  Boas.  Washington 
1W"4  [Smithsonian  Institution.  Bureau  of  Ethnology].  —  G.  C.  Shaw  The 
Chinook  Jargon  and  hou-  to  use  it.     Seattle  1909. 

2iW)  Zur  Geschichte  der  frz.  Literatur  in  Canada  vgl.  V.  Rössel  Hisloire 
de  la  litterature  francaise  hors  de  France.  Lausanne  1895.  p.  281 — 354.— 
C.  Roy  Essais  sur  la  litterature  canadienne.  Quebec  1907  (Auch  in:  Proceed. 
and  transact.  of  the  Royal  Soc.  of  Canada  1905  und  Bull,  du  pari,  frone. 
au  Canada).  —  *Ch.  ab  der  Helden  Etudes  de  litterature  canadienne  franc. 
und  desselben  Verfassers  Nouvelles  Etudes  de  litter.  canadienne  frangaise. 
Paris   1907. 

-,;"  Vgl.  A.  M.  Elliott  Speeeh-Mixture  in  French  Canada  (oben  Anm.  252) 
and  von  älteren  Arbeiten  u.  a.  *  J.-P.  Tardivel  L'Anglicisme,  voilä  l'ennemi. 
Causerie  faite  au  cercle  catholique  de  Quebec,  le  17  dec.  1879.  Quebec  1888; 
*A.  Buies  Anglieismes.  Quebec  1888.  106  S.  12.  Neuere  Beiträge  ver- 
iJffentlicht  regelmäßig  die  Soc.  des  parlers  fr.  au  Canada  in  ihrem  Bulletin. 
Ein  von  .Joseph  Quesnel  (f  1809)  verfaßtes  Lustspiel  lAnglomanie  ist  nicht 
im  Druck  erschienen  (vgl.  C.  Roy  l.  c). 

-61)  E.  Sieper  Studien  zu  Longfellows  Evangeline  IV.  Die  historische 
grnndlage.  Die  expatriierung  der  französischen  akadier.  Das  Verhältnis 
des  diehters  zu  der  historischen  Wahrheit,  in:  Neuere  Sprachen  IX,  271  ff. 
(Hier  weitere  einschlägige  Literatur.) 


220  l).  Behrens. 

dahin  zurück:  zum  Teil  haben  sie  sich  dauernd  an  verschie- 
denen anderen  Plätzen-6'2),  namentlich  auch  in  größerer  Zahl 
am  unteren  Lauf  des  Mississippi  niedergelassen,  wo  sie  heute 
einen  großen  Bestandteil  der  Bevölkerung  von  Unter-Louisiana 
bilden-63).  Französische  Niederlassungen  im  jetzigen  Staat 
Michigan  kamen,  nachdem  sie  1763  mit  Kanada  englisch  ge- 
worden waren,  L79B  unter  die  Oberhoheit  der  Vereinigten 
Staaten.  Von  Detroit  aus  war  hier  1780  eine  französische 
Niederlassung  in  der  heutigen  Provinz  Monroe  am  Erie-See 
gegründet  worden,  deren  Seelenzahl  am  Ausgang  des  ver- 
flossenen Jahrhunderts  auf  10000  geschätzt  wurde,  während 
damals  in  Detroit  selbst  das  Französische  nahezu  ausgestorben 
war264).  Am  oberen  Mississippi  und  an  den  Seen  erinnern 
Orts-  und  Familiennamen  noch  an  die  einstige  Herrschaft  der 
Franzosen265).  Eine  durch  handelspolitische  Maßnahmen  be- 
dingte Massenauswanderung  von  Kanada  nach  der  Union,  und 
namentlich  nach  den  Nord-Ost-Staaten  Maine,  Massachusetts. 
New-IIampshire,  New-Jersey,  Rhode-Island,  Connecticut  und 
New-Vork  setzte  in  den  Jahren  1871 — 72  ein  und  nahm  bald 
eine  solche  Ausdehnung  an,  daß  die  Zahl  der  Franco-Kanadier 
hier  gegen  Ausgang  des  Jahrhunderts  bereits  auf  800  000  an- 
gegeben wird  -6G). 

b)  Louisiana267).  Nachdem  von  Norden  zuerst  franco- 
kanadische  Pelzhändler  und  Missionare  in  das  Tal  des  Mis- 
sissippi vorgedrungen  waren,  gelang  es  1682  dem  wagemutigen 
Entdecker  La  Salle,  von  hier  aus  die  Mündung  des  Stromes 
zu  erreichen,  dessen  ungeheuer  ausgedehntes,  im  Osten  von 
den  Alleghanies,  im  Westen  von  den  Rocky  Mountains  be- 
grenztes Gebiet  er  schon  früher  nach  Ludwig  XIV.  Louisiana 

2,;2)  S.  E.  Sieper  /.  c.  —  P.  Poirier  Des  Acadiens  deportes  ä  Boston, 
en  1755,  in:  Proceedings  and  transactions  of  the  Royal  Soc.  of  Ganada, 
3rd  series,  vol.  II,  sect.  1,  1908.  p.  125—180. 

263)  A.  Fortier  The  acadians  of  Louisiana  and  their  dialect,  in:  Fubli- 
cations  of  the  Mod.  Lang.  Assoc.  of  America  1891,  p.  64 — 94.  —  A.  Fortier 
A  Bistory  of  Louisiana,  Paris  1904.    I,  153 — 158. 

264)  *t.  St.  Pierre  Histoire  des  Canadiens  du  Michigan.  Montreal 
1895.  —  Edgar  E.  Brandon  A  Fr  euch  colony  in  Michigan,  in:  Mod.  Lang. 
Notes  XIII  (1898),  Sp.  242  ff. 

265)  *R.  G.  Thwaites  Wisconsin.  The  americanisation  of  a  French 
settlement.    Boston  1908. 

266)  p.  Foncin  France  et  Canada.  in:  Rev.  pol.  et  litt.  Revue  Bleue 
L897.  II,  222 ff.  (nach:  *Edm.  de  Nevers  L'avenir  du  peuple  Canadiern- 
francais.     Paris  1896). 

267)  Alcee  Fortier  A  Historg  of  Louisiana.  4  vol.  Paris  1904.  — 
A.  Franz  Die  Kolonisation  des  Mississippitales  bis  zum  Ausgange  der 
französischen  Herrschaft.  Eine  kolonialhistorische  Studie.  Leipzig  190<>.  — 
*A.  Fortier  Louisiana  studies.  Literatur e,  customs  and  dialects.  Historg 
and  education.  New  Orleans  1894.  —  *  Edward  J.  Fortier,  Les  lettres 
francaises  en  Louisiane.  in:  Memoires  du  pr emier  congrcs  de  la  langue 
francaise  au  Canada.    Quebec  1915. 


Beiträge  zu  einer   Geschichte  der  französischen  Sprache.  221 

getauft  hatte268),  und  das  er  nun  für  die  Krone  Frankreichs 
feierlich  in  Besitz  nahm.  Der  formellen  Besitzergreifung  durch 
La  Salle  folgten  von  See  her  1(599  die  erste  eigentliche  Be- 
Biedelung  durch  Iberville  und  1718  durch  dessen  Bruder 
Bienville  die  Gründung  von  New  Orleans,  der  nach  dem 
Regenten  von  Frankreich,  Philipp  II.  von  Orleans  genannten 
Hauptstadt.  Nach  dürftigen  Anfängen  *-69)  nahm  die  Kolonie 
unter  französischer  Herrschaft  eine  bescheidene  Entwicklung270), 
so  daß.  als  L763  im  Pariser  Frieden  die  Osthälfte  des  Missis- 
sippitals mit  Kanada  (s.  oben  p.  216)  an  England  fiel,  die 
französische  Regierung  schon  ein  Jahr  vorher,  im  Präliminar- 
frieden zu  Fontainebleau,  die  westliche  Hälfte  mit  New 
Orleans  freiwillig  an  Spanien  abgetreten  hatte.  Noch  einmal 
kam  L800  durch  den  Vertrag  von  S.  Ildefonso  das  westliche 
Louisiana  auf  kurze  Zeit  in  den  Besitz  Frankreichs,  um  1803 
von  Napoleon  für  60  Millionen  Franken  an  die  Vereinigten 
Staaten  verkauft  zu  werden,  deren  damaliges  Gebiet  durch 
den  neuen  Erwerb  mehr  als  verdoppelt  wurde  -7l).  Der  Name 
Louisiana  haftet  heute  nur  noch  an  dem  südlichen  Teil  der  alten 
Provinz,  der  allein  einen  stärkeren  Zuzug  französischer  Ein- 
wanderer erfahren  hatte  und  der  als  besonderer  Staat  1812 
in  die  Union  aufgenommen  wurde.  Hier  im  Mündungsgebiet 
und  am  unteren  Lauf  des  Mississippi  hat  sich  die  französische 
Sprache  allein  noch  in  größerem  Umfange  bis  in  die  Gegen- 
wart hinein  behauptet.  Durch  das  Spanische  in  der  Zeit  von 
1763 — 1801  kaum  beeinflußt,  hat  sie  sich  hier  Dank  einer 
von  der  Regierung  der  Union  geübten  maßvollen  Sprachen- 
politik auch  der  Beeinflussung  durch  das  Englische  längere 
Zeit  erfolgreich  zu  erwehren  vermocht.  Bei  den  beiden  re- 
gierenden Körperschaften  (legislatures)  des  Staates  wurde  an- 
fangs je  ein  ständiger  besoldeter  Dolmetscher  augestellt,  der 


*88)  Nach  A.  Fortier  A  History  of  Louisiana  1,  2t  begegnet  der  Name 
Louisiana  zuerst  in  einer  von  La  Salle  unterzeichneten  Urkunde  vom  Jahre  1679. 

269)  Im  Jahr  170H  betrug1  die  Zahl  der  franz.  Kolonisten  insgesamt 
82.  darunter  5  Kanadier.  Als  1712  die  Kolonie  einem  Unternehmer,  Antoine 
Crozot.  zur  Ausbeutung  übertragen  wurde,  zählte  sie,  20  importierte  Neger- 
sklaven eingerechnet.  400  Köpfe.  Erst  seit  1717  ist  unter  der  Verwaltung 
der  Compagnie  des  Indes  eine  verhältnismäßig  starke  Zunahme  der  An- 
siedler erfolgt,  so  daß  die  Kolonie,  als  sie  1731  wieder  in  königliche  Ver- 
waltung überging,  5000  Weiße  und  außerdem  2000  Neger  zählte. 

,7°)  Vgl.  außer  der  Anm.  267  verzeichneten  Literatur  P.  Heinrich  La 
Loxmiane  soits  In  Compagnie  des  Indes  1717—1731.    These.    Paris  [1907]. 

57 ')  A.  Supan  1H<:  territoriale  Entwiekelv.ng  der  europäischen  Kolonien. 
Gotha  1906.  p.  180.  —  Nach  A.  Fortier  l.  c.  IV,  265  f.  umfaßte  die  von 
Frankreich  1803  an  die  Vereinigten  Staaten  abgetretene  Provinz  ganz  oder 
teilweise  das  Gebiet  der  heutigen  Staaten  Louisiana,  Arkansas,  Missouri, 
Iowa,  Minnesota,  North  Dakota,  South  Dakota,  Nebraska,  Kansas,  Colorado, 
Wyoming,  Montana,  sowie  der  beiden  Territorien  Oklahama  und  The  Indian 
territory. 

ZtBchr.  f.  frz.   Spr.  u.   Litt.   XLIV    '*.  15 


222  D.  Behrens. 

die  Reden  und  Anträge  der  Mitglieder  auf  Verlangen  über- 
setzte272). H«*i  den  Geschworenen-Gerichten  wurde  in  fran- 
zösischer  und  englischer  Sprache  verhandelt.  Als  spater  das 
englische  Element  in  der  Bevölkerung  stark  überwog  und 
Englisch  die  offizielle  Staatssprache  wurde,  fuhr  man  dennoch 
fort,  die  Gesetze  auch  in  französischer  Sprache  bekannt  zu 
geben.  In  den  in  Louisiana  auf  Grund  der  Constitution  von 
ls4">  eingerichteten,  etwa  unseren  Volksschulen  entsprechenden 
public  schools  wurde  anfangs  Französisch  und  Englisch  gelehrt, 
bis  man  —  nach  Fortier  aus  „lächerlichen  Sparsamkeits-Rück- 
sichten1' —  das  Französische  fallen  ließ.  Eine  von  Alfred 
Mercier  1876  gegründete  literarische  Gesellschaft,  das  Athinee 
Louisianais,  hat  sich  die  Pflege  der  französischen  Sprache  mit 
Eifer  angelegen  sein  lassen'-73),  freilich  ohne  daß  sie  den  in 
neuerer  Zeit  in  beschleunigtem  Tempo  sich  vollziehenden 
Rückgang  derselben  hat  aufhalten  und  ohne  daß  sie  deren 
schließliches  Erlöschen  wird  verhindern  können.  Mußte  Alcee 
Fortier  schon  im  Jahr  1886  allgemein  ein  entschiedenes  Zurück- 
weichen des  Französischen  in  Louisiana  konstatieren  27*),  so 
bemerkt  Albert  Melin  für  das  Jahr  1900  mit  Bezug  auf  die 
Lage  des  Französischen  in  der  Hauptstadt  New  Orleans:  Je 
petit  groupe  fraucais,  de  tonte*  parts  enveloppe  d'etrangers,  en 
nombre  croissant,  ne  recrutant  plus  d'immigrants  frangais}  de- 
ment bilingue  et,  peu  ä  peu,  son  ancienne  langue  fait  place,  dans 
V image  courant,  u  la  langue  etrangere  dominante.  En  1900,  les 
enfants  des  creoles  büingues  commengaient  ä  ne  plus  vouloir 
apprendre  le  frangais2,15). 

Eine  eingehendere  Untersuchung  über  das  in  Louisiana 
gesprochene  Hochfranzösisch  fehlt.  A.  Fortier 276)  rühmt  die 
im  allgemeinen  dialektfreie  Aussprache  desselben,  die  vielleicht 
nicht  genau  der  Pariser,  wohl  aber  etwa  derjenigen  der 
Bewohner  des  Orleanais  und  der  Touraine  entspreche.  Das 
von  den  höheren  Ständen  in  New  Orleans  gesprochene  Franzö- 


•72)  Vgl.  hierzu  und  zum  folgenden  A.  Fortier  The  French  language 
in  Louisiana  and  the  Negro  French  Dialect,  in :  Transactions  of  the 
Mod.  Lang.  Assoc.  of  America  I  (1884—5)  und  desselben  Autors  French 
Literatur e  in  Louisiana,  ib.  IT  (1886). 

57()  Die  Gesellschaft  veröffentlicht  (.'omptes-Rendus  de  V Athene e 
Louisianais. 

"*)  A.  Fortier  The  French  language  (s.  Anm.  272),  p.  101 :  Though 
French  is  still  the  mother-tongue  of  many  thousands  of  Louisianians,  the 
fact  cannot  be  denied  that  it  is  not  as  general  spoken  as  before  the  war. 

"*)  Notes  et  documents  sur  la  langue  francaise  et  l'enseignement 
du  fravrais  hors  de  France,  in:  Congrls  international  pour  Vextension  et 
la  culture  de  la  langue  francaise.  Premiere  Session  Liege,  10 — 14  septembre 
1905  (Paris  1906),  p.  9. 

'"'     The  French  language  (s.  Anm.  272),  p.  98. 


•ägt    zu  einet'  Geschichte  der  französischen   Sprache.  223 

Bisch  sei  weit  „besser"  als  dasjenige  der  Kanadier,  was  sich 
daraus  erkläre,  daß  in  Louisiana  die  französische  Bevölkerung 
durch  neuen  Zugang  vom  Mutterlande  längere  Zeit  aufgefrischt 
wurde,  während  in  Kanada  die  Vermehrung  des  französischen 
Elementes  in  erster  Linie  als  eine  Folge  des  Geburtenüber- 
schusses im  Lande  sich  ergab.  Hinzu  kommt  nach  demselben 
Gewährsmann,  daß  in  früherer  Zeit  die  Söhne  der  reichen 
französischen  Familien  Louisianas  fast  alle  in  Frankreich 
erzogen  wurden-").  An  ihrer  Sprache  kenntlich  sind  noch 
heute  die  in  der  2.  Hälfte  des  18.  Jahrhunderts  eingewander- 
ten Akadicr,  die  auf  größerem  Gebiet,  namentlich  aber  am 
Westufer  des  Bayou  Teche  in  den  weiten  Prairien  von 
Attakapas  und  Opelousas  sich  niedergelassen  haben278). 
Besonderes  Interesse  beansprucht  ebenso  das  Negerfranzösisch, 
das  sich  im  Verkehr  der  französisch  sprechenden  Weißen  mit 
den  seit  dem  2.  Dezennium  des  18.  Jahrhunderts  als  Sklaven, 
später  als  freie  Arbeiter  dorthin  importierten  Negern  heraus- 
gebildet hat'2"9).    Zu  untersuchen   wäre  u.a.,  welchen  Einfluß 


277)  1.  c.  p.  99:  „They  reeeived  an  excellent  classical  education,  bat 
learned  no  English.  My  father  has  often  told  nie  that  on  bis  return  honie 
after  a  seven  year's  course  of  Frenche  College,  he  could  only  say  in  English 
„shut  the  door"',  and  had  to  £0  North  for  some  time  to  study  the  language 
of  the  country.  My  grandfather,  who  was  born  during  the  Spanish  do- 
minion,  spoke  French  only.  and  did  not  allow  English  to  be  spoken  in  his 
family.  We  are  not  so  exclusive  at  present,  and  we  are  very  anxious  tliat 
onr  children  should  know  English  perfectly  well,  but  we  still  eonsider  French 
as  the  mother-tongue,  as  the  language  of  the  family." 

"•)  Vgl.  oben  p.  220  Anm.  263. 

"•)  Vgl.  *A.  Mercier  Etüde  sur  la  langue  creole  en  Louisiane,  in: 
Comptes-Bendus  de  l'Athenee  Louisianais  I  (1876 — 1881).  —  A.  Coelho 
Creolo  da  Luisiana,  in :  Boletim  da  Sociedade  de  Geographia  de  Lisboa 
2  (1881),  p.  180—182.  —  J.  A.  Harrison  The  creole  patois  of  Louisiana,  in: 
The  American  Journal  of  Philologt/  III  (1882),  p.  285-296.  —  A.  Fortier 
The  French  language  in  Louisiana  and  the  Negro  French  Dialect 
(s.  oben  Anm.  272).  —  Über  die  Verwendung  des  Negerfranzösisch  macht 
Harrison  l.  c.  einige  interessante  Angaben:  „The  Franco  Louisianais  still 
number  several  hundred  thousands.  The  whites  of  this  class  are  still  sur- 
rounded  by  negroes,  with  whom  they  communicate  in  a  Pigeon  French 
curiously  resenibling  the  English  of  the  Chinese  seas.  The  Creole  children, 
entrnsted  froni  infancy  to  the  care  of  negro  mamans,  learn  the  patois  be- 
fore  they  learn  the  regulär  French  . . .  All  the  petits  blancs  or  ,,poor  white 
trash*'  of  the  urban  and  plantation  population  speak  the  same  patois 
simultaneously  with  the  French.  In  many  households  füll  of  intelligent  boys 
and  girls.  the  patois  is  often  spoken  exclusively  tili  the  children  are  ten 
or  twelve  years  of  age.  By  that  time  their  organs  —  larynx,  speech-chords, 
pharynx,  uvnla  —  are  so  habituated  to  the  drawling  utterance  of  the 
kitchen  and  scullery  that  they  chant  rather  than  speak  the  eultivated 
French  ...  As  a  general  rule  those  who  speak  the  patois  of  the  parishes 
are  able  to  speak  pure  French  also.  Address  any  negrillon  in  good  French 
and  it  is  a  point  of  honor  with  him  to  reply  in  the  same.  The  aboriginal 
language  of  the  French  negro  has  almost  totally  disappeared  in  the  South, 
leaving  behind  hardly  a  dozen  words  of  African  origin. 

15* 


224  D.  Behrens. 

auf  dasselbe  die  Indianeridiome,  feiner  das  Spanische,  sowie 
namentlich  auch  das  Englische  280)  ausgeübt  haben. 

Nordwärts  vom  jetzigen  Staate  Louisiana  erinnern  heute 
im  Mississippital  noch  die  Namen  zahlreicher  Ortschaften-81) 
an  die  einstige  französische  Herrschaft,  während  sich  hier  in 
alten  Siedelungen  kaum  noch  die  französische  Sprache  bis  in 
die  Gegenwart  erhalten  hat282). 

c)  Westindien  und  Guayana.  Abenteurer.  Frei- 
beuter und  (seit  L626)  private  Gesellschaften  haben  in  "West- 
indien  der  staatlichen  Kolonisation  Prankreichs  vorgearbeitet. 
Diese  setzte  1664  unter  Colbert  ein,  der  die  damals  schon 
stattliche,  über  die  Inseln  St.  Christopher,  Guadeloupe,  Marie 
Galante.  Desirade,  Les  Saints.  Martinique.  Grenada,  Les  Gre- 
nadines.  St.  Martin.  St.  Barth  elemy,  St.  Croix,  Tortuga  und 
Haiti  verteilten  französischen  Besitzungen  der  von  ihm  gebil- 
deten Westindischen  Compagnie  (Compaynit  des  Indes  oeeiden- 
tales)  überwies  und  nach  Auflösung  derselben  1674  in  staat- 
liche Verwaltung  überführte'-83).  Im  18.  .Jahrhundert  hat 
Frankreich  seinen  in  günstiger  Entwicklung  begriffenen  ertrag- 
reichen westindischen  Besitz,  im  besonderen  auch  gegen 
seinen  mächtig  aufstrebenden  englischen  Rivalen,  mit  wechseln- 
dem   Erfolg   behauptet.     Einige   weitere    Inseln    wie    Tobago, 

"°)  über  nordamerikaniscb.es  Negerenglisch  vgl.  J.  A.  Harrison  Negro- 

English,  in:  AngliaVU  (1884),  p.  232— 279. 

m)  Vgl.  .f.  C.  Brauner  Some  Old  French  place  names  in  the  statt  of 
Arkansas,  in:  Modern  Language  Notes  XIV  (1899),  Sp.  65— 80;  dazu  einige 
Nachträge  von  R.  Renault  ib.  Sp.  191  f. 

"*)  Über  ein  im  (istlichen  Illinois  in  Wabashville  und  St.  Francisville 
gesprochenes  franco-amerikanisches  Idiom  bemerkt  A.  S.  Gatschet  in  The 
American  Antiqua rian  and  Orient al  .Journal  XI  (1889).  p.  H4:  „We  know 
of  uo  particulars  concerning  this  dialect  and  it  probably  contains  Shawano 
or  Miami  Indian  terms.  Prof.  Hugo  Kuerschner,  a  German  teacher  of 
modern  languages.  ouce  established  in  Illinois,  was  entirely  uuable  to 
anderstand  their  French,  although  he  was  i'ully  conversant  with  literary 
French.  On  passing  through  that  district,  he  was  called  before  a  eourt 
to  act  as  Interpreter  in  a  law  case  between  parties  of  these  villages,  bat 
although  they  repeated  their  Statements  several  times,  he  could  make  neither 
"head  nor  tail"  of  what  they  said.  This  Jargon  may  turn  out  to  be  a 
variety  of  the  Canadian  French  patois,  also  spoken  in  Louisiana.  Since 
the  Wea  and  Piankishaw  Indians  once  held  that  tract  at  the  time  when 
the  French  first  established  a  line  of  forts  from  the  lakes  to  the  Missis- 
sippi River,  it  is  probable  that  some  worda  of  these  dialects  of  Algonkin 
have  perpetuated  themselves  in  that  "corioos"  and  idiomatic  French." 
Scheint  es  sich  hier  um  alte  Siedelangen  zu  handeln,  so  dürften  die  vier- 
zehn französischen  Niederlassungen  von  30  und  mehr  Personen,  welche 
W.  Carruth  Foreign  Settlements  in  Kansas,  in:  The  Iüuisas  University 
Quarterlyl  (1893)  u.  III  (1895)  verzeichnet,  durchweg  jungen  Datums  sein. — 
Über  französische  Niederlassungen  in  Michigan  und  Wisconsin  vgl.  die  oben 
p.  220  Anm.  2H4  und  2H5  verzeichnete  Literatur.  Nach  Norden,  gegen 
Kanada,  war  Französisch  Louisiana  nicht  genau  abgegrenzt. 

,83)  Stewart  L.  Minis  Colberts  West  Tndia  Policy.  Newhaven.  London, 
Oxford  1912. 


trägt   zu  einer  Geschichtt   der  französischen  Sprache.  225 

Santa  Lucia,  8t.  Vincent  und  Dominica  wurden  neu  besetzt, 
andere  gingen  verloren,  mehrere  wechselten  ihren  Besitzer 
zu  wiederholten  Malen.  Ein  schwerer  Schlag  war  1804  der 
Verlust  Haitis  an  die  Schwarzen.  1815  wurde  im  zweiten 
Pariser  Frieden  Frankreichs  Besitz  in  Westindien,  von 
Barthelemy  abgesehen,  vollends  auf  seinen  heutigen  Bestand 
reduziert,  d.  Ii.  es  verblieben  ihm  nur  Martinique,  Guadeloupe. 
La  Desirade.  Les  Saintes  mit  Petite  Terre,  Marie  Galante 
und  izum  Teil)  St.  Martin.  Barthelemy  gelangte,  nachdem 
es  1784  an  Schweden  abgetreten  war.  1877  durch  Kauf  in 
den  Besitz  Frankreichs  zurück. 

Weiter  als  die  französische  Staatshoheit  reicht  in  West- 
indien heute  die  französische  Sprache,  die  wrir  dort  nicht  nur 
auf  den  französisch  gebliebenen  Inseln  in  allgemeinem  Gebrauch 
finden,  sondern  in  weiterer  oder  eingeschränkterer  Verwen- 
dung auch  auf  einer  Anzahl  anderer  antreffen,  die  entweder 
wie  Dominica,  Santa  Lucia.  St.  Vincent  und  Haiti  seit  lange 
nicht  mehr  politisch  zu  Frankreich  gehören,  oder  wie  Trinidad. 
Tuba  und  Porto-Rico  einen  Bestandteil  des  französischen 
Kolonialbesitzes  überhaupt  nicht  gebildet  haben '2S*).  Sehr 
verbreitet  ist  auf  den  Antillen  neben  dem  eigentlichen 
Französisch  heute  das  Negerfranzösisch  (Patois  creole),  von 
dem  behauptet  wird,  daß  es  hier  reiner  als  in  Louisiana. 
Guayana  und  auf  den  Maskarenischen  Inseln  gesprochen 
werde-85).  Ob  das  in  dieser  Allgemeinheit  zutrifft,  bleibe 
dahingestellt;  fest  steht,  daio,  während  die  eingeborene 
Indianerbevölkerung  in  Westindien  heute  nahezu  ausgestorben 
ist.  die  seit  dem  Beginn  des  16.  Jahrhunderts  dorthin  importier- 
ten Xeger  zusammen  mit  den  aus  ihrer  Verbindung  mit  den 
Weißen  hervorgegangenen  Mischtypen  auf  den  meisten  Inseln 
die  weiße  Bevölkerung  an  Zahl  bedeutend  übertreffen,  auf 
Haiti  dieselben  zu  Beginn  des  19.  Jahrhunderts  fast  ver- 
drängten. Auf  den  französisch  gebliebenen  Inseln  versteht 
heute  jedermann  Ilochfranzösisch :  es  findet  dasselbe  aber 
kaum  anders  als  in  der  feineren  Gesellschaft,  in  öffentlichen 
Versammlungen,  in  der  Literatur  und  im  schriftlichen  Ver- 
kehr Arerwendung,  während  im  gewöhnlichen  Tagesverkehr 
das  Xegerfranzösisch  so  gut  wie  ausschließlich  gebraucht  wird 
und  hier  auch   in  Zukunft  nur   ganz  allmählich    mit  Verallge- 


-**)  Vgl.  Salles  /.«  langue  franriüse  dans  les  Petiten  Antilles,  in:  La 
langte  francaise  dans  le  Monde  (Paris  1900),  p.  264—267.  —  Herou  La 
petite  colonie  franc.aise  de  Saint- Thomas  (Antüle  Danoise),  ib.  p.  267  f.  — 
P.  Fjoiiciu]  L'instruction  publique  dans  les  Antilles  franeaises,  ib.  p.  269  — 
272. —  Eugene  Maximilien  La  langue  franeaise  dans  les  Grandes  Antilles, 
ib.  p.  278-27*. 

"*)  Reue  de  Poyen-Bellisle  Les  sons  et  les  formes  du  Creole  dans 
les  Antilles.     Dissertation.    Baltimore  1892  [Universite  de  Chicago],    p.  15. 


226  />.  Behrens. 

meinerung  der  Schulbildung  an  Boden  verlieren  dürfte 
Was  die  heutigen  Sprachverhältnisse  Haitis  angeht,  bo  ist 
zu  scheiden  zwischen  der  „Republik  Haiti"  im  früher  franzö- 
sischen Westen  und  der  „Dominikanischen  Republik"  (Santo- 
Domingo)  im  früher  spanischen  Osten  der  Insel.  In  der 
Republik  Haiti  ist  die  Sprache  der  Regierung,  des  hohen 
Umgangs  und  der  Schrift  nach  Tippenhauer28')  ein  „reines 
Pariser  Französisch",  während  das  Negerfranzösisch  als  das 
eigentliche  Idiom  des  Volkes,  des  intim-freundschaftlichen 
Verkehrs  und  der  profanen  Tagesunterhaltung  bezeichnet 
wird,  das  auch  im  volkstümlichen  Lied  -88),  in  Sprich- 
wörtern288), sowie  vereinzelt  in  der  Predigt-89)  und  in  der 
periodischen  Literatur290)  angetroffen  wird.  In  der  domini- 
kanischen Republik  ist  das  Französische  nächst  dem  im  offi- 
ziellen Verkehr  üblichen  Spanisch  die  am  meisten  verbreitete 
Sprache,  die  von  allen  Angehörigen  der  höheren  Kreise  ge- 
sprochen wird.  Es  begegnet  hier  im  Volk  sogar  das  Neger- 
französisch der  Haitianer290).  In  Cuba  und  Puerto-Rico 
liegen  heute  oder  lagen  nach  Eug.  Maximilien  wenigstens  bis 
zu  ihrer  1899  erfolgten  Unabhängigkeitserklärung  die  Dinge 
ähnlich  wie  in  Santo-Domingo -9l). 

286)  S.  Salles  l.  c.  p.  -^i.  „Le  francais  conquiert  du  terrain;  maia  il 
semble  plutöt  se  superposer  au  creole  que  le  faire  disparaitre.  lue  stati- 
stique  lies  illettres  donnerait  de  precieuses  indications,  car  le  creole,  ä  de 
tres  rares  exceptions  pres,  ne  s'imprime  pas;  mais  ce  travail  reste  ä  faire. 
Une  indication  est  donnee  par  la  eroissance  de  la  population  scolaire  dans 
les  ecoles  primaires  ...  II  taut  toutefois  noter  que  la  grande  majorite  dea 
enfants  passes  par  Fecole  reutre  dans  uu  niilieu.  oü  le  creole  seul  est  d'un 
usage  courant.  Bleme  ä  la  ville,  on  reneuntre  des  jeunes  geus  et  surtout 
des  jeunes  filles  qui,  apres  avoir  su  reciter  des  fables  du  bon  La  Fontaine, 
ue  veulent  repondre  qn'en  creole  ä  qui  leur  parle  en  Francais." 

*")  L.  Gentil  Tippenhauer  Die  Insel  Haiti.  Leipzig  1893.  p.  476 ff.: 
Des  Landes  Sprache  und  Literatur.  —  Eugene  Maximilien  l.  c.  p.  274  ff.  — 
Über  die  haitianische  Literatur  s.  im  besonderen  *E.  La  Selve  Histoire  de. 
la  lüterature  haitienne,  depuis  ses  origines  jusqu'ä  nos  jours,  suivie  d'wne 
Anthologie  haitienne.  Versailles  1875.  —  Zur  Siedelungsgeschichte  vgl. 
P.  de  Vaissiere  Saint-Domingue  (16^9—1789).  La  societe  et  la  Vie  creoles 
xous  l'Ancien  Begime.     Paris  1909. 

"8)  Tippeiihaner  /.  c.  p.  420 f.  —  *.T.  J.  Audain  Recueil  de  proverbes 
creole  f.     1*77. 

2S9)  Foures  Notes  sur  le  parier  creole  d'Haiti,  in:  Bulletin  des 
Parlers  de  France,    p.  296. 

29°)  Eugene  Maximilien  I.e.  p.  276 f. 

2")  Eugene  Maximilien  I.e.  p.  277 :  „A  Cuba,  de  meme  qu'ä  Puerto- 
Rico,  apres  l'espagnol,  la  langue  qui  jouit  de  la  plus  grande  faveur  est  la 
langne  francaise.  Daus  les  ecoles  uue  gi'ande  place  est  reservee  ä  l'etude 
du  francais.  Plusieurs  journanx  y  sont  ou  etaient  publies  en  framjais 
avant  les  derniers  evenemeuts.  et  les  autenrs  frangais  y  sont  beaueoup  lus. 
Bien  des  familles  francaises  qui  avaient  abandonne  Haiti  lors  des  guerres 
de  rindependance  ont  fait  souche  ä  Cuba  et  ont  toujours  tenu  ä  l'honneur 
de    -exprimer  en   francais.     Ou  s"explique  que   le  patois  d'Haiti  soit  aussi 


Beiträge  zu  einer  Geschichte  der  französischen  Sprache.  t2'27 

Das  Negerfranzösisch  292)  der  Antillen  zeigt  bei  einer  ge- 
wissen Gleichförmigkeit  regionale  Verschiedenheiten,  auf  deren 
Vorhandensein  gelegentlich  hingewiesen293),  deren  Studium 
aber  noch  nicht  ernstlich  in  Angriff  genommen  wurde.  Eine 
Einwirkung  der  Indianersprache  hat  man  bisher  nur  in  einigen 
wenigen  Wortentlehnungen  nachzuweisen  vermocht.  Auf  die 
gegenseitige  Beeinflussung  des  Negerfranzösischen  und  Neger- 
englischen in  Westindien  weist  H.  Schuchardt  Literaturblatt 
f.germ.u.  vom.  Phil.  1885.  Sp.  416  hin:  „In  Westindieu  ge- 
staltet sich  das  Verhältnis  des  Französischen  zum  Englischen 
recht  mannigfach  und  verwickelt:  Negerfranzösisch  und 
Negerenglisch  leben  in  inniger  Gemeinschaft  und  zeigen 
Neigung,  sich  miteinander  zu  vermischen". 

Französisch  Guayana  wurde  1626  von  Rouener  Kauf- 
leuten zuerst  besiedelt  und  von  Colbert  1674  zugleich  mit 
Westindien  in  staatliche  Verwaltung  übernommen.  Es  ist  mit 
einer  kurzen  Unterbrechung  von  1808  — 1817,  wo  es  portugie- 
sisch war,  bis  heute  in  französischem  Besitz  geblieben.  Die 
Gesamteinwohnerzahl  wird  für  1911  auf  49  000  angegeben, 
von  denen  die  eine  Hälfte  Neger,  während  Asiaten,  Indianer, 
Mischlinge  und,  von  7000  weißen  Sträflingen  abgesehen,  eine 
verhältnismäßig  kleine  Anzahl  Europäer  die  andere  Hälfte 
bilden294).  Über  die  Sprachenverhältnisse  in  diesem  bunten 
Völkergemisch    wissen    wir    wenig    Genaueres.      Nach    einem 

parle  dans  les  marches  publics  de  cette  ile  par  le  grand  nombre  de  dorne- 
stiques  que  ces  familles  y  ont  entraine  apres  elles.  Dans  les  deux  iles, 
les  idees  et  l'art  francais  exereent  mie  influence  notable;  et.  souvent.  les 
jeunes  gens  achevent  lenrs  etudes  en  France.  Generalenieiit  les  individus 
d'nne  certaine  valeur  intellectuelle  s'expriment  en  francais.  Maintenant, 
on  est  en  droit  de  se  demander  si  tonte  cette  influence  persistera  avec  la 
nouvelle  Situation  qui  est  faite  ä  ces  deux  iles.  Toutefois  j'estime  que  la 
France  peut  encore  s'imposer,  en  elargissant  le  cadre  de  ses  relations  avec 
ces  iles.     Ce  conseil  peut  s'etendre  pour  les  Antilles  en  general." 

,,J)  Vgl.  die  oben  Anm.  284,  287  u.  289  genannten  Arbeiten  von 
Poyen-Bellisle,  Tippenhauer  und  Foures,  dazu  die  älteren  Veröffentlichungen 
von  *Ducoeur-Joly:  Manuel,  des  habitants  de  Saint-Domingue.  Paris  1802 
(darin:  Vocabulaire  francais  et  creole),  *J.  J.  Thomas:  The  theory  and 
practice  of  creole  grammar.  Port  of  Spain  (Trinidad)  (s.  P.  Meyer  Revue 
Critique  VI,  preni.  semestre  1872,  S.  156 ff.),  *Goux,  missionnaire  ä  la  Marti- 
nique: Catechisme  en  langue  creole,  precede  d'un  essai  de  grammaire  sur 
Vidiome  usite  dans  les  colonies  francaises,  Paris  1842,  *J.  Turiault  Etüde 
sur  la  langage  creole  de  la  Martinique,  Brest  1874  und  Paris  1876, 
G.  N.  Faidherbe  in  La  Revue  scientifiqne  de  la  France  et  de  l'etranger. 
III.  Serie.  4,  1  (1884),  p.  104  ff.  Einige  weitere  einschlägige  Literatur 
verzeichnet  H.  Gaidoz  Note  bibliographique  sur  le  creole  francais,  in  :  Revue 
critique.  Nouv.  serie,  t.  XII  (1881),  p.  168  ff. 

**3)  Vgl.  die  Andeutunsren  bei  Tippenhauer  /.  c.  p.  477  und  Poyen- 
Bellisle  l.  c.  p.  16. 

"*)  Vgl.  W.  Sievers  Süd-  und  Mittelamerika  3.  Aufl.  Leipzig  und  Wien 
1914.  p.  113  ff.  —  Zur  Siedelungsgeschichte  s.  A.  Condreau  La  France 
equinoxiale  I,  Paris  1886,  p.  1  ff.;  E  Maurel  Histoire  de  la  Guyane  francaise. 
Paris  1889. 


228  D.  Behrens. 

Bericht  des  Gouverneure  Mouttet295)  für  die  Alliance  frangaisi 

wurden    1900    im    College    von    Cayenne    und    in    20    v/eiteren 

Lehranstalten  des  Landes  -.j:;41  Kinder  in  französischer  Sprache 

unterwiesen,  wobei  die  Bekämpfung  des  allgemein  verbreiteten 

kreolischen   Patois298)  auf  große  Schwierigkeiten  stieß:    ../.'- 

wnnes  instruites  connaissant  fort  bleu  le  francais   sc  serrent 

necessite"    <!><   creole,  patois  forme    de   mots   corrontpus    on 

<}i(i  ont  perdn  leur  signification  premiere.     Eh  dehors  */>   l'ccole, 

enfants   n'entendent    yue    /<■   creole,    et   le   francais   est   Inen 

/</'.-•  '/  etrt  pour  eux  une  langue  Hrangere." 

d)  La  Reunion.  Mauritius.  Seychellen.  Die 
Schwesterinseln  La  Reunion  und  Mauritius  (früher  Bourbon 
und  I le  de  France)  bilden  zusammen  mit  Rodriguez  die  Insel- 
gruppe der  Maskarenen,  so  genannt  nach  dem  Portugiesen 
Bfascarenhas,  der  sie  zu  Beginn  des  16.  Jahrhunderts  entdeckte, 
ohne  daß  damals  eine  Besiedelung  erfolgt  wäre.  (Jegen  A.us- 
g  des  16.  Jahrhunderts  wurde  Mauritius  von  den  Holländern, 
1643  La  Reunion  von  den  Franzosen  in  Besitz  genommen.  La 
Reunion,  das  1654  von  Fort  Dauphin  auf  Madagascar 297)  seine 

u  Kolonisten  erhalten,  ist  bis  heute  französisch  geblieben. 
Mauritius  ging,  nachdem  es  einige  Jahre  vorher  von  den 
Holländern  verlassen  war.  1715  in  französischen  Besitz  iibei 
und  wurde  1721  von  La  Reunion  aus  kolonisiert.  Nachdem 
es  1810  von  den  Engländern  erobert  worden  war'-98),  erfolgte 
1814    im    Pariser   Frieden    seine    Abtretung    an    England,    in 


**8)  La  langue  francaise  ä  la  Gruyane,  in:  La  langue  jranr.  dans  It 
le.     p.  2'ü  ff. 

'••)  Vgl.  * Introdnction  ä  l'Histoire  de  Cayenne p.  Altred   «le 

Saint-Quentin Etüde   sur  la    Grammaire   creole.   par    Auguste   de 

Saint-Quentin.  Antibes  1872.  —  *  Alfred  Parepou's  Atipa.  Roman  guyanais. 
Pari>  1885  ist  nach  H.  Schuchardt  Literaturbl.  f.  germ.  u.  rom.  Phil.  1894 
Sp.  310  f.  „eine  echte  Urkunde  des  Xegerfranzösischeii  von  Cayenne". 

m)  Frankreichs  erste  kolonisatorische  Bestrebungen  in  Madagascar 
selbst  fanden  ein  unrühmliches  Ende  in  den  Aufständen  von  Wü2  und  1674 
Bei  denselben  sind  zahlreiche  Franzosen  im  Fort  Dauphin  umgekommen, 
wahrend  der  Rest  nach  La  Reunion  (Bourbon)  gebracht  wurde,  das  auf 
diese  Weise  einen  wertvollen  Zuwachs  an  Kolonisten  erhielt.  Gleichzeitig 
wurde  Madagascar  formell  in  den  Besitz  der  Krone  Frankreichs  übergeführt, 
das   auch   für   die  Folgezeit   seine  Rechtsansprüche   auf  die   Insel   niemals 

^eben  hatte,    bis  dieselbe  durch  Gesetz  vom  6.  August  1896  als  fran- 

ue  Kolonie  erklärt  wurde.  Vgl.  A.  Supan  Die  territoriale  Entwickelung 
der  Europäischen,  Kolonien.  Gotha  1906  passim.  D'täquilly  L'influence 
francaise  ä  Madagascar  (1643 — 1895),  in:  Rev.  des  Questions  Historigues 
XXIX  (1895),  p.  462— 518.  Über  die  heutige  Verbreitung  der  französischen 
Sprache  in  Madagascar  s.  E.  F.  Gautier  und  P.  Foncin  iu^  La  Langue  fran- 

dans  le  Monde  (Paris  1900),  p.  169  — 1  Vit.  Eine  kurze  Xotiz  über  ein 
kreolisches  Patois  in  Madagascar  s.  Rtc.  de  linguistique  et  de  phüologie 
i  -  wj  aree  XIX  (1886),  p.  40. 

J")  Vgl.  H.  Prentout  L'lle  de  France  sous  Decaen  1808—1810.  Essai 
sur  la  politique  coloniale  du  premier  empire  et  la  rivalite  de  la  France 
et  de  l'Anirleterre  dans  les  Indes  «'»rientales.     These.     Paris  1M01. 


Beiträge  zu  einer  Geschichte  der  französischen  Sprache.  '-2-9 

ii  Besitz  es  sich  heute  befindet.  Auf  beiden  Inseln  spricht 
die  aus  Weißen,  Negern,  Asiaten  und  Mischlingen  bunt 
zusammengewürfelte  Bevölkerung  nahezu  ausschließlich  ent- 
weder eigentliches  Französisch  oder  ein  neben  demselben 
und  statt  desselben  allgemein  gebräuchliches,  seinem  Wort- 
stande  nach  wesentlich  französisches  kreolisches  Patois,  dem 
auch  das  in  Mauritius  als  offizielle  Sprache  und  als  Sprache 
der  Garnison  begegnende  Englisch  im  täglichen  Verkehr, 
wenigstens  bis  vor  kurzem  noch,  kaum  Abbruch  zu  tun  ver- 
mocht hat.  Für  die  Stellung  des  Schriftfranzösischen  zum 
Englischen  in  Mauritius  gegen  Ausgang  des  verflossenen 
Jahrhunderts  ist  bezeichnend,  daß  von  den  12  daselbst 
erscheinenden  Zeitungen  und  Zeitschriften  10  ausschließlich 
in  französischer,  nur  2  je  zur  Hälfte  in  französischer  und 
englischer  Sprache  redigiert  waren,  daß  in  den  80  Gottes- 
häusern der  Insel  ausschließlich  französisch  gepredigt  und  in 
den  Sitzungen  der  verschiedenen  landwirtschaftlichen,  kauf- 
männischen, literarischen  etc.  Vereine  fast  ausschließlich  in 
französischer  Sprache  verhandelt  wurde,  während  der  durch 
Kabinettsorder  von  1845  bei  allen  höheren  Gerichtshöfen  als 
obligatorisch  vorgeschriebene  Gebrauch  der  englischen  Sprache 
unter  solchen  Umständen  als  unerträgliche  Härte  empfunden 
werden  mußte299).    Was  das  kreolische  Patois300)  der  beiden 


"•)  S.  Ch.  Girandeau  Les  Francis  de  l'ile  Maurice  in:  Revue  poli- 
tiqtie  et  litteraire.  Revue  Bleue  25  sept.  1897,  wo  weitere  interessante 
Angaben  zu  dem  englisch-französischen  Sprachenkampf  in  Mauritius  auch 
für  das  Gebiet  der  Verwaltung  und  der  Schule  gemaebt  werden.  —  P.  F|oncin] 
La  langue  francaise  dans  les  deux  lies  sceurs  Maurice  (Ile  de  France)  et 
La  Reunion  (He  Bourbon),  in:  La  langue  francaise  dans  le  Monde  (Paris 
1900),  p.  184—186.  —  Einige  kurze  Bemerkungen  über  die  Herkunft  des 
mauritianischen  Französisch  und  die  Beeinflussung  desselben  durch  das 
Englische  macht  A.  Bos  Romania  IX  (1880),  p.  578. 

so°)  A.Dietrich  Les  parlers  crioles  des  Mascareignes,  in  RomaniaXX 
(1891),  p.  216 — 276.    Hier  weitere  einschlägige  Literatur  p.  219f. 

*L.  Hery  Esquisses  africaines.  Fahles  creoles  et  explorations  dans 
l'tutcricur  de  l'ile  Bourbon.  Nouvelle  edition.  Paris  1883  (vgl.  H.  Schuchardt 
Ltbl.  f.  ererm.  u.  rom.  Phil.  1884,  8p.  369 ff.).  —  H.  Schuchardt  Sur  le  creole 
de  la  Reunion,  in  Romania  XI  (1882).  p.  589— 593  .  —  *V.  Focard  Du 
patois  de  l"/!e  Bourbon.  Etüde  lue  ä  la  Societe  des  Sciences  et  Arts. 
Saint-Denis  (Rennion)  1885  (vgl.  H.  Schuchardt  Ltbl.  f.  germ.  u.  rom.  Phil. 
1885  Sp.  513 ff.).  —  A.  J.  Verlier  Le  imtois  creole  de  l'ile  de  Relation,  in: 
Memoires  de  la  Soci&tc  nationale  d'Agriculture.  Sciences  et  Arts  d' Angers. 
V.  t.  IX  (1906),  p.  283-305. 

A.  Bos  Note  sur  le  Creole  que  Von  parle  ä  l'ile  Maurice,  anflenne 
lle  de  France,  in  Romania  IX  (1880),  p.  571-578.  —  l'.  Baissac  Etüde 
wir  le  patois  ertöte  Maurieien.  Nancy  1880.  (Vf.  weist  im  besonderen 
auch  auf  die  Verschiedenheiten  des  mauritianischen  Kreolisch  von  dem  in 
La  Reunion  gesprochenen  hin.  Vgl.  über  seine  inhaltreiche  Studie  Romania 
X.  -52o.  610  u.  XI,  176).  —  H.  Schuchardt  Litcraturblatt  für  germanische 
und  romanische  Philologie  1885,  Sp.  415  —  417  (Anzeige  von  Ch.  Baissac 
Cours  de  grammaire  francaise  und  Conference  sur  les  Contes  populaires 
de  l'ile  Maurice). 


230  V.  Behrens. 

Inseln  angeht.  so  kommen  besonders  zwei  Varietäten  desselben 
in  Betracht,  wie  sie  sich  im  Munde  der  aus  Madagascar 
stammenden  einheimischen  Neger  (Malagaasen)  und  in  dem 
der  vom  afrikanischen  Festlande  später  herübergekommenen 
Kaffern,  Mozambique-Neger  etc.  herausgebildet  haben.  Hierzu 
kommt  wenigstens  auf  La  Reunion  noch  die  Mundart  der  als 
„crtoles  du  bois",  „petits  crSoles"  oder  auch  als  „petits  blancs"  301) 
bezeichneten,  aus  der  Verbindung  der  ersten  Kolonisten  der 
Insel  mir  malegassischen  Frauen  hervorgegangenen  Mischlinge. 
die  sich  in  die  höher  gelegenen  Teile  der  Insel  zurückzogen 
und  hier  eine  Art  Sonderexistenz  führen.  Interessante,  noch 
nicht  näher  untersuchte  Nüanzen  der  genannten  Varietäten 
des  in  La  Reunion  und  Mauritius  gesprochenen  kreolischen 
Patois  haben  sich  im  Munde  der  seit  dem  dritten  Dezennium 
des  verigen  Jahrhunderts  in  sehr  großer  Zahl  eingewanderten 
Inder30-).  Chinesen  und  anderen  Asiaten  herausgebildet. 

Von  den  Maskarenen  stammende  französische  Kreolen  bil- 
den neben  Negern.  Indern  und  Chinesen  den  größeren  Teil  der 
heute  etwa  20000  Köpfe  starken  Bevölkerung  der  Seychellen. 
Dieselben  wurden,  nachdem  sie  1744  an  Frankreich  gefallen 
waren.  17  »ib  besiedelt.  Nähere  Angaben  über  die  heutigen 
Sprachverhältnisse  der  1815  in  englischen  Besitz  überge- 
gangenen Inselgruppe  liegen  mir  nicht  vor. 

e)  Senegambien  und  Vorderindien,  1  ber  diesel- 
ben genügen  in  diesem  Zusammenhange  ein  paar  kurze 
Bemerkungen,  da  eine  nachhaltigere  französische  Sprachein- 
wirkung hier  nicht  stattgefunden  hat. 

Obgleich  die  Franzosen  schon  im  17.  Jahrhundert  an  der 
senegambischen  Küste  festen  Fuß  faßten  und  die  ersten  Ver- 
suche sich  dort  niederzulassen  vor  diese  Zeit  zurückdatieren, 
hat  eine  eigentliche  Entwicklung  der  Kolonie  erst  nach  der 
Mitte  des  19.  Jahrhunderts  unter  der  Verwaltung  des  Generals 
Faidherbe  (1854— 1861  und  1863  —  1865)  eingesetzt.  Inzwischen 
ist  durch  Schuleinflüsse  manches  auch  für  die  Verbreitung 
der  französischen  Schriftsprache  geschehen,  während  das 
Vorhandensein  eines  negerfranzösischen  Patois  noch  für  den 
Ausgang  des  verflossenen  Jahrhunderts  ausdrücklich  in  Abrede 
gestellt  wird303). 


301)  P.  Gaffarel  Les  colonies  frangaises.    Paris  insu.    p.  108. 

302)  Ihre  Zahl  betrug  1891  auf  Mauritius  bei  einer  Gesaniteimvohner- 
zahl   von  378  872   bereits  256000,   diejenige  der  Europäer   nur  etwa  3000. 

,03)  Vgl.  A.  Sebire  La  langue  frangaise  au  Senegal,  in:  La  Langue 
francaise  dam  le  Monde,  p.  lo«  „de  grands  efforts  out  ete  fait.s  pt.ur  re- 
pandre  l'aniour  de  uotre  langue  au  Senegal,  et  dejä  la  jeune  generation 
des  villes  s'exprime  facilement  en  francais.  \otons.  en  passant.  que  ee 
jargon  qn'on  prete  aux  uoira  «laus  des  narrations  fantaisistes  lv'existe  pas. 
Le  Senegalais  parle   le   vrai  francaia  et  non  le  erhole  des  Antillen."     rhev 


Beitrüge  zu  ebier  Geschichte  der  französischen   Sprache.  '-l'-'A 

in  Vorderindien  haben  die  Franzosen  sich  gleichfalls 
bereits  im  17.  Jahrhundert  festgesetzt.  Im  18.  Jahrhundert 
nahmen  sie  dort  eine  Zeitlang  unter  den  europäischen  Mächten 
die  erste  Stelle  ein,  vermochten  dieselbe  aber  den  Engländern 
gegenüber  nicht  lange  zu  behaupten.  Im  ersten  Pariser 
Frieden  (1814)  verblieben  ihnen  nur  die  kleine  Anzahl  unbe- 
festigter Handelsplätze  |  Tt  rritoires),  die  sie  heute  dort  besitzen: 
Pondicherv.  Karikal.  Yanaon,  Mähe  und  Chandarnagor.  Die 
Zahl  der  Personen,  die  in  Vorderindien  heute  französisch 
sprechen,  belauft  sich  nach  einer  ganz  oberflächlichen 
Schätzung3114)  auf  50000,  darunter  30000  in  den  französischen 
Niederlassungen,  20  000  in  Englisch  Indien. 

15.  Das  zweite  französische  Kolonialreich. 

Nur  einzelne  Trümmer  waren  von  dem  ersten  franzö- 
sischen Kolonialreich  nach  dem  U.  Pariser  Frieden  übrig 
geblieben:  an  der  Küste  Neufundlands  die  Eilande  St.  Pierre 
und  Miquelon :  in:  Westindien  Martinique.  Guadeloupe.  La 
Desirade.  Les  Saintes  mit  Petite  Terre,  Marie  Galante  und 
ein  Teil  von  St.  Martin:  in  Südamerika  Franz.  Guayana:  in 
Afrika  einige  Besitzungen  am  Senegal  und  die  Insel  La  Reunion  ; 
in  Asien  die  fünf  vorderindischen  Handelsplätze  Pondichery, 
Karikal.  Yanaon,  Mähe  und  Chandarnagor.  Der  ausschlag- 
gebende Grund,  weshalb  Frankreich  im  Wettbewerb  mit 
England  unterlag,  war.  daß  es  einen  großen  Teil  seiner 
Machtmittel  zur  Begründung  und  Behauptung  der  Vormacht- 
stellung in  Europa  einsetzte,  während  England  die  volle  Kraft 
auf  die  Durchführung  seiner  kolonisatorischen  Unternehmungen 
konzentrierte.  Als  verhängnisvoller  Fehler  kam  hinzu,  daß 
man  nach  der  Aufhebung  des  Edikts  von  Nantes  in  starrer 
Unduldsamkeit  vielen  Tausenden  von  Glaubensflüchtlingen 
den  Zugang  zu  den  überseeischen  Besitzungen  des  Landes 
verschlossen  hatte,  statt  diesen  mächtigen  Strom  der  Intelligenz, 
der  wirtschaftlichen  Tüchtigkeit  und  des  Kapitals  für  die 
kulturelle  Entwickelung  der  Kolonien  nutzbar  zu  machen  305). 

portugiesischen  Spracheinfluli  bei  den  Franzosen  und  den  Eingeborenen 
der  französischen  Senegal-Kolonie  vgl.  H.  Schuchardt  Zeüschr.  f.  vornan. 
Phüol.  XII  (1888),  p.  312. 

so*)  H.  Ferrier  La  langue  francaise  dann  l'Inde,  in:  La  languefran- 
;<iise  dans  le  Monde  (Paris  1900).  p.  193. 

*08)  Vgl.  G.  K.  Anton  Zur  Entwickehmg  des  französischen  Kolonial- 
reichs, in  Jahrbuch  der  Gehe- Stiftung  zu  Dresden.  Bd.  II  (1897).  Mada- 
gascar  wird  sieh  nicht  mit  Anton  p.  21  zum  älteren  französischen  Kolonial- 
besitz rechnen  lassen,  wenn  auch  Frankreich  offiziell  sein  Anrecht  auf  das- 
selbe wiederholt  geltend  machte.  Vgl.  oben  p.  228  Anni.  297.  —  Französische 
Hugenotten,  die  bei  den  Holländern  an  der  Tafelbai  und  in  Surinam,  so- 
wie in  den  englischen  Niederlassungen  Nordamerikas  Zuflucht  fänden  und 
nützliche    Kulturarbeit    leisteten,    haben    dort    vereinzelte   Spuren   in   der 


D.  Behrens. 

Bemühungen    Frankreichs,    ein    neues   Kolonialreich 

zu  gründen,  siml  seitdem  von  Erfolg  gekrönt  gewesen.  Seinen 
überseeischen  Besitz  bilden  heute  außer  jenen  dürftigen 
Überresten  aus  früherer  Zeit  die  folgenden  Neuerwerbungen 
(Kolonien  und  Protektorate)  von  gewaltiger  Ausdehnung  und 
mit  einer  Bevölkerungszahl,  die  diejenige  des  Mutterlandes 
abertrifft: 

Amerika:   Barthelemv  US/?)306).     S.  oben  p.  325. 

Afrika:  Algerien  (1830  —  1848);  Tunis  (Protektorat 
1881!.  Marokko  (Protektorat  1912);  Französisch-Westafrika 
(dazu  gehören  außer  der  ehemaligen  Senegal-Kolonie  Dahome 
1895.  Elfenbeinküste.  Französ. -Guinea,  Mauretanien  und  die 
Militärterritorien  in  der  Sahara),  Frauzösisch-Aequatorial- 
afrika  (Gabun.  Mittelkongo,  Ubangi-Schari) ;  Französisch- 
Boraaliküste;  Madagascar  und  Dependenzen  (Protektorat 
1882—5,  Kolonie  1896):  Mayotta  (1841);  Comoren  (Protek- 
torat 1886  ) ;  im  Südpolargebiet  gelegen  und  unbewohnt  St.  Paul, 
Neuamsterdam  und  Kerguelen  (1892 — 3). 

Asien:  Französisch-Indochina:  Cochinchina  (1858 — 62), 
Cambodja  ( 1863  Protektorat),  Annam  (1884  Protektorat,)  Tong- 
king  1884.  Laos. 

S  ü  d  s  e  e :  Xeucaledonien  ( 1853)  und  Loyalty-lnseln  (1864) : 
Chesterfield-Inseln  :  Wallis-Inseln  (Protektorat' 1886) ;  Fotuna 
und  Alofa  (Protektorat  188?) :  Französisch-Ozeanien  (Tahiti- 
Gruppe  188<>.  Inseln  unter  dem  Winde  1888,  Tubuai-Inseln 
1882.  Marquesas-Inseln  1842,  Tuamotu-Inseln,  Gambier-Inseln 
1881):  die  unbewohnte  Clipperton-Insel. 

Unter  den  hier  aufgezählten  Kolonien  befinden  sich  keine 
reinen  Einwandererkolonien.  AVeitaus  die  Mehrzahl  derselben 
sind  Eingeborenenkolonien,  in  denen  die  Europäer  nur  zum 
vorübergehenden  Aufenthalt  als  Verwaltungsbeamte,  Missionare. 
Soldaten  etc.  sich  aufhalten.  Aber  selbst  in  den  von  einer  Minder- 
zahl von  Weißen  besiedelten  Mischkolonien,  zu  denen  Tunis  307). 
Teile  von  Algier  308)  und  Xeucaledonien  gehören,  hat  eine  relativ 

Sprache  bis  heute  zurückgelassen.  Vgl.  Ch.  Weiß  Histoire  des  refugi&s 
Protestant*  de  France  depuis  la  r&DOCation  de  l'cdit  de  Nantes  jusqii'ä  nos 
jours  Paris  185:5)  II,  p.  154— 1H1;  ib.  I.  p.  367— 436.  —  R.  Landrieux  La 
langue  francaise  en  Afrique  austräte,  in:  La  langue  franqaise  dans  lt 
Munde  (Paris  1900),  )..  1*1  f.  -  Charles  W.  Baird  History  of  the  Hugnenot 
Emigration  to  America.  2  vol.  New  York  [1884].  —  Sylvester  Primer 
The  Hugnenot  dement  in  Ckarleston's  pronunciation,  in  :  Phonetische  Stt<diei< 
hrsgb.  von  W.  Vietor  III  (1890),  p.  139 ff.  290 ff. 

3oe)  Die  beigefügten  Zahlen  bezeichnen  das  Erwerbungsjahr. 

307,l  Nach  den  Zählungen  von  1901  und  1899  betrug  die  Zahl  der  in 
Tunis  lebenden  Franzosen  24204.  der  Italiener  63  8HH  gegenüber  1  TW 000 
Eingeborenen  oder  Mahoniedanern.  Vgl.  A.  Supan  Die  Jhrülkerung  der  Erde 
XII.  in  :  Peterman/is  Mitteilungen,  Ergänzungsheft  Nr.  146.  Gotha  1904.  p.91. 

*08)  In  Algier  lebten  nach  der  Zählung  von  1901  neben  4  072085 
»Untertanen"  (Araber.   Kabylen.   M'Sabiten   und  Juden   von  M'Sab)  121500 


Beiträge  zu  einer  Geschichte  der  französischen  Sprache.  233 

Bchwache  Besiedelung  vom  Mutterlande  aus  stattgefunden, 
weil  dasselbe  heute  über  genügend  Volkskraft,  um  einen 
«milderen  Teil  derselben  an  seine  überseeischen  Gebiete  ab- 
geben  zu  können,  nicht  mehr  verfügt.  Diesen  Verhältnissen  ent- 
sprechend gewinnt  die  französische  Sprache  im  neuen  franzö- 
sischen Kolonialreich  nur  langsam  an  Boden,  trotzdem  in  den 
letzten  vier  bis  fünf  Dezennien  namentlich  durch  Einrichtung 
von  Schulen  viel  für  die  Verbreitung  derselben  geschehen 
ist 309).  Besondere  Verkehrssprachen,  die  sich  zwischen 
Weißen  und  Eingeborenen  herausgebildet  haben,  sind  das 
Annamito-Französisch  in  Saigon310),  das  Negerfranzösisch 
in  Madagascar 3u)  und  im  Sudan31'2),  das  Bichelamar  in 
Neucaledoniensls),  das  Sabir314)  und  das  Judenfranzösisch315) 
Algeriens. 


in  Frankreich  geborene  Franzosen,  170  9H4  in  Algerien  geborene  Franzosen, 
L55965  Spanier.  38791  Italiener.    Vgl.  A.  Supan  l.  c.  p.  93. 

so*)  Vgl.  in  La  Langue  frangaise  dans  le  Monde  (Paris  1900): 
p.  128—9  P.  F[oncin]  La  langue  frangaise  en  Tunisie,  p.  130 — 133  M.Wahl 
La  langue  frangaise  en  Algerie,  p.  135 — 137  J.  Goffart  La  langue  frangaise 
au  Maroc,  p.  138 — 141  A.  Sebire  La  langue  frangaise  au  Senegal,  p.  142— 
148  0.  Gi\y  La  langue  frangaise  au  Soudan,  p.  149  — 152  V.  Gaboriaud  La 
langue  frangaise  dans  la  Gruinee  frangaise;  p.  152 — 153  P.  F[oncin|  La 
langue  frangaise  ä  la  Cote  d'Ivoire;  p.  153-155  P.  F[oncin]  Opinion  d'un 
officier  sur  l'enseignement  de  la  langue  frangaise  dans  l'Afrique  occidentale, 
p.  156—158  C.  Guy  La  langue,  frangaise  au  Dahomey,  p.  160 — 1B6  P.  Mille 
La  langue  frangaise  dans  les  deux  Congos,  p.  166  P.  F|oncin]  (iabon, 
p.  167—168  Martineau  La  langue  frangaise  ä  la  Cote  des  Somalis,  p.  194 — 
200  A.  Salles  La  langue  frangais  en  Indo-Ckine,  p.  225 — 228  Legoupils  La 
langue  frangaise  en  Nouvelle-Caledonie,  p.  234—236  F.  Puaux  La  langue 
frangaise  en  Oceanie.  Vgl.  ferner:  J.  B.  Piolet  Ijes  Missions  catholiques 
frangaises.  Paris  1901  f  passim;  H.  Bigot  La  langue  frangaise  et  l'ame 
arabe,  in :  Congres  international  pour  l'extension  et  la  eulture  de  la  langue 
frangaise.  Premiere  Session  Liege,  10 — 14  sept.  1905  (Paris,  BruxeUes, 
Geneve  190b).  Fortschritte  der  französischen  Sprache  in  Nordafrika,  in: 
Allgemeine  Zeitung  27.  Juli  1893  (Kurze  Notiz).  H.  Froidevaux  L'(Euvre 
scolairc  de  la  France  aux  colonies  [in:  Les  colonies  frangaises.  Paris  1900. 
Exposition  Universelle  de  1900 1. 

ai°)  H.  Schuchardt  Kreolische  Studien  VIII.  Über  das  Annamito- 
Französische.    Wien  1888. 

31  l)  Vgl.  oben  p.  228  Anm. 

3M)  Vgl.  C.  Guy  l.  c.  p.  144.     Vgl.  dagegen  oben  p.  230. 

,n)  Vgl.  Legoupils  l.  c.  p.  226  „  .  .  .  un  grossier  idiome  qu'on  appelle 
bichelamar,  et  qui  se  compose  de  frangais,  de  quelques  termes  indigenes, 
et  surtout  dranglais".  Dasselbe  ist  ebenso  auf  den  Neuen  Hebriden  im 
Gebrauch,  die  seit  1887  unter  einer  Art  gemeinsamem  engl. -franz.  Protek- 
torat stehen.    S.  J.  Silvester  in  La  langue  frangaise  dans  le  Monde  p.  231. 

314)  H.  Schuchardt  Zs.  f.  rom.  Phil.  XXXIII  (1909),  p.  457  f.  Von 
Schuchardt  wird  eine  Abhandlung  über  die  „Romanischen  Lehnwörter  im 
Berberischen"  vorbereitet.  Vgl.  Sitzungsberichte  der  Kais.  Ah.  der  Wissen- 
schaften in   Wien.    Phil.-hist.  Klasse.     182.  Bd.     1.  Abhandl. 

"■)  H.  Schuchardt  Zs.  f.  rom.  Phil.  XXX,  p.  459  f. 


234  D.  Behrens. 

Auch  in  solchen  überseeischen  Ländern,  die  nicht  zum 
französischen  Kolonialbesitz  gehören  oder  gehört  haben,  ist 
die  französische  Sprache  heute  verbreitet.  Die  Ausbreitung 
derselben  in  den  Dienst  ihrer  Weltpolitik  zu  stellen,  haben 
die  Franzosen  meisterhaft  verstanden,  und  sie  würden,  wenn 
es  hierauf  allein  ankäme,  wohl  längst  allen  Nationen  den  Rang 
abgelaufen  haben.  Als  Organ  dieser  Art  politischer  Propa- 
ganda hat  seit  den  achtziger  .Jahren  des  verflossenen  Jahr- 
hunderts im  besonderen  die  Alliance  franeaise  gedient,  auf 
deren   Berichte  an  dieser  Stelle  verwiesen  sei 316). 

D.  Behrens. 

sie)  La  Langue  franeaise  dans  le  Monde  (Paris  1900):  p.  118—124 
Pr  Schneider  La  langue  frangaise  en  Perse;  p.  125 — 127  M.  Lacau  La 
langue  fr.  en  Tripolüaine;  p.  '201  —  204  A.  Ledere  La  langue  fr.  en  Chine; 
p.  204— 207  Gaston  Rouvier  La  France  dann  la  Chine  du  Nord;  p.  207— 
208  P.  F.  Le  Francais  dans  le  Sud-Ouest  de  la  Chine;  p.  209—213  E.  Bertin 
La  langue  frangaise  au  ■Japan;  p.  217  —  218  de  Petit  La  langue  fr.  aux 
Indes  neerlandahes ;  \>.  220—22.']  G.  B.  rt'Auuet  La  langue  fr.  en  Australie; 
p.  237—241  E.  Daireanx  La  langue  fr.  dans  la  Republique  Ar  gentine; 
p.  242—244  La  langue  fr.  cn  Uruguay  et  au  Paraguay;  p.  245—251 
A.  Bellessort  L'influence  frang.  au  Chili  et  sur  la  cote  du  Pacifique ; 
p.  252—266  A.  Ricaume  La  langue  fr.  au  Bresil;  p.  279—281  L.  Albertini 
La  langue  fr.  au  Me.rique ;  p.  282—286  R.  Doumic  Im  langue  fr.  aux 
Etats-Ünis.  —  Beachte  auch  Fr.  Z.  Lillo  Les  chances  et  les  mogens  de 
Penetration  du  frangais  dans  l'Ame'rique  du  Sud,  particulierement  au  Chili. 
in:  Congres  international  pour  l'extension  et  la  eulture  de  la  langue 
frangaise.  Prem.  Session  Liege,  lo — 14  septembre  1905.  Paris,  Bruxelles, 
Geneve  1906.  A.  Metin  Notes  et  documents  sur  la  langue  franeaise  et 
l'enseignement  du  frangais  hors  de  France,  ib. 


Referate  und  Rezensionen. 


Die    Lieder    Raouls    von     Soissons,    herausgegeben 

von  E  in il  Wink ler.  Halle  a.  S.,  Max  Niemeyer  1914. 

IX.  96  S.  und  2  Beilagen.  3  Mk. 
Von  den  Liedern  Raouls  von  Soissons  war  bisher  nur 
etwa  die  Hälfte  irgendwie  veröffentlicht,  meist  in  Abdrücken 
oder  Reproduktionen  einzelner  Hss..  in  kritischem  Text  wohl 
nur  in  einem  vereinzelten  Falle:  W.  gibt  nun  sämtliche  er- 
haltenen und  von  ihm  als  echt  befundenen  Lieder  Raouls. 
zwölf  an  der  Zahl,  erstmalig  nach  allen  IIss.  heraus.  Er  bringt 
in  seinem  Buche  zunächst  eine  Einleitung:  in  deren  erstem 
Abschnitt  wird  unter  der  Überschrift  „Biographisches"  alles, 
was  über  den  Dichter  und  seine  nicht  ganz  gewöhnlichen 
Schicksale  bekannt  ist,  sorgfältig  und  unter  Mitteilung  der 
wichtigsten  Zeugnisse  zusammen  gestellt  ').  Es  folgen  in  einem 
zweiten  Abschnitt  eine  Übersicht  der  Hss.,  in  denen  die 
Lieder  überliefert  sind,  weiter  eine  ausführliche  Erörterung 
über  die  Vei fasserfrage  und  einige  Bemerkungen  zur  Chrono- 
logie der  Gedichte.  Über  den  letztgenannten  Punkt  ist  nur  wenig 
sicheres  zu  ermitteln,  und  gegen  W.  s  Zeitbestimmung,  der  die 
Gedichte  (soweit  sie  überhaupt  datierbar  sind)  zwischen  1243 
und  1255  ansetzt,  ist  wohl  kaum  etwas  einzuwenden.  Be- 
sondere Bedeutung  kommt  der  Attributionsfrage  zu,  indem 
dabei  einerseits  zu  der  Verfasserschaft  eines  Thierri  de  Soissons 
Stellung  zu  nehmen  war.  dem  die  Hss.  K  und  N  einige  bzw. 
alle  Lieder,  die  sonst  Raoul  zugeschrieben  sind,  beilegen: 
und  andererseits  auch  festzustellen  war,  welche  der  einzelnen 
in  irgend  welchen  Hss.  Raoul  zugeschriebenen  Lieder  wirklich 
von  ihm  herrühren  mögen.  Was  W.  über  den  zweiten  dieser 
Punkte  anführt,  scheint  mir  durchaus  zuzutreffen,  sowohl 
nach  der  positiven  als  nach  der  negativen  Seite  hin;  ich 
kann  also  seine  Entscheidung  bezüglich  der  als  echt  an- 
genommenen wie  der  als  unecht  verworfenen  Lieder  nur  gut- 
heißen2).    In    der    ersten    Frage    dagegen    scheinen    mir    die 

')  Auf  S.  4  ist  in  Amn.  :*  statt  1785  natürlich  1185  zu  lesen,  was  bei 
der  Druckfeblerverbesserung  am  Ende  des  Buches   übersehen   worden  ist. 

*)  Daß  eine  gewisse  Unsicherheit  bestehen  bleibt,  liegt  in  der  Natur 
der  Sache;  übrigens  glaube  ich  weiter  unten  von  anderem  Gesichtspunkte 
ans  einiges  zur  Bestätigung  seiner  Resultate  beibringen  zu  können. 


^:iii  Referate  und  Rezensionen.     W.  Suchier. 

Dinge  Dicht  ganz  so  einfach  zu  liegen,  wie  W.  sie  darstellt: 
zwar  glaube  auch  ich.  daß  man  Thierri  de  Soissona  nicht 
wohl  als  Verfasser  der  zweifelhaften  Lieder  gelten  lassen 
kann,  da  diese  Persönlichkeit  sonst  nicht  nachweisbar  isr;(  i, 
aber  die  übrigen  Gründe  W.a  scheinen  mir  nicht  zuzutreffen. 
Er  glaubt  nämlich  die  fehlerhafte  Attribution  in  K.  und  N 
so  erklären  zu  können,  daß  N  (worin  sämtliche  darin  ent- 
haltenen Lieder  Raouls  dem  Thierri  zugesprochen  sind)  von 
K  als  Xebenquelle  benutzt  worden  wäre,  in  der  Weise,  daß 
K  zwar  die  vier  von  ihm  unter  dem  Namen  Raouls  gebrachten 
Lieder  (=  Nr.  7,  9.  10.  12  der  Ausgabe  W.s)  aus  seiner  ge- 
wöhnlichen Vorlage  hätte  (aus  der  auch  die  nächst  verwandten 
Hss.  X  und  P  die  gleichen  vier  Lieder  geschöpft  haben), 
die  vier  dem  Thierri  beigelegten  Gedichte  (=  Nr.  2  —  4  und  8 
bei  W.)  aber  samt  der  falschen  Attribution  aus  N  herüber- 
genommen hätte.  Wenn  man  auch  annehmen  darf,  daß 
diese  letzteren  vier  Lieder  von  K  in  letzter  Linie  aus  einer 
anderen  Vorlage  stammen  als  die  ersten  vier,  da  sie  an  einer 
ganz  anderen,  späteren  Stelle  der  Hs.  geschlossen  zusammen- 
stehen, so  bestehen  doch  m.  E.  ernste  Bedenken,  in  der  Hs. 
N  die  Quelle  dafür  zu  sehen  ;  denn  einerseits  enthält  auch 
die  Hs.  X  wenigstens  eins  dieser  Lieder  (Nr.  2),  und  eben- 
falls an  spätererStelle  (allerdings  ohne  jeden  Verfassernamen), 
und  andererseits  zeigt  ein  Vergleich  der  Lesarten  von  K  und 
N,  daß  K  die  besonderen  Fehler  von  N  vollständig  vermeidet, 
vielmehr  deutlich  mit  anderen  Hss.  (darunter  X)  zusammen 
gegen  N  geht4).  Man  wird  also  zu  dem  Schlüsse  geführt, 
daß  schon  in  der  gemeinsamen  Vorlage  von  Nund  KXP  (also 
in  der  Hs.  v)  die  zweite  der  oben  genannten  Liederreihen 
(Nr.  2  —  4  und  8)  dem  Thierri  zugeschrieben  war.  und  daß 
dann  N  weiter  auch  die  ersten  vier  Lieder  (Nr.  7.  9,  10,  12), 
die  in  v  noch  unter  dem  Namen  Raouls  gestanden  haben 
dürften,  diesem  Thierri  beigelegt  hat :  auf  welchem  Wege  die 
falsche  Attribution  in  v  zustande  gekommen  sein  mag,  das 
bleibt  allerdings  dunkel. 

Vielleicht  ist  nicht  überflüssig,  bei  dem  Mangel  an  sonstigen 
Argumenten  zur  Verfasserfrage,  auf  einige  inhaltliche  Über- 
einstimmungen und  Berührungen  im  Wortlaut  hinzuweisen,  die 
zwischen  verschiedenen  der  für  Raoul  in  Anspruch  genommenen 

3)  Ein  anderes  Bedenken  gegen  die  Annahme  eines  Dichters  dieses 
Namens  wird  weiter  unten    gebracht. 

')  X.  B.  in  Nr.  2,  V.  14  taute  N  —  toutes  KXVBR,  44  m'oeit  N  — 
l'oeü  KXVBR,  53  seignorage  N  —  d'avantage  KXVBR;  Strophe  III  des 
gleichen  Gedichts  fehlt  in  N  and  X,  ist  aber  in  K  vorhanden:  in  Nr.  3, 
V.  10  martir  N  —  marrir  KV,  27  mal  N  —  mort  KV:  in  Nr.  4,  V.  35 
Quant  N  —  Quant  Amors  KV,  44  sorpraigne  N  —  sempraigne  KV ;  in 
Nr.  8,  V.  22  biaute  plus  qu'cji  cevt  N  —  biawtez  plus  de  cent  KV.  25 
l'amors  N  —  la  mort  KV. 


Lieder  Raouls  von  Soissons.  237 

Gedichte  bestehen.  Bereits  W.  selbst  hat  S.  22 — 23  eine 
Ähnlichkeit  zwischen  Nr.  3,  Str.  YI  und  Nr.  ö.  Str.  Y  hervor- 
gehoben. Im  folgenden  stelle  ich  einige  weitere  Gedanken 
zusammen,  die  sich  in  verschiedenen  Liedern  Raouls.  z.  T. 
in  ganz  ähnlicher  Formulierung,  linden ;  so  begegnet 

in  Nr.  3.  Y.  37  und  Nr.  6.  V.  18  die  Äußerung,  daß  der 
Dichter  bei  aller  Hochschätzung  der  Minne  doch  dem  Paradies 
einen  noch  höheren  Wert  zuerkennen  müsse,  ein  Gedanke, 
der  m.  W.  nicht  als  Gemeinplatz  der  höfischen  Lyrik  gelten 
kann  5) : 

in  Nr.  3.  Y.  42—43  und  Nr.  12.  V.  62 — 63  der  Yergleich 
mit  der  unter  der  Asche  brennenden  Kohle,  der  an  beiden 
Stellen  auch  sehr  ähnlichen  Wortlaut  zeigt : 

in  Nr.  5.  Y.  37  und  Nr.  6.  Y.  24  das  Oxymoron  ,,süßer 
Feind1',  indem  an  der  zweiten  Stelle  die  Dame  douce  anemie, 
an  der  ersten  ihre  Augen  douz  Kiirmis  genannt  werden: 

in  Nr.  6.  Y.  9  und  Nr.  8,  Y.  3—4  sowie  Nr.  6,  Y.  8—9 
und  Nr.  8.  Y.  8 — 9  der  Gedanke,  daß  nur  die  Liebe  dem 
Dichter  die  Fähigkeit  zum  Singen  verleiht,  während  er  ohne 
dieselbe  nicht  dazu  imstande  sei:  auch  hier  sind  einige 
wörtliche  Berührungen  zu  finden,  z.  B.  der  Beim  raison: 
chanson. 

Dazu  kommt  noch  eine  Reihe  von  Stellen,  die  in  ver- 
schiedenen Liedern  wörtlich  oder  fast  wörtlich  wiederkehren. 
So  entsprechen  sich  ziemlich  genau 


Nr.  2.  V.  54—55:  Que  vons  passez  de  seus  et  de  bonte 
Toutes  eeles  de  la  erestiente 


und 

Nr.  rt.  V.  53 — 54 :  Devant  celi  qui  pa^se  de  bonte 
Toutes  celles  de  la  crestientö. 

Zwei  andere  Wortfolgen    treten   sogar  jede   in  drei  ver- 
schiedenen Gedichten  auf: 
einerseits 

Nr.  2.  V.  5  :  (Car  sus  toutes)  sa  graut  biaute  respleut 
Nr.  3,  V.  y\  —  25:  Fet  eil  mou  euer  resplendre  i  Sa  grant  biaute  .  .  . 
uud  V.  28:  Dame,  ou  grant  biaute  respleut 
Nr.  12.  V.  Hl:  En  qui  graut  biaute  resplent: 

andererseits 

Nr.    5.  V.  33:  Boucbe  cortoise  et  de  biaux  diz 

Nr.    8,  V.  37:  (Boue  et  sage.)  cortoise  et  de  Maus  diz 

Nr.  11.  V.  4^:  Boucbe  cortoise  et  de  biaus  diz. 

Wenn  einzelne  solcher  Übereinstimmungen,  wie  ich 
zugebe,  schließlich  auch  auf  Zufall  beruhen  könnten,  so 
glaube   ich  doch,    daß  das  Zusammentreffen  aller  dieser  Be- 

8)  Übrigen-;  betont  Raoul  aneb  sonst  gelegentlich  seinen  religiösen 
Standpunkt:  vgl.  das  Geleit  von  Nr.  2  und  die  letzte  Strophe  von  Nr.  3. 
Merkwürdigerweise  spricht  er  aber  in  Nr.  11.  V.  58—55  fast  das  genaue 
Gegenteil  des  oben  angeführten  Gedankens  aus. 

Zttchr.  f.  frz.  Spr.  u.  Littr.  XLIV'i  <.  jß 


Referaü    und  Rezensionen.      II.  Suchier. 

rührungen  innerhalb  so  weniger  Gedichte  (die  W.  doch  aus 
ganz  anderen  Erwägungen  heraus  als  Werke  Raouls  vereinigt 

nicht  anders  aufgefaßt  werden  kann  denn  als  Bestätigung 
der  Verfasserschaft  Raouls  für  die  Lieder  zweifelhafter  Echt- 
heit. Von  den  durch  die  angeführten  Ähnlichkeiten  in  so 
mannigfacher  Weise  unter  sich  verbundenen  7  Gedichten9) 
(Nr.  2,  3,  5.  6.  8.  11.  12)  ist  eins  nur  anonym  überliefert 
(Nr.  5),  zwei  gehen  unter  dem  Namen  Raouls  i  Nr.  6  und  12), 
die  übrigen  vier  sind,  soweit  sie  nicht  anonym  auftreten. 
demThierri  de  Soissons  zugeschrieben  (Nr.  2.  3,  8,  11).  — 
Auch  diese  Betrachtung  lehrt  also,  daß  man  die  Attribution 
an  Thierri,  trotz  ihres  mehrfachen  Auftretens  in  einer  be- 
stimmten Hss.gruppe.  als  unbegründet  ansehen  muß.  und 
zwar  doch  wohl  nicht  nur  für  die  zuletzt  genannten  vier 
Gedichte,  sondern  prinzipiell '). 

Zur  Textausgabe  selbst  ist  zunächst  zu  bemerken,  daß  W. 
sich  um  das  Verständnis  der  Lieder  offenbar  bemüht  und 
auch  Sorgfalt  auf  den  Text  verwendet  hat :  leider  bleiben 
hinsichtlich  der  äußeren  Textgestaltung  einige  Bedenken 
bestehen,  indem  W.  den  diakritischen  Zeichen  d)  und  der 
Interpunktion  nicht  immer  die  wünschenswerte  Aufmerksamkeit 
geschenkt  hat.  W.  folgt  bei  der  Setzung  der  Interpunktion 
im  wesentlichen  dem  neufranzösischen  Prinzip,  aber  doch 
nicht  konsequent  genug,  so  daß  die  von  ihm  gesetzten  Zeichen 
(eventuell  auch  die  Nichtsetzung  von  Zeichen )  das  Verständnis 
zuweilen    eher    erschweren,    als    fördern 9).    Daß  W.  die  dia- 


°)  Eine  weitere  Fragte  wäre,  wieweit  man  aus  diesen  Berührungen 
zwischen  den  genannten  Gedichten  auf  einen  engeren  zeitlichen  Zusammen- 
hang zwischen  ihnen,  oder  wenigstens  zwischen  einzelnen  von  ihnen, 
schließen  darf:  ich  möchte  hier  nicht  dazu  Stellung  nehmen,  erwähne 
aber,  daß  YV.  ans  anderen  Gründen  (vgl.  S.  26  —  27  seiner  Ausgabe)  die  drei 
Lieder  Xr.  3.  5  und  6  in  annähernd  die  gleiche  Zeit  setzen  möchte. 

7)  Daß  die  Hss.gruppe  KXPX  auch  sonst  kein  unbegrenztes  Ver- 
trauen verdient,  ergibt  sich  aus  einer  Prüfung  der  textlichen  Überlieferung, 
die  au  einer  ganzen  Reihe  von  Stellen  verderbt  ist:  vgl.  z.  B.  Xr.  1,  V.  23: 
Xr.  3.  V.  44:  Xr.  4.  V.  22;  Xr.  7.  V.  34:  Xr.  8,  V.  39;  Xr.  10,  V.  9  und  16; 
Xr.  11,  V.  43;  Xr.  12,  V.  8,  16,  25.  27.  36  (einige  dieser  Fehler  sind  auch 
in  v  zu  rinden).  —  Übrigens  ist  der  Wortlaut  der  Lieder  Raouls  auch  in 
den  anderen  Hss.gruppen  mehrfach  stärker  gestört;  es  gibt  eine  Reihe  von 
Fehlern,  die  offenbar  weiter  verbreitet  Avaren  und  bis  nahe  an  das  Original 
hinaufreichen  dürften :  z.  B.  Xr.  9,  V.  23  und  67  (vielleicht  auch  V.  19) ; 
Nr.  12.  V.  67. 

»)  Z.  B.  fehlt  das  Trema  in  t raison  (Xr.  2.  V.  57).  hair  (Xr.  3,  V.  20). 
hai  (Xr.  L2,  V.  52),  wblier  (Nr.  4.  V.  17  und  Xr.  10,  V.  17) ;  sowie  der 
Akzent  in  adis  (Nr.  1,  V.  17:  Xr.  2.  V.  39;  und  öfter)  und  püiis  (Xr.  7, 
V.  46). 

•)  So  würde  ein  Komma  vor  konsekutivem  que.  das  ja  viele  Frauzo- 
-•n  zu  setzen  pflegen,  manche  Stelle  deutlicher  gemacht  haben  (z.  B.  in 
Nr.  2,  V.  10  und  31 ;  Nr.  11,  V.  18 ;  Xr.  12.  V.  41) ;  auch  am  Ende  eines  Relativ- 
satzes, in  Fällen,  wo  man  den  Beginn  des  Nachsatzes  nicht  auf  den  ersten 
Blick  erkennt,  vermißt  man  öfter  ein  Komma  (z.  B.  in  Xr.  1,  V.  8;  Xr.  2. 


Du    Lieder  Raoids  oon  Soissons.  239 

kritischen  Zeichen  und  die  Regelung  von  u  und  r,  i  und  j 
usw.  auch  in  den  Varianten  durchführt,  erscheint  mir  nicht 
zweckmäßig,  zuweilen  sogar  störend  10). 

Größere  Schwächen  scheint  mir  das  textkritische  Ver- 
fahren des  Herausgebers  aufzuweisen.  Daß  W.  sich  bei  jedem 
Gedicht  prinzipiell  an  eine  bestimmte  Hs.  anschließt,  der  er 
möglichst  weitgehend  folgt,  dagegen  ist  natürlich  an  sich 
nichts  zu  sagen,  da  an  manchen  Stellen  eine  sichere  Ent- 
scheidung zwischen  den  verschiedenen  Lesarten  nicht  zu 
treffen  ist:  jedoch  bedauert  man,  daß  die  Gründe,  die  ihn 
bei  der  Wahl  dieser  Grundhss.  bestimmt  haben,  rein  sprach- 
licher Natur  gewesen  zu  sein  scheinen  (vgl.  S.  VI  der  Vor- 
rede), denn  das  hat  zur  Folge  gehabt,  daß  nicht  nur  die 
verschiedenen  Lieder  auf  der  Grundlage  verschiedener  Hss. 
gegeben  werden  n).  sondern  daß  auch  innerhalb  der  Lieder 
selbst  diese  Grundlage  häutig  wechselt :  um  einzelne  fehlende 
Strophen  der  zuerst  gewählten  Hs.  zu  ergänzen,  muß  W.  bei 
sechs  Liedern  je  zwei,  in  einem  Falle  (Nr.  7)  sogar  drei 
verschiedene  Hss.  heranziehen.  Das  sind  aber  Übelstände, 
die  den  kritischen  Wert  des  so  zusammengewürfelten  Textes 
doch  etwas  herabmindern,  die  aber  bei  einer  anderen  Wahl, 
wenn  auch  nicht  ganz  zu  vermeiden,  so  doch  sehr  einzu- 
schränken gewesen  wären  12).  Noch  besser  hätte  W.  aller- 
dings wohl  getan,  für  die  Schreibung  ruhig  bei  den  gewählten 
Hss.  zu  bleiben,  dann  aber  für  den  Wortlaut  andere,  lediglich 
nach  textkritischen  Gesichtspunkten  auszuwählende  Hss.  zu 
Grunde  zu  legen  13). 

Besonders  bedenklich  aber  erscheint  mir,  daß  W.  auf  jede 
methodisch  auf  den  Verwandtschaftsverhältnissen  der  Hss. 
aufgebaute  Textkritik  verzichtet  hat.  Was  er  zu  diesem 
Punkte  auf  S.  VI  bemerkt,  kann  eine  solch  völlige  Vernach- 
lässigung der  Überlieferung  seiner  Texte  m.  E.  nicht  recht- 
fertigen. Richtig  ist,  daß  in  verschiedenen  Liedern  Raouls 
einzelne  Stellen,  einmal  (in  Nr.  12)  auch  ein  etwas  größeres 


V.  21 ;  Nr.  11,  V.  26),  entbehrte  es  dagegen  gern  vor  manchem  ne  „und, 
oder",  bosonders  in  den  Fällen,  wo  (wie  in  Nr.  11,  V.  25;  Nr.  12,  V.  43) 
kaum  ein  Mißverständnis  (etwa  Verwechslung  mit  der  Negation)  möglich  ist. 

10)  Zu  Nr.  8.  V.  33  z.  B.  bieten  die  Hss.  KN  bei  einem  Eigennamen 
eine  offenbar  verderbte  Lesart,  die  W.  d'Aneguie  schreibt;  man  wüßte  zur 
Emendation  dieser  Entstellung  gern  die  genaue  Schreibung  der  Hss. 

u)  Wenn  man  von  den  nur  in  je  einer  einzigen  Hs.  überlieferten 
Gedichten  oder  Strophen  absieht,  so  zieht  W.  neben  der  Hs.  K  auch  M 
und  N  heran. 

")  Z.  B.  enthält  die  Hs.  N  von  den  12  Liedern  Raouls  10,  K  dagegen 
nur  !»;  an  einzelnen  Strophen  fehlen  in  N  nur  drei,  in  K  dagegen  10. 

11)  Am  besten  vielleicht  V,  die  einzige  Hs.,  die  11  Lieder  enthält  und 
anch  ihren  Lesarten  nach  im  Ganzen  mehr  Vertrauen  verdienen  dürfte  als 
etwa  X  oder  K. 

1«* 


240  Referate  und  Rezensionen.     W.  Suchier. 

Stück,  begegnen,  wo  das  Hss. -Verhältnis  oder  der  Wert  der 
Lesarten  unklar  bleibt:  wenn  man  natürlich  in  solchen  Fällen, 
die  sich  übrigens  bei  fast  jeder  textkritischen  Arbeit  gelegent- 
lich finden,  zu  keiner  sicheren  Entscheidung  gelangt,  so  ist 
das  doch  kein  genügender  Grund,  daraufhin  den  textkritischen 
Wert  der  Hss.- Stammbäume  allgemein  zu  verneinen  und 
sich  lediglich  auf  innere  Kriterien,  die  oft  noch  viel  unsicherer 
sind,  zu  beschränken.  Wenn  man,  wie  W..  einmal  glaubt, 
auf  eine  methodische  Behandlung  der  Überlieferung  ganz 
verzichten  zu  müssen,  die  betreffende  Aufgabe  aber  trotzdem 
irgendwie  ausführen  will,  so  sollte  man  wenigstens  seinen 
skeptischen  Standpunkt  insoweit  konsequent  beibehalten,  daß 
man  irgend  eine  vorsichtig  auszuwählende  Hs.  ihrem  genauen 
Wortlaut  nach  (der  nur  im  Interesse  glatter  Lesbarkeit 
soweit  unbedingt  nötig  zu  emendieren  wäre)  abdruckt  und 
von  den  übrigen  Hss.  rein  mechanisch  die  Varianten  beigibt: 
dann  weiß  auch  der  Leser  genau,  woran  er  ist.  Dieses 
Prinzip  hat  W.  selbst  auf  S.  VI  seines  Vorworts  ganz  ähnlich 
ausgesprochen,  leider  aber  in  der  Praxis  nicht  streng  genug 
durchgeführt ;  denn  er  hat  bei  den  meisten  der  in  mehreren 
Hss.  überlieferten  Gedichte,  soviel  ich  sehe,  oft  ohne  jeden  für 
ihn  zwingenden  Grund  Lesarten  anderer  Hss.  in  seinen  auf 
einer  bestimmten  Hs.  beruhenden  Text  eingesetzt 13*).  Er  hat 
sogar  für  richtig  gehalten,  an  verschiedenen  (allerdings 
offensichtlich  verderbten)  Stellen  den  Wortlaut  auch  gegen 
die  gesamte  Überlieferung  zu  emendieren.  Bei  einer  soweit 
gehenden  Textkritik  sollte  aber  die  methodische  Durch- 
arbeitung der  Varianten  doch  nicht  so  völlig  bei  Seite  ge- 
lassen werden :  denn  auch  bei  der  Überlieferung  unseres 
Trouveres  ist  sehr  häufig  nichts  wesentliches  gegen  die 
geltende  Klassifikation  einzuwenden,  und  wenn  sich  daraus  für 
die  Textherstellung  mancherlei  ergibt,  was  zum  mindesten 
als  einigermaßen  gesichert  anzusehen  ist,  warum  sollen  diese 
Resultate  der  Arbeit  nicht  zugute  kommen? 

Was  W.  S.  19  über  die  Gruppierung  der  Hss.,  die 
Lieder  Raouls  enthalten,  sagt,  gibt  nur,  übrigens  sehr  sum- 
marisch und  nicht  vollständig,  die  Resultate  Schwans 
wieder,  ohne  daß  W.  selbst  auch  nur  den  Versuch  machte, 
vom  Standpunkt  seiner  Ausgabe  aus  dazu  Stellung  zu 
nehmen.  Die  ganze  Frage  wird  eben  völlig  außer  Betracht 
gelassen.    Prüft   man    nun    die  Lesarten  der  Gedichte  durch, 


"»)  Vgl.  Nr.  2.  V.  22  und  25:  Nr.  3,  V.  47:  Nr.  7.  V.  6,  20.  27:  Nr.  8, 
V.  33:  Nr.  10,  V.  09 ;  Nr.  11,  V.  39  und  60;  Nr.  12.  V.  75—76.  —  Daß 
einige  dieser  von  W.  eingesetzten  Lesarten  auf  Grund  einer  kritischen 
Betrachtung  der  Hss.-Verhältnisse  als  ursprünglich  anzusehen  sind,  kommt 
in  vorliegendem  Zusammenhang  nicht  in  Betracht;  andere  (fast  die  Hallte) 
halte  ich  für  unursprünglich  oder  zweifelhaft  und  komme  weiter  unten  auf 
die  Stellen  zurück. 


Dil    Lieder  Raouls  von  Soissons.  241 

so  stellt  man  fest,  daß  tatsächlich  der  Stammbaum  Schwans 
in  den  wesentlichen  Punkten  auch  für  unsern  Dichter  in 
Geltung  bleibt. 

Daß  zunächst  die  Hss.  KXPN  eine  engere  Gruppe 
bilden,  wird  erwiesen  (abgesehen  von  der  oben  S.  236  be- 
sprochenen falschen  Attribution)  durch  den  Fehler  corronneir 
in  Nr.  10,  V.  9  (der  allerdings  auch  in  C  auftritt)  und  honme 
in  Nr.  12,  V.  36  (auch  in  U)  u) ;  daß  weiter  V  sich  zu  der 
genannten  Gruppe  KXPN  stellt,  lehren  die  drei  gestörten 
Keime  in  Nr.  7,  V.  42  (dedenz),  Nr.  9,  V.  65  (riatent)  und 
Nr.  12,  V.  25  (servi),  die  allen  fünf  Hss.  gemeinsam,  aber 
zweifellos  nicht  ursprünglich  sind.  Ferner  gehören  B  und 
B.3  zusammen,  die  in  Nr.  2,  V.  25  übereinstimmend  eine 
Störung  der  Zäsur  zeigen,  während  die  Lesart  in  V.  14 
(honnerer)  nicht  sicher  als  Fehler  zu  erweisen  ist.  Daß 
KXPNV  und  BR3  ihrerseits  wieder  zusammen  zum  Zweig 
su  gehören,  ist  auf  Grund  des  in  den  Liedern  Raouls  vor- 
liegenden Materials  (es  kommt  nur  das  einzige  Gedicht 
Nr.  2  in  Betracht)  nicht  zu  erweisen;  es  spricht  aber  auch 
nichts  gegen  diese  Aufstellung  Schwans,  im  übrigen  ist  dieser 
Punkt  für  die  Praxis  der  Textherstellung  hier  völlig 
unerheblich. 

Eine  andere  Gruppe,  s1  ,  wird  nach  Schwan  gebildet  von 
den  Hss.  MTR2:  auch  dieses  Resultat  findet  seine  Be- 
stätigung durch  gemeinsame  Fehler  in  den  Liedern  Raouls: 
in  Nr.  7,  V.  27  (sans  ff/sfece)  und  V.  44  (rendre,  unkorrekter 
Reim;,  sowie  in  Nr.  10,  V.  43  (bons).  Allerdings  scheinen 
von  diesen  drei  Hss.  im  einzelnen  nicht  M  und  T  gegen  R2 
(wie  Schwan  will:  dafür  läßt  sich  aus  unseren  Liedern  nichts 
Beweisendes  beibringen  l5).  sondern  eher  T  und  R2  gegen  M 
zusammengehören,  wie  man  aus  dem  Umstände  wird  entnehmen 
dürfen,  daß  in  Nr.  7.  V.  27,  29  und  31,  sowie  Nr.  10,  V.  2, 
15.  20,  27,  31  die  beiden  Hss.  T  und  R2  mit  ihren  Lesarten 
der    ganzen  sonstigen  Überlieferung    allein    gegenüberstehen. 

Von  einem  dritten  Zweige  Schwans,  s111,  kommen  bei 
unseren  Texten  die  Hss.  CUH  in  Betracht:  daß  sie  auch 
für  Raouls  Lieder  zusammengehören,  ist  nicht  ganz  einwand- 
frei zu  erweisen,  wird  aber  durch  den  allen  dreien  gemein- 
samen Ausfall  der  Strophe  VI  von  Nr.  10  und  durch  die 
CH  eigentümlichen  (U  fehlt)  Lesarten  in  V.  34.  36,  38  des- 
selben   Gedichts    immerhin    wahrscheinlich    gemacht.      Ganz 

")  Wie  das  Verhältnis  der  vier  Hss.  zueinander  ist.  darüber  lehren 
die  Lesarten  unserer  Lieder  nicht  viel;  ein  Fehler  in  Nr.  12.  wo  KXP  in 
V.  29  eine  Silbe  zu  wenig  haben,  scheint  die  Gruppierung  Schwans,  KXP 
gegen  X,  zu  bestätigen. 

16)  Auf  einige  hierfür  in  Betracht  kommende  Stellen  in  Nr.  10,  Str.  III 
und  IV  ist  nicht  viel  zu  geben,  da  es  sich  dort  um  eine  nur  vorüber- 
gehende, sekundäre  Gruppierung   zu  handeln  scheint:  vgl.  darüber  unten. 


242  Referate  und  Rezensionen.     W.  Suchier. 

Bicher  ist  aber,  daß  CU  unter  sich  nahe  verwandt  sind  :  vgl. 
die  gemeinsamen  Fehler  in  Nr.  7,  V.  38  (gestörter  Keim), 
Nr.  10,  V.  4  (der  Vers  ist  um  eine  Silbe  zu  lang)  und  Nr.  12, 
V.  68  i  Afes),  auch  die  abweichende  Stellung  von  V.  21 — 22 
in   Nr.  9  dürfte  kaum  ursprünglich  sein. 

Somit   wäre  die  Gruppierung  der  bisher  genannten  Iiss. 
wohl  die  folgende: 


M       TR5  z=z=z —  — —         er       H 

K   X    1*    N       V     B  K:, 

Daß  die  drei  Gruppen  s1  .  >•".  sm  ihrerseits  wieder 
unabhängig  voneinander  sind,  läßt  sich  aus  unseren  Texten 
der  Natur  der  Sache  nach  nicht  positiv  beweisen:  immerhin 
bemerke  ich.  daß  ich  in  den  Liedern  Raouls  keine  Stelle 
gefunden  habe,  die  für  einen  Zusammenhang  zwischen  zweien 
dieser  Gruppen  spräche,  wie  ja  auch  Schwan  keine  direkte 
Verwandtschaft  zwischen  ihnen  erwiesen  hat16). 

Um  kein  Mittel,  ins  Klare  zu  kommen,  unbenutzt  zu 
lassen,  habe  ich  auch  einen  Versuch  gemacht,  aus  der  Schall- 
form des  Textes  etwas  über  den  Wert  der  Lesarten  (und 
damit  über  die  Stellung  der  Hss.)  zu  ermitteln,  wobei  mich 
Herr  Prof.  Franz  Saran  in  Erlangen,  dem  ich  auch  an  dieser 
Stelle  dafür  danke,  bereitwilligst  mit  seinem  Rate  unterstützt 
hat.  Ich  hatte  die  erste  Strophe  von  Nr.  7  gewählt,  die  in 
allen  wichtigeren  Hss.  überliefert  ist.  Das  Gedicht  zeigt  nach 
Saran  in  seinen  zehnsilbigen  Versen  sog.  Zickzack-Melodie  l7), 
mit  folgendem  Schema  für  die  Hebungen :  .  •  .  •  . 
Die  Prüfung  bat  nun  ergeben,  daß  die  von  je  zwei  Hss.- 
gruppen  (s1 ;  sn;  sln )  gebotenen  Lesarten  sich  ausnahmslos 
auch  gut  in  die  Versmelodie  einfügten,  während  die  nur  in 
einer  einzigen  Gruppe  überlieferten  Varianten  nur  vereinzelt 
ein  befriedigendes  Klangresultat  ergaben,  meist  sogar  deutlich 


'•)  Allerdings  liefen  in  Nr.  9,  V.  23  und  67.  sowie  in  Nr.  12,  V.  67 
deutliche  Fehler  vor,  die  den  Gruppen  s11  und  sm  gemeinsam  sind:  da  aber 
in  allen  Fällen  s>  nicht  zur  Verfügung  steht,  so  muß  mit  der  Möglichkeit 
gerechnet  werden,  daß  es  sich  hier  um  sehr  weit,  bis  unmittelbar  an  das 
Original  hinaufreichende  Verderbnisse  handelt,  die  also  durch  die  ganze 
Überlieferung  hindurchgeben.  Auch  mit  der  Lesart  confession  in  Nr.  10, 
V.  24.  die  aus  confusion  (MT)  entstellt  zu  seiu  scheint,  ist  nichts  rechtes 
anzufangen,  da  einerseits  CU  fehlen,  andererseits  außer  H  auch  R2  mit 
KXPNV  geht. 

")  Vgl.  über  diese  Melodietypen  Fr.  Saran.  Das  Hüdebrandslied, 
Halle  a.  8.  1915,  S.  64—69;  über  das  Verfahren  im  allgemeinen  ebenda 
S.  46—51. 


l)ir  Lieder  Raouls  von  Soissons.  243 

die  normale  Tonbewegung  des  Verses  störten18).  Man  wird 
also  nur  die  Lesarten  jener  ersteren  Arr  für  ursprünglich 
halten  dürfen;  ein  solcher  Sachverhalt  aber  ist  wieder  nur 
denkbar,  wenn  alle  drei  Gruppen  von  Hss.  voneinander  un- 
abhängig sind.  Damit  wäre  das  bereits  auf  Grund  rein 
philologischer  Erwägungen  gewonnene  Ergebnis  noch  auf 
einem  ganz  anderen  Wege  bestätigt. 

Es  wird  sich  also  empfehlen,  an  der  selbständigen 
Stellung  der  Gruppe  sm  festzuhalten.  Für  die  Textherstellung 
ergibt  sich  daraus  die  Folgerung,  daß  in  den  Liedern  Nr.  7, 
9.  10  an  den  Stellen,  wo  sich  die  Gruppen  KXPNV 
und  MTR  mit  verschiedenen  Lesarten  gegenüberstehen,  die 
Hss.  CU(H)  die  Entscheidung  bringen,  soweit  sie  nicht 
eigene  Wege  gehen.  Auf  die  Stellung  einiger  weiterer  Hss., 
die  nur  in  Nr.  12  auftreten,  komme  ich  später  zu  sprechen. 
Ebenso  will  ich  hier  nicht  auf  einige  Störungen  des  ur- 
sprünglichen Hss. Verhältnisses  eingehen,  die  in  Nr.  2,  7,  10 
und  vor  allem  in  Nr.  12  vorliegen;  die  Richtigkeit  des  obigen 
Stammbaums  im  Ganzen  kann  durch  solche  mehr  oder  weniger 
vereinzelte  Stellen  m.  E.  nicht  in  Frage  gestellt  werden.  Ich 
komme  weiter  unten  auf  alle  diese  Störungen  zurück. 

Ich  wende  mich  nunmehr  den  einzelnen  Gedichten  zu, 
um  zu  prüfen,  ob  auf  Grundlage  der  vorstehend  besprochenen 
Hss.  klassifikation  nicht  eine  noch  weitergehende  Emendierung 
des  Textes,  als  die  von  W.  durchgeführte,  möglich  ist;  auch  aus 
anderen  Erwägungen  heraus  läßt  sich  der  von  W.  gebotene 
Text  hier  und  da  verbessern. 

Nr.  1.  Dies  Gedicht  ist  nur  in  N  und  V  überliefert, 
man  muß  also  im  allgemeinen  der  zu  Grunde  gelegten  Hs. 
folgen,  wie  dies  auch  W.  mit  N  getan  hat. 

V.  8.  Dieser  und  der  folgende  Vers  geben  einen  Sinn  nur, 
wenn  man  si  s'avance  als  Hauptsatz  zu  dem  vorhergehenden 
Relativsatz  ansieht ;  sollte  auch  W.  diese  Auffassung  gehabt 
haben,  so  hätte  er  gut  getan,  ein  Komma  hinter  Amors  zu 
setzen. 

V.  14.  Da  W.  hinter  monstrance  (V.  13)  ein  Komma  setzt, 
scheint  er  das  folgende  Que  als  „denn11  aufzufassen:  ich 
würde  dieses  que  lieber  als  „daß"  nehmen  und  also  monstrance 
Qu'abessiez  sui  zusammenfassen.  Dann  würde  weiter  aller- 
dings wohl  die  Lesart  von  V  {quant  deüsse  monier),  mit  ihrem 

deutlichen    irrealen    Sinn    („während    ich    doch hätte 

sollen"),  besser  in  den  Zusammenhang  passen,  da  der  Text 
von  N  (quant  je  <h<i  amonter)  wohl  nur  temporal  aufgefaßt 
werden  kann. 

18i  In  V.  4  greigneur  (UTV)  zu  tief,  in  V.  6  /ist  (KXPXV)  zu  hoch, 
in  V.  8  Dont  (KXPJNV)  zu  tief  liegend,  in  V.  i»  der  Anfang  von  loiautez 
(MTR)  zu  hoch.  Übrigen*  ist  bei  dienen  Feststellungen  stets  auch  die 
Tonlage  der  benachbarten  Senkungen  zu  berücksichtigen. 


i_'-M  ReferaU   und  Rezensionen.      W.  Suchier. 

V.  21.  W.  schreibt  Lors  m'i  toli,  obwohl  man  nicht  recht 
einsieht,  worauf  das  i  weisen  soll,  ebenso  auch  in  der  Variante 
m'i  dut;  auch  an  allen  späteren  Stellen  des  Textes  und  der 
Varianten,  wo  die  beiden  Buchstaben  mi  zu  einem  Wort 
verbunden  auftreten  und  das  unbetonte  Personalpronomen 
der  1.  Person  im  Spiel  ist.  setzt  er  diesen  Apostroph,  obwohl 
in  der  Mehrzahl  dei  Fälle  keine  Beziehungswort  für  das  i 
vorhanden  ist.  Er  scheint  also  nicht  an  die  Nebenform  ti  < 
(statt  me)  gedacht  zu  haben,  die  zwar  zunächst  dem  Nord- 
und  Ostfranzösischen  angehört 19).  sich  aber  auch  sonst  finden 
dürfte,  und  deren  Vorkommen  in  den  Liederhandschriffen 
wegen  der  vielen  Belege,  nicht  nur  in  den  Liedern  Raouls. 
nicht  geleugnet  werden  kann.  Es  würde  sich  also  empfehlen, 
an  vorliegender  Stelle  mi  zu  schreiben. 

V.  23.  In  diesem  Verse  liegt  scheinbar  eine  epische 
Zäsur  vor  (Contre  fortune  |  des  fins  amanz  grever))  daß  dieser 
Zustand  ursprünglich  ist.  ist  sehr  unwahrscheinlich,  da  Raoul 
solche  Nachlässigkeiten    sonst    streng   vermeidet.      Man    wird 

in  aus  bessern  müssen.  Bei  zwei  anderen  Fällen  dieser 
Art,  die  W.s  Text  zeigt  (Nr.  2,  V.  25  und  Nr.  10,  V.  33).  liegt 
die  Änderung  ebenfalls  auf  der  Hand  :  vgl.  unten. 

\  .  28.  Der  Gebrauch  von  ceus}  worunter  nach  W.  s  An- 
merkung „die  von  der  Liebe  gequälten  treuen  Liebhaber  zu 
verstehen  sind"  erscheint  mir  hier  etwas  befremdlich,  da  das 
Beziehungswort,  das  wohl  allein  in  Betracht  käme,  schon 
fünf  Verse  zurückliegen  würde  (fins  amanz  in  V.  23):  die 
Lesart  von  V  (deseur  touz)  erscheint  mir  klarer  und  auch  des- 
halb vorzuziehen,  da  ich  auch  das  zweite  ceus,  das  N  in 
V.  30  hat,  glaube  beanstanden  zu  müssen  -°). 

V.  30.  Wenn  die  Worte  et  por  ceus  cotif orter,  wie  man 
doch  wohl  annehmen  muß,  noch  zu  dem  Relativsatz,  der  in 
V.  29  beginnt,  gehören,  wäre  ein  Komma  hinter  conforter 
der  Deutlichkeit  halber  angebracht  gewesen ;  allerdings 
scheint  mir  dann  ceus  in  der  Bedeutung,  die  W.  dem  Worte 
in  der  vorher  angeführten  Anmerkung  zu  V.  28  zuschreibt, 
hier  keinen  Sinn  zu  geben.  Man  würde  nach  dem  Zusammen- 
hang erwarten  et  por  soi  conforter  :  da  die  Strophe  nur  in 
der  einen  Hs.  N  überliefert  ist,  wird  man  ohne  besondere 
Bedenken  diese  Textänderung  vornehmen  dürfen. 

Nr.  Ji.  In  KXNV.  BR3  überliefert.  Störungen  dea 
oben  festgestellten  Hss. Verhältnisses  scheinen  vorzuliegen  in 
V.  13.  22.  39  und  40,  wo  V  sich  von  den  nächstverwandten 
IIss.  trennt  und  mit  R  oder  mit  B  oder  mit  X  geht:  indessen 

rgl.  Gust.  Rydberg,  Zar  Geschichte  des  franz.  <>.  Bd.  I.  S.  573—574 

■  Allerdings  ist  zu  bemerken,  daß  in  Nr.  11.  Y.  7  noch  ein  a;anz 
ähnliches  ton:  ceus  auftritt;  auch  dort  enthalten  die  vorhergehenden  Verse 
kein  Beziehungswort  für  da-'  Deraonstrativum. 


Dil   Lieder  Raouls  von  Soissons.  245 

halte  ich  wohl  für  möglich,  daß  alle  diese  Berührungen 
auf  Zufall  beruhen-1"),  zumal  jeder  Fall  anders  liegt. 

V.l.  Statt  plus  (vaillant),  das  W.  auf  Grund  von  KN 
im  Text  gelassen  hat,  ist  wohl  sicher  mieux  zu  lesen,  da  die 
Hss.  XVBR  übereinstimmend  diese  Lesart  bieten;  das 
Zusammentreffen  von  KN  würde  sich  leicht  durch  zufällige 
sekundäre  Änderung  erklären,  da  plus  sage  vorhergeht. 

V.  22.  Hier  hat  W.  auf  Grund  von  VB  veillier  in  den 
Text  gesetzt,  gegen  plorer  von  KXNR;  da  gleich  nachher 
dormir  folgt,  ist  docn  wahrscheinlicher,  daß  zwei  Hss.  un- 
abhängig voneinander  des  Gegensatzes  halber  plorer  in 
veillier  geändert  haben,  als  umgekehrt,  obwohl  auch  plorer 
(durch  V.  18)  nahegelegt  war.  Auch  prinzipiell  hätte  W.  an 
dieser  unsicheren  Stelle  der  zu  Grunde  gelegten  Hs.  K  folgen 
müssen.  —  Übrigens  lautet  der  Vers  in  V  und  B  sonst  ganz 
verschieden,  während  KXNR  genau  gleich  lesen. 

Y.  25.  Die  in  diesem  Verse  vorliegende  überzählige,  aber 
in  W.  s  Text  nicht  elidierbare  e-Silbe  in  der  Zäsur  {face  \  ver- 
meillier,  nach  RB)  zeigt,  daß  nur  die  in  KV  überlieferte 
Lesart  ursprünglich  sein  kann;  der  Vers  lautet  also  Ainz  fei 
ma  face  oh  vermeüle  ou  palir. 

V.  35.  Da  W.  am  Ende  dieses  Verses  kein  Komma  setzt, 
scheint  er  anzunehmen,  daß  der  in  diesem  Verse  auftretende 
Konsekutivsatz  noch  nicht  zu  Ende  ist,  sondern  auch  noch 
den  Anfang  des  folgenden  Verses  umfaßt;  da  hier  aber  ein 
neuer  ijue-Satz  beginnt,  würde  damit  die  Konstruktion  des 
ganzen  Satzes  recht  schwerfällig,  auch  würde  die  Inversion 
{Et  dit  chascuns),  die  an  sich  zwar  möglich,  aber  doch  keines- 
wegs das  Gewöhnliche  wäre,  hier  besonders  auffällig  sein,  da  in 
dem  vorhergehenden  Verse  {que  Deus  vous  fet  .  .  .)  auch 
nicht  invertiert  ist.  Man  setzt  also  wohl  besser  Komma 
hinter  plesir  und  sieht  in  V.  36  eine  freie  Fortführung  des 
Relativsatzes  von  V.  34:  über  diese  Erscheinung,  daß  ein 
Relativsatz  aufgegeben  und  anderweitig  fortgeführt  wird,  die 
altfranzösisch  ziemlich  häufig  ist,  vgl.  z.  B.  Tobler,  Verm. 
Beitr.  III2,  S.  15 — 16;  Mever-Lübke,  Romanische  Syntax 
§  656. 

V.  43.  Da  XNVBR  übereinstimmend  Qu'a  lesen  und, 
soviel  ich  sehe,  gar  kein  Bedenken  dagegen  vorliegt,  wird 
man  diese  Lesart  in  den  Text  nehmen  und  das  von  W.  im 
Text  gelassene  Car,  das  einzig  in  K  überliefert  ist,  in  die 
Varianten  verweisen  müssen. 

V.  47.  Das  diesen  Vers  beginnende  Pur  ce  wird  man 
als  auf  das  Vorausgehende  zurückweisend  ansehen  müssen 
und   nicht    mit    dem    Que   am   Anfang   des    folgenden  Verses 

-'  Besonders  que  statt  qu'en  in  V.  39;  zu  simple  in  V.  40  vgl.  V.  LO, 
Auch  die  beiden  übrigen  Falle  bieten  naheliegende  Änderungen. 


.  (■  Referatt    und  Rezensionen.      M.  Suchier. 

zusammenfassen  dürfen,  da  por  ce  que  „weil",  waa  ja  an  sich 
hier  einen  guten  Sinn  gäbe,  nie,  soweit  ich  feststellen  kann, 
getrennt  wird:  ein  Komma  am  Ende  von  V.  47  würde  die 
hier  vertretene  Auffassung  deutlich  gemacht  haben,  falls  auch 
W.  sie  teilen  sollte. 

Nr.  3.  Dies  Gedicht  ist,  ebenso  wie  Nr.  4,  8  und  11. 
in  den  drei  Hss.  KNY  überliefert.  Da  ich  keine  Stelle 
finde,  die  uns  berechtigte,  an  der  oben  festgestellten 
Gruppierung  (KN  gegen  V)  ernstlich  zu  zweifeln,  so  würde  man 
eine  gleichzeitig  von  K  und  V  oder  von  N  und  V  gebotene 
Lesart  in  den  Text  aufzunehmen  haben2'-);  nach  diesem 
Grundsatz  wäre  eine  Reihe  von  Stellen  in  diesen  vier  Liedern, 
wo  W.  Lesarten  der  von  ihm  als  Grundlage  genommenen 
Hs.  K  gegen  N  und  V  im  Text  gelassen  hat,  zu  Gunsten 
von  NV  zu  ändern.  Nur  wenn  KN  gegen  Y  stehen,  muß 
die  Entscheidung  mehr  oder  weniger  willkürlich  bleiben. 

In  Y.  11  möchte  ich  eher  glauben,  daß  die  Lesart  von 
\  sopirer)  ursprünglich  ist,  als  die  von  KN  (douloser),  da 
die  Verbindung  von  plaindre  (oder  plorer)  und  soupirer  außer 
in  Y.  3  dieses  selben  Gedichtes  noch  an  4  anderen  Stellen-3) 
auftritt,  also  bei  Raoul  offenbar  sehr  beliebt  war.  wogegen 
doulouser  nur  einmal  (in  Nr.  7,  Y.  50)  in  der  Yerbindung 
dolozer  et  conplaindre  belegt  ist.  Eine  volle  Sicherheit  kann 
diese  Erwägung  natürlich  nicht  geben. 

Ahnlich  halte  ich  in  Y.  15  die  Lesart  von  Y  (Ne,  gegen 
Et  von  K  N )  für  ursprünglicher,  da  Raoul  zwei  von  einem 
negierten  Yerbum  finitum  abhängige  Infinitive  sonst  stets 
mittels  nc  verbindet  -*).  nie  durch  et. 

Y.  14.  Die  Lesart  ne  me  in  NV  scheint  mir  nicht  nur 
wegen  der  besseren  Überlieferung,  sondern  auch  darum  dem 
von  K  gebotenen  Wortlaut  ne  m'en,  den  W.  im  Text  belassen 
hat.  vorzuziehen  zu  sein,  weil  ich  gar  keine  rechte  Beziehung 
für  das  en  finde. 

Y.  30.  Daß  W.  hier  mit  Recht  bei  der  Lesart  von  KV 
geblieben  ist  (Loee  de  toute  gent,  gegen  Leece  in  Y)  lehrt  die 
Parallele  mit  Nr.  5,  Y.  49 :  Qu'il  ert  loez  de  tonte  gent. 

V.  36.  Das  Semikolon  am  Strophenschluß  wäre  vielleicht 
besser    in   einen   Punkt   umzuändern :   denn,    wenn    auch    der 

■'  Den  seltenen  Fall  ausgenommen,  «laß  zwei  nicht  näher  verwandte 
FT-.-,  durch  Zufall  einen  naheliegenden  Fehler  jede  unabhängig  von.  der 
andern  hegaugen  hätten.  Hierher  würde  in.  E.  z.  B.  die  fehlerhafte  Lesart 
von  NV  in  Nr.  4,  Y.  53  gehören:  du  rot  de  paradis  (statt  d'un  rai  de 
paradis.  wie  K  richtig  liest),  denn  diese  Entstelluni,'  könnte  sehr  wohl  in 
mehreren  Hss.  selbständig  auf  Grund   eines  undeutlichen  du  rai   oder  gar 

iner  dialektischen  (z.B.  burgnndischen]  Nebenform  von  rai}  der  Vor- 
lage entstanden  sein.  In  V.  68  des  gleichen  Gedichtes  schreibt  N  roie  statt  rate. 
Vgl  Nr.  1,  V.  26;  Nr.  i,  V.  29:  Nr.  9,  V.  5;  Nr.  10.  V.  39. 

:i  Vgl.  Nr.  1.  V.  6;  Nr.  2,  V.  29;  Nr.  4.  V.  6;  Nr.  7.  V.  12  und  47; 
Nr.  s.  V  21;  Nr.  11.  V.  1«. 


l)ii    Z/U  ,h  y  Raouls  von  Soissons. 

folgende  Satz  ebenso  wie  der  vorangehende  mit  (jtir  „denn1' 
beginnt,  so  scheint  mir  doch  an  dem  mit  dem  Strophenschluß 
zusammenfallenden  Ende  des  ersten  dieser  Sätze  ein  ziemlich 
stark  er  Gedankeneinschnitt  zu  sein,  und  eigentliches  Strophen - 
enjambement    findet    sich   sonst   in    Raouls    Gedichten    nicht. 

V.  4t)  und  52.  Die  Interpretation,  die  W.  in  der  An- 
merkung auf  S.  88  dem  in  diesen  Versen  vorliegenden  Satze 
gibt,  ist  ganz  unmöglich,  da  auter  nicht  ein  persönliches 
Objekt,  das  von  der  Präposition  u  abhängt,  bei  sich  haben 
kann;  wohl  aber  kann  das  in  V.  50  stehende  proiier  ohne 
weiteres  einen  solchen  Dativ  bei  sich  haben,  und  der  Sinn 
der  Stelle,    wie   er   m.  E.  einzig   möglich  ist,   wäre  also :  (.Je) 

proi   u  Chatton,   <jiii tarnt.   <jue  la  mere  Deu  aint  (,.ich 

bitte  Karl, daß  er  die  Mutter  Gottes  liebe"). 

V.  47.  In  diesem  Vers  hat  W.  ein  et,  das  sowohl  in  N 
wie  in  V  vor  marchis  steht  (in  K  fehlt  die  Strophe)  getilgt; 
m.  E.  zu  Unrecht,  denn  ich  erblicke  in  diesem  doch  gut  be- 
zeugten et  einen  Beweis  dafür,  daß  der  Wortlaut,  den  dieser 
Vers  in  V  zeigt,  ursprünglich  ist  (Duc,  conte,  prince  et  mareiz), 
und  nicht  der  von  N  (Dux}  contes,  princes  et  marchis),  der 
um  eine  Silbe  zu  lang  ist.  Der  kollektiv  gebrauchte  Singular 
hat  nichts  auffälliges. 

Nr.  4.  Wegen  der  Überlieferung  vgl.  die  Bemerkung 
/.u  Nr.  3. 

V.  7.  bien  mestiers  hat,  da  in  NV  überliefert,  doch  viel 
eher  Anspruch,  in  den  Text  gesetzt  zu  werden,  als  das  von 
W.  beibehaltene  </r</n/  mestiers  von  K;  vgl.  auch  die  ähnliche 
Stelle  in  Nr.  7,  V.  4. 

V.  31.  Auch  hier  würde  man  die  von  NV  gebotene 
Lesart  (Qu'autres)  nicht  so  ohne  dringende  Notwendigkeit  zu 
Gunsten  des  in  K  überlieferten  N'(/iffrrs.  was  W.  im  Text 
hat,  aufgeben  ;  denn  wenn  man  das  que  von  N  V  konsekutiv, 
als  „so  daß",  faßt,  gibt  die  Stelle  m.  E.  einen  befriedigenden 
Sinn. 

V.  54.  Da  NV  hier  übereinstimmend  cuers  lesen,  würde 
man  gut  tun,  dies  in  den  Text  zu  setzen  an  Stelle  des  rors 
von  K,  das  auch  inhaltlich,  wie  mir  scheint,  viel  weniger 
befriedigt. 

V.  68.  Warum  hat  W.  hier  nicht  roie  in  raie  gebessert, 
da  letzteres  doch  durch  den  Reim  (es  ist  gebunden  mit  gaie 
und  retraie)  als  die  unzweifelhaft  ursprüngliche  Form 
erwiesen  ist  ? 

V.  70.  Der  Reim  Dens:  ussp:  wird  durch  die  Anmerkung 
W.s  nicht  befriedigend  erklärt  ;  daß  einem  im  ganzen  sorg- 
fältig reimenden  Dichter  wie  Raoul  eine  Assonanz  unter- 
gelaufen sein  sollte,  wird  man  nicht  ohne  zwingende  Not- 
wendigkeit annehmen.  Offenbar  ist  Deu*  durch  die  Form 
Des    zu    ersetzen,    die    altfranzösisch    (besonders    im  Reim!) 


Referate  und  Rezensionen.      M.  Suchier. 

häufig    begegnet:    übrigens   ist   die    Strophe   nur   in    N 
überliefert. 

Xr.  5.     Nur  in  V  überliefert. 

V.  18.  Die  Worte  si  esponnez  sind  mir  nicht  klar:  W. 
hätte  gut  getan,  seine  Auffassung  der  Stelle  in  einer  An- 
merkung darzulegen. 

V.  29.  Ich  möchte  (trotz  W.  s  Anmerkung  zu  der  Stelle) 
glauben,  daß  die  Worte  uii  pur  vous  dieses  Verses  irgendwie 
»■nrstellt  sind,  bin  aber  leider  nicht  in  der  Lage,  eine  be- 
friedigende Emendation  vorzuschlagen. 

V.  42.  Der  „Reim"  fier:  envoisie  kann,  wie  W.  selbst 
bemerkt,  nicht  ursprünglich  sein :  eine  Emendation  ist  ihm 
aber  nicht  gelungen.  Vielleicht  könnte  man  statt  et  fiei 
lesen  en  fi':  ..zu  Lehen":  dahinter  wäre  ein  Komma  zu  setzen. 
Der  Gedanke  an  das  Lehensverhältnis  wird  auch  durch  s<  rve 
in  V.  44  nahegelegt. 

V.  48.  Wenn  W.  die  Worte  S'avarice  ne  li  deff'ent  als 
Konditionalsatz  ansieht  (wie  ich  glaube  es  tun  zu  müssen), 
so  wäre  ein  Komma  davor  und  dahinter  angebracht  gewesen 
(wie  es  auch  W.  bei  dem  genau  entsprechenden  Falle  in  Y. 
12  dieses  selben  Liedes  gehalten  hat):  was  dagegen  das 
Komma  hinter  gent  in  Y.  49  soll,  ist  mir  nicht  klar,  da  ich 
annehme,  daß  der  que  Satz  mit  gleichem  Subjekt  auch  in 
Y.  50  noch  weiterläuft. 

Nr.  6.  Bei  der  „Entfernung  der  lothringischen  Dialekt- 
eigentümlichkeiten", die  W.  bei  diesem,  wesentlich  nur  in 
der  Hs.  C  erhaltenen  Gedicht  durchgeführt  hat.  ist  er  in  der 
Normalisierung  etwas  zu  weit  gegangen,  denn  Formen  wie 
coens  (V.  1),  sm*  „ohne"  (V.  12,  13,  30,  31  usw.)  sind  alt- 
französisch auch  in  der  Schriftsprache  sehr  gewöhnlich,  eben- 
so kommt  die  Schreibung  c  für  anlautendes  .s  vor  e  (ces  =  ses) 
auch  sonst  vor25).  Dagegen  kann  die  Form  /in  reif .  die  W.  mehr- 
fach hat  stehen  lassen,  für  die  Zeit  Raouls  nicht  als  schrift- 
sprachlich gelten :  daß  Raoul  sie  nicht  kennt,  beweist  der 
Reim  merci :  ami  in  Nr.  8,  Y.  44— 45  '26). 

Y.  16.  Hinter  s'aie  wäre  ein  Komma  angebracht  ge- 
wesen, denn  in  V.  17  ist  wohl  Amors  als  Subjekt  anzusehen, 
während  W.  s  Interpunktion  das  Subjekt  von  Y.  16  noch 
weiter  in  Geltung  bliebe,  was  aber  keinen  so  guten  Sinn  gibt. 

V.  53.  Hier  hätte  W.  das  überlieferte  ke  (Nom.  Fem. 
des  Relativpronomens)  nicht  unbedingt  durch  Jci  zu  ersetzen 
brauchen,    da  jene  Form  auch  außerhalb  des  Lothringischen 


26)  Vgl.  z.  B.  Jen  ähnlichen  Fall  in  Nr.  5,  V.  14:  Q'ancois,  Jen  \Y.. 
nicht  angetastet  hat. 

26)  Chevdiers  (statl  Chevaliers)  in  Nr.  6,  V.  11  ist  wohl  nur  Druck- 
fehler; ebenso  vielleicht  Jie  auffällige  Schreibung  vuü  statt  wteü  in 
Nr.  1.  V.  13. 


Un    Laedt  r  Raouls  von  Soissons.  249 

nicht  gerade  selten  ist;  vgl.  K.  de  Jong,  Die  Eelativ-  und 
Interrogativpronomina  qui  und  gualis  im  Altfranzösischen. 
Dissertation.  Marburg  1900.  S.    34  ff. 

Nr.  7.  Dieses  Gedicht  ist  überliefert  in  den  Hss. 
MTR2.  KXPNY.  CU.  Da  auf  Grund  des  oben  verteidigten 
Stammbaumes  alle  drei  Gruppen  als  unabhängig  voneinander 
anzusehen  sind,  so  wird  in  jedem  Falle  durch  das  Zusammen- 
treffen je  zweier  dieser  Gruppen  die  Ursprünglichkeit  der 
betr.  Lesart  dargetan:  dementsprechend  wäre  W. s  Text  an 
einer  ziemlichen  Zahl  von  Stellen  zu  ändern.  In  einer  Reihe  von 
Versen  scheinen  Störungen  des  ursprünglichen  Hss. Verhältnisses 
vorzuliegen.  So  zunächst  in  V.  27  und  43.  In  V.  27  liest  C  mit 
MTR  la  servent,  während  U  mit  KXPNV  Vont  servie  bietet; 
in  V.  43  trennen  sich  ebenfalls  C  und  U,  indem  C  mit 
KXPNY  m'airt  hat,  während  ü  mit  MTR  m'est  liest.  An 
dieser  zweiten  Stelle  ist  wohl  der  Wortlaut  von  MTRU 
richtig,  da  die  Lesart  von  KX  PN  V  und  C  in  unmittelbarem 
Zusammenhang  steht  mit  einer  Änderung  am  Schluß  des 
vorhergehenden  Verses,  die  sich  schon  durch  den  unkorrekten 
Reim  {dedenz:  plaisanz)  deutlich  als  nicht  ursprünglicher 
Zustand  erkennen  läßt27);  an  der  zuerst  genannten  Stelle 
(V.  27)  ist  keine  sichere  Entscheidung  möglich,  doch  wird 
man  auch  hier  die  von  U  (das  überhaupt  zuverlässiger  als 
€  ist)  gestützte  Lesart  vorziehen,  zumal  sie  auch  inhaltlich 
besser  befriedigt.  Der  von  W.  gegebene  Wortlaut  bleibt 
übrigens  so  in  beiden  Fällen  bestehen.  —  Schwieriger  ist 
eine  Reihe  anderer  Stellen  zu  klären,  an  denen  die  Hss. 
TRCU  (M  fehlt  in  der  Regel)  der  Gruppe  KXPNV  mit 
gemeinsamen  Lesarten  gegenüberstehen.  Nach  den  oben 
angestellten  Erwägungen  würde  man  hier  eigentlich  ohne 
weiteres  den  zu  zwei  verschiedenen  Gruppen  gehörigen  vier 
Hss.  TRCU  zu  folgen  haben;  doch  fällt  auf,  daß  in  dem 
einzigen  Falle,  wo  auch  die  Lesart  von  M  vorliegt  (V.  30), 
diese  Hs.  nicht,  wie  zu  erwarten,  mit  TR  usw.,  sondern  mit 
KXPNV  geht.  In  diesem  Falle  spricht  eine  gewisse 
Wahrscheinlichkeit  dafür,  daß  M KXPNV  die  richtige  Les- 
art («des)  bewahrt  haben,  wogegen  tos  jors  in  TRCU  sekundär 
wäre;  denn  von  ades  macht  Raoul  einen  sehr  häufigen  Ge- 
brauch, während  toz  jorz  nur  einmal  sicher  bei  ihm  bezeugt 
ist  (Nr.  8,  V.  35),  in  anderen  Fällen  aber  entweder  sicher 
sekundär  (so  in  Nr.  12,  V.  24)  oder  wenigstens  stark  verdäch- 
tig ist  (so  in  8.  V.  15).     Man  könnte  daher  geneigt  sein,  hier 


v7)  qui  m'est  ou  euer  ardans UTRCU,  qui  m'est  ou  euer  dedenz  KXPNV: 
vermutlich  haben  sowohl  KXPNV  als  C  das  zweimalige  qui  m'est  (in 
V.  4'2  und  43)  beseitigen  wollen,  indem  sie,  wohl  unabhängig  voneinander, 
an  der  zweiten  Stelle  dafür  qui  m'art  einsetzten,  und  da  nun  KXPNY  ilit- 
"Wiederholung  ardans  —  ort  ebenfalls  störend  empfunden  zu  haben  scheinen, 
haben  sie  darum  wohl  noch  weiter  ardans  durch  dedenz  ersetzt. 


Referat*    und  Rezensionen.      W.  Suchier. 

an  eine  vorübergehende  sekundäre  Anlehnung  von  TK  an 
i    I     zu  denken,   und  wird  das  Gleiche  auch  an  den  übrigen 

"ii.  wo  M  nicht  vorliegt,  für  möglich  halten  dürfen 
(es  handelt  sich  um  Y.  15.  16  und  19),  zumal  diese  Stellen 
ganz  dicht  beisammen  stehen.  Überdies  ist  in  Nr.  10  bei 
verschiedenen  Versen  ein  ähnliches  Auseinandergehen  von 
M  und  TR  zu  beobachten,  wo  ebenfalls  die  Fehler  eher 
auf  Seiten  der  letzteren  zu  linden  sind.  Es  dürfte  also  nicht 
weiter  bedenklich  sein,  auch  an  den  drei  eben  genannten 
Stellen  von  Nr.  ?  der  Gruppe  KXPXV  gegen  TRCU  zu 
folgen  :  genaueres  über  diese  Stelle  s.  weiter  unten. 

Y.  :>  würde  man  Por  cele  rienz  (mit  KXPNVCU)  vor- 
ziehen, da  De  cele  rienz  (was  W.  im  Text  hat)  nur  in  MTR 
vorliegt:  auch  die  Parallelen  mit  Nr.  6,  V.  2  und  mit  Nr.  8. 
V.  3  und  18  sprächen  für  por. 

V.  4.  Lies  plus  grant  joie  (KXPNCUR).  das  wohl 
sicher  ursprünglicher  ist  als  greigneur  joie  von  MTV:  die 
Ersetzung  der  Umschreibung  plus  grant  durch  den  gleich- 
bedeutenden organischen  Komparativ  kann  sehr  gut  un- 
abhängig an  zwei  verschiedenen  Stellen  der  Überlieferung 
eingetreten  sein.     Vgl.  auch  oben  Anm.  18. 

V.  5.  Lies  he  tani  vi  (KXPNVCU)  statt  quant  la  m 
(MTR). 

V.6.  Lies  fait  (MTRCU)  statt  fist,  das  nur  in  der 
Gruppe  KXPNV  überliefert  ist  und  mir  auch  für  den  Sinn 
keineswegs    notwendig    erscheint:    vgl.  auch    oben   Anm.  18. 

V.  9.  Lies  Se  hone  umor  (KXPNVCU)  statt  Se  loiautez 
(MTR);  vgl.  auch  den  Wortlaut  in  V.  26  und  31,  sowie  oben 
Anm.  18. 

V.  13.  m'i  (statt  tm)  zu  schreiben,  ist  nicht  nötig,  an 
der  zweiten  Stelle  sogar  kaum  zu  rechtfertigen :  was  ist 
übrigens  in  dem  Satze  et  I"  langue  mi  loie  Subjekt?  Wohl 
cuer't 

V.  15.  Die  in  TRCU  (M  fehlt)  vorliegende  Lesart  Gar 
erscheint  nach  dem  in  der  Vorbemerkung  auf  S.  249  Gesagten 
verdächtig  (daß  sie  auch  in  V  auftritt,  ist  wohl  Zufall):  auch  aus 
inneren  Gründen  würde  man  das  vonKXPN  gebotene  (^^vor- 
ziehen. Denn  wenn  man  Car  beibehielte,  müßte  man  V.  14 
|  Tel  poor  ai  que  refusez  ne  soie)  auf  das  Vorhergehende  be- 
ziehen, was  gar  nicht  recht  in  den  Zusammenhang  paßt: 
setzt  man  aber  dafür  Que  ein.  so  würde  dies  konsekutiv 
genommen  werden  können  (also  Tel  poor  .  .  .  fortführen) 
und  refusez  fände  in  V.  15  — 16  eine  durchaus  befriedigende 
Begründung  und  Erläuterung.  W.  hat  zwar  das  Que  im  Text 
(da  er  hier  prinzipiell  K  folgt),  setzt  aber  davor  (am  Ende 
von  V.  14)  ein  Semikolon,  sieht  es  also  wohl  als  gleich- 
bedeutend mit  Car  an,  was  mir.  wie  gesagt,  hier  nicht 
einleuchtet. 


l>i>    Lieder  Raouls  oon  Soissons.  25] 

V.  16.  Auch  an  dieser  Stelle  erscheint  es  mir  uacli  dem 
oben  (S.  249)  bemerkten  als  durchaus  billigenswert.  daß  man 
(wie  W.  wieder  aus  prinzipiellen  Gründen  getan  hat)  nicht 
die  Lesart  von  TU  CT  (M  fehlt)  biaus  euz  in  den  Text 
nimmt,  sondern  auf  Grund  von  KXPNY  verz  euz  liest; 
innere  Gründe  kommen  hier  nicht  in  Frage,  da  beide  Aus- 
drucksweisen im  Bereich  der  Möglichkeit  liegen:  die  Wendung 
biaus  euz  kommt  bei  Raoul  noch  in  Nr.  2,  V.  27:  Nr.  4, 
V.  .">1 :  Nr.  it.  V.  45  vor,  während  verz  euz  als  gesicherter  Wort- 
laut allerdings  nur  in  der  Wortfolge  Verz  euz  rianz  in  Nr.  4r 
V.  62  und  Nr.  5,  V.  37  vorliegt'28). 

V.  19.  Auch  hier  möchte  ich  die  Lesart  von  KXPNV 
/./  /litis  qu'ensi  der  von  TRCU  (M  fehlt)  gebotenen  Et  st 
pur  li  vorziehen,  da  durch  letztere  der  ganze  Satz  einen  sehr 
gewundenen  Sinn  bekommt,  während  in  ersterem  Falle  alles 
glatt  und  klar  ist;  auch  W.  liest  wieder  mit  K. 

In  V.  29.  30,  31  und  35  gehen  die  Lesarten  der  drei 
Gruppen  so  stark  auseinander,  daß  der  ursprüngliche  Wort- 
laut nicht  mehr  mit  voller  Sicherheit  zu  ermitteln  ist ;  daß 
W.  hier  einfach  der  zu  Grunde  gelegten  Hs.  M  folgt,  ist 
schließlich  zu  verstehen,  obwohl  sich  gerade  gegen  einige 
Lesarten  von  M  stärkere  Bedenken  erheben. 

V.  29  dürfte  die  Variante  Que  moi  ne  truist  von  KXPNV 
ursprünglich  sein,  und  nicht  Qu'ele  nie  trittst  (TR)  oder 
Qu'en  moi  trittst  ja  (M) :  denn  unter  allen  drei  Lesarten  ist 
die  erstgenannte  die  einzige,  auf  deren  Grundlage  sich  die 
beiden  anderen  ohne  Mühe  erklären  lassen,  ebenso  wie  die 
von  CU,   iie  aber  ganz  offensichtlich  verderbt  sind. 

V.  30.  Von  den  drei  Varianten  Je  Vamerai  (MT[R]), 
St  Vom.  (KXPNV)  und  Ains  l'am.  (C  U),  die  alle  drei 
gleich  gut  bezeugt  sind,  scheint  mir  die  an  zweiter  Stelle 
genannte  am  besten  in  den  Zusammenhang  zu  passen;  statt 
tos  jors  (TRCU)  dürfte,  wie  schon  oben  bemerkt,  besser 
ades  (KXPNVM)  in  den  Text  zu  setzen  sein. 

V.  31.  Lies  Car  (TRKXPNV)  statt  Que  (MCU): 
anstelle  von  le  mien  euer  (MTR)  scheint  mir  tout  mon  euer 
(CU)  aus  verschiedenen  Gründen  den  Vorzug  zu  verdienen. 
mon  /in  euer  (KXPNV)  dagegen  noch  weniger  in  Betracht 
zu  kommen. 

V.  35.  Welche  von  den  drei  hier  vorliegenden  Lesarten 
(Quant  je  reguart)  MTR,  Et  quant  remir  KXPNV,  Car 
[Que  U]  quant  recort  CU)  die  ursprüngliche  ist,  dürfte  kaum 
zu  entscheiden  sein :  auch  das  Heranziehen  der  ähnlichen 
Stellen  Nr.  9,  V.  35  und  Nr.  10,  V.  23  hilft  nicht  weiter. 


S8)  In  Nr.  10.    V.  44   dagegen    scheint    xes    rerz   euz    von    den    Hss. 
KXPNV  sekundär  eingeführt  zu  sein. 


Jteferati    und  .//•  .  .      il  .  Suchier. 

V.  36.     Lies     Autn     (TRKXPNVCU)    statt    Qu\ 
(M);  im  Zusammenhang  mit  dieser  Textänderung  würde  wohl 

auch  das  Komma  am  Ende  von   V.  34  durch  Semikolon  oder 
Ausrufungszeichen  zu  ersetzen  sein. 

V.  37.  Auch  hier  weichen  die  drei  Gruppen  in  ihrem  Wort- 
laut stärker  voneinander  ab,  indessen  kann  hier  m.  E.  nur 
die  Lesart  von  CU  [Joie  si  fais)  Anspruch  auf  Ursprünglich- 
keit erheben,  da  nur  auf  dieser  Grundlage  die  beiden  Rinderen 
Varianten.  Joie  a  uns  cuers  (MTR)  und  Certes  si  faz 
(KXPNV),  zu  erklären  sind. 

V.  41.  Wie  in  V.  13  würde  ich  auch  hier  lieber  mi  als 
m'i  schreiben. 

V.  44.  Die  ursprüngliche  Fassung  dieses  Verses  dürfte 
gelautet  haben  Et  quantylus  m'art,  moinspuet  l'amor  remaindre, 
wie  das  Zusammengehen  von  K.XPNY  und  Cl  lehrt; 
remaindre  bedeutet  hier  ,.aufhören.  ein  Ende  nehmen1'.  Die 
von  W.  im  Text  belassene  Lesart  von  MTR  (rendre)  ergibt 
überdies  mit  taindre,  graindre  usw.  keinen  korrekten  Keim-9). 

Nr.  8.  Wegen  der  Überlieferung  (KNV)  vgl.  die  Be- 
merkung zu  Nr.  3. 

V.  37  schreibt  W.,  im  Anschluß  an  K.  cortoise  de  biaus 
'//:.  was  doch  wohl  bedeuten  würde:  „höfisch  in  Bezug  aut 
schöne  Worte''  und  womit  das  Lob  der  cortoisie  in  merk- 
würdiger Weise  eingeschränkt  wäre:  besser  schriebe  man 
cortoise,  de  biaus  diz,  noch  besser  aber  würde  die  Lesart  von 
N  V  (cortoise  et  </<  biaus  diz)  in  den  Text  genommen.  Vgl. 
hierzu  die  beiden  oben  S.  237  angeführten  Parallelen. 

V.  39.  Der  Wortlaut,  den  alle  drei  Hss.  hier  bieten,  ist 
m.  E.  völlig  sinnlos  :  man  muß  statt  des  Nominativs  J>r-u.<) 
den  auch  W.  beibehalten  hat.  den  Akkusativ  Dpk  einsetzen, 
da  dem  ganzen  Zusammenhange  nach  nur  champion  loeiz 
Subjekt  sein  kann. 

V.  40.  Der  von  NY  übereinstimmend  gebotene  Wort- 
laut Qui  <<ni2  baston  et  navrez  se  deffent  ist.  als  der  hand- 
schriftlich besser  gestützte,  dem  in  K  überlieferten,  den  W. 
wieder  einfach  beibehalten  hat.  vorzuziehen. 

Nr.  9.  In  KXPNV,  CU  überliefert.  Eine  Störung 
der  Beziehungen  scheint  vorzuliegen  in  V.  7,  wo  XPNC 
>'//.  KVT  ptiis  lesen:  man  wird  annehmen  dürfen,  daß  puis 
hier   die    ursprüngliche  Lesart   ist.    da  Raoul  savoir  mit  dem 


**)  Daß  bei  dieser  Änderung  das  Wort  remaindre  innerhalb  dieses 
Gedichtes  zweimal  im  Reime  vorkommt  (das  zweite  Mal  in  V.  47),  ist  kein 
hinreichender  Gegeiigrund :  denn  solche  Wiederholungen  des  gleichen  Kenn- 
wortes rinden  sich  mehrfach  bei  Raoul:  in  Nr.  1  fiance  (V.  20  u.  .31).  Nr.  J 
fin  (66  u.  68);  Xr.  6  mie  (3  u.  10);  vie  (15  n.  21).  paiiir  (27  u.  32);  Nr.  9 
jor  (17  u.  23,  an  zweiter  Stelle  allerdings  nicht  überliefert):  Nr.  10  aeointavre, 
(20  u.  31):  Xr.  11   chier  (24  u.  36). 


Die  Lieder  Raouls  von  Soissons.  253 

Infinitiv  sonst  nur  im  Sinne  von  „verstehen1'  gebraucht30), 
was  hier  keinen  guten  Sinn  gibt.  Der  Fehler  wäre  also  bei 
XPNC,  doch  liegt  es  hier  wieder  sehr  nahe,  an  ein  zufälliges 
Zusammentreffen  der  Gruppe  XPN  und  der  Hs.  C  zu  denken; 
K  müßte  dann  den  ursprünglichen  Wortlaut  sekundär  wieder- 
hergestellt haben. 

V.  13.  Auch  hier  würde,  wie  schon  bei  verschiedenen 
früheren  Stelleu  empfohlen,  statt  m'i  besser  mi  zu  schreiben 
sein:  ebenso  in  V.  17. 

V.  19.  Das  hier  im  Reime  mit  jor}  folor  usw.  stehende 
cors  hat  W.  nicht  beanstandet,  obwohl  eine  solche  Bindung 
auch  als  Assonanz  eigentlich  unmöglich  ist.  Ton  den  IIss. 
bietet  nur  U  einen  Wortlaut  mit  korrektem  Reim  {colour), 
der  auch  inhaltlich  einigermaßen  befriedigt  und  den  man 
darum  gern  in  den  Text  setzen  würde  (La  fagon  et  In  colour 
De  son  ris  der);  indessen  muß  man  stark  mit  der  Möglich- 
keit rechnen,  daß  dieser  Wortlaut  doch  nicht  original,  sondern 
erst  durch  eine  sekundäre  Emendation  des  Schreibers  jener 
Hs.  U  gewonnen  ist.  da  das  mit  U  nächstverwandte  C  zwar 
auch  an  der  Stelle  gebessert  hat.  aber  im  ganzen  doch  ähn- 
lich liest  wie  die  Gruppe  KXPNY.  Man  würde  also,  wenn 
mau  den  Wortlaut  von  U  als  ursprünglich  ansehen  wollte, 
für  C  die  Benutzung  einer  Nebenquelle  aus  der  Gruppe  sa 
annehmen  müssen ;  da  man  dies  aber  nicht  ohne  zwingende 
Notwendigkeit  tun  wird  (es  liegt  in  dem  Gedicht  kein  zweiter 
Fall  vor,  auch  sind  die  Lesarten  von  C  und  KXPNY  an 
jener  Stelle  keineswegs  identisch),  so  dürfte  die  andere  An- 
nahme vorzuziehen  sein,  daß  nämlich  jener  Wortlaut  mit 
gestörtem  Reim,  so  wie  W.  ihn  gibt  (La  fagon  de  son  gent 
cors  Et  son  vis  der),  nach  dem  Zeugnis  der  Hss.  bereits  einer 
letzten,  der  gesamten  Überlieferung  zu  Grunde  liegenden 
Quelle  eigentümlich  gewesen  ist.  Was  die  Lesart  des 
Originals  betrifft,  so  könnte  man  versuchen,  einen  korrekten 
Reim  durch  anderweite  Emendierung  des  falschen  Reimwortea 
zu  erschließen:  da  läge  paläographisch  am  nächsten  de  (oder 
son)  gent  ator  (wozu  die  ähnlichen  Stellen  in  Nr.  2,  V.  40  und 
Nr.  5,  V.  38  zu  vergleichen  wären),  doch  fügen  sich  diese 
Worte  nicht  recht  in  den  Zusammenhang.  Falls  auch  keine 
andere  Emendation  gelingen  sollte,  so  wäre  allerdings  die 
Notwendigkeit  gegeben,  sich  mit  dem  überlieferten  Wortlaut 
abzufinden;  und  da  wäre  darauf  hinzuweisen,  daß  ein  ähnlich 
ungenauer  Reim  sich  noch  ein  zweites  Mal  bei  Raoul  findet, 
in  dem  Jeu-parti  mit  Thibaut  von  Navarra  (bei  W.  Nr.  13), 
V.  50 — 51  (tenebrors  :  cors).  Auch  hier  spricht  sowohl  die 
Überlieferung    als    die    Schwierigkeit    der    Emendierung    für 

,0)  Vgl.  Nr.  3,    V.  51;    Nr.  4,    V.  14:    Nr.  6,    V.  2:    Nr.  7,    V.  33; 
Xr.  8,  V.  5. 

Ztichr.  f.  fr«.  Spr.  u.  Litt.  XLV".  17 


*2~>4  IteferaU   und  Rezensionen.      II.  Suckier. 

die  Ursprünglichkeit  dieses  Keimes,  und  so  wird  man  am 
Ende  nicht  umhin  können,  für  Raoul  eine  Ausspruche  cqrs 
(mit  geschlossenem  ö)  anzunehmen,  die  ich  aber  nicht  ander- 
weitig zu  belegen  vermag.  Dann  wäre  auch  an  unserer  vor- 
liegenden Stelle  wenigstens  die  Assonanz  gerettet. 

V.  39.  Hier  sieht  \V.  die  Worte  sai  bien,  da  er  sie  in 
Kommata  einschließt,  offenbar  als  eingeschalteten  Satz  an. 
was  aber  in  diesem  Falle  eine  ungewöhnliche  Ausdrucks- 
vveise  sein  würde  (als  Beispiele  der  üblichen  Form  ein- 
geschalteter Sätze  solcher  Art  vgl.  Nr.  4,  V.  61  und  Nr.  9, 
V.  48):  das  Nächstliegende  wäre  jedenfalls,  zu  lesen  Lt  sai 
bien,  ja  n'en  garrai,  über  diese  Anreihung  eines  Objektsatzes 
ohne  formale  Subordinierung  vgl.  Meyer-Lübke,  Romanische 
Syntax  §§  535  und  537.  — Entsprechend  dürfte  auch  in  V.  66 
das  Komma  vor  certains  sui  zu  streichen  sein. 

V.  49.  Da  in  V.  44  voi  mit  moi  gebunden  ist,  ist  wohl 
ausgeschlossen,  daß  hier  voi  mit  fai,  prierai  im  Reime  stehen 
sollte,  wie  W.s  Text  es  bietet:  man  hat  einfach  die  Les- 
art von  PC  (sai)  einzusetzen. 

V.  51.  In  der  Form,  wie  W.  diesen  Vers  gibt  (nach 
KXPNV)  hat  er  eine  Silbe  zu  wenig;  es  muß  mit  C  ge- 
lesen werden  bele,  he  fai  (statt  bele,  <>u  fai).  Wegen  dieses  que 
vgl.  Diez.  Gramm.  III3  S.  379  — 380  und  Meyer-Lübke. 
Roman.  Syntax  §  625 3l). 

V.  75  —  7  7.  Diese  Verse  möchte  ich  wesentlich  anders 
auffassen  als  dies  W.  tut:  er  setzt  ein  Komma  hinter  laga, 
faßt  also  wohl  Que  in  V.  75  als  Relativum  und  mon  euer  in 
V.  7  7  als  Objekt  zu  ostagier  auf,  was  mir  sowohl  grammatisch 
(die  Wortstellung,  nmn  euer  vor  pour  moi  ostagier,  wäre  sehr 
ungewöhnlich)  als  inhaltlich  („sie  hält  meinen  Sinn  fest,  um 
mir  mein  Herz  als  Pfand  zu  behalten"  wäre  doch  ein  sehr  ge- 
suchter Gedanke)  nicht  sehr  glücklich  erscheint.  Ich  möchte 
das  Que  in  V.  75  als  „denn"  nehmen,  das  Komma  hinter 
laga  streichen  und  damit  mon  euer  als  Objekt  zu  den  beiden 
vorangehenden  Versen  (Reünt  et  l<i<;a)  nehmen,  während  moi 
nicht  Dativ,  sondern  Objektsakkusativ  (natürlich  in  der  be- 
tonten Form.  vgl.  Tobler.  Verm.  Beitr.  V  S.  404)  des  Infinitivs 
ostagier  wäre  (also:  „denn  sie  hält  mein  Herz  gefangen,  um 
mich  als  Geisel  festzuhalten").  Im  Zusammenhang  hiermit 
wäre  in  V.  79  vor  lessier  dem  Sinne  nach  ein  /a  (nicht  le) 
zu    ergänzen    („damit   ich   sie   nicht   leicht   verlassen  kann"). 

Nr.  10.  In  MTR2,  KXPNV,  CUH  überliefert.  Wie 
bei  Nr.  7,  glaube  ich  auch  in  diesem  Gedicht  W.s  Text  auf 
Grund  der   früher    besprochenen    Hss.klassifikation    an    einer 

3!)  Das  gleiche  qut  liegt,  allerdings  in  etwas  abweichender  Verwen- 
dung, vor  in  Nr.  2,  V.  17:  du  plus  loial  amant  V'onques  Amors  poiat  joie 
doner;  entsprechende  Fälle  s.  bei  Diez.  Gramm.  III1  S.  380— 381. 


I >ir  Lieder  Raouls  con  Soissons.  255 

ganzen  Reihe  von  Stellen  ändern  zu  müssen:  überall  nämlich, 
wo  zwei  jener  drei  Gruppen  zusammentreffen,  wäre  die  von 
diesen  gebotene  Lesart  in  den  Text  zu  setzen.  Bedenken 
erheben  sich  bei  einigen  Versen,  wo  die  vier  Hss.  TRCH 
mit  einer  gemeinsamen  Lesart  für  sieh  stehen.  Zunächst 
wäre  auf  Y.  5  hinzuweisen:  da  gehen  M  und  V  mit  KXPNV 
zusammen  (Quar),  während  TR  und  CH  übereinstimmend 
(Jm  lesen,  ohne  daß  so  leicht  zu  ermitteln  wäre,  bei  welchen  Hss. 
der  Fehler  liegt.  Nun  ist  ja  nicht  ausgeschlossen,  daß  hier 
ein  Zufall  im  Spiele  wäre:  doch  muß  auffallen,  daß  auch  in 
V.  29,  30,  31  und  33  die  Gruppe  TRCH  sich  der  Hs.  M 
gegenüberstellt,  während  KXPNV  und  U  fehlen.  In  V.  29 
möchte  man  glauben,  daß  der  Wortlaut  von  M  (Si  m'envoit 
Deus)  ursprünglich  ist,  da  er  durch  die  Parallele  mit  Nr.  6, 
V.  56  (Si  m'envoist  Deus)  gestützt  wird:  die  Lesart  von 
TRCH  >7  nie  doinst  Deus)  würde  also  einen  diesen  vier 
Hss.  gemeinsamen  Fehler  darstellen  V1).  Die  Analogie  mit  den 
Stellen  in  Nr.  7,  wo  TR  mit  CU  zusammengingen,  macht 
wahrscheinlich,  daß  auch  an  den  eben  besprochenen  Stellen 
TR  sich  von  M  getrennt  und  sekundär  an  CH  angeschlossen 
haben,  zumal  es  sich  auch  hier  in  der  Hauptsache  um  dicht 
beisammenstehende  Stellen  handelt:  irgend  eine  Sicherheit 
dürfte  allerdings  auch  diesmal  kaum  zu  gewinnen  sein  33).  — 
Noch  schwieriger  erscheint  die  Beurteilung  einiger  Stellen 
in  Str.  111.  wo  H  mit  KXPNV  zusammen  gegen  MT(R) 
geht:  man  wird  hier  nicht  einfach  den  Hss.  KXPNVH 
folgen  dürfen,  da  deren  Lesarten  (pormort  in  V.  22  und  confession 
in  V.  24)  inhaltlich  sehr  wenig  befriedigen  und  der  Wortlaut 
von  MT(R)  als  der  ursprüngliche  erscheint  (par  moi  in  V.  22, 
confusion  in  V.  24).  Wenn  man  diese  inneren  Gründe  als 
ausschlaggebend  ansehen  darf,  so  hätte  H  eine  Nebenquelle 
aus  der  Gruppe  .s11  benutzt.  Weiter  ist  auch  die  Stellung 
von  R  an  einigen  Stellen  getrübt,  indem  es  seinerseits  mit 
H  einige  Fehler  teilt:  V.  *24  confession  (auch  in  KXPNV, 
gegen  con f ')<.<'«>, \  M  T),  V.  33  el  siede  (gegen  ei  monde  M T), 
V.  36  Loez  la  moy  (auch  in  C,  gegen  Loez  Je  moi  MT); 
einen  vereinzelten  Fall  dieser  Art  würde  man  gut  als  Zufall 
hinnehmen  können,  alle  drei  zusammen  aber  kaum,  und  so 
wird  man  wohl  für  R  an  diesen  Stellen  eine  Nebenquelle 
aus  der  Gruppe  sm  anzusetzen  haben.  Dagegen  dürfte  die 
Lesart  bele  in  V.  23.  die  R  mit  KXNV  teilt/ in  R  zufällig 
entstanden  sein,  da  H  hier  mit  MT(P)  douce  liest. 


")  Hervorgerufen  vielleicht  durch  Anschluß  au  den  kurz  vorher- 
gehenden Vers  25:  Ne  me  doint  Deus  .  .  . 

33)  Eine  Änderung  des  bei  W.  vorliegenden  AVortlauts  ist  jedenfalls 
an  jenen  Stellen  nicht  nötig,  da  der  Herausgeber  prinzipiell  der  Hs.  M 
folgt;  nur  zu  V.  33  habe  ich  unten  noch  etwas  zu  bemerken. 

17* 


Referah    und   Rezensionen.      W.  Suchier. 

V.  2.     Lies  Vous   nos   dites   (KXPKVCÜH)   statt 
me  disiis  (MTR);  ebenso  n  grantpoissance(K.^K.rNYC\JH) 
Btatt  (/  tel  voiss.      M 

V.  :;.  Lies  et  je  l'ai  bien  ceü  (KXPNVCH)  Btatt  bien 
l'ai  aperceii  |  M  T  R  i. 

V.  4.     Lies   n'a   (  K  X  P  N  V  ( !UH)  statt  n'ait   (M  T  R). 

V.  10.     Lies   m'a    faxt    (RKXPNVCH)    statt    „<«■ 
(MT). 

\.  L2.  Lies  mou  euer  (KXPN\CHi  statt  mon  cor» 
(MTR). 

V.  16.  Lies  Ou  de  blaut''  a  si  tres  grant  fuison  ^aus  den 
Varianten  vonKPKVCH  rekonstruiert):  trtiis  ^statt  a),  das 
außer  in  MTR  auffälligerweise  auch  in  H  begegnet,  scheint 
mir  nicht  so  gut  bezeugt  zu  sein,  zumal  der  Wortlaut  in  H 
(truis  si  tres)  wenig  ursprünglich  klingt. 

In  Y.  1? — 18  erregt  der  Reim  oublier :  guider  Bedenken; 
während  oublier  einfaches  e  als  Tonvokal  hat  und  dem 
entsprechend  in  Nr.  4.  Y.  17  mit  amer,  penser  etc.,  und  in  Nr.  6, 
Y.  35  mit  torner  gebunden  ist,  liegt  bei  quidier  auch  in  der  Sprache 
unseres  Dichters  diphthongisches  ie  vor  (vgl  Nr.  4.  Y.  34—35 
legier  :  cuidier  und  Nr.  7,  Y.  6 — 7  outreeuidier  :  desirrier)} 
und  ein  solches  ie  wird  auch  durch  den  Reim  des  folgenden 
Strophenanfangs  (entier  :  chastoier),  der  in  vorliegendem  Lied 
stets  dem  vorhergehenden  Strophenschluß  entsprechen  muß, 
gefordert.  Ich  sehe  keine  Möglichkeit,  die  Sache  befriedigend 
zu  lösen :  jedenfalls  muß  quidier  geschrieben  und  der  un- 
genaue Reim  mit  oublier  in  den  Kauf  genommen  werden,  da 
eine  Emendierung  dieses  Reimwortes  sehr  schwierig  erscheint. 

Y.  33.  Da  monde  mit  seinem  überzähligen  e  in  der 
Zäsur,  das  vor  dem  folgenden  losengier  nicht  elidiert  werden 
kann,  den  Yers  stört,  hat  man  statt  dessen  mont  zu  schreiben, 
eine  Form,  die  in  Nr.  9,  Y.  61  auch  im  Reime  bezeugt  und 
also  für  Raoul  gesichert  ist.  —  Die  Lesarten  von  TRH  (Quel 
monde  na  T,  Quel  siede  n'a  HR)  sind  zwar  metrisch  ohne 
weiteres  korrekt,  dürften  aber  trotzdem  nicht  ursprünglicher 
sein  als  der  Wortlaut  von  M  (Qu'il  n'a  oujnont),  da  zwei- 
silbiges monde  in  T  bedenklich  ist  und  die  Übereinstimmung 
zwischen  H  und  R  kaum  primär  sein  kann. 

Nr.  11.  Wegen  der  Überlieferung  (KNY)  vgl.  die  Be- 
merkung zu  Nr.  3. 

Y.  5  würde  im  Text  wohl  lauten  müssen :  Et  sens  fet 
biens  et  maus  couvrir  (nach  NY),  nicht  .  .  .  bien  . .  ..  wie  \V. 
im  Anschluß  an  K  schreibt.  Allerdings  ist  zu  bemerken, 
daß  der  Plural  biens  in  der  hier  anzunehmenden  Bedeutung 
„Glück"  nicht  häufig  zu  sein  scheint;  möglich  wäre 
natürlich  auch,  daß  biens  in  N  und  Y  erst  sekundär,  und 
unabhängig,  aus  bien  entstanden  ist.  in  Anlehnung  an  den 
folgenden  Plural  maus. 


Di(    Lieder  Raouls  von  Soissons.  257 

V.  23  ff.  Von  der  hier  beginnenden  Strophe  111  sind 
mir  verschiedene  Stellen  in  der  von  W.  gegebenen  Fassung 
nicht  klar ;  ich  deute  im  folgenden  einige  Möglichkeiten 
anderer  Auffassung  an,  muß  aber  sagen,  daß  auch  so  noch 
mich  manches  nicht  befriedigt.  Vielleicht  liegt  auch  irgend- 
wo eine  Textverderbnis  vor. 

V.  24  scheint  mir  das  von  W.  auf  Grund  von  K  in  den 
Text  gesetzte  la,  das  doch  nur  auf  mort  in  V.  23  gehen 
kann,  keinen  Sinn  zu  geben  (la  conper  si  chier,  womit  „er- 
kauft-' er  denn  den  Tod  ?).  IM  an  könnte  mit  N  V  le  schreiben, 
dieses  le  würde  dann  wohl  vorausweisend  aufzufassen  sein 
und  in  dem  folgenden  ()«e-Satz  genauer  erläutert,  während 
bei  si  rliicr  an  mort  zu  denken  wäre.  Weiter  könnte  man 
noch  das  eiste  si  dieses  Verses  (si  la  conper)  in  se  „wenn"' 
ändern  (vgl.  die  Lesart  sei  von  V,  wofür  aber  hier  des 
Verses  wegen  unbedenklich  se  le  eingesetzt  werden  kann,  da 
die  Inklinierung  ja  nicht  obligatorisch  ist)  und  erhielte  damit 
einen  Konditionalsatz,  dessen  Nachsatz  in  V.  29  beginnen 
würde,  eingeleitet  durch  Et  (Belege  für  diesen  Gebrauch  s.  z.  B. 
im  Aucassin  8,  9;  14.  23;   18.  10:  20,  12:  34,  4). 

V.  26.  Da  cell  (Fem.)  in  der  Verwendung  als  Nominativ 
kaum  zu  belegen  sein  dürfte u),  wird  man  besser  tun.  es 
nicht  (wie  W.)  als  Subjekt  zu  reut  in  V.  27  zu  nehmen, 
sondern  als  Okjekt  zu  amer  und  proier  in  V.  25:  dem- 
entsprechend wäre  das  Komma  hinter  proier  zu  streichen, 
dafür  aber  hinter  vie,  am  Ende  von  V.  26,  ein  Komma  zu 
setzen. 

V.  6  0.  Da  W.  sich  bei  dem  Text  dieses  Gedichtes  an 
K  anschließt,  hätte  er  die  darin  überlieferte  Form  Tristran 
ruhig  im  Text  stehen  lassen  können  und  nicht  Tristan  aus 
N  einzusetzen  brauchen:  jenes  ist  doch  sehr  häufig35)  und 
könnte  sehr  wohl  die  Form  des  Originals  sein. 

Nr.  13.  Dies  Gedicht  ist  überliefert  in  13  Hss. : 
KXPNVSRs  CUF  a.  dazu  eine  Hs.  der  Stadtbibliothek 
Metz  und  eine  der  Bibl.  Mazarine  (Maz.).  Das  Verhältnis 
dieser  Hss.  ist  sehr  verwirrt  und  offenbar  durch  Nebeneinflüsse 
stark  gestört,  in  einem  Maße  wie  dies  selbst  bei  lyrischen 
Stücken  nur  selten  vorkommen  dürfte.  In  diesem  Falle  bin 
auch  ich  von  der  Unmöglichkeit  überzeugt,  die  vorliegenden 
Hss.  mit  so  weit  reichender  Sicherheit  zu  klassifizieren,  daß 
eine  vollkommen  methodische  Bearbeitung  unseres  Liedes 
möglich  ist.  Nun  hat  allerdings  G.  Steffens,  der  in  seiner 
Ausgabe  Die  Lieder  des  Troveors  Perrin  von  Angicourt,  Halle 

3<)  Z.H.  hat  B.  Ganzlin,  Die  Pronomina  demonstrativa  im  AUfranzö- 
■/(.   Dissertation,   Greifswald    1888,    unter   seinen   Belegen   S.  71—77 
keinen  einzigen  Nominativ. 

Vgl.  auch  die  Variante  zu  Nr.  15,  V.  18. 


Referate  und  Rezensionen.      W.  Suchier. 

1905  (Romanische  Bibliothek.  Nr.  18)  S.  287— 290  anhangs- 
weise einen  kritischen  Text  unseres  Gedichtes  mitteilt,  ebenda 
auch  einen  Stammbaum  der  Hss.  aufgestellt; 
dieser  scheint  mir  aber,  ebenso  wie  sein  allgemeiner  Stamm- 
baum auf  S.  114,  so  mangelhaft  begründet  zu  sein,  daß  ich 
Bedenken  habe,  ihn  als  textkritische  Grundlage  anzunehmen  S6). 
Besonders  daß  FSR  eine  Gruppe  für  sich  bilden  (zu  der 
vielleicht  auch  die  Hs.  Metz  gehören  würde,  die  in  Y.  22 
einen  Fehler  mit  S  gemeinsam  hat)  und  weiter  mit  CU 
zusammenzufassen  wären,  daß  ferner  Hs.  a  (die  in  V.  7 
einen  Fehler  mit  Hs.Maz.  zu  teilen  scheint)  sich  diesem 
ganzen  Zweige  der  Überlieferung  anschließt,  dafür  liefern 
die  Varianten  des  Liedes  m.  E.  keinen  hinreichenden  Beweis, 
wenn  auch  diese  Möglichkeiten  natürlich  keineswegs  aus- 
geschlossen sind 37).  Ganz  und  gar  braucht  darum  aber 
keineswegs      auf     methodisches    Vorgehen     bei     der     Text- 

3*)  Steffens  hat  mehrfach  den  methodischen  Fehler  gemacht,  bei  »ler 
Klassifizierung  der  Hss.  einfach  gewisse  gemeinsame  Lesarten  der  Hs>.  zu 
Grunde  zu  legen,  ohne  darüber  hinlänglich  im  Klaren  zu  sein,  ob 
Lesarten  auch  wirklich  fehlerhaft  sind:  denn  nur  in  diesem  Falle  können 
sie  etwas  für  eine  Verwandtschaft  der  betr.  Ilss.  beweisen.  Er  scheint 
anzunehmen,  daß  eine  Lesart,  die  ..besser"  oder  ..vorzuziehen"  ist, 
darum  ohne  weiteres  ursprünglich  sein  müsse;  daß  man  bei  der  Auswahl 
dei  Lesarten  für  den  kritischen  Text  gelegentlich  solche  Erwägungen 
maßgebend  sein  läßt,  wenn  keine  anderen,  methodischeren  Gesichtspunkte  in 
Betracht  kommen,  mag  unvermeidlich  sein,  aber  bei  Aufstellung  von  Hss.- 
stammbäumen  sind  solche  Kriterien  viel  zu  unsicher,  man  sullte  da  eigent- 
lich nur  mit  solchen  Varianten  arbeiten,  von  denen  man  weiß,  daß  sie 
bestimmt  nicht  vom  Autor  herrühren  können.  Auch  die  andere  Möglich- 
keit hat  Steffens  viel  zu  wenig  in  Betracht  gezogen,  daß  gleiche  Lesarten, 
wenn  es  sich  nicht  gerade  um  ganz  charakteristische  Fehler  handelt,  leicht 
unabhängig  voneinander  entstehen  können:  irerade  bei  lyrischen  Gedichten, 
die  doch  oft  ähnliche  und  naheliegende  Gedanken  bringen,  ist  es  leicht 
möglich,  daß  zwei  Schreiber  zufällig  an  eine  beliebige  andere,  gleichwertige 
Ausdrucksweise  oder  auch  an  ein  und  dieselbe  Parallelstelle  gedachi  und 
ihre  Vorlage  in  gleicher  Richtung  umgestaltet  haben.  (Z.  B.  setzen  in 
V.  41  unseres  Gedichtes  verschiedene  Hss.,  die  kaum  alle  miteinander  ver- 
wandt sein  dürften,  statt  des  ursprünglichen  primes  ein  :deichbedeui> 
Premiers  ''in:  das  gleiche  ist  hei  einem  Gedicht  von  Perrin  |bei  Steffens 
Nr.  13,  Str.  IV.  V.  4)  der  Fall,  wo  ebenfalls  gegen  den  Stammbaum  in  zwei 
Hss.  premiers  statt  des  ursprünglichen  primes  auftritt.)  .Man  sullte  daher 
hei  Varianten,  wo  eine  solche  Möglichkeit  besteht,  lieber  vorsichtig  sein 
und  ihnen  jedenfalls  keine  selbständige  Bedeutung  für  die  Gruppierung  der 
Hss.  zu  erkennen.  Daß  man  bei  Wahrung  eines  solch  vorsichtigen  Stand- 
punktes in  manchen  Fällen,  wie  auch  dem  hier  vorliegenden,  zu  keinem 
abschließenden  Resultat  kommt,  muß  eben  im  Interesse  der  methodischen 
Sicherheit  in  den  Kauf  genommen  werden. 

37)  Möglicherweise  würde  sich  hei  einer  streng  methodischen  Durch- 
prüfung der  Lesarten  doch  noch  über  einen  oder  den  anderen  Punkt  einige 
Sicherheil  gewinnen  lassen:  ich  habe  auch  selbst  einen  Versuch  gemacht, 
mußte  .ilier  von  dem  Unternehmen  abstehen,  weil  sich  herausstellte,  daß 
die  Variantenangaben  bei  W.  und  bei  Steffel is  nicht  unwesentlich  ausein- 
andergehen, so  daß  man  bei  verschiedenen  Stellen  nicht  sicher  weiß,  wie 
die  Hss.  denn  nun  wirklich  lesen. 


/)/,    Linh  r  Raouls  von  Soissons.  259 

rekonstruktion  verzichtet  zu  werden:  denn  von  einem  er- 
heblichen Teil  der  Hss.  steht  fest,  daß  der  Stammbaum 
Schwans,  der  sich  bei  den  übrigen  Liedern  Raouls  bewährt 
hat.  auch  bei  vorliegendem  letzten  Gedicht  als  Grundlage 
angesehen  werden  muß.  Daß  KXP  auch  hier  eng  verwandt 
sind,  lehren  verschiedene  Lesarten  (bes.  V.  29).  ebenso  daß 
N  seinerseits  sich  zu  dieser  Gruppe  KXP  stellt  (vgl.  bes. 
V.  36);  auch  für  die  Verwandtschaft  von  V  mit  KXPN  liegt 
(in  Y.  25)  ein  beweisender  gemeinsamer  Fehler  vor,  und 
ferner  zeigen  auch  CU  gemeinsame  Fehler  (bes.  V.  68"). 
Mit  diesen  Angaben38)  bereits  ist  man  aber  in  der  Lage, 
an  einer  ganzen  Reihe  von  Stellen  ein  Urteil  über  den  Wert 
der  Lesarten  zu  gewinnen,  besonders  da.  wo  der  Gruppe 
KXP  oder  KXPN,  deren  Wortlaut  W.  prinzipiell  im  Text 
beibehalten  hat,  die  überwiegende  Mehrzahl  der  übrigen  Hss. 
<  darunter  Y  und  d)  gegenüberstellt. 

Was  ich  auf  dieser  Grundlage  oder  aus  sonstigen  Er- 
wägungen zur  Besserung  des  Textes  vorzuschlagen  habe, 
ist  folgendes. 

Y.  8.  Da  Autresi  nur  in  der  Gruppe  KXPN  überliefert 
ist,  würde  man  dafür  Tout  aussi  einzusetzen  haben,  das  von 
Va  Maz.  RS  Metz  CU  direkt  geboten  oder  wenigstens 
gestützt  wird. 

Y.  16.     Statt  Et  (KXPN)  lies  Mes  (Va  RS  Metz  FCV\ 

V.  29.     Der  Wortlaut  von   KXP  (Se   vous  m'aviez    veee\ 
den  W.  im  Text  gelassen    hat,  ist  schon    darum    sicher   nicht 
ursprünglich,  weil  aviez  nur  zweisilbig  sein  kann,  dem  Sieben- 
silbler  also    eine  Silbe   fehlen   würde;   man  wird    mit  Ya  RS 
Metz  C  lesen  müssen  m'avez  refusee. 

Y.  33.  Statt  S'avrez  lor  joie  (KXP)  wird  S'avez  lor  joie 
(RS  Metz  FU)  oder  Et  lor  joie  avez  (NVaC)  zu  lesen  sein. 

Y.  36.  In  diesem  Verse,  der  in  W.s  Text  im  Anschluß 
an  KXPNU  lautet  Congues  honme  ne  transsi,  befremdet 
mich  der  Akkusativ  honme;  denn  daß  transir  hier  transitiv 
gebraucht  wäre  („nie  machte  sie  einen  Menschen  mit 
einem  so  verzweifelten  Tode  erstarren")  ist  wohl  so  gut  wie 
ausgeschlossen,  nicht  nur  wegen  des  wunderlichen  Gedankens, 
sondern  auch  weil  der  Dichter  in  den  vorhergehenden  Versen 
dieser  Strophe  die  Dame  direkt,  in  zweiter  Person,  angeredet 
hat  und  nun  kaum  so  plötzlich  wechseln  und  zur  dritten 
übergehen  wird39).     Sieht  man   aber  als  Sinn  des  Verses  an 

;'8)  Die  allerdings  gelegentlich,  besonders  in  Str.  IV  und  V  ihre 
'TÜltigkeit  z.  T.  verliereu.  da  sich  KXP  und  X  sowie  C  und  1"  bisweilen 
trennen,  dafür  aber  andere  Hss.  (z.  B.  U  und  R,  in  V.  65;  vielleicht  auch 
a  und  0,  besonders  in  V.  13  und  39)  sicher  gemeinsame  Fehler  zeigen. 

3t)  Zwar  tritt  dann  in  V.  39  doch  die  dritte  Person  auf,  doch  wirkt 
hier  der  Wechsel  lange  nicht  so  unvermittelt;  auch  ist  fraglich,  ob  nicht 
(auf  Grund  von  Va  C)  die  zweite  Person  einzuführen  ist. 


Referate  und  Rezensionen.      W.  Suchtet'. 

„niemals    ist    ein   Mensch    eines    so    verzweifelten   Todes    ge- 

»ena,  so  wird  man  dem  Subjekt  die  alte  Nominativform- 
hom  geben  müssen,  die  Raoul  sonst  (nämlich  Xr.  <;.  Y.  1  :\  und 
Nr.  1<>.  V.  ',  i  gebraucht   und    die  dort  durch  den  Reim  völlig 

:hert  ist:  tatsächlich  ist  ja  hom  oder  hons  in  a  RSPC 
aberliefert.  Fraglich  ist  nur.  wie  man  diu  infolge  dieser 
Änderung  nötig  werdende  weitere  Silbe  gewinnt;  Vom 
Standpunkt  der  vorliegenden  Lesarten  aus  würde  vielleicht 
am  nächsten  liegen,  einfach  Que  onques  zu  schreiben,  weil 
sich,  auf  dieser  Grundlage  sowohl  der  Wortlaut  von  KXP  NUr 
die  eben  elidiert  und  den  zweisilbigen  Akkusativ  (in  der 
Funktion  des  Nominativs)  eingesetzt  haben,  wie  die  Zer- 
splitterung der  übrigen  Hss.,  die  das  ursprüngliche  hom  bei- 
behalten, aber  den  Hiatus  hinter  Que  auf  verschiedene  Weise 
beseitigt  hätten  (entweder  Car  onques.  wie  F  und  8.  oder 
Conques  mais  oder  nus:  wie  R  und  a),  am  einfachsten  er- 
klären würde;  doch  spricht  gegen  diese  Konjektur,  daß  ein 
solches  nicht  elidiertes  que  in  Raouls  Gedichten  sonst  nicht 
zu  finden  ist*0),  darum  wird  man  vielleicht  doch  besser  eine 
der  beiden  letztgenannten  Möglichkeiten   wählen. 

V.  41.  Des  lors  que  primes  ist  entschieden  besser  bezeugt 
(durch  NVßSU,  auch  C  und  a  helfen  stützen)  als  das  von 
W.  im  Text  belassene  Des  primes  qui  je  (nur  in  KXP). 

V.  61.  Statt  der  Lesart  von  KXP  (En  qui  grani) 
könnte  man  die  von  Ya  (Oü  toute)  oder  NUR  {Ou  fine) 
in  den  Text  setzen  wollen:  jedoch  kaum  mit  Recht,  da 
ersteres  durch  die  oben  (S.  237)  angeführte  Parallele  mit 
Nr.  2,  V.  5  und  Nr.  :>.  Y.  -28  gestützt  wird. 

V.  66.  Da  W.  in  Y.  75  und  76  der  Gruppe  GUS  gegen 
\  folgt,  würde  er  konsequenterweise  auch  in  diesem  Yerse 
mit  Cl'S  je  ne  m'os  lesen  müssen,  anstelle  des  nur  in  V 
überlieferten  ne  me  puis;  letzteres  würde  auch  nicht  dem 
Sprachgebrauch  Raouls  entsprechen,  da  er  einen  Haupt- 
satz, der  mit  dem  Yerbum  (^resp.  einem  dieses  begleitenden 
Proklitikum)  beginnen  würde,  stets  mit  dem  Personalpronomen 
einleitet41). 

Nach  diesen  12  Gedichten  Raouls  teilt  W.  in  einem 
Anhang  noch  ein  Jeu-parti  zwischen  Raoul  und  Thibaut  von 
Navarra  mit  und  schließt  vier  weitere  Lieder  an,  die  er, 
obwohl  sie  in  einzelnen  Hss.  Raoul  oder  Thierri  von  Soissons 
zugeschrieben  sind,  ihm  absprechen  zu  müssen  glaubt:  auch 
ich    bin    überzeugt,    daß    diese    vier   (Nr.  14—17)    nicht   von 

Ausgenommen  die  Variante  aus  1I>.  C  zu  Xr.  12.  V.  40  (Ke  aillors). 

Nur  ne  findet  sich  zweimal  oichl  elidiert,  in  Nr.  1.  V.  6  und  Nr.  ti.  V.  25, 

*''i  In  den    12  Gedichten   Raouls  liegen  14  Beispiele   vor,   aber   kein 

einzig  iteiliger  Fall;   nur  im  Nachsatz  kann  das  Pronomen  fehlen 

für  2  Fälle,  während  es  in  4  anderen  auch  da  gesetzt  ist). 


Die  Lieder  Raouls  oon  Soissv  261 

Raoul  herrühren,  denn  sie  sind,  um  von  den  bereits  von  W. 
auf  S.  23 — 25  beigebrachten  z.  T.  sehr  triftigen  Gründen  hier 
abzusehen,  auch  in  Ausdrucksweise  und  Stil  völlig  verschieden 
von  den  echten  Liedern.  Ich  verzichte  daher  darauf,  auf 
Stücke  des  Anhangs  näher  einzugehen. 
Abschließend  möchte  ich  noch  einmal  auf  meine  Be- 
denken gegen  das  von  W.  angewandte  textkritische  Verfahren 
zurückkommen.  Ich  gebe  zu.  daß  man,  je  nach  Erfahrungen 
und  Sinnesart,  verschiedener  Ansicht  darüber  sein  kann,  ob 
in  einem  bestimmten  Falle  eine  genügend  sichere  Grundlage 
für  die  kritische  Durcharbeitung  eines  Textes  gegeben  sei, 
bin  aber,  wie  schon  gesagt,  der  Meinung,  daß  bei  vorliegen- 
der Ausgabe  die  handschriftlichen  Verhältnisse  einen  so 
extremen  Skeptizismus  im  allgemeinen  nicht  rechtfertigen. 
Da  ich  den  oben  verteidigten  Stammbaum  Schwans  für  eine 
im  ganzen  durchaus  solide  Grundlage  halte,  muß  ich  auch 
glauben,  daß  die  von  mir  daraufhin  vorgeschlagenen  Text- 
änderungen den  ursprünglichen  Wortlaut  mit  größerer 
Wahrscheinlichkeit  wiedergeben  als  W.s  Lesarten  an  den 
beanstandeten  Stellen.  Nicht  zu  leugnen  ist,  daß  stellen- 
weise Störungen  des  Hss.verhältnisses  auftreten  und  Un- 
klarheiten mit  sich  bringen;  in  solchen  Fällen  kann  aller- 
dings nicht  immer  eine  hinreichende  Sicherheit  bei  der  Ent- 
scheidung erreicht  werden,  trotzdem  wird  man  im  Interesse 
einer  methodischen  Textkritik  darauf  bestehen  müssen,  daß 
der  Versuch  einer  wenigstens  einigermaßen  befriedigenden 
Lösung  auch  solcher  Schwierigkeiten  nicht  von  vornherein 
unterbleibt. 

Göttingen.  Walther  Süchiek. 


Adolf   Toblers    Altfranzösisches   Wörterbuch.     Mit    Unter- 
stützung der    Königlich    preußischen    Akademie    der 
Wissenschaften     aus     dem     Nachlaß    herausgegeben 
von    Erhard  Lommatzsch.     Lieferung   1      und  2. 
LXVS.,    240     Sp.  Lex.    8"      Berlin.     Weidmannsche 
Buchhandlung  1915. 
Als  Adolf  Tobler,  noch  halb  Student,  den  Plan  faßte,  ein 
altfranzösisches  Wörterbuch    zu    schreiben,    da   schwebte   ihm 
ein  Werk    vor.    das    in    erster    Linie    dazu    dienen    sollte,    die 
literarischen    Denkmäler    des    Mittelalters    zu    verstehen,    die 
Mittel    an    die  Hand  zu  geben,    Textverderbnisse  zu  bessern, 
den  Sprachgebrauch,  die  von  den  heutigen  abweichenden  Be- 
deutungen   und  Verwendungen    auch    denen    zu    übermitteln, 
die  nicht   schon    eine   Reihe  von  Texten  gelesen  hatten.     Zu 
dieser    Aufgabe    war    er    wie    wenig   Andere    befähigt.      Ein 


Referate  und  Rezensionen.      II.  Meyer- Lü 

liebevolles  Eingehen  in  den  Text,  ein  starkes  Bedürfnis,  ihn 

bis  ins  Einzelnste  zu  verstehen,  nicht  bei  angefahren)  Ver- 
ständnis stehen  zu  bleiben,  die  Gabe,  dieses  Bedürfnis  auch 
befriedigen  zu  können,  und  die  Ruhe,  alles  ausreifen  zu  lassen, 
vereinigten  sich  in  ihm.  Bald  gab  er,  in  Rezensionen 
namentlich,  Proben  seines  Wissens  und  Könnens  auf  diesem 
Gebiete,  so  daß  man  mit  steigender  Spannung  das  ganze  Werk 
erwartete.  Aber  es  kam  nicht.  Als  dann  Godefroy.  von 
Littre  mit  begreiflicher  patriotischer  Freude  begrüßt,  sein 
Wörterbuch  veröffentlichte,  da  steigerte  sich  für  uns.  die 
wir  die  großen  Schwächen  des  französischen  Werkes  sahen, 
der  Wunsch,  das  Toblersche  zu  bekommen,  noch  mehr,  und 
auch  einsichtige  Franzosen  verhehlten  sich  nicht,  daß  uns 
Tobler  etwas  Wertvolleres  bieten  könne,  ja  P.  Meyer,  dem  man  ja 
nicht  Voreingenommenheit  für  deutsche  Wissenschaft  nach- 
rühmen kann,  schrieb  anläßlich  Toblers  Tod:  „cette  oeuvre 
monumentale  qui,  ä  quelque  degre  d'elaboration  qu'elle  ait 
ete  poussee,  ne  peut  que  contribuer  au  progres  de  la 
science  et  mettre  le  sceaux  ä  la  reputation  d'Adolf  Tobler". 
Aber  Tobler  schwieg,  äußerte  sich  wohl  gelegentlich,  dem 
dringendsten  Bedürfnis  sei  ja  durch  Godefroy  abgeholfen. 
Mit  dem  steigenden  Alter  kam  dann  wohl  die  Abnahme 
einer  ohnehin  nach  dieser  Seite  hin  nie  großen  Entschluß- 
fähigkeit und  so  blieben  die  Zettel  in  den  berühmten  Blech- 
kästen, die  jeder  kannte  und  wohl  oft  sehnsüchtig  betrachtete, 
der  in  Toblers  Studierzimmer  kam. 

So  überraschend  es  auf  den  ersten  Blick  ist.  daß  ein 
Gelehrter  ein  Lebenswerk,  das  er  nicht  erst  in  Angriff  nimmt, 
wenn  er  auf  der  absteigenden  Bahn  steht,  nicht  abschließt, 
so  ist  es  doch  verständlich,  sobald  man  den  wissenschaftlichen 
Gesamttypus  in  Betracht  zieht.  Tobler  war  durchaus  der 
Mann  der  Einzelforschung.  "Wer  aber  ein  großes  zusammen- 
hängendes Werk,  vor  allem  ein  derartiges  Wörterbuch  schaffen 
will,  muß  den  Mut  des  Abbrechens  haben,  er  muß  sich  oft 
sagen,  daß  ein  Artikel  nicht  befriedigt,  weil  dies  und  jenes 
erst  durch  neues  Material  aufgeklärt  weiden  kann,  ein 
Material,  das  sich  nicht  systematisch  suchen  läßt,  das  aber 
vielleicht  doch  einmal  zum  Vorschein  kommt,  und  er  darf, 
wenn  er  fertig  werden  will,  nicht  warten,  bis  dieser  Fall  ein- 
tritt, sondern  muß  im  vollen  Bewußtsein  der  Mangelhaftigkeit 
doch  eben  abschließen.  Tobler  aber  gab  nichts  aus  der 
Hand,  was  ihn  nicht  nach  Form  und  Inhalt  gleichmäßig  und 
ganz  zufrieden  stellte  —  und  er  war  nicht  leicht  zufrieden 
zu  stellen.  So  konnte  er  Artikel,  die  ihm  lagen  und  für  die 
er  das  ihm  genügend  erscheinende  Material  besaß,  in  meister- 
hafter Weise  ausarbeiten,  andere  ließ  er  unvollendet  oder 
unangefangen  liegen. 


Tobler.  Altfranzösisches    Wörterbuch.  263 

Trotzdem  werden  wir  alle  der  Akademie  und  noch  viel 
mehr  dem  Herausgeber  dankbar  sein,  daß  sie.  was  Tobler 
durch  ein  Lebensalter  hindurch  gesammelt  hat,  allgemein 
zugänglich  machen.  In  einer  sehr  interessanten  Einleitung 
gibt  Lommatzsch  Rechenschaft  nicht  nur  über  das.  was  man 
alles  aus  dem  Werke  lernen  kann,  sondern  vor  allem  auch 
über  den  Zustand  der  Handschrift.  Man  kann  daraus  er- 
messen, welch  gewaltige  und  entsagensvolle  Arbeit  er  leistet 
und  wie  viel  eigenes  er  dazu  gibt.  Denn  man  darf  nie 
übersehen,  daß  das  Sammeln  des  Materials  eine  so  bedeutende 
Leistung  es  da.  wo  es  galt,  den  Sinn  festzustellen,  auch 
darstellt,  doch,  soweit  es  sich  um  Denkarbeit  handelt, 
hinterdem  Ordnen  zurücksteht.  Es  wäre  vielleicht  nicht  unrecht, 
das  Buch  als  Tobler-Lommatzsch  zu.  zitieren,  wenn  man 
auf  solche  subjektive  Dinge  überhaupt  Wert  legt. 

Ich  will  nun  im  folgenden  versuchen,  das  Werk  zu 
charakterisieren  nach  seinen  Licht-  und  Schattenseiten. 
Tobler  hat  so  gewaltige  Verdienste  um  die  romanische, 
namentlich  die  altfranzösische  Philologie,  daß  eine  kritiklose 
Lobpreisung  oder  eine  Vogelstraußpolitik  seinem  Ruhme 
mehr  abträglich  als  zuträglich  wäre;  für  das  heranwachsende 
Geschlecht  aber,  das  den  Mann  nicht  mehr  kennt,  nicht 
weiß,  wieviel  von  dem  heutigen  Gemeingut  ihm  zu  verdanken 
ist,  bedarf  es  einer  Erklärung,  auf  daß  es  nicht  bloß  die 
Fehler  sieht. 

Wir  müssen  immer  daran  festhalten,  daß  wir  einen  Torso 
vor  uns  haben,  an  dem  der  Schöpfer  noch  lange  nicht  die 
letzte  Hand  gelegt  hatte.  Das  ergibt  sich  nicht  nur  daraus, 
daß  oft  genug  die  Bedeutungen  nicht  angemerkt  sind,  nicht 
nur  da,  wo  sie  sich  von  selbst  verstehen,  das  ergibt  sich 
auch  aus  der  Art  und  Weise,  wie  Arbeiten  anderer  angeführt 
werden.  So  liest  man  Sp.  22  „a  mit  inf.  hist.  (vgl.  Ebeling, 
Hist.  fz.  Synt.,  S.  75)".  Schlägt  man  nach,  so  findet  man 
einen  älteren  Beleg  als  die  bisher  angeführten  für  de  mit  hist. 
Inf.,  die  Bemerkung  gehört  also  zu  de,  aber  T.  mochte,  als 
er  sie  schrieb,  de  nicht  soweit  ausgearbeitet  oder  sonst  zur 
Stütze  seines  Gedächtnisses  sie  gerade  da  notiert  haben,  wo 
er  sie,  falls  er  sie  brauchte,  wieder  finden  konnte.  Das  war 
für  ihn  gut  —  aber  für  uns  andere?  Oder  zu  adestre  liest 
man:  „J.  Jud,  Arch.  f.  n.  Spr.  CXXH,  174."  Nun  sagt  Jud: 
,,hübsch  ist  der  Nachweis,  wie  der  Ersatz  von  destre  durch 
droite  ein  nach  dem  Vorbild  von  adestre  gebildetes  adroit 
nach  sich  zieht."  so  daß  also  die  Bemerkung  zu  adroit  gehört. 
Übrigens  findet  sich  in  der  von  Jud  gemeinten  Arbeit  von 
Fryklund,  Les  changements  de  signification  des  expressions 
de  droite  et  de  (jauche  S.  47  nur  die  Bemerkung  „quand 
destre  tut  supplante  par  droit,  adestre  a  aussi  ete  sup- 
plante   par  adroit,  qui   prit  le  sens  d'adestre.    Nun  bringt  T. 


Keferati    '<n</  Rezensionen.      W.  Meyer- Lübke. 

für  udestn  ein  Beispiel  aua  Conde,  Fryklund  Dach  Godefroy  aus 
i  aus    in    der    Form    adextre,  für   adroit   Tobler,   welche 

uns  Chrestien  u.a.  Die  Sache  ist  also  gerade  umgekehrt: 
nach  adroit  wird  vorübergehend  adestre  gebildet,  als  droit  die 
Bedeutung  von  destre  übernimmt. 

Nicht  ini  mir!  willkürlich  sind  die  Angaben  der  Etymologien. 
bzw.,  bei  zweifelhaften  Fällen,  die  Hinweise  auf  die  ver- 
schiedenen Erklärungsversuche.  Bei  ades  heißt  es,  daß 
P.  Meyer  die  Diezsehe  Erklärung  zurückgewiesen  habe,  der 
gleichzeitigen  Pörsterschen  Bemerkung  wird  ebenso  wenig 
gedacht  ^Rom.  Stud.  IV.  88),  wie  des  einzig  erwägungs- 
werren  Deutungsversuchs  Grübers  (ALLG.  6,  377),  dafür  Zeitlin 
zitiert,  der  doch  keinen  selbständigen  Wert  hat.  auch  tat- 
sächlich nichts  Neues  bringt,  Ebeling  Z.  f.  Koni.  Phil.,  XXIV. 
525  (adde  ipso)  und  G.Paris  R.  XXX.  125  (n'est  gueres  persua- 
<  »der  zu  afubler  „S.  Marchesini  in  Stud.  fil.  rom.  ii.  2. 
wegen  t<  s.  Ebeling  zu  Auberee  91  a.  Sofern  an  letzterer 
Stelle  speziell  die  frz.  Form  erkärt  wird,  ist  der  Hinweis  be- 
rechtigt, an  der  ersten  wird  nur  von  italienischen  gehandelt 
und  gegen  die  auf  Mussafia  zurückgehende,  von  E.  wieder- 
holte Auffassung  ein  Einwand  erhoben,  dvn  E.  nicht  ent- 
kräftet. Vor  und  nach  E.  sind  die  Formen  oft  besprochen 
worden.  Der  für  den  eigenen  Gebrauch  ja  berechtigte  Eklek- 
tismus  birgt  die  große  Gefahr  in  sich,  daß  nichtkundige 
Benutzer  leicht  zu  der  Auffassung  kommen  können,  in  T.'s 
Hinweis  das  letzte  oder  wichtigste  oder  einzige  zu  finden. 

Der  literarische  Text  steht  im  Vordergrund  des  Interesses 
für  den  Verf.  Er  konnte  und  wollte  sich  aber  der  Tatsache  doch 
nicht  ganz  verschließen,  daß  auch  die  Urkunden  wichtiges 
Sprachgut  enthalten.  Er  scheint  aber  da  wenig  selber  ge- 
sammelt zu  haben,  begnügt  sich  vielmehr  mit  dem,  was 
Carpentier  bietet,  hat  auch  nicht  das  Bedürfnis  empfunden, 
nachzuforschen,  ob  die  Urkunden  in  neueren  Ausgaben  vor- 
liegen, die  Lesarten  durchweg  verläßlich  sind.  Wem  ist  nun 
aber  mit  einem  Artikel  gedient  wie  „adras  s.  De  Lauriers 
Glossar  Carp.  I,  91  c  unten1'?  Wer  das  Wort  rindet  und  nicht 
versteht,  würde,  auch  wenn  es  T.  ganz  übergangen  hätte,  genau 
so  im  Godefroy  oder  im  D  C.  nachsehen,  wie  jetzt. 

Toblers  Gesichtspunkt  ist  der  philologische.  Die  Be- 
deutung des  Wortes,  seine  Verwendungstypen  innerhalb  der 
Literatur  will  er  darstellen.  Die  sprachwissenschaftliche  Auf- 
fassung, die  das  Aufkommen  und  Abkommen,  die  räumliche 
und  zeitliche  Ausbreitung  kennen  lernen  will,  lag  der  Zeit, 
da  das  Werk  entworfen  wurde,  noch  fern,  ist  auch  heute 
z.  T.  nicht  oder  schwer  durchführbar,  wo  die  genauere  Zeit- 
bestimmung für  so  viele  auch  der  wichtigsten  Texte  noch 
nicht  gelungen  ist.  Aber  auch  die  Anordnung  zeigt,  daß 
T.  das    nicht    gewollt    hat.      Das    ist    kein    Vorwurf.      Wer 


Tobler,  Altfranzösisches    Wörterbuch.  265 

Bprachhiatoriache  Interessen  hat.  wird  sich  von  Fall  zu  Fall 
die  Artikel  selber  umordnen  können :  einem  Philologen  wäre 
mit  einem  sprachhistorischen  Wörterbuche  auch  nur  halb  ge- 
gedient.  Es  gibt  eben  zwei  verschiedene  Betrachtungsweisen, 
deren  jede  ihre  Berechtigung  hat.  Eine  andere  Frage  ist, 
ob  sich  eine  Form  finden  läßt,  die  beiden  gerecht  wird. 

Es  liegt  nahe.  Tobler  und  Godefroy  miteinander  zu 
vergleichen.  Da  muß  nun  sofort  bemerkt  werden,  daß  das 
Werk  des  Franzosen  durch  das  des  Deutschen  nicht  über- 
flüssig wird,  was  rein  äußerlich  schon  daraus  erhellt,  daß 
in  dem  jüngeren  des  öfteren  auf  das  ältere  hingewiesen  wird. 
Godefroy  wollte  den  alten  Sprachschatz  in  möglichster  Voll- 
ständigkeit buchen,  ihm  kam  es  hauptsächlich  auf  die  Menge 
an.  er  hat  zahlreiche  Texte  ausgezogen,  die  entweder  nicht 
gedruckt  oder  nicht  literarischen  Inhalts  sind.  Dadurch 
bietet  er  quantitativ  mehr,  ist  also  vor  allem  dem  Wort- 
forscher eine  reichere  Quelle.  Aber  weder  er  noch  seine 
Mitarbeiter,  oft  noch  Studenten  oder  junge  Doktoren,  die  das 
Zeugnis  der  Reife  nur  in  ihrem  Diplom  hatten,  besaßen 
wirkliche  Eignung  für  die  Arbeit.  G.  Paris  hat  einmal  ge- 
schrieben: „Je  ne  connais  pas  de  lecture  plus  agreable  que 
celle  du  dictionnaire  de  M.  Godefroy;  on  y  apprend  toujours 
et  on  b'y  amuse  souvent"  (R.  15,613).  Man  kennt  Toblers 
Besprechung  (Z.  f.  Rom.  Ph.5,  117)  und  die  Artikel  in  der  Revue 
critique.  gegen  die  der  Verf.  glaubte  sich  verteidigen  zu  müssen 
und  zu  können.  Bei  der  Benutzung  der  französischen  Artikel 
muß  man  immer  auf  der  Hut  sein,  darf  sie  nicht  ohne 
weiteres  hinnehmen.  Tobler  ist  soweit  verläßlich,  als  das 
überhaupt  von  Menschenwerk  gesagt  werden  kann.  Qualitativ 
steht  er  danach  himmelhoch  über  seinem  Vorgänger. 

Ich  will  nun  noch  einige  Artikel  besprechen,  bei  denen 
ich    glaube    etwas    über    das    Gebotene    hinaus    zu  kommen. 

aaise.  Einziges  Beispiel:  Ghescun  amant  ses  segrSs  tese 
S'it  mit  sa  dorne  fere  eese.  T.  sieht  darin  ein  Adj.,  ich  würde 
übersetzen:  „Wenn  er  seiner  Dame  Angenehmes  erweisen  will.uC 
Daß  ein  Adv.  aaisement  besteht,  bedingt  noch  nicht  ein 
Adjektivum. 

aaisement  „Weg":  empirans  les  chemins  et  les  a.  conimuns. 
Es  müßte  schon  eine  besondere  Art  von  „Weg"  gemeint 
sein,  die  sich  von  chemin  unterscheidet.  Allein  es  handelt 
sich,  wie  der  mit  der  Urkundensprache  besser  vertraute 
Carpentier  ganz  richtig  gesehen  hat,  um  die  Übersetzung 
von  mlat.  aisantia  „facultas,  quam  quis  habet  utendi  in 
alieno  praedio",  daher  aisentiae  commuues  „Güter  zu  gemein- 
samer Nutznießung".  „Allmend".  Ein  weiteres  afrz.  Beispiel  des 
Wortes  in  diesem  Sinne  unter  aisimentum  DC. 

abeille.  Der  Artikel  ist  unverständlich.  Das  einzige  nach 
>DC.  gegebene  Beispiel  ist  den  consuet.  Turonens.    entnommen, 


Referate  und   Rezensionen.      W.  Meyer-Lübke. 

und  zwar  findet  sieh  da  espave  d'avettes,  (jui  sont  mouches  ä 
miel  und  espaiu  d'abeilles.  Schon  der  Umstand,  daß  mouches 
a  miel  als  Erklärung  gegeben  wird,  zeigt,  daß  der  Text  nicht 
mehr  der  altfranzösischen  Zeit  angehört,  ja  man  wird  gerade 
hier  erst  untersuchen  müssen,  ob  nicht  ein  ganz  junger  Zusatz 
vorliegt.  Ganz  unverständlich  ist  auch  hier  die  Auswahl 
der  Zitate  „Gröber  Substrate  gibt  als  lat.  apicula,  als  vulgär 
apicula:  Forcellini  Lex.  nur  dieses.  Äbeille  wäre,  aus  dem 
Prov.  entlehnt  nach  Brunot  Precis  S.  62  [cf.  Jud.  Arch.  f.  n. 
Spr.  0XXY1I  421  und  vorher]".  Gröbers  apicula  stammt 
offenbar  aus  Georges,  ist  aber,  wie  noch  manche  andere 
Quantitätsangabe  des  nach  anderer  Seite  hin  so  verdienstlichen 
Lexikographen  falsch,  und  sollte  nicht  weiter  geführt  werden  1). 
Ist  für  den  heute  wohl  allgemein  anerkannten  südfranzösischen 
Ursprung  der  nfrz.  Form  ein  Zitat  zu  geben,  so  wäre  Gröber  1884* 
nicht  der  in  solchen  Dingen  doch  durchaus  unselbständige 
Brunot  von  1887  anzuführen.  Auch  das  Zitat  von  Jud  bringt 
nur  insofern  mehr  als  die  Handbücher,  als  es  fragend  Poitou 
als  Vermittler  angibt,  womit  solange  wenig  geholfen  ist,  als 
nicht  die  Gründe  für  die  Entlehnung  angegeben  werden. 
Das  eigentliche  nordfranzösische  Wort  ist  bekanntlich  mouche 
d  miel,  das  auch  Lafontaine  verwendet.  Aber  der  Malherbe- 
schen Schule  mußte  ein  solcher  Ausdruck  ein  Greuel  sein, 
den  Westfranzosen  und  den  Südländern  war  abeille  teils  aus 
der  Sprache  der  Nachbarn,  teils  aus  ihrer  eigenen  bekannt 
und  da  diese  Form  dem  lat.  näher,  weniger  vulgär  erschien 
als  avette,  wurde  sie  für  die  gute  Sprache  vorgezogen. 

Ableret.  Der  einzige  Beleg  zeigt  das  Wort  im  obl.  plur. 
Da  es  sich  um  eine  Bildung  mit  dem  Suff,  -erez  handelt,  ist. 
bis  Gegenbeispiele  da  sind,  afrz.  ablerez  zu  schreiben. 

Ächant,  achanteler,  achanter.  Die  Bedeutung  dieser  Wörter 
ist  nicht  so  durchsichtig,  daß  man  sie  nicht  gern  angegeben 
sähe.  Unter  achanter  sind  zwei  Homonyme  zusammengeworfen,: 
achanter  toneaus  heißt  „Fässer  mit  Keifen  versehen",  gehört 
also  zu  chant  ,. Reifen",  das  andere  bedeutet  „auf  die  Seite 
drücken-,  also  zu  chant  „Rand",  daher  von  Schiffen  „kentern", 
dann   auch   „zu  Boden  drücken",    soi  a   „sich  herandrängen". 

Acie.  In  dem  Gloss. von  Walt.  bibl.  steht  assez  und  arscye. 
Tobler  verweist  auf  neumund.  acee  nach  Thomas  und  will 
danach  die  zweite  alte  Form  bessern.  Aber  die  heutigen 
Mundarten  gewährleisten  auch  eine  r  Form.  s.  REW.  66.  (Steht 
in  T.'s  Handschrift  wirklich  accegia't) 

Aclasser.  Ohne  Übersetzung,  nach  den  Belegen  ein  aus- 
schließlich westfranz08iBch.es  Wort,  vgl.  dazu  b-manc.  ahyasS 
„aclasser,  affaisser,  ecraser"  bei  Dottin.  Afrz.  soi  aclasser 
wird  am  besten  mit    „zusammenkauern  wiedergegeben,    dann 

Leider  habe  auch  ich  mich  durch  Georges  täuschen  lassen  REW. 


Tobler,  Altfranzösisches    Wörterbuch.  26rt 

Subj.  vom  verfolgten  Hirsch  „zusammenbrechen",  vom  Feuer 
,au8gehen".  Wäre  das  Wort  nicht  so  eng  begrenzt,  so 
würde  ein  lat.  ,,acclassare-'  zusammenschaaren  passen. 

Adaignier.  Ohne  Übersetzung.  Von  zwei  Beispielen  ab- 
gesehen, ist  das  Verbum  stets  verneint,  die  Bedeutung  ist  „er- 
hören" i  von  Liebesanträgen),  das  nen  adaignier  ist  inhaltlich 
gleichwertig  mit  desdaignier.  Dann  heißt  es  wohl  auch 
..sich  um  jemanden  kümmern,  auf  jemanden  Rücksicht  nehmen". 
Dazu  lütt,  adehi  ..bonneter,  faire  des  sollicitations  soumises  et 
r&terees".  Daß  eine  Gegenbildung  zu  desdaignier  vorliegt, 
wird  nicht  bezweifelt   werden   können. 

ae.  Als  einzigstes  Beispiel  für  weiblichesGeschlecht  wird 
BAub.  ee :  pruvee  angeführt.  Aber  die  Metrik  des  Textes  ist  der- 
artig vernachlässigt,  daß  aus  einem  Reime  nichts  zu  schließen 
ist.  Mehr  und  sicherere  Belege  gibt  Armbruster.  Geschlechts- 
wandel  138,  auf  den  wTohl  eher  hinzuweisen  war  als  auf 
Rothenberg. 

Ael  {ovalem,  verschieden  von  aiuel).  Der  lat.  Typus  ist 
mehr  als  bedenklich,  auch  gar  nicht  nötig.  Da  dem  tieus 
ein  tel  entspricht,  so    lag    ein  ael  zu  aieus  doch  nahe  genug. 

Aigrin.  Ein  Beleg:  acredo  :  escrim,  aigrun.  Ich  glaube 
nicht,  daß  wir  ein  Anrecht  haben,  escrim  gerade  in  aigrin  zu 
verbessern.  Der  Schreiber  hat  offenbar  etwas  Verkehrtes 
geschrieben :  wieso  er  zu  seinem  esc  statt  aig  kam.  läßt  sich 
ohne  Einblick  in  die  Handschrift  nicht  sagen,  im  für  un  ist 
leichter  verständlich.  Daß  der  verschriebenen  Form  die 
richtige  unmittelbar  nachfolgt,  zeigt  doch  wohl,  daß  der 
Schreiber  selber  das  erste  Wort  als  einen  Fehler  betrachtete 
und  nun  einfach  das  richtige  folgen  ließ,  ohne  das  erste 
dann  zu  streichen,  was  sich  ja  auch  sonst  in  mittelalterlichen 
Handschriften  rindet. 

Neben  diesen  Schlacken  findet  sich  nun  aber  soviel 
reines  Gold,  daß  man  sich  doch  aufrichtig  freuen  kann,  das 
Werk  zu  besitzen.  Wäre  es  aber  nicht  möglich,  noch 
wenigstens  einen  Teil  dieser  Schlacken  zu  entfernen?  Ich 
meine,  man  würde  Toblers  Gedächtnis  kein  Unrecht  antun, 
wenn  man  alle  etymologischen  Hinweise  und  alle  Verweisungen 
grammatikalischer  Art  rundweg  streichen  würde,  es  sei  denn, 
Tobler  bringe  etwas  ihm  Eigenes,  für  uns  Neues.  Und  noch 
einen  Wunsch  möchte  ich  äußern.  Nicht  immer  sind  die 
neuesten  Ausgaben  alter  Texte  zitiert,  nicht  immer  in  Neu- 
ausgaben die  Vers-  oder  Seitenzahlen  der  früheren  angegeben. 
Da  ist  es  mitunter  recht  schwer,  eine  Stelle  im  Zusammen- 
hang zu  finden.  So  zitiert  T.  den  Roman  von  Mahomet  nach 
der  1831  in  200  Exemplaren  gedruckten  Ausgabe  von 
F.  Michel,  die  wohl  nur  in  ganz  wenigen  deutschen  Bibliotheken 
zu  finden  ist,  wogegen  eine  neue  von  B.  Ziotecki  (Oppeln 
1887")  jedem  leicht  erreichbar  sein  kann.  Roethe  und  Schröder 


und  Rezt  nsionen.      M  .  M(  y  r-Li 

haben  bei  dem  Neudruck  der  letzten  Bände  von  Grimms 
deutscher  <  irammatik  „einheitliche  Zitate  auf  Grund  der  letzten 
Ausgaben,  die  Grimm  Belbst  noch  benutzt  hat'1  durchgeführt 
mit  Rücksicht  auf  „die  dringenden  Anprüche  wissenschaftlicher 
Brauchbarkeit".  Ich  möchte  meinen,  daß  wir  bei  dem  vor- 
lieg» üden  Werke  ans  denselben  Gründen  einen  Schritt  weiter 
gehen  und  die  neueren  Ausgaben  berücksichtigen  können. 
Gerade  wir  Alteren,  die  wir  Tobler  persönlich  gekannt, 
denen  seine  Freude  an  möglichster  Reinheit  auch  der  äußeren 
Form  so  bewußt  ist.  möchten  gerne  das  Letzte  und  Größte 
und  Dauerndste,  was  seine  Hand  geschaffen  hat,  möglichst 
rein  sehen,  und  wenn  der  Herausgeber  seine  unendliche 
.Mühe  oach  diesei-  Seite  hin  noch  ein  klein  wenig  ausdehnt, 
da  er  ja  doch  und  mit  Recht  nicht  einen  diplomatischen  Ab- 
druck gibt,  wird  ihm  das  viel  mehr  als  richtig  verstandene 
Pietät  denn   als  Mangel  an  Achtung  ausgelegt  werden. 

\Y.  Meyer-IjCbke. 


Serbaiir    \.      Leopardi    et    la  France,    Essai    de  litterature 

comparee.    Paris,  H.  Champion    L913.   Will.  551  S.  8°. 

Serbais,  N.      Leopardi    sentimental.      Essai    de    psychologie 

Leopardienne  suivie  du  Jouiwal  d'Amour,  in>:<l/t  ^n 
Francais.  247  S.  8°.  Paris,  E.  Champion  1913. 
1.  Dieses  großangelegte  Buch,  die  Frucht  mehrjähriger 
emsiger  Studien,  fesselt  dun]]  den  Reiz  und  den  Reichtum 
des  Inhaltes  und  nicht  minder  durch  die  Klarheit  und  Über- 
sichtlichkeit der  Darstellung.  Vielleicht  hätte  der  gewaltige 
Stoff  unbeschadet  der  Vollständigkeit  und  Gründlichkeit  mehr 
zusammengedrängt  werden  können  Das  Verfahren  des  Ver- 
fassers isr  zuweilen  etwas  umständlich.  So  ist  /.  B.  eine 
Äußerung  von  Bouche-Leelercq  über  Leopardis  Freund  Sinner 
zweimal  abgedruckt  (S.  270  u.  291),  während  ein  Abdruck  und 
eine  Verweisung  genügt  hätten.  Unter  dem  Titel  Editions 
werden  die  Werke  Leopardis  angeführt,  die  in  Frankreich  im 
I  rie\t  veröffentlicht  wurden,  sowie  Übersetzungen  einzelner 
Werke,  die  noch  nicht  italienisch  erschienen  waren.  In  einem 
besonderen  Kapitel  werden  dann  sämtliche  französische  Über- 
setzungen der  Werke  Leopardis  in  chronologischer  Folge,  in 
einem  weiteren  Kapitel  ebenfalls  chronologisch  die  biographi- 
schen und  kritischen  Aufsätze  aufgeführt,  die  in  französischer 
Sprache  über  ihn  erschienen  sind.  Es  kommt  nun  öfters  vor, 
daß  Arbeiten  eines  und  desselben  Schriftstellers  je  nach  ihrem 
Inhalt  an  verschiedenen  Stellen  angeführt  und  besprochen 
werden  (so  Ronna  Kap.  2  u.  4.  Serra  ebenda,  Turiello  Kap.  3 
u.  4  ii.  s.  f.).  Dies  trägt  dazu  bei,  das  treffliche  Buch  weit- 
schichtig zu  machen.     Einfacher  wäre  es  gewesen,  die  Arbeiten 


Serban,   Leopard/  ■  t  la  Franc  H\(.) 

jedes  Schriftstellers  als  Ganzes  an  einer  Stelle  zu  besprechen« 
Da  indessen  der  Verfasser  Wert  darauf  legt,  die  Veröffent- 
lichungen nach  Gegenständen  und  Gattungen  zu  sondern, 
möchte  ich  darüber  mit  ihm  nicht  rechten. 

Der  sehr  ausführliche  Abschnitt  über  den  Schweizer 
Philologen  Sinner  (wozu  noch  Briefe  über  Sinner  kommen) 
hätte  wohl  gekürzt   werden  können. 

Der  Verfasser  schildert  im  ersten  Hauptteil  des  Buches 
den  Einfluß,  den  die  französische  Literatur  auf  den  Bildungs- 
gang und  die  Gedankenwelt  des  Dichters  geübt  hat.  Der 
zweite  Hauptteil,  Leopardi  en  France,  behandelt  seine  Ein- 
wirkung auf  die  französische  Literatur.  In  beiden  Teilen  ist 
es  dem  Verfasser  gelungen,  Zusammenhänge  in  großer  Zahl 
nachzuweisen  und  zu  zeigen,  daß  Leopardi  für  die  französische 
Literatur  als  Gebender  und  Nehmender  von  nicht  gewöhnlicher 
Bedeutung  ist. 

L.  ist  nach  Dante.  Boccaccio  und  Petrarca  derjenige 
italienische  Dichter,  mit  dem  sich  die  französische  Literatur 
und  Wissenschaft  am  meisten  beschäftigt  haben.  Gleichwohl 
waren  für  das  vorliegende  Buch  nur  wenig  Vorarbeiten  gegeben. 
Es  kommt  hauptsächlich  nur  das  Buch  von  Sofia  Ravasi, 
Leopardi  et  Mmf  de  Stael,  in  Betracht l).  Serban  lobt  diese 
Schrift  als  etude  tres  serieuse  und  sagt:  Uauteur  a  fait presque 
tous  les  rapprochements  qu'on  peut  etablir  entre  les  ecrits  de 
Leopardi  etceuxde  Mme  de  Stael.  An  einer  anderen  Stelle  schwächt 
er  dieses  Lob  ab:  il  y  a  beaueoup  de  rapprochements  >/t(i  lui  ont 
echappe.  Meines  Erachtens  verdiente  das  Luch  von  S.  Ravasi 
eine  rückhaltslosere   Anerkennung  - ). 

Der  Bildungsgang  des  jungen  Leopardi  wird  eingehend 
besprochen.  Der  Vater  und  Erzieher  Giacomo's  erscheint  als 
eine  merkwürdige  Persönlichkeit,  er  hat  den  Ehrgeiz,  als 
Gelehrter  und  Dichter  zu  glänzen,  er  sammelt  eine  Bibliothek 
von  20000  Länden,  ist  politisch  reaktionär,  religiös  streng- 
gläubig, dabei  furchtsam  und  ängstlich  —  eccedeva  nella  timiditä, 
wie  er  selbst  von  sich  sagt.  Manche  seiner  Eigenschaften 
sind  auf  den  Sohn  übergegangen:  andere  schaffen  Gegensätze 
zwischen  Vater  und  Sohn. 

Serban  hat  die  Leopardische  Hausbibliothek,  die  sich 
noch  heute  im  Herrenhaus  zu  Recanati  befindet,  genau  durch- 
gesehen.   Er  fand,  daß  die  meisten  Größen  der  französischen 


lj  Vgl.  diese  Ztachr.  Bd.  41,  S.  198  ff. 

2)  Zu  den  von  Ravasi  verzeichneten  Übereinstimmungen  zwischen 
Oorinne  XVIII  5  und  Leopardis  Appressamento  della  morte  canto  V  möchte 
ich  beifügen:  J'etais  nee  avec  qnelques  talents  (Corinne)  und  Misero  ingeguo 
non  mi  die  natura  (Leopardi). 

-Ztichr.  f.  frz.  Littr.  XLIV  »  ■».  18 


Referate  und  Rezensionen.     Haape. 

Literatur,  insbesondere  die  hervorragenden  Schriftsteller  vom 
16.  Jahrhundert  an  darin  vertreten  sind3). 

Die  Lehrbücher  Leopardis  waren  meist  französisch  oder 
aus  dem  Französischen  übersetzt.  Die  Frühreife  des  hoch- 
begabten Knaben  war  geradezu  erstaunlich;  im  Alier  von 
14 — lf>  Jahren  schreib!  er  schon  gelehrte  Abhandlungen  über 
die    verschiedensten    wissenschaftlichen    Gegenstände,    Natur- 

hichte,  Astronomie*  Physik  etc.  Wie  Serban  nachweist, 
beruhten  seine  Arbeiten  meist  auf  französischen  Quellen;  am 
selbständigsten  war  er  auf  dem  (Jebiet  der  Philologie,  auf  die 
ihn  auch  seine   Begabung  besonders  hinwies. 

Den  Stoff  zu  einem  Jugenddrama,  Pompeo  in  Egitto,  ent- 
nahm er  /.um  Teil  Rollins  römischer  Geschichte,  und  eine 
Sammlung  von  39  Epigrammen,  die  er  als  Jüngling  herausgab, 
beruht  teilweise  auf  französischen  Vorbildern.  Ein  Gedicht 
In  morte  di  Federico  Secondo,  Re  di  Prussia,  aus  dem  Französi- 
schen übersetzt,  ist  den  Epigrammen  beigefügt.  In  der 
Einleitung  der  Sammlung,  einer  Abhandlung  über  das  Kid- 
gramm, wird  eine  Äußerung  de.s  Abbe  Girard  über  die  Vorzüge 
der  französischen  Sprache  angeführt:  „La  langue  frangaise  est 
peut-etre  celle  qui  a  le  plus  de  disposition  ä  la  perfection,  son 
caractire  consistant  dans  la  clarU,  la  pureU,  la  finesse  et  la 
force."  Dieses  hohe  Lob  kann  der  junge  Leopardi  als  „oero 
Ttaliano  acceso  di  zelo  per  Vonore  del  Unguaygio  della  sua 
patria"  nicht  ertragen.  Er  führt  einen  Ausspruch  Voltaires 
über  die  französische  Sprache  an:  „Cette  langue  embarassei 
d'articles,  de"pourvue  d'inversions,  pauvre  en  termes  poetiques, 
sterile  en  tours  hardis,  asservie  ä  ISternelle  monotonie  et  man- 
quant  pourtant  de  rimes  dans  les  sujets  nobles."  Er  rühmt 
dagegen  die  Anmut  und  Ausdrucksfähigkeit  der  italienischen 
Sprache  und  spottet  gelegentlich  über  die  Wendungen,  die 
„tours"  der  Franzosen  che  esprimono  la  rosa,  ma  freddissima- 
mente  <■  slavatissimamente  e  annaquatamente,  verwässert  und 
verwaschen.  Als  abschreckendes  Beispiel  führt  er  die  Verse 
\  on    Voltaire  an  : 

Je  chante  le  heros  qui  regna  sur  Ja  France 

AV  par  droit  de  conquHe  et  par  droit  de  naissance. 

*)  In  einem  von  ihm  aufgestellten  Verzeichnis  der  französischen 
Bücher,  die  sich  vor  1827,  dem  Jahr  der  endgültigen  Trennung  Leopardis 
von  seiner  Vaterstadt  in  der  Bibliothek  befanden,  gewahren  wir  auch 
einige  Werke  deutscher  Herkunft,  so  Goethe,  Volfango,  Yerter  Lettere 
tradotte  dal  Tedesco,  Venezia  1796  (das  Buch  hat  strenggenommen  im 
Verzeichnis  französischer  Werke  nichts  zu  tun),  Haeffelin  (Mitglied  der 
,  Kurpfälzischen  deutschen  Gesellschaft  oder  Akademie"  in  Mannheim) 
Discours  de  l'inftuence  des  voyages  sur  le  progres  des  arts,  Mannheim  1775, 
J.  Hübner  (dessen  „Kurze  Fragen  aus  der  alten  und  neuen  Geographie'' 
in  36  Auflagen  erschienen  und  in  die  meisten  europäischen  Sprachen  über- 
setzt wurden)  Abrege  de  la  vieille  et  nourelle  geographie  traduit  de  l'allemaruL 
Amsterdam  1735,  und  einige  andere. 


Serban,   Leopardi  et  la  France.  271 

„Wie  trocken  ist  diese  Poesie!  Wie  trocken  erst  die  Prosa, 
die  man  in  Prankreich  schreibt!"  in  dieser  Gereiztheit  gegen 
die  französische  Sprache  und  Poesie  spricht  sich  offenbar  der 
Franzosenhaß  aus.  in  dem  er  erzogen  war.  Er  verzieh  es  den 
Pranzoßen  nicht,  daß  sie  die  erste  Nation  der  Welt  sein 
wollten.  Den  stärksten  Ausdruck  fand  diese  Gesinnung  in 
der  Schrift  „An  die  Italiener,  bei  der  Befreiung  des  Picenumu. 
..Jeder  Pranzose  ist  hassenswert,"  sagt  er  da,  „denn  kein 
Franzose  erkennt  die  Verbrechen  seines  Volkes  an.  Bei  dem 
lebhaften  Nationalgefühl,  das  er  als  bero  Italiano  bekundet, 
ist  es  zu  verwundern,  daß  er  sich  über  die  [taliener  so 
ungünstig  ausläßt,  wie  dies  namentlich  in  dem  Discorso  sullo 
stato  presente  dei  costumi  degli  Ttaliani  geschieht  (im  .1.1824). 
Der  alte  Glaube,  so  führt  er  hier  aus.  ist  allmählich  unter- 
gegangen; er  war  die  Grundlage  der  sittlichen  Anschauungen 
de-  Volkes  gewesen:  nun  hält  nur  noch  die  Furcht  vor  der 
Strafe  die  Metige  in  Zucht.  In  anderen  Ländern  besteht  eine 
bürgerliche  Gesellschaft;  in  ihrem  Schoß  hat  sieh  das  Ehr- 
gefühl als  sittliche  Macht  entwickelt.  In  Italien  gibt  es  keine 
bürgerliche  Gesellschaft;  an  Stelle  des  Ehrgefühls  herrscht 
ziemlich  allgemein  ein  trostloser  Cynismus.  Diese  Gedanken 
stimmen  so  ziemlich  mit  dem  Bilde  überein,  das  Frau  v. 
Stael  in  Corinne  und  an  anderen  Orten  von  Italien  entwirft, 
doch  sind  sie  wesentlich  dunkler  gefärbt.  Andererseits  haben 
gerade  die  französischen  Schriftsteller,  die  auf  Leopardi  Einfluß 
ausübten,  Frau  v.  Stael,  A.  L.  Thomas  und  andere  die  wirk- 
lichen oder  vermeintlichen  Fehler,  deren  man  ihre  Nation 
beschuldigte,  die  I  Iberflächlichkeit,  Selbstüberhebung,  den 
Mangel  an  wahrer  Anmut  und  Natürlichkeit  keineswegs 
geschont.  Der  Comte  d'Erfeuil  in  Corinne  ist  ein  Typus 
des  etwas  prahlerischen,  stark  mit  seiner  eigenen  Person 
beschäftigten,  im  Grunde  aber  gutmütigen  Franzosen.  Serban 
-i  l:  t :  //  n'est  pas  aussi  chargS  que  Riccaut  de  l<t  MarlinUre, 
/n:r<>.<  de  triste  memoire  de  Minna  ran   Barnhelm. 

Allmählich  milderte  sich  die  Abneigung  Leopardis  gegen 
die  ,,Soeur  Iatine",  wie  Serban  sagt,  infolge  seiner  eifrigen 
Beschäftigung  mit  der  französischen  Sprache  und  er  wurde  mit 
ihr  so  vertraut,  dal.)  er  zuweilen  in  seinem  Tagebuch  französische 
ausdrücke  gebraucht,  wenn  sie  ihm  bequemer  oder  bezeichnen- 
der dünken  als  die  italienischen,  z.  1>.  saisir,  bons  mots, 
bienseance,  raillerie,  persiflage,  nuance,  Wörter,  die  ja  zum 
Teil  auch  bei  uns   Eingang  gefunden  haben. 

Über  Leopardis  französische  Lektüre  gibt  Serban  eine 
Übersicht  auf  Grund  des  Zibaldone,  des  Tagebuchs,  das  der 
Dichter  seit  J  8 1  7  führte.  Außer  den  schon  genannten  Schrift- 
stellern finden  wir  Noel  et  Delaplace  (legons  de  littirature  et 
de  )>(<>>■<//>,,  Barthelemy,  Rousseau,  Montesquieu.  Lamennais, 
D'Alembert     und    andere.      Daß    Frau    v.  Stael    den    größten 

18* 


Referah    und  Rezensioneil.     Haape. 

EinHuß  auf  ihn  ausübte,  hai  er  selbst  mir  den  Worten 
anerkannt:  Non  credetti  di  esser  filosofo  st  nun  dopo  lette  alcune 
typen  di  Mme  de  Stael.  Wenn  der  Verfasser  sagt  (8.  150), 
„Philosoph"  sei  im  Sinne  Leopardis  als  sentimentaler  roman- 
tischer Dichter  zu  verstehen,  so  scheint  mir  dies  nicht  ganz 
dem  Gedanken  Leopardis  zu  entsprechen.  Man  würde  „Philo- 
soph" wohl  am  besten  mit  „Denker"  wiedergeben. 

Sehr  lebhaft  zogen  ihn  auch  die  Schriften  von  Montes- 
quieu an.  besonders  les  considerations  sur  les  causes  dt  la 
qrandeur  et  la  decadence  des  Romains  und  der  Essai  sur  le  yoüt. 

Ob  Montesquieus  ästhetische  Ansichten  in  der  Tat  einen 
so  großen  Einfluß  auf  Leopardi  ausübten,  wie  der  Yt.  annimmt. 
scheint  mir  fraglich.  Serban  sagt.  Montesquieu  habe  Leopardi 
die  Bedeutung  des  Unredlichen  in  der  Kunst  enthüllt.  Der 
Essai  sur  le  goüt  spricht  sich  über  das  Infini  aus  wie  folgt: 
Comme  nous  aimons  ä  voir  un  grand  nombrt  d'objets,  nous 
voudnons  etendre  notre  vue}  Stre  en  plusieurs  lieux,  parcourir 
plus  d'espace;  enfin  notre  äme  fuit  les  bornes  et  eilt  voudrait, 
pour  ainsi  dire,  etendre  la  sphire  de  sa  presence:  ainsi  c'est 
un  grand  plaisir  pour  eile  de  porter  sa  vut  au  loin.  Und  an 
einer  anderen  Stelle:  On  sera  toujours  sur  de  plaire  ä  l'dme. 
lorsqu'on  lui  fera  voir  beaueoup  de  choses.  Nun  spielt  das 
Infinite,  die  Unendlichkeit,  ja  bei  Leopardi  eine  große  Rolle 
—  toutes  les  poesies  de  L.  attestent  le  souci  qu'il  prenait 
d'eveiller  en  nous  la  Sensation  de  l"mfi)ii  —  aber  gerade  die 
angeführten  Stellen  Montesquieus  zeigen  uns.  daß  zwischen 
ihm  und  Leopardi  ein  feiner  Unterschied  in  der  Auffassung 
des  Infini  besteht.  Leopardi.  dem  Dichter,  ist  es  nicht  darum 
zu  tun.  viele  äußere  Dinge  zu  sehen,  seinen  Gesichtskreis  so 
weit  als  möglich  auszudehnen;  er  will  die  Unendlichkeit  nicht 
schauen,  sondern  ahnen,  träumen: 

Lieb   war  mir  immer  dieser  kahle   Hügel 

Und  diese  Hecke,  die  dem  Blick  so  viel 

Vom  fernen  Horizont  zu  schau'n   verwehrt. 

lud  wenn  ich  sitz"  und  um  mich  blicke,  träum    ich. 

Endlose  Weiten,  übermenschlich   Schweigen 

lTnd   allertiefste   Ruhe   herrsche   dort. 

Jenseits  der  niedern  Schranke.  (Übers,  v.  P.  Hey  se). 

So  schildert  L.  seine  Empfindungen  in  dem  bekannten 
für  ihn  so  bezeichnenden  Gedicht  L'infinito.  Jenseits  des 
Eages,  der  ihm  die  Aussicht  versperrt,  träumt  er  sich  eine 
unendliche  Welt.  Er  fühlt  als  Romantiker  und  ist  darum 
grundverschieden  von  Montesquieu,  der  keine  Spur  von  Roman- 
tik in  sich  hat.  Montesquieus  Größe  liegt  überhaupt,  wie  mir 
Bcheint,  nicht  auf  dem  Gebiet  der  Aesthetik;  manche  seiner 
Ansichten  erscheinen  oberflächlieh,  so  ■/..  B.,  wenn  er  bei  seiner 
Untersuchung  über  das  Anmutige,  le  gracieux,  sagt,  die  Wirkung 


Serban,   Leopardi  et  la  France.  273 

des  Anmutigen    beruhe    hauptsächlich   auf  Überraschung;  wir 

seien  angenehm  überrascht,  dal.')  eine  Person,  ohne  schön  zu 
sein,  uns  gleichwohl  gefalle.  Dabei  läßt  er  aber  die  Frage 
anbeantwortet,  weshalb  uns  diese  Person  gefällt.  Serban's 
Behauptung  erscheint  zutreffend,  wonach  L.  in  die  Anschau- 
ungen ih'^  französischen  Gelehrten  seine  eigenen  Gedanken 
hineingetragen  hat. 

.1.  J.  Rousseau  übte  auf  den  regen  Geist  des  jungen 
Leopardi  naturgemäß  einen  starken  Eindruck  aus,  und  gerade 
seine  Paradoxa  ziehen  ihn  an.  wie  Tont  komme  (jiii  pense  est 
im  etre  deprave.  Serban  widmet  dem  Verhältnis  zu  Rousseau 
eine  eingehende   1  ntersuchung. 

Leopardis  pessimistische  Weltanschauung  vertiefte  sich 
immer  mehr  und  fand  ihren  schärfsten  Ausdruck  in  den  operette 
morali  (i.  J.  1824 — 1825).  in  denen  er  das  Grundthema  vom 
unentrinnbaren  menschlichen  Unglück  auf  die  mannigfaltigste 
Weise  abwandelt.  Nach  Serban  hat  Leopardi  auf  seinem 
Wege  zur  Trostlosigkeit  der  Lebensanschauung  einen  Führer 
gehabt,  den  wir  nicht  erwarteten:  Friedrich  den  Großen 
von  Preußen.  Wir  sind  überrascht,  den  großen  König  als 
Lehrmeister  des  großen  italienischen  Dichters  zu  finden,  be- 
gegnen wir  ihm  ja  doch  selten  als  philosophischem  Dichter 
sowohl  in  der  französischen  wie  in  der  deutschen  Literatur; 
den  Franzosen  ist  er  zu  deutsch,  den  Deutschen  zu  französisch. 
Es  wäre  zunächst  /.u  prüfen,  ob  Serban  ein  Recht  hat,  Fried- 
richs literarische  Einwirkung  auf  Leopardi  zum  französischen 
Einfluß  zu  rechnen.  Die  Frage  ist,  wie  ich  glaube,  zu  bejahen. 
Sainte-Beuve  spricht  sich  darüber  in  den  Causeries  du  Lundi  III 
8.  115  in  einer  anziehenden  Abhandlung  aus.  in  der  er  den 
König  als  Schriftsteller  und  namentlich  als  Historiker  sehr 
hoch  stellt  und  ihn  begrüßt  als  „/'/tu  des  meitteUrs  historiens 
'/in-  nous  possedions" .  .../''  dis  nous,  fährt  er  fort,  car  dest  ni 
frangais,  que  Frederic  a  ecrit,  e'est  en  frangais  qu'il  a  pense, 
(fest  aux  Frangais  < mcore  qu'il  songeait  souvent  et  qu'il  s'adressait 
pour  etrt  lu".  Über  die  Dichtungen  Friedrichs  des  Großen  ist 
Sainte-Beuve's  Urteil  allerdings  weniger  günstig,  er  sagt,  sie 
seien  nicht  schlechter  als  viele  andere  aus  jener  Zeit,  die  man 
damals  für  reizend  gehalten  habe;  sein  Tadel  bezieht  sich  im 
Wesentlichen  auf  die  Form:  Son gosier  restera  toujours  rauque 
ei  dur  et  il  ne  se  corrigera  jamais.  II  dira  par  exemple  saus 
difficulte: 

Les  myrtes,  les  lauriers,  soignes  dans  res  cantons, 
Attendent  que  cueillis  par  les  mains  d'Emilie   etc. 

Diderot,  der  Friedrichs  Poesie  wohlwollend  beurteilt  und 
ihren  Inhalt  lobt,  bemerkt  dazu  :  ( ''est  dommage  que  l'embouchure 
de  cette  belle  flute  soit  gdtSe  par  quelques  grains  de  sohle  de 
Brandebourg.     Friedrich    selbst    hat    von    sich    gesagt:    J'aile 


■y,  i  Referatt    und  Rezensionen.     Uaape. 

malheur  d'aitner  les  oers  et  d'en  faire  souvent  <l<  //>'>•  mauvais. 
Das  hindert  natürlich  nicht,  Friedrich  zu  «Ich  französischen 
Dichtem  zu  rechnen.  Wenn  aber  Serban  ihn  als  Anhänger 
der  Encyclopädie  ansieht,  so  winde  Friedrich  selbst  gegen 
diese  Auffassung  entschiedene  Einsprache  erheben;  «leim  er 
i>t  mir  den  Ansichten  der  als  hervorragende  Encyclopädisten 
geltenden  Schriftsteller,  Helvetius,  Holbach,  Diderot  etc.  keines- 
wegs einverstanden,  sondern  hat  sie  in  seinen  Schriften  leb- 
haft bekämpft*). 

Leopardi  Lernte  Friedrich  II.  kennen  durch  die  Oeuvres 
completes  de  Frederic  II.  die  1790  in  Amsterdam  in  17  Bänden 
erschienen  waren  und  sich  in  der  Bibliothek  zu  Etecanati 
befanden.  Serban  weisi  aus  dem  Zibaldone  nach,  dal.)  Leopardi 
vom  8.  Dezember  bis  /.um  19.  Dezember  1823  beinahe  ununter- 
brochen in  diesen  Büchern  gelesen  hat. 

Die  Ähnlichkeit  der  Stimmung  und  der  Gedanken  beider 
Dichter  ist  allerdings  zum  Teil  auffallend.  Der  pessimistische 
Grundton  tritt  besonders  in  den  Gedichten  hervor,  die  der 
König  in  der  Zeit  seiner  größten  Bedrängnis  während  des 
7jährigen  Krieges  geschrieben  hat.  Friedrich  sagt  im 
Stoicien  (1761): 

La  fern  ä  mes  regards  est  nn  maus  de  hone,  Leopardi 
(in:   a   se  sresso): 

Amaro  <■  noia 
La  ritn.  altro  mai  nulla;  <■  fango  e  il  rnondo. 

Wie  die  Klage  über  die  infinita  vanita  del  tütto  aus 
Leopardi's  Dichtungen  vielfach  wiederhallt,  so  klagt  der  König 
über  die  Eitelkeit  und  Nichtigkeit  des  Lebens  (lei  bas  tont 
ist  vanite,  tout  >t'>sf  que  vanite).  Die  von  Serban  angeführten 
Stellen  könnten  leichtlich  vermehrt  werden. 

Je  sais  que  je  suis  komme  et  m'  pour  la  soujfrance, 

heißt  es  in  der  Epitre  ä  ma  soeur  de  Baireuth. 

Der  Gedanke,  den  Friedrich  in  der  Epitre  ä  M'  Mitchell 
(1761)  ausspricht: 

Ah!  quel  mortel  voudrait  dans  In  nature  entiSre 
Renaitre  et  parcourir  de  nouveau  sa  carridre! 

finde!  sich  wieder  in  dem  Gespräch  zwischen  einem  Kalender- 
verkäufer und  einem  Spaziergänger  in  Leopardis  Operette 
morali  (1823—24). 

Ein  gemeinsamer  Zug.  der  bei  beiden  Dichtern  hervor- 
triit    (bei    Serban    nicht    ausdrücklich  hervorgehoben),  ist    die 


'    Vgl.  FA.  Zeller.  Friedrich  iler  Große  als  Philosoph.  >.  31.    Anm.  98ff. 


Serbau,   Leopardi  et  la  Fram  275 

Menschenverachtung.     In  der  Epitre  chagrine  nennt  Friedrich 
die  Menschen 

Race  infame  autant  qu'ignorante. 

L  etre  supreme  est  bon  <■(  l' komme  est  miserable. 

Leopardi  sagi  in  den  Pensieri  /  I.  die  Welt  sei  ein  Bund 
der  Schurken  gegen  die  ehrlichen  Leute;  die  Schurken  seien 
zahlreicher  und  mächtiger  als  die  Rechtschaffenen. 

Auch  den  Gedanken,  daß  die  Natur  durchaus  teilnahmlos 
gegen  die  Menschen  und  ihrerseits  dem  Verhängnis  und  dem 
Zufall  unterworfen  sei.  hat  Leopardi  von  Friedrich  11.  über- 
nommen und  in  den  Worten  ausgesprochen: 

da  In  colpa  ii  quella 
cke  veramente  e  rea,  ehr  de'mortali 
E  madre  in  parto  ed  in  voler  matrigna, 

—  die  Natur  ist  unsere  Mutter  durch  die  Geburt,  aber  durch 
ihr  Wollen  eine  Stiefmutter.  — 

Ungeachtet  dieser  vielfachen  Berührungspunkte  wäre  es 
wohl  nicht  richtig,  Friedrich  II.  zu  den  Pessimisten  aus  Grund- 
satz, wie  Leopardi,  zu  zählen.  Einige  Worte  über  Friedrich 
als  Dichter  mögen  daher  gestattet  sein.  Wohl  war  es  ihm 
heiliger  Ernst  mit  dem  Dienste  der  Musen;  aber  er  hatte 
„nebenbei"  sehr  viel  Anderes  zu  tun,  sich  mit  einer  Welt 
von  Feinden  herumzuschlagen,  ein  Königreich  zu  regieren,  das 
deutsche  Reich  der  Zukunft  aufzurichten.  Große  Tatenmenschen 
dieser  Art  können  keine  Pessimisten  sein.  Die  Dichtung 
war  ihm  Erholung  in  schweren  Stunden,  wo  Verstimmungen 
und  Verbitterungen  an  ihn  herantraten,  aus  ihr  schöpfte  er 
Mut  und  Selbstvertrauen.  In  seiner  Jugend  hatte  er  für 
Epikur  geschwärmt;  später  findet  er  in  der  stoischen  Moral 
seinen  Halt  im  Unglück.  In  seinem  großen  Gedicht  Le  Stoicien 
faßt  er  die  Grundsätze  zusammen,  die  er  in  Marc  Aureis 
Selbstbetrachtungen  gefunden:  ihren  Kern  spricht  er  aus  in 
dem   Satze: 

Placez  ihm*  In  vertu  le  bonheur  de  votre  äme. 

Seiner   Schwester  Amelie  ruft  er  zu: 

En  souffrant  les  revers  sans  en  Stre  abattu, 
II  faul  s'envelopper,  ma  soeur,  dans  sa  vertu. 

Dem  Tod  sieht  der  tapfere  Mann  mutig  in\s  Auge: 

b'iin  regard  intrepide  envisagez  I"  mort; 
C'est  notre  seul  asile  i'l  notre  demier  port. 

Es  ist  das  alte  Horazische 

Si  fractus  illabatur  orbis, 
Tmpavidum  ferient  ruinqe. 


276  Referate  und  Rezensionen.     Haape. 

Stimmung  seiner  Poesie  ist  nicht  völlig  trostlos.  In  „La 
Fermete"  wird  die  Nacht  des  Unglücks,  das  der  Zorn  der 
Götter  über  die  Welt  verhängt  hat,  erhellt  durch  das  tröstende 
Licht  der  Hoffnung  : 

Muts  par  un  feste  de  clenietice 
Les  dieux  placei'eiit  I  espe'rauce 
Ak  fond  de  ce  present  fatal. 

•  u  das  allgemeine  Leid  findet  er  nur  eine  Abwehr  im 
brüderlichen  Zusammenhalten  der  Menschen: 

Nos  desastres  eyaux,  uns  coinnvunes  miseres, 
Helas,  prouvent  assez  nm   nous  sonimes  des  Freres 
Et  </ur  [><tr  nos  secours  adoucissant  nos  tnaux 
II  faut  nous  entr*aider  ä  /><>>-frr  hos  fardeaux. 

Zu  dieser  Erkenntnis  hat  sich  auch  Leopardi  durchgerungen 
in  seinem  letzten  großen  Gredicht  La  ginestra.  Die  Menschheit 
verbündet  sich  gegen  die  feindliche  Natur: 

Tutti  fra  se  confederati  estima 
gli  uomini  <■  ttitti  abbraccia 
( 'an  vero  amor. 

Im  zweiten  Teil  des  vorliegenden  Werkes,  Leopardi  en 
France,  behandelt  der  Verfasser  die  Einwirkung  Leopardis  auf 
die  französische  Literatur,  die  in  Ausgaben  seiner  Werke,  in 
Frankreich  veranstaltet,  sowie  in  Übersetzungen  ins  Franzö- 
sische und  in  biographischen  und  kritischen  Aufsätzen  franzö- 
sischer Schriftsteller  zu  Tage  tritt.  Wenn  Serban  im  Eingang 
sagr.  L.  habe  aus  dem  Ausland,  d.  h.  Frankreich,  la  matiere 
de  sen  Inspiration,  l'orientation  de  sa  pensee  erhalten,  so  geht 
diese  Behauptung,  soweit  sie  den  Dichter  L.  betrifft,  doch 
wohl  etwas  zu  weit. 

Auf  die  Schilderung  des  Lebens  und  der  Persönlichkeit 
des  Schweizer  Philologen  L.  v.  Sinner.  der  mit  L.  nahe  be- 
freundet war.  glaube  ich  hier  nur  kurz  eingehen  zn  sollen. 
Er  hatte  sich  auf  dein  Gebiet  der  griechischen  Sprachwissen- 
schaft einen  Namen  gemacht  und  bemühte  sich  nicht  ohne 
Erfolg.  L.  in  die  gelehrte  Welt  insbesondere  Deutschlands  ein- 
zuführen. 

Unter  den  Editions  hat  die  in  Oxford  erschienene  Aus- 
e  des  l'lotinus  von  Fr.  Creuzer,  in  welche  mehrere  An- 
merkungen von  Leopardi  aufgenommen  wurden,  streng  ge- 
nommen ebenso  wenig  zu  tun  wie  Welckers  Rheinisches  Museum 
in  Bonn,  in  dem  einige  Aufsätze  von  L.  veröffentlicht  wurden. 

Im  Jahre  1841  gab  der  Verlag  von  Baudry  in  Paris  die 
Gedichte  Leopardis  (i  canti  di  L.  1  in  italienischer  Sprache 
unter   der    Leitung   von    A.  Ronna   heraus.     Die  Vorliebe    für 


Serban,   Leopardi  et  la  France.  217 

[tstlien  entsprach  einem  Zuge  der  Zeit  und  hing  mit  der  roman- 
tischen Bewegung  in  der  französischen  Literatur  zusammen. 
Leopardi  selbs<  dachte  damals  daran,  mir  Hilfe  Sinners  eine 
Ausgabe  seiner  Werke  in  Paris  zu  veranstalten,  aber  erst  nach 
Beinern  Tode  erschienen  die  Canri  und  1842  ebenfalls  bei 
Raudry  auch  die  Paralipomeni  della  Batracomiomaehia  di 
vi.  Leopardi.  Bahnbrechend  für  die  Werke  des  italienischen 
Dichters  war  der  von  L.  Sinner  angeregte  Aufsatz  über  Leo- 
pardi von  Sainte-Beuve  in  der  Kevue  des  II  Mondes  vom 
15.  Septbr.  1844.  Der  berühmte  Kritiker  ist  tief  in  den  (ieist 
Leopardis  eingedrungen  und  hat  dies  auch  durch  einige  Über- 
setzungen seiner  hervorragendsten  Dichtungen  bewiesen.  Frei- 
lich  behauptet  F.  A.  Aulard,  der  Leopardis  Gedichte  und 
Operette  morali  zuerst  vollständig  übersetzt  hat.  Sainte-Beuve 
-ei  als  Übersetzer  Leopardis  nicht  immer  glücklich  gewesen: 
Partotit  oii  Leop.  est  simple  et  vrai,  il  echoue.  iyailleurs  mettrt 
tu  alexandrins  les  vers  lyriqy.es  Italiens,  n'est-ce  pas  dejä  ra,i/- 
mettre  un  premier  contre-sens?  Der  Yerf.  stimmt  dem  zu  und 
bezeichnet  es  als  außerordentlieh  schwierig,  die  freien  Leo- 
pardischen Verse  in  französische  Poesie  zu  übertragen:  Leo- 
pardi est  d'une  concision  <jai  doit  faire  le  desespoir  de  tout 
tradueteur.  Andererseits  wird  gerade  die  Concision  von  Serban 
(S.  324)  als  echt  französische  Eigenschaft  in  Anspruch  ge- 
nommen und  S.  409  wird  berichtet,  daß  Alfred  de  Musset  sich 
Leopardi  wegen  seiner  französischen  Eigenschaften,  der  con- 
cision und  sobriete.  verwandt  gefühlt  habe.  Es  ist  also  nicht 
klar  ersichtlich,  wie  so  gerade  die  Concision  Leopardis  den 
französischen   Übersetzern  soviel  Mühe  gemacht  haben   soll. 

Schon  18H7  hatte  Yalery  Yernier  Leopardis  Gedichte  allein 
übersetzt;  letztmals  wurden  dieselben  in  Prosa  von  Eugene 
Carre,  in  Versen  von  Laeaussade  übertragen:  diese  Übersetzung 
wird  von  Serhan   sehr  anerkannt. 

In  dem  Abschnitt  Aiii<-Ii-x  biographiques  et  critiques  be- 
spricht Serban  mehr  als  ."><i  Aufsätze,  in  denen  sich  Dichter 
und  Kritiker.  Oniversitätsprofessoren,  Politiker.  Geistliche  und 
Arzte  über  Leopardi  geäußert  haben.  Serban  zeigt,  daß  die 
Teilnahme  und  Begeisterung  der  Leser  zuerst  dem  patrio- 
tischen Dichter  galten.  Leopardi  erschien  als  Gesinnungs- 
genosse Ugo  Poscolos,  Manzonis  und  anderer,  die  für  die  Ein- 
heit und  Freiheit  Italiens  kämpften:  seine  eigenartige  Per- 
sönlichkeit wurde  wenig  beachtet.  Das  große  Publikum  wurde 
erst  nach  dem  Erscheinen  der  Canti  (1841)  auf  ihn  aufmerk- 
sam. Sein  Leben  und  sein  Leiden  erregten  Teilnahme,  das 
Geheimnis  seines  Unglücks  wirkte  nach  Serban's  Ausdruck 
wie  ein  spannender  Roman.  Mit  Sainte-Beuve  sah  man  in 
ihm  den  Menschen  und  den  I)  ich  t  e  r .  seine  philosophische 
Weltanschauung  beschäftigte  die  Leser  nur  soweit  sie  sich 
in  seiner   Dichtung  kundgibt. 


Referate  und  Rezensionen.     Haape. 

Erst  später  wurde  Leopardi  als  Philosoph  besonders  be- 
achtet. .1.  A.  Aulard  sucht  den  Schwerpunkt  seiner  Beden 
in  Beinen  philosophischen  Gedanken,  die  in  die  Theorie 
[nfelicita  ausmünden.  In  seine  Fußstapfen  treten  A.  Dapples, 
der  Philosoph  Caro,  der  Polyhistor  Challcmel-Lacour,  der  in 
der  Stuttgarter  Zeitschrift  Hesperus  v.  ,1.  \»'i2  Studien  von 
Notter  und  Henschel  über  Leopardi  gefunden  hatte  und  zu 
einem,  wie  es  scheint,  ziemlich  oberflächlichen  Urteil  "über  ihn 
gelangt  war.  Er  vergleicht  Leopardi  mit  J leine,  aber  die  Ähn- 
lichkeit bestand  doch  wohl  nur  darin,  dal.')  beide  krank  und 
beide  Dichter  waren,  und  Heine  wenn  nicht  ein  Pessimist,  so 
doch  ein  Skeptiker  war.  Näher  liegt  es.  an  Schopenhauer  zu 
denken,  erinnern  doch  manche  Lehren  dieses  Philosophen,  wie 
die  von  dem  Bedürfnis  und  der  Langeweile,  zwischen  denen 
der  Mensch  ewig  hin-  und  herpendelt,  unmittelbar  an  Leo- 
pardi. Die  Ähnlichkeit  zwischen  beiden  Denkern  ist  manchem 
aufgefallen.  Caro  hat  beide  in  einem  Artikel  der  Revue  d^s 
deux  Mondes  verglichen  und  später  in  einem  Buch  Le  pessi- 
misme  au  XIX  siede  Leopardi,  Schopenhauer  und  il artmann 
ausführlich  behandelt.  ML.  Turiello  hielt  es  für  nötig,  die  voll- 
kommene gegenseitige  Unabhängigkeit  von  Leopardi  und 
Schopenhauer  darzutun.  Schopenhauer  selbst  hat  Leopardi 
genau  gekannt  und  hoch   geschätzt. 

Die  Mehrzahl  der  Beurteiler  folgt  Sainte-Beuve,  der  Leo- 
pardi vor  allem  als  Dichter  anerkennt.  Mit  den  Ausführungen 
Serban's  stimmt  es  nicht,  daß  er  iS.  36U)  zu  Sainte-Beuve  und 
dem  deutschen  Leopardi-Übersotzer  P.  Heyse  auch  Caro,  da- 
gegen zu  Aulard  und  Dapples  auch  Bouche-Leclercq  stellt. 
Unter  den  Schriftstellern,  die  über  L.  geschrieben  haben,  finden 
wir  E.  Gebhart.  E.  Krantz.  H.  Hauvette  u.  a.  Beachtenswert 
erschien  uns  eine  Bemerkung  von  Ch.  de  Mazade:  Leopardi 
est  de  cette  race  de  lutteurs  de  />/  uie  /><><<r  <jni  taut  est  serieux, 
faiif  est  passion.  Les  hommes  de  cette  race  n>  peuvent  trouver 
l>   bonheur  dans  le  repos. 

Es  wäre  zu  verwundern,  wenn  nicht  auch  bei  diesem  An- 
laß Barbey  d'Aurevillv  als  Spaßmacher  sich  einstellte.  Er, 
der  sich  bei  unserem  (ioethe  langweilte.  Endet  den  Italiener 
Leopardi  wenn  möglich  noch  langweiliger.  Ein  kleiner  Trost 
für  uns  ! 

Im  fünften  Kapitel  bespricht  der  Verf.  die  Frage,  welchen 
Einfluß  Leopardis  Dichtung  auf  die  französische  Literatur  ge- 
habt hat.  Er  bemerkt,  dal.)  dieser  Einfluß  nicht  so  bedeutend 
sei,  wie  man  nach  der  großen  Zahl  der  Übersetzungen  seiner 
Werke  erwarten  könnte.  Die  Erklärung  findet  er  in  dem 
Überwiegend  positiven,  praktisch  und  gesellig  veranlagten 
Charakter  der  Franzosen,  bei  denen  Gestalten  wie  „Obermann," 
„Adolphe1'  keine  Lebensdauer  hätten.  Am  bekanntesten  ist 
die     literarische    Beziehung    A.  de    Musset's   zu   Leopardi    ge- 


Serban,  Leopardi  et  I"   France.  279 

wurden,  welche  der  \  erfasser  in  anziehender  Weise  bespricht. 
A.  de  Müsse!  war  gewiß  kein  Pessimist  aus  Grundsatz;  von 
Grundsätzen  kann  Ihm  ihm  überhaupt  weniger  die  Rede  sein 
als  von  Stimmungen.  Leopardi'sche  Stimmungen  hat  sein 
leichtbewegliches  Gemüt  allerdings  sehr  wohl  gekannt;  sie 
klingen  ans  den  Versen : 

Li   seid  bien  <//ti  m>    reste  <ni  monde 
Est  d'avoir  quelquefois  pleure 

und  ans  so  vielen  anderen.  Im  ganzen  aber  bewegte  sich 
sein  Leben  nach  jenem  abwechselnden  Rhythmus,  den  er  einst 
Dach  der  Biographie  seines  Bruders  Paul  in  folgenden  drolligen 

Versen   wiedergegeben  hatte: 

Haas!  Haas! 

Que  de  ma ii. r  sur  terre! 

Ah!  ah!  ah!  ah! 

Que  de  pletisirs  tri  bas! 

Er  fühlte  sich  dorn  italienischen  Lyriken'  wesensver wandt  und 
zeigte  sich  deshalb  auf  Anregung  der  Prinzessin  Belgiojosi 
bereit,  einen  Aufsatz  über  Leopardi  in  die  Revue  des  deux 
mondes  zu  schreiben.  Der  Aufsatz  wurde  angefangen,  aber 
nicht  vollendet.  An  seiner  Stelle  verfaßte  Müsset  das  Gedicht 
Apres  une  lecture.  Bekanntlich  hat  dieses  Gedicht  bei  Sainte- 
Beuve  und  anderen  Kritikern  Anstoß  erregt.  Sainte-Beuve  be- 
merkt dazu:  (tu  peut  se  demander,  apres  quelle  lecture  ont  ete 
forits  res  pers.  Serait-ce  aprks  une  lecture  de  Leopardi?  Le 
debut  de  la  piece  ne  Vindiquerait  gukre,  quoique  In  /in  semble 
le  faire  soupgonner.  Kr  fügt  bei:  Les  meilleures  poesies  de 
M.  de  Musset  sont  trop  sujettes  a  ces  sortis  d'inconherences. 
Kn  verite  il  semble,  ä  voir  cette  theorie  d'alcdve  et  de  baignoire 
que  Musset  n'ait  />"■•<  fait  um-  seule  lecture,  tnais  deux  lectures 
i)  In  fois  et  qu'il  (dt  commence  avec  Crebillon  fils  in  boutade  ä 
In  Gavarni  <jn'ii  couronna  pur  Leopardi. 

Mit  Recht  führt  Serban  dagegen  ans.  daß  gerade  der 
Anfang  des  Gedichtes  für  die  Meinung,  die  Musset  von  Leo- 
pardi hat.  sehr  bezeichnend  ist: 

Ton  livre  est  ferme  et  franc,  brave  komme,  il  fait  aimer. 

Mit  diesen  Worten  gibt  er  den  starken  Eindruck  wieder,  den 
A.  de  Mus>,er  nach  dem  Zeugnis  seines  Bruders  Paul  von  Leo- 
pardi empfangen  hat:  Ses  vers  se  distinguent  pur  des  qualites 
francaises,  I"  concision  et  la  sobriete.  Er  denkt  an  den  Dichter, 
der  schlicht  und  ernst  auf  einsamer  Höhe  steht  mitten  im 
Lärm  der  Schwätzer,  des  bavards  qui  se  fönt  imprimer.  Leo- 
pardis  Luch  versenkt  ihn  in  eine  Träumerei :  in  bunter  Folge, 
ohne  Kegel  ziehen  Gedanken  über  unpersönliche  Dinge,  die 
Poesie,    den   Ruhm,    die  Schönheit    au    ihm    vorüber,    aber    es 


Ui  fi  ruf'    und  Rezensionen.     Haape. 

fehlt  in  den  1*  Folgenden  Strophen  nicht  an  Beziehungen  auf 
Leopardi.  Wir  denken  an  ihn  bei  der  Stelle:  nous  autres 
rimeurs  ä  qui  la  grande  ajfaire  Est  de  noua  wnsoler  en  ar- 
rangeant  des  tnots;  bei  dem  Vers:  „Etre  admirS  n'est  rien, 
l'affaire  est  d'Hn  aimi"  denken  wir  daran,  daß  der  Ruhm 
für  Leopard]  keinen  hohen  Wert  harre,  daß  er  aber  in  der 
Liebe  das  höchste  menschliche  Glück  sah  und  es  mir  über- 
schwenglichen Worten  gepriesen  hat. 

Pregio  iwn  ha,  non  ha  ragion  la  oita} 

St    /"///  per  lui  (l'ainore)  per  lui,  ch'all'uomo  <■  tutto. 

Eine  Stelle,  die  Serban  dicht  hervorgehoben  bar.  scheint  ganz 
besonders  auf  Leopardi  hinzuweisen  : 

Devant  I  infini  joindre  des  mains  tremblantes 

Li    coeur  piain    de  pitie  pour  des  maux  inconnus  i  str.   X I  \ 

Die  Kritik,  welche  Sainte-Beuve  bei  dieser  wie  bei  anderen 
Stellen  an  Musset  geübt  hat,  ist  sonach  wohl  dadurch  veran- 
laßt, daß  er  dem  Geistesflug  des  großen  Lyrikers  nicht  folgte. 

DieBerührungspunkte,  welche  zwischen  dem  pessimistischen 
Dichter  Alfred  deVigny  und  Leopardi  bestehen,  sind  dem 
Verfasser  nicht  entgangen,  nähere  Beziehungen  zwischen  beiden 
Dichtern  konnten  aber  nicht  nachgewiesen  werden.  über 
sonstige  Bewunderer  nnd  Nachahmer  Leopardis  in  Frankreich. 
als  welche  Le  Fevre-Deumier,  A.  Lacaussade  nnd  andere  dii 
minorum  gentium  genannt  werden,  können  wir  hin  weggehen. 
Zu  den  bekanntesten  Vertretern  des  Pessimismus  in  der  neueren 
französ.  Literatur  gehört  Mme  L.  Ackermann  (von  der  unter 
anderem  eine  Übersetzung  des  Königs  von  Thule  und  eine 
Elegie  ...Mehr  Licht!  Mehr  Licht!"  nach  Goethes  ler/rm  Worten 
bekannt  sind  i.  Serban  hat  sich  eine  Besprechung  dieser  lite- 
rarischen Erscheinungen  in  einem  besonderen  "Werk  vorbe- 
halten. Es  sei  deshalb  hier  nur  bemerkt,  daß  ich  ihr  Gedicht 
L  amour  et  la  mort  nicht  für  eine  Nachahmung  von  Amore 
e  morte  halte,  da  es  von  einem  ganz  anderen  Gedanken 
ausgeht. 

Mit  gutem  Grund  kann  der  Verfasser  am  Schlüsse  seiner 
Ausführungen  darauf  hinweisen,  daß  Leopardi  in  Frankreich 
zu  verdienten  Ehren  gelangt  ist.  In  der  großen  Zahl  der 
Übersetzungen  und  der  kritisch-biographischen  Arbeiten,  die 
dem  italienischen  Dichtet'  gewidmet  wurden,  sieht  er  (im  Jahre 
1913)  einen  Beweis  des  geistigen  Bandes,  das  die  deux  nations 
soeurs  er  amies  verknüpft,  und  das  sich  auch  auf  anderen 
Gebieten  des  Geisteslebens  geltend  macht.  Der  Verfasser,  der 
Rumäne  ist.  sich  aber  ganz  als  Franzose  fühlt,  ist  unparteiisch 
-enug.  die  delicatesse  d'äme  lobend  anzuerkennen,  mit  der 
Leopardi  den  Esprit  gaulois,  das  Erbteil  der  französischen 
Literatur,  v<>n  seiner  Poesie  ferngehalten  hat. 


Serban,   Leopardi  et  In  France.  281 

Schließlich  seien  von  den  Druckfehlern  und  sonstigen  Ver- 
sehen  wenigstens  einige  der  sförondsten   berichtigt. 

S.  106  Z.  16  v.o.:  La  plupart  des  hommes  grandissent, 
litteralement  dans  les  bras  de  l'erreur:  der  ital.  Urtext  hat 
anstatt  litteralement  lietamente  d.h.  sie  wachsen  fröhlich 
in  den   Annen   des   Irrtums  heran. 

s.  l  74  Z.  6:  Les  plusbellesstatu.es  des  Grrecs  n'ont  presque 
jamais  indique  le  repos.  Offenbar  muß  es  heißen  indique 
i|  ii  e  le  repos. 

S.  220  Z  9:  St;itt  La  connaissance  des  limites  des  definitions 
des  choses  muß  es  heißen:  des  limites  et  des  definitions  des 
choses. 

S.  223  Z.  6:  Statt  Les  qualites  en  ne  developpant  pas  muß 
es  heißen:  en  se  developpant  (sviluppandosi). 

S.  251  Z.  8 :  In  Xe  vous  figurez-vous.point  muß  das  zweite 
vous  gestrichen  werden. 

S.  429  Z.  3  v.  u.:  In  dem  angeführten  Vers  von  Deumier 
Prends-moi  dans  tes  bras  atin  qüe  je  m'endorme  fehlt  eine  Silbe. 

An  das  große  AVerk  Leopardi  et  la  France  sehließt  sieh 
ein  weiteres  Buch  von  X.  Serban:  Lettres  inedites  relatives 
')  Griacomo  Leopardi,  XXIV,  259  S.  Paris,  Ed.  Champion  1913. 
Serban  hat  mit  diesem  Werk  einen  weiteren  Beweis  seines 
großen  Fleißes  gegeben.  Er  hat  die  Schätze  der  National- 
bibliothek in  Florenz  durchforscht  und  unter  vielen  Tausenden 
von  Briefen  215  ausgewählt,  die  sich  auf  Leopardis  Leben 
und  Werke  beziehen.  Unter  den  Verfassern  finden  wir  Giordani, 
Colletta.  v.  Sinner.  Aleusseux.  Ranieri.  Besonders  interessant 
ist  der  Briefwechsel  von  Sinner  mit  französischen  und  nament- 
lich deutschen  Gelehrten,  darunter  G.  F.  Creuzer  in  Heidel- 
berg, berühmt  durch  seine  ,,Symbolik  und  Mythologie  der 
alten  Völker,  besonders  der  Griechen".  Karl  Thilo  in  Halle 
(Patristik),  F.  IL  Bothe  in  Mannheim,  geb.  1771.  gest.  1855, 
Privatgelehrter,  Dichter.  Philolog  und  Übersetzer,  hat  auch 
Einiges  von  Leopardi  übersetzt.  Bemerkenswert  ist  eine 
Äußerung  Oreuzers  über  Leopardi  in  einem  Brief  an  Sinner 
(S.  13 1:  Unter  uns  bemerke  ich  auch  noch,  so  viel  ich  nach 
Lesung  einiger  Kapitel  urteilen  kann,  daß  es  mir  scheinen 
will,  als  gehe  dem  Verfasser  der  naive  Sinn  ab,  wromit  das 
durch  und  durch  praktische  Altertum  aufgefaßt  sein  will,  und 
die  Gabe,  die  Mythen  und  die  ganze  griechische  Religion  in 
ihrem  Geiste  zu  verstehen.  Aber  bewundernswert  ist  und 
bleibt  die  Erscheinung,  daß  ein  17 jähriger  Jüngling  eine 
solche  Gelehrsamkeit  sich  erwerben  kann  und  sie  mit  solchem 
Verstände  bedenkt.  —  Die  Briefe  enthalten  eine  Fülle  von 
Einzelheiten,  die  wichtig  sind  für  die  Geschichte  Leopardis 
und  seiner  Zeit. 

2.  Im  Avant- Propos  sendet  der  Verfasser  in  seiner  Eigen- 
schaft   aN     Rumäne    —   Latin    d'Orient    —  der    italienischen 


282  Referate  und  Rezensionen.     Haape. 

Literatur  und  dem  italienischen  Volke  brüderlichen  Gruß  und 
erklärt,  wie  gerade  die  edle  Gestall  Leopardis  mit  ihrem 
rätselvollen  Seelenleben  ihn  unwiderstehlich  angezogen  habe. 
Er  weist  darauf  hin.  wie  viele  Geister  in  [talien  und  im  Aus- 
land sich  schon  bemüht  haben,  den  Schleier  zu  lüften,  mit 
dem  ein  unglückliches  Schicksal  den  Dichter  umwob.  Der 
\  erfasser  selbst  hat,  wie  er  versichert,  mein'  als  achthundert 
wissenschaftliche  Arbeiten  über  Leopardi  gelesen  und  gefunden, 
daß  das  Studium  seiner  Werke  durch  die  lückenhafte  und 
unznsammenhängende  An  der  Veröffentlichung  derselben  noch 
besonders  erschwert  wird. 

Leopardi  hat  zu  Lebzeiten  nur  die  Conti  und  die  Operette 
morali  veröffentlicht,  tlber  die  weiteren  Veröffentlichungen 
seiner  Werke  gibl  Serban  einen  dankenswerten,  wenn  auch 
nicht  vollständigen  Überblick.  Bemerkenswert  ist  es.  «laß 
Deutschland  bei  diesen  Veröffentlichungen  rühmlich  vertreten 
ist.  Adolf  Tobler  hat  im  Jahrbuch  für  romanische  und 
enylischi  Sprache  und  Literatur  von  V874  die  ( 1 6)  ungedruckten 
Briefe,  die  Leopardi  an  Christian  Karl  Josef  Frhrn.  v.  Bunsen 
schrieb,  vollständig  veröffentlicht5).  Bunsen  war  der  Nach- 
folger \ioluihrs.  des  berühmten  Verfassers  der  römischen 
Geschichte,  der  von  1818  an  als  preußischer  Gesandter  in 
Rom  weilte.  Niebuhr  schätzte  Leopardi.  der  sieh  ihm  durch 
philologische  arbeiten  bekannt  gemacht  hatte,  hoch  (er  saute 
einmal  von  ihm  :  er  verbindet  mit  ausgezeichneten  Geistes- 
gaben ein  nobles  Gemüt),  und  als  er  im  Jahr  1824  Rom  ver- 
ließ, empfahl  er  ihn  dringend  seinem  Nachfolger  Bunsen. 
Dieser  nahm  sich  denn  auch  mit  warmem  Herzen  und  tatkräf- 
tigem Eifer  des  hochbegabten  Dichters  und  Gelehrten  an  — 
er  stellte  ihm  unter  anderem  eine  Summe  zur  Bestreitung 
notwendiger  Reisekosten  großmütig  zur  Verfügung  —  aber 
seine  Bemühungen,  ihm  zu  einer  geeigneten  Austeilung  im 
Kirchenstaat  zu  verhelfen,  hatten  keinen  Erfolg.  Bunsen  dachte 
dann  daran,  eine  Dante-Professur  in  Berlin  für  Leopardi  zu 
errichten.  Aber  dazu  konnte  sich  Leopardi  nicht  entschließen. 
„Come  abbandonare  I"  mia  famiglia  e  V Italia,  e  come  sopportare 
il  clima  della  Germania?"  ')  Die  Hochschätzung,  die  Leopardi 
für  Bunsen  empfand,  und  seine  Dankbarkeit  für  das  ihm  be- 
wiesene Wohlwollen  steigerten  sich  zu  einer  geradezu 
schwärmerischen  Freundschaft,  und  der  sonst  zurückhaltende 
Leopardi  ist  überreich  an  Versicherungen  seiner  hohen  Ver- 
ehrung. Er  nennt  ihn  veneratissimo  <■  prezioso  ed  incompara- 
bile  amico.  „Segua  ad  amarmi,  como  io  Vavno}  In  venero  e  sono 
■  sarö  etemamente  tutto  suo  con  tutto  l'animo."  Er  schickt 
Grüße    an   Runsen's    Familie.     Die    zunehmende   Herzlichkeit 

'  |  S.  ebenda  S.  240—280. 

')  S.  Leopardi,  Epistolario  II,  88. 


Serban,  Leopardi  sentimental  283 

-  Verhältnisses  präg!  sich  in  den  Briefen  darin  aus,  daß 
Leopardi  sich  bei  der  Anrede  an  Bimsen  des  gemütlichen 
voi  an  Stelle  der  dritten  Person  Ella  bedient,  die  er  in  einem 
Briet' an  einen  Freund  „maledetto  spagnolismo"  schilt.  Bekannt- 
lich ist  Leopardi,  obgleich  des  Deutschen  nicht  mächtig,  zu 
mehreren  hervorragenden  Deutschen  in  nähere  Beziehungen 
getreten.  Die  letzte  Zeit  seines  Lehens  war  verklärt  durch 
die  innige  Freundschaft  mit  dem  Dichter  A.  von  Platen. 
Auch  mir  dem  Philologen  H.  W.  Schulz  (geb.  Dresden  1808, 
als  Professor  zu  Halle  1855)  war  er  nahe  befreundet. 
Er  liebte  offenbar  die  Deutschen  und  hatte  Hochachtung  vor 
der  deutschen  Wissenschaft.  In  einem  Briefe  erzählt  er.  er 
halte  einige  gelehrte  Deutsche  kennen  gelernt,  deren  Unter- 
haltung ihn  etwas  gestärkt  habe.  Im  Gespräch  zwischen 
Tristan  und  einem  Freund  sagt  er.  die  Wissenschaft  habe 
nur  mich  in  Deutschland  eine  Heimat.  Goethes  Werther 
begeisteri  ihn.  während  Byron  ihn  kalt  läßt;  von  Niebuhrs 
römischer  Geschichte  ist  er  entzückt.  Auffallend  ist  es.  wie 
schon  in  diesen  Briefen  seine  unglückliche  Stimmung  ge- 
legentlich durchbricht,  er  spricht  von  der  pochissima  felicitä 
della  mia  oita  In  <//<<(/r  spero  <■  certamente  desidero  prossima 
.-/(/  estinguersi '). 

Gr.  Cugnoni  hat  1H78--1880  eine  große  Zahl  ungedruckter 
Werke  Leopardis,  meist  philologische  Jugendarbeiten,  hei 
M.  Niemeyer  in  Halle  erseheinen  lassen  unter  dem  Titel: 
Opere  inedite  <//  Giacomo  Leopardi  pubblicate  sugli  autografi 
Recanatesi  (2   Bde.  |. 

Serhan  hebt  hervor,  daß  die  Ansichten  über  die  Persön- 
lichkeit und  den  Charakter  Leopardis  auffallend  auseinander- 
gehen. Nach  einigen  war  er  ein  Naturschwärmer,  nach 
anderen  ging  ihm  der  Sinn  für  die  Schönheit  der  Natur 
vollständig  ab,  nach  einigen  war  sein  Sehvermögen,  muh 
anderen  sein  Gehör  mangelhaft.  Solche  Widersprüche  sind 
einigermaßen  erklärlieh  bei  der  Eigenart  des  Dichters. 
Serban  findet  mit  Recht,  daß  bei  der  Schilderung  seines 
Seelenlebens  das  Gefühl,  das  bei  ihm  eine  so  große  Rolle 
gespielt  habe,  zu  wenig  berücksichtigt  werde.  Le  Sentiment 
ist  im  Sinne  des  Vf.  nichts  Anderes  als  das  Sehnen  nach 
Liebe.  Giacomo  Leopardi  hatte  schon  als  Kind  ein  mächtiges 
Bedürfnis  zu  lieben  und  gelieht  zu  werden.  Seine  Mutter, 
eine  Frau  von  starkem  Charakter,  hatte  die  natürliche  Liebe 
zu  ihren  Angehörigen  in  einem  kaltherzigen  fanatischen  Buch- 
stahenglauben  erstickt;  sie  gab  ihm  keine  Liebe.  Damit 
fehlte  seiner  .lugend  der  Sonnenschein.  Der  Vater.  Monaldo. 
war  ein  gefühlvoller,  aber  schwacher,  ängstlicher  und  wenig 
verständiger  Mann:  er  liebte  seine  Kinder  zärtlich,  aber  seine 

7)  S.  Tobler  a.  a  0.  S.  273. 


284  Referate  und  Rezensionen.     Haape. 

Liebe  war  etwas  Belbstischer  Art.  Er  will  sich  von  seinen 
Söhnen  nicht  trennen:  er  freut  sich,  wenn  sein  Giacomo  sich 
als  Wunderkind  entwickelt,  wenn  er  in  zartem  Alter  sich  in 
dein  glühenden  Ehrgeiz  verzehrt,  als  gelehrter  Schriftsteller 
zu  glänzen:  er  ahnt  nicht  die  Stürme,  die  sein  anscheinend 
sn  stilles  Gemüt  durchwühlen  und  d;is  Studium  und  den 
Literarischen  Ruhm  in  den  Hintergrund  drängen,  er  hört  nicht 
den  leidenschaftlichen  Aufschrei  des  jungen  Herzens:  l/<> 
bisogno  d'atnore,  amore,  ainore,  fuoco,  entusiasmo,  viia!  und 
sein  Geständnis: 

Pretfio  //"//  ha.  i">n  ha  ragion  lu  vita, 

Se  uon  I"  /'  lui,  /><i'  litt  ch    all  uomo  <   tutto. 

Wenn  Serban  bei  <l<'v  eingehenden  Erörterung  des  „Senthnenta- 
/is/i/r"  Leopardis  die  Ansicht  ausspricht,  das  Gefühl  des  Dichters 
sei    eigentlich    von   selbstsüchtigen   Beweggründen    beherrscht, 

so  tut  er  ihm.  wie  ich  glaube,  Unrecht.  Leopardi  hatte  eine 
ideale  Auffassung  von  der  Liebe;  sie  war  ihm  der  Inbegriff 
aller  Tugend.  Er  spricht  dies  öfters  aus,  so  besonders  in 
dem  (französisch  geschriebenen)  Brief  an  Jacopssen  in  Brügge, 
worin  er  sagt8):  Sans  doute  <>n  il  ne  faudrait  [>as  viere  <»"  il 
faudrait  toujours  sentir,  toujours  aimer,  toujours  esperer.  II 
faudrait  qite  Vanwur  regnät  parmi  les  hontmes,  que  tous  les 
individus  fussent  vertueux,  cest-ä-dire  bienfaisants,  genereux, 
compatissantSj  sensibles.  Aus  seinen  Briefen  wissen  wir.  wie 
innig  er  seine  Geschwister  geliebt  hat.  wie  besorgt  er  für 
seine  Eltern,  auch  für  seine  Mutter  war.  wie  herzlich  er 
-einen  Freunden  zugetan  war.  und  wie  er  von  ihnen  gelieht 
wurde.  Wenn  der  Verf.  sagt:  Leop.  ignorait  les  joies  <l» 
sacrifice  et  la  beante  <h<  devotiement,  so  ist  dies  eine  Vermutung, 
für  die  kein  Beweis  gegeben  ist.  Welches  Opfer  hätte  auch 
der  Dichter  bringen  sollen,  der  sein  Lehen  lang  mit  Xot  und 
Elend  zu   kämpfen  hatte? 

Unrichtig  scheint  mir  auch  die  Behauptung,  daß  L.  mir 
solche  Frauen  geliebt  habe,  die  nicht  nur  schön,  sondern  auch 
geistig  hochstehend  und  feingebildet  waren,  wie  Geltrude 
Cassi,  Teresa  Carniani-Malvezzi,  mit  der  ihn  nach  Serbans 
Worten  une  amitie  tendre  et  sensible  verband,  und  der  Floren- 
tinerin Fanny  Targioni  Tozzetti.  Dadurch  würde  den  länd- 
lichen Schönheiten  Silvia  und  Nerina,  in  denen  L.  seine  anmutig- 
sten Gestalten  geschaffen,  der  Platz  am  Herzen  des  Dichteis 
mit  Unrecht  verkümmert,  und  Serban  würde  sieh  mit  sich 
selbst   in   Widerspruch  setzen  (vgl.  S.  83  ff.). 

Ein  anderer  Gedanke  aber  drängt  sich  uns  bei  der  Leo- 
p ardischen  Liebespoesie  auf.     Wenn  der  todkranke  Consalvo 

»)  S.  Epistol.  Xr.  183. 


Serban,  Leopardi  sentimental.  285 

die  Geliebte  vor  seinem  Tode  um  einen  Kuß  bittet  und  dann 
beglückt  ausruft : 

.letzt  sterb'  ich 
Mit  meinem  Schicksal  ausgesöhnt. 
Ich  lebte  nicht  umsonst,  mir  ward  besehieden. 
Zu   drücken   meinen  Mund  auf  diese  Lippen, 

wenn  der  Dichter  in  Atta  sua  donna  die  Geliebte  als  Götter- 
bild schildert  und  sie  unter  die  Sterne  versetzt,  wenn  in  dein 
besprach  Torquato  Tassos  und  seines  genius  familiaris  der 
Genius  fragt,  was  denn  eigentlich  süßer  sei.  die  geliebte  Frau 
zu  sehen  öder  an  sie  zu  denken,  so  muß  man  fragen,  ob  diese 
Liebe  nicht  allzu  ideal,  allzu  übersinnlich  ist,  um  wahr  zu 
sein.  Andererseits  schildert  er  /..  B.  in  Aspasia  den  sinnlichen 
Reiz,  den  die  Geliebte  auf  ihn  ausübt,  mit  brennenden  Farben. 
Patrizi  und  andere  italienische  Gelehrte  glauben  bekanntlich 
bei  Leopardi  und  seiner  Familie  krankhafte  Anlagen  gefunden 
zu  haben.  Nach  seinem  eigenen  Zeugnis  erfreute  er  sich  als 
Jüngling  in  den  Jahren  1814  bis  1816  eines  glücklichen 
hoffnungsfrohen  Zustandes.  Wie  dieser  Zustand  ein  Ende 
nahm,  erzählt  er  selbst  am  ergreifendsten  in  einem  Brief  an 
Giordani  vom  '2.  März  1818:  ..Durch  sieben  Jahre  wahnsinnigen 
verzweifelten  Studiums  habe  ich  mich  zu  Grunde  gerichtet, 
und  zwar  gerade  in  der  Entwicklungszeit,  da  mein  Körper 
sich  hätte  festigen  sollen  9).  In  wieweit  dieser  pathologische 
Zustand  auf  Leopardis  pessimistische  Weltanschauung  ein- 
wirkte,  kann  hier  nicht  untersucht  werden. 

Was  diesen  Pessimismus  betrifft,  ist  Serban  der  Meinung, 
dal.)  Leopardi  den  Tod  gefürchtet  und  geflohen,  nicht 
aber  gesucht  und  herbeigewünscht  habe,  und  daß  dies  eigent- 
lich der  Grund  seines  Pessimismus  sei.  Serban  erinnert  an 
La  Fontaine's  Fabel  vom  Tod  und  dem  Unglücklichen.  0  mort, 
•pif  tu  nie  sembles  belle!  Viens  vite,  viens  finir  ma  fortune 
cruelle!  So  ruft  der  Unglückliche  dem  Tod  zu,  aber  da  der 
Tod  ihm  naht,  schreit  er:  Que  vois-je?  ötez-moi  cet  objet! 
Qu'ü  est  hideux!  que  sa  rencontre  Me  cause  d'horreur  et  d'effroi. 
Der  unglückliche  Leopardi  hatte  sich  daran  gewöhnt,  den  Tod 
als  Erlöser  von  dem  schweren  Leiden  zu  betrachten,  das  ihm  das 
Leben  zur  Qual  machte,  und  das  Todesverlangen,  das  er  z.  B. 
in  Briefen  an  seinen  Vater  wiederholt  ausspricht  (schon  .1832) 
war  gewiß  nicht  erheuchelt.  Wenn  sich  gelegentlich  Auße- 
ningen bei  ihm  finden,  wie  „La  vita  e  una  bella  cosa,  ma  la 
morte  e  bruttissima,"  so  beweist  dies,  daß  auch  er  Stimmungen 
hatte,  in  denen   er  dem   natürlichen  Gefühl    des  Grauens   vor 

•)  Vgl.  Zollhiffer,  Leopardi  als  Dichter  des  Weltschmerzes,  Zürich 
1912.  S.  20.  Ein  Buch,  das  zur  Einführung  in  Leopardis  Dichtungen 
vorzüglich  geeignet  ist. 

Ztschr.  f.  fr«.  Littr.  XLIV6/8.  19 


286  Referate  und  Rezensionen.     Haape. 

der  Vernichtung  des  Lebens  unterlag;  es  ist  begreiflich,  daß 
eine  so  weiche,  empfindsame  Natur  manchmal  vor  der  furcht- 
baren Krankheit,  der  Cholera,  deren  Bild  wie  ein  Schreck- 
gespenst vor  Europa  stand,  zurückbebte. 

Mit  der  Ansicht  Serbans  von  der  großen  Bedeutung,  die 
dem  Gefühl  in  der  Psychologie  und  ganz  besonders  in  der 
Aesthetik  Leopardis  zukommt,  kann  man  durchaus  einver- 
standen sein.  „Gefühl  ist  Alles"  bei  ihm.  II  avait  senti- 
mentalise"  taus  les  arte,  wie  Serban  sagt.  Er  beschreibt  nicht 
die  Scöhnheit  der  Natur  im  Einzelnen ;  er  will  nur  Gefühle. 
Gedanken,  Erinnerungen  hervorrufen.  Es  ist  merkwürdig,  wie 
er  mit  Frau  v.  Stael  übereinstimmt;  sie  hat  gesagt:  Le  bonheur 
est  (hins  le  vague,  und  das  Unbestimmte,  Zerfließende.  Ver- 
schleierte ist  auch  das  Element,  in  dem  sich  Leopardis  Poesie 
mit  Vorliebe  bewegt  ,0).  Auffallend  ist,  daß  vago  im  Italieni- 
schen geradezu  das  Anmutige,  Liebliche  bedeutet.  Wenn  er 
sich  hierin  den  Romantikern  nähert,  so  bezieht  sich  dies  auch 
auf  die  große  Bedeutung,  welche  die  Unendlichkeit  für  ihn 
hat,  das  Infinito,  in  das  der  Dichter  sich  so  gern  versenkt. 
II  naufragar  nie  dolce  in  questo  mare. 

Der  Abhandlung  sind  2  Aufsätze  als  appendice  I  und  II 
beigegeben.  Der  erste,  a  propos  de  la  date  de  la  poesie 
Consalvo,  bringt  die  Entstehung  des  Gedichtes  Consalvo  mit 
der  Leidenschaft  des  Dichters  für  Fanny  Targioni-Tozzetti  in 
Verbindung  und  gibt  an,  Leopardi  habe  die  Bekanntschaft 
dieser  Frau  kurz  vor  Juli  1839  gemacht.  Diese  Angabe  ist 
unrichtig  und  beruht  wohl  auf  Druckfehler.  Leopardi  kam 
am  10.  Mai  1830  nach  Florenz;  da  lernte  er  Fanny  kennen, 
also  etwa  1830—1831. 

Der  2.  Aufsatz,  sur  la  date  de  la,  deuxieme  elegie  sagt, 
diese  Elegie  sei  publiee  pour  la  premiere  fois  dans  l'edition 
faite  ä  Bologne  en  188  6.  Auch  diese  Jahreszahl  ist  offenbar 
falsch.  Bei  Mestica  heißt  es:  Questo  frammento  e  parte  della 
IIda  della  due  elegie  d'amore  stampate  dall'autore  nel  volumetto 
„Versi  del  conte  G.  L."  Bologna   182  6. 

Den  Schluß  des  Buches  von  Serban  bildet  das  Jonrtial 
d'amour,  die  Übersetzung  des  Diario  d'amore,  das  Leopardi 
im  J.  1817  während  seines  Zusammenseins  mit  Geltrude  Cassi, 
einer  entfernt  Verwandten,  verfaßt  hat.  Der  Dichter  erzählt 
darin  die  Geschichte  seiner  ersten  Liebe,  die  ihn  im  Alter 
von  1 9  lk  Jahren  ergriff  und  sein  erregbares  Gemüt  in  helle 
Flammen  setzte.  Es  ist  ein  seltsames  Schauspiel:  ein  durch 
die  Liebe  bis  zum  Wahnsinn  erhitzter  Jüngling  —  nach  dem 
Zeugnis  seines  Bruders  Carlo  war  er  so  rasend,  daß  er  den 
Kopf  gegen  die  Wand  schlug  —  bemüht  sich  mit  der  Unbe- 
fangenheit  und   Sachlichkeit   eines   Arztes    die   Zustände  und 

10)  Vgl.  hierzu  W.  Küchler,  Franz.  Romantik.    S.  60. 


Serban,  Leopardi  sentimental.  287 

Stimmungen  seines  Innern  in  einem  genauen  Tagebuch  förm- 
lich protokollarisch  festzustellen  und  zu  verzeichnen.  Es  liegt 
nahe,  bei  diesem  Buch  an  die  Graphomanie  zu  denken,  die 
Professor  Patrizi  bei  dem  Vater  Leopardia  findeD  wollte,  und 
die  sich  vielleicht  auf  den  Sohn  vererbt  hat.  Wie  eine  amt- 
liche Personenbeschreibung  klingt  es.  wenn  von  (ielrrude  und 
ihrem  Gatten  gesagt  wird:  Sie  ist  26  Jahre  alt.  hochgewachsen 
und  stattlich,  mit  starken,  aber  feinen  Gesichtszügen,  kohl- 
schwarzen Augen,  kastanienbraunen  Haaren:  er  ist  50  Jahre 
alt.  dick,  behäbig:  Sprache  und  Benehmen  beider  entsprechen 
dem  Charakter  der  Romagna.  Vom  ersten  Abend  berichtet 
er  noch  sehr  zurückhaltend:  Ich  sah  sie.  und  sie  mißfiel  mir 
nicht.  Am  zweiten  Tag  aber  stellt  er  seine  Eindrücke  also 
fest:  unbestimmte  Unruhe,  Unzufriedenheit,  melancholische, 
sanfte,  zärtliche  Stimmung.  Sehnen  nach  etwas  Unbestimmtem 
(Schillers  ,,namenloscs  Sehnen").  Manchmal  haben  diese 
förmlich  aktenmäßigen  Feststellungen  etwas  unwillkürlich 
Komisches.  Die  bevorstehende  Abreise  der  Angebeteten 
betrübt  ihn  nicht,  denn  wenn  sie  dageblieben  wäre,  hätte 
er  einen  Tag  voll  Aufregungen  vor  sich  gehabt.  —  Das  ist 
der  schüchterne  Jüngling,  der  sich  nach  der  Geliebten  sehnt, 
sich  aber  vor  dem  Wiedersehen  fürchtet.  Wenn  er  von  ihr 
sprechen  hört,  fühlt  er  einen  physischen  Schmerz,  den  er  als 
Übelkeit.  Ekel  bezeichnet,  ebenso  wenn  ein  heiteres  Gespräch 
geführt  wird.  Ointe,  se  quest?  e  amor,  com  'ei  travaglia!  sagt 
er  mit  Recht  in  der  Elegie.  „11  primo  amore,"  in  der  er  seinen 
Zustand  besingt.  Sein  Sinn  für  das  Studium  ist  ganz  ver- 
schlossen —  ho  l'intelletto  chiusissimo  (Serban  übersetzt  unrich- 
tig: dont  mon  esprit  est  pourtant  si  epris).  Er  ist  überzeugt, 
daß  die  Zeit  diesen  Liebesanfall,  der  ihn  so  plötzlich  wie 
eine  Krankheit  überfallen  hat,  heilen  wird;  er  weiß  aber 
nicht,  ob  er  dies  wünschen  oder  ob  er  das  süße  Gefühl,  das 
Hangen  und  Bangen  in  schwebender  Pein  festhalten  soll: 
er  fühlt,  daß  sein  Geist  durch  die  Liebe  doch  einen  höheren 
Schwung  erhält. 

Am  16.  Dezember  berichtet  er.  daß  zu  den  früher  ange- 
führten Gründen  seines  verliebten  Zustandes  alle  ragioni  del 
presente  mio  stato  addotte  di  sopra  —  Serban  übersetzt  addotte, 
von  addurre,  unrichtig :  adoptees  statt  aleguees  —  der  für  ihn  neue 
Reiz  eines  ungezwungenen  und  doch  feinen  Benehmens  kommt. 

Am  17.,  nicht  am  19.,  Dezember  berichtet  er.  sein  ,,teurer" 
Schmerz  —  il  mio  earo  dolore  —  habe  ihn  verlassen  wollen : 
er  ärgert  sich  darüber,  daß  das  Bild  der  Geliebten  seinem 
Gedächtnis  nur  in  farblosen  Umrissen  erscheint,  während  das 
Gesicht  ihres  Gatten,  das  er  durchaus  nicht  sehen  will,  glänzend 
und  frisch  vor  ihm  steht.  Er  wendet  sich  dem  Studium  wieder 
zu  im  Gedanken,  daß  er,  divenuto  qualche  cosa  di  grande  neue 
lettere,  von  der  Geliebten  freundlich  empfangen  werden  würde. 


288  Referate  nn<l  Rezensionen.     Haape. 

M ; i r  1  hat  vermutet,  daß  dieVita  nuova,  in  welcher 
Dante  Alighieri  die  Geschichte  seiner  Liebe  zu  Beatrice 
beschrieben  hat.  Leopardi  als  Vorbild  für  sein  diario  d'amore 
gedient  habe.  Auch  Serban  sagt  (S.  72).  die  Nachahmung 
der  Vita  nuova  sei  nicht  zu  verkennen;  er  führt  aber  keine 
Beweise  dafür  an.  Manche  Ähnlichkeiten  drängen  sich  aller- 
dings auf.  doch  sind  sie  im  wesentlichen  äußerlicher  Art.  Da- 
hin gehört  die  Verbindung  von  Poesie  und  Prosa.  Bei  Dante 
wird  an  die  prosaische  Erzählung  regelmäßig  ein  Geflieht  ge- 
knüpft, zu  dem  die  Erzählung  Veranlassung  gibt.  Leopardi 
besingt  seine  Liebe  zu  Geltrude  in  zwei  Elegien,  die  sich 
an  das  diario  d'amore  anschließen;  außerdem  sind  4  Entwürfe 
zu  Elegien  demselben  Gegenstande  gewidmet  (veröffentlicht 
in  den  Scritti  vari  /w-rf/ti  di  (J.  L.  dalle  carte  napoletane. 
Firenze  19<>6).  Dante  pflegt  von  den  Hegungen  der  Liebe  als 
einem  assalire  und  einer  battaglia  d'amore  zu  sprechen  (vgl. 
\  ita  n.  §  XH  appresso  la  battaglia  delli  diversi  pensieri;  ebenda 
ij  XVI:  Amore  m'assalia  si  forte:  quando  questa  battaglia 
d'amore  mi  pugnava  cosi.  Ebenso  spricht  Leopardi  von  einer 
battaglia  Juniore  (vgl.  //  primo  amore:  Tomami  a  motte  il 
di  che  lu  battaglia  d'amor  sentit  la  prima  volta  e  dissi:  Oimd, 
se  quest'e  amor}  com' ei  travaglia! 

Eine  Erinnerung  an  die  vita  nuova  ist  es  wohl  auch,  wenn 
Leopardi  in  einem  Brief  aus  Pisa  vom  23.  Febr.  1828  sagt: 
Ho  qui  in  Pisa  una  certa  strada  deliziosa  ehe  io  chiamo  V  i  a 
delle  rimembranze;  lä  vo  a passeggiare,  quando  ooglio  sog- 
nare  a  occhi  aperti  (Epist.  II  71):  so  spricht  Dante  (vita  n. 
§  X)  von  einem  cammino  de'sospiri  und  ebenda  §  XTY 
von  la  camera  delle  lagrime. 

Nach  Inhalt  und  Geist  sind  aber  die  beiden  Werke  von 
einander  sehr  verschieden.  Dantes  Liebe  zu  Beatrice  ist  eine 
andere  als  die  Leopardis  zu  Geltrude  Cassi.  An  Beatricen's 
klarem  Himmel  toben  keine  Stürme.  Sie  ist  die  distruggitrice 
di  tutti  i  vizi  e  reina  della  virtü,  die  Königin  der  Tugend, 
die  alle  Laster  vernichtet;  ihr  Verehrer  naht  ihr  mit  Ehrfurcht 
und  Demut.  Wie  eine  Ahnung  ist  in  ihr  schon  die  Beatrice  der 
Divina  Commedia  enthalten,  die  in  göttlicher  Schönheit  erstrahlt. 
Der  gelehrte  und  warmherzige  Erklärer  der  Vita  Nuova.  A. 
d'Ancona  berührt  am  Schluß  seines  Discorso  sn  Beatrice  den 
Gegensatz  zwischen  Dante  und  Leopardi :  Jener,  dem  das  Bild 
höchster  Schönheit  und  Tugend  leuchtet,  ist  tausendmal  glück- 
licher als  der  arme  Leopardi,  der,  von  Zweifel  gequält  und 
Verzweiflung  im  Herzen,  das  Ideal  vergeblich  sucht,  nach  dem 
sich  seine  Seele  sehnt11). 

Baden-Baden.  W.  Haape. 

")  A.  d'Ancoua,  La  Tita  nuova  di  Dante  Alighieri,  Pisa  1884, 
S.  LXXXVIII. 


Druck  Ton  G.  Utchrnwin,  Weimar. 


Beiträge  zur  Geschichte  der  politischen 

Literatur  Frankreichs  in  der  zweiten  Hälfte 

des  16.  Jahrhunderts. 

Dritter  Teil: 
Die  politischen  Theorien. 

Till.  Die  Liga. 

Keiner  von  denen,  die  in  Bodins  Sinn  für  die  Stärkung 
der  Monarchie  eingetreten  sind,  kommt  dem  Verfasser  der 
„Six  livres  de  la  Republique"  an  Weite  des  Blicks  und  an  Tiefe 
der  Gedanken  gleich.  Im  einzelnen  steuern  sie  wohl  mancherlei 
neu  bei,  aber  in  der  Hauptsache  bewegen  sie  sich  doch  immer 
nur  um  die  Kardinalforderung  einer  starken  Monarchie  hin 
und  her.  An  Anhängern  und  Parteigängern  fehlte  es  Bodin 
gewiß  nicht.  Indessen  hatten  seine  Theorien  erst  noch  eine 
neue  starke  Krisis  zu  überwinden,  ehe  ihnen  der  Sieg  be- 
schieden war.  Denn  gegen  die  Ordnung  des  Staates,  wie  sie 
ihm  vorschwebte,  lehnten  sich  die  Theorien  der  Liga  auf. 
Die  Tatsache,  daß  Bodin  selbst  ihr  unfreiwilliger  Parteigänger 
war  l),  darf  nicht  über  den  tiefen  inneren  Gegensatz  hinweg- 
täuschen, der  zwischen  seinen  Theorien  und  denen  der  Liga 
waltet. 

Die  Zeit  der  Liga  ist  eine  Zeit  leidenschaftlichsten 
Kampfes.  Die  Flut  der  Flugschriften,  die  in  den  stürmischen 
Tagen  der  Reformationskriege  nie  ganz  abgeebbt  war,  ist 
wieder  in  raschem  Steigen  begriffen.  In  den  Streit  greift 
jetzt  auch  das  Wort  des  Priesters  ein.  Mehr  noch  als  früher 
hallen  Kirchen  und  Kanzeln  von  den  Hetzreden  der  Priester 
wieder.  .,//  n'estoit  pas  permis  ä  Paris  de  se  montrer  autre 
que  ligueur;  les  gens  de  bien  y  estoient  exposes  ä  la  perte  de 
leurs  vies  et  de  leurs  biens,  et  aux  mouvemens  d'une  populace 
furieuse  et  emportde,  que  les  moines,  les  curez  et  les  predicateurs 
excitoient  conünuellement  au  sang  et  au  carnage,  ne  leur  pres- 
chant  autre  Evangile"  '-).     in  allen  Tonarten  werden  Haß  und 


!)  Baudrillart  S.  132.  Vgl.  jetzt  auch  F.  v.  Bezold.  Historische  Zeit- 
schrift 113  (1914)  S.  261. 

2)  Pierre  de  Lestoile.  Memoires  et  Journal.  Regne  de  Henri  IV.  iu : 
Nouvelle  Collect  im,  des  Memoires  pour  servir  ä  l'histoire  de  France.  2e  serie. 
I.  2  (Paris  1837)  S.  5. 

Ztechr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XLV  '•  «.  20 


290  Kurt  Glaser. 

Feindschaft  gepredigt.  Neben  der  niedrigen,  unsinnigen  Yer- 
leumdung  ringt  sich  der  hohe,  den  Menschen  fortreißende 
Gedanke  nur  mit  Mühe  durch.  Und  als  Charles  Labitte  in 
seinem   Buche    ,,D>    la   dimocratie  chez   lex  prSdicateurs  de  la 

Lkjue"  (Paris  1841)  zum  ersten  Mal  den  gewaltigen  Einfluß 
darzulegen  unternahm,  den  die  Tätigkeit  der  Kanzelredner 
auf  die  Gestaltung  und  Richtung  der  öffentlichen  Meinung 
und  auf  die  Ausbildung  der  politischen  Ideen  der  Liga  aus- 
geübt hat.  hatte  er  alle  Not.  aus  der  Unmasse  von  Schmähungen 
und  dem  Wirrwarr  widerstreitender  Meinungen  einen  gedank- 
lichen Kern  loszulösen. 

Freilich  muß  man  sich  hüten,  in  den  Fehler  Labittes  zu 
verfallen  und  die  Theorien  der  Liga  in  ihrem  Wert  allzu  hoch 
anschlagen  zu  wollen.  Nicht  als  ob  die  Fragen,  um  die  sich 
die  Erörterungen  drehen,  nicht  geeignet  gewesen  wären,  große 
Gesichtspunkte  zu  erschließen.  Die  Gebundenheit  an  enge, 
die  Bewegung  hemmende  Parteidogmen  behindert  indessen 
die  Freiheit  selbständiger  Meinungsäußerung.  Zudem  ist  die 
Fähigkeit  oder  Neigung  zu  vorurteilsloser  Abwägung  der  An- 
sichten anderer  nur  sehr  gering.  Die  Theorie  der  Liga  lebt 
zu  stark  vom  Widerspruch  und  begnügt  sich  zu  einseitig  da- 
mit, schon  früher  breitgetretene  Argumente  mit  neuer  Leiden- 
schaftlichkeit zu  erörtern.  Mit  Selbstverständlichkeit  wird  die 
Feindschaft  gegen  die  Person  des  Königs  verallgemeinert  zur 
Feindschaft  gegen  die  Einrichtung  des  Königtums  überhaupt. 
In  dem  Gedanken,  daß  Heinrich  III.  der  Herrschaft  unwürdig 
sei  und  die  Krone  anderen  gehöre3),  schrieb  in  jenen  Tagen 
ein  angesehener  Geistlicher  zu  Toul,  Francois  de  Rosieres, 
ein  Buch,  in  dem  er  auf  Grund  ausführlicher  genealogischer 
Erörterungen  für  die  Thronansprüche  der  Guisen  eintrat4), 
während  er  gleichzeitig  von  der  Kanzel  zu  Toul  in  derben 
Tiraden  gegen  den  König  lospolterte.  Mit  ihm  wetteiferte 
Guincestre,  auch  er  aus  demokratischer  Gesinnung  ein  Feind 
des  Königs,  auch  er  in  katholischem  Glaubenseifer  ein  Feind 
des  ketzerischen  Heinrich  von  Navarra.  Als  Lincestre  5)  stellt 
ihn  die  Satyre  Menippee  in  wenig  schmeichelhafter  Weise 
mit  Boucher  zusammen  6).    Die  zeitgenössischen  Berichte«  die 

3)  Vgl.  auch  die  „Remontrance  ä  tous  bons  chrestiens  et  fideles  catho- 
liques.  d  tnaintenir  la  Sainte  Union  pour  la  conservation  de  la  Religion 
Catholique,  Apostolique  et  Romaine  en  ce  Royaume  de  France,  contre  les 
efforts  du  Tyran,  ses  complices  et  Allies  Politiques,  Huguenots  et  autres 
JJerftiques  (1589)"  in:  Memoires  de  la  IAgue  III  S.  520—  523. 

4)  Stemmatum  Lotharingiae  ac  Barri  Ducis  Tomi,  ab  Antenore 
Trojano  ad  Caroli  III.  Ducis  tempora,  in  quibus  praeterea  habes  verum 
ubique  gentium  gestarum  perutile  Compendiwn  chronologicum ;  auctore 
Francisco  De  Rosieres.  Archidiacono  Tullensi."  1580.  Gegen  ihn  schrieb 
Du  Plessis-Mornay  seinen  „Discours  du  droit  pretendu  par  ceux  de  la 
Maison  de  Guise  d  la  Couronne  de  France"  in:  Memoires  de  la  Ligue  I.  S.  7  ff. 

5)  So  nennt  ihn  auch  Lestoile  I,  2.    S.  58  b.  S.  147. 
e)  ed.  Xodier  I.  S.  20.  II.  S.  64. 


Gesch.  d.  polit.  Lit.  Frankr.  in  der  2.  Hälfte  d.  16.  Jahrh.     291 

von  der  Leidenschaftlichkeit  seiner  Rede  zu  erzählen  wissen  7), 
geben  zugleich  eine  Vorstellung  von  dem  wilden  Fanatismus, 
der  damals  die  Gemüter  erfüllte.  In  der  stürmischen  Er- 
regung eines  mit  allen  Waffen  des  Hasseb  gegen  König  und 
Königtum  geführten  Kampfes  gerieten  selbst  ruhige  Naturen 
ins  Wanken,  wie  der  Erzbischof  von  Bourges,  Renaud  de 
Beaune,  der,  erregten  Stimmen  seiner  Zeit  folgend,  in  einer 
Anwandlung  des  Unwillens  der  Trägheit  und  Unfähigkeit 
Heinrichs  III.  die  Schuld  an  dem  Tode  der  Maria  Stuart  bei- 
maß und  diesen  Vorwurf  in  ein  Lob  der  mit  der  unglücklichen 
Königin  verwandten  Guisen  hinüberklingen  ließ.  Auch  der 
Konflikt,  in  den  damals  (Dezember  1587)  Heinrich  III.  mit 
der  Sorbonne,  der  alten  Hüterin  königlicher  Rechte  und  kirch- 
licher Traditionen,  geriet,  ist  ein  charakteristisches  Zeichen 
der  Zeit8). 

Es  ist  uns  heute  nicht  mehr  möglich  und  kann  uns  auch 
füglich  gleichgültig  sein,  allen  den  kleinen  und  kleinsten 
literarischen  Fehden  nachzugehen,  welche  geschäftige  und 
gehässige  Federn  in  Bewegung  gesetzt  haben,  und  die  zahl- 
losen Ränke  zu  entwirren,  deren  Herd  nur  allzu  oft  an  dem 
Hof  selbst  zu  suchen  war.  In  den  zeitgenössischen  Berichten 
steht  Wesentliches  und  Unwesentliches,  Wahres  und  Falsches, 
in  bunter  Mischung  nebeneinander.  Sicher  ist  indessen,  daß 
die  Herzogin  von  Montpensier  bei  vielen  Gelegenheiten  ihre 
ränkevolle  Hand  im  Spiel  gehabt  hat.  So  wird  es  klar,  wes- 
halb Heinrich  III.  einmal  aus  seiner  Untätigkeit  heraustrat 
und  ein  Pamphlet  gegen  sie  verfassen  ließ9),  das  unter  sicht- 
licher Anlehnung  an  Rabelais  ihre  —  angebliche  —  Bibliothek 
durchmusterte,  um  von  hier  aus  boshafte  Schlüsse  auf  ihre 
Gedanken  und  Lebensgewohnheiten  zu  ziehen.  Das  theore- 
tische Gebiet  streift  die  Schrift  nur  von  ferne  und  zwar  nur 
insofern,  als  sie  der  lichtscheuen  Ränkesucht  der  Herzogin 
die  Geradheit  königstreuer  Gesinnung  gegenüberstellt.  Wie 
an  andere,  die  in  jener  Zeit  eine  kümmerliche  Rolle  gespielt, 
hat  auch  an  sie  die  Satyre  Menippee  die  Erinnerung  auf- 
bewahrt l0). 

In  dem  Getümmel  des  Kampfes  hatten  nur  wenige  den 
Mut,  für  die  Sache  des  Königs  und  die  Rechte  der  Monarchie 
einzutreten.  Das  tat  die  unter  dem  frischen  Eindruck  von 
Heinrichs  III.  Ermordung  geschriebene  „Remontrance  au  peuple 
frangois,  qu'il  n'est  permis  ä  aucun  Sujet,  sous  quelque  pre- 
texte   que   ce   soit,   se   rebeller   ni  prendre  les   armes  contre  son 

7)  Vgl.  Lestoile  l.  c. 

8)  Labitte  S.  34. 

9)  „Bibliotheque  de  Madame  de  Montpensier",  vgl.  Lestoile,  Begistre- 
Journal  de  Henri  TIT.    I.  1.    S.  241  ff.,  S.  244a. 

1«)  ed.  Nodier  I.  S.  24,  31,  50,  54,  168;  II.  S.  102. 

20* 


292  Kurt  Glaser. 

Prince  li<>i,  ni  attenter  contre  son  Eint"  (1589) ll).  Auf  Grund 
der  Heiligen  Schrift  will  sie  nachweisen,  daß  es  unter  keinen 
Umständen  erlaubt  sei.  die  Waffen  gegen  den  König  zu  er- 
heben, selbst  nicht,  wenn  es  sich  um  die  Verteidigung  der 
Religion  handele.  Auch  wenn  der  Fürst  Ketzer  wäre,  müsse 
man  ihm  doch  gehorchen,  oder  man  laufe  Gefahr,  sein  Seelen- 
heil zu  verlieren.  Ahnlich,  wenngleich  weniger  scharf,  sprach 
sich  aus  der  „Contr'aris  ä  celui  de  l'avocat  Bernard  de  Dijon, 
ä  hi  Noblesse  de  Bourgogne,  sur  ce  qui  est  expedient  de  faire 
pour  s'opposer  ä  ceux  qui  sous  le  masque  de  Religion  veulmt 
transferer  In  Couronne  de  France  en  main  estranyere"  (1589) l2). 

Zu  den  Verteidigern  der  königlichen  Rechte  gehört  auch 
Edmond  Auger.  Sein  Eifer  für  das  Königtum  ging  schließlich 
so  weit,  daß  der  Jesuitenorden,  dem  er  als  Pater  angehörte, 
seine  Entfernung  vom  Hofe  veranlaßte  13). 

In  Paris  wagten  es  nur  drei  Geistliche,  Benoist,  der  Cure 
von  Saint-Eustache.  Morenne,  der  von  Saint-Mery  und  Cha- 
vagnac.  der  von  Saint-Sulpice.  sich  der  Tyrannei  der  ligistischen 
Agitatoren  entgegenzustemmen,  aber  man  ließ  ihnen  kaum 
noch  die  Freiheit  des  Wortes  l4). 

Auch  Claude  de  Sainctes  15)  mußte  sich  vor  der  Allmacht 
der  Liga  beugen.  Bereits  im  Jahre  1561  hatte  er  im  Auf- 
trag der  Katharina  von  Medici  eine  gelehrte  Streitschrift 
gegen  die  kirchliche  Toleranz  verfaßt:  „Ad  edicta  veterum 
principum  de  Jicentia  sectarum  in  christiana  reliyione"  l6)  und 
war  namentlich  in  seinem  „Discours  sur  le  saccagement  des 
Eglises  Catholiques  par  les  Heretiqnes  miciens,  et  les  nouveanx 
Calrinistes,  en  Van  1562"  (Paris  1563)  gegen  die  Anhänger 
der  neuen  Lehre  aufgetreten  l7).    Nach  seiner  Ernennung  zum 

u)  Iu:  Memoires  de  La  Ligue  IV.  S.  115 — 134.  Verfasser  ist  F.Thomas 
Beaux-Amis.  Die  unbequeme  Schrift  suchten  die  Katholiken  wirkungslos 
zu  machen,  indem  sie  uuter  dem  gleichen  Verfassernomen  eine  Gegenschrift 
herausgaben.  Beaux-Amis  hatte  schon  im  Jahre  1572  eine  Flugschrift  gegen 
die  Kalvinisten  geschrieben  :  „La  Martnite  renversee  et  fondue,  de  laquelle 
parlent  les  Propheten,  oü  est  prouve  que  la  Secte  Calvinique  est  la  vraie 
Marmite;  avec  un  Sommaire  de  ses  conjutations.  causes  desaruine''.  etc. 
(Paris  1572). 

12)  In:  Memoires  de  la  Ligue  IV.  8,  13H  — 173.  Der  gleiche  Gedanke 
kehrt,  nachdem  der  Religionswechsel  Heinrichs  IV.  eine  neue  Latre  geschaffen, 
noch  mehrfach  wieder:  vgl.  ..L)aemonologie  de  Sorbonne  la  Nouvelle"  (in: 
Memoires  de  la  Ligi«  V.  S.  403-408:  vgl.  auch  Lestoile  I.  2.  S.  173a)  und 
„Discours  par  lequel  il  est  montre  qu'il  n'est  pas  loisible  au  sujet  de  medire 
de  son  Roi,  et  encore  moijis  prendre  les  armes  contre  Sa  Majeste.  ou 
attenter  ä  icelle,  pour  quelqu'occasion  ou  pretexte  que  ce  soit.  Par  M.Claude 
de  Morenne,  Curi  dt  Saint-Mederic,  ä  Paris"  (Memoires  de  la  Ligue  VI. 
S.  31—41). 

13)  Labitte  S.  58. 

14)  Labitte  S.  113.  Eine  Anspielung  auf  sie  in  der  Satyre  Menippee, 
ed.  Nodier  II.    S.  88.    Vgl.  auch  Lestoile,  Journal  I.  2.  S.  168. 

15)  Labitte  S.  126  ff. 

16)  Paris,  Bibl.  Nat.  Ld.  176/14. 

n)  Weitere  Schriften  nennt  Lelong  I.  S.  446,  Nr.  6505. 


Gesteh,  d.  po/it.  Lit.  Frankr.  in  der  2.  Hälfte  d.  W>.  Jahrh.     293 

Bischof  von  Evreux  war  er  mit  gleicher  Schärfe  den  Um- 
trieben der  Kalvinisten  in  Kirche  und  Staat  entgegengetreten 
und  hatte  wiederholt18)  die  Unantastbarkeit  der  Person  und 
der  Rechte  des  Königs  gepredigt.  Da  kamen  die  Tage  der 
Liga.  Die  Ermordung  Heinrichs  III.  und  die  Thronkandidatur 
Heinrichs  von  Navarra  veränderten  mit  einem  Schlage  die 
Sachlage.  Aus  dem  Verehrer  des  Königtums  wurde  ein  Lob- 
redner der  Ermordung  Heinrichs  III.  Seine  Ehrfurcht  vor 
dem  Königtum  war  rasch  erkaltet,  seitdem  die  Krone  in  die 
Hände  eines  Ketzers  überzugehen  und  damit  in  ihrem  früheren 
Werte  zu  verlieren  drohte. 

Wie  Claude  de  Sainctes  gehen  auch  die  anderen  Publi- 
zisten der  Zeit  von  bestimmten,  politisch  gegebenen  Voraus- 
setzungen aus.  Die  Liga  steht  im.  Kampf  gegen  das  König- 
tum. Für  ihre  Theoretiker  ist  demnach  der  Gedanke  maß- 
gebend, die  Macht  ihrer  Partei,  der  „Saincte  Union",  auf 
Kosten  der  königlichen  Gewalt  zu  heben  und  infolgedessen 
das  Ansehen  des  Königs  und  der  Monarchie  nach  Möglichkeit 
herabzusetzen.  Dazu  dient  die  Hervorkehrung  der  Rechte 
des  Volkes  nicht  minder  wie  die  Betonung  der  Rechte  des 
Papstes  gegenüber  dem  Herrscher.  Im  Gegensatz  dazu  treten 
die  Protestanten  für  die  Thronansprüche  Heinrichs  von  Na- 
varra ein  und  suchen  durch  die  Verteidigung  der  königlichen 
Rechte  gegen  Volk  und  Papsttum  die  zukünftige  Stellung 
ihres  Thronkandidaten  zu  stärken. 

In  den  großen  Richtlinien  dieses  doppelten  Gegensatzes 
biegen  sich  die  einzelnen  Gedanken  hin  und  her.  Jeder  der 
zahlreichen  Publizisten  liefert  seinen  kleinen  Beitrag  zu  dem 
Gesamtbild  politischer  Theorien.  Aber  nur  wenige  treten  aus 
dem  ewigen  Zirkel  traditioneller  Gedanken  heraus  und  erheben 
sich  über  den  Durchschnitt  alltäglicher  Leistungen. 

Die  Schriften,  die  in  dem  Gründungsjahr  der  Liga  (1585) 
erschienen  sind,  gehen  nicht  durchweg  und  mit  gleicher  Tiefe 
auf  Fragen  theoretischer  Natur  ein.  Die  ligistische  wie  die 
antiligistische  Publizistik  überraschen  beide  in  ihren  Anfängen 
durch  eine  große  Unselbständigkeit  der  Gedanken.  Auch  die 
Ausführungen,  mit  denen  Karl  von  Bourbon,  das  Haupt  der 
Liga,  in  seinem  Manifest,  der  „DSclaration  des  causes  qui  ont 
mü  Monseigneur  le  Cardinal  de  Bourbon  et  les  Pairs,  Prinees, 
Sek/neurs,  VUles  et  CommunauUs  catholiques  de  ce  Royaume  de 
France,  de  s'opposer  ä  ceux  qui  par  tous  moyens  nefforcent  de 


18)  ..Bref  Avertissement  de  M.  l'JEveqtte  d'Evreux  ä  ses  Diocesains, 
contre  un  pretendu  Arrest  donne  d  Caen,  le  28  Mars  dernier,  par  lequel 
il  appert  de  V'mtroduction  et  etablissement  e.n  France  du  Schisme,  Heresie 
et  Tyrannie  d'Angleterre ;  avec  ledit  Arrest,  Seittence  du  Metropolitain,  et 
Arrest  de  Vi  Cour  donne  contre  icelui"  (Paris  1591).  Vgl.  auch  Philippe 
Le  Brasseur.  Histoire  f'ivile  et  Ecclesiastique  du  Comte  d'Evreux  (Paris 
1722)  S.  353  ff. 


294  Kurt  Glaser. 

subvertir  la  Religion  Catholigue  et  l'Etat19)",  die  Berechtigung 
seines  politischen  Standpunktes  zu  erweisen  sucht,  gehen  nicht 
tief.  Aber  hier  taucht  zum  ersten  Mal  jene  Ansicht  auf.  die 
hinfort  zum  eisernen  Bestand  der  politischen  Weisheit  im 
ligistischen  Lager  werden  sollte,  daß  die  Politik  der  Huge- 
notten nur  auf  Gewinnung  der  Herrschaft  im  Staate,  auf  Um- 
sturz in  der  Religion  und  auf  Einführung  der  Ketzerei  ge- 
richtet sei.  Die  Erwiderung,  die  Du  Plessis-Mornay  in 
wuchtiger,  stellenweise  an  Hotmans  „  Tygre"  gemahnender 
Sprache  dagegen  schrieb  20),  enthüllt,  dem  Gedankengang  der 
„Diclaration"  Punkt  für  Punkt  nachgehend,  zum  ersten  Mal 
das  Parteiprogramm  der  Hugenotten  2l).  Für  den  Augenblick 
sind  es  hüben  wie  drüben  nur  leere  Beteuerungen  und  Ver- 
dächtigungen. Wie  rasch  sich  indessen  die  Polemik  zur 
Theorie  emporarbeitet,  erkennt  man  schon  an  der  „Brieve 
response  d'un  Catholique  Frangais,  <)  l'apologie  ou  defense  des 
Ligueurs  et  Perturbateurs  du  repos  public,  se  disant  faussement 
Catholiques  unis  les  uns  avec  les  autresli'ir).  Die  direkte  An- 
rede, die  in  kurzen  Sätzen  wuchtig  einherschreitet,  wird  hier- 
zu der  Form,  in  der  die  verfehlte  Politik  der  Liga  bloßgelegt 
und  der  Nachweis  geführt  wird,  daß  sehr  wohl  zwei  Religionen 
in  einem  Staate  nebeneinander  bestehen  können.  Gegenüber 
der  religiösen  Engherzigkeit  der  Liga  greifen  die  Hugenotten 
auf  die  Ideen  der  Politiker  zurück  '-'). 

Auch  die  Verteidiger  der  päpstlichen  Hoheitsrechte  bringen 
zunächst  nur  schwächliche  Begründungen  ihres  Standpunktes 
zusammen.      Sie    schleppen    sich    hilflos   in    den   alten    ausge- 

19)  Memoire»  de  la  Ligue  I.    S.  56  ff. 

20)  „Reponse  aux  declarations  et  protestations  de  Messieurs  de  Guise, 
f'aites  sous  le  nom  de  Monsieur  le  Cardinal  de  Bourbon,  pour  justifier  leur 
injuste  prise  des  armes."     Memoires  de  la  Ligue  I.    S.  79  ff. 

21)  Weiter  schließen  sich  hier  zunächst  an :  ., Protestation  des  catho- 
liques, qui  n'ont  point  voulu  signer  la  Ligue"  in :  Memoires  de  la  Ligue  I. 
S.  103  ff.,  ,,Le  veritable  sur  la  Sainte  Ligue",  ib.  S.  107  ff.,  „Readvis  et  ab- 
juration  d'un  Gentilhomme  de  la  Ligue,  contenant  les  causes  pour  lesquelles 
ü  a  renonce  ä  ladite  Ligue,  et  s'en  est  departi,"  ib.  S.  111  ff.,  „Declaration 
du  Roi  de  Navarre,  contre  les  calomnies  publiees  contre  lui,  et  Protestation 
de  ceux  de  la  Ligice  qui  se  sont  eleves  en  ce  Royaicme"  ib.  S.  120  ff.,  „Res- 
ponse de  par  Messieurs  de  Guise  ä  un  Avertissement,"  ib.  149  ff.,  „Requeste 
au  Roi,  et  derniere  resolution  des  Princes,  Seigneurs,  Gentilshommes, 
Villes  et  Communantes  Catholiques,  presentee  ä  la  Reine  mere  de  Sa  Majeste, 
le  Dimanche  neuvieme  Juin  1585,  pour  montrer  clairement  que  leur  Inten- 
tion n'est  autre  que  la  promotion  et  avancement  de  la  gloire,  honneur  de 
Dien,  et  extirpatiou  des  Heresies,  sans  rien  attenter  ä  l'Etat,  comme  fausse- 
ment imposent  des  Heretiques  malsentans  de  la  Foi,  et  leurs  Partisans." 
ib.  S.  167  ff. 

22)  Memoires  de  la  Ligice  I.    S.  B40ff. 

23)  Ähnlich  auch  die  ,,Exhortation  et  remontrance  faite  d'un  commun 
aecord  par  les  Francois  Catholiques  et  Pacifiqices  pour  la  Paix :  contenant 
les  commodites  de  la  Paix  et  les  incommodites  de  la  Guerre;  oü  est  aussi 
parle  des  causes  des  Troubles  de  ce  Royaume  et  du  mo'ien  de  les  paeifier". 
in:  Memoires  de  la  Ligue  II.    S.  113 — 150. 


Gesch.  d.  pol  it.  Lit.  Frankr.  in  der  2.  Hälfte  d.  16.  Jahrh.     295 

tretenen  Geleisen  mittelalterlich-kirchlicher  Weisheit  einher. 
Zu  nennen  ist:  Alexandre  Bozzio  oder  Besantius.  ein  Doktor 
aus  Rom1'4),  der  Verfasser  der  Schrift  „De  VimmunitS  eccUsia- 
stiqut  et  de  la  puissance  royale",  und  Daniel  de  La  Mothe, 
Bischof  von  Mende,  dessen  ,,Dn  droit  des  papes  sur  le  temporel 
des  roistl  noch  in  den  Handschriften  der  Pariser  National- 
bibliothek schlummert  -5).  Selbst  der  gelehrte  Kardinal  Bell- 
armin, der  streitbarste  Theologe  seiner  Tage,  ist  nicht  viel 
besser  als  sie.  Seine  „Responsio  ad  librum  Anonymum  contra 
summum  Pontificem,  cid  titulus  Aviso  piacevole  alle  bella  Italia" 
(1586)  26)  ist  ein  Inventar  aller  der  Machtansprüche,  welche  die 
Päpste  das  ganze  Mittelalter  hindurch  verfochten  hatten.  Sie 
ist  zugleich  ein  Meisterstück  scholastischer  Spitzfindigkeit  und 
subtiler  Zergliederungskunst.  Die  Beziehungen  zwischen  König 
und  Papst  werden  kunstvoll  hineingeflochten  in  die  Beziehungen 
zwischen  König  und  Volk,  und  diese  an  sich  schon  recht  be- 
denkliche Verschlingung  zweier  verschiedenartiger  Prinzipien 
wieder  wird  noch  mehr  kompliziert  durch  kleinliche  und 
tüftelige  Unterscheidungen,  die  Bellarmin  um  die  Idee  der 
päpstlichen  Suprematie  kristallisiert. 

Die  vielverschlungene,  gewundene  und  dabei  doch  in 
ihrem  Ziel  von  vornherein  so  selbstverständliche  Argumentation 
Bellarmins  rief  sogar  im  katholischen  Lager  Mißfallen  hervor. 
Statt  dem  Papst  kurzerhand  ein  unbeschränktes  Recht  über 
die  weltlichen  Throne  einzuräumen,  hatte  Bellarmin  die  Be- 
fugnisse des  Papstes  in  solche  direkter  und  in  solche  indirekter 
Art  geschieden  und  die  ersteren  auf  das  kirchliche,  die  letz- 
teren auf  das  weltliche  Gebiet  beschränkt.  Ein  Absetzungs- 
recht des  Papstes  konnte  demnach  erst  dann  ernstlich  in  Frage 
kommen,  wenn  kirchliche  Interessen  bedroht  waren.  So  sehr 
ein  solcher  Standpunkt  dem  besonderen  Falle  Heinrichs  IV. 
angepaßt  sein  mochte,  er  vermochte  nicht  die  Billigung  der 
katholischen  Kreise  zu  erlangen,  denen  es  auf  eine  prinzipielle, 
bedingungslose  Proklamierung  päpstlicher  Hoheitsrechte  an- 
kommen mußte27). 

In  etwas  anderer  Form  wird  der  Gedanke,  daß  der  Papst 
über  dem  König  stehe,  in  der  Schrift  „De  justa  reipublicae 
chrisüanae  in  reges  impios  et  hoeretico*  autoritate"  (Paris  1590) 
verfochten.  Der  Verfasser  dieser  Schrift,  den  man  in  dem  aus 
der  Satyre    Menippee   bekannten    Rose   hat   sehen    wollen28), 


-4)  Vgl.  Perreus.  L'eglise  et  l'etat  en  France  sous  le  regne  de  Henri  IV 
et  la  regence  de  Marie  de  Medicis  I  (Paris  1872)  S.  91. 

25)  Manuscr.  de  Dupicy,  vol.  525,  f.  45. 

26)  Verfasser  dieser  anonymen  Schrift  ist  der  in  Italien  lebende  Fran- 
zose Nicolas  Perrot,  der  sich  auch  an  Dorats  ..Tunmlus  Caroli  IX;i  (1574) 
beteiligt  hatte,  vgl.  Lelong  IL  Nr.  18241  und  Xicerou.  Memoires  31.  S.  30. 

**)  Vgl.  Perrens  l.  c. 
»)  Vgl.  Labitte  S.  295  ff. 


296  Kurt  Glaser. 

legt  den  Nachdruck  auf  die  göttliche  Einsetzung  des  Papst- 
turas, deren  sich  die  Könige  nicht  rühmen  könnten.  Aus  ihr 
fließt  als  höchstes  Privileg  des  Papstes  das  Recht  der  Ab- 
setzung des  Herrschers.  Das  Volk  als  solches  kann  aus  eigener 
Machtvollkommenheit  nicht  zur  Absetzung  seines  Herrschers 
schreiten,  obwohl  es  kraft  seiner  Souveränität  über  dem  König 
steht.  Auch  diese  Beweisführung,  auf  die  nachmals  Boueher 
zurückgreifen  wird29),  kann  auf  Neuheit  und  Selbständigkeit 
keinen  Anspruch  erheben.  Schleppend  und  langatmig  schleichen 
die  Perioden  dahin.  Der  Leser  wird  ihnen  nur  mit  wenig 
Genuß  folgen. 

Etwas  besser  schon  lesen  sich  die  von  gegensätzlichem 
Standpunkte  geschriebenen  „  Vindiciae  secundum  Libertatem 
Ecclesiae  Gallicanae,  et  Defensio  Regit  Status  Gallo- Francorum 
sub  Henrico  IV.  Rege"  (1590).  Ihr  Verfasser  ist  der  avocat- 
general  des  Pariser  Parlaments.  Louis  Servin.  Ohne  gerade 
Neues  zu  bringen,  hat  Servins  Traktat  dem  Widerspruch  gegen 
die  papistische  Theorie  der  Liga  die  Bahn  gebrochen30). 

Von  den  theoretischen  Leistungen,  welche  sich  die  Ver- 
teidigung der  königlichen  Rechte  gegenüber  den  Macht- 
ansprüchen des  Papstes  zum  Ziel  gesetzt  haben,  ist  an  erster 
Stelle  die  kleine,  bedeutsame  Schrift  von  Pierre  Pithou  „Les 
Libertez  de  l'Eglise  Gallicane"  (1594)  zu  nennen.  Der  Ver- 
fasser war  aus  einer  angesehenen  Familie  entsprossen,  die 
kein  Geringerer  als  Cujas  eine  Pflanzstätte  großer  Männer 
genannt  hatte.  Nach  seinem  Übertritt  zur  Reformation  hatte 
er  eine  Zeit  lang  in  die  Verbannung  nach  Basel  gehen  müssen 
und  wäre,  wie  so  mancher  andere,  beinahe  noch  ein  Opfer 
der  Bartholomäusnacht  geworden.  Seine  spätere  Bekehrung 
zum  Katholizismus  tat  seinem  Eifer  für  die  Sache  des  König- 
tums gegen  Liga  und  Papsttum  keinen  Abbruch.  In  dem- 
selben Jahr,  in  dem  er  seine  „Libertez  de  l'Eglise  Gallivaiv" 
schrieb,  steuerte  er  für  die  Satyre  Menippee  die  prächtige 
„Harangue   de   Monsieur   UÄubray  [><>ur  le  Tiers-Estai?  bei. 

Mit  der  Begeisterung,  welche  die  Überzeugung  von  der 
Notwendigkeit  einer  starken,  auch  in  kirchlichen  Dingen 
selbständigen  monarchischen  Gewalt  verleiht,  sucht  Pithou 
die  Rechte  des  Königs  von  denen  des  Papstes  abzugrenzen. 
Als  obersten  Grundsatz  aller  Freiheiten  der  gallikanischen 
Kirche  stellt  er  die  doppelte  Maxime  auf.  daß  der  Papst 
keine  Befugnis  besitze,  in  weltlichen  Dingen  zu  befehlen,  und 
daß    selbst   in    kirchlichen    Fragen    sein  Recht   als  Oberhaupt 

29)  „Sermons  de  la  simulee  conver&ion  ...  de  Henry  de  Bourbon" 
S.  129  v"  ff. 

30)  Gegen  Bellarmin  richten  sich  auch  Servins  „Remontrance  et  Con- 
ilnsiims  des  Gens  du  Eoi,  et  Arret  du  Parlement,  du  2ü  Novembre  1610, 
sur  le  Livre  de  Bellarmin,  sur  la  puissance  du  Pape,  sur  le  temporel  des 
Roiy-  (Paris  1610.    Lateinische  Ansgabe  1611). 


Gesch.  d.  polit.  Lit.  Frankr.  in  der  2.  Hälfte  d.  10.  Jahrh.     297 

der  Kirche  durch  gewisse,  allein  für  das  Gebiet  des  König- 
reichs Frankreich  gültige  Sonderbestimmungen  beschränkt  sei. 
Die  französischen  Könige  stehen  dem  Papst  nicht  nur  durchaus 
unabhängig  gegenüber,  sondern  haben  jederzeit  selbständig 
in  die  Regelung  kirchlicher  Angelegenheiten  eingegriffen  und 
dem  Papst  niemals  irgend  ein  Recht,  am  wenigsten  das  der 
Besteuerung,  eingeräumt.  Der  allerchristlichste  König  erkennt 
den  neugewählten  Papst  an,  ohne  damit  eine  weitere  Ver- 
pflichtung zu  übernehmen,  „seulement  se  recommuiide,  et  le 
Boiaume  que  Dien  lui  a  commis  en  sonverainete,  ensemble 
l'Eglise  Gallicane,  aux  faveurs  de  Sa  Saintete." 

Pithous  Gedanken  finden  sich  in  Guy  Coquilles  gleich- 
zeitigen Schriften  wieder31). 

Durch  eingehende  geschichtliche  Auseinandersetzungen 
sucht  Coquille  die  alte  und  enge  Zusammengehörigkeit  des 
französischen  Königtums  mit  dem  römischen  Stuhl  zu  er- 
weisen, zugleich  aber  auch  die  Festigkeit  gebührend  hervor- 
zukehren, mit  der  die  französischen  Könige  den  Übergriffen 
von  seiten  des  Papstes  gewehrt  haben.  In  der  Regelung  des 
Verhältnisses  zwischen  Staat  und  Kirche  hat  allemal  das 
Wohl  des  Staates  den  Ausschlag  zu  geben.  Die  eigentliche 
und  tiefste  Ursache  für  den  Niedergang  der  Kirche  liegt  in 
den  ausgedehnten  weltlichen  Besitzungen  und  den  damit  ver- 
knüpften, sich  immer  und  ewig  erneuernden  weltlichen  Macht- 
ansprüchen. Ein  eifriger  Katholik,  dem  Luther  nur  ein 
sündiger  Ketzer  ist32),  versehließt  er  sich  nicht  der  Not- 
wendigkeit kirchlicher  Reformen.  Er  will  sie  in  dem  Sinn 
der  alten  Kirchenverfassung  unter  Wahrung  der  Rechte  der 
französischen  Krone  durchgeführt  wissen.  Zu  den  Freiheiten 
der  gallikanischen  Kirche  gehört  es,  daß  sie  keinen  Papst 
anzuerkennen  braucht,  der  sich  nicht  dem  Konzil  unterwirft; 
ebensowenig  braucht  sie  den  Geboten  zu  gehorchen,  die 
den  Konzilien  Eintrag  tun  oder  der  alten  Ordnung  der  Kirche 
widerstreiten  33).  Die  Erzbischöfe  und  Bischöfe  müssen  gegen- 
über dem  päpstlichen  Stuhl  freie  Hand  behalten;  sie  sollen 
dem  französischen  Gericht  unterstellt  werden  und  dem  König 
den  Treueid  leisten,  zumal  schon  viele  von  ihnen  weltliche 
Fürsten    in  Frankreich    sind34"):    ihre  Wahl    soll   den  Kapiteln 

31)  ,/Traite  des  libertez  de  l'Eglise  de  France  et  des  droits  et  autorite 
que.  Ui  couronne  de  France  a  es  affaires  de  l'Eglise  dudit  Roymime  par 
banne  et  sainte  union  avec  ladite  Eglise"  (geschrieben  im  Jahre  1594), 
(Euvres  I.  S.  75 ff.;  „Autre  trade  des  libertez  de  l'Eglise  de  France,  et  des 
droits  et  autorite  que  la  Couronne  de  France  a  es  affaires  concemans  la 
Police  de  l'Eglise  dudit  Roi/aume,  par  banne  et  samle  union  avec  icelle 
Egliser    I.    S.  109  ff. 

32)  (Euvres  I.   S.  6. 

33)  ib.  I.    S.  80  b,  S.  111,  S.  116;  vgl.  auch  I.    S.  4. 

34)  ib.  I.    S.  95. 


298  Kurt  Glaser. 

vorbehalten  Bein  und  unter  Zustimmung  des  Volkes  erfolgen3'). 
Die  „Libertez  de  VEglise  ('"//traue"  bestehen  demnach  für 
Coquille.  wie  für  Pithou,  im  wesentlichen  darin,  „de  n'estre 
pas  sujete  precisement  et  absolümeni  ä  toutes  les  Constitutions 
Papales,  tinon  mutant  qu'icelle  Eglise  de  France  a  trouvi  />on 
de  /es  rrrrrnir,  et  comme  l' Eglise  de  France  unie  avec  le  teste 
du  peuple  </<'  France  sous  un  Roi  Chef,  s'est  accordSe  d'en  user"  36). 
Während  Coquilles  Arbeiten  mit  ihrer  schwerfälligen 
Gelehrsamkeit  keinen  Einfluß  auf  die  Publizistik  der  Folge- 
zeit auszuüben  vermochten,  da  sie  erst  um  die  Mitte  des 
17.  Jahrhunderts  zum  ersten  Mal  vollständig  veröffentlicht 
wurden  3r).  hat  Pithous  kleine  temperamentvolle  Schrift  gerade- 
zu programmatische  Bedeutung  erlangt58).  Schon  Jacques 
Leschassiers  „De  1<i  liberU  ancienne  et  canonique  de  I' Eglise 
Gallicane  aux  Cours  souveraines  de  Franceu  (Paris  1606)  läßt 
die  Spuren  seines  Einflusses  erkennen,  der  sehr  bald  noch 
deutlicher  zu  Tage  tritt.  Die  katholische  Kirche  konnte  dem 
mutigen  und  klugen  Verteidiger  der  gallikanischen  Freiheiten 
nicht  verzeihen,  und  als  im  Jahre  1639  der  Traktat  in  einer 
Neuauflage  herauskam,  wurde  seine  Verbreitung  auf  Betreiben 
der  Geistlichkeit  und  der  römischen  Kurie  durch  ein  Macht- 
gebot Richelieus  untersagt.  Aber  der  allmächtige  Kardinal 
wußte  selbst  nur  zu  gut.  wie  sehr  Pithous  Gedanken  seinen 
eigenen  Grundsätzen  entsprachen.  Mit  der  ihm  eigenen  Taktik 
scheute  er  sich  nicht,  das  Buch  preiszugeben,  um  seine  Ge- 
danken zu  retten.  Während  er  Pithous  Schrift  verbot,  ver- 
anlaßte  er  den  ihm  ergebenen  Präsidenten  des  Parlaments  zu 
Pau.  Petrus  de  Marca,  ein  in  demselben  Geist  gehaltenes 
gelehrtes  Werk  zu  verfassen,  das  im  Jahre  1641  unter  dem 
Titel :  „Petri  de  Marca,  Senatus  Navarrensis  Praesidis,  de 
( 'oncordia  Sacerdotii  et  Imperii,  seu  de  Libertatibus  Ecclesiae 
Gällicanae  DissertaÜonum  Libri  quatuor"  herauskam.  Vor  dem 
Widerspruch,  den  dieses  Buch  auf  kirchlicher  Seite  hervorrief,  hat 
der  ängstliche  Verfasser  der  schon  ohnehin  in  manchen  Punkten 
von  Pithous  Standpunkt  abgewichen  war,  sein  Werk  wider- 
rufen, ohne  damit  den)  schriftstellerischen  Wert  seiner  Leistung 
Eintrag  zu  tun.  „Das  Werk  hat  sich  trotz  der  vom  Verfasser 
ausgesprochenen  eigenen  Verurteilung  in  großem  Ansehen  er- 
halten und  gilt  noch  jetzt  als  eine  der  Hauptschriften  über 
den  Gegenstand"39). 


35)  ib.  I.   S.  84. 

36)  ib.  I.    S.  99.  100;  vgl.  auch  I.   S.  112. 

37)  Über   ihr  Schicksal   vgl.  Lelong  1.   S.  469,  Nr.  6982   und  Xiceron 
35.  8.  8ff. 

38)  Ich   maß  hier   in  Kürze   die  Ergebnisse  späterer  Untersuchungen 
vorausnehmen. 

39)  R.  v.  Mob!,  Geschichte  und  Literatur  der  Staatxuissenscluiften  III 
(1858).    S.  184. 


Gesch.  d.  polit.  IM.  Frankr.  in  der  2.  Hälfte  </.  16.  Jahrh.     299 

Auch  noch  später  ist  Pithoua  Programmschrift  der  Aus- 
gangs- und  Mittelpunkt  der  Erörterungen  über  das  Verhältnis 
von  Staat  und  Kirche  geblieben.  Von  ihm  hat  selbst  der  sonst 
so  kirchlich  gesinnte  Bossuet  wertvolle  Anregungen  entnommen  ; 
seine  berühmten  Quatre  Propositions  gelegentlich  der  Ver- 
sammlung des  französischen  Klerus  im  Jahr  1682  geben  fast 
wörtlich  Pithousche  Sätze  wieder.  Ihm  verdankt  auch  der 
Abbe  Fleurv  die  besten  und  wichtigsten  der  Gedanken,  die  er 
in  seinem  „Discours  sur  /es  Libertes  de  l'Eglise  Gallicane" 
(Paris  1724  ff.)  niedergelegt  hat.  Selbst  Du  Boulays  „Histoire 
du  Droit  public  Ecclesiast'upte  Francais''  (London  1740  ff.),  die 
im  übrigen  auch  aus  Coquille  schöpft,  und  ebenso  die  Arbeiten 
späterer  Theoretiker  bis  zu  Andre-Marie  Dupin40)  und  noch 
über  ihn  hinaus  lesen  sich  wie  eine  den  veränderten  Zeitver- 
hältnissen angepaßte  Erläuterung  der  Pithouschen  Grund- 
sätze. — 

Wenn  man  die  weitzersplitterte  theoretische  Arbeit  der 
Liga  an  einzelne  Namen  knüpfen  will,  so  wäre  an  erster 
Stelle  Jean  Boucher,  der  „roi  de  la  Ligue,  pottrce  qu'au  roiaume 
des  areugles  /es  borgues  sont  roisil)"7  zu  nennen.  Mit  dem 
Scharfblick  des  Hasses  hat  auch  hier  die  Satyre  Menippee 
das  Richtige  getroffen,  wenn  sie  ihn  mit  Lincestre  und  Amilthon 
zu  denjenigen  stellt,  die  in  der  Prozession  der  Liga  „faisoyent 
le  premier  rang*'1)".  Auch  D'Aubigne  war  nicht  schonend 
gegen  ihn43).  Wie  kein  anderer  von  den  zahlreichen  Publi- 
zisten und  Predigern  hat  sich  Boucher  an  den  Kontroversen 
der  Zeit  beteiligt  und  am  meisten  von  allen  Stürmern  und 
Drängern  der  Liga  durch  die  Macht  seines  Wortes  *4)  Einfluß 
zu  gewinnen  gewußt.  „Nobili  fami/ia,  imprimis  eruditus,  de 
cetero  ad  feritatem  et  rabieiu  vs<jue  obtrectator  et  factiosus" 
so  charakterisiert  ihn  De  Thou 45),  und  ähnlich  urteilten 
Grotius*6),  Bayle47)  und  Voltaire48).  Kenntnisreich  —  er 
hatte  eine  Zeit  lang  als  Lehrer  der  alten  Sprachen  zu  Reims 
gewirkt  —  und  von  glühendem  Haß  gegen  Heinrich  III.  be- 

40)  „Manuel  du  droit  public  ecclesiastique  frangais,  contenant  les  libertes 
de  l'eglise  gallicane."     Paris  1844. 

4i)  Lestoile,  Journal  de  Henri  111.    I.  1.    S.  315a  (zu  Nr.  81). 

4-')  ed.  Nodier  I.  S.  20. 

43)   Tragiques  III.    (ed.  Lalanue)  8.  154.  155: 

„Ms  tirent  leurs  meurtriers,  bien  fraisis  d'wn 

chevaistre. 
„Boucher,  et  Pragenat  (=  Pia;enat),  et  le  sanglant 
Incestreli  (=  Lincestre). 
«)  Vgl.  Lestüile,  I,  2.   S.  45  a. 
«j  LXXXV1.  17. 

46)  Openu»   Theologicvrum  tomus  quartus  (Hasel  1732)  S.  487.  702. 

47)  „trompette  de  sedition.  et  Vesprit  le  plus  mutin  et  le  plus  fougneux 
gui  se  trouvoit  parmi  les  rebelies.1,    Dictionnaire  I.     (1720.)    S.  620. 

48)  „seditieux  empörte  jusqu'ä  la  demence"  {Histoire  du  Parlement 
de  Paris  34,  in:  (Euvres  complHes,  15  [Paris  1878]  S.  551). 


300  Kurt  Glaser. 

seelt,  stürzte  er  sich  in  die  Kämpfe  der  Liga.  Seine  „  Vie  et 
Faicts  notables  de  Henry  de  Valois  tout  au  long,  saus  en  rien 
/■"/inrir,  oü  sont  contenues  les  trahisons,  perfidies,  sacrileges, 
exactions,  cruautSs  et  honte*  de  cet  hypocrite  et  aposiat"  (1589) 
stehen  an  leidenschaftlicher  Erregtheit  der  Sprache  und  an 
Gehässigkeit  der  Verleumdungen  und  Verdächtigungen,  mit 
denen  der  unglückliche  Träger  der  Krone  überschüttet 
wird,  hinter  keinem  der  zahlreichen  Traktate  jener  Tage,  selbst 
nicht  hinter  der  unflätigen  „Response  du  I'.  Dom  Bernard  a 
um  Lettre  quelui  <i  escrite  Henri  de  Valois1'  (1589) 49)  zurück. 
Wie  er  und  noch  so  manch  anderer50)  würde  auch  Boucher 
vergessen  sein,  wenn  er  sich  nicht  nach  seiner  kümmerlichen 
„Vie"  zu  einer  ernsteren  Leistung  aufgerafft  und  als  erster 
unter  den  Publizisten  der  Zeit  den  Versuch  einer  umfassenden 
theoretischen  Begründung  und  Rechtfertigung  des  ligistischen 
Parteiprogramms  geliefert  hätte.  Freilich  wimmelt  auch  diese 
Schrift,  die  er  ,,De  justa  Henrici  tertii  abdicatione  e  Francorum 
regnOj  libri  quatuor"  betitelte  und  in  gelehrtem  Dünkel  la- 
teinisch abfaßte,  von  gehässigen,  stellenweise  im  Tone  der 
Ciceronischen  Apostrophe  gehaltenen  Ausfällen  gegen  die  Person 
des  Herrschers,  aber  über  dem  Ganzen  wraltet  sichtlich  das 
Bestreben,  die  schwebenden  Fragen  der  Zeit  auf  dem  Wege 
theoretischer  Darlegungen  zu   klären. 

Drei  Fragen  sind  es,  in  deren  Beantwortung  sich  ihm  die 
Summe  politischer  Weisheit  erschöpft.  Haben  Kirche  oder 
Volk  in  Frankreich  oder  anderwärts  das  Recht,  einen  Herrscher 
seiner   Würde    zu    entsetzen  ?     Darf  Heinrich    III.   abgesetzt 

4")  Der  Verfasser,  Dom  Bernard  de  Montgaillard,  war  der  Zeit  als  der 
„Petit- Feuillant"  oder  „Ftuillant  boiteux"  bekannt ;  vgl.  auch  Satyre  Menippee 
(fed.  Xodier)  I.    S.  22. 

50)  Es  genüge  Gilbert  Genebrard  zu  nennen.  „Genebrard  . .  .  estoit 
u/n  moine  qui  neust  sceu  parier  ni  escrire  im  mot,  que  de  sa  bouche  et 
de  sa  plume  ne  sortist  une  injure"  (Lestoile  I,  2.  S.  158a).  Seine  An- 
häiiirliclikeit  an  die  Sache  der  Liga  wurde  ihm  im  Jahre  1592  mit  seiner 
Ernennung  zum  Erzbischof  von  Aix  belohnt.  Nicerou,  der  in  seinen  Memoire* 
22.  S.  I  ff .  sein  Lebeu  schildert  und  eine  Liste  seiner  Schriften  gibt,  sagt 
von  ihm:  ,,il  a  faxt  paraitre  beaucoup  d'aigreur  et  d'emportement,  non 
seulement  contre  les  Pretendus  Reformes,  mais  encore  contre  tous  ceux  qui 
etaient  opposes  ä  la  Ligue."  Besondere  Erwähnung  bedürfen  liier  zwei 
Schriften:  1.  „De  Clericis,  praesertim  Episcopis,  qui  participarunt  in  Di- 
vinis  scienter  et  sponte  cum  Henrico  Valesio  post  Cardinalicidium,  T.  P. 
assertio,  eiusque  illustratio."  (Paris  1589.)  Französisch  unter  dem  Titel: 
„Excommunication  des  EccUsiastiques,  principaleme/d  des  Eveques,  Abbes 
et  Docteurs  qui  ont  assiste  au  Service  JDivin,  sciemment  et  volontairement, 
avec  Henri  de  Valois,  apres  le  massacre  du  Cardmal  de  Guise ;  traduit 
da  Latin  d'un  Docteur,  par  J.  M.  Gourbin."  1589,  (Die  Schrift  blieb 
nicht  unbeantwortet,  vgl.  Lelong  I.  S.  486.)  2.  „Gilberti  Genebrardi,  Archi- 
episcopi  Aquisc.itic/isis.  Liber  de  sacrarum  Electionum  jure  et  necessitate 
ad  Ecclesiae  Gallicanae  redintegrationem."  Paris  1593.  (Auf  Befehl  des 
Parlaments  in  Paris  verbrannt.)  Entwürfe  zu  Predigten  enthalten  die 
Handschriften  der  Pariser  Xationalbibliothek  ancien  fonds  fran^ais  Nr.  3300 
und  3301. 


Gesch.  d.  polit.  Lit.  Frankr.  in  der  2.  Hälfte  d.  16.  Jahrh.     301 

werden?  Ist  zu  diesem  Zweck  die  Anwendung  von  Gewalt 
erlaubt? 

Ohne  Bedenken  erkennt  Boucher  dem  Papst  das  Recht 
zu,  über  die  Fürsten  und  Völker  zu  richten.  Ein  solches  Recht 
erscheint  ihm  so  selbstverständlich,  daß  er  auf  eine  Herleitung 
überhaupt  verzichtet  und  sich  mit  dem  Hinweis  auf  geschicht- 
liche Beispiele  begnügt.  Auch  die  Volkssouveränität  ist  ihm  über 
allen  Zweifel  erhaben.  Das  Volk  schafft  den  Herrscher:  es 
behält  auch  dann  noch,  nachdem  es  dem  von  ihm  Erwählten 
die  Regierung  übertragen  hat,  seine  Rechte  unverkürzt  in 
der  Hand  und  kann  selbst  über  Leben  und  Tod  des  Herrschers 
verfügen. 

Nachdem  so  die  Voraussetzung  für  weitere  Deduktionen 
geschaffen  ist,  tritt  Boucher  an  die  Frage  heran,  ob  Kirche 
oder  Volk  Veranlassung  haben,  von  ihrem  Absetzungsrecht 
gegenüber  Heinrich  III.  Gebrauch  zu  machen.  Es  wäre  ver- 
lorene Liebesmühe,  wollte  man  von  seiner  leidenschaftlichen 
Natur  und  der  Gehässigkeit  seiner  Gesinnung  Objektivität  er- 
warten Heinrich  III.  erscheint  ihm  als  ein  Ausbund  kirchlicher 
und  weltlicher  Laster.  Wortbruch,  Ketzerei,  Simonie,  Zauberei, 
Gottlosigkeit,  religiöse  Vergehen  und  Sünden  aller  Art  und 
Schwere  hat  er  sich  zu  Schulden  kommen  lassen.  Neben  das 
Register  seiner  kirchlichen  Sünden  wird  dann  das  Register 
seiner  weltlichen  Schandtaten  gestellt.  Treulosigkeit,  Tyrannei, 
Vaterlandsverrat,  Grausamkeit,  Unfähigkeit,  Undankbarkeit, 
Feigheit  und  Frevel  aller  Art  werden  ihm  vorgerechnet.  Der 
Schluß,  der  sich  aus  allen  diesen  wenig  erquicklichen,  mit 
schneidender  Kürze  vorgetragenen  Betrachtungen  ergibt,  ist 
einleuchtend.  Heinrich  III.  muß  von  der  Kirche  wie  von  seinem 
Volk  der  Herrschaft  entsetzt  werden. 

Mit  dem  Gedanken,  daß  das  Volk  über  dem  Herrscher  stehe, 
knüpft  Boucher  wieder  an  die  demokratischen  Ideen  der 
Reformation  an.  Von  Hotman  entlehnt  er  die  Betonung  des 
Rechts  der  Stände  auf  die  Besetzung  des  Thrones.  Sie  müßten 
auch  diesmal  ihres  Amtes  walten  und  über  Heinrich  III.  zu 
Gericht  sitzen,  aber  ein  unerwartetes  Ereignis  ist  dem  nor- 
malen Gang  der  irdischen  Justiz  zuvorgekommen,  ein  Gesandter 
des  Himmels  hat  das  Werk  Davids  an  Goliath  wiederholt: 
Jacques  Clement  hat  zur  Freude  aller  guten  Menschen 
Heinrich  III.  ermordet  und  so  ewigen  Ruhm  geerntet.  Boucher 
wird  von  der  überraschenden  Wendung,  die  die  Ereignisse 
durch  die  Mordtat  Clements  erfahren  haben,  nicht  weiter  aus 
der  Fassung  gebracht.  Hatte  er  ursprünglich  seinen  ganzen 
Gedankengang  auf  den  Nachweis  von  der  Notwendigkeit  einer 
Absetzung  Heinrichs  III.  zugespitzt  und  diesem  Nachweis 
durch  eine  ausdrückliche  Berufung  auf  die  sittlichen  Schäden 
dieses  Königs  Nachdruck  zu  verleihen  gesucht,  so  gibt  er 
nunmehr,     nachdem    sein     anfängliches    Ziel     durch    Clements 


Kurt  Glaser. 

Mordtat  plötzlich  hinfällig  geworden  ist,  seinen  Gedanken 
eine  rasche  und  unerwartete  Wendung  und  fordert  —  die 
Ermordung  Heinrichs  IV.  Die  entschuldigenden  Redensarten, 
mit  denen  diese  Schwenkung  begreiflich  gemacht  werden  sollr 
verhüllen  schlecht  die  wahren  und  ursprünglichen  Gedanken. 
Der  Haß  gegen  Heinrich  III.  ist  der  treibende  Faktor  seiner 
politischen  Gesinnung.  Seine  Theorie  stellt  er  ganz  auf  die 
Forderungen  seiner  Zeit  ein  und  läßt  sich  allein  von  seinem 
ligistischen  Parteieifer  leiten.  Trotzdem  hat  seine  Schrift  ihre 
unverkennbare  Bedeutung  für  die  ganze  theoretische  Arbeit 
der  Liga.  Denn  sie  hat  zum  ersten  Mal  die  jungen  kalvinisti- 
schen  Vorstellungen  von  den  Rechten  des  Volkes  mit  den  alten 
Lehren  päpstlich-kirchlicher  Hoheitsrechte  verquickt  und  die 
Verknüpfung  zweier  sich  innerlich  widerstrebender  Prinzipien 
zur  Geltung  eines  politischen  Programms  erhoben.  Aber  darin 
lag  von  vornherein  der  Keim  zum  späteren  Verfall.  Den 
inneren  Gegensatz,  der  die  demokratischen  Anschauungen  der 
Reformation  von  den  Ideen  der  katholischen  Hierarchie  trennt, 
vermochten  auch  die  anderen  Publizisten  der  Liga  nicht  zu 
überbrücken.  Dazu  war  weder  die  pathetische  Berufung  auf 
die  Rechte  des  Volkes  gegenüber  dem  Herrscher  geeignet,  noch 
die  einseitige,  übertriebene,  allein  aus  den  religiösen  Kämpfen 
der  Zeit  erklärliche  Betonung  der  streng  katholischen  Glaubens- 
interessen. Nur  die  Leidenschaftlichkeit,  mit  der  der  Kampf 
der  Liga  gegen  die  „Tyrannei"  Heinrichs  III.  und  dann  gegen 
die  „Ketzerei"'  Heinrichs  IV.  geführt  wurde,  hat  die  Geister 
eine  Zeit  lang  über  die  Unmöglichkeit  einer  Verschmelzung 
jener  gegensätzlichen  Ideen  hinwegtäuschen  und  neue  theore- 
tische Versuche  zeitigen  können51). 

Auch  in  den  Streit  der  folgenden  Jahre  hat  Boucher 
noch  wiederholt  entscheidend  eingegriffen.  Der  Übertritt 
Heinrichs  IV.  zum  Katholizismus  gab  ihm  neue  Veranlassung 
dazu.  Statt  durch  den  Schritt  des  Navarra  den  Hader  um 
Thron  und  Religion  in  einem  den  Forderungen  der  Liga  ge- 
nehmen Sinne  für  erledigt  zu  halten,  suchte  er  im  Gegenteil 
durch  eine  Verschärfung  des  Tones  und  eine  Hineinziehung 
neuer  Argumente  den  alten  Hader  wachzuerhalten.  In  der 
nächsten  Umgebung  des  Königs  ließen  sich  damals  versöhn- 
liche Stimmen  vernehmen:  es  waren  die  Tage,  wo  Benoist 
und  Morenne  eine  Reihe  von  Sendschreiben  veröffentlichten, 
um  die  öffentliche  Meinung  zu  Gunsten  des  neuen  Königs  zu 
beeinflussen  5?).    Auch  auf  den  Kanzeln  wurde  ein  friedlicherer 

B1)  Vgl.  auch  Weill.  Les  thiories  sur  le  pouvoir  roijal  en  France  pendant 
les  f/um-es  de  religion.     Paris  1891. 

52)  ..Avertissement  de  Rene  Benoist,  envotje  aux  Paroissiens  de  Saint 
Eustache  d  Paris."  S.  Bennys  en  France  1593;  ,.Epi$tre  envoyee  par 
M.  Claude  de  Morenne,  Cure  de  Saint  Mederic,  aux  Catholiques  de  la  Tille 
de  Paris."   1593:    „Discours  oü    il   est    moutre  qu'il   n'est  pas  loisible  au 


Gesch.  (I.  polit.  Lit.  Frankr.  in  der  2.  Hälfte  d.  16.  Jahrh.     303 

Ton  angeschlagen.  Da  war  es  wieder  Boucher,  der  als  erster 
das  erlöschende  Feuer  des  Hasses  gegen  Heinrich  IV.  zu 
schüren  begann.  Neun  Tage  lang,  vom  1.  bis  9.  August  1593, 
hielt  er  in  Saint-Mery  zu  Paris  eine  Reihe  von  Predigten, 
die  er  dann  kurz  darauf  (1594)  unter  dein  Titel:  „Sermons 
de  la  simulie  conversion  et  nullit  e  de  la  pretendue  absolution 
<d  Henry  de  ßourbou,  Prince  de  Bearti,  ä  S.  Denys  en  France. 
le  Dimenche  25.  Juillet  I593u  herausgab.  Schon  der  Titel  zeigt 
an,  daß  er  den  Schwerpunkt  seiner  Ausführungen  in  den 
Nachweis  legt,  daß  Heinrichs  Bekehrung  eitel  Heuchelei  sei 
und  darum  als  nichtig  gelten  müsse.  Aber  wie  es  seine  Art 
ist.  leitet  er  seine  Darlegungen  über  diesen  Punkt  auf  das 
persönliche  Gebiet  hinüber  und  ergeht  sich  in  wilden  und 
wüsten  Schmähungen.  Alle  Züge  von  Schlechtigkeit  und  Ver- 
werflichkeit trägt  er  zusammen,  um  statt  einer  Charakteristik 
ein  Zerrbild  seines  Feindes  zu  bieten.  Er  ist  ein  „heretique, 
un  relaps,  chef  d'heretiques,  un  sacrilege,  un  brusleur  d'Eglises, 
im  corrupteur  de  Nonains,  un  massacreur  de  Religieux,  et  de 
Prestres,  un  ennemy  iure  de  l'Eglise,  un  </ui  n'a  fait  en  sa  vie 
autre  chose,  que  faire  la  yuerre  ä  l'Eglise,  d'espandre  le  sang 
des  Catholigues .  .  .  un  qui  de  tont  temps  s'est  rebelle'  contre  la 
patrie,  a  commis  tant  d  actes  de  fSlonie,  introduict  les  ennemisr 
dt  ii  trouble  le  repos,  et  opprime  la  religion,  par  le  support  de 
Vheresie,  et  des  heretiques  .  .  ."  (S.  146).  Das  Einzige,  was  vor 
seinen  Augen  noch  einigermaßen  Gnade  findet,  ist  seine  sol- 
datische Begabung.  Um  so  mehr  aber  ist  sein  Religionswechsel 
das  Ziel  seines  Spottes.  Mit  der  derben  Kraft  des  Ausdrucks 
und  dem  Temperament  der  Sprache,  die  noch  die  leiden- 
schaftliche Bewegung  des  gesprochenen  Wortes  nachzittern 
lassen,  schildert  er  die  Bekehrung  des  Bearnais:  „Quelles  gens 
a  on  appellez?  Quels  Theologiens  resolus?  Quels  fermes  pilliers 
de  l'Eglise?  Et  puis  quelles  conuocations  solemnelles?  Quelle 
authorite  tfintimer?  Quelle  permission  du  S.  Siege?  Quelle  com- 
munication  au  Legat?  Aa.r  Estats?  A  ceux  qui  y  ont  interest? 
Et  en  un  faict  de  teile  importanee?  Puis  quelle  für  nie  d'assemblee? 
Quelles  graues  et  excellentes  disputes?  Quelles  resolutions  sou- 
ueraines?  Qu'y  a  Von  fait  et  traicte?  Quels  actes?  Quels 
memoires?  Qui  en  a  este  le  secretaire?  Et  quelle  conuersion 
d: 'autre  s'y  est  faite?  Quel  esclarcissement  de  doubtes?  Quel 
fondement  de  creance?  A  il  eu  seul  le  S.  Esprit?  N'est  il  la 
renn  que  pour  luy?  .  .  ."  (S.  112.)  „Quelle  cendre?  quelle  haire? 
quels  ieusnes?  quelles  larmes?  quels  souspirs?  Quelle  nudite  dt 
pieds?  Quels  frapemens  de  poictrine?  Quel  visage  baisse?  Quelle 
huiuilite  de  prieres  ?  Quelle  prostration  par  fern-,  en  signe  de  peni- 

Sujet  de  medire  de  son  Roi,  et  encore  moins  de  prendre  les  armes  contre 
Sa  Majeste,  sous  quelque  pretexte  que  ce  soit,  par  Claude  de  Morenne,  Cure 
de  Saint- Mederic.''  1593  (auch  in:  Memoires  de  la  Ligue  VI.  S.  31  —  41). 
Vgl.  dazu  Boucher.  Sermons  S.  159  v  °  ff. 


304  Kurt  Glaser. 

teuer  ?  Les  gens  </e  guerre  etnbastonnez,  les  fifres,  les  tambours  son- 
nan8,  l'artil'lerie.  et  escoppetterie,  les  trompettesetclairons:  lagrande 
mitte  de  Gentils-hommes,  les  Damoiselles  paries:  la  delicatesse 
du  penitent,  appuyi  sur  le  col  d'un  mignon,  pour  le  gram/  chemin 

'l>t'H  u  auoit  ä  faire,  enuiron  de  cinquante  pas,  depuis  la  parte 
de  l'Äbbaye,  iusqufä  la  parte  de  l'Eglise;  la  HsSe  mtil  fit,  re- 
gardant  en  hault,  avec  un  bouffon,  qui  estoit  ä  la  fenestre,  luy 

disant,  'en  veux  tu  pas  estreV  le  rfers,  l'appuy,  les  oreillers, 
les  tapis  semez  de  fleurs  de  lys,  Vadoration  falte  par  les  Prelats, 
a  celuy  qui  se  deuoit  suhmettre,  et  s' hu  milier  deuant  eux/sont-ee 
les  traicts  de  penitence?  Ou  qui  en  reit  iamais  de  semblable?" 
(S.  337).  Dem  Verbrechen  des  Glaubenswechsels  stellt  Boucher 
die  Heiligkeit  der  in  sich  fest  geschlossenen  Liga  gegenüber. 
Ihr  Geist  ist  der  der  Heiligen  Kirche;  sie  ist  die  Kirche 
selbst55).  Sie  ist  zugleich  die  unerschütterliche  Hüterin  der 
staatlichen  Macht  und  gewinnt  als  solche  eine  besondere 
Bedeutung.  Das  in  ihr  verkörperte  Recht  des  Widerstandes 
der  Untertanen  gegen  die  Autorität  des  Herrschers  ist  für 
Boucher,  wie  schon  in  seiner  Schrift  ,,De  justa  Henrici  tertii 
abdicatione"  der  Inbegriff  aller  politischen  Weisheit.  Im 
Großen  und  Ganzen  beschränkt  er  sich  darauf,  die  Gedanken, 
die  er  schon  in  jener  Schrift  ausgesprochen,  zu  wiederholen, 
die  göttliche  Einsetzung  des  Königtums  in  Frage  zu  ziehen 
und  das  Wahlrecht  über  das  Erbrecht  der  Krone  zu  stellen. 
Nur  insofern  gibt  er  dem  System  seiner  demokratischen  Ge- 
danken eine  neue  Abrundung.  als  er  hier  nach  dem  tra- 
ditionellen Seitenhieb  gegen  Machiavelli,  den  „grand  Docteur 
des  atheistes''  (S.  10),  dem  „Euangeliste  de  court"  (S.  U8)  ganz 
unverhohlen  die  Gleichstellung  des  Herrschers  mit  jedem, 
auch  dem  geringsten  seiner  Untertanen  ausspricht:  „II  n'y  a 
rien  de  moins  en  l'asme  du  moindre  de  tout  un  peuple  qu'en 
icelle  du  plus  grand  monargue."  Die  einzige  rechtmäßige  Ver- 
tretung des  Volkes  sind  die  Stände;  sie  allein  haben  das 
höchste  Recht  im  Staate  zu  beanspruchen.  „Quant  nur  EstatS, 
ce  sont  ceux,  en  qui  naturell  ement  et  originairement,  reside  la 
puissanee  et  majestS  publique,  qui  fait  et  establit  les  Roys,  qui 
sont  par  le  droit  des  Gens,  et  non  de  droit  diuin.  ou  de  nature  .  .  . 
La  puissanee  de  Her  et  dSlier  .  .  .  demeurn-  aux  peuples  et 
Estats,  qui  sont  eternell  ement  gardes  de  souverainete,  iuges  des 
seeptres  et  des  royaumes,  pour  en  estre  et  Vorigine  et  la  source. 
Comme  ceux  qui  ont  fait  les  Roys,  non  par  necessite  ou  con- 
trainte, mais  par  leur  franche  volontS.  Estant  en  eux  de  choisir, 
de  plusieurs  sortes  de  gouvernemens,  celuy  qui  leur  est  le  plus 
utile.     Et  si   bien  tel  est  sur  tout,    et  le  plus  ordinairement, 


53)  „Car  qu'est-ce  autre  chose  la  Ligue,  que  le  Ctcur  et  les  bras  de 
l'Eglise?  —  Ce  que  la  Ligue  ■penne,  dict,  faict.  respire,  n'est  autre  chose 
que  l'Eglise  .  .  ."  (S.  56). 


Geseh.  d.  polit.  Lit.  Frankr.  in  der  2.  Hälfte  d.  t6.  Jahrh.     305 

celuy  de  Monarchie  .  .  .  ne  laisse  pourtant  ceste  liberte  de  de- 
meurer  es  peuples,  pour  choisir  de  leur  piain  gre,  ceste  forme 
de  gouuerner.  Mesmes  pour  destituer,  et  changer  les  Rots,  selon 
que  le  ras  y  eschet.  Estant  en  tout  veritable,  que  '•'est  des 
peuples,  que  sont  les  Roys  et  höh  les  Roys  des  peuples.  Veu 
que  le  peitple  est  la  base,  sur  laquelh-  le  Roy  pose.  Et  sans 
laquelle,  if  n'a  ny  bras,  ny  pied,  ny  iambe,  et  tomberoit  comme 
iui  Colosse,  dont  le  soubassement  est  fondu"  (S.  15?  v°,  158  ru; 
vgl.  auch  S.  183  v  "). 

Auch  an  Bouchers  politischen  Theorien  sind  die  Jahre 
des  Bürgerkrieges,  welche  die  Ermordung  Heinrichs  III.  von 
der  Thronbesteigung  Heinrichs  IV.  trennen,  nicht  spurlos 
vorübergegangen.  Seine  ganze  Gedankenwelt  ist  und  bleibt 
in  dem  Haß  gegen  Heinrich  IV.  erstarrt.  Als  im  Jahre  1595 
Jean  Chastel  seinen  Mordversuch  auf  Heinrich  IV.  machte, 
griff'  Boucher  als  einer  der  ersten  zur  Feder  und  schrieb  seine 
„Apologie  pour  Jean  Chastel"  5*).  in  der  er  aufs  neue  seinem 
Haß  gegen  seinen  Todfeind  Luft  macht.  Das  Zugeständnis 
an  die  Hoheit  des  Herrschers,  mit  dem  er  seine  Ausführungen 
einleitet,  daß  die  Person  eines  Herrschers  unverletzlich  sei, 
dient  ihm  nur  dazu.  Heinrich  IV.  in  ein  möglichst  ungünstiges 
Licht  zu  rücken.  Der  Vorteil,  den  andere  ganz  naturgemäß 
aus  ihrer  Würde  als  Herrscher  schöpfen,  kann  ihm  nicht  zu 
gute  kommen,  da  er  ja  nur  durch  Heuchelei  zum  Throne  ge- 
langt ist  und  damit  jeden  Rechtes,  als  König  geachtet  zu 
werden,  verlustig  gegangen  ist.  Nach  wie  vor  versteift  sich 
Boucher  darauf,  daß  die  Monarchie  dein  AVillen  des  Volkes 
unterlieg*"  und  daß  das  Wahlrecht  dem  Erbrecht  vorzugehen 
hat.  Das  Volk  hat  die  Pflicht,  mit  den  Ketzern  aufzuräumen 
und  muß  diese  Pflicht  im  Notfall  auch  gegen  seinen  Herrscher 
ausüben.  Aus  solchen  Erwägungen  heraus,  seine  Aufstellungen 
Schritt  für  Schritt  mit  einem  umständlichen  Apparat  gelehrter 
und  gelegentlich  sogar  scholastisch-spitzfindiger  Erörterungen 
begleitend,  gelangt  Boucher  dazu.  Chastels  Mordanschlag  als 
eine  pflichtgemäße.  Gott  und  den  Menschen  wohlgefällige 
große  Tat  hinzustellen.  Mit  stets  wachsendem  Eifer  redet  er 
sich  in  eine  an  Verzückung  grenzende  Bewunderung  seines 
Helden  hinein.  Seine  sonst  von  gehässiger  Leidenschaft  bewegte 
Sprache    nimmt    fast   den  Schwung  lyrischer  Begeisterung  an. 

Bouchers  Ideal  ist  Philipp  II.  von  Spanien,  mit  dessen 
politischen  Absichten  sich  eben  gerade  damals  zahlreiche 
Flugschriften,  in  günstigem  wie  in  ungünstigem  Sinne,  be- 
schäftigten55^.   In  seinen  Landen  suchte  er  schließlich  Zuflucht, 


54)  1595.     Ins   Lateinische    übersetzt    unter    dem    Titel    „.Jesuita    si- 
carius"  (1611). 

55)  Vgl.  ..L'Anti-Espagnol,  ou  Brief  Discours  du  but  oü  tend  Philippe, 
JRoi  d'Espagne,   se  meslant   des  affaires  de  France"  1590;  im  Jahre  1593 

Zuchr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XLV  5,6.  21 


306  Kurt  Glaser. 

als  ihm  seit  Heinrichs  IV.  Regierungsantritt  der  Hoden  in 
Frankreich  zu  heiß  wurde.  Schon  in  den  Schriften  aus  der 
Zeit  der  Liga  hatte  er  der  auswärtigen  Politik  Philipps  II. 
seine  Anerkennung  gezollt  und  sieh  nicht  gescheut,  nationale 
Interessen  Frankreichs  seinem  Fanatismus  zu  opfern.  Mit 
der  Zähigkeit,  die  eine  durch  politischen  Eifer  geschärfte 
religiöse  Leidenschaft  zu  verleihen  pflegt,  blieb  er  ihm  auch 
noch  fernerhin  treu  ergeben.  Die  „Oraison  funebre  de 
Philippe  II"  56),  die  er  dem  Andenken  Philipps  II.  widmete, 
fließt  ganz  über  von  Bewunderung  für  seine  Person  und 
Politik.  Für  die  Schattenseiten  seines  Wesens,  für  die  Schäden 
seines  Systems  und  die  Verbrechen  seines  gewalttätigen,  jede 
freiheitliche  Regung  unterdrückenden  Regiments  hat  der 
geschworene  Feind  Heinrichs  IV.  in  seinem  blinden  Haß 
keinen  Blick.  In  abgöttischer  Verehrung  für  den  spanischen 
König  wird  er  zum  Apostel  der  Gegenreformation,  die  er  — 
merkwürdig  genug  —  in  einem  mit  der  Auffassung  seines 
Helden  nicht  zu  vereinbarenden  Sinne  zugleich  im  Namen 
der  zügellosesten  Demokratie  predigt. 

Vor  Boucher  treten  andere  zurück.  Sie  sind  uns  vielfach 
nur  aus  den  Erwähnungen  Lestoiles  bekannt57).  Allenfalls 
verdient  noch  Jean  Porthaise.  seit  1589  theologal  zu  Poitiers, 
hier  eine  Erwähnung.  Der  Glaubenswechsel  Heinrichs  IV.  gab 
auch  ihm  die  Veranlassung  zu  einer  Reihe  von  Predigten,  in 
denen  er  nach  der  Sitte  der  Zeit  Religiöses  und  Politisches 
verquickte58).  Von  den  neuen  Theorien  jener  Tage  ist  er 
nur  wenig  beeinflußt,  viel  weniger  jedenfalls  als  etwa  Boucher. 
In  wesentlichen  Punkten  ist  seine  Denkweise  geradezu  auf 
dem  engen  Standpunkt  der  mittelalterlichen  katholischen 
Kirche  stehengeblieben.  Ohne  Bedenken  proklamiert  er  die 
Oberhoheit  des  Papstes  über  die  weltlichen  Herrscher.  Der 
Geistlichkeit  spricht  er  das  Recht  des  Widerstandes  gegen 
die    weltliche    Obrigkeit,    ja    sogar    das    bedingungslose    Ab- 


veröffeiitlicht  unter  dem  Titel:  „L'anti-Espagnol,  ou  Exhortatioyi  de  ceux 
de  Paris,  qui  ne  se  veulent  faire  Espagnols,  ä  tous  les  Frant;ois  de  leur 
Parti,  de  se  remetfre  en  Vobeissayice  du  Roi  Henri  IV.  et  de  se  delivrer 
de  la  Tyrannie  de  Castille."  (Auch  in  :  Memoires  dcla  Ligue  IV.  S.  211 — 
234).  Dazu:  „Respotise  d  UAnti-Espngnol  semee  ces  jours  passes  ä  Lyon 
de  In  part  des  Conjures,  qui  avoient  conspire  de  livrer  la  Ville  aux  Here- 
tiques"  1590;  „Les  feux  de  joie.  de  Lyon.  Orleans.  Bourges  et  autres  villes 
qui  se  sont  remises  en  l'obeissance  du  Roi;  qui  est  une  Exhortation  .  .  . 
d  l'Espagnol"  1594  (Memoires  de  la  Ligue  VI.  S.  117  ff.);  „Remotdrance 
aux  Francis"  1594  {Memoires  de  la  Ligue  VI.  S.  25—30)  Auch  Dichtungen 
irehören  hierhin:  „Exil  et  passeport  des  Jesuit  es"  1595  (Memoires  de  la 
Ligue  VI.    S.  25«     2*0). 

M)  lfiOO  (Bibl.  Mazarine  Nr.  24  818). 

57)  Im  übrigen  vgl.  Labitte  /.  c. 

58)  „Cinq  Sermons  du  Pere  Porthaise,  Theologal  de  Poitiers,  de  VOrdre 
de  Sai?tt  Francois,  sur  la  simulee  Conversion  du  Roi  de  Xavarre,  pro- 
nonces  en  l'Eglise  de  Poitiers.  l'an  Lr>93."     Paris  1594. 


Gesch.  (I.  polit.  Lit.  Frankr.  in  der  2,  Hälftt  d.  16.  Jahrh.     307 

setzungsrecht  der  Herrscher  zu.  Dagegen  verliert  er  nur 
wenig  Worte  über  die  Rechte  des  Volkes  und  die  Befugnisse 
der  Stände.  Seine  Auffassung  vom  Wesen  des  Staates  ist 
klerikal-mittelalterlich,  während  die  Bouchers  demokratisch- 
ligistisch  ist.  Der  Eifer  für  die  Religion  rechtfertigt  in  Por- 
thaises  Augen  alles,  er  heiligt  selbst  den  Königsmord 
und  läßt  Clements  Tat  über  alles  Lob  erhaben  erscheinen. 
Vor  seinem  religiösen  Fanatismus  hat  sich  Heinrich  IV.  auch 
durch  seinen  Glaubenswechsel  nicht  als  wirklicher  Katholik 
ausgewiesen  und  keinen  Anspruch  auf  den  Thron  erworben. 
Porthaise  zerbricht  sich  den  Kopf,  wem  die  Krone  eigentlich 
zustehe,  und  zeigt  nicht  übel  Lust,  auf  die  Lockungen  Philipps  II. 
hereinzufallen.  An  gehässigen,  mit  den  Phrasen  von  Recht 
und  Religion  schlecht  umkleideten  Angriffen  auf  den  ,.Bearnaistl 
läßt  er  es  natürlich  nicht  fehlen,  wenngleich  er  es  in  dieser 
Beziehung  nicht  so  weit  bringt  wie  der  sich  gleich  ins  Maß- 
lose verlierende  Boucher.  Sein  Stil  zeigt  stellenweise  eine 
Nachlässigkeit  der  Ausdrucksweise,  die  sich,  wenigstens  soweit 
das  die  Predigten  betrifft,  aus  der  lässigen  Art  seiner  münd- 
lichen Rede  erklären  mag59».  Im  übrigen  haftet  seiner  Aus- 
drucksweise eher  etwas  Trockenes,  manchmal  sogar  Unbe- 
holfenes an.  Aus  der  Fülle  von  Zitaten,  über  die  man  jeden 
Augenblick  stolpert,  vermag  sich  der  Gedanke  oft  nur  mit 
Mühe  durchzuringen.  Kräftig,  obwohl  unbeholfen  klingt  seine 
Stimme  aus  der  Tiefe  der  Provinz,  um  rasch  zu  verstummen, 
als  die  erregten  Gemüter  der  Zeit  in  versöhnlicher  Gesinnung 
ihren  Frieden  mit  dem  neuen  Herrscher  zu  schließen  begannen. 


IX.  Schluß. 

Der  gewaltige,  stark  in  die  Breite,  aber  auch  stark  in  die 
Tiefe  gehende  Strom  der  politischen  Literatur  konnte  nicht 
eingeengt  bleiben  in  dem  durchwühlten  Bett,  in  dem  er 
brausend  dahinströmte.  sondern  mußte  bald  hinüberttuten 
auf  die  übrigen  Gebiete  literarischen  Schaffens.  Die  Ufer,  die 
ihn  einschlössen,  waren  doch  viel  zu  flach,  als  daß  sie  ein  Über- 
greifen der  stetig  anwachsenden  Flut  hätten  verhindern  können. 

Das  menschliche  Geistesleben  in  seinen  Tiefen  erschütternd, 
erschafft  sich  die  Reformation  neue  Mittel  und  Wege  gedanklichen 

59)  Porthaise  scheute  sich  nicht,  vor  seiner  frommen  Gemeinde  lange 
Tiraden  bretonisclieu  Platts  als  Hebräisch  zum  Besten  zu  geben :  „.  .  .  pre- 
schend au  mesme  Heu,  debitoit  impudemrnent  ä  ses  Auditeurs  de  grandes 
Perioden  en  Bas  Breton,  son  langage  maternel,  qu'ü  leur  faisoit  passer 
pour  de  V Hebreu;  mais  il  fut  decourert  par  Mr.  de  Lescalle.  qui  l'ayant 
este  oüyr  un  jour  par  curiosite.  et  n'ignorant  ny  l'Hebreu.  ny  le  Bas 
Breton,  fit  connoistre  sa  fourbe  ä  ceux  qui  l'avoient  mene  au  sermon  de 
Porthaise"  (Jos.  Scaliger.  Scaligerana.    1695.    S.  32'A 

21* 


308  Kurt   i Unser. 

Austausche  und  fügt  zu  den  Gattungen  literarischer  Betätigung, 
welche  das  16.  Jahrhundert  aus  früheren  Perioden  überkommen, 
als  neues  selbständiges  Arbeitsgebiet  die  politische  Literatur 
hinzu.  Aber  sie  reißt  auch  die  Schranken  nieder,  welche  die 
einzelnen  Literaturzweige  getrennt.  Der  große  geistige  Kampf 
der  Zeit  wird  bald  auch  auf  allen  anderen  Gebieten  französischen 
Schrifttums  ausgefochten.  Seit  dem  Eindringen  der  Re- 
formationsideen hört  das  Renaissanceideal  auf.  der  Literatur 
allein  Richtung  und  Inhalt  zu  geben.  Maßgebend  wird  hin- 
fort statt  dessen  die  Stellung,  welche  die  einzelnen  Vertreter 
zur  Reformation  einnehmen.  Nicht  mehr  künstlerisch-ästhe- 
tische Maßstäbe,  sondern  religiöse  und  politische  Überzeugungen 
bestimmen  die  Gruppierung,  welche  sich  in  der  zweiten  Hälfte 
des  16.  Jahrhunderts  innerhalb  der  französischen  Literatenwelt 
vollzieht. 

Am  unmittelbarsten  macht  sich  das  geltend  in  derGeschiclu- 
schreibung,  die  hauptsächlich  unter  Plutarchs  Anregungen 
rasch  emporblüht  und  den  Stoff,  den  sie  aus  der  großen  Fülle 
der  Zeitereignisse  schöpft,  bald  in  der  Form  von  Denkwürdig- 
keiten, bald  in  der  Form  exakter  historischer  Verarbeitung  zur 
Darstellung  bringt.  Trotz  aller  Unparteilichkeit,  deren  sich 
einzelne  ihrer  Vertreter,  wie  namentlich  De  Thou  befleißigen, 
fließt  sie  in  deutlich  wahrnehmbarer  Scheidung  in  eine  katho- 
lische und  in  eine  protestantische  Richtung  auseinander,  welche 
durch  die  Namen  Monluc  einer-,  und  De  La  Noue  anderer- 
seits bezeichnet  werden. 

Auch  Montaignes  Werk  wird  sich  nicht  mehr  von  der 
großen  geistigen  Arbeit  und  Richtung  der  Reformation  trennen 
lassen,  seitdem  Armaingaud  Montaigne  als  Verfasser  der  wich- 
tigsten und  für  die  Tendenz  der  ganzen  Schrift  ausschlag- 
gebenden Partien  des  „Contr'un"  nachgewiesen  und  in  dem 
gelehrten  Autor  der  „Essais"  einen  verschmitzten  Feind  des 
Königtums  und  einen  versteckten  Freund  politischer  Refor- 
mationsideen aufgedeckt  hat 60).  Die  Auffassung,  welche  die 
Literaturgeschichte  bisher  von  Montaigne  vertreten,  bedarf 
nach  Armaingauds  Enthüllungen  einer  gründlichen  Revision61). 

Die  Wandlung,  welche  unter  der  Einwirkung  der  Re- 
formation in  der  französischen  Literatur  vorgeht,  gibt  sich 
auch  in  dem  Gegensatz  kund,  in  dem  die  großen  epischen 
Leistungen    des    Jahrhunderts    zueinander   stehen.      Ronsards 


60)  Zuletzt:  ., Montaigne  pamphletaire:  L'enigme  du  Contr'un"  (Paris 
1910). 

61)  In  der  Erwartung,  daß  Armaingaud,  wie  angekündigt,  den  Nach- 
weis seiner  These  auch  mit  sprachlichen  Argumenten  stützen  wird,  sei  hier  zur 
Ergänzung  von  „Montaigne  pamphletaire"  S.  35,  Anm.  1  vorläufig  hinge- 
wiesen auf  die  Stelle  bei  Lestoile  I.  1.  S.  74:  „Le  nom  de  mignons  commenca 
en  ce  temps  ä  trotter  par  la  bouche  du  peuple,  auquel  ils  estoient  fort 
odieux  ..." 


Gesell,  d.polit.  Lit.  Frankr.  in  der  2.  Hälfte  d.  16.  Jahrh.     309 

„Franciade"  ist  durchaus  in  antikem  Geist  gehalten.  Das  Fehlen 
jeder  christlichen  Inspiration  bedeutet  keinen  geringeren  Mangel, 
als  die  sich  in  einer  kindlichen  und  kindischen  Nachbildung 
äußerlicher  Stilniittel  erschöpfende  Imitation  Virgils.  Die 
Hugenotten  erkannten  die  Schwäche  in  Ronsards  Werk  richtig, 
als  sie  der  epischen  Leistung  eines  der  Ihrigen  zujubelten, 
Du  Bartas'  „Sepmaine" .  Die  Nahahmung  der  antiken  Vor- 
bilder einschränkend,  will  Du  Bartas  in  christlichem  Geiste 
dichten.  Er  will  auf  seine  Zeit  wirken,  indem  er  ihren  Geist 
zu  treffen  sucht.  Der  Erfolg  hat  seine  Berechnung  nicht  ent- 
täuscht. Während  Ronsards  „Franciade"  einer  raschen  Ver- 
gessenheit anheimfiel,  erlebte  Du  Bartas'  „Sepmaine"  in  sechs 
Jahren  dreißig  Auflagen  und  wurde  ins  Lateinische,  Italienische. 
Spanische,  Englische,  Deutsche.  Holländische  und  Dänische 
übersetzt. 

Du  Bartas'  „Sepmaine"  wird  überragt  von  dem  großen 
kraftvollen  Epos  der  französischen  Reformation,  von  D'Aubignes 
,,  Trayiques" . 

D'Aubigne  ist  zweifellos  die  dichterisch  bedeutendste 
Persönlichkeit,  welche  die  Reformation  in  Frankreich  hervor- 
gebracht hat.  Seine  ganze  Lebensarbeit,  als  Dichter  wie  als 
Geschichtschreiber,  als  Soldat  wie  als  Diplomat,  hat  er  an 
die  Erreichung  politischer  Ziele  und  an  die  Verwirklichung 
politischer  Ideale  gesetzt.  Er  dichtet  nicht  um  des  Dichtens 
willen  —  und  doch  reicht  er  an  poetischer  Kraft  an  Ronsard 
heran,  dessen  Auffassung  vom  Beruf  des  Dichters  freilich  ihm 
zeitlebens  fremd  geblieben  ist;  auch  als  Historiker  ist  er  groß, 
er  steht  ir  seiner  Zeit  nur  noch  hinter  De  Thou  zurück  62)  — 
und  doch  ist  ihm  die  Geschichtschreibung  nicht  Selbstzweck. 
Als  Dichter  wie  als  Geschichtschreiber  ordnet  er  sich  einer 
höheren  Aufgabe  unter,  dem  Dienst  seiner  Partei.  Zeit  seines 
Lebens  ist  er  ein  Mann  des  16.  Jahrhunderts  geblieben  ;  für 
seinen  leidenschaftlichen  Parteieifer  hatte  das  17.  Jahrhundert 
kein  Verständnis  mehr.  Erst  die  Tage  der  Revolution  sollten 
wieder  Naturen  seines  Schlages  erstehen  lassen.  Inmitten  der 
Wandlungen,  welche  seit  der  Regierung  Heinrichs  IV.  in  den 
Verhältnissen  in  Frankreich  und  Europa  vorgegangen  sind, 
hat  er  sich  mit  Zähigkeit  die  starre  protestantische  Gesinnung 
bewahrt,  welche  er  in  den  Wirren  der  Religionskriege  be- 
tätigt hatte.  Auch  seine  poetischen  Anschauungen  wurzeln 
zu  tief  in  jener  Zeit,  als  daß  die  neuen  Bewegungen  und 
Strömungen,  welche  um  die  Wende  des  Jahrhunderts  in  der 
Literatur  aufkommen.  Einfluß  auf  ihn  ausgeübt  hätten.  Die 
Reformbestrebungen  Malherbes,  den  er  noch  um  zwei  Jahre 
überlebt  hat,  sind  spurlos  an  ihm  vorübergegangen. 

D'Aubignes  politischen  Ideen  kann  man  nicht  immer  ge- 

62)  Vgl.  jetzt  auch  Rocheblave.  Agrippa  D'Aubigne  (Paris  1910)  S.  144. 


310  Kurt  Glaser. 

rade  eine  große  Originalität  nachrühmen.  Seine  Forderungen 
und  Befürchtungen,  seine  Wünsche  und  Bedenken  sind  die 
seiner  Partei,  deren  Programm  er  adoptiert  und  verteidigt. 
Mit  dem  Eintreten  für  seine  Partei  und  ihre  Interessen  glaubt 
er  die  Rechte  des  Vaterlandes  zu  wahren.  Darum  spielt  auch 
die  Widerlegung  der  gegen  seine  Partei  gerichteten  Vor- 
würfe eine  große  Rolle  bei  ihm.  Er  führt  sie  alle  einzeln 
auf,  zergliedert  und  beantwortet  sie63).  Seine  Beweisführung 
bezweckt  zu  zeigen,  daß  die  Protestanten  in  ihrer  feindseligen 
Haltung  gegen  den  König  und  die  Katholiken  in  Wahrung 
berechtigter  Interessen  gehandelt  haben64).  Die  immer  und 
immer  sich  erneuernden  Kriege  haben  stets  den  Bruch  des 
einmal  mit  ihnen  geschlossenen  Friedens  zur  Ursache  gehabt. 
Schon  äußerlich  tritt  das  darin  zutage,  daß  er  jedes  seiner 
Bücher  mit  einem  Friedensschlüsse  endigen  läßt.  Seinen  Stoff 
vergewaltigend,  strebt  er  seinem  Ziele  zu.  Dadurch  nimmt 
seine  Darstellung  etwas  Gekünsteltes  an,  aber  es  deckt  sich 
diese  Anlage  seines  Geschichtswerkes  mit  seiner  Anschauung 
von  dem  Verlauf  der  geschichtlichen  Dinge,  welche  jeden  Neu- 
ausbruch der  Bürgerkriege  auf  die  Verletzung  des  bestehenden 
Religionsfriedens  zurückführt  und  der  Friedensliebe  der  huge- 
nottischen Partei  unbeschränkte  Anerkennung  zollt.  Die  Liebe 
zum  Frieden  übt  auf  seinen  kriegerischen  Sinn  einen  geheimnis- 
vollen Zauber  aus,  dessen  ganze  Stärke  ihm  in  den  letzten 
Jahren  seines  Lebens  erst  recht  wieder  zum  Bewußtsein  ge- 
kommen sein  mag,  als  er  in  dem  „Caduwe  ou  Auge  de  Pataf  ) 
mit  einem  zu  seinem  starren  kriegerischen  Sinne  wenig  har- 
monierenden Eifer  noch  einmal,  zum  letzten  Mal,  zum 
Frieden  riet. 

Die  Herstellung  und  Aufrechterhaltung  des  Friedens  bildet 
in  seinen  Augen  das  ehrlichste  Bestreben  der  Hugenotten 
und  ihrer  Führer,  einen  Beweis  ihrer  aufrichtigen  Liebe  zum 
Vaterland.  Es  ist  ein  Gedanke,  welcher  sich  immer  und 
überall  durchringt  und  seinem  Geschichtswerk  den  Charakter 
einer  großangelegten  Apologie  der  hugenottischen  Partei- 
bestrebungen gibt.  Den  Nachdruck  seiner  Ausführungen 
legt  er  auf  die  Rechtfertigung  der  Haltung  seiner  Partei  gegen- 
über dem  König  und  der  staatlichen  Hoheit.  Er  greift  ein 
altes  Argument  wieder  auf,  wenn  er  der  anfänglichen  Ent- 
haltung der  Hugenotten  von  jedem  politischen  Hervortreten 
ihre  später  so  gewaltige  politische  Betätigung  gegenüberstellt 
und    diese   Wandlung   in    der   Parteistellung    der  Hugenotten 

ö3)  Vgl.  Reaume,  Notice  biographique  et  litteraire  sur  Theodore- Agrippa 
D'Aubigne  (1883)  8.  87 ff.  Exbravat,  Agrippa  D'Aubigne  patriote.  These. 
Montauban  1888.     S.22ff. 

64)  Vgl.  auch  „Du  debvoir  mutuel  des  roys  et  des  subjects."  (Euvrcs 
complrtes,  §d.  Reaume  et  de  Caussade.  II.    S.  57  ff. 

«5)  (Kuvres  complites  II.     S.  71—109. 


(iisch.  d.  polii.  Lit,  Frankr.  in  der  V.  Hälfte  d.  16.  Jahrh.     311 

auf  die  willkürlichen  Eingriffe  der  staatlichen  Macht  in  ihre 
religiösen  Rechte  zurückführt.  Ohne  Zögern  spricht  er  seiner 
Partei  klar  und  deutlich  ein  Widerstandsrecht  gegen  die  Staats- 
gewalt zu  für  den  Fall,  daß  der  Staat  in  die  Religion  eingreift 
und  damit  die  Gewissen  der  Untertanen  vergewaltigt.  Als 
überzeugter  Hugenott  steht  auch  er  ganz  auf  dem  Boden  der 
Calvinschen  Theorie  vom  Widerstandsrecht  der  Untertanen  gegen 
die  weltliche  Obrigkeit.  Über  dem  Dienst  des  Königs  steht 
ihm  der  Dienst  Gottes.*6)  Seine  Pflichten  gegen  den  Staat 
müssen  sich  seinen  Pflichten  gegen  die  religiöse  Sache,  in 
deren  Dienst  er  sich  weiß,  unterordnen.  In  dem  Widerstreit, 
in  welchen  ihn  die  politischen  und  religiösen  Pflichten  führen, 
sucht  er  einen  Ausgleich  zu  erzielen,  der  eigentlich  immer 
nur  auf  Kosten  der  politischen  Interessen  zu  erreichen  ist. 
Seiner  Religion  bleibt  er  fest  und  unwandelbar  treu  :  mit  großer 
theologischer  Sachkenntnis  tritt  er  für  ihre  Rechte  und  Lehr- 
sätze ein.  wie  in  der  Fehde  gegen  den  Kardinal  Du  Perron  67). 
Selbst  die  enge  Freundschaft,  welche  ihn  mit  Heinrich  IV. 
verband,  hat  ihn  nicht  vermocht,  dem  Beispiel  des  Königs  zu 
folgen  und  seine  Religion  abzuschwören.  Die  Beharrlichkeit 
im  protestantischen  Glauben,  welcher  andere  Rücksichten 
weichen  müssen,  faßt  er  in  dem  Satz  zusammen:  „  .  .  .  il  n'ij 
<i  rien  <l<ms  les  bontes  du  Service  de  Dien  que  je  ne  face 
avec  gayete  de  coeur  et  passiona.iS)  Seine  Sympathie  wendet 
er  seinem  Gesinnungs-  und  Glaubensgenossen  La  Tremouille 
zu.  Er  lobt  die  selbstlose  Beharrlichkeit,  mit  welcher  er  die 
Rechte  der  hugenottischen  Partei  gewahrt  und  allen  Ver- 
lockungen widerstanden  hat69).  Im  Bunde  mit  ihm  widersetzt 
er  sich  der  von  dem  Herzog  von  Savoyen  geleiteten,  von  dem 
Papst  und  dem  Kaiser  sowie  dem  König  von  Spanien  unter- 
stützten Unternehmung,  welche  unter  dem  Vorwande  der 
Förderung  der  protestantischen  Interessen  die  Zerstückelung 
Frankreichs  bezweckte'0).  Auch  die  Einmischung  fremder 
Mächte  in  die  Angelegenheiten  des  Landes  hat  er  stets  nur 
ungern  gesehen,  selbst  wenn  sie  der  protestantischen  Sache 
Vorteil  zu  verheißen  schien.  Um  so  mehr  mißbilligt  er  Ein- 
griffe fremder  Mächte  in  den  Fällen,  in  welchen  die  Interessen 
des  Protestantismus  durch  das  Dazwischentreten  des  Auslandes 
bedroht  sind.  Seine  Abneigung  gegen  die  Liga  wird  durch 
die  verräterische  Annäherung  an  Spanien,  wie  sie  die  Guisen 
gesucht   haben,  zum  Haß  entflammt.    Und  wenn  er  im  Jahre 


«6)  Vgl.  Reaume  S.  102  ff.     Exbrayat  S.  42  ff. 

CT)  Vgl.  auch   E.  S.  A.  Gout.   Agrippa  D'Aubigne   theologien.      These. 
Montauban  1883. 

68)  (Euvres  completes  II.    S.  695. 

69)  Histoire    Universelle    S.  623.    Memoires    S.  103.     Vgl.  auch    Ex- 
bravat  S.  43. 

70)  Histoire  Universelle  III.     S.  670  ff. 


312  Kurt  Glaser. 

1585  unter  dem  Drucke  der  Verhältnisse  in  Unterhandlungen 
mit  dem  spanischen  König  eintritt,  so  wagt  er  einen  solchen 
Schritt  nur  in  dem  Bewußtsein,  daß  Heinrich  von  Navarra 
die  Seele  der  Unternehmung  ist  '*). 

Wir  sehen  schon  jetzt,  welche  Haltung  D'Aubigne  gegen- 
über der  Frage  nach  dem  Verhältnis  von  Recht  und  Macht 
eines  Herrschers  einnimmt.  Nicht  bloß,  daß  er  mit  Calvin 
und  seiner  Schule  den  Gehorsam  gegen  den  Fürsten  durch 
die  höhere  Rücksicht  auf  Gott  begrenzt  glaubt,  er  zieht  auch 
den  Rechten  des  Fürsten  gegenüber  seinen  Untertanen  engere 
Schranken.  In  dem  Zwiespalt,  zwischen  dem  durch  die  Tra- 
dition geheiligten  Königtum  und  der  von  radikalen  Gemütern 
geforderten  „freieren"  republikanischen  oder  aristokratischen 
Staatsform  zu  wählen,  entscheidet  er  sich  ohne  Bedenken  zu 
Gunsten  der  Monarchie,  und  zwar  zu  Gunsten  der  Eib- 
monarchie7'-).  In  dieser  Stellungnahme  läßt  auch  der  Umstand 
keine  Änderung  eintreten,  daß  sein  persönliches  Verhältnis 
zu  Heinrich  IV.  vorübergehend  erkaltete  7S). 

Seine  Auffassung  vom  Wesen  des  Königtums  hat  D'Aubigne 
in  einer  umfangreichen  Schrift,  „Du  debcoir  mutuel  des  roys 
et  de*  subjects  *)  ausführlich  dargelegt.  Die  Schrift  bildet 
eine  Antwort  auf  die  im  Eingang  aufgeworfenen  Fragen :  ,,>'/ 
les  traittez,  contracts  et  Conventions  entre  le  Prince  et  ses  sub- 
jects soni  obligatoires  de  la  part  du  Prince.  —  Par  uuels  moyens 
leyitimes  le  Prince  peut  estre  adstrainct  ä  l' Observation  des  Con- 
ventions et  promesses  faites  ä  ses  subjects.  —  Quelles  cautions 
et  asseurances  le  peuple  peut  demander  ä  son  Prince  pour  l'ob- 

'i)  Exbrayat  S.  48. 

72)  Lotheissen.  Geschichte  der  französischen  Literatur  im  XVII.  Jahr- 
hundert  I  (1877)  S.  113  irrt,  wenn  er  ineint.  D'Aubigne  sei  „im  Grunde  seines 
Herzens  republikanisch  gesinnt".  (Einige  Seiten  später  sagt  übrigens  Loth- 
eissen selbst,  dieses  Urteil  einschränkend :  „Muß  man  sich  auch  hüten, 
D'Aubigne  moderne  demokratische  Ansichten  unterzuschieben,  so . . ."  S.  122). 
Vgl.  jetzt  auch  Rochehlave  S.  139:  „Notons  qu'il  n'est  pas  republicain." 

")  Exbrayat  S.  37,  38. 

74)  (Euvres  complites  II.  S.  33—69.  Natürlich  bringt  er  auch  an 
anderen  Stellen  seine  Meinung  zum  Ausdruck.  Auch  bei  ihm  spielt  die 
seit  der  Bartholomäusnacht  zum  stehenden  Thema  staatstheoretischer  Er- 
örterungen gewordene  Scheidung  des  Königtums  von  der  Tyrannis  eine 
große  Rolle:  vgl.  ,,Traitte  sur  les  guerres  civiles"  II.  S.  4  ff.  Er  billigt 
nicht  den  Satz,  „qu'ü  n'y  a  nulle  deff'enee  legitime  des  subjects  contre  les 
Princes  souverains,  ni  pour  mutiere  de  religio)/,  ni  pour  cause  que  ce  soit" 
(ib.  S.  22).  In  der  Abhandlung  „Du  debvoir  mutuel  des  roys  et  des  subjects'' 
(II.  S.  33—  69)  schreibt  er:  nAya.nt  dit  ces  choses  en  faveur  de  la  Royauf  e, 
je  serois  bien  marri  qu'elles  fussent  employees  pour  la  Tirannie  et  son  in- 
juste  soustien.  Nous  devons  maintenir  l  Estat  soubs  lequel  nous  sommes 
nez  et  respirons,  ennemis  de  sa  decadence  et  du  periUeux  changement.  En 
hu  mot  nous  devons  tont  au  Roy  et  rieu  au  Tyran.  Or  pour  »iieu.r  cog^ 
noistre  la  Royaute  par  l 'Opposition  de  son  contraire  qui  est  la  Tyrannie, 
il  faut  8Qavoir  que  ceste  ci  n'est  point  seulement  aux  exces  et  violences 
qui  diff'ament  l?  regne,  mais  en  Vinjuste  usage  du  sceptre,  quand  il  veut 
posseder  ce  que  le  regne  nc  tient  point  sous  sog"  (S.  55).  Vgl.  ferner  Reaunie 
8.  96  und  Exbrayat  S.  38.  39. 


Gesch.  d.  polit.  Lit.  Frankr.  in  der  :v.  Hälfte  d.  16.  Jahr/,.     313 

8ervation  des  Conventions  et  promesses.  —  Si  le  Prince  peut, 
sans  prejudicier  ä  son  aucthoritS,  traicter  avec  ses  subjects  des 
moyens  qu'il  convient  tenir  pour  mettre  ä  entiere  execution  ce 
<jui  a  este  accorde  et  convenu  de  purt  et  d'aütre,  et  /'nur  con- 
venir  de  qualiU  des  cauüons  qui  out  este  promises  de  la  pari 
du  dict  Prince.  —  Si  /es  subjects  ayans  la  permission  du  Prince, 
se  peuvent  asseurer  (ou  continuer  la  tenue  de  VAssemblee  con- 
voquee  pur  le  Prince),  pour  adviser  aux  moyens  legitimes  de 
reparer  les  contreventions  faites  aux  promesses  de  leur  Printe 
et  renouveler  les  cauüons  et  asseurances  que  le  Prince  leur  avoit 
donnees.u  Die  Beantwortung  dieser  Fragen,  welche  die  in  jenen 
Tagen  am  meisten  umstrittenen  Probleme  berühren,  kommt 
fast  einer  Darlegung  seiner  gesamten  politischen  Anschauungs- 
weise gleich.  Auf  Beispiele  aus  der  Bibel  gestützt,  dabei  stets 
den  Blick  auf  seine  Zeit  richtend,  führt  er  aus,  dal.)  die  Völker 
ihren  Fürsten  Gehorsam  schulden,  daß  sie  aber  die  Tyrannei 
eines  Herrschers  nicht  zu  dulden  brauchen:  „Nous  trouvons 
dis  le  premier  regne  la  Tirannie,  et  aussi  tost  contre  eile  des 
justes  oppositions""'*).  „Ceux  <jui  mettent  en  guestion  s'il  n'y 
a  auciui  refuge  juste  envers  le  Prince  et  aucune  deffence  juste 
du  juste  refus,  ceux  la  fönt  le  proces  d  Darid''  etc.  ;6).  Wenn 
D  Aubigne  dem  Herrscher  das  Recht  bestreitet,  in  die  Ge- 
wissen hineinzuregieren.  so  leitet  ihn  auch  hier  wieder  nur 
seine  echt  hugenottische  Furcht  vor  der  die  Gewissen  ver- 
gewaltigenden Tyrannei.  Bei  aller  Beharrlichkeit,  mit  welcher 
er  die  Monarchie  verteidigt,  betont  er  zugleich  die  Notwendig- 
keit der  Unterordnung  des  Fürsten  unter  die  Gesetze  des  Staates  : 
„  .  .  .  nulfcs  maxinies  et  resolution  des  Doctenrs  n'ont  exempte 
nos  Princes  naturels  des  loys  de  nature  qui  les  avoyent  fait 
Princes:  au  contraire  ils  les  ont  prononeees  y  estre  subjects  et 
obligez"  ").  In  scharfen  Worten  wendet  er  sich  gegen  die  „belistres 
mercenaires,  qui  ne  troucans  pas  de  quoy  s'eschauffer  pur  les 
royes  communes  et  honorables.  se  sont  insinuez  en  la  banne  grace 
des  dominateurs,  en  les  coulunt  (coiume  ils  disoyent)  mettre  hors 
de  la  curatelle  des  lois."  Der  Fürst  unterliegt  den  Gesetzen.78) 
Durch  den  Hinweis  auf  die  Königstreue  der  Protestanten  gibt 
D' Aubigne  seinen  Erörterungen  einen  aktuellen  Wert79):  er 
läßt  sie  ausklingen  in  seiner  auf  religiöser  Überzeugung  fußenden 
Zuversicht  auf  den  endlichen  Sieg  der  protestantischen  Sache: 

»»)  ib.  S.  42.         76)  ib.  S.  43.         ")  ib.  S.  47.        W)  ib.  S.  48. 

7y)  „Je  n'ay  plus  ä  parier  qu'ä  ceux  de  qui  /es  doubles  feintes  des- 
couvrent  une  veritable  loschete  .  .  .  „Je  leur  demande  qui  s'aequitte  mieua 
de  s<m  debvoir  envers  le  Boy,  ou  ceux  qui  apprenent  en  lu  parole  de  Dieu 
er  obxerrent  ce  qui  est  den  aux  Princes,  ou  ceux  qui  estudient  en  leurs 
affaires,  en  la  peur  de  l'e.ril  ou  de  la  mort  ou  en  l'esperance  des  pensions, 
ce  '/uc  leur  bouche  et  leurs  plumes  doibveid  dire  et  escrire  en  tordant  leurs 
consciences  et  leurs  aeurs,  s'ils  en  avoyent.  Voyons  qui  d'eux  ou  de  nous- 
n'acquitte  mieux  de  ce  debuoir  et  pourru  mieux  en  resp&ndre  devant  Dieu" 
(ib.  S.  62.  63). 


MA  Kurt  Glaser. 

..  Nous  sommes  membres  de  <  lirist  puis  qu'il  parfait  ses  souffrances 
en  ses  membres  ei  qu'il  veut  (es  continuer  en  nous;  soyent  h 
Ciel  et  le  Monde  spectateurs  du  sang  que  nou<  espandons,  ei 
s'il  fitut  perir  par  les  flammes,  nous  jettons  nos  veues  au  chemin 
qu'elles  prenent:  flies  ironi  devant  et  nous  aprSs,  et  avec  elles 
dt  Vair  '/aus  les  nues;  et  en  perceant  le  Ciel,  nous  volerons  oh 
sunt  desjä  nos  desirs  arrivez,  a  sgavoir  au  throne  de  VEternelf 
pour  lä  prendre  place,  regner  et  triompher  avec  les  Auges  bien- 
heureux"  .iV) 

Die  Zuversicht,  mit  der  D'Aubigne  an  die  Lebenskraft 
des  Protestantismus  glaubt81),  hat  im  Laufe  der  Zeit  manche 
starke  Erschütterungen  erfahren  unter  dem  Einfluß  der  Wand- 
lungen, welche  der  Protestantismus  in  Frankreich  wie  im 
übrigen  Europa  durchgemacht  hat.  Auch  den  Fall  von  La 
Rochelle  hat  er  noch  erlebt.  Aber  mit  der  ihm  eigenen  Starr- 
heit der  Gesinnung  hat  er  nicht  aufgehört,  für  die  Sache  des 
Protestantismus  zu  kämpfen.  Nichts  lag  ihm  ferner  und 
widersprach  so  sehr  dem  Grundzug  seines  Wesens  als  der 
Wankelmut,  wie  er  ihn  in  der  Person  des  Sieur  de  Sancy 
gezeichnet  und  verspottet  hatte.  Den  Schutz,  welchen  das 
Edikt  von  Nantes  den  Protestanten  gewähren  sollte,  hat  er 
nicht  allzu  hoch  eingeschätzt;  er  war  einer  der  ersten,  der 
erste  vielleicht,  der  das  vielgefeierte  und  vielbekrittelte  Ge- 
setz in  seinem  Wert  und  Unwert  richtig  erkannt  hat82). 

Auch  D'Aubignes  Beispiel  zeigt,  wie  aus  den  Kämpfen 
des  16.  Jahrhunderts  die  politische  Theorie  schließlich  mit 
dem  Sieg  des  monarchischen  Gedankens  hervorging.  Zweifellos 
war  an  diesem  Ergebnis  die  Entwicklung  Schuld,  die  die 
politischen  Verhältnisse  in  Frankreich  seit  der  Thronbestei- 
gung Heinrichs  IV.  genommen  hatten.  Aber  ebenso  gewiß 
ist  auch,  daß  Bodins  gewaltige,  alle  anderen  Werke  über- 
ragende theoretische  Leistung  daran  nicht  unbeteiligt  war. 
Für  die  Sache  des  nationalen  Königtums  eintretend,  hilft  die 
„Satyre  Menippee"  das  Recht  der  Monarchie  erstreiten.  Von 
den  gelehrten  Erörterungen  der  „Six  livres  de  la  Bepublique" 
laufen  manche  Fäden  hinüber  zu  dem  herzerfrischenden.  Leben 
atmenden  Ton,  in  dem  sie  die  Liga  und  ihre  Pläne  dem 
öffentlichen  Gelächter  preisgibt  und  die  Stände  zum  Gegen- 
stand ihres  Spottes  macht.  Was  Bodin  als  Postulat  hoher 
Theorien  ausgesprochen,  das  verkündet  sie  als  Forderung  des 
gesunden  bürgerlichen  Verstandes.    Für  Heinrich  ]\.  bedeutete 


so)  ib.  S.  <>9. 

81)  ., .  .  .  vous  verrez  que  l'esprü  de  Dieu  a  tousjours  cu  sa  force, 
qu'il  la  communique  ä  son  Eyli.se.  et  puis  qu'il  l'honore  des  triomphes  passez : 
il  n'est  pas  las  d'elle.  il  la  tient  par  la  main  et  la  relevera  au-dessus  de 
ses  ennemis"  {„Traute  sur  les  guerres  ciwles.1'    (Euvr.  compl.  II.    S.  12). 

8S)  Histoire  universelle  III.    S.  730  ff. :  varl.  auch  Reaume  S.  92. 


Gesch.  d.  polit.  Lit.  Frankr.  in  der  2.  Hälft?  <l.  in.  Jahrh.     315 

sie  ..inte  nutre  bataille  d'lorij,  une  victoire  definitive  sur 
l'opinion."  83) 

Die  Theorien  der  Liga  waren  letzten  Endes  eine  wüste 
Reaktion  gegen  eine  Uisziplinierung  des  Staates  in  Bodins 
Sinne  gewesen.  Seitdem  aber  Heinrich  IV.  über  die  Liga 
triumphiert,  mehren  sich  die  Stimmen,  die  für  die  Neuordnung 
des  Staates  unter  der  Hoheit  einer  starken  Monarchie  ein- 
treten. Jetzt  erst  kommt  der  Augenblick,  wo  sich  Bodins 
Gedanken  —  natürlich  mit  der  immer  unvermeidlichen 
Einschränkung  —  wirklich  durchsetzen.  Der  Absolutismus 
Richelieus  und  Ludwigs  XIY.  wird  in  einseitigerer  und  radi- 
kalerer Form,  als  es  das  Königtum  Heinrichs  IY.  gewesen  war, 
die  Verwirklichung  des  Bodinschen  Ideals  einer  starken 
nationalen   Monarchie. 

Keiner  von  allen  denen,  die  unter  Ludwig  XIII.  und 
Ludwig  XIV.  über  König  und  Volk,  über  Staat  und  Kirche 
geschrieben,  kann  sich  an  Reichtum  und  Tiefe  der  Gedanken 
mit  Bodin  messen.  Das  klassische  Zeitalter  der  französischen 
Literatur  ist  trotz  alles  strahlenden  Glanzes  eine  Periode 
des  Stillstandes.  Selten  hat  die  Gestaltung  der  staatlichen 
Verhältnisse  den  politischen  Theorien  mit  gleich  zwingender 
Gewalt  die  Richtung  gewiesen.  In  die  Verherrlichung  des 
absolutistischen  Regierungssystems  klingen  nur  schwache 
Zweifel  und  Bedenken  hinein.  Es  fehlt  der  Theorie  die 
schöpferische  Kraft,  welche  sie  befähigt,  sich  über  die  Ver- 
hältnisse zu  erheben  und  neue  Bahnen  zu  erschließen.  Unter 
dem  jede  freiere  Regung  lähmenden  despotischen  Druck  hatten 
die  Theoretiker  nicht  die  Möglichkeit,  mit  ihren  Gedanken 
in  die  Tiefe  zu  gehen.  Sie  waren  allein  auf  die  Bewunderung 
angewiesen  und  blieben  an  der  glänzenden  Oberfläche  haften. 
So  trugen  ihre  Theorien,  wie  jedes  einseitig  überspannte,  auf 
Äußerlichkeiten  gerichtete  Staatsideal,  von  vornherein  den 
Keim  des  Verfalles   in  sich. 

Die  Kräfte,  die  zur  Zersetzung  führen  sollten,  sind  aus 
dem  Rationalismus  geflossen,  welcher  schon  früh 8*)  in  zahl- 
reichen vereinzelten  Anzeichen  zutage  getreten  war,  aber 
erst  im  18.  Jahrhundert  im  geistigen  und  literarischen  Leben 
zur  Herrschaft  gelangte.  Hatten  die  politischen  Theoretiker 
des  16.  Jahrhunderts,  von  religiösen  Ideen  ausgehend,  im 
Namen  der  durch  die  Reformation  gebrachten,  von  katholischer 
Seite  widerstrebend  genug  hingenommenen  geistigen  Freiheit 
die  engen  Schranken  der  kirchlichen  Theokratie  des  Mittel- 
alters durchbrochen,  so  kommen  die  des  18.  Jahrhunderts  aus 
der   rationalistischen    Sphäre    her    und    gründen    ihre  Systeme 

8»)  Labitte  S.  106. 

84)  Vgl.  Lechler,   Geschichte  des  englischen  Deismus  (1841).    8.  11  ff. 


316  Kurt  Glaser. 

auf  die  allen  Menschen  zugänglichen  Grundgesetze  der  Ver- 
nunft. Die  religiöse  Aufklärung  wird  von  der  rationalistischen 
abgelöst.  Die  Forderung  der  Gewissensfreiheit,  welche  das 
Reformationszeitalter  im  Namen  des  Glaubens  erhoben  und 
durch  den  Mund  von  L'Hospital  und  Pasquier  auch  in  der 
Politik  verkündet,  wiederholt  das  18.  Jahrhundert  im  Namen 
der  Vernunft.  Auch  die  Vertragstheorie,  an  deren  geschicht- 
licher Herleitung  sich  die  „  Vindiviae"  und  nach  ihnen  noch 
andere85)  abgemüht  hatten,  gewinnt  mit  einem  Schlage  eine 
folgenschwere,  die  gesarate  Grundlage  und  Richtung  der 
politischen  Theorie  verschiebende  neue  Bedeutung,  seitdem 
die  Naturrechtsschule  die  historische  Deduktion  der  Vertrags- 
theorie über  Bord  wirft  und  ihre  Theorien  auf  die  allen 
Menschen  zugänglichen,  von  ihnen  allgemein  anerkannten 
Gesetze  der  Vernunft  gründet  und  den  auf  der  Basis  der 
natürlichen  Vernunft  abgeschlossenen  Vertrag  als  die  Form 
der  Entstehung  des  Staates  begreifen  lehrt. 

Das.  was  das  16.  Jahrhundert  geleistet  hat,  wird  von:  dem 
18.  in  neuem  Geiste  weitergeführt.  Beide  Jahrhunderte  stehen 
sich  näher,  als  es  aus  der  Ferne  scheinen  möchte.  „Die  näher 
liegenden  A^eranlassungen.  die  eigentlich  vorbereitenden  und 
bedingenden  Momente  [in  der  Herausbildung  des  Deismus] 
beginnen  mit  der  Reformation."  86)  Der  Rationalismus  war 
überhaupt  erst  möglich,  seitdem  die  Reformation  die  Erörterung 
religiöser  Fragen  im  Namen  des  Gewissens  und  der  persön- 
lichen Verantwortlichkeit  in  Fluß  gebracht  und  im  Namen 
des  Fortschritts  das  Recht  freier  Forschung  auf  religiösem 
Gebiete  wie  auf  anderen  Gebieten  erkämpft  hatte.  Dem  Ra- 
tionalismus arbeitete  die  Reformation  vor,  indem  sie  der 
Glaubenseinheit  des  Katholizismus  den  Todesstoß  versetzte  und 
endgültig  mit  der  dogmatischen  Gebundenheit  brach,  in  der 
die  mittelalterliche  Kirche  alles  religiöse  Leben  festgebannt 
hatte. 

Bei  allem  vorherrschenden  Drang  zu  religiöser  Vertiefung 
und  Verinnerlichung  liegt  in  der  Reformation  ein  starker 
Einschlag  kritisch-verstandesmäßiger  Elemente.  Erst  indem 
die  Reformation  nach  beiden  Seiten  hin  —  nach  der  religiös- 
innerlichen wie  nach  der  kritisch-verstandesmäßigen  —  ihre 
Wirkung  ausübte,  hat  sie  sich  in  dem  vollen  Umfang  ihres 
innersten  Wesens  entfaltet.  Während  sie  durch  ihre  den 
Glaubensfragen  zugewendete  religiöse  Grundrichtung  den  An- 
stoß zu  einer  Auffrischung  und  Vertiefung  des  religiösen  Lebens 
—  und  zwar  nicht  bloß  im  protestantischen,  sondern   auch  im 


85)  Vgl.  Treumann.    DU   Monarchomachen.     Heidelberg.   Diss..    1895. 
S.  52  ff. 

»«)  Lechler  S.  IG. 


Gesch.  (I.  polit.  LH.  Frankr.  in  der  2.  Hälfte  <l.  16.  Jahrh.     317 

katholischen  Lager8")  —  gab  und  so  in  frommer  Betätigung 
eine  rein  verinnerlichende  stille  Arbeit  leisten  half,  deren 
Würdigung  einer  Geschichte  des  religiösen  Lebens  in  Frank- 
reich vorbehalten  bleiben  muß,  ist  dem  Kritizismus  der 
Reformation  eine  ungleich  geräuschvollere  Laufbahn  beschieden 
gewesen.  Er  hat  sich  weite  Gebiete  des  geistigen  Lebens 
erobert  und  in  der  Form  des  Freidenkertums  eine  neue 
mächtige  Weiterbildung  erfahren.  In  dieser  letzteren  Ent- 
wicklung hat  die  politische  Literatur  eine  entscheidende  Rolle 
gespielt.  Denn  in  ihr  ist  zum  ersten  Mal  die  bewußte  Ver- 
quickung des  Religiösen  mit  dem  Weltlichen  in  weitestem 
Umfang  zur  Tat  geworden  ;  in  ihr  ist  zum  ersten  Mal,  außer- 
halb des  engen  religiösen  Gebietes,  der  Zweifel  dem  Autoritäts- 
glauben mutig  entgegengetreten.  Im  16.  Jahrhundert  lernte 
es  der  Franzose,  über  Staat  und  Politik  nachzudenken,  das 
menschliche  Wollen  den  gegebenen  Bedingungen  menschlichen 
Daseins  gegenüberzustellen  und  so  sich  an  dem  großen  Gegen- 
satz zu  erproben,  dessen  Lösung  das  18.  Jahrhundert  im  Zu- 
sammenhang mit  anderen  allgemeinen  Ideen  erneut  versuchen 
sollte.  Es  ist  kein  Zufall,  daß  in  der  markantesten  und  viel- 
seitigsten Persönlichkeit,  welche  die  politische  Literatur  Frank- 
reichs in  der  zweiten  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts  hervorgebracht 
hat.  in  Jean  Bodin.  bereits  ein  Freidenker  steckt.  Er.  der 
Sohn  einer  spanischen  Jüdin,  schwankt  zwischen  Reformation 
und  Katholizismus  hin  und  her.  setzt  sich  geflissentlich  über 
alle  Religionen  hinweg  und  schreibt  in  seinem  „Colloquium 
Heptaplomeresu  das  erste   deistische  Buch  Frankreichs. 


In  die  buntschillernde  Gedankenwelt  des  16.  Jahrhunderts 
läßt  die  Beschäftigung  mit  den  politischen  Fragen  der  Zeit 
manchen  belebenden,  aber  auch  manchen  wieder  rasch  er- 
sterbenden Strahl  hellen  Lichtes  fallen.  Die  politische  Literatur 
ist  der  Spiegel,  der  alle  jene  zahlreichen  wichtigen  wie  nichtigen 
Ideen  in  buntester  Brechung  reflektiert  und  bis  in  entfernte 
Winkel  der  französischen  Literatur  hineinwirft.  An  dem 
großen  Fortschritt,  welchen  das  16.  Jahrhundert  auf  allen 
Gebieten  geistigen  und  literarischen  Lebens  erreicht  hat,  darf 
auch  die  politische  Literatur  ihren  Anteil  beanspruchen.  Die 
Nachwirkungen,  welche  sie  hinterlassen,  sind  begreiflicherweise 
nicht  gleichmäßig  stark  und  nachhaltig  gewesen.  Neben 
Bleibendem  steht  so  vieles,  was  der  Augenblick  geboren  und 
was  nur  für  den  Augenblick  Wert  hatte.     Erst    die  Folgezeit 


87)  Vgl.  Brunetiere.    flistoire   de  la   litterature  fran^aise  classique  II. 
S.  79  ff. 


'Mh  Kurt  Glaser. 

Bollte  »las  Dauernde  von  dem  Vergänglichen  unterscheiden 
lehren.  Aber  dann  sollte  es  sich  auch  mit  überraschender 
Deutlichkeit  offenbaren,  wie  die  politischen  Theorien  des 
16.  Jahrhunderts  mitgeholfen  hatten,  eine  feste  und  sichere 
Grundlage  zu  legen,  welche,  den  formenprächtigen,  aber  ideen- 
armen Klassizismus  überdauernd,  den  französischen  Geist  in 
die  (Tedankenfrische  der  Aufklärung  hinüberretten  konnte 
und  an  der  Ausgestaltung  der  Ideenwelt  des  18.  Jahrhunderts 
selbst  recht  wesentlich  Anteil  zu  nehmen  befähigt  und  be- 
rufen war. 

Marburg  i.  H.  Kurt  Glaser. 


Satzobjekte  und  Objektoide  im  Französischen. 

1.  Analyse  des  Begriffes  „Ob  j  ektoid". 

Die  neueren  syntaktischen  Arbeiten  auf  dem  Gebiete  des 
romanischen  Satz-  und  Periodenbaues,  die,  größtenteils  aus 
dem  Seminar  der  Universität  Göttingen  hervorgegangen,  durch 
ihre  systematische  Anlage  und  sorgsame  Durchführung  im 
Ausbau  der  romanischen  Syntax  einen  wesentlichen  Fort- 
schritt bedeuten,  haben  namentlich  das  Grenzgebiet  zwischen 
den  syntaktischen  Grundbegriffen  „Satz",  „Wortgruppe"  und 
„Wort"  in  ein  ganz  neues  Licht  gerückt.  Nachdem  u.  a. 
schon  Erich  Müller  Die  Vergleichsätze  im  Frz.  1900,  Bruno 
Heinrichs  Die  Modalsätze  im  Frz.  1903,  0.  ßohte  Die  Kausal- 
sätze int  Frz.  1901,  C.  Busse  Das  finale  Satz  Verhältnis  in  der 
frz.  Sprache  1905,  Jul.  Körte  Die  beziehungslosen  Relativsätze  im 
Frz.  1910,  auch  jene  Wortgruppen  beachtet  hatten,  welche  die 
Funktionen  von  Nebensätzen  ausüben,  ohne  durch  ein  Verbum 
finitum  äußerlich  als  solche  charakterisiert  zu  sein,  haben 
kürzlich  Friedrich  Änderten  Der  verkürzte  Hauptsatz  im  Frz. 
1912  und  August  Schmedtper  Die  verkürztot  Nebensätze  im 
Frz.  1912  eine  zusammenfassende  Darstellung  des  Problems 
der  sogenannten  Satzkürzungen  zu  bieten  gesucht.  Namentlich 
ersterem  ist  es  gelungen,  unseren  Horizont  in  der  Frage:  „Was 
ist  ein  Satz?"  bedeutend  zu  erweitern,  während  Schmedtper  eine 
m.  E.  schwierigere  und  in  der  Prinzipienlehre  der  rorn.  Syntax 
tiefer  wurzelnde  Seite  der  gleichen  Frage  trotz  mancher 
vortrefflicher  Einzelleistung  nicht  mehr  völlig  zu  umspannen 
vermochte.  Das  Problem  der  „verkürzten  Nebensätze"  ist  nicht 
bloß  nach  der  Richtung  abzugrenzen  „was  ist  noch  ein  (Neben-) 
Satz?"  sondern  noch  in  jener  zweiten,  welche  untersucht,  ob 
das  Residuum,  das  aus  einer  Verkürzung  eines  Nebensatzes 
übrig  bleibt  und  das  wir  als  Satz  anzusprechen  nicht  mehr 
geneigt  sind,  einen  integrierenden  Bestandteil  des  zugehörigen 
Hauptsatzes  bildet,  oder  aber  nach  Art  der  Flickwörter  als 
parenthetischer  Einschub  zu  betrachten  ist  und  mit  dem 
Hauptsatz  mithin  in  loserer  Verbindung  steht.  Im  ersten 
Falle  werden  die  verkürzten  Nebensätze  in  der  Regel  in  so- 
genannte Satzobjekte  übergehen  und  in  der  Tat  sind  die 
Grenzen  zwischen  einem  du  pain  (il  na  pas  du  pain)  und 
de  qitoi  vivre  (il  n'a  pas  de  guoi  vivre)  sans  doute  und  sans 
s'en  doutet'j  pour  moi  und  pour  prendre  conge  oft  so  unmerk- 


Karl  //.  von   Ettmayer. 

lieh,  daß  es  wohl  besondere  präziser  Begriffsdefinitionen  zu  be- 
dürfen scheint,  um  das  Gebiet  des  Satzbaues  und  des  Perioden- 
baues bzw.  des  „einfachen"  und  „zusammengesetzten"  Satzes 
auseinander  zu  halten  Im  zweiten  Falle  wird  der  ,. verkürzte1' 
Nebensatz,  und  bestünde  er  bloß  aus  einem  Adverb  oder  einer 
Konjunktion,  seines  Satzcharakters  nie   verlustig  gehen. 

Dieser  Frage  ist  bisher  noch  nicht  die  Aufmerksamkeit  zu- 
gewendet worden,  welche  sie  m.  E.  verdient;  und  ich  will 
zunächst  rein  formalistisch  vorgehen  und  durch  Definitionen 
diejenigen  sprachlichen  Ausdrucksmittel,  welche  als  reine 
Satzobjekte  aufgefaßt  werden  können,  von  den  objektartigen 
verkürzten  Nebensätzen  zu  unterscheiden  suchen.  Diese  sind 
es,  welche  ich  als  Objektoi'de  bezeichne.  Nach  Erledigung 
der  formellen  Seite  werde  ich  dann  versuchen,  eine  theoretische 
Erklärung  des  Tatbestandes  zu  bieten,  und  das  „Objektoid" 
als  eine  eigene  Kategorie  syntaktischer  Ausdrucksmittel  dar- 
tun, das  weder  als  „Nebensatz'*  noch  als  Objekt  genommen 
werden  darf. 

Den  ..Satz1',  den  man  in  so  vielerlei  Weise  „auffassen" 
kann,  ohne  daß  eine  „Definition"'  die  nächste  ausschlösse, 
will  ich  in  folgendem  als  einen  biologischen  Vorgang  be- 
trachten, der  beim  Aussprechen  eines  Satzes  tatsächlich  vor- 
liegt. Etwa  im  Sinne  Wund  ts  können  wir  in  einem  solchen 
Falle  beobachten,  daß  die  wandernde  Aufmerksam- 
keit eine  Gesamt  Vorstellung  im  Wege  einer 
sprachlichen  Ausdrucksbewegung  gliedert.  Ge- 
fesselt wird  die  Aufmerksamkeit  in  der  Regel  durch  einen 
Vorgang  (verbale  Sätze),  den  wir  bald  als  Aktion  (Tätig- 
keit, Transivitum)  bald  als  Status  (Zustand.  Passivum)  er- 
fassen. Den  sprachlichen  Ausdruck  hierfür  bezeichnet  die 
Syntax  als  Prädikat  und  bedient  sich  in  den  idg.  Sprachen 
zu  dessen  Wiedergabe  meist  des  Verbum  finitum.  Seltener 
tritt  eine  Gliederung  einer  Gesamtvorstellung  ein.  ohne  daß 
an  einen  Vorgang  in  derselben  angeknüpft  wird  (nominale 
Sätze):  man  begnügt  sich  dann,  einzelne  Teile  einer  Gesamt- 
vorstellung zu  distinguieren.  Die  Gesamtvorstellung  als  solche 
kann  beim  Ausdruck  durch  einen  Satz  entweder  einer  beson- 
deren sprachlichen  Bezeichnung  entbehren  (subjektlose  Sätze), 
oder  aber  durch  eine  Teilvorstellung,  die  dem  Sprechenden  zur 
Charakterisierung  des  verbalen  Vorganges  besonders  wichtig 
erscheint,  gewissermaßen  „vertreten":  charakterisiert 
werden  (Subjekt),  während  wir  alle  übrigen  TeilvorstelIungen; 
welche  geeignet  erscheinen,  die  Natur  des  zu  schildernden 
Vorganges  besser  zu  verdeutlichen  (zu  präzisieren),  als  Ad- 
verbien oder,  was  m.  E.  syntaktisch  gleichbedeutend  ist,  als 
Satzobjekte  bezeichnen.  Ein  gewisser  Unterschied  zwischen 
Adverb  und  Objekt  besteht  allerdings;  er  ist  jenem  ähnlich, 
durch  den  wir  Adjektiva  von  Substantiven  unterscheiden,  die 


Satzobjekte  und   Objektoide  im  Französischen.         3*21 

■wir  ja  beide  unter  dem  Begriffe  „Nomen1"'  zusammenfassen: 
In  den  Objekten  erkennen  wir  mit  großer  Bestimmtheit 
„abgegrenzte"  Teile  einer  Gesamtvorstellung,  während  uns 
in  den  Adverbien  der  zwischen  Teilvorstellung  und  Gesamt- 
vorstellung bestehende  Zusammenhang  deutlicher  zum  Be- 
wußtsein kommt.  Die  „Einheit"  eines  Satzes  in  einer  Rede 
•erscheint  uns  dadurch  gegeben,  daß  ihr  immer  nur  eine 
einzige  Gesamtvorstellung  zu  Grunde  liegt,  die  zwar  in 
kontinuierlicher  Veränderung  begriffen  sein  kann,  insofern  sie 
auch  Vorgänge  umschließt,  die  wir  aber  trotzdem  als  etwas 
Einheitliches  empfinden,  insofern  wir  auch  einen  Vorgang 
als  etwas  Einheitliches  zu  erfassen  gewohnt  sind.  Fehlt 
unserem  Verständnis  dieses  Einheitsbewußtsein,  so  sprechen 
wir  von  einem  in  Raum  und  Zeit  projizierten  „Vorstellungs- 
verlauf" und  nennen  den  sprachlichen  Ausdruck  desselben 
eine  Satzfolge  oder  eine  Periode.  Auch  hier  spielt  wieder 
die  Aufmerksamkeit  die  Hauptrolle,  welche  in  einem  be- 
stimmten Augenblicke  immer  nur  einen  einzigen  Vorgang 
zu  erfassen  befähigt  ist.  Wir  wissen  zwar  sehr  wohl,  daß 
sich  viele  „Ereignisse"  gleichzeitig  abspielen  können,  die  unter 
unserer  Bewußtseinsschwelle  verharren,  bis  der  gerade  domi- 
nierende Vorgang  die  Aufmerksamkeit  freigibt.  In  diesem 
Augenblicke  löst  ein  neuer  Vorgang  den  verblassenden  ab: 
das  ist  das  biologische  Moment,  wo  der  „Satz"  zur  „Satz- 
folge" wird. 

Diese  theoretischen  Auseinandersetzungen  mußten  vor- 
ausgeschickt werden,  um  darzutun,  daß  es  sich  bei  der  Ab- 
grenzung der  Objekte  von  den  Objekto'fden  im  Grunde  um 
eine  Bewußtseinsfrage  handelt.  Wenn  es  z.  B.  Aue.  8,  Z.  5 
(ed.  Suchier)  heißt:  Et  li  cris  lieve  et  la  noise  et  li  cevalier  et 
li  serjant  s'arment  et  qeurent  as  partes  et  as  murs  por  le  castel 
desfendre  ...  so  liegt  ein  Vorstellungsverlauf  zu  Grunde,  in  dem 
wir  zunächst  zwei  Vorgänge  deutlich  unterscheiden:  li  cris 
lieve,  —  li  cevalier  .  .  .  s'arment;  —  der  folgende  dritte  et  qeu- 
rent ...  as  murs  spielt  sich  in  der  nämlichen  Gesamtvorstellung 
ab  wie  der  zweite.  Denken  wir  uns  den  Vorgang  2  und  3  in 
zeitlicher  Sukzession,  so  werden  wir  vielleicht  trotz  dem  ge- 
meinsamen Subjekt  den  sprachlichen  Ausdruck  der  beiden 
Vorgänge  als  zwei  Sätze  erfassen.  Denken  wir  aber  das 
arment  ...  et  qeurent  als  gleichzeitige  Ereignisse,  also 
als  einen  Ausdruck,  dem  eigentlich  ein  einziger  kompli- 
zierter Vorgang  zu  Grunde  liegt,  für  dessen  Wiedergabe  sich 
der  Dichter  mehrerer  Verba  bedienen  mußte,  so  werden  wir 
auch  nicht  anstehen,  eine  einzige  Gesamtvorstellung,  die  nur 
in  einem  Satze  zum  sprachlichen  Ausdruck  kommt,  fest- 
zustellen. Wie  steht  es  nun  mit  der  Wendung:  por  le  castel 
■desfendre?  Auch  hier  besteht  eine  Alternative:  —  ist  unsere 
Aufmerksamkeit   rege  genug,  einen  Vorgang  4  uns   zum    Be- 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XLV  5/6.  22 


322  Karl  /.'.  v.  Ettmayer. 

wußtsein  zu  bringen,  d.  h.  eine  neue  Gesamtvorstellung 
in  uns  zu  erwecken,  von  den  ceraliers  et  serjanz}  die  nicht 
mehr  herumlaufen  und  ihre  Waffen  anlegen,  sondern  bereits 
auf  Mauern  und  Türmen  stehen,  oder  gar  schon  mit  dem  aiv- 
stürmenden  Feind  im  Kampfe  liegen,  so  werden  wir  die 
fragliche  Wendung  wohl  auch  als  einen  eigenen  Satz,  einen 
wirklichen  finalen  Nebensatz  erfassen,  der  den  Vorstellungs- 
verlauf weiterführt.  Haftet  aber  in  unserem  Bewußtsein 
die  Vorstellung  vom  Troubel  des  Alarms  zu  fest,  so  daß  in 
den  mit  por  eingeleiteten  Worten  uns  nur  zum  Bewußtsein 
kommt,  in  welchem  Interesse  sich  der  Vorgang  2  (bzw.  3) 
abspielt,  als  stünde  etwa  por  lu  desfense  du  castel,  so  liegt 
ein  einfaches  Satzobjekt  und  zwar  eines  des  Interesses  vor. 
Das  por  le  castel  desfendre  stellt  also  ein  syntaktisches  Ge- 
bilde dar.  das  gewissermaßen  zwischen  Objekt  und  Nebensatz 
die  Mitte  hält,  insofern  es  notwendig  weder  im  einen  noch 
im  anderen  Sinne  verstanden  werden  muß.  Es  hält  die 
Mitte  zwischen  einem  verbalen  Vorgang  und  einem  nominalen 
Objekt:  und  darum  bezeichne  ich  es  als  ein,  in  diesem  Falle 
finales,  Objektoi'd. 

Tiefer  als  die  eingangs  erwähnten  jungen  Syntaktiker, 
welche  sich  um  die  Erkenntnis  der  Objektoide  so  manches 
Verdienst  erworben  haben,  hat  der  Sohn  des  hier  besonders 
hochverdienten  Leiters  des  Göttinger  Seminars  Erwin 
Stimming  in  seiner  durch  den  frühen  Heldentod  ihres  Ver- 
fassers überaus  schmerzlich  berührenden  Hallenser  Dissertation: 
Der  accusativus  c.  infinitivo  im  Frz.  (Bhfte  d.  Z.  f.  r.  Ph.  59) 
geschürft,  der  einen  zur  Erforschung  der  Objektoide  gerade 
im  Romanischen  besonders  auffallenden  und  wichtigen  Fall 
einer  vorbildlichen  Lösung  zugeführt  hat.  St.  geht  vom  richtigen 
Gedanken  aus,  daß  der  rom.  Infinitiv,  dessen  typische  Domäne 
seit  jeher  die  der  Objektoide  war,  von  seiner  bald  mehr  ver- 
balen, bald  mehr  nominalen  Verwendbarkeit  nichts  eingebüßt 
hatte,  daß  im  Gegenteil  gerade  das  Umgangslatein  das  ur- 
sprüngliche Schwanken  des  Inf.  zwischen  Verbum  finitum  und 
Objekt  treuer  festhielt  als  das  einer  größeren  Präzision  des 
Ausdruckes  beflissene  klassische  Latein,  weshalb  auch  der 
rom.  Infinitivgebrauch  dem  Altlatein  syntaktisch  vielfach  näher 
steht  als  jenem  Ciceros.  Es  ist  hier  wohl  nicht  der  Ort,  die 
sehr  weit  gehende  Theorie,  die  St.  in  dieser  Hinsicht  aufbaut 
(1.  c.  p.  70)  und  die  in  einer  sehr  radikalen  Ablehnung  des 
klassischen  Lateins  als  Bildungsfaktor  des  Romanischen  gipfelt, 
zu  erörtern.  Speziell  für  den  Infinitiv  ist  aber  seine  Auffassung 
des  im  klass.  Latein  vorwiegend  ,, verbalen",  im  Romanischen 
wie  im  Volkslatein  häufig  „nominalen",  genauer  „objektoi'den" 
Infinitivs  vollauf  berechtigt.  Ist  doch  ursprünglich  der  acc.  c. 
inf.  aus  einem  doppelten  Objekt  (sog.  doppeltem  Accusativ 
d.  i.    Personalobjekt   -f-    Infinitivobjekt)    dadurch    entstanden,. 


Satzobjekte  und  Objektonle  im   Franzözischen.  328 

daß  das  Inf.-Objekt  die  Funktionen  eines  Prädikats  gegenüber 
dem  Personalobjekt  annahm.  So  wurden  die  zwei  Objekte, 
die  zunächst  lediglich  einen  verbalen  Vorgang  kausativen 
Charakters  (1.  c.  p.  7)  näher  bestimmen  sollten,  zu  einem  ei- 
genen, dem  kausativen  Verbum  untergeordneten  Nebensatz 
zusammengeschlossen.  Diese  überaus  einleuchtende  Theorie 
führt  St.  dann  weiter:  daß  der  lt.  acc.  c.  inf.  noch  verbis  dicendi. 
cogitandi.  sentiendi  u.  a..  wo  der  finale  Gehalt  des  Objektoids 
am  ehesten  verloren  gehen  mußte,  aus  einem  einfachen  Inf.- 
Objekt,  das  für  das  vorliterarische  Latein  anzunehmen  ist, 
und  später  durch  den  acc.  c.  inf.  verdrängt  worden  ist, 
hervorgegangen  sein  muß;  wobei  etwa  Truc.  65<t  quaerit 
patrem,  dico  esse  in  urbe  eine  Übergangsstufe  markieren 
könnte.  Ich  meine,  daß  hier  jener  Infnitivgebrauch  maßgebend 
war.  den  auch  die  rom.  Sprachen  kennen  und  den  ich  als  den 
sii  11  positiven  Inf.  bezeichne.  Jeder  finale  Gedanke  beruht  auf 
einer  „Annahme"  (Suppositio)  einer  beabsichtigten  Wirkung, 
so  daß  die  Ausdehnung  des  Tnf.-gebrauchs  auf  verschiedene 
„Annahmen",  auch  wenn  der  damit  verbundene  „ZweckL'ge- 
danke  des  ursprünglich  finalen  Infinitivs  nicht  mehr  vorhanden 
ist.  gar  leicht  erklärlich  wird,  und  der  finale  Inf.  selbst  all- 
mählich auch  rein  potentialen  (bzw.  bei  negativen  Annahmen 
sogar  irrealen)  Sinn  annehmend,  einem  potentialen  bzw. 
irrealen  Konjunktiv  fast  gleich  kommen  konnte:  Cic.  ep.  5.  12.  5 
ei  dictum  est  clipeum  esse  salvum.  Quint.  inst.  1.  2,  21  discipulus 
audiet  multa  cottidie  probari,  mülta  corrigi.  Solche  suppositive 
Infinitive  stellten  sich  schließlich  bes.  bei  den  verbis  sentiendi 
sogar  zum  Ausdruck  reiner  Tatsachen  ein,  übernahmen  also 
geradezu  die  Funktionen  eines  Indikativs.  So  war  es  der 
Schritt  vom  finalen  zum  suppositiven  Infinitiv,  der  den  ver- 
balen Charakter  desselben  mehr  und  mehr  hervortreten  ließ, 
so  daß  dem  Lateiner  eine  Subjektsbezeichnung  zu  dem  im 
Inf.  ausgedrückten  verbalen  Vorgang  fast  zum  Bedürfnis  wurde. 
Mit  der  Erweiterung  des  Inf.  zum  accus,  c.  inf.  begann  da& 
Latein  einen  aktiven  und  einen  passiven  Inf.  zu  unterscheiden, 
für  die  es  eigene  Formen  prägte,  und  ging  sogar  soweit,  per- 
fektische und  futurische  Aktionsarten  anzudeuten,  lauter  Tat- 
sachen, die  St.  richtig  eingeschätzt  hatte.  So  war  das  verbale 
Objektdoid.  das  der  acc.  c.  inf.  ursprünglich  darstellte,  einem 
eigentlichen  Nebensatz  mit  Verbum  finitum  im  Schriftlatein 
völlig  gleichwertig  geworden,  und  wir  können  nur  eine  seit 
dem  Altlatein  geradlinig-  eingehaltene  syntaktische  Entwick- 
lungsrichtung  darin  erblicken,  daß  schließlich  gerade  der  sup- 
positive Infinitiv  durch  den  suppositiven  (potentialen  bzw. 
irrealen)  Konjunktiv  eines  meist  neutralen  Relativsatzes  oder 
durch  den  Indikativ  der  Tatsächlichkeit  ersetzt  wurde,  d.  i. 
daß  der  acc.  c.  inf.  sich  in  den  sogenannten  „Objektsatz''  ver- 
wandelte.    Die    von    Löfstedt    Komm.  p.  251    besprochenen, 

22* 


324  Karl  R.  v.  Ettmayer. 

durch    itt   oder   fftcoi  eingeleiteten   acc.  c.  inf.  sind  nicht  Kon- 
taminationen   zweier  verschiedener  syntaktischer  Strömungen, 
sondern  viel  eher  Zeugen  eines  organischen  Überganges  vom 
acc   c   inf   zum  reinen  Nebensatz.    Dieser  letzte  Gedankengang 
steht  mit  Stimmings  Auffassung  allerdings  nicht  mehr  in  Ein- 
klang (vgl.  z.  B.  p.  20.  der   aus    dem    richtig  erkannten  „ver- 
balen1' Charakter  des  lt.  acc.  c.  inf.  a  contrario  einen  „nominalen 
der  romanischen  Konstruktionen  ableitet,    was   zu   weit   geht, 
da    vielmehr    der    „objektoide"    Charakter    des   rom.  Inf.  den 
wahren    Gegensatz   zum   Latein    besser   feststellt.     Es    stimmt 
doppelt  wehmütig,  daß  Stimming  selbst  an  der  wissenschaftlichen 
Diskussion,  die  er  mit  glänzenden  Gaben  und  echt  deutscher 
Gründlichkeit  eingeleitet  hatte,  sich  nicht  mehr  beteiligen  kann. 
Unter    ähnlichen    Voraussetzungen,    wie    sie  St.   angenommen, 
stelle  ich  mir  den  Übergang  vom  lt.  acc.  c.  inf.  zum  Romanischen 
doch    etwa   in    folgender  Weise    vor :    Einerseits    war  es  nicht 
die    eigentliche    Vulgärsprache,     sondern    die     spätlateinische 
Sprache  der  Gebildeten  (soweit  sie  nicht  reinen  Ciceroniams- 
mus   nachäffen  wollten),    die   in  in  konsequenter  Fortentwick- 
lung   den   acc.  c.  inf.  allmählich  zum  Objektsatz  umgestaltete. 
Anderseits    hat    allerdings  auch  eine    rein    volkstümliche   syn- 
taktische  Neigung    in    hervorragender  Weise    am    Untergang 
des    lt.   acc.    c.  inf.   mitgewirkt:    der    zunehmende    Gebrauch 
formaler  Hilfsverba  zur  periphrastischen  Wiedergabe  verbaler 
Vorgänge.     Wie  die  spätlat.  Häufung    der    Pronomina,    Prä- 
positionen. Konjunktionen,  so  entsprang  auch  die  zunehmende 
Verwendung    der   Auxiliarverba  dem  Streben  nach  binntallig- 
keit   da  die'älteren  lat.  Ausdrucksmittel  für  zahlreiche  Aktions- 
arten (Iterativum,  Facti  tivum.lncohati  vum.Terminati  vum,Opta- 

tivum   Deliberativum)  allmählich  so  abgebraucht  wurden,  daß 
ihre  Umschreibung  durch  Ire,   coepi,    venire,   posse,  habere,  de- 
bere    usw.  mit  einem   finalen  Objektoid  (Infinitivobjekt)  mehr 
und'  mehr    in    den  Vordergrund    trat.     Derart    errang    das  In- 
finitivobjekt  eine    neue    hervorragende   Bedeutung.     Im  Peri- 
phrasticum   dasselbe   zu    einem    acc.  o.  inf.  umzugestalten,    lag 
natürlich  kein  Anlaß  vor.    da  ein  eigener  Ausdruck  des  han- 
delnden Subjektes   überflüssig  erscheinen  mußte     Wohl  aber 
müssen  die  nunmehr  zahlreich  auftretenden  einfachen  Inhnitiv- 
objekte  auf  den  alten  acc.  c.  inf.  zerstörend  eingewirkt  haben, 
da    das    Unterdrücken    einer    Subjektsbezeichnung    zum    Ob- 
iektoid,    wo    angängig    auch    auf    diesen    übertragen    wurde. 
Daß    das  Infinitivobjekt  auch   im    spätesten  Latein   noch  kern 
.nominales11   war,  daß  es  vielmehr  immer  noch  vom  Objektoid 
so  viel  in  sich  trug,  daß  es  mit  rein  substantivischen  Objekten 
nicht    auf  eine  Stufe   gestellt   werden    konnte,    erschließe  ich 
einerseits  aus  seiner  häufigen  Gleichstellung  mit  dem  Gerun- 
dium, anderseits  aus  dem  im  Romanischen  neu  auftauchenden 
Dativ  c   inf.    Allerdings  ist  im  Verlaufe  der  romanischen  Ent- 


Satzobjekte  und  Objektoide  im  Französischen.  325 

wicklung  das  Objektoid,  das  der  Infinitiv  seit  jeher  darstellte, 
mitunter  zum  reinen  Objekt  herabgesunken,  u.  a.  durch  die 
zunehmende  präpositionale  Konstruktion  (j'ai  a  faire,  je  suis 
(>our  dire  usw.)  zum  Ausdruck  kommt,  aus  der  hervorgeht,  daß 
der  präpositionslose  Infinitiv  mehr  und  mehr  einem  Tran- 
sitivobjekt gleichwertig  gefühlt  wurde.  Ja,  selbst  die  den 
objektoiden  Charakter  des  Infinitivs  verstärkenden  Präposi- 
tionen konnten  ihn  vor  dem  Abblassen  zum  reinen  Objekt 
nicht  immer  schützen,  wie  der  Gebrauch  von  Ausdrücken  wie 
pourboire,  aff'aire  usw.  deutlich  dartut.  Immerhin  hat  diese 
Tendenz  selbst  in  neuester  Zeit  noch  nicht  soweit  um  sich  ge- 
griffen, daß  der  objektoide  Grundzug  des  Infinitivs  in  vielen 
Konstruktionen  verloren  gegangen  wäre.  Vielmehr  ist  auch 
heute  noch  das  sogen.  Infinitivobjekt  in  seinem  Grundwesen 
nicht  reines  Objekt,  sondern  Objektoid. 

2.    Das  finale  Objektoid. 

Wir  haben  das  Wesen  des  Objektoids  zunächst  an  einem 
finalen  Infinitiv  untersucht  und  gesehen,  wie  derselbe  nicht 
bloß  okkasionell  zwischen  Yerbum  finitum  und  reinem  Objekt 
schwanken  kann,  sondern  auch  in  der  historischen  Entwick- 
lung eine  konstante  Bedeutungsverschiebung  bald  nach  der 
einen,  bald  nach  der  anderen  Richtung  erfahren  konnte.  In- 
dem ich  mich  nun  daran  mache,  den  ungefähren  Begriffsumfang, 
dessen,  was  ich  als  Objektoid  bezeichne,  zu  skizzieren,  hätte 
ich  zunächst  auf  die  Arbeit  von  C.  Busse  (1.  c.  p.  25)  zu 
verweisen,  aer  sich  ziemlich  eingehend  mit  dem  reinen  finalen 
Infinitiv  vornehmlich  nach  Verben  der  aktuellen  oder  der 
terminierten  Bewegung  (p.  30)  beschäftigt.  Der  präpositionale 
Infinitiv  (durch  a,  de,  afin  de,  pör  usw.  eingeleitet)  hat,  wie  er- 
wähnt, in  den  meisten  Fällen  ebensowenig  wie  der  reine  von 
seinem  final-objektoiden  Charakter  eingebüßt,  was  u.  a.  daraus 
hervorgeht,  daß  er  seit  alters  ein  Transitivobjekt  nach  sich 
ziehen  kann  {alez  sire  al  muster  pur  les  funz  aprester  Karl sr. 
v.  135)  oder  sich  durch  andere  Objekterweiterung  als  Ausdruck 
für  einen  „Vorgang"  kundgibt  (ebenda  v.  73 f. :  set  c.  cameüz 
merrez  dor  et  de  argent  trussed,  pur  set  aunz  en  Ja  tere  ester 
ti  dumurer).  Zum  finalen  Objekto'id  sind  aber  auch  die  In7 
finitive,  die  von  einer  unpersönlichen  modalen  Konstruktion 
abhängen,  zu  rechnen,  über  die  uns  Hildig  Kjellman  in  seiner 
umfangreichen  Studie:  La  construction  de  V Infinitiv  dependant 
d'une  location  impersonelle  en  frangais,  Upsala  1913,  eingehend 
informiert  hat,  insoferne  jede  dieser  Wendungen  eine  durch 
Lust-  oder  Unlustgefühle  geleitete  Bewertung  eines  verbalen 
Vorganges  ausdrückt,  wodurch  sich  dieser  selbst,  als  erwünscht 
oder  unerwünscht,  der  Gruppe  der  finalen  Objektoide  anreiht. 
Endlich    ist    der    sogenannte  „absolute"   Infinitiv  or  du  (/aber! 


326  Karl  E.  v.  Ettmayer. 

et  diret  </»<"  ...  über  welchen  u.  a.  Änderten  I.e.  und  Karl 
Haupt  Infinitivsätze  im  Frz.  in  Marb.  Beitr.  XVII  handelten, 
wohl  nichts  anderes  als  ein  selbständig  gebrauchtes  finales 
Objektoid.  Das  finale  Objektoid  reicht  aber  über  den  finalen 
Infinitiv  noch  weit  hinaus.  Zunächst  kommt  daneben  das 
Gerundium  in  Betracht,  das  den  Franzosen  durch  die  literarische 
Stilkunst  der  Spätlateiner  bes.  Galliens  neben  dem  immer 
weiter  um  sich  greifenden  volkstümlichen  Infinitiv  erhalten 
blieb.  Hier  hatte  schon  A.  Stimming  (Z.  f.  r.  Ph.  X,  526)  in 
ainz  I'-  soleil  colchant  eine  dem  acc.  c.  inf.  ähnliche  satzartige 
Konstruktion  erkannt,  die  den  objektoiden  Charakter  des 
Gerundiums  auch  bei  fehlender  Subjektsbezeichnung  verständ- 
lich macht.  Immerhin  fällt  es  oft  nicht  leicht,  Infinitiv  und  Ge- 
rundium als  Objektoid  und  ak  Objekt  auseinanderzuhalten. 
Zweifellos  kennt  auch  das  Französische  Infinitive,  die  als  reine 
„Substantiva"  gebraucht  werden,  so  z.  B.  die  häufigen  Wen- 
dungen des  Afrz.  bons  mangiers,  bons  bourres.  Wenn  es  Mar. 
de  Fr.  (Bibl.  Norm.  VI  p.  34  v.  19  ff.)  heißt: 

od  li  s'en  vienge,  si  avra 
riches  sales,  <ji<'e/  li  (//irrt/ 
beles  despenses,  beals  celiers 
e  bons  beirr*'*  e  bons  mangiers 

so  ist  zweifellos  nicht  der  Vorgang  des  Essens  und  Trinkens, 
sondern  sind  die  Speisen  bzw.  Getränke  gemeint.  Hingegen 
ist  an  den  Vorgang  selbst  zu  denken  in  Yvain  v.  590 

bien  pert,  qu'or  est  apres  mangier. 

und  v.  2180   Trains  quant  il  n'est  ga  venuz 
Qiii  se  vanta  apres  mangier 
Qu'il  iroit  son  rosin  rengier. 

In  beiden  Fällen  liegen  daher  temporale  Objektoi'de  vor 
(worüber  später).  Wenn  nun  C.  Busse  l.  c.  p.  57  als  „sub- 
stantivierten Infinitiv"    aus   den  Mir.  N.  D.  I  274   den    Passus 

zitiert  i 

Or  tost  seigneurs,  alez  le  mettre 

()u  desert  pour  mengier  ans  bestes! 

so  fragt  es  sich,  ob  mengier  als  „Speise"  oder  final  als  „pas- 
siver" Infinitiv  zu  verstehen  ist.  Auch  beim  aktiven  Infinitiv 
können  wir  ähnlichen  Zweifeln  oft  nicht  entgehen.  Man  er- 
innere sich  nur  der  interessanten  Stelle  Aue.  7.  12  ff. 

Nicolete  biax  esters, 

biax  venirs  et  biax  alers, 

biax  deduis  et  dous  parlers. 

biax  borders  et  biax  jouers, 

biax  baisiers  biax  acolers, 
wo    doch    ganz    entschieden  Vorgänge   in    der   Phantasie  Au- 
cassins  sich  abspielen,  weshalb  ich  auch  in  diesen  Infinitiven, 


Satzobjekte  und  Objektoide  im   Französischen.  327 

trotz  dem  eingeschobenen  deduis,  Objektoide  erblicke,  die 
allerdings  der  Gruppe  der  modalen  Objektoide  zuzurechnen 
sein  werden.  Ein  richtiges  Substantivum  liegt  hingegen  vor 
in   Aue.  13  v.  5 

Or  pari«,  dist  son  penser. 

„sprach  seinen  Gedanken"  (das  Resultat  seines  Denkens  nicht 
den  „Vorgang"  desselben).  Aus  diesen  Belegen  erhellt,  daß 
ein  einem  Infinitiv  zugeselltes  Attribut  (biax,  son)  den  ob- 
jektoiden  Charakter  desselben  nicht  immer  aufhebt,  und  zur 
Abgrenzung  zwischen  Objekt  und  ObjektoTd  nicht  dienlich 
ist  So  ist  in  der  ebenfalls  von  Busse  angezogenen  Stelle 
Sa  nitre  64:  cent  et  soixante  escus  d'or  que  je  vous  donne  pour 
achapter  ung  gent  frisques  et  fringant  cheval  de  conpaignon  pour 
vostre  chevauchier  a  tous  /es  jours,  das  pour  vostre  chevauchier 
doch  wohl  finales  ObjektoTd.  da  es  eher  einen  iterativen  Vor- 
gang andeutet  („Reiten")  als  dessen  Resultat  („Ritt").  Ein 
unvoreingenommenes  Nachprüfen  solcher  Grenzfälle  wird  zu- 
nächst ein  Bedenken  wachrufen:  es  sind,  offen  heraus,  Spitz- 
findigkeiten, wenn  wir  Objekt  und  ObjektoTd  in  der  Weise 
abzugrenzen  suchen,  daß  wir  diese  als  Ausdruck  eines  „Vor- 
ganges", jene  als  Nominalbezeichnungen  betrachten.  Die 
verbale  Natur  kann  einem  ObjektoTd  zwar  zukommen,  aber 
sie  ist  offenbar  nicht  das  Wesentliche  an  ihm.  Das  Charak- 
teristikum am  finalen  ObjektoTd  ist  seine  „finale"  —  nicht 
seine  verbale  Natur,  und  diese  finale  Funktion  kann  ebenso- 
wohl durch  einen  Infinitiv,  ein  Gerundium  als  auch  durch  ein 
reines  Nomen  (Substantiv.  Adjektiv,  Pronomen)  zum  Ausdruck 
gebracht  werden. 

Philipp  v.  Thaun  sagt  z.  B.  in  seinem  Best.  v.  167. 

La  trace  del  leun 

tu  ustre  incarnaüun 

que  Deus  volt  prendre  en  tere 

pur  noz  annies  eunquere  (fin.  ObjektoTd) 

und  fährt  v.  177  fort 

Tant  qu'il  om  fut  charnels 
e  pur  nus  fut  mortels. 

Hier  ist  pur  nus  doch  wohl  ebenso  „final"  wie  früher  das  pur 
eunquere.  Der  Unterschied  liegt  nur  darin,  daß  im  zweiten 
Falle  ein  „verbaler  Vorgang"  wie  etwa  ein  pur  nus  salver 
nicht  zum  Ausdruck  kommt.  Mithin  würde  ich  pur  nus  (das  ja 
von  manchen  Syntaktikern  als  „finales  Objekt"  bezeichnet 
werden  würde)  als  „nominales  Fi  nalobj  ektoi'd"  de- 
finieren. Dadurch  wird  die  ganze  Frage  des  ObjektoTds  noch 
v-erwickelter.  Speziell  beim  finalen  ObjektoTd  ist  es  derart 
noch  möglich,  ohne  syntaktische  Tüftelei  Objekt  und  Ob- 
jektoTd   zu  differenzieren.     Die  „Finalität"  welche  allein  dem 


328  Karl  R.  v.  Ettmayer. 

f.  ( ibjekto'id  zukommt,  drückt  aus.  daß  zu  einer  Situation 
eine  Wirkung,  die  sich  daraus  ergeben  soll,  zu  denken  ist, 
gehört  also  in  den  Komplex  der  auf  Ursache  und  Wirkung 
aufgebauten  Bestände  des  Kausalnexus.  Der  Kausalnexus 
wiederum  ist  aber  an  das  Moment  der  zeitlichen  und  not- 
wendigen Sukzession  gebunden.  Als  Grenze  zwischen  finalem 
Objektoid  jedweder  Art  und  dem  nächstverwandten  Objekt 
des  Interesses  ergibt  sich  mithin  die  zeitliche  Divergenz 
zwischen  der  Gesamtvorstellung  und  dem  Objektoid,  während 
das  reine  Objekt  des  Interesses  im  zeitlichen  Rahmen  der  Ge- 
samtvorstellung gelegen  sein  muß.  Ein  Fall  letzterer  Art 
wäre  z.  B. 

et  se  por  lui  souffroie  paine 

bifn  le  nie  prametoit  a  randre 

(v.  154  Bibl.  Norm  V  Clef  d'amors)  wo  in  dem  por  lui  zwar 
das  Interesse,  nicht  aber  eine  Absicht  ausgedrückt  wird,  während 
das  früher  zitierte  pur  nus  zwar  als  Interesseobjekt  genommen 
werden  kann,  aber  infolge  des  zeitlichen  Abstandes  wohl  viel 
eher  final  verstanden  werden  müßte.  Es  handelt  sich  dies- 
falls einfach  darum,  ob  wir  bei  der  Lektüre  der  Stelle 
,.kausieren"  oder  nicht.  Das  Kausieren  selbst  ist  eine 
intellektuelle  Funktion,  keine  syntaktische  Ausdrucksform,  die 
je  nach  Bildung  und  Denkvermögen  des  Einzelnen  den  Vor- 
stellungsverlauf häufiger  oder  seltener  begleitet,  im  sprachlichen 
Ausdruck  aber  bald  ausführlicher  gekennzeichnet,  bald  kaum 
angedeutet  wird,  ja  häufig  durch  das  Sprechen  zwar  wach- 
gerufen wird,  ohne  daß  aber  die  Sprache  irgend  einen  Anhalts- 
punkt dafür  böte.  Auf  dieser  Grundlage  stehend  haben  wir 
eine  weitere  Ausdehnung  des  Begriffes  „Objektoid"  vorzu- 
nehmen, das  sich  auf  alle  Arten  kausaler  Verknüpfung  zu  er- 
strecken hat:  also  neben  dem  finalen  Objektoid  haben  wir 
mindestens  ein  kausales,  ein  konzessives,  konse- 
kutives und  ein  hypothetisches  Objektoid  zu  unter- 
scheiden. 

3.    Das  kausale  und  konzessive  Objektoid. 

Beide  lassen  sich  unter  einem  behandeln,  da  ja  die 
Konzessivsätze  negative  Kausalsätze  sind.  Hatten  wir  beim 
finalen  Objektoid  das  Objekt  des  Interesses  als  das  Nächst- 
verwandte  kennen  gelernt,  so  kommt  beim  kausalen  Objektoid 
das  sog.  Objekt  des  Mittels  oder  Werkzeuges  (Instrumental) 
als  syntaktischer  „Anrainer"  in  Betracht;  und  wir  werden  das  k. 
Objektoid  dort  zu  suchen  haben,  wo  ein  Infinitiv,  Gerundium 
oder  ein  Nomen  in  der  Form  eines  Instrumentals  auftritt,  aber 
kausal  verstanden  werden  muß.  Neben  dem  eigentlichen  In- 
strumental werden  wir  natürlich  auch  des  nahe  verwandten 
Komitativs  zu  gedenken  haben. 


Satzobjekte  und  Objekto'ide  im   Französischen.  329 

Marie  d.  Fr.  Bibl.  Norm.  III   p.  116  v.  75 ff. 

La  suffrance  muH  lur  greva, 
nies  li  vaslez  se  purpensa, 
que  mich  eu  volt  les  mals  sufrir 
que  trop  haster  e  dune  faillir: 
mult  fit  pur  li  amer  destreiz. 

ebenda  p.  4  v.  47 :    m'entremis  des  lais  assembler 
par  rime  faire  e  raeconter. 

ebenda  p.  147  v.  43 :  e  lur  aveirs  entrechangier 
e  par  geter  e  />ar  lancier 
Rol.  2839:  Alduel  <juil  ad  s'en  est  turnez  plurant 
par  les  degrez  jus  de/  palais  descant 
Ericas  v.  93  ff. :  Juno  ki  ert  del  cel  deesse 
esteit  vers  eis  molt  fe/oaesse 


par  lui  haeit  tot  le  pais. 
ebenda  1775:    A  enviz  faz  Ja  departie, 

nen  est  j>ar  mei,  nel  cuidiez  mir. 

Aus  diesen  Beispielen  ergibt  sich,  daß  der  kausale  In- 
finitiv mit  Transitivobjekt  (pur  rime  faire,  pur  li  aimer)  oder 
selbständig  auftreten  kann.  Das  Gerundium  als  kausales 
Objektoi'd  ist  bei  A.  Stimming  (Z.f.r.Ph.X  p.  529  qu'od  preiere 
e  qu'od  suen  donant  .  .  .  trait  a  sei)  belegt.  —  oder  es  wäre 
auf  das  bei  Godefroy  Y  570/2  verzeichnete:  e  ob  icest  cens 
rendant  chaseun  an,  ge  et  les  meies  chouses  somez  tenu  a  yarir 
la  maison  et  la  place  desus  dites  zu  verweisen.  Daß  die 
nominalen  Objektoi'de  al  duel,  por  lui,  por  mei  kausal  zu 
denken  sind  und  keine  einfachen  Komitative  oder  Instrumen- 
tale darstellen,  läßt  sich  wieder  nicht  „beweisen",  scheint  mir 
aber  selbstverständlich.  Schmedtper  bietet  a.  a.  O.  p.  89ff.  eine 
Reihe  durch  comme  eingeleiteter  kausaler  Objekto'ide,  außerdem 
konzessive  Objekto'ide  (p.  94  ff.),  neben  denen  ich  noch  die 
mit  por  eingeleiteten  hervorheben  möchte  (vgl.  Johannsen. 
Der  Ausdruck  des  Concessivverhältnisses  im  Afrz.  Kiel  1884. 
p.  60  ff.),  da  hier  eine  offenbar  unerwünschte  Folge  zur  Negierung 
einer  Ursache  dient.  Über  rein  nominale  Objekto'ide  konzessiven 
Charakters  handelt  auch  Friedrich  Brüss  Der  Ausdruck  des 
Konzessiwerhältnisses  im  Mittel-  und  Neufranzösischen.  Göt- 
tingen  1906  p.  106 ff.: 

Ah!     Rodrigue,  il  est  rrai  quoique  ton  ennemie 
Je  ne  puis  te,  bldmer  oVavoir  ftii  l'infamie. 

4.    Das  hypothetische  Objektoi'd. 

Die  sogenannten  „verkürzten1'  hypothetischen  Sätze  sind 
eine  so  bekannte  und  vielfach  besprochene  Erscheinung,  daß  ich 
auf  eine  eingehende  Behandlung  dieser  Objektoi'de  in   diesem 


530  Kart  R.  >■  Ettmayer. 

Rahmen  verzichten  kann.  Das  Wesen  der  Hypothese  ist  das 
kausale  „Annehmen",  d.  h.  das  Feststellen  von  Ursache  und 
Wirkung  außerhalb  der  uns  durch  die  Wahrnehmung  un- 
mittelbar erschließbaren  Tatsachenwelt,  weshalb  das  hypo- 
thetische Objektoid  keinerlei  Berührungspunkte  mit  irgend 
einer  Art  von  Satzobjekten  (die  ja  „Tatsachen"  ausdrücken) 
besitzt  und  von  diesen  ohne  weiteres  zu  unterscheiden  ist. 
Niemand  zweifelt,  daß  ein:  neu  avoit  nule  mauvqise  se  hone 
non  »inen  rudimentären  Periodenbau  darstellt,  wie  auch  das 
nt'rz.  si  non  einen  solchen   andeutet. 

Eine  gewisse  Schwierigkeit  bieten  präpositional  konstruierte 
Nomina,  welche  „ausgenommen"  bedeuten: 

Rol.  5:  murs  ne  citet  rii  est  remes  a  fraindre 
fors  Saraguce  tfest  en  une  montagne. 

fors  Saraguce  kann  auch  „hypothetisch"  (se  Saraguce  nun) 
verstanden  werden  und  solche  Auffassung  scheint  mir  be- 
rechtigt, wenn  das  „Ausgenommene"  den  Charakter  einer 
,. Annahme"   trägt: 

Erec    109:  Je  ne  ritt;/  ca  por  autre  afaire 
fors  por  vos  conpeignie  a  feire, 

wo  eine  Absicht,  also  jedenfalls  kein  Tatbestand  der  unmittel- 
baren Gegenwart,  sondern  eine  für  die  Zukunft  angenommene 
Wirkung  vorliegt.     Hingegen  stellt  in 

Cliges  441  :    An  Ja  nef  ou  li  rois  passa, 
vaslez  ne  pucele  riantra 
fors  Mixandre  solement 

fors  A.  zwar  ein  Objektoid  dar,  doch  trägt  dasselbe  keinen 
hypothetischen,  sondern  einen  positiven  (negativ-konsekutiven) 
Charakter.  Immerhin  leitet  auch  hier  das  hypothetische  Ob- 
jektoid nicht  zu  irgend  einem  Objekt,  sondern  zum  konse- 
kutiven Objektoid  über. 

Gleich  der  vollständigen  hypothetischen  Periode  sind  auch 
die  hypothetischen  Objektoide  in  solche  „allgemein  gültiger 
Annahmen"  (der  sog.  reale  Fall  der  hypothet.  Periode)  oder 
nicht  allgemein  gültiger  Annahmen,  die  im  positiven  Falle  als 
„potential",  im  negativen  als  „irreal"  bezeichnet  werden,  zu 
unterscheiden.  Diese  drei  Kategorien  sind  ja  nicht  bloß 
der  hypothetischen  Periode  eigentümlich,  obschon  sie  an  ihr 
am  leichtesten  ins  Auge  fallen  (da  dieselbe  ausschließlich  An- 
nahmen ausdrückt),  sondern  lassen  sich  überall  dort  feststellen, 
wo  der  Modus  des  Konjunkivs  Anwendung  findet,  denn  dieser 
ist  im  Nebensatze  das  vornehmlichste  Ausdrucksmittel  für 
„Annahmen".  Die  hypothetischen  Objektoide  gehören  im 
Frz.  fast  ausschließlich  in  die  Gruppe  „irrealer"  Annahmen. 
Verbindungen,   wie    wir   sie   im    Deutschen    besitzen:    „Wenn 


Satzobjekfr  und  Objekto'ide  im  Französischen.  331 

richtig,  muß  die  Rechnung  stimmen"  scheint  das  Afrz.  nicht 
zu  kennen.  Nur  Wendungen  wie  quant  et  nous,  quant  et  quant 
le  comte  de  Montgommery,  zu  denen  Godefroy  unter  quant2 
Beispiele  anführt,  könnten  hier  zu  bedenken  sein,  denen 
sich  durch  quant  meme  eingeleitete  ObjektoYde  anschließen 
(tote  maladie  quant  »leine  victorieuse),  die  zu  einer  nach  Schmedt- 
per  (p.  9?)  konzessiv-hypothetischen  Kategorie  „verkürzter 
Nebensätze"   überleiten. 

5.  Das  konsekutive  Objektoi'd. 

Das  konsekutive  Objektoi'd  unterscheidet  sich  vom  finalen 
dadurch,  daß  es  die  Wirkung  gleich  der  Ursache  als  Tatsache 
hinstellt.  —  es  unterscheidet  sich  vom  kausalen,  indem  es  zu 
einer  Ursache  eine  Wirkung  feststellt,  während  das  kausale 
Obj.  den  umgekehrten  Weg  von  der  Wirkung  zur  Ursache  ein- 
schlägt. —  endlich  vom  hpyothetischen  Objekto'id  durch  den 
Ausschluß  einer  Annahme,  —  ausgenommen  wenn  das  kon- 
sekutive Objekto'id  negativ  ist,  wo  allerdings  die  Feststellung 
einer  nicht  eingetretenen  Folge  nur  so  geschehen  kann,  daß 
die  „Annahme"  einer  solchen  im  konsekutiven  Objektoi'd  ab- 
gelehnt wird.  Gleichwie  der  vollständige  Konsekutivsatz  dem 
Modal-  bezw. Vergleichssatze  nahe  steht,  bestehen  weiterhin  auch 
Berührungspunkte  zwischen  dem  konsekutiven  Objektoi'd  und 
den  sog.  „verkürzten"  Vergleichs-  und  Modalsätzen,  von  denen 
es  sich  aber  durch  die  zwischen  Hauptsatz  und  Objektoi'd 
eingeschaltete  Sukzession  unterscheidet.  Diesen  mannigfaltigen 
Berührungspunkten  des  konsekutiven  Objekto'ids  entsprechen 
natürlich  ebensoviele  Ausdrucksformen. 

So  kann 

Rol.  1069    tuit  sunt  a  mort  /irret 
oder  3894    a  tun  plaisir  te  durrai  mun  aveir 

konsekutiv  verstanden  werden,  obwohl  es  hier  wohl  näher 
liegt,  den  Gedanken  der  Sukzession  auszuschalten  und  das  a 
mort,  a  tun  plaisir  lediglich  als  begleitende  Umstände  zu 
nehmen  (vgl.  noch  a  gret,  a  sun  talent  a  vostre  comant,  H. 
Schwarz,  Gebrauch  der  Präpositionen  a  und  en,  Greifswrald 
1913).    Eher  könnte 

Rol.  3889   Grant  sunt  li  colp  as  helmes  detrenchier 

konsekutiv  (statt  final!)  gedeutet  werden.  Fraglich  konsekutiv 
scheinen  mir  auch  Wendungen  wie  par  mon  esciant  (Boeve, 
Bibl.  Norm.  VII  v.  17)  dunt  pas  se  repanti  par  le  men  ascient, 
wo  die  Bedeutung  „gemäß  meinem  Wissen"  allerdings  „so 
daß  ich  es  weiß"  heißen  kann.  In  solchen  Fällen  ist  es  das 
Objekt  des  Mittels,  das  in  das  kausale  Verhältnis  übersetzt 
den  Gedanken  einer  Folge  erweckt.  Deutlicher  ist  ein  kon- 
sekutives Objektoi'd  erkennbar,  wenn  ein  Infinitiv  oder  Nomen 


332  Karl  //.  v.  Ettmayer. 

(gleich  dem  Konsekutivsatz)  durch  einen  Vergleich  im  Kausal- 
nexus zum  Ausdruck  einer  Folgeerscheinung  dient  (also  ent- 
sprechend   dem    st  .  .  .  que,    tant    (tel)  .  .  .  que  {comme)    usw.) 

Cliges  3224:  gut  ja  tant  riiert  de  muh   part 
CligSSf  s'il  set  que  ele  l'aint 
et  >/<(<'  tel  vie  por  lui  maifit 
Con  de  garder  son  pucelage. 

Zu  den  hier  einschlägigen  "Wendungen  wie  que  trop,  que  nus 
plus  vgl.  Schmedtper  p.  101.  Wohl  am  auffälligsten  sind  aber 
die  negativen,  konsekutiven  Objekto'i'de.  Die  frz.  vollständigen 
Konsekutivsätze  können  in  zweierlei  Weise  negiert  werden: 
entweder  wird  Haupt-  und  Nebensatz  negiert,  woraus  sich  dann 
für  das  konsekutive  Verhältnis  selbst  eine  Bejahung  ergibt 
(also  ein  Fall,  daß  im  romanischen  Periodenbau  das  lat. 
Prinzip  der  Aufhebung  der  Negation  durch  Doppelung  fort- 
lebt), oder  aber  das  konsekutive  Verhältnis  selbst  wird  durch 
ein  por  pol  que  .  .  .  ne,  sans  que .  .  .  ne  in  Abrede  gestellt.  Ein- 
gehender hat  sich  u.  a.  Br.  Hei  n  rieh  s  p.  61  mit  diesen 
Konstruktionen  beschäftigt,  die  hier  nur  in  der  Richtung  zu 
vervollständigen  sind,  daß  die  Grenze  zwischen  sans  als 
konsek.  Konjunktion  und  saus  als  Präposition  festzustellen  ist. 
Heinrichs  hat  dargetan,  daß  sans  faillier  die  gleichen  Funk- 
tionen eines  Nebensatzes  ausübt  wie  sans  qu'il  faule.  Gilt 
das  gleiche  von  folgendem   Satz? 

Senz  tuz  parjures  me  purr'iez  guerpir. 

(Chan.;.  Guill.  v.  30B  Bibl.  Norm.  VIII) 

Wenn  reale  Gegenstände  durch  sans  eingeleitet  sind, 
werden  wir  diese  wohl  als  Teile  der  im  Hauptsatz  vorliegenden 
Gesamtvorstellung,  mithin  als  reine  Objekte  anzusprechen  haben. 

Vgl.  ebenda  v.  389   Gent  se/tz  seignur  sunt  malement  bailli. 

Ich  glaube  nicht,  daß  senz  seignur  zur  Gesamtvorstellung  in 
anderen  Beziehungen  steht,  als  z.  B.  ein  nesun  seignur.  Es 
fragt  sich  nun,  ob  wir  obiges  senz  seignur  als  attributive  Er- 
weiterung zu  gent  nehmen  sollen  (in  diesem  Falle  hätten 
wir  mit  einem  attributiven  oder  relativen  Objektoid  zu  rechnen, 
das  etwa  einem  gent  qui  n'a  seignur  gleichkäme)  oder  ob 
das  Objektoid  auf  das  Verbum  zu  beziehen  ist,  wo  wir  es  dann 
als  eine  besondere  Art  von  Objekten  anzusehen  hätten.  Im 
vorliegenden  Beispiel  würde  ich  mich  eher  für  die  erste 
Auffassung  entscheiden,  während  Marie  de  Fr.  Bibl.  N.  III 
p.  85  v.  313 

plusurs  des  femmes  del  lign  age 

c'est  veritez  senz  nes  sunt  nees, 

>   si  viveient  esnasees 


Satzobjekte  und  Objektöide  im  Französischen.  233 

die  zweite  Auffassung  vertreten  mag.  Oder  läge  hier  ein  „be- 
ziehungloses"  relatives  Objektoid  vor? 

Den  Übergang  vom  reinen  „Antikomitativ",  wie  man  das 
mit  sans  eingeleitete  Objekt  nennen  könnte,  zum  negativ 
konsekutiven  Objektoid  stellt  etwa  dar:  Marie  de  Fr.  III 
d.  26  v.  52?  : 

la  datne  enteilt  que  veir  li  dit 

e  li  otreie  senz  respit 

Vamur  de  H  et  il  la  baise. 

Denkt  man  sich  senz  respit  als  Streckentatsache  (Vorgang), 
so  liegt  wohl  ein  konsekutives  Objektoid  vor,  während  dieses 
konsekutive  Moment  weniger  zum  Bewußtsein  kommt,  wenn 
respit  als  rein  nominale  Punkttatsache  verstanden  wird.  Wir 
geraten  auf  diesem  Wege  freilich  in  die  gleichen  Schwierig- 
keiten, welche  bereits  beim  finalen  Objektoid  erörtert  worden 
sind. 

6.  Das  vergleichende  Objektoid. 

Bei  der  Erörterung  des  konsekutiven  Objektoids  mußte 
auch  ein  „vergleichendes"  und  ein  „relatives"  Objektoid  ins 
Auge  gefaßt  werden,  so  daß  wir  füglich  den  (bereits  aus- 
gesprochenen) Satz  aufstellen  können :  alle  sogenannten  ver- 
kürzten Nebensätze  sind  syntaktische  Objektöide.  Das  Gebiet 
der  Objektöide  erstreckt  sich  aber  nicht  auf  die  eigentlichen 
verkürzten  Nebensätze  allein,  sondern  reicht  wesentlich  weiter. 
Sämtliche  Nebensätze,  .verkürzte"  wie  .unverkürzte",  lassen 
sich  auf  drei  Ausdrucksprinzipien  zurückführen:  auf  Bei- 
fügungen zum  Hauptsatze  im  Wege  des  „A  sso  ziieren  s" 
(Relativsätze  nebst  Objekts-  bezw.  sog.  Subjekts-  und  Prä- 
dikatssätzen) auf  solche  im  Wege  des  „Vergl  eich  ens" 
(Vergleichssätze,  Modal-.  Temporal-  und  Lokalsätze)  und  solche 
im  Wege  des  „Schließens"  (konsekutive,  kausal-  konzessive, 
finale  und  hpvothetische  Sätze).  Das  Wesentliche,  das  allen 
Nebensätzen  zukommt. ist  mithin  das  Beifügen  von  Vorstellungs- 
elementen, die  in  einer  einheitlichen  Gesamtvorstellung  eigent- 
lich nicht  mehr  enthalten  sind,  die  mithin  den  Rahmen  einer  solchen 
überschreiten.  Dabei  verhalten  sich  die  drei  zum  Beifügen 
führenden  intellektuellen  Funktionen  in  verschiedener  Weise: 
das  „Schließen"  kann  überhaupt  nur  dann  zustande  kommen, 
wenn  ein  Vorstellungsverlauf  vorliegt.  Dieser  Vorstellungs- 
verlauf erhält  dadurch  kausalen  Charakter,  daß  wir  von 
der  Notwendigkeit  der  Aufeinanderfolge  eben  dieser  Vor- 
stellungen überzeugt  werden.  Das  „Vergleichen"  geschieht 
in  der  Regel  ebenfalls  zwischen  mehreren  Vorstellungen, 
die  nicht  mehr  vom  Rahmen  einer  Gesamtvorstellung  umspannt 
werden,  indem  das  Verglichene  meist  als  „Annahme"  zu  dem 
zu  Vergleichenden  gesellt  wird.  Allerdings  können  auch  inner- 
halb   einer    einzigen    Gesamtvorstellung  Vergleiche    gezogen 


334  Karl  /.'.  v.  Ettmayer. 

werden,  wohin  wir  z.  B.  die  Gradation  zu  rechnen  haben. 
A.UCD  in  solchen  Fällen  muß  aber  mindestens  ein  „Messen" 
im  Vergleiche  enthalten  sein,  das  ich  mir  ohne  einen,  wenn 
auch  unausgesprochenen  Maßstab  nicht  denken  kann.  Dieser 
Maßstab  tritt  aber  seinerseits  wieder  als  „Annahme-'  neben  das 
verglichene  Objekt,  sodaß  man  wohl  sagen  kann,  daß  jedes  Ver- 
gleichen ein  Annehmen  ist,  sei  es  daß  das  Comparatum  eine 
besondere  Vorstellung  beinhaltet,  sei  es  daß  Comparandum  und 
Comparatum  der  gleichen  Vorstellung  angehören,  aber  durch  den 
Vergleich  im  Wege  einer  Annahme  herausgehoben  werden» 
sei  es  daß  ein  bloßes  Messen  stattfindet.  Das  Unterscheiden 
findet  zwar  in  der  Regel  innerhalb  einer  einzigen  Gesamt- 
vorstellung statt:  es  ist  das.  was  die  Logiker  und  Psycho- 
logen als  das  „Urteilen"  bezeichnen.  Jedoch  kann  auch 
in  einem  Vorstellungsverlaufe  „unterschieden1  werden,  ohne 
daß  die  einzelnen  Gesamtvorstellungen,  die  einander  ab- 
lösen, durch  Vergleiche  und  Schlüsse  untereinander  in  engere 
Relation  gebracht  werden  (,.ein  Manu,  welcher  sehr  alt  war, 
und  viel  gesehen  hatte,  sprach  zu  den  Jungen").  Wenn 
nun  die  Objektoide  eine  besondere  Klasse  syntaktischer  Ge- 
bilde darstellen,  werden  wir  dem  entsprechend  neben  den 
schließenden  auch  vergleichende  und  assoziierende  Objektoide 
voraussetzen  dürfen.  Was  zunächst  das  vergleichende  Ob- 
jektoid  betrifft,  so  haben  wir  zwei  Arten  zu  beobachten. 
Entweder  enthält  es,  wie  oben  erwähnt,  eine  im  Vergleichswege 
herangezogene   Annahme: 

Aue.  38  8:    si  le  menerent  /<  palais  <i  grant  honeur  si  come  fille 
de  roi. 

Jv.   3524:     coroit  cotne  pars  aorsi  z 

tjui  ne  prent  garde  ou  il  fiere. 
(vergleichendes  Objektoid  nebst  Relativ-  und  Lokalsatz)  oder 
aber  eine  Tatsache: 

Rol.  2178:  noz  compaignuns  que  oumes  tant  chiers 
wodurch  dann  das  Yergleichsobjekto'id  den  Charakter  eines 
„modalen"  Objektoids  annimmt,  wie  ja  im  gleichen  Falle  ein 
Vergleichssatz  zum  reinen  Modalsatz  wird,  der  sich  vom  Kon- 
sekutivsatz nur  durch  das  Fehlen  des  Momentes  Notwendigkeit 
und  der  Sukzession  unterscheidet.  Über  die  Objektoide  des  Ver- 
gleiches hat  Schmedpter  ausführlich  gehandelt,  der  sowohl  In- 
finitivsätze als  rein  nominale  Wortgruppen  in  dieser  Funktion 
reichlich  nachweist  (p.48ff.).  Das  ..Beifügen"  tritt  in  den  eigent- 
lich vergleichenden  Objekto'i'den  deutlicher  zutage  als  in  den 
modalen  Objekto'i'den.  Indessen  werden  Annahmen  auch  dann 
getroffen,  wenn  im  verkürzten  Vergleichssatz  ein  tatsächlicher 
Umstand  ausgedrückt  wird.  Wenn  es  z.  B.  heißt  J'ai  votdu 
que  tu  puisses  parvenir  ä  nur  Situation  plus  haute  nur  Ja  mienne 
(Schmedtper  p.  55),  so  ist  que  hi  mienne  allerdings  der  Ausdruck 


Satzobjekte  und   Objektöide  im  Französischen.  335 

eines  tatsächlichen  Umstandes;  die  Annahme  enthält  aber 
hier  der  Hauptsatz  (bzw.  Objektsatz)  selbst.  Schwierigkeiten 
stellen  der  Feststellung  eines  objektoiden  Charakters  Adverbien 
und  Adjektiva  als  Vergleichsgegenstand  entgegen:  tant  largt 
que  lee,  taut  do  uxque  boit,  pur  untre  vie  <]U<-  la  droite,  plus  tot 
que  plus  turd,  eile  eust  este  troja  plus  que  longue  (Schmedtper 
p.  70),  En  la  grant  presse  mil  colps  i  jiert  e  plus  (Hol.  2090), 
Quant  plus  nel  virent  (Chane.,  d.  G.  515),  Ja  fereie  que  fols 
(quam  follis  nicht  „relativ"  wie  Schmedper  p.  29  denkt),  ne 
plus  ne  mains,  Cliges  v.  42  usw.  Soweit  Annahmen  vorliegen 
{que  la  droite),  ist  die  objektöide  Natur  dieser  Wendungen 
gegeben.  Insoferne  sich  dieselben  der  einfachen  Gradation 
nähern  (plus  grant  <jue  pet/t,  mil  colps  .  .  .  e  plus)  hören  sie 
auf,  wirkliche  Objektöide  zu  sein:  das  verglichene  Adjektiv 
geht  in  ein  graduiertes  über,  oder  die  „Ungleichheit"  (als 
Gegensatz  von  Gleichheit)  verblaßt  zum  Ausdruck  einer 
bloßen  Verschiedenheit.  Wir  stehen  eben  hier  an  einem 
Punkte,  wo  das  Vergleichen  und  das  Unterscheiden  sich  be- 
rühren. Endlich  ist  die  Scheidelinie  zwischen  dem  modalen 
Objektoi'd  und  einem  einfachen  Transitivobjekt  oft  kaum  er- 
kennbar. Man  vergleiche  nur  Wendungen  wie  saludent  comme 
sennior  mit  der  sog.  Konstruktion  des  doppelten  Akkusativs. 
Wie  schon  ToblerV.  B.F  104,  hervorgehoben  hatte,  dient  comme 
in  solchen  Fällen  nicht  mehr  dem  Vergleiche,  sondern  dem 
Ausdrucke  der  Gemäßheit.  Besonders  wenn  ein  Infinitiv  von 
comme  eingeleitet  wird,  sind  Grenzfälle  vom  vergleichenden 
Objektoi'd  zum  finalen  Objektoi'd  gegeben  (Schmedtper  p.  92), 
da  der  finale  Grundcharakter  des  Infinitivs  nur  zu  leicht  vom 
reinen  Vergleichen  zum  Schließen  anleitet.  Und  das  mag  auch 
die  Ursache  dafür  sein,  daß  gerade  beim  modalen  Objektoi'd 
neben  dem  Infinitiv  das  Gerundium,  dem  das  finale  Moment 
nicht  innewohnte,  sich  so  kräftig  zu  behaupten  wußte:  a- 
conuissant  de  l'ajorner  le  commencerent  a  loer  (A.Stimming 
Z.  f.  r.  Ph.  X  534). 

7.    Das  temporale   O  b  j  e  k  t  o  i  d . 

Die  temporalen  Objektöide  bilden  eigentlich  nur  eine 
l  nterabteilung  der  vergleichenden  Objektöide,  insofern  ja 
auch  die  vollständigen  Temporalsätze  durchwegs  Momente 
des  Vergleichens  bezüglich  des  Zeitpunktes  eines  Vorganges 
enthalten,  welche  entweder  Gleichheit  oder  Ungleichheit  des 
zeitlichen  Momentes  ergeben.  Allerdings  überwiegt  in  unserem 
Denken  das  Bewußtsein  der  Sukzession  der  Vorgänge  so  sehr, 
daß  der  vergleichende  Inhalt  der  Zeitsätze  oft  ganz  verblaßt 
und  selbst  bei  formellem  Ausdruck  einer  Zeitgleichheit  uns 
eine  Konstatierung  einer  Vorgangssukzession   näher  liegt: 


3:w  Karl  /.'.  v.  Ettmayer. 

Karlsr.  195:  ore  sofft  SM«  en  peez,  unke*  plus  sain  ne  fud 
ore  veit  li  patriarches,  deus  i  fait  vertut. 

Dieses  syntaktische  Abblassen  des  vergleichenden  Momentes, 
das  für  die  vollständigen  Temporalsätze  mitunter  auffällig 
wird,  trifft  aber  nicht  mehr  für  die  temporalen  Objekto'ide  zu, 
bei  denen  das  Vergleichen  stärker  ausgeprägt  wird:  eine  Wen- 
dung en  reuenant  oder  </  prime  sonnant  scheint,  mir  wenigstens, 
die  zeitliche  Gleichzeitigkeit  mit  dem  Vorgänge  des  Haupt- 
satzes stärker  zu  betonen  als  quant  il  revient  oder  or  sonne 
prime.  Dadurch  nähert  sich  das  temporale  Objektoid  noch 
stärker  dem  modalen  Objektoid  als  der  Temporalsatz  dem 
Modalsatz. 

Rol.  2283:  en  cel  tirer  li  guens  sapercut  alques 
kann    in    beiden  Richtungen  gedeutet  werden:    „In  dem  Um- 
stände, dal.)  der  Sarazene  daran  zerrte"  und  „im  Augenblicke, 
daß  ..." 

Das  temporale  Objektoid  der  Nachzeitigkeit  (Erec  v.  285 
apres  soper)  und  noch  mehr  das  der  Vorzeitigkeit  (Pass.  120 
evan  orar  sols  en  anez,  Oleom.  10  737  mouvoir  vent  ains  l'aube 
esclaircie,  vgl.  Lerch  p.  42)  können  zum  Hauptsatze  im  Ver- 
hältnis der  „Annahme"  stehen.  Zuletzt  hat  sich  Eugen  Lerch 
Pmedicat.  Participia  für  Verbahubstantiva  im  Frz.  Beihefte 
zur  Z.  f.  r.  Ph.  42  mit  diesen  Objektoi'den  beschäftigt^  und  in 
Anschluß  an  Toblers  Aufsatz:  Praepositionen  des  Zeitver- 
hältnisses vor  Substantiven  mit  praedikativen  Partizipien 
(V.  B.  I-  p.  113  ff.)  den.  wie  ich  sagen  würde,  „objektoi'den' 
Charakter  solcher  Wendungen  hervorgehoben  und  zu  ana- 
lysieren gesucht.  Ob  er  aber  im  Rechte  ist,  „daß  Zeitbe- 
stimmungen logisch  nur  durch  zeitliche  V  orgänge  gegeben 
werden,  also  stets  Objekto'ide  sind  und  daß  es  überhaupt 
keine  eigentlichen  Zeitöbjekte  gebe?  Ich  halte  derzeit  solche 
Thesen  für  verfrüht:  ein  al  comencier  und  al  comencement 
sind  in  Bildung  und  Entwicklungsgeschichte  doch  zu  ver- 
schieden, als  daß  sie  in  Bedeutung  und  syntaktischer  Funktion 
identifiziert  werden  dürften.  Da  müßten  doch  erst  gründliche 
Untersuchungen  darüber  angestellt  werden.  Mir  scheint,  so 
lange  nichts  weiteres  als  gegenteilige  Behauptungen  vorliegen, 
eine  Wendung  wie  das  al  tens  ancienor  am  Beginne  des 
Alexiusliedes  einen  so  wesentlichen  Bestandteil  der  dortigen 
Gesamtvorstellung  zu  bilden  und  gleichzeitig  sogar  keinen 
verbalen  Vorgang  zu  enthalten,  daß  ich  im  Gegensatz  zu 
Lerch  die  Existenz  reiner  Temporalobjekte,  die  vom  temporalen 
Objektoid  verschieden  sind,  für  wohl  begründet  halte.  Letztere 
stellen  allerdings  wirkliche,  vom  Hauptsatze  differenzierte 
Vorgänge  dar,  so  daß  nur  von  temporalen  Objektoiden  verbaler 
Natur  gesprochen  werden  kann.  Nominale  Objekto'ide.  welche 
sich  nicht  durch  den  vergleichenden  Charakter  als  Beifügungen 


Satzobjekte  und  Objektöide  im  Französischen.  337 

«rweisen,  sondern  reine  Tatsachen  enthalten,  könnten  nach 
dieser  Analyse  allerdings  nicht  existieren,  sondern  müßten  als 
Temporalobjekte  bezeichnet  werden.  Hingegen  enthalten  die 
von  Schmedtper  p.  106  angeführten  Fälle  (mais  on  aura  mon 
cceur  avant  que  ce  portrait)  dilemmatische  Vergleiche  und  sind 
allerdings  Objektöide. 

8.    Das  relative  Objektoi'd. 

Auch  in  der  relativen  Konstruktion  kann  ich  einen  objek- 
toi'den  Charakter  einer  relativen  Beifügung,  die  keinen  vollen 
Nebensatz  beinhaltet,  nur  dann  feststellen,  wenn  die  betreffende 
Wortgruppe  sinngemäß  einen  verbalen  Vorgang  zum  Ausdruck 
bringt.  Hierher  gehören  die  bekannten  Infinitivkonstruktionen 
mit  que  (que  faire  etc.) 

Veng.  Ray.  v.  365:   Venes!  de  U  n'aves  que  faire 

(vgl.  Schmedtper  p.  73) 
9odann,  unter  Auslassung  des  Verbums 

Marie  de  Fr.  III  v.  23:  Frere,  fet  il,  merveilles  vei 

en  tur  tun  col,  mes  ne  sai  guei. 
(Schmedtper  p.  27) 

wogegen  die  Konstruktionen  avoir  de  qaoi  geradezu  als  Ob- 
jekte des  Mittels,  jene  mit  dem  Infinitiv  (avoir  de  quoi  vivre) 
besser  als  finale  Objekto'ide  zu  fassen  sind.  Die  Wendungen 
qui  mieux  mieux,  qui  ainz  ainz,  halte  ich  für  Ellipsen.  Nicht 
unerhebliche  Schwierigkeiten  bieten  jene  Konstruktionen  mit 
que,  wo  statt  eines  Infinitivs  ein  Adjektiv  oder  Substantiv  bei- 
gefügt erscheint  {faire  que  sages),  in  denen  teilweise  ebenfalls 
geradezu  elliptische  (nicht  „verkürzte!")  Relativsätze  fort- 
leben mögen: 

Pass.  7.:  per  tot  ovrat  que  rerus  deus 

per  tot  sustint  qued  huoni  charnels, 

wo  in  beiden  que- Sätzen  das  Prädikat  des  Hauptsatzes 
(uevre  sustient)  zu  ergänzen  ist.  Es  könnte  aber  obiges  que 
(trotz  dem  Auslautsdental)  auch  geradezu  mit  vergleichendem 
lat.  quam  gleichgesetzt  werden  und  ist  dieses  gerade  in  Wen- 
dungen wie  faire  que  sages,  yo  fereie  que  fols  (p.  25),  das 
einem  lat.  facere  (tarn)  quam  sapidus  (bzw.  sapiens)  entspricht, 
in  dieser  Weise  zu  denken,  da  im  Spätlatein  für  das  Zurück- 
treten von  tarn  gegenüber  vergleichendem  quam  Belege  vor- 
handen sind  (Löfstedt,  Komment,  p.  325,  Goelzer,  Lat.de 
S.  Avit  p.  335  n.  3,  Müller-Marquardt,  Vita  Wandrag.  p.  227). 
Es  haben  also  hier  elliptische  Relativsätze  und  vergleichende 
Objektöide  zum  gleichen  Resultat  konvergiert.  Auf  keinen 
Fall  kann  hier  von  „verkürzten"  Relativsätzen  oder  relativen 

Ztschr.  f.  fr«.  Spr.  u.  Litt.  XVT.  5/6.  23 


338  Karl  B.  v.  Ettmayer. 

( Ibjektoideo  gesprochen  werden,  vielmehr  ist.  entgegen 
Schmedtper  zur  älteren  Auffassung,  daß  sie  Vergleiche  ent- 
halten, im  großen  ganzen  zurückzugreifen.  Daß  daneben 
gleichgeformte  elliptische  Relativsätze  vorliegen  können,  soll, 
wie  bereits  gesagt,  nicht  geleugnet  werden.  Zu  warnen  ist  aber 
vor  dem  Gedanken,  daß  „elliptischer  Relativsatz1"'  und  „ver- 
kürzter" Relativsatz  bzw.  relatives  Objektoi'd  dasselbe  wären, 
oder  daß  Objektoi'de  durch  Ellipse  aus  vollen  Nebensätzen 
entstünden.  Der  Ausdruck  Ellipse  ist  nur  insoweit  in  der 
Syntax  berechtigt,  als  mit  Bestimmtheit  angegeben  werden 
kann,  welche  Worte  elliptisch  unterdrückt  werden,  wie  dies 
im  obigen  Beispiel  tatsächlich  der  Fall  ist.  wie  dies  bei  Gruß- 
formeln (dtsch  z.  B.  Morgen!  Diener!)  und  namentlich  in  der 
Wechselrede  bei  elliptischen  Antworten  überaus  häufig  zu- 
trifft. Unstatthaft  scheint  mir  der  Begriff  der  Ellipse  in  jenen 
Fällen,  wro  im  sprachlichen  Ausdruck  etwas  zu  „fehlen"  scheint, 
ohne  daß  der  zu  ergänzende  Wortlaut  feststellbar  wäre.  So 
glaube  ich  nicht,  daß  mit  „ausgelassenen"  Relativsätzen,  Konse- 
kutivsätzen, Kausalsätzen,  hypothetischen  Sätzen  operiert 
wrerden  dürfe,  wie  dies  seit  Tobler  in  der  romanischen  Syntax 
allenthalben  üblich  ist,  wenn  der  strenge  Begriff  der  Ellipse 
nicht  mehr  anwendbar  ist.  Anwendbar  erscheint  er  mir  z.  B.  in 
Si  plorerent  n'i  ot  celui  (zuletzt  Schmedtper  41),  nicht  aber  in 
den  „fehlenden"  Vergleichssätzen:  quant  1/  rei  l'ad  entendu,  si 
dolent  en  sa  vie  ne  fu.  Ore  sah  sus  en  yiez}  onques  plus  sains 
ne  fut  (die  vielmehr  einfache  Gradationen  enthalten,  denen 
durchaus  nichts  „fehlt"),  in  den  „fehlenden"  Bedingungssätzen, 
die  zwar  eine  einfache  Annahme  ausdrücken,  welche  aber  in 
eine  hypothetische  Schlußfolgerung  zu  verwandeln  durchaus 
überflüssig  ist  {ja  avuec  vos  einsi  riirai  „Annahme!"),  vgl. 
Schmedtper  113)  usw.  Daraus  würde  für  den  Begriff  des  Ob- 
jektoids  die  wichtige  Tatsache  resultieren,  daß  unter  den  so- 
genannten unvollständigen  Nebensätzen  zwei  Gruppen  zu 
unterscheiden  sind:  „verkürzte"  Nebensätze,  die  zu  den  Ob- 
jektoiden  gehören,  und  elliptische  Nebensätze,  die  mit  den 
Objektoiden  nichts  zu  tun  haben.  Jene  könnte  man  als  den 
vollständigen  Ausdruck  eines  rudimentären  Gedankens  be- 
zeichnen, diesen  als  den  rudimentären  Ausdruck  eines  voll- 
kommenen Gedankens. 

9.    Die  Theorie  vom  Objekto'id. 

Nachdem  es  uns  in  den  bisherigen  Ausführungen  gelungen 
ist,  eine  erkleckliche  und  vielgestaltige  Menge  syntaktischer 
Ausdrucksmittel  unter  dem  einheitlichen  Begriffe  des  „Ob- 
jektoi'ds"  zu  vereinen,  für  welche  die  Syntax  bisher  keine 
Stelle  und  keine  rechten  Erklärungen  anzugeben  wußte,  möge 
zu  den  Eingangs  aufgeworfenen  Fragen  zurückgekehrt  werden. 


Satzobjekte  toid  Objektöide  im  Französischen.         339 

Allenthaben  fanden  wir  die  Objekto'ide  in  so  unmerklichem 
Übergange  zu  den  Satzobjekten,  nirgends  ließ  sich  ein  paren- 
thetischer Charakter  derselben  gegenüber  dem  Hauptsatze 
feststellen,  so  daß  wir  sie  mit  den  Satzteilen  enger  verwandt 
erkennen  müssen  denn  mit  eigentlichen  Nebensätzen.  Dennoch 
sind  die  Objekto'ide  selbst  keine  Teile  eines  einfachen  Satzes, 
da  sie  nicht  im  Rahmen  einer  einheitlichen  Gesamtvorstellung 
liegen,  sondern  charakteristischerweise  einen  Vorstellungs- 
verlauf  andeuten.  Gerade  darin  lag  ja  das  Kriterium,  durch 
welches  wir  Objekt  und  Objektoi'd  zu  unterscheiden  vermochten. 
Der  „bestimmtere"  oder  „vollkommenere"  Ausdruck  für 
einen  Vorstellungsverlauf  ist  allerdings  eine  Satzverbindung, 
welche  sich  bald  als  einfache  Satzreihe,  bald  als  sogenannte 
Periode  oder  Periodenreihe  dem  Syntaktiker  präsentiert. 
Die  Objekto'ide  sind  aber  andererseits  keine  Sätze,  sondern 
eher  Satzteile:  —  wie  sollen  wir  ihre  seltsame  Zwitterstellung 
deuten?  Eine  Antwort  liegt  eigentlich  außerhalb  der  Syntax. 
Da  ich  es  aber  schon  vorher  unternommen  hatte,  die  syntak- 
tischen Grundbegriffe  bis  auf  ihre  psychologischen  Grundlagen 
zurückzuleiten,  kann  ich  nicht  ermangeln,  die  vorerst  um- 
schriebene Theorie  vom  „Satz"  und  seinen  Teilen  durch  eine 
Theorie  der  Objekto'ide  zu  ergänzen.  Mein  Ausgangspunkt 
ist  natürlich  nicht  die  Gesamtvorstellung,  sondern  der  Vor- 
stellungsverlauf, der  allerdings  aus  einer  Folge  einzelner  Ge- 
samtvorstellungen besteht.  Der  Vorstellungsverlauf  wird  be- 
gleitet von  einer  vielgestaltigen  intellektuellen  Tätigkeit,  die 
ich  in  dreifacher  Weise  klassifizieren  konnte,  als  das  reine 
Assoziieren,  als  das  Vergleichen  und  als  das  Schließen. 
Diese  intellektuelle  Tätigkeit,  welche  wohl  nichts  anderes  als 
der  Ausdruck  dessen  ist,  was  wir  „Aufmerksamkeit"  nennen, 
stellt  zwischen  den  einzelnen  Vorstellungen  Verbindungen  her. 
Sie  führt  uns  dazu,  daß  wir  einerseits  eine  einheitliche  Ge- 
samtvorstellung in  Teile  zerlegen  können,  andererseits  fern- 
liegende Vorstellungen  mit  den  augenblicklich  vorhandenen 
verknüpfen.  Durch  sie  kommt  Leben  in  die  Vorstellungs- 
massen, indem  der  Rahmen  der  einzelnen  Vorstellung  zu 
oszillieren  beginnt,  durch  Analyse  sich  bald  verengt,  durch 
synthetisches  Heranziehen  neuer  Vorstellungselemente  erweitert. 
Diese  Vorgänge,  die  sich  in  unserer  Vorstellungswelt  abspielen, 
sind,  wie  gesagt,  Produkte  unserer  Aufmerksamkeit  (vielleicht 
auch  noch  anderer  Faktoren,  wie  z.  ß.  der  Erinnerung)  und  stellen 
zu  dem  sprachlichen  Ausdruck  gewissermaßen  Begleiterschei- 
nungen dar.  Der  sprachliche  Ausdruck  selbst  hat  sich  aber  den 
psychischen  Vorgängen  im  Verlaufe  der  Zeit  so  fein  angepaßt, 
daß  er  in  einer  modernen  Kultursprache,  wie  hier  im  Fran- 
zösischen, den  psychischen  Vorgängen  außerordentlich  schmieg- 
sam zu  folgen  vermag.  Er  bringt  nicht  bloß  die  einzelnen 
Gesamtvorstellungen  selbst  zum  Ausdruck   (bzw.  die  Art,  wie 

23* 


340  K<*rl  /•'•  v.  Ettmayer. 

eine  die  andere  ablöst!),  sondern  er  deutet  auch  das  Oszillieren 
der  Yorstellungsgrenzen  mehr  oder  weniger  genau  an:  dem  Aus- 
druck der  Vorstellungsanalyse  dienen  die  Satzobjekte,  jenem 
der  Synthese  die  Objektoide.  Allerdings  ist  die  Vorstellungs- 
synthese, welche  die  Objektoide  zum  Ausdruck  bringen,  keine 
vollständige:  durch  sie  werden  von  einer  Vorstellung  zu  neuen 
Vorstellungen  Brücken  geschlagen,  ohne  daß  die  neuen  Vor- 
stellungen selbst  in  ihrem  vollen  Umfange  zum  Bewußtsein 
kämen.  Letzteres  kann  beim  Sprechen  erst  dann  der  Fall 
sein,  wenn  die  neu  eintretende  Vorstellung  durch  einen  eigenen 
Satz  (^sei  er  Haupt-  oder  Nebensatz)  analysiert  wird  und  der 
abzulösenden  an  die  Seite  tritt.  Gegenüber  dem  Perioden- 
bau stellt  mithin  der  Gebrauch  der  Objektoide  ein  unvoll- 
ständiges, ein  unklares  Denken  dar,  das  die  gebotenen  ge- 
danklichen Möglichkeiten  nicht  erschöpft.  Die  Objektoide 
sind  in  der  Tat,  wie  am  Schlüsse  des  8.  Abschnittes  gesagt 
werden  konnte,  der  sprachliche  Ausdruck  rudimentärer 
Gedanken. 

In  diesem  Rahmen  wird  die  Untersuchung  von  Erwin 
Stimming,  welche  ich  als  die  bedeutendste  Vorarbeit  in 
der  Frage  der  Objektoide  bezeichnen  konnte,  dereinst  vielleicht 
eine  tiefere  Bedeutung  erlangen,  die  uns  zu  recht  weitführenden 
Perspektiven  leiten  mag.  Noch  wissen  wir  ja  nicht  (dürfen 
es  aber  vermuten),  ob  die  Römer  den  Gebrauch  von  Ob- 
jektoiden  aus  indogermanischer  Zeit  übernommen  haben. 
Stimming  hat  uns  aber  belehrt,  daß  die  lat.  Schrift-  und  Kul- 
tursprache zu  einer  klareren  Ausdrucksweise  —  ja  zu  klarerem, 
bestimmterem  Denken  vorwärtsschritt,  indem  sie  die  Objek- 
toide großenteils  zu  Nebensätzen,  d.  i.  die  Gedankenrudimente 
in  volle  Gedanken  auszubauen  bemüht  war.  Erst  als  in  der 
gewissenlosen  Geld-  und  Machtgier  des  sinkenden  Roms  auch 
die  römische  Kultur  verfiel,  keimen  und  sprossen  die  unklaren 
Objektoide  aus  der  Niederung  der  Volkssprache  neu  empor 
und  wuchern  wie  nie  zuvor.  Und  später  kämpft  die  fran- 
zösische Kultursprache  einen  erbitterten  Kampf  gegen  die 
Objektoide,  die  sie  immer  wieder  in  Nebensätze  oder  in  reine 
Objekte  zu  wandeln  bemüht  ist.  Und  immer  wieder  werden 
die  Anläufe  zu  einem  klaren  „klassischen"  Denken  durch 
Perioden  der  Vorliebe  für  Schwulst  und  Unklarheit,  die  neben 
der  Freude  an  unbestimmter  Ausdrucksweise  (d.  i.  Anspielung, 
Doppelsinn,  Personifikation,  Alegorismus,  Symbolismus)  gerade 
auch  die  Objektoide  zu  bevorzugen  scheinen,  unterbrochen. 
Haben  wir  nicht  vor  Ausbruch  des  Weltkrieges  eine  solche  Zeit 
durchlebt?  Aus  dem  Studium  der  Objektoide  in  ihrer  histo- 
rischen Entwicklung  werden  wir  vielleicht  noch  viel  für  die 
Stilgeschichte  zu  lernen  haben.  Karl  R.  v.  Ettmayer. 


Beiträge  zur  französischen  Lautgeschichte. 


I.  Zar         Frage. 

„Der  einzige  Weg,  auf  dem  wir  zu  einer  Lösung  kommen 
können,  ist  der,  daß  wir  vom  Bekannten  zum  Unbekannten 
fortschreiten,  dann  wird  uns  vielleicht  das  Unbekannte  be- 
kannt werden." 

Diese  goldenen  Worte,  die  Meyer-Lübke  in  Bd.  44,  S.  4 
dieser  Zeitschrift  gegen  aprioristische  Überlegungen  ohne 
positive  Grundlage  in  der  Frage  nach  den  Ursachen  des 
Wandels  von  u  >  ü  niederschrieb,  werden  durch  die  letzte 
Untersuchung  des  Meisters  über  denselben  Gegenstand  (in 
Bd.  44  d.  Z.  S.  75  ff.)  gewissermaßen  beleuchtet.  Meyer-Lübke 
geht  den  Spuren  des  Wandels  in  den  französischen  Mund- 
arten, namentlich  des  Ostens  nach  und  sucht  eine  relative 
Zeitbestimmung  für  den  Übergang  zu  gewinnen.  Die  Gründe 
sind  so  überzeugend,  daß  hier  nur  auf  das  Ergebnis  der 
Untersuchung  hingewiesen  werden  möge:  1.  Der  Wandel  von 
u>ü  ist  in  östlichen  Mundarten,  und  zwar  in  dem  deutsch- 
französischen Grenzgebiet  von  der  Wallonie  bis  in  die  fran- 
zösische Schweiz  jünger  als  der  Schwund  des  intervokalischen  t. 
2.  Die  Palatalisierung  des  u  ist  jünger  als  die  Nasalierung 
von  un>6  bzw.  der  Übergang  von  qn>un  in  nördlichen  und 
östlichen  Mundarten.  3.  Auch  in 'Zentralfrankreich  ist  der 
Übergang  von  u  >  ü  jünger  als  der  Wandel  von  k  in  palataler 
Umgebung  zu  i. 

Namentlich  die  zuletzt  angeführte  Zeitbestimmung  ist 
für  das  Verständnis  des  Wandels  von  u>ü  von  größter 
Wichtigkeit.  Legume  >  leun ;  securu  >  seur,  exsucare  >  essuer 
neben  legame  >  leiten,  pacare>  paiier  zeigen,  daß  u  anläßlich 
des  Überganges  von  g  <  k  und  des  primären  g  zu  i  noch  in 
der  Velarreihe  stand. 

Das  methodisch  Wertvolle  dieser  jüngsten  Untersuchung 
Meyer- Lübkes  liegt  darin,  daß  wieder  einmal  der  Forschung, 
die  sich  bereits  in  unfruchtbare  Diskussionen  zu  verlieren 
drohte,  neue  Wege  gewiesen  werden.  Gleichzeitig  wird  aber 
der  Wandel  von  u>ü  in  eine  so  späte  Periode  des  Gallo- 
romanischen  verlegt,  daß  die  Frage,  ob  für  diesen  Wandel 
das  Gallische  verantwortlich  zu  machen  ist.  gegenstandslos 
geworden    ist.      „Es   ergibt    sich   also  ....   daß   der  Wandel 


342  Ernst  Gamillscheg. 

von  u  zu  ü  zu  den  spätesten  Umgestaltungen  im  urfranzösischen 
Yokalismus  gehört"   (8.  80). 

Folgt  man  M.-L.  auf  der  Bahn,  die  er  hier  eröffnet  hat, 
so  lassen  sich  vielleicht  noch  andere  Anhaltspunkte  für  die 
Zeitbestimmung  der  Palatalisierung  des  ü  gewinnen. 

Die  intervokali8chen  tonlosen  Verschlußlaute  der  nieder- 
deutschen Lehnwörter  bleiben  im  Französischen  erhalten,  da- 
gegen geht  ü  dieser  Wörter  in  ü  über;  vgl.  aus  dem  gleichen 
Begriffskreis  nddt.  hunn  „Mastkorb"  zu  frz.  hune  gegen  nddt. 
scöta  „Segelleinen",  af.  escqte,  nf.  ecoute.  Daraus  ergibt  sich, 
daß  der  Übergang  von  t>d  älter  ist  als  die  Palatalisierung 
des  ü.  Es  war  also  strata  zur  Zeit  der  Aufnahme  von  scöta 
wohl  schon  zu  estrade,  estrede  geworden,  so  daß  das  t  in  scota 
wie  £<lat.  tt  behandelt  wurde.  Wenn  wir  uns  die  Ergebnisse 
der  Untersuchung  J.  Juds  über  die  Wege,  die  Lehnwörter 
bei  der  Aufnahme  in  eine  Sprache  zurücklegen  (ZRPh.  38, 
S.  1  ff.),  zu  Nutze  machen,  so  gilt  diese  letztere  Zeitbestim- 
mung wohl  in  erster  Linie  für  die  nördlichen  Grenzmundarten, 
bringt  also  weniger  Neues  als  eine  Bestätigung  der  eingangs 
erwähnten  Untersuchung  Meyer-Lübkes.  Allerdings  darf  auch 
nicht  außer  Acht  gelassen  werden,  daß  bei  der  Wiedergabe 
des  ndd.  u  durch  ü   auch  Lautsubstitution    vorliegen    könnte. 

Im  Folgenden  soll  nun  versucht  wrerden,  den  Zusammen- 
hang zwischen  dem  Übergang  von  u>ü  und  den  Verände- 
rungen der  altfrz.  M-Diphthonge  näher  festzustellen. 

Zunächst  ist  es  jedenfalls  auffällig,  daß  auf  dem  größten 
Teil  des  nordfranzösischen  Sprachgebietes  primäres  ow<ö 
weder  mit  qu  <  ql  Kons,  noch  mit  qu<  gl  Kons,  zusammenfällt. 
Eine  Ausnahme  machen  das  Normannische  und  ursprünglich 
die  anschließenden  westlichen  Mundarten,  dann  der  Südosten 
von  Nordfrankreich,  wo  qu<  ö  mit  qu  <  ql  als  u,  o  zusammen- 
fallen. Da  sich  der  Übergang  von  l  Kons,  zu  u  Kons,  vielleicht 
schon  im  7..  wahrscheinlich  im  8.  Jahrhundert  wenigstens  dialek- 
tisch vollzogen  hat  (s.  die  Belege  bei  Meyer-Lübke,  Frz.  Gr. 
S.  134),  muß  qu<q  schon  in  jener  Zeit  kein  reiner  o-u- 
Diphthong  gewesen  sein.  Die  Aussprache  war  also  damals 
wohl  bereits  oü,  während  das  neue  ou  reiner  velarer  Diph- 
thong war. 

oü  war  wohl  auch  die  Vorstufe  des  späteren  eu,  das  seit 
dem  11.  Jahrhundert  belegt  ist.  Daß  die  Schrift  trotz  der 
geänderten  Aussprache  oü  für  lat.  ö  bei  der  Schreibung  ou  ver- 
harrte, ist  nur  selbstverständlich,  da  ja  nach  dem  Übergang 
von  u<ü  in  der  Sprache  kein  w-Laut  vorhanden  war.  Anderer- 
seits wird  es  nun  aber  erklärlich,  warum  bis  in  spätaltfran- 
zösische  Zeit  hinein  die  historische  Schreibung  l  Kons,  für 
u  Kons,  erhalten  bleibt.  Ein  aut,  mout  wäre  als  aüt,  moüt 
gelesen  worden,  wie  flour  als  fioür,  flöür.  Dadurch  erklärt  es 
sich   auch,  warum  die  umgekehrte  Schreibweise  o  l  Kons,  für 


Beiträge  zur  französischen  Lautgeschichte.  343 

ou  Kons.sich  nur  dort  findet,  wo  qu<ö  den  Übergang  zu  ö 
nicht  aufweist.  Vgl.  außer  dem  nevuld  des  Rolandsliedes  in 
der  altburgundischen  Übersetzung  des  Bernhard  v.  Clairvaux 
tolte,  toltes  —  toute,  toates  (s.  Kesselring,  Die  betonten  Vokale 
im  Altlothringischen,  Diss.  Halle  1890);  in  den  Proverbia 
Salomonis  von  Samson  von  Nantuil(Diss.S.  Hilgers.  Halle  1910) 
colHvolt  Imperfekt  zu  coltiver  V.  11428;  tolz-touz  1766,9732. 
Der  Text  ist  normannisch,  in  England  geschrieben.  In  den 
letzten  beiden  Fällen  dürfte  ol  Graphie  für  monophthongisches 
u  darstellen. 

Dieser  Übergang  von  ou>oü  muß  nun  im  engsten  Zu- 
sammenhang mit  der  allgemeinen  Palatalisierung  des  u  stehen. 
Bei  unabhängiger  phonetischer  Weiterentwicklung  des  Diph- 
thongen würde  man  zweierlei  erwarten  dürfen,  entweder  Über- 
gang zu  au,  oder  Monophthongierung  zu  ii,  q.  Beides  ist  auch 
unter  anderen  Umständen  eingetreten.  Der  Vergleich  des 
Überganges  von  ou>eu  mit  dem  von  ei>oi  stimmt  zeitlich 
und  örtlich  nicht  und  ist  auch  phonetisch  von  ganz  anderer  Art. 

Wir  werden  also  annehmen  dürfen,  daß  anläßlich  des 
Übergangs  von  u>ü  auch  das  u  des  Diphthongen  ou<ö  er- 
griffen wurde.  Nur  so  verstehen  wir,  warum  ou  in  af.  rouvre, 
oitouvre,  Louvre  u.  ä.  s.  M.-L.  Franz.  Gr.  S.  81  Sonderentwick- 
lung zeigt.  Die  Palatalisierung  des  u>ü  scheint  aufgehalten 
worden  zu  sein,  wenn  u  von  velaren  Lauten  eingeschlossen 
war.  Einen  ähnlichen  Einfluß  von  v  auf  die  Entwicklung 
von  ü  beobachtet  Gauchat  im  Neuenburgischen :  avu,  vu,  bu 
neben  krü,  sii  etc.  (ZfSL.  25,  S.  123)  und  wird  im  Folgenden 
noch  erwähnt  werden  (S.  346).  Diese  Palatalisierung  des  u 
findet  sich  aber  weder  bei  sekundärem  ou  noch  bei  aic<  a  -\-  l. 
ou'1  wird  entweder  u,  o  oder  au,  au  bleibt  oder  wird  zu  o. 
Aus  einer  Zwischenstufe  aü  wäre  wohl  ö  oder  ü  entstanden, 
wie  in  den  Fällen  maturus,  sabucus,  habutu,  über  die  Meyer- 
Lübke  1.  c.  S.  78  f.  gehandelt  hat. 

Betrachten  wir  aber  die  Diphthonge  oü  <  ö,  ou<  q  l  und 
au<a  l  nebeneinander,  so  vollzieht  sich  die  Weiterentwicklung 
gleichmäßig:  der  erste  Bestandteil  des  Diphthongs  wird  an 
den  zweiten  assimiliert,  die  so  angeglichenen  Vokale  ver- 
schmelzen. 

Damit  ist  für  Zentralfrankreich  ein  terminus  ad  quem 
für  die  Palatalisierung  des  ü  gefunden.  Der  Wandel  von 
u<ü  ist  älter  als  dieVokalisierung  des  velaren  l 
vor  Konsonanten. 

Da  der  Übergang  von  l  -f-  Kons,  zu  u  -f-  Kons,  wie  er- 
wähnt, wahrscheinlich  im  8.  Jahrhundert  vollzogen  war,  die 
Diphthongierung  der  gedehnten  e-  und  o-Laute  aus  mehreren 
Gründen  nicht  vor  das  6.  Jahrhundert  zu  verlegen  ist,  kommt 
für  den  Übergang  von  u  >  ü  das  7.  Jahrhundert  in  Betracht. 


344  Ernst  Gamillscheg. 

Ausgangspunkt  des  Wandels  war  aus  den  im  früheren  ange- 
triebenen Gründen  wohl  Zentralfrankreich  oder  die  Pikardie. 

Mit  dieser  Zeitbestimmung  scheint  nun  die  Entwicklung 
von  rota  zu  roue,  die  Meyer-Lübke  1.  c.  S.  77  bespricht,  in 
Widerspruch  zu  stehen.  Da  ruede  über  ruee  zu  rqe  wird, 
schließt  M.-L.,  daß  zur  Zeit  der  Vereinfachung  von  uee  zu 
ue  u  noch  nicht  als  ü  gesprochen  wurde.  Das  ist  gewiß 
richtig,  aber  richtig  für  das  u  des  Diphthongen  ue,  nicht  für 
sonstiges  ü  Dies  wird  uns  durch  das  Verhalten  der  Mund- 
arten klar  gemacht. 

Zunächst  ist  im  Franzischen  oe  in  roe  <  ruede  mit  oe  >  aua, 
nicht  mit  oe,  ue  <  ö  zusammengefallen.  Da,  wie  im  Folgenden 
gezeigt  werden  wird,  in  den  Mundarten,  welche  die  Form  roue 
haben  ue,  oe  <  ö  auf  dem  e  betont  war,  bei  dem  Zusammen- 
treffen von  uee  der  Akzent  aber  auf  den  1.  Vokal  überging, 
wie  ja  auch  iee  zu  ie  wird,  versteht  man  den  Zusammenfall  von 
rqe  <  ruede  mit  bqe  <  baua,  auch  wenn  man  annimmt,  daß  zur 
Zeit  der  Reduzierung  das  Triphthongen  uee>ue  o<au  noch  offen 
war.  Später  ist  es  bekanntlich  geschlossen  worden,  wie  neben 
dem  modernen  Übergang  zu  u  eine  von  Förster,  Rom.  Stud.  III, 
S.  185  angeführte  Assonanz  bei  dem  Pikarden  Adenet  zeigt. 

Die  Dialekte  des  Ostens  und  z.  T.  die  des  Westens  gehen 
jedoch  andere  Wege.  Im  Osten  scheint  die  älteste  Schicht 
durch  einen  Typus  ru  mit  velarem  u  vertreten  zu  sein,  der 
in  der  Wallonie  beginnt,  die  ganze  Ostgrenze  entlang  Spuren 
hinterlassen  hat  (die  Punkte  181,  170,  87,  85,  33  des  A.L.Fr.) 
und  sich  im  Südoatfranzösischen  wieder  fortsetzt.  Wir  finden 
uns  also  auf  dem  gleichen  Gebiete,  für  welches  M.-L.  die 
velare  Lautung  für  iL  noch  zur  Zeit  des  Schwundes  von 
intervokalischem  t  wahrscheinlich  gemacht  hat.  Da  hier  in 
dem  Triphthongen  iei  Vereinfachung  zu  ei  eintrat  (leit<lectus), 
werden  wir  auch  in  dem  nach  Schwund  des  t  in  rota  ent- 
stehenden Triphthongen  eine  ähnliche  Reduzierung  zu  erwarten 
haben.  Diese  Vereinfachung  muß  aber  noch  auf  der  Stufe 
uo  <  ö  eingetreten  sein.  Wie  die  Form  fou  dieser  Mundarten 
vermutlich  aus  *fuou  <  föcu  entstand,  so  wurde  ruoe  >  roe, 
weiter  südlich  ruoa  >  roa. 

Heute  ist  die  im  Osten  am  weitesten  verbreitete  Form 
rö,  die  auch  hier  wieder  mit  nö,  nöi  <  nöcte  reimt.  Hier  ist 
nun  eine  Vorstufe,  die  einen  //-Diphthong  enthielt,  kaum  abzu- 
lehnen. Die  eigentlich  lothringische  Form  ist  rö,  röi.  Das 
vereinzelt  vorkommende  riöi  (173,  171  des  A.L.Fr.),  riö  (57) 
findet  sich  nur  dort,  wro  auch  Üöve  zu  biö  wird,  während  sonst 
dafür  den  Haupttypus  lot.  bü,  älter  büe,  buef  darstellt. 
Die  Typen  biö,  riöi,  niöi  einerseits,  bü,  rö,  (röi),  nö  (nöi) 
andererseits  vereinigen  sich  unter  einer  Grundform  büe, 
riiee,  nüeit,  die  sich  verschieden  weiter  entwickelten,  je 
nachdem    der    Akzent    auf   dem    ä    lag    oder    auf  das   e   (ö) 


Beiträge  zur  französischen  Lautgeschichte,  345 

überging.  Es  ist  nun  kein  Zufall  —  und  darin  liegt  die  Er- 
klärung des  ganzen  röto-Problems,  —  daß  die  riü,  J/ö-Formen 
in  dem  berüchtigten  Durchbruchsgebiet  der  Maas  sich  rinden, 
in  dem  seit  der  ältesten  Zeit  zentralfranzösische  Sprachformen 
weiterdrangen.  Es  ist  nun  vermutlich  die  literarische  Be- 
tonung des  Diphthongen  iU  hier  eingedrungen,  hat  aber  die 
ursprüngliche  Lautform  üö  nicht  verdrängt,  sondern  nur  die 
Akzentverschiebung  zur  Folge  gehabt :  doch  wurde  in  dem  Be- 
streben, die  literarische  Aussprache  nachzuahmen,  zwar  die 
vorbildliche  Sprachform  nicht  vollständig  erreicht,  aber  die 
heimische  Aussprache  aufgegeben.  Aus  üö  entwickelte  sich 
später  iö  wie  zentralfranzösisch  üeu  in  locus  zu  liö  wurde. 

Nun  verstehen  wir  auch,  warum  im  Zentrum  Frankreichs, 
in  dem  der  Wandel  von  u  >  ü  früher  eingetreten  ist  als  im 
Osten,  //  in  u%  <  ö  velar  bleibt,  während  es  gleichzeitig  im 
Osten  palatal  wird. 

Der  Diphthong  ue  wird  nur  dort  zu  Ue,  wo  der 
1.  Bestandteil,  das?*,  betont  war.  Was  von  Horning 
als  ein  wichtiges  Lautgesetz  des  Wallonischen  und  Lothringi- 
schen angegeben  wird  (Frz.  Stud.Y.  4  S.  54),  daß  u  im  Hiatus 
nicht  zu  äf  sondern  zu  halbvokalischem  w  wird,  trifft  für  eine 
frühere  Periode  für  ganz  Frankreich  zu. 

Die  Probe  darauf  ist  leicht  zu  machen1).  Die  Reime 
ue  :  $,  e,  die  eine  Betonung  ue  voraussetzen,  finden  sich  nur 
außerhalb  des  we-Gebietes,  d.  h.  dort,  wo  für  diesen  Di- 
phthongen die  Schreibung  oe  die  Regel  ist.  Tobler  zitiert  in 
der  Parabel  vom  echten  Ring  (S.  24  der  Einleitung)  aus 
westpika^dischen  (R.  de  Harn)  bzw.  normannischen  Texten 
die  Reime  goucet :  esm(o)et ;  quierent  -  moerent ;  pres  :  oes ; 
Förster,  Rom.  Stud.  III,  S.  176.  A.  im  französischen  Ogier  I, 
S.  364  chewoel,  escoel  in  einer  (g-Triade.  Im  Eneas  (s.  Bibl. 
norm.  III)  cuens  :  Volcens  5093;  muert :  requiert;  requierent- 
muerent  9431.  Der  Normanne  Guillaume  le  Clerc  reimt  im 
Bestiaire  (ed.  Reinsch,  Altfrz.  Bibl.  14.  S.  40)  eus  :  doeus, 
zeigt  also  die  spätere  Entwicklung  der  Diphthongen  von  o$ 
zu  oe  an.  Das  Anglonormannische  endlich  wandelt  ue  >  oe, 
e  8.  Suchier,    Boeve  de  Haumtone,  S.  10  der  Einleitung. 

Es  ist  also,  soweit  mein  Material  erschließen  läßt,  oe 
auf  Zentrum,  Nordwesten  und  Westen  beschränkt.  Wenn  die 
Vegetius-Versifikation  des  Priorat  von  Besancon  (Diss.  Wendel- 
born, Bonn  1887)  Reime  wie  trueve  :  crieve,  muevent,:  lievent, 
trueve  :  lieve,  aufweist,  so  dürften  unreine  Reime  von  üe:ie  vor- 

x)  Leider  sind  mir  die  Dissertationen  von  A.  Schreiber,  Der  geschlossene 
o-Laut  im  Afrz.  Straßburg  1888 ;  und  M.  Strauch,  Lat.  o  in  der  normanni- 
schen Mundart.  Halle  1881,  nicht  zugänglich.  Von  einer  Polemik  gegen 
E.  Matzke,  Über  die  Aussprache  des  af.  ue  von  lat.  ü  Z.  R.  Ph.  20,  S.  7  ff., 
glaube  ich  hier  absehen  zu  dürfen.  Daselbst  ilie  frühere  Literatur  über 
das  Problem. 


346  Ernst  Gamülscheg. 

liegen,  da  wir  uns  hier  in  dem  Gebiet  befinden,  in  dem  af. 
>  pi,  buef  >  bü  wird,  vielleicht  auch  Übergang  von  üe  > 
ie,  wie  Wendelborn   will. 

Wir  können  nun  geradezu  den  umgekehrten  Schluß 
ziehen,  daß  dort,  wo  in  den  mittelalterlichen  Denkmälern 
die  Schreibung  ue  für  ö  konsequent  erscheint,  der  Diphthong 
üe  lautete,  während  die  Schreibung  oe  neben  ue  ein  ge- 
sprochenes ue   darstellt. 

So  stellt  sich  der  ganze  Westen  einschließlich  der  Nor- 
mandie  und  der  lle^de-France  mit  ue  dem  Osten  mit  Pikardie 
und  Wallonie  mit  iie,  üe  gegenüber1). 

Eine  Sonderstellung  in  der  Schreibung  nehmen  zwei 
Gruppen  von  Wörtern  ein:  1.  solche  mit  ue  vor  Nasalen, 
2.  mit  ue  in  labialer  Umgebung.  In  beiden  Fällen  findet  sich 
vielfach  hier  oe  geschrieben,  während  sonst  ue  durchgeführt 
ist.  Es  scheint  also  anläßlich  des  Überganges  von  u>ü  so- 
wohl u  in  labialer  Umgebung  wie  vor  Nasalen  sich  der  Palati- 
sierung  in  gewissen  Dialekten  zu  entziehen,  vgl.  auch  S.  343. 
So  steht  bei  Chretien  (außer  im  direkten  Anlaut)  boens  neben 
buens.  Die  gleiche  Tatsache  wird  für  die  westliche  Champagne 
(Provins)  wie  die  nordöstliche  Champagne  angegeben  (Kraus). 
Für  die  Beeinflussung  durch  labiale  Laute  ist  die  Liste  von 
o<?-Schreibungen  im  Burgundischen  neben  sonstigem  ue  kenn- 
zeichnend, die  Goerlich.  Frz.  Stud.  VII,  1,  S.  80  gibt:  noef, 
poent,  poet,  moet,  proeve,  avoec.  avoec  neben  gewöhnlichem 
ue  beobachtet  auch  Neumann  1.  c.  für  das  Pikardische. 

Halten  wir  also  daran  fest,  daß  das  Gesetz,  daß  vor- 
toniges u    im  Hiatus   halbvokalisch  war  und  daher  nicht  wie 


')  In  den  südwestlichen  Dialekten  (Goerlich,  Frz.  Stud.  III,  S.  41— 170) 
scheint  o  ursprünglich  nicht  zu  diphthongieren,  wenn  es  nicht  vor  einem 
aus  e  enstandenen  u  steht.  Hier  wird  ö  zu  ue  und  neu  wird  zu  eu 
reduziert.  Neben  erhaltenem  o  tritt u  dann  oe  auf  (wie  ie  aus  der 
Literatursprache,  s.  Goerlich  S.  19),  im  16.  Jhdt.  ist  für  dieses  oe  die 
Aussprache  ö  gesichert.  Im  Nordwesten  ist  die  Stufe  oe  belegt  (s. 
Goerlich,  Franz.  Studien  V,  3).  Die  Weiterentwicklung  ist  durch  die 
Schreibungen  soeicr,  noeuf  (Bretagne),  nie  sueur  wie  in  Burgund  gekenn- 
zeichnet. Es  wird  hier  also  o  ]>  oe  >  oö'|>  ö.  Über  oe  im  Normannischen 
siehe  die  auf  S.  345  angeführten  Reime  mit  e .  Für  Maine  vgl.  Drevin,  Die 
frz.  Sprachelemente  etc.  Diss.  Halle.  1912."  S.  148.  Darnach  ist  oe  seit 
dem  11.  Jhdt.  nachgewiesen.  Für  die  übrigen  Dialekte  ist  die  Schreibung 
ue  die  Regel.  Für  die  Champagne  vgl.  Gottschalk,  Über  die  Sprache  von 
Provins  im  13.  Jhdt.  Diss.  Halle  1893.  S.  13:  Neben  ue  wiederholtes  ueu, 
=  üö  in  nueuves,  sueur,  jueune.  Für  Chretien  vgl.  Förster.  Rom.  Bibl.  132 
S.  34.  Einl.  (Erec)  und  Cliges  S.  77.  Eiultg.  Für  die  nordöstl.  Champagne 
vgl.  Kraus,  Beiträge  zur  Kenntnis  der  Mundart  der  nö.  Champagne.  Diss. 
Gießen  1901.  S.  19.  Zur  Picardie  vgl.  Neumann,  Zur  Laut-  und  Flexions- 
lehre des  Altfrz.  Bonn  1878,  S.  47  f.  Für  Lothringen  vgl.  z.  B.  in  den 
Büchern  der  Makkabäer  (ed.  Goerlich,  Rom.  Bibl.  2),  S.  18  Einl.  Im  Lyoner 
Yzopet,  ed.  Förster,  Altfrz.  Bibl.  5,  S.  25  E.;  im  Lothringer  Psalter,  ed. 
Apfelstedt,  s.  S.  24,  E.  Im  Bnrgundischen  siehe  Goerlich,  Frz.  Studien  VII,  1. 
Auch  hier  treten  seit  dem  13.  Jhdt.  die  Schreibungen  neu  =  uö  auf. 


Beiträge  zur  französischen  Lautgeschichte.  347 

volles  u  zu  ü  wurde,  ehemals  für  ganz  Frankreich  Geltung 
hatte,  so  gewinnen  wir  aus  dem  Verhalten  der  Wörter  frz. 
Hernuer  und  ecuelle  <  lat.  sternütare,  scütella  den  folgenden 
wertvollen  Fingerzeig  für  die  Zeit  des  u  >  ü- Wandels.  Da 
afrz.  escuele  heute  auf  dem  größten  Teil  des  frz.  Sprachgebietes 
mit  ä  erscheint,  ergibt  sich,  daß  zur  Zeit  des  Schwundes  des 
intervokalischen  d'1  hier  ü  schon  gesprochen  wurde.  Es 
waren  also  nebeneinander 

I.  müru,  escütella,  cor 
II.  mur,  escudelle,  cuor 

III.  mür,  escudelle.  ku^r,  bzw.  küer 

IV.  mür,  eacüelle,  ku§r  bzw.  küer. 

Wo  nun  heute  in  ecuelle  das  Hiatus  u  velar  gesprochen  wird, 
ist  anzunehmen,  daß  der  Schwund  des  intervokalischen  t 
früher  eingetreten  ist  als  der  Übergang  von  u  zu  ü.  Dies 
ist  zunächst  begreiflicherweise  in  der  Wallonie  der  Fall 
(Typus  sikual),  dann  wieder  längs  der  ganzen  Ostgrenze  (177, 
166,  156,  171,  87,  86,  78,  76  des  A.  L.  Fr.),  in  der  frz.  Schweiz 
und  sonst  im  Südostfrz.,  wo  ü  z.  T.  noch  heute,  z.  T.  das 
ganze  Mittelalter  hindurch  velar  war,  siehe  Philipon,  Romania 
40.  S.  1  ff.  Daß  ü  in  ekuel  dieser  Dialekte  nicht  etwa  eine 
Rückbildung  aus  früherem  ü  darstellt,  zeigt  das  Verhalten 
der  benachbarten  westlichen  Dialekte,  die  iie  in  ecuelle  wie 
ue  <  ö  in  ä  übergehen  lassen  1). 

Manches  bleibt  noch  zu  untersuchen,  so  die  Frage,  ob 
im  Pikardischen  der  Diphthong  üe  nicht  im  späteren  Alt- 
französischen auf  dem  2.  Bestandteile  betont  wurde,  wohl 
unter  dem  Einfluß  der  zentralen  literarischen  Betonung.  Es 
dürfte  sich  ferner  ergeben,  daß  die  Lautgruppe  ueu  <  ö  4-w2 
dort  zu  eu  wurde,  wo  das  1.  u  velar  blieb,  dagegen  iö  ergab, 
wo  es  palatalisiert  wurde.  Es  fehlt  mir  ferner  für  das  eigent- 
liche Franzische  die  Möglichkeit,  zu  entscheiden,  ob  hier 
ue  wie  im  Westen  über  oe;  oö,  öö  oder  wie  in  der  Pikardie. 
über  sekundäres  üe,  üö  zu  ö  wurde. 

Sehen  wir  also  ab  von  der  Sonderentwicklung  der  nord- 
östlichen und  östlichen  Dialekte,  in  denen  sich  der  Übergang 
von  u  >  ü  z.  T.  gar  nicht,  z.  T.  erst  dann  vollzog,  als  inter- 
vokalisches  t  gefallen  war.  so  gewinnen  wir  für  die  Zeit- 
bestimmung innerhalb  der  zentralen  Dialekte  die  folgenden 
Anhaltspunkte : 

Der  Palatalisierung  des  u  geht  voran  1.  die  Diphthon- 
gierung der  e,  o-Laute,  2.  der  Übergang  von  intervokalischem 

*)  Ich  verkenne  nicht,  daß  die  Gleichstellung  des  u  in  af.  escuele  und 
nuef  nur  bedingt  richtig  ist,  da  ue  in  escuele  ursprünglich  zweisilbig,  in 
nuef  stets  einsilbig  war.  Das  Beweisende  ist  die  geographische  Über- 
einstimmung des  Gebietes,  in  dem  frz.  ecuelle  mit  u  erscheint,  mit  dem 
Gebiet,  in  dem  die  Erhaltung  des  velaren  u  in  historischer  Zeit  nachge- 
wiesen ist. 


348  Ernst  Gamülscheg. 

k  zu  i,  wenn  ihm  ein  palataler  Vokal  nachfolgte,  3.  der  Über- 
gang von  t>  d]  (das  Letztere  gilt  wenigstens  für  das  Nor- 
mannische). Nachher  vollzog  sich  1.  die  Vokalisierung  des 
velaren  l,  2.  der  Schwund  des  sekundären,  aus  lat.  t  ent- 
standenen d. 

In  jeder  Beziehung  trifft  nun  zeitlich  der 
Übergang  von  «zu  e  mit  dem  von  u>  ü  zusammen: 

1.  Die  Diphthongierung  des  £  fällt  vor  den  Übergang  von 
a>£,.  da  dieses  nicht  mehr  zu  ie  wird.  (Etwas  anderes  ist 
der  Übergang  dieses  sekundären  £  in  ie,  wenn  ein  u  folgt 
oder  ein  palataler  Konsonant  vorhergeht,  über  ie  für  sonstiges 
a  in  gewissen  normannischen  Handschriften  s.  Förster,  ZfSL. 

1.  S.  88.  A.). 

2.  plaie,  paie  etc.  beweisen,  daß  k> i  früher  eintritt  als  a  >  e. 

3.  Der  Übergang  von  a>e  ist  älter  als  die  Vokalisierung 
des  l  vor  Kons.,  vgl.  af.  Heus,  pieus  <  talis,  palus.  Sonst  wäre 
taus,  paus  mit  fagus,  Pictavus  etc.  gegangen. 

Es  handelt  sich  also  bei  dem  Übergang  von  u>ü  nicht 
um  eine  vereinzelte  Erscheinung  der  französischen  Sprach- 
geschichte, sondern  um  eine  allgemeine  Tendenz  der  Sprache. 
Zur  Zeit  des  fraglichen  Überganges  besaß  das  Französische  in 
freier  Stellung  die  folgenden  Vokale: 

/  <  lat.  t;  u  <  lat.  ü  ;  q  <  lat.  a,  «.  Daneben  die  Diphthonge 
ie  bzw.  ie;  uö  bzw.  üo;  ei,  ou.  Auf  welcher  Stufe  lat.  au  an- 
gelangt war.  läßt  sich  kaum  bestimmen.  Nach  Meyer- Lübke, 
Franz.  Gr.  S.  66  war  es  ao,  also  ein  Laut,  der  einem  ge- 
dehnten offenen  q  voraussichtlich  bereits  nahe  kam. 

Die  3  einfachen  Vokale  sind  nun  gleichmäßig  palatalisiert 
worden,  soweit  dies  bei  ihrer  Natur  noch  möglich  war.  Daher 
wird  a  >  £,  U  >  ü. 

Zweierlei  muß  bei  dieser  Gleichstellung  und  Entwick- 
lung von  a  und  u  berücksichtigt  werden.  1.  Die  Tatsache, 
daß  der  Wandel  von  a  >  e  an  den  Ton  und  die  Stellung  des 
Vokals  am  Ende  einer  Silbenartikulation  gebunden  war, 
während  u>ü  allgemein  durchgeführt  wird.  Das  Letztere 
ist  ja  der  Grund,  warum  man  für  diesen  Wandel  durchaus 
vorromanische  Lautgesvohnheit  verantwortlich  machen  wollte. 

2.  Die  Verschiedenheit  im  heutigen  Verbreitungsgebiet  der 
beiden  Lautwandlungen.  Das  Letztere  kann  die  Folge  der 
1.  Tatsache  sein.  Außerdem  sind  wir  derzeit  über  die  Wege 
und  die  Art  der  Ausbreitung  eines  Lautwandels  noch  so  wenig 
unterrichtet,  daß  daraus  gegen  die  gleichmäßigen  Anfänge 
beider  Lautveränderungen  kaum  ein  Einwand  erhoben  werden 
darf.  Daß  nun  zwar  jedes  vokalische  u  von  dem  Wandel  zu 
ä  ergriffen  wurde,  aber  nur  freies  betontes  a  wird  uns  ver- 
ständlich, wenn  wir  uns  vor  Augen  halten,  daß  das  Französische 
zwar  zwei  qualitativ  verschiedene  a-Laute,  aber  nur  ein  u 
besessen    hat.      Der  Unterschied    der    beiden   a  zeigt  sich  im 


Beitrat /e  zur  französischen  Lautgeschickte.  349 

Provenzalischen  nicht  nur  in  der  Weiterentwicklung,  sondern 
es  wurde  von  den  provenzalischen  Grammatikern  als  a  larg 
und  a  estreit  streng  geschieden,  s.  Stengel  S.  45.  Diese 
Scheidung  der  beiden  a  in  ein  velares  und  ein  palatales  geht 
offenbar  in  eine  frühere  Periode  zurück  und  hängt  mit  der 
Dehnung  der  Yokale  in  freier  Stellung  zusammen. 

Dagegen  besaß  das  Galloromanische  nach  dem  Übergang 
von  ü  >  o  nur  einen  geschlossenen  u-Laut,  wie  es  nur  ein  i 
besaß.  Es  ist  daher  verständlich,  daß  der  Wandel  von  u>ü, 
wenn  er  auch  ursprünglich  nur  an  den  Ton  gebunden  war, 
jedes  u  ergriff,  während  e  nur  für  palatales  a  eintrat,  da 
ja  der  2.  a-Laut  von  dem  1.  ebenso  geschieden  war,  wie 
v  =  o  von  u  =  ü.  Palatal  aber  war  eben,  wie  die  Verhältnisse 
des  Provenzalischen  lehren,  nur  freies,  und  daher  gelängtes, 
betontes  a. 

Anders  lagen  die  Verhältnisse  bei  dem  Übergang  von 
e>ei,  und  ö>ou.  Hier  liegt  eine  wirkliche  Diphthongierung 
vor,  die  ihrerseits  wieder  Vokaldehnung  voraussetzt.  Daher 
ist  die  Beschränkung  des  Wandels  auf  die  tonstarken  Silben 
selbstverständlich.  Andererseits  sehen  wir  aber,  wie  inner- 
halb der  späteren  Entwicklung  des  Französischen  Laut- 
veränderungen ohne  Rücksicht  auf  die  Tonverhältnisse  sich 
durchsetzen,  wenn  nur  vor  wie  unter  dem  Ton  die  gleiche 
Lautform  zugrunde  liegt.  Sekundäres  au<a-\-l  wird  ebenso 
gleichmäßig  o  wie  ei>oi  wird. 

Es  hat  also  die  Palatalisierung  des  u  jedes  u  ergriffen, 
wenn  es  wirklich  vokalisch  war,  s.  oben.  Nun  verstehen  wir 
auch  die  Sonderentwicklung  einiger  weniger  Wörter  mit  ü 
vor  dem  Tone,  die  den  Wandel  zu  ii  nicht  aufweisen:  Es 
sind  dies  af.  stroment-instrumentum  „Gerichtsurkunde"',  das 
zwar  nicht  Erbwort,  aber  altes  Lehnwort  sein  muß;  dann 
froment -  frumentum ;  dann  das  ebenfalls  lehnwörtliche  onir-unire. 
In  allen  drei  Fällen  ist  ii  hier  vor  Nasal,  es  war  also  in 
Zentralfrankreich  ü  in  diesem  Fall  von  oralem  ü  bereits  ge- 
schieden, wie  in  den  nördlichen  und  östlichen  Mundarten 
jedes,  auch  betontes  ü  -4-  Nasal  s.  S.  346.  Eine  Ausnahme  macht 
jümentum  >jument.  Hier  war  der  anlautende  Palatal  von  Ein- 
fluß: zu  berücksichtigen  ist  ferner,  daß  af.  sowohl  im  Osten  wie 
Westen  das  nach  Meyer-Lübke,  Einf.  §  110  zu  erwartende 
jement  belegt  ist,  das  neuerdings  (vgl.  chalumeau,  alumelle  etc.) 
wieder  zu  jument  werden  konnte.  Warum  gstil,  af.  oustil  und 
af.  frouchier  -  fructificare  Abweichung  zeigen,  bleibt  noch  zu 
untersuchen. 

Innsbruck.  Ernst  Gamillscheg. 


Zur  u-ü-Frage. 


III.    Die  Dunum-Namen. 

In  seiner  kritischen  Besprechung  von  Ascolis  Annahmen 
keltischen  Einschlages  im  Französischen  schreibt  Thurneysen 
(Keltorom.  S.  10):  „Am  häufigsten  ist  gall.  ü  belegt  in  -dünum 
befestigte  Anhöhe,  Burg  als  zweitem  Element  vieler  Orts- 
namen, ir.  dun,  kymr.  din.  Und  dieses  -dünum  wird  in  einem 
ausgedehnten  galloromanischen  Gebiete  behandelt,  als  ob  es 
-dönum  lautete,  vgl.  Laon,  Lyon  aus  Lugudunum,  Yverdon  aus 
Eburodunum  usw.  Nun  ist  sehr  wohl  begreiflich,  daß  uno 
dialektisch  zu  ono,  bzw.  on  werden  konnte;  aber  von  -Uno  zu 
on  erscheint  mir  der  "Weg  zu  weit.  Dazu  kommt,  daß  die 
Griechen  niemals  Suvov  für  Soüvov  schreiben."  Damit  ist  der 
Weg  für  die  richtige  Beurteilung  gewiesen,  nur  die  eine 
Frage  läßt  Thurneysen  offen,  ob  dieser  örtlich  begrenzte  Über- 
gang von  uno  zu  ono  gallisch  oder  französisch  sei,  doch  dürfte 
er  schon  darum  das  letztere  stillschweigend  voraussetzen,  weil, 
wenn  es  sich  um  gallischen  Wandel  handeln  würde,  daraus 
ein  Grund  gegen  die  Annahme  der  «-Aussprache  im  Gallischen 
nicht  folgen  würde.  Übrigens  käme  man,  wollte  man  für  das 
Gallische  on  aber  tu  annehmen,  wie  heute  im  Lyonesischen  £üund 
Lyon  nebeneinanderstehen,  mit  der  schriftlichen  Überlieferuug 
in  arge  Schwierigkeiten.  —  Im  Anschluß  daran  äußert  sich 
dann  Gröber  (ALLG.  3,516):  „Die  Ausweichungen  in  on  erklären 
sich  auf  doppelte  Weise.  1.  Auf  francoprovenzalischem  Sprach- 
gebiete, wozu  die  Schweiz  gehört,  wird  auch  lat.  unus  zu  on, 
demgemäß  sind  Yverdon,  Moudon,  Sion  (Sidonensis  schon  in 
alten  Handschriften  des  Fredegar  VI,  44)  lautlich  richtig  ent- 
wickelt. In  Frankreich  dagegen,  wo  lat.  u  =  ü,  ist  2.  die 
cw-Form  eine  Folge  von  Suffixtausch,  dem  auch  Eigennamen 
nicht  entgehen.  Er  liegt  deutlich  vor  Augen,  wenn  aus  Seu- 
dunum  :  Suin  (Saöne-et-Loire),  aus  Sindunum:  Senac  (Ardennes) 
wird:  ....  Lugdunum  selbst  findet  dadurch,  daß  es  auch 
Laudun  (Gard)  und  Lauzun  (Lot-et-Garonne)  wurde,  und  daß 
Laon  noch  im  12.  Jahrh.  Loün  (in  Benoits  Reimchronik  in 
sicherem  Reime  mit  ü)  lautet,  hinreichende  Bestätigung.  Lyon, 
Laon  müssen  daher  on  gegen  un  eingetauscht  haben  ....  Es 
mögen  Namen  wie  Mougon  =  Mediconnum  oder  Arlon=  Orolau- 
num  maßgebend  geworden  sein."    Auf  den  Gröberschen  Stand- 


Zur  u-ü-Frage.  351 

punkt  stellt  sich  Oestberg  (les  voyelles  velaires  accentuee» 
S.  64)  ohne  jede  Einschränkung,  ja  er  bringt  als  eine  Be- 
stätigung „dunum,  quand  il  forme  seul  un  nom  de  lieu,  n'offre 
rien  d'etonnant  dans  son  developpement;  2.  les  anciennes  formes 
et  les  nouvelles  ont  longtemps  coexiste.  (Lugudunu,  qui  a 
abouti  a  Laon  se  presente  dejä  au  Vlle  siecle  sous  la  forme 
de  Lugdono:  d'un  autre  cote,  nous  voyons  encore  au  XII  siecle 
Loün,  Leün  en  rime  et  en  assonance  avec  u  long)". 

Etwas  weiter  noch  geht  Goidanich  (ZRPh.  Beiheft  5,  46). 
Er  sagt  zunächst  ganz  richtig,  daß  die  Entwicklung  von  dunu 
zu  don  der  von  unu  zu  on  entspreche  und  fügt  ebenfalls  mit 
Recht  den  Gröberschen  Beispielen  aus  der  Schweiz  noch  Lyon 
hinzu,  nimmt  aber  Anstoß  an  Laon,  Nouan.  „Che  Laon  con- 
tinui  un  Lugdunum  in  quei  paraggi  non  c'e  neanche  l'ombra  della 
prova,  perche  di  un  Lugdunum  in  quei  paraggi  non  s'ha 
notizia.  Che  si  tratti  invece  di  un  composto  di  -magus 
e  Luco,  Lugo,  o  Luto-?  .  .  .  Insuperabili  difficoltä  perö  offre 
Nouan  ad  essere  riconnesso  a  Noviodunum;  perche  Yä  non 
puö  continuare  non  solo  un  -un  ma  neppure  un  ow.u  Mit 
Bezug  auf  die  griechische  Schreibung  mit  oo  äußert  er  sich 
dahin,  daß  die  griechischen  Schriftsteller  auf  keine  Quellen 
zurückgehen,  die  älter  sind  als  die  Eroberung  Galliens,  daß 
die  Römer  gallisches  ü  durch  u  wiedergegeben  haben  und  daß 
diese  sozusagen  offizielle  Wiedergabe  von  den  Griechen  über- 
nommen worden  sei.  Von  anderen  Einwänden  abgesehen  ist 
auch  hier  der  eine  zu  erheben,  daß,  wer  nicht  die  historische 
Entstehung,  sondern  die  akustische  Wirkung  des  ü  in  Betracht 
zieht,  nie  darauf  verfallen  wird,  u  als  Ersatzlaut  für  ü  anzu- 
nehmen. Wenn  die  älteren  Römer  griech.  t>  als  u  wieder- 
geben, so  ist  das  bekanntlich  geschehen,  weil  der  Übergang 
des  alten  u  zu  ü  sich  in  der  Magna  Graecia  zur  Zeit  der 
ersten  Berührungen  von  Griechen  und  Römern  noch  nicht  voll- 
zogen hatte.  — Endlich E.  Jacoby  (Zur  Geschichte  des  Wandels 
von  lat.  u  zu  ü  S.  15)  meint:  die  keltischen  Ortsnamen  auf 
-dunum  scheinen  zwar  die  Aussprache  u,  nicht  //,  bis  ins  IX. 
Jahrh.  zu  sichern,  da  sie  griech.  Souvov,  lat.  -donum  transkribiert 
werden.  Da  aber  heute  in  ein  und  derselben  Gegend  -don  und 
-dun  nebeneinander  vorkommen,  so  muß  wohl  mit  der  Mög- 
lichkeit gerechnet  werden,  daß  schon  vorromanisch  -donum 
neben  -dunum  stand."  Also  statt  Suffixwechsels  gallische  Ver- 
schiedenheit, für  die  ein  Grund  nicht  gegeben  wird. 

Es  läßt  sich  nun  nicht  in  Abrede  stellen,  daß,  wenn  auch 
die  Annahme  von  Suffixverschiebungen  bei  den  Ortsnamen 
nicht  ohne  weiteres  abzulehnen  ist.  ihr  doch  gewisse  Schwierig- 
keiten entgegenstehen,  oder  besser  gesagt,  daß  sie  von  Fall 
zu  Fall  erklärt  und  womöglich  begründet  werden  muß.  Es 
verlohnt  sich  daher,  noch  einmal  die  einzelnen  Beispiele  zu 
untersuchen  und  dabei  auch   die  Frage  aufzuwerfen,  ob  nicht 


352  II'.  Meyer- Lübke. 

mitunter  diese  Namen  einen  älteren  Sprachzustand  bewahrt 
haben  als  der  übrige  Wortschatz. 

Wie  Thurneysen  angedeutet,  Gröber  und  Üestberg  aus- 
geführt haben,  steht  zunächst  im  südostfranzösischen  Sprach- 
gebiete, dem  auch  Lyon  angehört,  o  aus  dunu  in  voller  Über- 
einstimmung mit  u»u,  luna  usw.  und  umgekehrt  zeigt  ganz 
Südfrankreich  und  Katalanien  nur  u,  vgl.  Laudun  (Gard), 
Lauzun  (Lot-et-Garonne),  Monlezun  (Gers),  Montlauzun  (Lot), 
Dissolu  (Lot),  Issaudun  (Creuse,  Indre),  Verdien  (Ariege,  Aude, 
Aveyron,  Dordogne,  Tarn,  Tarn-et-Garonne)  usw.;  Besaht,  Xa- 
vardun.  Salardu,  Verdu.  Weiter  stimmt  einVerdon  in  Pas-de- 
Calais durchaus  dazu,  daß  hier  prune  als  pron  erscheint,  wie 
E.  Jacoby  a.  a.  0.  S.  21  und  Karte  1  zeigt. 

In  anderen  Fällen  ist  die  Grundlage  mehr  als  zweifel- 
haft. Holder  hat  1,  1376  die  cÜMMMM-Namen  zusammengestellt, 
die  seine  Sammlung  enthält.  Die  Zahl  ist  sehr  groß,  doch 
haben  sich  auch  einige  durum  darunter  eingefunden.  Aber 
auch  im  Reste  sind  manche  zu  streichen.  „Crotalodunion  saec. 
12  Craaldunum,  nach  D'Arbois  de  Jubainville  Crodon  dep. 
Marne"  schreibt  er  1,  1176.  Nach  Longnons  Dict.  topogr. 
de  la  Marne  heißt  der  Ort  1162  Crahadon,  1175  Craaldunum, 
d.  h.  das  dunum  ist  eine  Latinisierung  des  12.  Jahrh.,  nicht 
die  älteste  Form,  eine  Latinisierung,  die  natürlich  keinen 
Anspruch  darauf  hat,  ein  sicherer  Zeuge  für  die  gallische 
Zeit  zu  sein.  In  der  Tat  hat  auch  Longnon  in  der  Einleitung, 
S.  IV  ff.,  wo  er  von  den  gallischen  Namen  spricht,  Crodon 
nicht  angeführt.  Oder  Anton  (Eure-et-Loire)  begegnet  zuerst 
1157  in  der  Schreibung  Augustodum,  so  daß  wir  wiederum 
nicht  wissen  können,  was  hinter  dem  -on  steckt  und  kein 
Recht  haben,  ein  zum  Sprachcharakter  der  Gegend  nicht 
passendes  Augustodunum  zu  erschließen.  Ich  wüßte  nicht, 
was  gegen  ein  Augostomagus  einzuwenden  wäre.  Noch  schlimmer 
steht  es  um  Uxeloup  (Nievre),  das  Uxellodunum  darstellen 
soll.  Die  alten  Belege  lauten:  Usilo  1243,  Usello  1269, 
Ussullo  1297,  Ussellum  1344,  also  keine  Spur  von  -dunum, 
sondern  vermutlich  Uxellavum.  Auch  ein  Nyon  in  Nievre 
erscheint  1337  zuerst  als  Nyo,  womit  man  in  demselben  dep. 
Nioult,  1406  Nyo  und  Nioux,  1408  Niou  vergleichen  kann. 
Das  Nyon  ist  danach  entweder  eine  Umdeutung  oder  Novio- 
magus.  Auch  Laons  (Eure-et-Loire)  ist  zweifelhaft,  da  der 
Ort  1228  als  Laon,  1250  als  Leon,  erst  1300  als  Laudunum 
erscheint.  Schwieriger  ist  Chalons  (Mayenne),  schon  710  als 
Caladunne  belegt,  doch  kommt  hier  noch  etwas  in  Betracht. 
Die  dunum-Neunen  sind  Zusammensetzungen,  der  Fugenvokal 
muß  nach  einem  allen  indogermanischen  Sprachen  eigenen, 
auch  im  Keltischen  erhaltenen  Gesetze  o  sein,  auch  wenn  das 
erste  Wort  der  Zusammensetzung  ein  ä-Stamm  ist  (vgl.  Brivo- 
durum   neben   brivä    und    ZRPh.  33,  437).     Man   müßte    also 


Zur  u-ii-Frage.  353 

Calodunum  erwarten,  womit  wiederum  die  französische  Form 
nicht  vereinbar  ist.  Somit  wird  Calatone  vorliegen.  Ebenso 
kann  Cervon,  wenn  es  dasselbe  ist  wie  vico  Cervedone  in  der 
vita  Germani  des  Fortunatus.  nur  ein  Cervatone  darstellen. 
Wenn  auch  Cerdidunum  843  Gallia  christ.  4,  47  eben  diesen 
Ort  bezeichnet,  so  ist  der  Beleg  wiederum  zu  spät,  als  daß 
er  Beweiskraft  hätte.  Ebenso  unberechtigt  ist  Curtiodunum 
für  heutiges  Courson  (Yonne),  nicht  nur  weil  der  älteste 
Beleg  aus  dem  6.  Jahrh.  Curcedonus  lautet,  sondern  vor  allem, 
weil  ein  dunum-N amen  mit  lat.  Curtius  ganz  vereinzelt  steht 
und  weil  aus  Curtiodununi  zunächst  Coursdun  und  weiter 
Coudun  zu  erwarten  wäre.  Nicht  besser  steht  es  endlich  um 
Torv&on,  das  nur  im  Mittelalter  als  Torcedonensis  ager  und 
Tolvedunum  überliefert  ist  und  mit  Brancion  angeblich 
aus  ßrancidunwu.  So  wird  es  sich  in  den  meisten  anderen 
Fällen  verhalten:  es  liegen  nicht  alte  -dimum-N  amen,  sondern 
falsche  Schlüsse  mittelalterlicher  und  noch  öfter  heutiger 
Gelehrter  vor.  Nur  drei  bedürfen  noch  einer  Besprechung. 
Goardan  soll  mit  Crodunum  bei  Cicero  pro  Fonteio  identisch 
sein.  Aber  die  Lesart  ist  nicht  sicher,  Mommsen  liest  Se- 
goduni.  Nouan  (Loir-et-Cher)  soll  das  Xoviodunum  der  Bituriges 
Cubii  bei  Caesar,  Bell.  Gall.  7.  12,  2  sein,  aber  unter  den 
sehr  zahlreichen  Noviodunum,  Noriomagus,  Novioritus,  Noinien- 
^////-Namen  wäre  es  der  einzige,  in  welchem  das  i  gar  keine 
Spur  hinterlassen  hätte:  also  wiederum  eine  doppelte  lautliche 
Schwierigkeit. 

Eine  Stelle  für  sich  nimmt  Laott  ein.  Zwar  daß  auch 
hier  Lugudunum  zugrunde  liegt,  wird  gegenüber  den  bei 
Holder  Altkeit.  Sprachschatz,  2.  342,  42  zusammengestellten 
Belegen  wohl  auch  Goidanich  nicht  mehr  in  Zweifel  ziehen 
wollen.  Aber  es  ist  bemerkenswert,  daß  Benoit  in  der 
Normannenchronik  nicht  nur  stets  Leun  schreibt,  wo  ja  nur 
das  e  auf  ein  ü  schließen  läßt  (oben  Bd.  44  \  19),  sondern 
daß  er  den  Namen  mit  comun  13379  und  mit  nesun  26181 
bindet.  Ferner  steht  Laun  in  //-Assonanzen  im  Aiol  3401, 
3418,  in  Elie  de  Saint  Gille  798,  839,  865  und  in  den 
Narbonnensern.  In  letzterem  Epos  begegnet  Laon  nun  aller- 
dings auch  in  einer  o^-Reihe  und  das  ist  sonst  allgemeine 
Regel,  z.  B.  Floovent,  Ansöis  von  Karthago,  Doon  von  Nanteuil 
usw.  Ob  dem  lugdiino,  das  Holder  a.  a.  0.  343,  11  aus  dem 
Jahre  614  belegt,  viel  Wert  zuzuschreiben  ist,  läßt  sich 
schwer  sagen.  Aber  das  eine  ist  sicher,  daß  nicht  nur  der 
gelehrte  normannische  Geschichtschreiber  Laün  verwendet, 
sondern  daß  die  w-Form  auch  der  epischen  Überlieferung 
nicht  unbekannt  ist.  Daß  daran  das  Bewußtsein  des  latei- 
nischen Namens,  das  natürlich  gelehrter  Überlieferung  ange- 
hören müßte,  schuld  sei,  scheint  mir  wenig  wahrscheinlich, 
vielmehr    möchte    ich    die    Erklärung   im   Folgenden    suchen. 

Ztgchr.  f.  frz.  Spr.  u.  Littr.  XLIV5/6.  24 


354  W.  Meyer-Lübke. 

Laon  liegt  jetzt  wenig  südlich  des  pi one-G ebietes.  Hätten 
wir  nun  heute  Latin  und  im  Mittelalter  beide  Formen,  so 
würde  ich  nicht  anstehen,  daraus  zu  schließen,  daß  dieses 
at'rz.  Laon  für  einst  größere  Ausdehnung  des  pron-Gebietes 
spreche  und  ich  würde  das  heutige  Laon  als  letzten  Zeugen 
älterer  Verhältnisse  betrachten.  Allein  dieser  Auffassung 
widersetzt  sich  das  historische  Verhältnis  der  beiden  Formen. 
Latin,  Leun  ist  alt,  Laon  ist  jung.  Daher  denke  ich,  daß  iiepron- 
Bevölkerung  auch  Laon,  die  /;r/ö<-BevöIkerung  auch  Lei'm  gesagt 
haben  wird,  daß  diese  Doppelheit  sieh  in  unseren  mittelalter- 
lichen Texten  widerspiegelt,  daß  dann  aber  bei  der  Namen- 
gebung  nicht  die  Form  der  Bewohner  der  Stadt,  sondern  die  der 
Landbevölkerung,  die  den  Namen  vielleicht  öfter  gebrauchte, 
durchgedrungen  ist.  Das  Verhältnis  zwischen  Laon  und 
Lugudunum  wäre  danach  dasselbe  wie  das  zwischen  Chieti 
und  Teute.  Ascoli  hat  mit  Recht  hervorgehoben,  daß  das  e 
sich  nicht  durch  Einfluß  des  i  erklären  läßt,  und  die  Annahme, 
daß  die  sprachliche  Form  des  Ortsnamens  uns  über  die 
Lautentwicklung  aufkläre  dadurch  zu  bestätigen  geglaubt, 
daß  er  auf  das  benachbarte  Bucchianico  hinwies,  wo  man 
cirki  (cercare).  mele  sage  (AGIItal.  2.  445).  Allein  aus  den 
Proben  bei  Papanti  und  noch  deutlicher  aus  Finamore,  Novelle 
popolari  abruzzesi  2,  27  ff.  ersieht  man,  daß  die  Stadt  a 
behält,  so  daß  auch  hier  der  Vokalismus  der  umgebenden 
Landbovölkerung  maßgebend  geworden  ist. 

IV.  PLUMA  im  n-Gebiete. 

Schon  in  dem  früheren  Aufsatz  habe  ich  daranf  hinge- 
wiesen, daß  in  weiterem  Umfange  als  man  früher  glaubte, 
im  //-Gebiete  u  vor  in  bleibt,  und  in  der  Arbeit  von  Jacoby 
zeigt  sich  das  noch  deutlicher.  Die  daselbst  gemachten 
Angaben  können  durch  Blatt  peler  des  AL  noch  vervoll- 
ständigt werden.  Da  zumeist  nur  pluma  das  u  zeigt,  bruma 
dagegen  nicht,  so  meint  die  Verf..  nachdem  sie  erst  ganz 
richtig  sich  dahin  geäußert  hat,  daß  pluma  ..allein  eine  sonst 
ausgestorbene  Sprachform  bewahrt"  habe  (S.  43).  „die  Formen, 
welche  heute  noch  n  vor  Nasal  im  Süden  zeigen,  sind  fast 
ausschließlich  pluma  und  Ableitungen.  Es  liegt  also  hier 
eher  ein  wortgeschichtliches  Problem  vor,  das  ich  nicht  zu 
lösen  weiß." 

Die  Zahl  der  einschlägigen  Wörter  ist  ja  freilich  gering: 
coutume,  ecume,  bnime  kommen  wohl  allein  in  Betracht,  da 
enclume  im  Süden  den  Typus  incugine  fortsetzt.  Es  wrird 
sich  also  fragen,  ob  im  plomo-Geblete  eskümo  verschleppt 
i^t.  bzw.  sich  über  ein  anderes  Wort  gelagert  hat  oder  ob 
plomo  gewandert  ist.  Für  die  erstere  Annahme  ist  vielleicht 
Folgendes  anzuführen.  Neben  shuiha  zeigt  Karte  448  noch 
drei   andere  Wörter:  grame   im  Südwesten,  auch    von  Lespy- 


Zur  n-ü- Frage.  355 

Raynaud  und  sogar  von  Lespy  verzeichnet,  also  wohl  ver- 
breiteter als  es  nach  Edmonts  Angaben  scheinen  möchte, 
und  auch  in  das  Baskische  gedrungen:  soul.  grama  „Schaum", 
vielleicht  auch  grama  „Alge-1  in  San  Sebastian,  wenn  dies 
letztere  nicht  gramen  ist.  Für  die  weitere  Verbreitung  des 
vermutlich  gallischen  grama  s.  REW.  2294.  Ein  zweites 
Wort  ist  grümo  auf  im  ganzen  zusammenhängendem  Gebiete 
in  Aveyron  und  Lozere,  durch  zwischengeschobenes  ecume 
getrennt  in  76,  in  alter  Zeit  bisher  nicht  belegt,  am  West- 
rand dieses  grümo  auch  brümo.  Der  Gedanke  liegt  nahe, 
daß  dieses  grümo x)  eine  Vermischung  von  grama  und 
skuma  sei,  daß  also  escumo  hier  sekundär  ist,  brümo  ist 
schwieriger.  Ich  habe  t'riaul.  brume  „Sahne"  neben  gleich- 
bedeutendem grödn.  brama  durch  Einfluß  von  spuma  oder 
bruma  erklärt,  aber  wie  verhält  sich  brama  zu  komask., 
engad.  grama?  Die  geographische  Lagerung  macht  es 
wahrscheinlicher,  daß  grödn.  brama  aus  dem  Zusammenstoß 
von  bruma  und  grama  entstanden  sei.  Immerhin  kann  man 
wohl  auch  dies  prov.  bruma  als  einen  mittelbaren  Zeugen 
für  grama  und  also  für  die  Unursprünglichkeit  von  skuma 
anführen.  Endlich  ist  noch  ein  dritter  Ausdruck  zu  nennen, 
rumo  801  (Puy-de-Döme)  und  daran  anschließend  auf  nord- 
franz.  Gebiet  rum,  romin  (Allier).  Da  ein  vereinzeltes  grum 
803  daneben  steht,  könnte  man  wieder  an  grama  denken, 
doch  ist  der  Schwund  des  g  nicht  verständlich.  Dazu  kommt 
nun  aber  weiter  rom  901   „crasse". 

Während  also  stofflich  in  Südfrankreich  die  ecume-K&rte 
eine  gewisse  Mannigfaltigkeit  zeigt,  erscheint  pluma  als  einziger 
Ausdruck,  und  daß  die  Mannigfaltigkeit  bei  jenem  nicht  das 
spätere  ist,  folgt  daraus,  daß  der  Ausdruck,  der  hauptsächlich 
neben  ekümo  steht,  vorrömischen  Ursprungs  ist. 

Gern  möchte  man  nun  auch  wissen,  woher  rumo  stammt. 
Geht  man  von  der  Bedeutung  „crasse"  aus  und  nimmt  man 
an.  daß  auch  hier  u  vor  m  für  ü  stehe,  so  bietet  sich  Schweiz. 
rume  „die  Kruste,  die  sich  beim  Kochen  von  Mehlspeisen, 
Kartoffeln.  Brei,  auch  Gemüse,  Milch,  Butter.  Suppe  am 
Boden  und  unteren  Teil  der  Seitenwände  des  Kochgeschirres 
bildet",  dann  unter  anderem  „Schorf  am  Munde"  (Idiotik.  6, 
915).  Das  Hauptbedenken,  das  ich  dagegen  habe,  ist  daß 
das  seit  1650  belegte  Wort  spezifisch  schweizerisch  ist  und 
weder  in  den  anderen  deutschen  Mundarten  noch  in  den 
anderen  germanischen  Sprachen  eine  Anknüpfung  hat.  Das 
weist    doch    wohl  darauf  hin.   daß  es    eine   junge  Bildung    ist 

')  Aber  grümo  „Träne"  in  Cantal  hat  gremo  neben  sich,  geht  also 
auf  lacrima  zurück.  Und  ob  grume  836,  grumel  852,  grutnus  824,  dann 
mit  Umstellung-  unter  Einfluß  von  murvus  auch  gurmus  847,  gurmurya 
857,  gurmus  778,  hier  neben  grümo  für  morve  hierhergehören,  ist  zum 
mindestens  fraglich. 

24* 


356  II '.  Meyer-Lübke. 

und  wenn  man  nun  an  „Scharre"  denkt,  das  z.  T.  dieselbe 
Bedeutung  hat.  so  wird  man  an  eine  Ableitung  von  rume 
„ausräumen"  denken  dürfen,  das  auch  bedeutet  „ab-,  Mus- 
scharren, was  sich  vom  Brei  an  der  Pfanne  ansetzt"  ^a.  a.  0. 
918).  Ist  das  o,  u  in  rumo  alt.  so  handelt  es  sich  vielleicht 
um  irgend  einen  Zusammenhang  mit  ahd.  roum,  nhd.  rahm. 
Das  Wort  hat  also  aus  der  lautgeschichtlichen  Betrachtung 
auszuscheiden. 

Mit  Bezug  auf  lat.  bruma  ist  zunächst  zu  beachten,  daß 
Vertreter  davon  ganz  selten  sind.  In  zahlreichen  Fällen 
scheint  der  Begriff  ganz  zu  fehlen,  namentlich  im  östlichen 
Teile  des  provenzalischen  Sprachgebietes,  gerade  in  der  pluma- 
Region.  während  allerdings  der  Westen  eine  zusammenhängende 
/»v/wa-Masse  aufweist.  Daraus  ergibt  sich«  daß  dort  ein 
brumo  durch  die  Reichssprache  beeinflußt  sein  kann,  wogegen 
hier  die  Gewähr,  daß  man  die  bodenständigen  Formen  noch 
antrifft,  größer  ist.  Allerdings  nur  größer.  Denn  wenn  auf 
der  Karte  brume  in  781  (Haute-Garonne)  brumo,  auf  der 
Karte  nuayes  dagegen  brumos  angegeben  wird,  so  sieht  man 
deutlich  den  Einfluß  des  reichssprachl.  brume,  wobei  es  natürlich 
ganz  gleichgültig  bleibt,  ob  dieser  Einfluß  allgemein  oder 
individuell,  ob  er  dauernd  ist  oder  ob  er  sich  nur  augenblick- 
lich bemerkbar  macht. 

Danach  stellt  sich  bei  einer  kritischen  Beurteilung  der 
bis  jetzt  zur  Verfügung  stehenden  Materialien  die  Sache 
folgendermaßen  dar. 

Gar  keine  Spur  von  pluma  zeigen  Provence  mit  Comtat 
und  Comte.  Altes  ^/«/««-Gebiet  sind  der  westliche  Teil  von 
Languedoc,  Guyenne.  Auvergne.  d.  h.  die  Departements  Herault, 
Aveyron,  Lot  mit  Einschluß  der  jenseits  der  Grenze  liegenden 
Punkte  733,  628,  Cantal. 

Eine  zweite  Gruppe  knüpft  an  das  katalanische  Roussillon 
an,  erscheint  also  in  Aude,  greift  westlich  noch  in  Hautes- 
Pyrenees,  nördlich  in  Haute-Garonne  und  Garonne  hinein, 
ist  aber  nur  durch  brumo  vertreten,  doch  ist  aus  Tarn-et- 
Garonne  ein  ploma  aus  dem  XV.  Jahrh.  nachgewiesen  (Jacoby, 
S.  40)  und  damit  ergibt  sich  die  Möglichkeit,  natürlich  aber 
nicht  die  Notwendigkeit  eines  einstigen  Zusammenhanges  der 
beiden  Zonen.  Das  Bild  nämlich,  das  man  aus  den  heutigen 
Resten  bekommt,  ist  das,  daß  die  Irruption  von  plümo  nicht 
von  dem  südöstlichen  und  auch  nicht  von  dem  westlichen 
«-Gebiet  gekommen  ist,  sondern  von  Narbonne  aus.  Hier 
und  in  Marseille  sowie  im  ganzen  Westen  ist  die  Artikulation 
des  u  vor  m  dieselbe  gewesen  wie  vor  allen  anderen  Konso- 
nanten, so  daß  es  denn  auch  wie  in  allen  anderen  Stellen 
zu  ü  wurde.  Im  ganzen  Hinterlande  und  in  Dauphine  usw. 
dagegen  muß  die  Verknüpfung  mit  dem  labialen  Nasal  eine 
derartig   enge   gewesen    sein,  daß   wohl   infolge   von  Dissimi- 


Zur  u-ü-Frage,  357 

lation  das  u  vor  m  offener  gesprochen  worden  und  infolge- 
dessen blieb.  Dieses  o/M-Gebiet  ging  dann  weiter  über  in 
das  ^//-Gebiet,  wo  die  Artikulation  der  Nasale  eine  der- 
artige war.  daß  sie  sich  nicht  mit  der  des  //  und  i  vereinigen 
ließ,  daher  dann  diese  zu  o,  e  wurden.  Auffällig  bleibt,  daß 
auf  dem  wwa-Grebiete  die  Vertreter  von  fumus  nur  mit  ü 
vorzukommen  scheinen. 

Aus  den  Zusammenstellungen  von  E.  Jacoby  erhellt,  was 
bisher  nicht  bemerkt  worden  war.  daß  auch  Westfrankreich 
pyom  kennt.  Es  sind  vier  ziemlich  auseinanderliegende  Punkte 
in  Morbihan,  Loire-Inferieure,  Ille-et-Vilaine  und  Mayenne. 
Zwischen  diesen  pyom  steht  aber  mehrfach  plüm,  d.  h.,  wie 
die  Bewahrung  des  /  deutlich  zeigt,  reichssprachliche  Formen. 
Dazu  kommen  noch  zwei  Gemeinden  im  Dep.  Mayenne: 
Cigne  nahe  bei  P.  349  und  Asse-le-Berenger  weiter  südlich 
bei  Dottin.  Glossaire  du  Bas-Maine  und  Bazouges-la- 
Perouse  im  nördlichen  Ille-et-Vilaine  bei  Dottin-Langouet, 
Glosaire  de  Plechatel.  Das  pyom  ist  hier  von  pyöm  umgeben, 
und  man  wird  doch  die  Frage  aufzuwerfen  haben,  ob  nicht 
entsprechend  der  bei  diesen  gemischten  Lauten  vielfach  vor- 
kommenden Entrundung  auch  eine  Entpalatalisierung  möglich 
sei.  Rein  theoretisch  läßt  sich  das  kaum  vertreten,  denn 
nicht  nur  ist  akustisch  der  Unterschied  zwischen  i  und  ü 
geringer  als  zwischen  t<  und  ?7,  auch  artikulatorisch  ist  der 
erste  Wandel  insofern  näher  liegend,  als  bei  ihm  von  der 
kombinierten  Artikulation  des  ü  der  vordere  Teil,  die  Lippen- 
tätigkeit, unterbleibt,  und  das  scheint  im  Ganzen  dem  Sprach- 
mechanismus zu  entsprechen.  Ich  wüßte  denn  auch  im 
Romanischen  nirgends  einen  Fall  von  spontaner  Rückkehr 
von  ü  zu  u.  Zwar  hat  Gamillscheg  gezeigt,  daß  in  der 
Umgegend  von  Lusern,  deren  italienischer  Dialekt  heute  u 
spricht,  einst  ü  gesprochen  wurde,  wie  dies  deutlich  erhellt 
aus  baül  „Koffer1',  miifa  „Modergeruch",  destrügere  „zerstören" 
u.  a.  (ZRPh..  Beih.  43.  17),  allein  hier  handelt  es  sich  darum, 
daß  die  ursprünglich  lombardische  Mundart  mehr  und  mehr 
venezianisiert  wird.  In  unserem  Falle  müßte  außerdem 
erklärt  werden,  warum  eine  solche  Entpalatalisierung  nur  bei 
öm  stattgefunden  hat.  da  die  Nasalierung  allein  nach  dem, 
was  wir  sonst  von  den  Nasalen  wissen,  nicht  schuld  sein  kann. 

W.  Meyer-Lübke. 


Vom  Papagei. 


Et  dominamini  universis  animantibus.  Auf  frühesten 
Stufen  sehen  wir  den  Menschen  das  Tier  nicht  nur  jagen 
und  berauben,  sondern  auch  lediglich  zu  seinem  Vergnügen 
in  Gefangenschaft  halten.  Mächtigen  Herrschern  steht  es  an, 
mit  fremdem  Getier  zu  prunken,  zunächst  den  großen  Vier- 
füßlern: auch  der  fremde  Vogel  kam  über  den  fürstlichen 
Garten,  den  Pallast  der  Herrin.  Als  frühester  nächst  dem 
Pfauen  und  als  vornehmster  erscheint  der  Papagei,  doch  erst 
in  etwas  vorgerückter  Zeit.  Recht  wohl  möglich,  daß  mit  dem 
Wörterbuch  ßittaxo;  des  Ktesias  auf  ihn  zu  beziehen  ist,  doch 
weiß  der  in  Persien  lebende  griechische  Arzt  nur,  daß  ein 
bemerkenswerter  Vogel  des  Namens  in  Indien  existiert. 
Aristoteles  erwähnt  ihn  in  seiner  Naturgeschichte  nicht,  was 
dort  VIII.  12  über  '\iizza.y.ri  steht,  gehört  zu  den  Erweiterungen, 
handelt  allerdings  von  dem  sprechenden,  das  ist  dem  gezähm- 
ten Vogel. 

Plinius  und  Apulejus  beschreiben  als  psittacus  genau 
bestimmt  und  meist  richtig  verstanden  den  Halsbandsittich. 
Palaeornis  torquatus,  Perruche  ä  collier,  der  in  Indien  und 
Abessinien  bis  zur  Nordgrenze  der  Papageien  häufig  ist. 
Dem  Abendland  blieb  die  gelehrte  Kenntnis  aus  Isidor: 
Indiae  littoribus  gignitur  colore  viridi  torque  puniceo  .  .  articulata 
verbu  exprimit;  daher  in  althochdeutschen  Glossen  der  ange- 
paßte psitich.  Der  Vogel  selbst  war.  man  darf  sagen  not- 
wendig, dem  frühen  Mittelalter  unbekannt,  in  dem  orien- 
talischen Papageienmotiv,  das  die  gotischen  und  fränkischen 
Kunstschmiede  annehmen,  und  das  man  weiterhin  auf  den 
fremden  Seidenstoffen  fand,  hat  man  zweifellos  Falken  gesehen. 
Noch  als  man  im  12.  .Jh.  die  orientalische  Rahmenerzählung  von 
den  Sieben  weisen  Meistern  übernimmt,  wird  darin  der  betrogene 
Papagei  zur  Elster.  Bald  aber  nach  Mitte  des  12.  Jh.  erklärt 
sich  der  sg.  Münchener  Brut  391?  Ovids  volucres  cauorae 
mit  Li  rossinous  i  notoit  lais  Sons  i  cantoit  li  /tapegais:  was 
freilich    mehr    für    Schätzung    als    Kenntnis    spricht1):  wenig 

l)  Als  Sänger  auch  Donei  des  Amanz  465,  R.  Ren.  XVII,  3,  vgl.  auch 
Sone  d'Ausay.  Zu  Godefroy,  Papegai  außerdem  noch  Comptes  de  l'Argen- 
terie  p.  192,  Guerre  de  Metz  p.  362,  zwei  Belege  aus  Ronsard  bei  Littre\ 
Zu  den  provenzalischen  Belegen  bei  Rayn.  ein  weiterer  bei  Levy  unter 
Maimon. 


Vom   Papagei.  359 

später  könnten,  falls  die  Überlieferung  richtig  ist.  die  oisels 
aEspagne  hierher  bezogen  werden,  welche  im  Thomas- 
Tristan  2585  unter  anderen  wertvollen  Dingen  ein  Schiff  bringt. 
Demnächst  zeigt  papejai  gegen  1200  bei  Renaud  de  Beaujeu 
Identifizierung  der  zweiten  Worthälfte  mit  dem  Namen  des 
Hähers,  ebenso  engl,  popinjay,  schon  im  13.  Jh.  im  Donei  des 
Amanz  mit  dem  nasalen  Einschub;  im  Ganzen  überwog  die  Ex- 
plosive. Das  Wort  lebt  franz.  bis  ins  16.  Jh.,  ist  im  15.  noch 
stark  genug,  um  deutsches  papegan  umzugestalten.  Überein- 
stimmend ist  das  Provenzalische  mit  papagai,  das  Altspanische 
(Juan  Ruiz  1615)  mit  papagago;  zum  Spanischen  vielleicht  schon 
in  der  zweiten  Hälfte  des  12.  Jh.,  die  hebräische  Übersetzung 
des  Buchs  Kusari.  Die  italienische  Form  pappagaUo  (vgl. 
Ducange  s.  v.  papagallus)  dringt  schon  Perceval  1777  in 
Nordfrankreich  ein,  wohl  über  Marseille,  so  Mainet  3,  3  J),  bei 
Guill.  de  Lorris,Florence.Blancheflor289  usw.2),  papegaus,pape- 
gaat  dauert  neben  papegai.  Der  Anschein,  als  ob  dieser  Gleich- 
klang derWortausgänge  mit  den  Namen  der  bekanntesten  bunten 
Vögel  eine  „volksetsymologische"  Meinung  habe,  wird  noch  ver- 
stärkt durch  pcq)emor,d&s  bei  Renaud  de  Beaujeu  als  Name  eines 
exotischen  Vogels  neben  Papagei  steht,  Papsthahn,  Papsthäher, 
etwa  wie  Kaiseradler,  dann  von  der  Farbe  auch  Papstrnohr. 
Indessen  wäre  das  nicht  nur,  wie  Diez  angemerkt  hat,  ziemlich 
sinnlos,  es  wäre  auch  die  Art  der  Zusammensetzung  unroma- 
nisch :  papejai  ist  nicht  durch  den  Hähernamen  hervorgerufen, 
sondern  entsprang  orthographischer  Yerkennung  des  neuen 
Wortes,  die  durch  geai  höchstens  begünstigt  wurde,  für  -gal 
tritt  -jal  nicht  ein  weil  es  aufgenommen  ist.  als  g  überwiegend 
oder  nur  mehr  die  Explosive  meinte.  Ganz  eigenartig  ist 
wieder  der  mittelhochdeutsche  Wortausgang,  papegan  seit  An- 
fang des  13.  Jh. 

Verdelet  heißt  der  Vogel  im  Renard  le  nouvel  wie  Gresset's 
Ver-vert.  grün  sam  ein  gras  sieht  ihn  Konrad  vonWürzburg:  wenn 
auf  Stoffen  die  Farbe  auch  rein  dekorativ  sein  kann  (brodee  a 
papegaux  d'or  Invent.  Charles  V),  auch  dort  erscheint  natura- 
listisch gemeint  das  Grün,  vgl.  Duc.  s.  v.  t ■itacus.  Michel,  Recher- 
ches  I,  124.  Suolahti.  Vogelnamen  S.  2;  und  wenn  auch  im  16.  Jh. 
neue  Arten  mannigfaltigster  Fiederung  bekannt  werden,  bleibt 
immer  noch  charakteristisch  das  Adjektiv  „sittichgrün".  Das 
würde  zur  Artbestimmung  nicht  ausreichen,  bei  der  Mehrzahl 
der  rund  450  Arten  überwiegt  die  grüne  Färbung,  die  indische 

')  Uni  1200,  weil  die  Fragmente  Aspremont  kennen,  das  ich  gegen 
1180  stellen  möchte:  Snchier  allerdings  1.  Hälfte  des  12.  Jh. 

2)  Zu  Godefroy  noch  Renart  XVII,  3,  Jugement  d'Amor  289,  Tournoiem. 
Antecr.  672.  Gossouin  123,  Cy  nous  dit  Ro.  16,  568,  Thomas  v.  Saluzzo 
Ro.  21,  72,  den  Chevalier  an  Panagau,  Rechnung  von  1393  bei  Gay,  Dict, 
Archeol.  s.  v.  Gohelet. 


Baist. 

Palaeomis  Alexandri  isr  sogar,  wie  der  Name  sagt,  voreinst 
auf  die  Farbe  hin  unterstellt  und  dem  Aristoteles  unterschoben 
worden.  Indessen  die  natürlichen  und  die  Verkehrsbe- 
dingungen    hatten  sieh    seit    Etömerzeiten    nichl    entscheidend 

-«■;indert,  Gottfried  von  Straßburg  L0999  bezeugt  es  direkt 
„gestreichet  als  ein  papegdi" :  wie  am  Schluß  der  Periode  L505 
Jean  Lemaires  Amant  verd  mit  dem  roten  Halsband:  wenn 
auch  einmal  ein  anderer  hereingekommen  sein  sollte,  wie  der 
karmesinrote  der  .Mari;;  von  Burgund  im  Amant  verd.  der 
Papagei  des  Mittelalters  wie  der  Alten  war  <ler  Halsband- 
Sittich.  Man  könnte  einwenden,  daß  in  Cele  pari  sont  li 
papegais  Qui  n<  sont  pas  plus  grant  <//<<'  /eis,  aus  Gautier  de  Mes 
bei  Grodefroy,  vgl.  Gossouin  S.  123.  der  um  ein  gutes  Drittel 
vergriffene  Vergleich  auf  eine  große  Art  hinweise:  aber  Apulejus 
vergleicht  ganz  ebenso  die  Taube«  es  ist  die  leuchtende  Farbe. 
welche  im  Gedächtnis  die   Dimension   steigert. 

.Neugriechischem  Tza^ayaÄÄc;  entspricht  arabisch-syrisch 
(Botros  al  Bistani  und  Lammens)  babagdl ;  in  Algier  h<ih>i</'/ 
(Marcel)  und  babagdyü  (Cherbonneau,  Marcel):  Ägypten  und 
Algier  (^Bocthor.  Lammens.  Marcel)  babagdn ;  türkisch  päbagdn. 
In  Byzanz  wird  literarisch  selbstverständlich  'yiT.ay.o;  festge- 
halten, neugriechisch  ist  TiaTiayäAÄo; ;  im  16.  Jh.  nennt 
Manuel  Malaxos  aus  Nauplia  TraTcaya?,  neben  TO'jpay.iio,  das 
Ducange  mit  perroquet  identifiziert.  Die  literarische  arabische 
Form  ist  bäbagd  (Birüni,  eit.  v.  Lammens,  Ibn  Khallikän,  cit. 
v.  Dozy).  Lammens,  Remarques,  belegt  es  schon  im  10.  Jh. 
bei  Masüdi.  Bei  Paulus  Cassel,  Der  grüne  Papagei.  Berlin 
18b8  S.  39  wird  anscheinend  als  ältestes  arabisches  Vorkommen 
überraschendes  odbagai  mit  varia  lectio  papagai  aus  Jehuda 
Halewi's  Buch  Kusari  III,  5  genannt:  eine  nicht  nur  formale 
Verwirrung  des  Tatbestandes,  daß  die  Formen  nicht  dem 
arabischen  Original  angehören,  sondern  Varianten  der  hebrä- 
ischen Übersetzung  sind,  also  an  das  Westromanische  angelehnt. 
Zu  behalten  bleibt,  daß  ein  arabisch  schreibender  kastilischer 
Jude  in  der  ersten  Hälfte  des  12.  Jh.  ermahnt,  die  Gebote 
nicht  zu  sprechen  wie  ein  Star  oder  Papagei,  Chazari  ed. 
Hirschfeld,  S.  146,  12.  Persisch  gilt  tuti,  man  kennt  dort 
heute  das  arabisch-türkische  wie  umgekehrt  das  persische 
Wortj  beides   aber  hin   und    her   unzweideutig  fremdwörtlich. 

Das  arabische  Wort  (aus  Ducange  auch  das  mittel- 
griechische) hat  schon  Menage  neben  den  romanischen  genannt, 
vorsichtigerweise  ohne  es  an  erste  Stelle  zu  rücken.  Andere 
waren  angesichts  der  geographischen  Wahrscheinlichkeit 
weniger  zurückhaltend,  bis  Diez  (1853)  zu  bedenken  gab.  daß 
babagd  in  der  Sprache  keine  Wurzel  habe  und  erst  spät 
vorzukommen  scheine,  sowie  daß  die  Vertretung  des  arab. 
b   durch    rom.   />    mindestens    ungewöhnlich    sei.      Engelmann 


Vom  Papagei.  '661 

im  Glossaire  des  niots  espagnols  nahm  daher  das  Wort  nicht 
auf1),  Dozy,  der  den  Lautwandel  in  zwei  spanischen  Fällen 
vorfand  und  Diez'  Einwand  unterschätzte,  setzte  es  in  der 
Neuausgabe  ein,  ihm  folgen,  um  jene  zu  nennen,  die  sich 
den  Fall  mehr  oder  weniger  überlegt  haben,  Devic  -),  P.  Cassel 3) 
und  Lammens*).  Der  letztere  vermutet  Herkunft  der  italie- 
nischen Form  aus  der  vulgärarabischen  auf  dl,  wir  haben 
gesehen,  daß  die  Übereinstimmung  der  vulgären  mit  roma- 
nischem und  mittelhochdeutschem  Wortausgang  noch  weiter 
geht.  Um  indessen  diesen  Punkt  zunächst  zu  erledigen: 
nordafrikanisches  -ayu  kommt  fraglos  aus  dem  Spanischen  und 
damit  ist  im  Zusammenhang  mit  Geographie  und  Chronologie 
auch  -dl  als  italienisch  präjudiziell.  Diesen  arabisch  unver- 
ständlichen Ausgängen  gegenüber  erscheint  -an  für  -ä  als 
ein  naheliegender  Ausgangsersatz:  aber  wenn  wir  ihn  fünf- 
hundert Jahre  zurückdatieren  wollten,  bliebe  immer  die  Frage, 
wie  ihn  gerade  das  Mittelhochdeutsche  überkommen  hätte. 
Der  Schluß,  daß,  wenn  p  aus  L  spanisch  ist,  die  romanischen 
Formen  aus  Spanien  gekommen  sein  müssen,  ist  nirgend 
gezogen  worden.  Die  Kenntnis  des  Vogels  ist  in  Spanien 
einige  Jahrzehnte  früher  nachgewiesen  als  in  Frankreich  und 
damit  scheint  sich  die  oben  angeführte  Tristan-Stelle  zu  ver- 
binden. Indessen,  diese  ist  sachlich  bedenklich,  obwohl  beide 
Hss.  die  oisels  <f  Espagne  bieten,  sie  haben  auch  sonst  gemein- 
same Fehler,  und  neben  Seidenstoffen,  Gefäßen  von  Tours, 
AVeinen  vonPoitou  wäre  ein  bedeutender  Handelsgegenstand  zu 
erwarten5).  Den  spanisch-portugiesischen  Lautvorgang  habe 
ich  Zts.  f.  rom.  Phil.  32.  34  berührt;  von  den  dort  genannten 
Fällen  ist  Eguilaz  entnommenes  petrera  zu  streichen,  es  ist 
überall  das  italienische  Lehnwort.  Das  Schiff  patache  und 
die  Münze  pataca  gehören  nachweislich  erst  dem  16.  Jh.  an; 
l><ip<i,uiz  für  abaraz  in  Portugal  läßt  vermuten,  daß  dort  das 
Läusekraut  selbst,  piolheira,  als  Tierarznei  mehr  gebraucht 
werde  als  sein  Samen;  neben  der  Melonenart  pg.  pateca  stand 
früher  auch  albodega,  albudieca  wie  sp.  albudega:  einige  Jahre 
älter  als  1500  sind  nur  pato  und  alpargate  festgestellt,  ersteres 

l)  Defremery,  der  Diez  nicht  kannte,  rügte  in  seiner  Rezension  das 
Fehlen  des  Wortes.  Er  wird  daraufhin  fortlaufend  als  Erfinder  der 
arabischen  Etymologie  zitiert,  zu  der  er  nichts  beigetragen  hat. 

■)  Im  Supplement  zu  Littre. 

3)  Der  grüne  Papagei,  Berlin  1888.  Er  meiut,  der  Wechsel  des 
Anlauts  verhalte  sich  wie  unser  „papelen"  neben  „babbelen". 

4)  Remarques  sur  les  mots  francais  derives  de  l'Arabe.  Beyrouth  1890. 
'")  Ich  kann  als  spanisch-arabische  Exportartikel  in  Frankreich  (Ohron. 

Fontan.)  und  Italien  (Anastasius,  Amatus)  nur  Seidenstoffe,  Decken,  Teppiche 
feststellen,  vgl.  bei  Fr.  Michel,  Rech.,  I.  292;  im  Epos  tritt  l'artagena  als 
Ansfuhrstelle  hervor.  Pferde  und  Maultiere  im  Epos  sind  anzunehmen, 
Waffen,  spez.  Helme  und  Halsberge  fraglich. 


3H-.J  Baut. 

zu  mehreren  Synonymen  hinzutretend,  letzteres  eine  maurische 
Fußbekleidung.  Die  Worte  sind  sehr  verschiedener  Art. 
ein  und  das  andere  gehört  vielleicht  überhaupt  nicht  in  den 
Zusammenhang,  aber  einstweilen  erscheinen  sie  als  eine  zeitlich 
eng  begrenzte  ganz  späte  Entlehnungsgruppe  mit  vermutlich 
gleichartigem  Lautvorgang.  Dieser  mag  darin  bestehen,  daß 
die  halb  romanisierten  südspanischen  Mauren  die  spanische 
Stimmlose  hatten  nachsprechen  lernen,  welche  sie  in  einer 
beträchtlichen  Zahl  von  Lehnworten  nach  Marokko  hinüber- 
gebracht haben,  und  daß  dabei  einzelnes  arabisches  mitgezogen 
wurde.  Weiter  zurück  ist  altspanisch  keine  Spur  davon 
nachgewiesen,  die  Lehnworte,  die  Ortsnamen  und  die  Wieder- 
gabe der  Eigennamen  haben  stets  b  =  b.  die  arabischen 
wie  die  französischen  und  provenzalischen.  Von  dort  kann 
also  die  abendländische  Tenuis  nicht  kommen,  auch  wenn  man 
die  Tristan-Stelle  gelten  lassen  will.  So  bleibt  schließlich  als 
wahrscheinlicher  Vorläufer  der  romanischen  Formen  die  byzanti- 
nische, trotz  ihrer  späten  Buchung,  und  obwohl  auch  sie  nicht 
genau  übereinstimmt.  Gerade  die  mittelhochdeutsche  aller- 
dings würde  sich  an  ein  vom  arabischen  -ä  nahegelegtes 
7ia7iayac.  -äv  anschließen,  das  in  Venedig  wie  in  Genua  ohne 
weiteres  nachgesprochen  werden  konnte,  -allo  erinnert  an 
apcpac,  7.00Q  >  amiral,  doch  Zeit  und  Verbreitung  sind  ver- 
schieden. Auch  die  Endung  ai  wird  nicht  deutlicher  als  bei 
der  älteren  Betrachtungsart.  aber  entscheidend  ist  das  konso- 
nantische Knochengerüst. 

Über  das  Prioritätsverhältnis  zwischen  Arabisch  und 
Byzantinisch  sagt  uns  der  Laut  nichts,  da  regelmäßig  wie 
fremdes  h  durch  byz.  p,  so  arabisch  fremdes  p  durch  b  ersetzt 
wird.  An  sich  besteht  trotz  des  Fehlens  eines  alten  Beleges 
die  Möglichkeit,  daß  im  Griechischen  das  literarische  Wort 
durch  das  irgendwie  neu  gebildete  oder  überkommene  vulgäre 
ersetzt  war.  ehe  die  Araber  die  Wege  zu  den  tropischen 
Ländern  besetzten ;  die  Überlieferung  aber  weist  auf  das 
Arabische,  die  Glanzzeit  des  Islam,  eben  jene  des  Orangen- 
gartens des  Kalifen  Alqahir.  in  welchem  man  mit  dem  Getier 
aus  allen  Ländern  auch  die  Papageien  fand.  Wenn  man 
auch  daraus  wieder  auf  Sittiche  in  byzantinischen  Lustgärten 
zurückschließen  dürfte,  da  es  am  Ende  doch  dabei  bleiben 
dürfte  daß  mit  Ausnahme  ihrer  Dichtung  alles  gesteigerte 
Genießen  jeder  Form,  was  man  eben  Kultur  nennt,  den 
Arabern  von  den  Griechen  gekommen  ist.  Den  weiteren 
Ursprung  des  Namens  mußte  man  zunächst  in  den  Her- 
kunftsländern zu  suchen  geneigt  sein.  Wenn  sich  dabei 
in  Indien  gar  nichts  fand,  lag  das  wohl  ein  wenig  an  der 
lautlichen  Fragestellung:  das  Petersburger  Wörterbuch  bietet 
pippakd  ..ein  bestimmter  (lies:  unbestimmter)  Vogel1",  und 
vermutlich   identisch  pippika,   ,.ein    bestimmtes  Tier,  vielleicht 


Vom  Papagei.  363 

ein  Vogel ;  von  guter  Vorbedeutung1' :  die  immerhin  zu  erwähnen 
sind.  Arabische  Neuschöpfung  nimmt  Cassel  a.  a.  0.  an  von 
babb  „Stammeln  der  Kinder"  aus:  ich  glaube  nicht,  daß  die 
Semitisten  die  Wortbildung  gelten  lassen  werden  und  selbst 
der  Sinn  ist  nicht  überzeugend,  der  Papagei  stammelt  nicht. 
Anders  Devic:  anscheinend  une  onomatopSe  falte  sur  le  cri  de 
Voiseau,  comme  ara  et  cacatois.  Mir  selbst  war  schon  in 
meiner  Studentenzeit  die  musikalische  Ähnlichkeit  zwischen 
bdbagä  und  dem  malaischen  kakatü(wa)  autgefallen,  zu  denen 
noch  der  neuseeländische  kakapo,  Eulenpapagei  hinzutritt. 
Nur  möchte  ich  darin  nicht  sowohl  den  natürlichen  Schrei 
vermuten  als  Silbenfolgen,  die  der  Vogel  besonders  leicht 
und  deutlich  nachspricht,  die  sich  bilden,  wie  zuerst  der  Vogel 
den  Menschen  und  dann  dieser  den  Vogel  nachzuahmen  sucht. 
Ich  hätte  mich  darüber  gerne  einmal  mit  einem  verständigen 
Halsbandsittich  auseinandergesetzt:  nachdem  ich  über  40  Jahre 
nicht  dazu  gekommen  bin.  muß  wohl  ein  anderer  sehen,  ob 
auf  diesem  Wege  zu  einem  sicheren  Ergebnis  zu  kommen  ist. 
Es  würde  sich  nicht  darum  handeln,  ob  der  Vogel  die  Laute 
leicht  nachspricht,  das  kann  er.  sondern  ob  er  sie  besonders 
leicht  spricht.  Man  könnte  sich  dann  ein  als  deutliches 
Klingwort  lebensfähiges  griechisches  uauayä  denken,  das  in 
dem  von  Boerio  verzeichneten  venezianischen  papagä  vorläge, 
mit  Angleichung  des  ungewöhnlichen  Wortausganges  auf  die 
formal  nahestehenden  Namen  sachlich  nicht  unpassender 
Vögel,  zu  venez.  papagäl,  daraus  papagallo,  und  zu  papagai 
geführt  hätte.  Um  noch  einmal  zusammenzufassen:  wahr- 
scheinlich ist.  daß  die  abendländischen  Formen  aus  der 
griechischen  kommen,  diese  aus  der  arabischen,  sicher,  daß 
die  abendländischen  und  insbesondere  die  französischen  nicht 
unmittelbar  aus  der  arabischen  kommen,  daß  sie  mit  den 
Kreuzzügen  nichts  zu  tun  haben.  Entsprechend  den  von  mir 
auf  der  Baseler  Philologenversammlung  von  1907  für  die 
älteren  Orientalismen  im  Französischen  gegebenen  Nachweisen. 
Die  neue  Benennung,  welche  im  Französischen  des 
16.  Jahrhunderts  den  älteren  Namen  verdrängt  hat.  erscheint 
zuerst  bei  dem  Französisch  schreibenden  Piemontesen  Thomas 
von  Saluzzo  als  paroquet,  ausdrücklich  als  Synonym  des  Vor- 
gängers: die  spätere  gelehrte  Scheidungsmache  ist  historisch 
nicht  begründet.  Italienisch  hat  das  Auftreten  von  parrochetto 
(seit  etwa  1600)  eine  ausgeprägt  fremdwörtliche  Art.  Ableitung 
von  parrochus  ist  sachlich  unverständlich,  von  span.  periquito 
geschichtlich  unmöglich,  die  ital.  und  franz.  Koseform  von 
„Petrus"  formal  ausgeschlossen.  Das  von  Malaxos  als  gleich- 
bedeutend mit  ditiTaxo?  und  TtaTtayä;  genannte  Toupax&ro?  ist 
allerdings  stark  verdächtig,  Korruptel  für  uapoxexo?  zu  sein, 
wie  Ducange  angenommen  hat.  aber  es  könnte  auch  etwas 
mehr  sein.     Zu  beachten,  daß  auch  hier  eine  dreisilbige  und 


,'i  Batst. 

leicht  nachzusprechende  Lautfolge  vorliegt,  ein  Gesichtspunkt 
unter  den  mit  kakatu  und  babaga  auch  perroquet  fällt.  Gar 
nichts  damit  zu  tun  hat  der  meist  einbezogene  Name  des  Zwerg- 
papageis, spanisch  perico,  ,.Peterchenu,  der  im  18.  Jh.  auftritt,  im 
19.  die  Nebenform  periquito  erhält,  die  nach  Portugal  übergeht, 
französisch  in  dem  Dict.  Trevoux  und  erweiterten  Richelet  als 
perrique,  während  die  Akademie  1740  perruche  aufnimmt  (il 
ii  a  des  pais  ou  Von  Vappelle  Perruche,  Rieh.).  Wahrscheinlich 
steht  in  der  Mitte  ein  vom  Dict.  gen.  angeführtes  perriche, 
das  den  Stubenvogel  den  caniche,  levriche,  babiche  annäherte, 
während  die  Akademie  ihrer  Eigenart  entsprechend  das 
schlecht  gewußte  Wort  an  autruche,  perrugue  und  parrocheUo 
anklingen  ließ.  Das  von  Cassel  a.  a.  O.  S.  41  verfochtene 
arab.  beraks  von  einem  unbestimmten  bunten  oder  grünen 
Vogel  ist  leerer  Einfall. 

Da  sie  etwas  erzählt,  mag  hier  auch  noch  der  Anwendung 
de*  Vogelnamens  auf  das  Segel  gedacht  sein.  Perroquet  vom 
Bramsegel,  an  der  oberen  Verlängerung  des  Mastes,  weist 
Jal  seit  1525  nach.  Es  dürfte  von  dem  p.  volant  auszugehen 
sein,  der  nicht  fest  war,  vom  Deck  aus  aufgezogen  wurde. 
Der  Vogel  war  kein  eigentlicher  Handelsartikel,  die  Neigung 
der  Reisenden  und  besonders  der  Matrosen,  etwas  Lebendes 
und  Seltsames  mitzuführen,  brachte  ihn  auf  das  Schiff,  wo  er 
also  einzeln  auftrat  und  wo  man  ihm  erlauben  mochte,  sich 
frei  zu  bewegen  und  zu  klettern.  Oder  wo  der  Papagei  des 
Kapitäns  entwischte  und  im  Verlauf  der  Jagd  von  der  höchsten 
Mastspitze  heruntergeholt  wurde.  Mit  bewußter  Fortsetzung 
des  Bildes  ist  dann  für  das  noch  höhere  und  kleinere  Kreuz- 
bramsegel perruche  eingestellt  worden,  neben  das  unter- 
scheidend weiterhin  noch  der  cacatois  getreten  ist.  Et  chagoit 
autreci  devant  lui  come  li  venz  fait  le  papegaut  im  Prosa-Artur 
wage  ich  nicht  hierher  zu  ziehen,  auch  nicht  wie  Godefroy 
mit  girouette  zu  übersetzen.  Historisch  sind  in  dem  durch- 
messenen  Bereich  der  Papagei  der  Königin  Isabella,  dessen 
Käfig  1387  eine  grüne  Decke  bekommt  und  1393  angestrichen 
wird«  der  karmesinrote  der  Maria  von  Burgund,  und  der  grüne 
Liebhaber  Margaretens  von  Oestreich.  Der  Literaturgeschichte 
gehört  der  „Amant  verd"  dessen  liebenswürdige  Eigenschaften 
in  Becker's  „Jean  Lemaire"  eine  warme  Würdigung  gefunden 
haben;  1325  eine  Metzer  Satyre.  der  Sermont  le  Pappegay, 
von  dem  Bouteillier,  Guerre  de  M.  p.  326  ein  größeres  Bruch- 
stück mitteilt.  Im  selben  Jahrhundert  werden  die  aves  der 
Novelle  ,,Audi.  vide,  tace"  zu  Papageien  Im  Cy  nous  dit  und 
bei  Thomas  von  Saluzzo.  An  ältester  Stelle  im  13.  Jh.,  des 
Amant  verd  nicht  unwürdig,  die  provenzalische  Papageien- 
novelle. Allenfalls  hierherzurechnen  auch  noch  der  Chevalier 
au  Papegaut  und  der  Beiname  der  Sängerin  im  Sone.    Dieser 


Vom  Papagai.  365 

soll  stimmen  zu  der  Schilderung  „Cantans  estoit  et  envoisie 
Et  de  biau  parier  afaitie  Et  son  cors  netement  gardoit.  A  ces 
hautes  cours  se  tenoit."  Besonders  auch  zu  Letzterem,  nur  die 
Reichen  erwarben  den  kostbaren  Vogel,  der  Zoll,  der  für  ihn 
im  Petit  Thalamus  von  Montpellier  angesetzt  ist.  weist  auf  den 
Wert  von  zwei  Pferden.  Zugleich  bleibt  doch  bemerkenswert, 
daß  es  sich  lohnte,  ihn  in  einen  Tarif  aufzunehmen. 

Baist. 


Frz.  habiller  —  prov.  avol  —  frz.  billet. 

Wie  relativ  wenig  noch  für  die  Erforschung  der  meist- 
bearbeiteten romanischen  Sprache  geleistet  ist,  zeigt  die 
Tatsache,  daß  für  ein  so  oft  gebrauchtes  und  einfach  aus- 
sehendes Wort  wie  habiller  die  TTrsprungsfrage  noch  nicht 
gelöst  ist. 

KEW  s.v.  habitus  ..Kleidung1'  heißt  es: 

„[Frz.  habit.  —  Ablt.:  frz.  habillier  (>  ital.  abbigliare).1,1 
Das  klingt  bestechend  und  läßt  doch  Zweifeil  zu.  Vor  allein 
müßte  man  in  diesem  Falle  fälschliche  -//-Schreibung  (wie  in 
Bastille  für  bastle,  Meyer-Lübke,  Hist.  Gr.  de  Franz.,  S.  36) 
annehmen,  die  eben  dies  Werk  S.  159  erst  ab  1687  in  der 
„petite  bourgeoisie"  von  Paris  belegt,  während  das  Verb 
(h)dbüler  schon  altfrz.  (seit  dem  13. — 14.  Jh.)  reichlich  und 
immer  mit  -//-Schreibung  belegt  ist. 

Andere  Forscher  haben  denn  auch  andere  Ansichten  aus- 
gesprochen:  die  Bibliographie  des  Wortes  findet  sich  in  Toblers 
Afrz.  Wb.  s.  v.  abillier.  Aus  ihr  möchte  ich  vor  allein  die  Be- 
merkung Gk  Paris  (Melanges  lingu.  S.  305)  anläßlich  der  Be- 
sprechung von  Darmesteter's  Vie  des  mots  anführen:  „C'est 
ainsi  encore  qu'il  a  parfaitement  reconnu  que  le  sens  de  .  vetir1, 
dans  habiller  n'est  que  secondaire.  et  derive  du  sensde,pre- 
parer,  arranger',  en  sorte  que  ce  mot  n'a  rien  a  faire  avec 
habit",  wozu  die  Anmerkung:  „L'auteur  parait  d'ailleurs  etre 
dans  l'erreur  au  sujet  de  l'etymologie  proprement  dite  du 
mot.  <|ii"il  semble  (comme  Littare,  Müdes  et  glanures,  p.  34) 
rattacher  r  habilis.  La  forme  ancienne  est  abillier,  en  regard 
duquel  on  a  desbillier.  Le  mot  parait  vouloir  dire.  a  l'origine. 
,preparer  un  arbre  en  bille  *,  c'est-a-dire  l'eteter,  l'ebrancher 
et  l'equarrir."  (ranz  ähnlich  äußert  sich  G.  Paria  in  einer 
Sitzung  der  Societe  de  Linguistique  in  Paris,  wie  uns  Break 
Essai  de  Semantique  S.  ^02  mitteilt  (bei  Tobler  nicht  ange- 
führt): er  spricht  von  der  „confusion  qui  s'est  faite  dans  les 
esprits  entre  habit  et  habilU:  ce  dernier,  qui  devrait  s'ecrire 
dbilU,  est  uue  expression  metaphorique  dont  la  signification 
est  ,apprete,  arrange'.  Elle  a  ete  d'abord  employee  en  parlant 
du  bois.  Nous  disons  encore  aujourd'hui:  du  bois  en  bille. 
Le  souvenir  de  l'ancien  sens  s'est  conserve  dans  quelques 
locutions.  telles  que:  habiller  an  poulet,  le  voilä  bien  habilli!" 
Dict.    gen.    bekennt     sich     zu     Littre-J)armesteter'a    Ansicht, 


Frz.  habiller  —  prov.  avol  —   frz.  bittet.  367 

ohne  Gr.  Paris"  Stimme  zu  verschweigen:  „Origine  incertaine. 
Semble  tire  du  lat.  habilis,  liabile.  par  l'interinediaire  du  bas 
lat.  habiliare,  pour  habilitare.     Qqns.  y  voient  im  compose  de 

ä  et  de  bille  1  [=  „Holzklotz"].  En  tout  ras.  le  sens  II  ( „be- 
kleiden" ]  s'osr  developpe  sous  l'influence  de  hdbit.u 

Was  geht  aus  den  angeführten  Ansichren  hervor?  Sicher 
isr.  daß  habiller  nicht  ursprünglich  „bekleiden",  sondern  „aus- 
rüsten" geheißen  hat,  wie  denn  auch  Tobler  nur  „ausrüsten1' 
übersetzt,  wenn  sich  gleich  bei  ihm  schon  Beispiele  wie  la  ou 
l'espousee  s'abille  finden.  Daß  habiller  nur  sekundär  zur  Be- 
deutung „bekleiden"  gekommen  ist,  zeigt  auch  seine  heutige 
Bedeutungssphäre  gegenüber  vetir:  Sachs -Villatte  sagt  s.  v. 
habiller:  „se  vStir,  c'est  couvrir  son  corps  pour  en  cacher  la 
nudite  ou  pour  le  mettre  a  l'abri  des  intemperies  des  saisons; 
s'habiller  reveille,  de  plus,  une  idee  de  parure."  Lafaye,  Dict. 
de  synonymes  sagt  ähnlich  s.  v.  rHu:  „vetu  ou  recHu,  on  est 
couvert;  habiltt,  on  est  ajuste  ou  mis  de  teile  fagon"  und  als 
Beispiele:  ,.les  femmes  en  sont  venues  a  s'habiller  saus  se 
vetirü,  „im  nomine  bien  rHu  peut  etre  mal  habiltt" ,  wozu  man 
noch  le  deshabille  fügen  könnte,  das  nur  ein  „Neglige",  nicht 
absolute  Nacktheit  bedeutet,  sowie  c'est  plus  habiltt,  das  sieht 
stattlicher,  feiner  aus.  in  der  Sprache  der  Modeschneider 
endlich  die  argotische  Ausdrucksweise  comique  habiltt  „c'est 
a  dire  comiques  cm  habit  de  ville"  im  Gegensatz  zu  les 
comiques  vetus  „de  costumes  bouffons",  wie  Delvau  erklärt 
(S.-Vill.  Suppl.).  So  ist  also  in  frz.  habiller  noch  immer  die 
Bedeutung  des  Sich-Herrichtens  erhalten1).  Dazu  kommen 
die  vielen  technischen  Verwendungen   des  Wortes,  die  auf  die 


')  Mit  Ulirecht  ereifert  sich  also  Littre  in  seinem  von  G.  Paris  zitierten, 
Pathologie  verbale  betitelten  Aufsatz:  „Ici,  comme  (laus  plusieurs  autres  cas, 
il  y  a  Heu  de  regretter  qvChabiller,  prenant  le  sens  de  vetir,  puisque  ainsi 
le  voulait  l'nsage,  n'ait  pas  conserve  ä  cote  son  aeeeption  propre.  Habiller, 
Bignifiant  vi-tir,  est  im  neologisme  assez  ingenieux,  mais  peu  utile  en  presence 
de  vetir,  et  nuisible  par  ce  qu'il  a  produit  la  desuetude  de  la  vraie  signi- 
fication."  Gegen  die  in  diesem  Aufsatz  herrschende  Entwicklungsfeindlich- 
keit kann  gerade  das  Paar  habiller-vetir  Protest  einlegen,  indem  es  zeigt, 
wie  eine  vorgeschrittene  Kultur,  der  das  Kleid  nicht  bloß  Körperschutz, 
sondern  auch  Körperschmuck  ist,  diese  beiden  Funktionen  sprachlich  zu 
sondern  strebt.  Den  Rückgang  von  vetir,  den  Gillieron  vielleicht  ans  der 
Unsicherheit  der  Sprecher  in  den  Präsensformen  {je  vets  oder  je  vetis!), 
oder  dem  Zusammenfall  mit  je  vais  erklären  würde,  und  die  Verdrängung 
durch  habiller  schildert  sehr  anschaulich  Cledat  Rer.  d.  phil.  franc.  27,  8 : 
„C'e  verbe  |  vetir]  ne  s'emploie  plus  guere  qu'au  partieipe  passe :  bien  ou 
mal  vetu.  Les  exemples  ,son  valet  de  chambre  l'a  vetu,  il  sait  bien  se 
vrtir'.  donnes  par  Littre,  ne  sont  plus  de  la  langue  actuelle.  On  remplace 
ordinairemeut  vetir,  suivant  les  cas,  par  habiller  on  par  vevetir  .  .  .  Toute- 
fois  habiller  comporte,  dans  son  etymologie,  une  idee  d'adaptation  qui  a 
permis  ä  Marivaux  ä  l'opposer  ä  vetir:  ,11  n'en  porte  que  l'habit,  sa  figure 
en  est  vetue,  et  point  habillee.  pour  ainsi  dire'  .  . .  Mais  c'est  lä  une 
Opposition  toute  litteraire  .  .  .  Si  vetir  etait  reste  dans  la  langue  couraute, 
il  aurait  pris  vraisemblablement  la  conjugaison  inchoative  .  .  .  Cette  forme 
ce  trouve  dejä  chez  des  Portes,  oü  eile  est  blämee  par  Malherbe." 


368  Leo  Spitzer. 

Grundbedeutung  „herrichten"  zurückgehen  und  bei  Sachs- 
Villatte  eingesehen  werden  mögen  (vgl.  außer  <i.  Paris'  habiller 
im  poulet  noch  (r)habilleur  „rebouteur",  also  der  „die  Knochen 
einrichtet"  und  rhabiller  „remettre  en  etat"  Dict.  gen.).  Den 
sekundären  Charakter  des  Wortes  bezeugt  drittens  die  Karte 
rrtir  des  Atlas  linguistique,  auf  der  habiller  das  Zentrum,  vStir 
die  konservativen  Landpartien  einnimmt  und  von  dem  radial 
von  Paris  ausströmenden  Modewort  habiller  verdrängt  wird: 
in  841,  822,  945  wird  vitir  als  veraltet  neben  habiller  ange- 
führt, in  255  nimmt  es  entsprechend  der  ursprünglichen  „den 
Körper  bedecken"  (vgl.  die  Wiedergabe  durch  musser  und 
couvrir  in  484  derselben  Karte)  die  Bedeutung  „mettre  sa 
chemiae"  an.  Daß  ein  Wort  für  „herrichten"  zu  ..kleiden'' 
gelangt,  bezeugt  die  Karte  selbst,  indem  appriter  in  4:2?  Er- 
satz von  vetir  wird. 

Endlich  beweisen  auch  noch  das  Altprov.  mit  abilhar, 
„habiller,  equiper",  davon  abilhamen  (Levy),  das  Altbearn. 
mit  abilhar  „arranger.  reparer"  (Ducamin  Mel.  Chabaneau 
298  mau  abilhat  ,.en  mauvais  etat"  und  Millardet,  Recueil 
de  textes  etc.  S.  253)  und  vielleicht  das  Katal.  mit  katal. 
ahillar.  abillament  (in  beiden  Bedeutungen  belegt  im  Diccionari 
Aguilö  aus  dem  im  15.  Jh.  geschriebenen  Ritterroman  Tirant 
lo  Blanch,  also  vielleicht  Gallizismus?  Die  Belege  bei  Labernia 
kann  ich  nicht  datieren !  Yogel  schreibt  habillar,  also  mit 
einem  frz.  h)  gegen  die  Ableitung  von  habitus.  Übrigens 
hat  auch  it.  abbigliare,  das  bei  Meyer-Lübke  als  Entlehnung 
aus  dem  Frz.  erscheint,  in  alter  Zeit  (Petrocchi  unter  dem  Strich 
und  Tommaseo-Bellini)  ,.rimettere,  in  sesto.  in  buon  termine, 
addobbare.  guarnire"  bedeutet.  Komanelli  Lingua  e  dialetti 
S.  104  verzeichnet  es  unter  „verbi  dialettali  e  barbarici".  auf 
einer  Stufe  mit  fax  toletta:  „abbigliarsi  per  vestirsi  sempli 
ceinente:  giacche  significa  .vestirsi  con  lusso  e  con  eleganza'" 
—  also  genau  mit  der  „feinen"  Nuance  entlehnter  Modewörter. 
Ebenso  bedeuten  die  Gallizismen  ptg.  abilhar  (Cändido  de 
Figueiredo)  und  galleg.  abillar  (Wh.  der  gallegischen  Akademie) 
„ataviar,  adornar".  Das  Sekundäre  der  Entwicklung  zu  „Klei- 
dung" hat  schon  Carpentier  s.  v.  abilkauientum  erkannt. 

Da  somit  Meyer-Lübkes  Etymologie  aufgegeben  werden 
muß,  prüfen  wir  die  Gaston  Parissche.  Vor  allem  sei  be- 
merkt, daß  die  ursprüngliche  Bedeutung  „preparer  un 
arbre  en  bille"  nirgends  im  Altfrz.  belegt  ist:  habiller  un 
arbre  „en  ecourter  les  branches,  les  racines.  avant  de  le 
planter"  bei  Littre  Et.  e  glan.  35  kann  von  „arranger"  aus- 
gehen. Habillot  „morceau  de  bois  qui  sert  a  accoupler  entre 
elles  les  diverses  parties  dont  se  compose  un  train  de  bois 
flotte"  wird  vom  Dict.  gen.  erst  1765  belegt,  kann  übrigens  auch 
von  habiller  „arranger"'  aus  oder  durch  Einmischung  von  bille 
„Holzpflock"  erklärt   werden.    Für  Gaston  Paris  spricht  aber 


Frz.  Imhill ry  —  proc.  avol  —  frz.  billet.  369 

vielleicht  die  Analogie  von  fagoter  „Reisigbündel  machen"  zu 
„sich  herausstaffieren u,  bosser  könnte  noch  von  der  Bedeutung 
bitte  ..Packstock"  ausgegangen  worden,  die  im  Altprov.  schwach 
(bilhador  „Packträger"  bei  Lew),  im  Neupro v.  (vgl.  Mistral  und 
Atlaskarte  cdble)  und  auch  im  Frz.  (Dict.  gen.)  reichlich  belegt 
ist.  Aital.  bilia,  über  das  RE"W  9394  spricht,  gehört  wohl  nicht 
als  „vulgärlat.  für  bilia/  zu  bilicare  1103".  sondern  hierher, 
wenn  auch  der  lautliche  Einwand,  den  Pieri  gegen  die  Zusammen- 
stellung  mir  frz.  bitte  (warum  nicht  :'::biglia?)  erhebt,  bestellen 
bleibt;  der  semantische  fallt  dahin  nach  dem  über  biller  Ge- 
sagten. .Man  könnte  ferner  an  die  Parallele  von  trousser  denken 
(zu  thyrsus  „Packstock",  aber  vgl.  die  Einwände  REW8725),  das 
ja  auch  zur  Bedeutung  „arranger"  gekommen  ist.  Abiller 
wäre  also  „mit  dem  Packstock  festmachen"  >  „fertigmachen" 
(altfrz.  pret  et  habille),  von  wo  aus  einerseits  „ankleiden", 
andererseits  (vgl.  trousser  bagage,  trousser  son  sac  et  ses  qailles 
Courrier  de  Vaugelas  VI  66,  plier  bagage)  „abfahren"  im 
Sinne  von  „weggehen":  so  erklärte  sich  auch  die  von  Tobler 
s.  v.  abiller  angeführte  Bedeutung  „herbeilaufen"  und  Gode- 
froys  Artikel  billier  „s'enfuir"  (den  er  mit  Unrecht  mit  dem 
bitter  .joner  aux  billes'  zusammenschweißte).  Man  beachte, 
dal.)  bei  letzterem  alle?  biller  oft  neben  einfachem  Imperativ 
billez  steht:  „gehen  Sie  sich  packen"  kann  man  sich  neben 
..packen  Sie  sieb!-  ganz  gut  vorstellen.  (Ein  alez  briller,  das 
Lommatzseh  mir  ans  Toblers  Afrz.  Wb.  gütigst  mitteilt,  zeigt, 
dal.')  die  urspr.  Bedeutung  nicht  mehr  verstanden  wurde).  Als 
Einwand  gegen  diese  Etymologie  bleibt  bestehen,  daß  trousser 
„arranger"  allein  eben  nicht  zur  Bedeutung  „habillor",  sondern 
zu  „relever  (les  jupes  etc.)"  gelangt  ist,  ferner  daß  altfrz. 
die  Bedeutung  „packen"  bei  abiller  gar  nicht,  bei  trousser  sehr 
üppig  belegt  ist.  Allerdings  bringt  Philipot  Le  style  et  la 
langue  de  Noel  Du  Fall  s.  v.  contrebiller  ein  biller  ,  zusammen- 
schnüren' aus  Du  Fail  bei.  belegen  Yerrier-Onillon  ein  anjou. 
biller  .her  les  gerbes-.  bitte  ,morceau  de  bois  conique,  long 
de  40  centimetres  environ,  avec  lequel  on  serre  le  lien  des 
gerbes',  dieselbe  Bedeutung  hat  bitte  auch  in  der  Saintonge 
(Jonain)  und  ähnlich  steht  im  Neuprov.  dem  Subst.  biho  ein 
Verb,  bihä  zur  Seite  (Mistral).  Das  von  G.  Baris  angeführte 
desbitter  (vgl.  hierzu  Archiv  123,  427)  kann  garnichts  beweisen, 
sofern  es  einfach „  deshabiller"  heißt  (vgl.  noch  auf  K.  678 
[öle  ton  habit]  die  Antwort  debil  te  in  P.  281  und  bei  Juret, 
Patois  de  Pierrecourt:  debeyi,  ebenso  im  Pikard.  und  in 
Friedrichsdorf,  vgl  Marinier  S.  113)  und  durch  Präffixhyposta- 
sierung  entstanden  ist  wie  desbrier  aus  abrier,  oder  pouiller, 
empouiller  aus  döpouüler  (Thomas.  Nouv.  Ess.  320  und  Atlas- 
karte retir),  mit  dem  übrigens  auch  bitter  auf  derselben  Karte, 
nicht  allzu  fern  vom  Jjouiller-Ty^us.  zu  vergleichen  ist 
'  vielleicht  auch  Einsfluß   des  b- Anlauts  des  lokalen  Vertreters 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XLV  ■•   «.  25 


Leo  Spitzt  r. 

vnii  v&tir2).    Immerhin  heißt  dSbüler  auch  „Pferde  ausspannen, 
die   Schiffe   ziehen",   geht   also    ?on    ,  ausschirren '   aus.     Eine 
gute    Parallele   liieret    aber   rum.    a  plecä  =  plieare   [tendasj 
(Meyer-Lübke  bei  Puscariu   Et.  Wb.  8.  11/)  zn  A/V/Vr  ,  packen 
>  .  weggehen '. 

1  > i »•  Schwierigkeit  bei  der  Littre'schen  Ableitung  von 
einem  *habüiarev)  liegt  offenbar  in  der  lautlichen  Entwick- 
lung: *mirabüiare  gibt  merveillier,  stabilire> establir,  so  müßte 

')  Iu  Westfrankreich  scheint  ilie  Neubildung  vetre  (zum  Partiziii  vetu) 
statt  vetir  nur  zögernd  vor  sich  gegangen  zu  sein :  jedenfalls  ist  die  mund- 
artliche Vielfältigkeit  junger  Worte  im  Westen  auffallend:  pouiller,  biller, 
rober,  nipper,  avpreter,  grae  \=  greer,  vgl.  Table  8.  217 1.  Vielleicht  hat 
zur  Zeit  des  Schwankens  zwischen  inkohativer  und  nicht-inkohativer 
Flexion  (Xyrop,  Gramm,  hist.  II,  S.  55)  den  Sprechern  vollkommenes  Auf- 
geben des  Verbs  in  einzelnen  Gegenden  sich  empfohlen.  Die  im  Südosten 
in  Rom.  Gramm.  II,  S.  153  belegten  veire-Formen  kommen  auf  dem  Atlas 
nicht  zum  Ausdruck. 

3)  Auch  der  Artikel  über  das  Stammwort  habüis  (REW  3960)  läßt 
einige  Kritik  zu;  er  lautet;  „(Prov.,  katal.  a(v)ol  „schlecht",  „elend".  ZRPh. 
VIII.  122  ist  begrifflich  nicht  erklärt.  ADVOLUS  Diez.  Wb.  514,  auch  formell 

schwierig). j-  DEBILIS  2491:  katal.  davol."    Vor  allem  müßte  kat.  davol 

in  die  Klammer  einbezogen  werden,  da  es  doch  eine  Kontamination  des 
unbekannten  Etymons  von  prov.  avol,  nicht  von  habüis  mit  debüis  darstellen 
soll.  Ferner  vermisse  ich  als  Vertreter  von  habüis  altfrz.  able  „geschickt, 
günstig"  (Tobler),  das  in  neuengl.  able  „fähig,  geschickt"  (Brüll,  Unter- 
gegangene it.  veraltete  Worte  d.  Frz.  im  heutigen  Engl.,  S.  2),  in  der  wallo- 
nischen Ableitung  radabler  „reparer,  rajuster"  (Sigart  und  Bull.  d.  dict.gen. 
d.  I.  langue  wall.  1907,  S.  79)  erhalten  ist.  Den  Bedeutungsübergang  von 
prov.  avol  (aus  habüis  „geschickt")  zu  „schlecht"  suchte  ich  Arch.  f.  neu. 
Spr.  1911;  S.  156  durch  Hinweis  auf  Worte  wie  engl,  crafty  „kräftig"  > 
„schlau"  und  dtsch.  schlau  (zu  schlagen,  vgl.  verschlagen)  zu  stützen:  von 
der  Geschicklichkeit  aus  kommt  man  zu  geistiger  Gewandtheit,  dann  zu 
Ränke.  Gemeinheit.  Schlechtigkeit  etc.  (umgekehrt  wird  astutus  „listig"  zu 
„wohlwollend",  Pirson,  La  langue  des  inscr.  S.  277).  Allerding«  müßte  noch 
in  Betracht  gezogen  werden,  daß  bask.  aal  „schwach"  heißt  (De  Azkue  s.  v. 
aul).  So  haben  wir  denn  habüis  bald  in  der  Bdtg.  „fähig",  bald  in  der 
Bdtg.  „schwach"  (daraus  „schlecht",  vgl.  kat.  dolen  „schlecht").  Da  würden 
wir  denn  zu  der  Erklärung  greifen,  die  Schuchardt  Bask.  u.  Rom..  S.  33 
und  52  für  ähnliche  „Gegensinne"  gegeben  hat :  bask.  kupera  „zart, 
empfindlich,  wehleidig"  ~  altspan.  cobrado  „gut,  tapfer"  wird  dort  von 
einem  Mittelbegriff  aus  erklärt:  „Die  BedeutmiLcsdifferenzierung  geht  von 
(re)cuperatus  „rekonvaleszent"  aus ;  die  einen  nahmen  es  als  „noch  schwach", 
die  andern  als  „schon  wieder  stark"."  Aber  kann  habüis  nach  einer 
Krankheit  ein  „schon  Starker"  wie  ein  „noch  Schwacher"  gewesen  sein  ? 
Endlich  könnte  man  von  inhabilis  mit  abgefallenem  (oder  besser  gesagt: 
als  Verstärkungs-in-  wie  iu  incolumis,  indebiti*,  inreprobus  gefaßtem)  in- 
iwie  bei  den  romanischen  Vertretern  von  insulsus.  insanies,  ingluvies  etc.) 
ausgehen,  müßte  allerdings  dann  voraussetzen,  daß  von  jeher  in  Nordfrank- 
reich n  u  r  habüis  (>  afrz.  able  „geschickt"),  in  Südfrankreich-Provence-Kata- 
lonien n  u  r  inhabilis  gelebt  habe,  da  das  Nebeneinanderbestehen  beider 
Wörter  die  Vorsilbe  erhalten  hätte.  Solche  Fälle  von  doppelsinnigen  in- 
(intensive  und  verneinende  Bdtg.)  stützt  Bellezza  Riv.  d.  fil.  42,  305  ff., 
nach  Jdg.  Jahrb.  5.  1H3  zu  urteilen,  durch  zahlreiche  Parallelen.  Einer 
dieser  Wege  wird  wohl  zum  Ziele  führen.  Welcher?  Das  ist  die 
Frage!  —  Hentschke's  Erklärung  Zeitschr.  8,  122  „leicht  zu  haben"  >  „wert- 
los" hat  gegen  sich,  daß  habilis  im  Lat.  nicht  eigentlich  „leicht  zu  haben", 
sondern  nur  „leicht  zu  handhaben"  bedeutet. 


Frz.  habiller  —  prov.  avol  --■  frz.  bittet,  3?  1 

*habili(a)re  entweder  *aveiller  oder  *ablir  ergeben.  Im  Falle 
gelehrter  Entwicklung  aber  müßte  es  in  Analogie  nach  humi- 
l'ier  abitter  heißen.  Wir  haben  allerdings  Fälle,  in  denen  habile 
im  Altf'rz.  mit  -ille  geschrieben  und  auch  gereimt  wird  (so 
Th.  fr.  I  p.  300  habille  von  habiller)  und  diese  Aussprache 
hat  sieh  auch  dialektisch  gehalten:  wsäl.abei  „prompt,  agile" ; 
adv.  ..vite!1'.  morvan  ebij  id.  (vgl.  Pfeiffer  Ein  Problem  der 
roni.  Wortforsch.  S.  26).  Dann  könnte  habiller  eine  dialektische. 
innerfranzösische  Bildung  sein.  Fs  gibt  aber  noch  einen  Weg, 
falls  man  von  habilis  ausgehen  will:  Angleichung  von  *habi- 
Uare  ..herrichten--  an  das  gleichbedeutende  *apticulare 
(RE\Y  564*).  >  afrz.  a(r)tillier,  das  auch  zu  den  Bedeutungen 
..ausrüsten",  „putzen",  it.  attillarai  „sieh  elegant  kleiden" 
(woraus  der  ungarische  Atilla  abgeleitet  ist).  Thomas 
Boot.  40,  105  zweifelt  allerdings  wegen  der  Kürze  des  i  an 
apticulare,  immerhin  ergibt  sich  die  Möglichkeit  des  Einflusses 
von  atiller  auf  habiller.  Man  beachte,  daß  habiliter  im  Afrz. 
u.  a.  „sanner  en  guerre",  „garnir  de  ce  qui  est  necessaire" 
bedeutet,  vereinzeltes  und  spätes  habillonner  „rendre  propre 
a  une  chose.  disposer"  wird  dagegen  nicht,  wie  Ducange 
will,  hierher,  sondern  zu  bitte,  billon  gehören  (es  handelt  sich 
um  Brennholz).  Bei  Ducange  ist  denn  auch  s.  v.  habilimentum 
„apparatus  belli"  (>  afrz.  habillement  de  guerre)  s'habilleter 
„armis  se  instruere"  zitiert.  In  dem  anglolateinischen  Beleg 
s.  v.  habilamentum  erscheint  dies  Wort  neben  artillaria  (exceptio 
semper  armaturis,  artülariis  et  omnibus  aliis  Jtentesiis  et  Habi- 
lamentis  guerrarum*)  und  bei  Tobler  ist  eine  Glosse  Carpen- 
tiers:  abiliier  :  häbüitare  erwähnt.  Tobler  belegt  auch  für 
abiliter  die  Bedeutung  ,.sich  anlegen"  (mit  Fragezeichen); 
ist   .,ein   Kleid   anlegen"    gemeint?6)      Die    Entwicklung    von 


4)  Neben  abülements  haben  wir  auch  in  der  Bedeutung1  „Geräte" 
vutillements  und  artillements,  über  die  Pfeiffer.  Ein  Problem  der  roma- 
nischen Wortforschung  S.  4  und  33  manches  Ungereimte  schreibt.  Aber 
den  Bedeutungsübergang  „Gerät"  >  „Kriegs-  oder  Schiff-Ausrüstung". 
„Kleidung"  belegt  er  reichlich  S.  74 ff.  —  Deutsch  aufgetakelt,  das  in  der 
Übertragung  auf  die  Kleidungsart  an  obzitiertes  greer  erinnert,  betont 
immerhin  das  Auffallende  derselben. 

6)  Rum.  ateiä  „sich  schmücken",  das  Meyer-Lübke  a.  a.  0.  nicht  mit 
apticulare  verbunden  wissen  will,  stellt  Puscariu  Zeitschr.  f.  rom.  Phil. 
1913  S.  112  zu  stilus  destiliare,  in  dem  dis /  tiliare  abgeteilt  worden  und 
nun  *attiliare  (wie  att acher  nach  estacher)  gebildet  worden  wäre.  Dabei 
wird  als  Grundbedeutung  „mit  Stielen  (>  Nadeln)  versehen"  >  „putzen" 
aufgestellt.  Aber  stilus  heißt  im  Romanischen  nur  „Stil"  und  „Stiel". 
nicht  "Nadel" ! 

')  Ist  die  Etymologie  habiliare  +  -leularc  richtig,  so  muß  selbstver- 
ständlich (a)biller  „(herbei)laufen"  fernbleiben.  Dann  wäre  es  mit  bitte 
„Kugel"  zusammenzustellen,  wie  auch  Moisy  biller  du  pied  als  „jouer  aux 
jambes"  erklärt.  Das  Wort  lebt  noch  mundartlich  fort,  so  vielleicht  lothr.  bihi 
„se  dit  des  animaux  qui  prennent  la  fuite  en  levant  la  queue",  das  auch  an  frz. 
billarder  erinnert  [vgl.  aber  jetzt REYV-Wortverzeichnis].  Gehört  zu  letzterem 
auch  ein  bild.  „marcher.  partir,  sortir.  monter,  escalder",  im  Argot  der  savoy- 

25* 


:;;  -.'  Leo  Spitzer. 

„ausrüsten,  herrichten"  zu  „bekleiden,  anziehen'",  die  bei 
habiliare  >  habüler  angenommen  wird,  ist  dieselbe  wie  bei 
den    schon    erwähnten    appreter    and    greer  [=    REW   3739 

Lachen  Schornsteinfeger  Her.  d.  phü.  frang.  ->>.  80,  vgl.  auch  Constantin- 
Desormeanx  in  ihrem  Dict.  savoyard)'?  Ginge  man  von  der  auf  weitem  Gebiet 
erhaltenen  Bdtg.  „schnell"  aus  (vgl.  oben),  so  wäre  (a)biller  natürlich  leicht 
erklärt:  vgl.berry  habüer„ae  hater"  (Cbambnre).  Aber  die  Geschichte  von  bille, 
bülard  ist  ja  noch  lautre  nicht  geklärt  (vgL  REW  s.  vv.  bikkil  und  retortu). 
Bei  dieser  Gelegenheit  sei  angemerkt,  daß  die  Geschichte  des  Wortes  billd 
noch  umstritten  ist.  Während  nämlich  REW  1385  s.  v.  bulla  neben  ital. 
bulla,  bulletino,  frz.  bulletin  auch  frz.  billet  figuriert  und  alle  diese  Wörter 
an-  „Kapsel  an  Diplomen"  >  „Diplom.  Erlaß"  erklärt  werden,  wie  annähernd 
schon  Diez  („gesiegeltes  Blättchen"),  Skeat,  Dict.  gen.  und  am  zögernd- 
sten Littrö  und  New  English  Dict.*)  annahmen,  schreibt  G.  Bai-t  in 
Kluges  Etym.  Wb.  d.  deutschen  Spr.  s.v.  Bill:  ..mit  Unbill  nicht  ver- 
wandt) aus  i^leichbed.  engl. bül,  das  ans  gleichbed.  anglonormannisch 
bille.  eigentl.  zylinderförmiges  Stück  Holz'  dann  , aufgerollte  Urkunde' 
(frz.  dafür  röle  s.  Rodel)  beruht ;  ein  gleichbed.  frz.  *  bille  steckt  in  der 
Verkleinerungsform  Billett."  Die  Diez -Littre -Dict.  gen.- REW- Deutung 
ist  leicht  als  irrig  zu  erweisen:  ü  entwickelt  sich  afrz.  nicht  zu 
i  und  11  nicht  zu  j  (ein  vereinzeltes  buille  bei  Garnier  de  Pont  St.  Maxence 
beweist  nichts)  und  ferner  haben  wir  altprov.  bilheta,  weiblichen  Geschlechts 
wie  afrz.  billette  „lettre  de  sauf  conduit",  „pancarte  clouee  ä  un  poteau, 
dans  les  endroits  oü  il  y  a  ä  payer  peage",  in  ersterer  Bdtg.  bei  God.  ab 
1389,  in  letzterer  ab  1456  belegt,  womit  das  Femininum  als  ältere  Form 
dem  erst  im  16.  Jh.  (im  Latein  der  Kanzlei  schon  im  15.  Jh.)  erscheinenden 
billet  gegenüber  gesichert  ist.  Dieses  billette  lebt  heute  noch  in  Savoyen 
(Constantin-Desormeaux).  Ein  billot  des  14.  Jh.  leitet  Littre  richtig  von 
bille  „Holzklotz"  ab:  „la  pancarte  du  peage,  ainsi  dite  du  pieu,  du  billot 
auquel  eile  etait  attachee",  dann  hätte  er  logischerweise  s.  v.  bül  nicht 
Einfluß  von  bille  „Holzklotz"  auf  bulla  annehmen  sollen.  Aber  wenig- 
stens sieht  Littre  die  Unmöglichkeit  der  lautlichen  Vereinigung  von  bulla 
und  *  bilia.  Da,  wie  man  gesehen  hat,  die  ältere  Bedeutuug  des  billette 
Geleit„schre  iben"  ist  wie  die  des  heutigen  billet  (auch  prov.  bilheta  hat 
nur  diesen  Sinn),  so  wird  mau  annehmen,  die  Bdtg.  „Anschlagtafel"  sei 
jünger  und  habe  gar  nichts  mit  dem  „Pflock"  zu  tun,  an  den  die  Tafel 
genagelt  ist.  Trotzdem  bleibt  billet  Ableitung  von  bille  „Holzpflock".  Wie 
nämlich  die  anglonorm.  Beispiele  von  bille  (vom  13.  Jh.  au,  also  älter  als 
billette,  bei  God.  und  Du  Gange)  „ordonnance,  requete"  lehren,  ist  tatsäch- 
lich der  von  Raist  angedeutete  Bedeutungsübergang  aiminehmen.  um  so  mehr 
als  engl,  bül  (zuerst  in  einem  anglolat.  Text  von  1^72  belegt)  auch  durch 
diese  Etymologie  erklärt  wird.  Daß  bulle  „Bulle"  (urspr.  also  „Siegel") 
und  bille  „Rill"  (urspr.  „Rolle")  inhaltlich  das  Gleiche  bezeichnen,  ist  eine 
andere  Sache  (übrigens  erst  relativ  spät  tritt  Verwechselung  ein,  so  wird  erst 
1450  bül  von  der  päpstlichen  Rulle  gebraucht).  Auch  im  Deutschen  kon- 
kurrieren dann  Billett-  und  Bulletin -Formen  (Klue:e).  Brandstetter  DieLc/nt- 
wörter  der  Luzerner  Mundart  S.  27  sagt  richtig:  „bolete  .  .  .  <C  ital.  bolletta 
und  biUt  .  .  .  <  franz.  billet  haben  in  der  L|uzemer]  Mfundart]  die  gleiche 
Bedeutung  .Fahrkarte",  es  sind  aber  wohl  etymologisch  verschiedene  Wörter." 
Wollte  man  von  Godefroy's  und  Littre  s  Deutung  s.  v.  billette,  resp.  billot 
..la  pancarte    du  peage,    ainsi    dite    du   pieu.   du    billot    auquel    eile   etait 

*)  Dieses  sagt  richtig:  „bulla  was  probably  pronounced  with  ü,  passing 
into  Eng.  y,  i;  though  no  direct  evidence  of  this  has  been  found."  Merk- 
würdigerweise weiß  "Wattenbach,  Schriftwesen  im  Mittelalter  S.  123,  auch 
nichts  anderes  zu  sagen  als:  „Von  bulla  ist  deminutiv  gebildet  franz. 
bulete,  buletin,  billet"  . .  . 


Frz.  habiüer  —  prov.  avol.  —  frz.  bükt.  373 

urspr.  =  „zurüsten")  der  Karre.  Auch  Squipage,  mit  dem 
ulrtYz.  dbittement  oft  wiederbeleben  werden  muß.  neigt  zur 
Bedeutung  „Kleidung",  wie  der  Satz  in  Molierea  Am.  med.  TU,  3 
zeigt:  Clitandre  en  habit  de  medecin:  „Eh!  bien,  Lisette,  que 
dis-tu  dt'  mon  eguipage?  Crois-tu  qu'avec  cet  habit  je  puisse 
du  per  le  bonhomme?"  Ilabit  wäre  hier  mir  „Anzug",  6qui- 
ji'/i/i  mit  „Aufzug"  zu  übersetzen!  Nicht  ganz  dasselbe  wie 
die  vorstehenden  Zeilen  sollen  wohl  Herzogs  Worte  LtJtl. 
1900  Sp.  65  besagen,  der  nach  Verurteilung  der  ä  -j-  bille- 
Etymologie  bemerkt:  „In  dem  heurigen  Wort  dürften  aller- 
dings zwei  Wörter  zusammengeschmolzen  sein,  das  eine  eine 
Ableitung  von  habile,  das  zweite  von  abi  (habit)  nach  der 
Proportion  peri(z)  :  peril' er  =  abi(z)  :  abil'er  etc.  gebildet." 
Man  muß  dann  wohl  für  afrz.  abiller  Ableitung  von  habilis 
annehmen,  in  dem  habit  sich  eingenistet  hat:  denn  eine  plörz- 
liehe  Neubildung  habit  ~  liabiller  wird  nicht  plausibel  sein. 
da  ein  semantisch  so  nahestehendes  abiller  „herrichten"  schon 
bestand.  Jene  Proportion  kann  höchsrens  die  Bedeutungs- 
entwicklung zu  ..bekleiden1'  unterstützt  haben.  Also  nicht  zwei 
Wörter  sind  verschmolzen,  sondern  ein  Wort  ist  dem  anderen 
ins  Gehege  gekommen  und  har  daher  seine  Bedeutung  umge- 
modelt: habiüer,  mit  habit  nach  dem  Schema  peri(l)  ~-  periller 
in  Zusammenhang  gebracht,  entwickelte  aus  „herrichten"  die 
Bedeutung  ,.bekleiden". 

Somit  wäre  die  etymologische  Zusammenstellung  von  habit 
und  habiller,  die  heute  wohl  jeder  Franzose  unwillkürlich  voll- 
zieht, historisch  ebensowenig  berechtigt  wie  die  von  poser  und 
position,  wo  das  eine  vonpausare,  das  andere  von  ponere  kommt, 
oder  von  recouvrer  (>recuperare)  und  couvrir,  von  consommer  und 
consumer,  oder  endlich  —  ein  mir  von  Prof.  Herzog  zitiertes  Bei- 
spiel —  die  heurige  Beziehung  von  modern  zu  Mode,  während  es 
urspr.  zu  lr.  modo  „jetzt"  gehörte.  Wir  haben  es  also  mit 
einem  Fall  von  „pathologie  verbale",  von  einer  durch  zufällig 
konvergierende  Lautentwicklung  bedingten  semanrischen 
Sippenbildung  zu  tun  und  —  merkwürdig!  —  gerade  von 
unserem  Worte  har  Breal  schon  den  Grillieron'schen  Terminus 
gebraucht  in  Erwiderung  gegen  einen  „Pathologie  du  langage" 
berirelren  Artikel  lärrre's.  welch  letzterer  allerdings  unter 
„Sprachleiden"  nur  „Sprachentwicklungen"  verstand.  A.a.O. 
sagt  nämlich  Breal:  „Le  seul  cas  oü  il  puisse  etre  legitimement 
parle  de  pathologie,  cest  le  cas  oü  un  mor  est  employe  par 
pour  un  autre.  soit  a  cause  dune  ressemblance  de  son.  soit  erreur 

attachee"  ausgehen,  so  böte  sich  Parallelentwicklung  mit  altt'rz.  estiquette 
(zu  d.  stecken),  das  urspr.  „marque  fixee  ä  un  pieu",  dann  „ecriteau,  billet" 
heißt  und  heute  in  englisch  ticket  und  dem  entlehnten  frz.  ticket  ein 
Konkurrent  des  frz.  bület  geworden  ist:  aber  da  bitte  in  den  ältesten  Belegen 
mit  „cedule"  aleiehsestellt  wird,  können  wir  die  beiden  Wörter  nur  wegen 
ihres  gemeinsamen  Ursprungs  aus  der  Kanzleisprache  vergleichen. 


:;;  -4  Leo  Spitzt  r. 

par  suite  de  quelque  autre  accident"  [folgen  die  obzitierten 
Worte  über  die  Konfusion  zwischen  habit  und  hdbiUer].  Auch 
Grillierons  Wort  vom  „accident  phonetique"  ist  also  hier 
wühl  vorgeahnt!  So  ist  es  denn  kein  Wunder,  wenn  auf 
K.  ton  habit.  changer  d' habit,  habit  tieuf  die  Typen  habille- 
ment,  habillagt  vorkommen.  Nur  Flaubert  ist  so  naiv.  habiUer 
un  lapin  „preparer  un  \.u  ;il>  sekundäre  Bedeutungsentwicklung 
und  habitler  „bekleiden"  als  das  Frühere  anzunehmen:  ,,Xotre 
moi  se  rtimprend  parfaitement  lorsqu'on  a  vn  aux  etaux  de 
Paris  la  roilerte  sous  laquelle  on  presente,  aux  regards  des 
passants,  les  veaux  et  los  boeufs  non  encore  depeces."  Hier 
ist  einmal  d;is  kulinarische  Weltzentrum  Paris  wenig  von  Ein- 
fluß -cwcscn  und  die  „Toilette"  der  Schlachttiere  sowie  der 
Gerichte  {pommes  de  terre  en  robe  de  chambre  und  dgl.i  ist 
„modern"  gegenüber  den  habillemens  de  guerre,  den  kriege- 
rischen Geräten  des  Mittelalters. 


Der  in  dieser  Form  1916  eingereichte  Artikel  (vgl.  auch 
meine  Bemerkung  G  G  A.  1917  S.  440)  wurde  nun  durch 
Btorf,  Berl.  Sitzgsber.  1917  S.  499  überholt,  der  in  aller  Kürze 
die  erste  der  von  mir  vonnuteten  Erklärungen  —  und  /war 
die  heute  von  mir  für  wahrscheinlicher  gehaltene  —  hietet "). 

7  Morf  schrieb  mir,  daß  er  an  die  von  Tobler  angenommene  mid  von 
mir  a.  a.  0.  übernommene  Bedtg.  von  at'rz.  abiller  „herbeilaufen-*  nicht 
glaube  und  auch  hier  „ausrüsten"  übersetze:  die  Stelle  (aus  Guill.  (oiiart) 
lautet:  Par  devers  Tybaut de Cepoi  JEn  reveissiez  abiller  Maint  cent  charekie 
[et]  maint  mülier.  Morf  faßt  auch  habit  urspr.  als  „geistliches  Gewand". 
vgl.  Godefiroy  und  das  Sprichwort  l'habit  ne  fait  pas  le  nutine:  diesen 
feierlichen  Charakter  des  Gewandes  sehe  ich  noch  heute  in  der  Bedeutung 
habit  „Frack.  Abendanzug",  aber  auch  in  der  italienischen  Unterscheidung 
zwischen  vestito  und  abito:  Romanelli  1.  c  S.  142  Anm.  belehrt  uns  darüber: 
„Quello  uel  Lazio  e  sempre  da  nomo,  questo  da  donna.  e  in  alcuni  casi, 
signorilmente,  da  nomo".  Mit  dem  Übergang  des  habit  in  weltliches  Milieu 
war  die  Möglichkeit  der  Beziehung  zu  abiller  tre^ebeii. 

Wi  en.  Leo  Spitzer. 


Span,  dibujar  „zeichnen"  =  afrz.  deboissier. 

REW   Nr.  L43Ö  s.  v.  buxus  „Buchsbaum"  heißt  es: 

„(Prov.  deboisar  „zeichnen",  katal.  debuixar  (  •  span.  dibu- 
jar, portg.  debuixar)  ( 'nervo.  Dicc.  isr  formell  auffällig,  da  de- 
nicht  recht  verständlich  ist)." 

('nervo  gibt  a.  a.  0.  unter  Vorbehalt  folgende  Erklärung: 
„Esta  voz  tenia  en  cast.  ant.  nn  sentido  mas  lato,  pues  se 
usaba  como  sinönimo  de  pintar,  y  su  forma  apoya  la  cori- 
jetura  de  Covarrubias,  acogida  en  el  Dicc  .Autor.,  de  (]iie  es 
compuesto  de  boj  (port.  buxo,  cat.  !>oix,  prov.  hois).  por  lo  fre- 
cuente  «pie  era  la  pintura  en  tablas  de  esta  madera;  en  ral 
Bupuesta.  la  formaciön  seria  remedo  de  depingere,  describere, 
v  sobre  todo  de  verlies  como  deaurare,  decolorare,  deflorare, 
tan  comunes  en  la  baja  latinidad.  Ducange  trae  debuxare" 
[in  der  ßedtg.  delineare].  Zehn  Jahre  vor  Cuervo  hat  übrigens 
schon  Suchier  in  seinen  Denkmälern  prov.  Lit.  u.  Spr.  im  Glossar 
s.  v.  deboyssar  dieselben  Wörter  zusammengestellt  und  als 
Etymologie  angegeben:   ..Von  lat.  buxum  .Schrifttafel"."' 

Ich  möchte  in  den  folgenden  Zeilen  die  Wahrheit  der 
('nervo  sihen  Annahme  erhärten.  Vor  allem  sei  bemerkt,  daß 
die  altspanische  Bedeutung  des  Wortes  nicht  nur  „malen", 
sondern  auch  „ausmeißeln"  ist.  wie  Cuervos  Beispiele  aus 
dem  13.  Jh.  zeigen:  E  en  todos  las  labores  puso  y  el  pilares 
de  marmol,  e  mandölo  cobrir  de  oro  e  de  plata  e  fizolos  todos 
debuxados  (Crön.  gen.).  wo  es  sich  doch  offenbar  um  Skulp- 
turen, nicht  um  polychrome  Statuen  in  der  Art  unseres  Klinger 
handelt,  ebenso  Eso  mesmo  decimos  que  serie  si  alguno  de- 
buxasse  6  entallase  para  si  en  piedra  6  en  i>i</<hr<>  ajenö  (Part.). 
Dieselbe  Verbindung  mit  dem  Verbum  entalhar  „schnitzen" 
findet  sich  im  Aprov. :  siehe  Levy,  Suppl.-Wb.  s.  v.  de(s)b<risar, 
der  ..aushauen,  meißeln"  übersetzt.  Die  Übersetzung  Ray- 
nouards  (11,24.1)  „6ter  du  bois.  degrossir,  representer,  sculpter" 
scheint  von  der  Etymologie  frz.  hois  „Holz"  auszugehen,  wie 
denn  das  Wort  auch  unter  bosc  ,.bois"'  erscheint:  aber  dann 
müßte  es  prov.  *desboscar  heißen,  wie  wir  ja  emboscar  auch  tat- 
sächlich belegt  finden.  Aber  mit  „sculpter"  hat  Raynouard 
zweifellos  das   Richtige  getroffen. 

A'on  Cuervo  und  Meyer-Lübke  wird  nun  aber  nicht  er- 
wähnt, dalj  es  ein  altfrz.  debo(u)is.<Her  gibt,  von  dem  Godefroy 
schreibt :  „exprime  l'idee  d'öter  du  bois,  de  degrossir,  d'ebaucher, 


376  Leo  Spitzer. 

et  celle  de  travailler  artistement,  mais  sana  que  oous  puissions 
fixer  le  genre  et  le  mcrite  particulier  de  ce  fcravail.  Pro- 
bablement  1«'  Bens  premier  <isr  sculpter,  et  ce  qu'on  a  dit 
d'abord  du  bois  s'esi  ensuite  applique,  par  extension,  ä  dos 
matieres  fcrea  variees",  wo  wir  schon  wegen  des  s-Lauta  (vgl. 
dÖboiser  „entforsten")  die  pseudoetymologische  Übersetzung 
,.<*>ter  du  bois"  nicht  anerkennen  werden,  aber  die  Angabe, 
die  iirspr.  Bedeutung  sei  „meißeln",  Pesthalten  müssen:  in  den 
Belegen  ist  wieder  deboissier  neben  entaillier  gestellt :  es  handelt 
sich  um  Pfeiler  aus  Elfenbein  u.  dgl.  und  das  sotiltnent  debouissie 
würden  wir  mir  ..fein  ziseliert"  (beachte  a  cisel  bien  entailliS !) 
wiedergeben.  Wenn  allerdings  auch  Beispiele  mit  deboissier 
neben  peindre  vorkommen,  so  hat  sich  wie  im  Altspan,  und 
Altprov.  die  Bedeutung  schon  zu  „darstellen"  (im  allgemeinen) 
\ erschollen.  So  sagt  denn  auch  Förster  in  der  Anm.  zum 
Karrenritter  I  V.  5843,  große  Ausg.)  deboissent:  ..  , bilden'  (vom 
Bildhauer),  , malen'  —  später  in  übertragenem  geistigen  Sinn 
, beschreiben ' ;  s.  deboisse  im  Renartsuppl.  Chabaille's,  welche 
Stelle  Godefroy  irrig  unter  deboiser  (sie!)  setzt  und  falsch  er- 
klärt" und  im  Wörterbuch  zu  Chrestiens  Werken  wird  die 
Etymologie  debuxare  festgehalten.  Lommatzsch  teilt  mir  die 
Etenartsuppl. -Stelle  aus  Toblers  Materialien  mit:  En  maint 
endroit  pense  et  deboise  (:  angoisse)  Coument  se  porroit  consillier, 
also  . sich  ausmalen,  nachdenken'". 

Schlagen  wir  nun  bei  God.  das  Wort  bouis  „buis"  (nach 
KKW  s.  v.  buxus  ist  diese  mittelfrz.  Form  entlehnt  aus  prov. 
bois)  auf:  da  finden  sich  folgende  Belege:  „Le  buix  est  ung 
arbre  qui  est  toujours  vert,  et  pour  la  legieret»'-  de  sa  matiere 
est  apt  a  faire  des  tables  pour  escrire  car,  quant  il  est  bien 
poly  ou  tire,  on  y  forme  des  lettres  et  si  Ten  defface  Ten  legiere- 
ment"  (a.  1360).  „ung  petit  benoistier  de  böuys  ouvre  ä  ymages. 
et  au  devant  a  une  ymage  de  Notre  Dame  de  Pitie"  (a.  1471), 
auf  das  Schnitzen  von  Gefäßen  aus  Buchsbaumholz  weist  auch 
der  Bedeutungswandel  „vase  ä  boire,  en  buis''  (ebenda), 
vgl.  noch  die  Ausführungen  Helm 's,  Kulturpflanzen  und  Haus- 
tiere*. S.  134  u.  603.  Schrader's  Reallexikon  s.  v.  Buchsbaum, 
Kluge  s.  v.  Büchse  und  über  frz.  boussole,  ital.  bossola  ..Kompaß"' 
vgl.  Romania  V.  170.  Schon  Georges  nennt  s.  v.  buxus  die  Be- 
deutung „aus  Buchsbaumholz  bereitete  Gegenstände,  so  Flöte, 
Kreisel.  Kamm,  Schreibtafel",  und  Ahnliches  liest  man  bei 
Ducange.  der  mit  „diptychum"  übersetzt.  Vor  allem  aber  sei 
erwähnt,  was  De  Lespinasse-Bonnardot  in  ihrer  Ausgabe  des 
Livre  des  metiers  von  Etienne  Boileau  (Hist.  gen.  d.  Paris  XU) 
S.  LH  mit  Bezug  auf  Titre  LXYIII  S.  140  des  Livre  zu  be- 
richten wissen:  „Les  Tabletiers  faisaient  des  tables  ,  a  escrire 
ou  a  pouretraire',  c'est-ä-dire  de  petits  carnets  composes  de 
minces  plaquettes  de  bois  dur,  d'ivoire  ou  de  corne,  que  nos 
ancetres    portaient    suspendus   l\    la    ceinture   .  .  .    Toutes  les 


Span,  dibujar  „zeichnen"       afrz.  deboissier.  377 

feuilles  d'une  table  devaient  etre  d'un  meme  bois.  Le  plus 
commun  etait  la  famtr.  le  h&tre,  ensuite  le  b  u  i  s  ...  On 
les  enduisait  d'une  couche  de  cire  sur  laquelle  ou  ecrivait 
avec  im  stylet:  les  Statuts  defendent  de  ,mettre  s\i i t'  avee 
cire'."  Wattenbach,  Schriftwesen  im  Mittelalter  (1871)  S.  373 
erwähnt  außer  diesem  Beleg  noch  einen  italienischen,  nach  dem 
Ambrogio  Traversari  um  1430  an  Francesco  Barbaro  um 
tabellas  buxeas,  qaales  fiunt  apud  vos  venustissimas  cum  stylo 
und  1432  um  Nachsendung  seiner  tabellae  bu.reae  schreibt,  ferner 
erwähn!  Wattenbach  S.  65  auch  12  in  der  Berliner  Bibliothek 
befindliche  Buchsbaumtäfelchen  „mit  sehr  sauber  ausgeführten 
Bleistiftzeichnungen  eines  niederrheinischen  Künstlers  aus  dem 
15.  Jahrhundert.  Es  kann  also  kein  Zweifel  in  sachlicher  Be- 
ziehung darüber  bestehen,  daß  die  Etymologie  *debuxare  (von 
buxus  „Buchsbaum")  im  urspr.  Sinne  von  „aus  Holz  schnitzen" 
möglich  ist.  Nun  fragt  sich  noch,  ob  der  von  Meyer- Lübke 
eingewendete  formelle  Grund,  die  Unerklärbarkeit  des  Präfixes 
de-,  zu  Recht  besteht. 

De-buxare  könnte,  wieCuervo  meint,  sich  nach  depingere(\g\. 
aprov.  depenher,  depintar,  afz.  dipeindre),  describere,  designan 
(>  ital.  disegnare  ..zeichnen"!'),  delineare  (mit  dem  es  bei  I)u- 
cange  glossiert  wird)  gerichtet  haben,  ähnlich  wie  wir  nach 
abschreiben,  abbilden,  abkonterfeien  ein  abknipsen,  abkodaken 
etc.  bilden:  weniger  kämen  Fälle  wie  deaurare  in  Betracht. 
Debu.rare  hieße  dann  „auf  (oder:  aus)  Buchsbaumholz  dar- 
stellen", d.  h.  entweder  in  Schnitzarbeit  oder  mit  Malerei  auf 
Buchsholztafeln.  Gerne  gebe  ich  zu.  daß  ein  ganz  gleichge- 
artetes Beispiel  in  den  Materialsammlungen  bei  Cooper  und 
Paucker  nicht  zu  finden  war.  Aprov.  desboisar  ist  wohl  sekun- 
däre Vertauschuug  von  de-  und  dis-,  wie  sie  im  Archiv  f.  lat. 
Lex.  XI,  358  und  XV.  124,  Rom.  Gramm.  II.  573  besprochen 
wird  (vgl.  noch  ptg.  debulhar  statt  desbulhar  aus  lt.  spoliari, 
Goncalvez  Viana.  Apostilas  etc.   1,  S.  360). 

In  diesem  Zusammenhang  sei  auf  frz.  bo'esse  „Meißel  zum 
Ausputzen  des  Stichels1'.  „Kratzbürste",  hingewiesen,  das  nach 
Thomas  Essais  d.  phil.  frang.  S.  313  (=  Rom.  26,  429)  aus 
gratte-boesse  gekürzt  ist,  welches  seinerseits  aus  prov.  grato- 
bouisso  entlehnt  sei.  Thomas  nimmt  für  den  zweiten  Teil 
Zusammenhang  mit  bouissä  „kehren"  an:  es  handle  sich  um 
zwei  imperative,  gewissermaßen:  „kratze -kehre!".  Gade. 
Urspr.  u.  Bdtg.  d.  .  .  .  Handwerkzeug  nahmen  im  Franz.  S.  24 
scheint  anders  zu  denken:  nach  zweifelnder  Anführung  der 
Etymologie  bouis  =  lt.  buxum  fährt  er  nämlich  fort:  „Ursprüng- 
lich war  gratte-boesse  oder  prov.  grato-bouisso  also  ein  Kratz- 
eisen des  Holzarbeiters  und  ging  dann  in  ähnlicher  Verwendung 
in  das  Gewerbe  des  Graveurs,  Ciseleurs  über."  Er  geht  also 
nicht  von  bouissä  „kehren",  sondern  von  prov.  bouisso  (=  frz. 
buis   „Glättholz")  aus.  gewissermaßen:   „Kratze",  „Glättholz". 


Leo  Spitzer. 

Mir  Grade  braucht  nuiii  allerdings  oichi  anzunehmen,  dal;)  das 
ungebräuchliche  -isse  durch  -esse  ersetzt  wäre:  das  Suffix  -esse 
ist  ja  durchaus  abstrakt).  Dann  könnte  aber  *debuxare  urspr. 
„abglätten",  „alles  Nicbt-Glatte  herunterschneiden"  mit  dein 
de-  „herunter"  wie  in  defalcare,  «heulen,  delimare,  bedeutet 
halicn.  Der  Präfixwandel  von  de-  zu  des-  wäre  mit  span.  des- 
falcar  ans  dem  erwähnten  lat.  Wort  defalcare  zu  vergleichen. 
At'rz.  esbochier  „degrossir  du  bois"  wird  von  G-ade  S.  35  irr- 
tümlich von  buxus  abgeleitet,  während  nördliche  esboquier- 
Formen  sowie  die  Bedeutung  für  Ableitung'  von  bosc-  I  frz. 
bois)  sprechen.  Xisard.  De  quelques  parisianismes  populaires 
S.  34  erwähnt  donner  le  bouis  im  18.  Jahrh.  im  Sinne  von 
„achever,  perfectionner,  donner  la  facon"  und  erklärt  dies  uns 
bouis  „Glättholz"1).  Ob  aber  dieselbe  Redensart  in  der  I5e- 
deutung  ..faire  im  compliment,  louer,  flatter"  nicht  eine  zwei- 
deutige AiiMlrucksweise  ist.  die  urspr.  an  sfaz.boisier  „betrügen" 
(=  REW  s.  v.  L006)  anknüpft?  Jedenfalls  gehört  dahin  das 
von  Xisard  ebenfalls  hierhergezogene  rebouiser  im  Sinne  von 
.. tromper.  inettre  dedans"  (vgl.  bei  God.  reboisier  „tromper, 
devenir  lache1').  Rebouiser  im  Sinn  von  „tancer,  rabrouer, 
brutaliser"  vergleicht  sich  mit  frz.  Hriller  ..striegeln-'  >  „miß- 
handeln.  prügeln"  und  stammt  von  bouis  im  Sinne  von  „fouet" 
(vgl.  Rolland  S.  -244.  ferner  Sainean,  L'aryot  ancien  S.  186 
und  Les  sources  de  Vargot  ancien  S.  293  s.  v.  bouiser  „fouetter"). 
Daß  bei  donner  le  bouis  ..schmeicheln"'  an  den  primitiven 
Brauch  des  Äfaigrußes  an  das  Mädchen  (buis  de  mal)  zu  denken 
wäre,  wofür  bei  Rolland.  Flore  pop.,  und  bei  Mannhardt,  Wald- 
und  Feldkulte,  viele  Belege  zn  finden  sind,  erscheint  mir 
weniger  wahrscheinlich. 

\  or  allem  kommt  aber  für  * debuxare  formell  wie  seman- 
tisch das  Vorbild  von  dedolare  „aushauen,  ausmeißeln"  in 
Betracht.  Anläßlich  seiner  Etymologie  (griech.  oi'kxoc,  „Schreib- 
tafel" zu  lat.  dolore)  bemerkt  W.  Schulze  Z.  f.  vergl.  Spr.  45. 
S. 235:  ..Was  Hieronymus  epist.  8.  1  (I,  32 3  llilberg)  über  das 
älteste  Schreibmaterial  der  [taliker  sagt:  ante  chartae  et 
membranarum  usum  aut  in  dedolatis  ex  ligno  codicellis 
out  in  cortieibus  arborum  mutua  epistularum  adloquia  missitabant ; 
unde  ef  porHtores  eorum  tabellarios  et  scriptores  a  libris  arborum 
librarios  voeavere,  soll  zwar  nach  Absicht  des  Autors  nur  die 
lateinischen  Wörter  erläutern,  liest  sich  aber  zugleich  wie  eine 
ungewollte  Rechtfertigung  des  Etymologen,  der  zuerst  oeXio; 

')  Von  der  Bedeutung  ..Glanz"  aus  argott'rz.  rebouiser  „regarder". 
Sainean  zitiert  als  Parallele  reluit  „oeuil",  vgl.  auch  Tallgrens  Beispiele 
Neuphil.  Mut.  1912  S.  21  und  1914  S.  91.  Das  ribouis  „soulier"  des  Kriegs- 
argots, 'las  Sainean  L'aryot  des  tranchees  S.  160  belegt,  aber  nicht  erklärt 
(vgl.  auch  Sachs-Villatte  Snppl.),  gehört  ebenfalls  zu  rebouiser.  Hierher 
wohl  auch  bouif  .Schuster'  im  Soldatenfranzösisch  (Barbusse  Le  feu  S.  22), 
vgl.  deutsche    kölnische  Schusternamen   wie  Knieriem,  vom  Werkzeug  her. 


Span,  dibujar  „zeichnen"  =  afrz.  deboissier.  379 

zu  dolare  in  Beziehung  gesetzt  hat."  Vgl.  mich  vasculum  crys- 
tatto  dedolatum  bei  Apulejus  met.  6,  13  —  da  das  vasculum 
oft  aus  Buchs  war  (siehe  Godefroy  und  noch  Unlands  Schenk 
von  Limburg:  Es  hin;/  ihm  an  der  Seiten  Ein  Trinkgefäß  von 
Buchs),  so  konnte  es  statt  vasculum  hu.ro  dedolatum  leicht  vas- 
culum debuxatum  heißen.  Das  de-  in  dedolare,  defustare  etc. 
ist  nach  E.  Thomas  Studien  z.  tat.  u.  griech.  Sprachgesch.  8.  9 
perfektiv. 

Span,  dibujar  hat  Bieyer-Lübke  mit  Hecht  als  Entlehnung 
aus  dem  Karal.  gefaßt;  da  span.  boj  nach  Maßgabe  seines 
Auslauts  aus  katal.  box  entlehnt  sein  muß,  so  bleibt  für  das 
abgeleitete  altspan.  debujar  auch  nichts  anderes  übrig:  aus 
altspan.  debujar  wurde  später  dibujar,  wohl  nicht,  wie  ('nervo, 
Apuntaciones  criticas  etc.  S.  571  meint,  als  Reaktion  gegen 
das  volkstümliche  c  in  revir,  sondern  entsprechend  dem  volks- 
tümlichen Wandel  von  e  zu  i,  wie  ihn  Wagner.  Beitr. z. Kennt- 
nis des  Judenspan.  S.  92  kennzeichnet  (vgl.  difunto,  diputadoi}. 

Zum  Schlüsse  wäre  noch  dem  Einwand  zu  begegnen,  daß 
Lew  im  Petit  dict.  desboisar  mit  q  annimmt.  Aber  keine  der 
angeführten  Stellen  zeigt  v,  ja  überhaupt  das  Wort  im  Keim, 
während  fürs  Altfranz,  durch  die  in  Förster-Breuers  Chrestien- 
Wörterbueh  angeführten  Stellen  (Reim  deboisse  -  connoisse, 
vgl.  oben   den   Reim  mit  angoisse)  o-Yokal  gesichert  ist. 

Wi  en.  Leo  Spitzer. 


Referate  und  Rezensionen. 

Zwei  altfranzösische  Dichtungen.  La  Cltaatelaine  de 
Saint  Gille.  Du  Chevalier  au  barisei.  Neu  hersg. 
mit  Einleitungen.  Anmerkungen  und  Glossar  von 
O.  Schultz- Gor a.  3.  verbess.  und  erweiterte  Auf- 
lage. Halle  a.  S.:  Niemeyer  1916. 
Daß  sich  so  bald  nach  dem  Erscheinen  der  zweiten 
Auflage  (1911)  das  Bedürfnis  nach  einer  neuen  Auflage  des 
vorliegenden  Werkes  herausstellte,  beweist  am  besten,  wie 
gut  es  seinem  Zweck  entspricht:  die  Studierenden  werden,  an 
der  Hand  zweier  geschickt  gewählter  kleiner  Texte  durch 
Einleitungen,  Anmerkungen  und  Glossar  zu  gründlichem 
Verständnis  des  Altfranzösischen  angeleitet  und  erhalten  eine 
klare  Vorstellung  von  den  an  die  Erklärung  eines  alten 
Textes  zu  stellenden  Anforderungen  in  literarischer,  gramma- 
tischer und  stilistischer  Hinsicht.  Die  neue  Auflage  ist 
diesem  Ziele  durch  Aufnahme  des  ganzen  Variantenapparates 
der  zweiten  Dichtung  —  die  erste  ist  nur  in  einer  Handschrift 
überliefert  —  noch  ein  gutes  Stück  nähergekommen.  Erst 
jetzt  wird  die  Frage  des  Handschriftenverhältnisses,  die  bei 
diesem  Gedichte  nicht  ganz  einfach  zu  beantworten  ist, 
gründlich  geprüft  und  etwa  auch  bei  Seminarübungen  erörtert 
werden  können.  Zweifellos  geht  ja  keine  der  vier  Hand- 
schriften direkt  auf  das  Original  zurück:  an  mehreren  Stellen 
hat  der  Herausgeber,  der  A  soweit  als  möglich  folgt,  sich 
genötigt  gesehen,  den  Wortlaut  aus  mehreren  Handschriften 
zu  kombinieren,  und  wie  hier  so  ist  auch  an  anderen  Stellen 
die  Vermutung,  daß  keine  der  Handschriften  Ursprüngliches 
biete,  unabweisbar.  Zumeist  gehen  BCD  zusammen  gegen 
A.  nicht  selten  aber  auch  AB  gegen  CD.  Da  jede  Gruppe 
gelegentlich  unzweifelhaft  Falsches  bietet,  so  entsteht  die 
Frage,  ob  der  Herausgeber  da.  wo  jede  Gruppe  eine  mögliche 
Lesung  hat.  A(B)  oder  (B)CD  folgen  soll.  Eine  Prüfung  der 
Lücken,  die  einerseits  BCD  im  Verhältnis  zu  A.  andererseits 
A(B)  gegen  (B) CD  bietet,  führte  mich  Bd.  XXXIX2  160 ff. 
dieser  Zeitschrift  zu  dem  Resultat,  daß  B  C  D  im  ganzen  die  ver- 
trauenswertere Überlieferung  bieten,  da  das,  was  A  mehr  als  die 
übrigen  Hss.  hat.  m.  E.  viel  leichter  als  Zutat  begriffen  werden 
kann,  als  das  bei  (B)CD  Fehlende  als  Streichung.  Daß  der 
Herausgeber  sich  in  dieser  Frage  meiner  Ansicht  im  ganzen 


Referate  und  Rezensionen.  381 

nicht  angeschlossen  hat,  verdenke  ich  ihm  nicht,  gebe  aber,  da 
er  in  der  Annahme  des  von  BC  I)  Gebotenen  in  der  neuen  Auf- 
lage weiter  als  bisher  gegangen  ist,  die  Hoffnung  nichr  auf, 
daß  er  sich  später  meinem  Standpunkt  noch  mehr  als  jetzt 
schon  geschehen  ist,  nähern  wird.  Jedenfalls  begrüße  ich  es 
als  Erfolg  meiner  Darlegungen,  daß  die  Einleitung  der  neuen 
Auflage  den  Satz,  daß  „A  im  Großen  und  Ganzen  dem 
Originale  am  nächsten  kommen  dürfte",  gestrichen  hat.  Ich 
würde  es,  wie  die  Dinge  liegen,  nur  als  Forderung  aus- 
gleichender Gerechtigkeit  ansehen,  wenn  das  jetzt  nur  in 
den  Varianten  zu  findende  Plus  an  Versen,  welches  (BjCD 
bieten,  in  der  nächsten  Auflage  in  den  Text  mitaufgenommen 
würde.  Und  im  Zusammenhange  damit  bringe  ich  dann 
gleich  noch  einen  weiteren  Wunsch  für  die  gewiß  bald  zu 
erwartende  neue  Auflage  vor,  der  sich  bei  Erfüllung  dieses 
ersten  zum  Teil  von  selbst  ergäbe:  die  Aufnahme  des  Wort- 
schatzes der  Varia  lectio  in  das  Glossar,  wie  W.  Foerster  sie 
dankenswerterweise  in  seinem  Wörterbuch  zu  Chrestien 
durchgeführt  hat.  Der  Umfang  des  Buches  würde  dadurch 
wenig  zunehmen,  die  Studierenden  aber  würden  ganz  wesent- 
lich gefördert  werden,  wenn  sie  auf  diese  Weise  zu  wirklicher 
Kritik  der  Textgestaltung  befähigt  würden,  während  der 
Variantenapparat  ihrem  Verständnis  jetzt  großenteils  ver- 
schlossen bleibt:  nebenher  spränge  auch  für  die  wissen- 
schaftliche Forschung  gewiß  ein  Gewinn  heraus. 

Endlich  ein  dritter  Wunsch  für  eine  neue  Auflage:  es 
geht  aus  der  V.  L.  nicht  immer  mit  Sicherheit  und  Leichtig- 
keit hervor,  wie'  die  abweichenden  Hss.  lesen.  Vor  allem  den 
Studierenden  dürften  an  nicht  ganz  wenigen  Stellen  Schwierig- 
keiten erwachsen.  So  lautet  V.  5  Pres  de  la  marche  sor  la 
mer;  dazu  die  V.  L.  de  la  m.  CD.  Deutlicher  wäre  sor] 
de  CD.  Zu  192  por  dieu,  quar  l'apeles  avant  ist  als  V.  L.  an- 
geführt: cor  D.  Sogar  der  an  die  Benutzung  des  Varianten- 
apparates Gewöhnte  wird  nicht  sofort  herausfinden,  daß 
gemeint  ist:  quar]  cor  D :  zu  205  S'i  penssez  bien!  Qui  vous 
•desfant?  lautet  die  V.  L. :  q  v.  B,  que  le  vous  desfent  D. 
Daraus  wird  nicht  klar,  wie  D  liest :  entweder  fehlt  ihm  bien, 
oder  es  hat  eine  Silbe  zu  viel,  Tn  letzterem  Falle  wäre  der 
Zusatz  (-(-  1)  nötig.  270  lautet  zu  vous  nie  samblez  ou  fols 
ou  yvres  die  V.  L.  vous  (v  vous  C)  estes  v  sos  (fos  C  v  yvres  B  CD. 
Danach  müßten  B  und  D  je  eine  Silbe  zu  wenig  haben,  in 
welchem  Falle  ein  ( —  1)  erwünscht  wäre,  um  Zweifel  aus- 
zuschließen: so  z.  B.  auch  für  348.  wo  die  angeführte  Lesart 
von  B  nur  7  Silben  zählt.  Jedenfalls  dürfte  es  sich  empfehlen, 
im  Interesse  der  Studierenden  hier  lieber  zu  viel  als  zu  wenig 
hu  tun. 

Ich  gehe  noch  auf  ein  paar  Einzelheiten  ein.  die  mir 
bei  erneuter  Lektüre  des  Textes  aufgefallen  sind. 


382  •'■  Schulze. 

V.  l.i  wird  von  dem  Schlosse  des  Ritters  gerühmt  mfü 
tu  cremoit  n>  roi  ne  conte.  Criemre  heißt  hier  „zu  fürchten 
haben-',  vgl.  Chlyon  3776  Li  ckastiaus  ne  cremoit  asaut  De 
mangonel  ne  de  perriere.  S.  die  Anmerkung  zu  V.  404  über 
den  Sinn  von  avoir  doutance. 

V.  26  heißt  es  von  dem  Ritter  trop  ert  en  lui  gram  li 
descors.  Vgl.  Julian  3593,  wo  der  Heilige  wörtlich  überein- 
stimmend von  sich  sagt,  nachdem  er  seine  Eltern  erschlagen: 
En  moi  est  si  grans  li  descors  Quefaiperdu  et  arme  et  vors 
Se  Ihesucrist  neu  a  pite.  „Nichtübereinstimmung1',  wie  das 
Glossar  übersetzt,  kann  descors  an  dieser  Stelle  unmöglich 
heißen,  der  Sinn  muß  vielmehr  „Sünde.  Vergehen"  sein,  eine 
Bedeutung,  die  auch  für  unsere  Stelle  angemessen  ist.  Leider 
stehen  mir  weitere  Belege  nicht  zur  Verfügung. 

V.  28  vom  Ritter  heißt  es  il  retenoit  les  pelerins.  Statt 
„zurückhalten,  festhalten-'  scheint  mir  die  Bedeutung  „ge- 
fangen nehmen"  treffender ;  vgl.  Chlyon  3278  et  la  (sc.  en  im 
fort  recet)  fu  retenuz   li  cuens. 

Die  Verse  31  —  36  sind  m.  E.  in  keiner  Hs.  richtig  über- 
liefert.    Sie  lauten  bei  Sch-G. : 

//  n'espargnoit  ne  clerc  ne  moine 
renclus  n' er  mite  ne  chanoine; 
et  les  nonnains  et  Jes  convers 
<jui  plus  erent  a  Dieu  aers, 
ceus  fesoit  il  a  honte  vivre, 
quant  il  les  teuoit  a  delivre. 

Der  Verfasser  des  Gedichtes  geht,  nachdem  er  geschildert,, 
wie  der  Ritter  gegen  die  männlichen  Angehörigen  des  geist- 
lichen Standes  sich  versündigt,  dazu  über,  sein  Verhalten  zu 
den  weiblichen  zu  tadeln.  Es  scheint  mir  daher  nicht  zweifel- 
haft, daß  V.  33  die  Hs.  A  mit  converses  statt  convers  und 
dementsprechend  V.  34  aherses  statt  aers  im  Recht  gegen 
BCD  ist.  Dazu  stimmt  nun  freilich  nicht  ceus  in  V.  34. 
Ich  vermute,  daß  im  Original  stand:  et  les  nonnains  et  les 
converses  com  plus  erent  a  Dieu  aerses  plus  fesoit  il  a  honte 
vivre.  Damit  erhält  V.  35  den  ihm  zukommenden,  offenbar 
nur  auf  weibliche  Wesen  berechneten  Sinn. 

V.  54  Tos.  les  maus  penssoit  c'om  puet  faire  E>t  diz,  en  fez 
et  en  penssez,  Toz  les  ot  en  lui  amassez.  Ich  halte  es  für 
sehr  unwahrscheinlich,  daß  der  Dichter  gesagt  habe:  Toz 
les  fnaus  pensoit  c'om  puet  faire  en  p  e n  s e z.  Unvergleichlich 
besser  lesen  BCD:  Pensez  (Imperativ)  tous  les  maus  c'on 
puist  faire:  En  diz  etc. 

V.  58  haben  BCD  statt  ainz  de  ses  n/aus  ne  fu  cessanz 
mit  c'ainc  d.  s.  m.  n.  f.  festans  (zu  restanc  ermüdet)  eine 
beachtenswerte  Lesart,  der  ich  als  lectio  difficilior  den  Vor- 
zug geben  würde. 


Referate  und  Rezensionen.  383 

V.  r2.  Der  Ritter  befiehlt  seinen  Köchen  am  Fastentage, 
ihm  Wildpret  aufzutragen  :  Likeufurent  tidt  esbahi  Si  respondent 
triste  et  man:  „Nous  ferons  ro  volenti,  sire,  mes  vous  poez 
assez  miex  dire.u  Der  letzte  Vers  (mes  v.  p.  a.  in.  d.)  ist  mit 
seiner  Inhaltsleere  nicht  haltbar,  wenn  man  die  sehr  ver- 
ständige Lesart  von  BCD  dagegen  hält:  Ld  heu  .  .  respondent 
triste  et  mari  Com  cä  <jni  ne  l'osent  desdire:  „Nous  ferons  vo 
volente  sire."  Bemerkenswert  ist,  daß  D.  der  auch  sonst 
allein  das  Ursprüngliche  bewahrt,  statt  esbahi  —  esmari  liest, 
das  sich  bei  der  unverkennbaren  Vorliebe  des  Dichters  für 
reiche  Reime  als  Reimwort  auf  mari  empfiehlt. 

V.  95.  Daß  Christus  im  Altfranz,  geradezu  „Schöpfer"' 
genannt  werde,  bezweifelt  die  Anm.  mit  Unrecht.  Littre  zitiert 
aus  Thom.  le  mart.:  Cur  plus  criement  asez  U  terrien  seignur 
Que  il  ne  funt  Jesu  le  puissant  creatur. 

V.  76  ist  sehr  unwahrscheinlich,  daß  die  Ritter  ihren 
Herren,  den  sie  später  noch  ganz  ehrerbietig  behandeln. 
lerres  anreden.  Auch  hier  scheint  D  mit  sire  allein  das 
Richtige  erhalten  zu  haben. 

V.  150  tant  oont  (sc.  der  Ritter  mit  seinen  Begleitern 
zum  Eremiten)  le  droit  chemin  ferre ;  statt  ferre"  lesen  BD 
kante,  C  weicht  ab,  so  daß  ferre  nur  durch  A  gestützt  ist. 
Daß  der  Weg  zum  Einsiedler  „gepflastert"  war,  ist  nicht  von 
Belang,  wohl  aber,  daß  er.  weil  der  Eremit  wegen  seiner 
Heiligkeit  weit  und  breit  berühmt  war.   „viel   betreten"'   war. 

V.  165  haben  BCD  mit  porcoi  li  (statt  le)  proieroie  das 
Bessere,  da  das  Pronomen  auf  den  Dativ  Dieu  (V.  163)  si 
proierez  viaus  Dieu  merci)  hinweist. 

V.  198.  Adont  s'en  vait  tout  apoiant  li  foibles  hom  a  I.  baston. 
Über  den  Sinn  von  tout  wird  man  nicht  hinreichend  belehrt, 
wenn  man  im  Glossar  die  Bedeutung  ,.ganza  für  diese  Stelle 
findet  i^die  V.  647  gleichlautend  wiederkehrt).  Tout  hat  in 
Verbindung  mit  dem  Gerundium  —  sei  es  mit  sei  es  ohne 
en  —  gerade  wie  vor  adverbialen  Bestimmungen  die  Aufgabe, 
die  Intensität  des  Ausdruckes  zu  verstärken.  Wie  es  zu 
übersetzen  sei.  läßt  sich  nicht  allgemeingültig  beantworten, 
sondern  ergibt  sich  aus  den  jedesmaligen  besonderen  Um- 
ständen. Man  hat  jeweils  einen  Ausdruck  zu  wählen,  der 
den  einfachen  ohne  tot  an  Kraft  übertrifft.  Chlyon  436  que 
colentiers  m'an  repantisse  tot  maintenant  se  je  po'isse  wird  man 
etwa  sagen  „unmittelbar  darauf-'  —  gegen  unverstärktes 
maintenant  „alsbald"':  ebenda  2781  et  ses  enuiz  tot  ades  croist : 
„fort  und  fort"'  gegen  einfaches  ades  „immer"  ;  ebenda  4914 
que  tot  veant  mes  iauz  l'ocist  „vor  meinen  sehenden  Augen" 
gegen  reant  mes  ialz  „vor  meinen  Augen".  Oder  aus  unserem 
Denkmal  V.  234  lors  descendi  tout  pur  anui  „aus  reinem  Ver- 
druß", „lediglich  aus  Arger",  eine  Übersetzung,  die  in  der 
Lesart  von  BCD  par   tres  fin   anui   (aus   sehr   aufrichtigem. 


384  .1.  Schulze. 

echtem  Ärger)  eine  erwünschte  Bestätigung  findet.  Natürlich 
ist  oft  auch  „ganz1"'  am  Platze:  Barisei  467  et  tout  u  pi<'  ne 
/inend;  vgl.  et  le&  datneise/e*  les  sivent  tot  a  pii  (Marques  de 
Rome49d  3).  Vor  dem  Gerundium  weist  tont  nachdrücklich 
auf  die  verbale  Tätigkeir  hin.  so  daß  an  unserer  Stelle 
(V.  198)  tont  apoiant  etwa  durch  „sich  schwer  und  dauernd 
stützend1'  wiederzugeben  wäre.  Daß  tont  vor  dem  mit  en 
verbundenen  Gerundium  konzessive  Bedeutung  haben  kann. 
ist  von  tout  selbst  völlig  unabhängig,  welches  auch  hier  nur 
die  Aufgabe  hat,  nachdrücklicher  auf  die  Gleichzeitigkeit 
der  Tätigkeit  des  Hauptverbs  mit  der  des  Gerundiums  hinzu- 
weisen, als  das  ohne  tout  geschehen  könnte.  Haas  bemerkt 
Franz.  Syntax  §  325  richtig,  daß  die  konzessive  Bedeutung 
auch  bei  dem  einfachen  Gerundium  mit  en  zu  beobachten 
ist:  II  ne  le  croira  pas  encor  en  l'ayant  veu  (Mol.).  Wenn 
er  hinzufügt,  dies  sei  jedoch  nicht  häufig,  während  die  Ver- 
bindung mit  tont  die  konzessive  Bedeutung  häufig  aufweise, 
so  ist  damit  eine  äußerlich  zutreffende  Umschreibung,  aber 
nicht  eine  in  das  Wesen  der  Erscheinung  eindringende 
Erklärung  gegeben.  Das  Gerundium  mit  en  bezeichnet 
überall  —  wie  Haas  nicht  verkennt  —  die  Gleichzeitigkeit 
der  beiden  verbalen  Tätigkeiten:  je  nachdem  nun  diese 
Tätigkeiten  einander  als  Ursache  und  Wirkung  bedingen 
oder  als  einander  widerstrebend  sich  auszuschließen  scheinen, 
oder  auch  ohne  innere  Beziehung  zu  einander  bestehen,  er- 
hält das  Gerundium  den  Schein  einer  kausalen,  konzessiven 
oder  rein  zeitlichen  Bestimmung  de?  Hauptverbums,  während 
es  tatsächlich  immer  nur  Gleichzeitigkeit  zum  Ausdruck 
bringt.  Es  liegt  aber  auf  der  Hand,  daß  der  nachdrückliche 
Hinweis  auf  die  Gleichzeitigkeit  da  am  nötigsten  ist,  wo 
dieselbe  infolge  der  einander  widerstrebenden  Bedeutungen 
beider  Verba  am  wenigsten  glaublich  scheinen  möchte: 
gleichzeitiges  Sehen  und  Nichtglauben  scheinen  sich  auszu- 
schließen, so  daß  il  ne  le  croira  pas  encor  en  l'ayant  veu 
nicht  überzeugen  könnte:  deshalb  fühlt  der  Redende  in 
ähnlichen  Fällen  das  Bedürfnis,  den  Hinweis  auf  die  Gleich- 
zeitigkeit durch  tout  zu  verstärken.  Hieraus  allein  ergibt 
sich  der  Schein,  daß  tout  mit  en  und  dem  Gerundium  zum 
Ausdruck  eines  konzessiven  Verhältnisses  dienen  kann. 

V.  394  nous  ist  auffällig  und  verdiente  eine  Anmerkung. 
Man  erwartet  moi.  Das  Verspaar  393/4  könnte  sehr  wohl 
dem  Original  fremd  sein.  Es  ist  auffällig,  daß  dem  Ritter, 
der  soeben  erklärt  hat:  je  n'en  ferai  rien,  erwidert  wird:  Si 
ferez,  se  dieu  plest  et  vous.  Nous  ist  ungerechtfertigt,  weil 
die  Begleiter  des  Ritters  oder  irgend  eine  dritte  Person  nicht 
zugegen  ist. 

V.  425  wird  hoffentlich  eine  spätere  Auflage  die  wesent- 
lich bessere  Lesung  von  BCD  statt  der  mangelhaften  von 
A  bringen.     Der  Ritter    geht  mit   dem  Fäßchen    zur  Quelle : 


Referate  und  Rezensionen.  385 

A  la  fontaine  en  est  venits,  dedenz  la  fontaine  le  honte,  mes 
ainz  dedenz  nett  entra  goute.  So  A.  Statt  dedenz  la  fontaine 
le  boute  lesen  B  C  D  le  baril  tout  de  piain  i  honte,  und  das 
empfiehlt  sich,  weil  la  fontaine  zu  wiederholen  keinerlei 
Anlaß  vorliegt,  während  vom  Fäßchen  in  den  fünf  vor- 
hergehenden Versen  nicht  mehr  die  Rede  war.  so  daß  seine 
Nennung  sehr  angebracht,  um  nicht  zu  sagen  nötig  ist.  A 
hatte  in  seiner  Vorlage  anscheinend  einen  in  seinem  ersten 
Teil  lückenhaften  oder  unleserlichen  Vers  425,  den  er  mühsam 
aus  dem  vorangehenden,  der  ihm  fontaine,  und  dem  folgenden, 
der  ihm  dedenz  ergab,  flickte. 

V.  532  ff.  der  Ritter  versucht  an  jedem  Wasser,  das  er 
auf  seinem  Wege  trifft,  vergeblich  sein  Paß  zu  füllen  :  et  toz 
jors  alume  et  esprent.  Sa  grant  ire  trop  le  demeine  bien  pres 
de  demie  semaine  C'ainc  de  mengier  ne  li  sovint.  An  dieser 
Stelle  scheint  wieder  einmal  D  allein  das  Richtige  erhalten 
zu  haben,  wenn  er  liest  et  toz  jors  alume  et  esprent  Sa  grant 
ire  et  taut  le  demeine  .  .  .  c'ainc  d.  m.  n.  I.  s.  Das  que  vor 
ainc  (V.  535)  verlangt  ein  vorangehendes  demonstratives 
Adverb,  das  nur  D  mit  tant  bietet. 

V.  542/3  sind  wieder  alle  Hss.  im  Unrecht,  denn  es  ist 
ausgeschlossen,  daß  der  Dichter  gesagt  habe:  por  une  povre 
hiraudie  qui  mout  estoit  povre  et  cincheuse. 

V.  577  ist  die  Lesart  von  B  C  D  besser.  Das  si  am 
Anfang  des  Verses  ist  nicht  nur  im  Hinblick  auf  die  vielen 
(6)  si  V.  574/5,  die  es  nur  wiederholt,  völlig  überflüssig,  es 
ist  auch  im  Hinblick  auf  si  que  V.  579  störend. 

Die  Verse  631 — 644  wiederholen  nur,  wie  die  Anm.  zu 
633  ausführt,  früher  bereits  Gesagtes.  Man  wird  annehmen 
dürfen,  daß  das  Original  diese  Verse,  obgleich  sie  in  allen 
Hss.  überliefert  sind,  nicht  aufwies. 

V.  650  das  Aussehen  des  Ritters  war  so  qu'a  grant  paine 
le  con'eust  Nus  kom  qui  tant  veu  l'eust.  Sehr  bemerkenswert 
liest  D  abweichend  von  allen  Hss.  que  t.  v.  I.  „unter  der 
Bedingung,  daß  er  ihn  noch  so  oft  gesehen  hätte" ;  s.  Tobler 
V.  ß.  P  121. 

V.  702  Druckfehler  in  der  V.  L.  ? 

V.  727/8  die  Reime  dieses  Verspaares  [grant  ire:  prist 
a  dire)  begegnen  schon  24  Verse  später  (751/2)  genau  wieder. 
Diese  Dürftigkeit  kann  man  dem  Dichter  nicht  zutrauen. 
CD  dagegen  lesen  727/8  qui  encore  ert  trestout  en  s'ire, 
por  mautalent  li  dist:  Maus  sire,  eine  Version,  die  sich  auch 
durch  die  Homonymität  der  Reimwörter,  die  der  Dichter  ja 
liebte,  empfiehlt. 

In  der  Version  der  Vie  des  peres  wird  V.  192  de  tote 
uitaille  auilliez  statt  uitaille  —  uitance,  V.  265  statt  il  —  li 
zu  lesen  sein. 

Alfred  Schulze. 

ZtBchr.  f.  tr*.  Spr.  u.  Litt.  XVIj  »/«.  26 


386  H.  Heiss. 

.Tlartiiio.    Pierre:     L>   roman  rialiste  sous  le  second  empire. 

Paris.  Hachette  et  Cie.  1913.  311  S.  Fr.  3.50. 
Betrachtet  man  die  Entwicklung  des  französischen  Romans 
im  XIX.  Jh.  von  sehr  hoher  Warte,  so  sieht  man  sie  un- 
gefähr einen  Kreislauf  beschreiben.  Von  der  Romantik  geht 
sie  aus,  leitet  in  den  Realismus  und  vom  Realismus  über  den 
Naturalismus  wieder  zurück  in  Romantik,  zum  mindesten  im 
Werk  dessen,  der  als  Haupt-  und  Wortführer  der  naturalistischen 
Gruppe  gelten  kann  (Zolas  Trois  Villes  und  Quatre  ivangiles). 
Am  Eingang  der  Romantik  selbst  steht  ein  durchaus  realistischer 
Grundsatz :  mehr  Naturwahrheit.  Aber  der  muß  so  ziemlich 
ganz  auf  dem  Papier  bleiben.  Denn  mit  der  egozentrischen 
Kunstauffassung  der  Romantik  sind  gerade  die  entscheidenden 
Forderungen  unvereinbar,  die  der  Realismus  an  den  Künst- 
ler stellt  (Hingabe  an  das  Objekt,  geduldiger  Fleiß  im  Be- 
obachten, bescheidenes  Zurückdrängen  der  eigenen  Persönlich- 
keit). Immerhin  bedeutet  der  Nachdruck,  mit  dem  die  Roman- 
tik die  Wichtigkeit  der  couleur  locale  betont,  schon  einen 
Versuch,  der  Literatur  mehr  Wirklichkeitsgehalt  einzuflößen, 
dem  Fabulieren  der  dichterischen  Einbildungskraft  durch  Stu- 
dium des  Lebens  eine  sichere  Unterlage  zu  geben.  So  kommt 
es  denn  zunächst  im  romantischen  Roman  zu  einem  ganz 
äußerlichen  Realismus,  der  sich  kaum  anders  als  in  der  treuen 
und  malerischen  Wiedergabe  von  Schauplatz,  von  Kostüm  und 
Physiognomie  der  handelnden  Menschen  offenbart.  Dieser  Ober- 
flächenrealismus wird  notwendig  etwas  treuer  und  eindringlicher 
da.  wo  sich  der  Roman  von  der  Vergangenheitsschilderung 
(wie  in  Hau  d'Islande  oder  Notre-Dame  de  Paris)  zur  Gegen- 
wartschilderung wendet  (wie  in  Dumas'  Monte- Christo,  inj  Sue 
oder  Balzac).  Der  Dichter  braucht  sich  hier  nicht  mehr  auf 
seine  Phantasie  zu  verlassen,  ja  er  darf  es  gar  nicht  mehr 
tun.  er  muß  wohl  oder  übel  mehr  nach  dem  lebenden  Modell 
arbeiten,  da  die  Leser  jederzeit  die  Wahrheit  seiner  Romane  in 
Bezug  auf  Kostüm  und  Ahnliches  nachprüfen  können.  Bei 
Balzac,  der  diesen  Oberflächenrealismus  in  einem  Maß,  mit 
einer  Vollendung  verwertet,  daß  ihn  die  Naturalisten  später  kaum 
mehr  überbieten  werden,  gesellt  sich  dazu  auch  schon  innerer, 
psychologischer  Realismus.  Trotzdem  bleibt  sein  Werk  im 
tiefsten  Wesen  romantisch,  da  es  Balzac  nie  gelungen  ist, 
den  Romantiker,  der  ihm  in  Gehirn  und  Brust  saß,  zu  über- 
winden. Bei  Flaubert  erscheint  zum  ersten  Male  in  Frankreich 
die  Scheidung  zwischen  Romantik  und  Realismus  reinlich 
vollzogen  (d.  h.  natürlich  nur  in  seinem  Werk,  nicht  in  seiner 
Persönlichkeit);  Madame  Bovary  ist  der  erste  .-■  realistische 
Roman  der  französischen  Literatur:  vielleicht  steckt  auch 
darin  noch  etwas  Romantik,  aber  dann  so  verdünnt,  daß  erst 
eine  peinlich  genaue  Analyse  sie  feststellen  kann. 


Referate  und  Rezensionen.  387 

Martinos  Buch  will  den  wichtigsten,  aber  bisher  noch  nie 
gründlich  erforschten  Abschnitt  aus  der  Übergangszeit  vom 
romantischen  zum  realistischen  Roman  und  zugleich  die 
Vorbereitung  des  Naturalismus  darstellen.  Als  zeitlichen 
Rahmen  wählt  er  die  Dauer  des  zweiten  Kaiserreiches:  sicher 
mit  Recht,  denn  mir  dem  Staatsstreich  fällt  ungefähr  zusammen 
Balzacs  Tod.  das  Aufkommen  Champfleurys  und  der  Erfolg 
von  Murgers  ersten  Romanen,  und  kurz  vor  dem  Zusammen- 
bruch des  Nappleonischen  Thrones  beginnt  Zola  die  Arbeit 
an  seinen  Rougon- Macquarts,  nachdem  er  vorher  schon  in 
Therese  Raquin  und  Madeleine  Fe  rat  Proben  eines  wissenschaft- 
lich, besonders  naturwissenschaftlich  und  medizinisch  gerichte- 
ten Realismus  gegeben  hatte.  Mit  großer  Umsicht  und  guter 
Sachkenntnis  verfolgt  Martino  die  Entwicklung  der  beiden  Jahr- 
zehnte. Sein  Buch  enthält  viel  Interessantes  und  Neues,  weniger 
Neues  (wie  sich  von  selbst  versteht)  in  den  Kapiteln  über  Flau- 
bert, die  Goncourts  und  Zola  als  in  denen  über  Champfleury 
oder  Duranty  oder  Feydau.  Auch  die  verschiedenen  Einflüsse 
werden  gewürdigt,  die  von  Stendhal  und  Balzac  uud  (was  un- 
erläßlich war)  die  Anregungen,  die  von  Courbet  ausgingen.  Die 
zwei  La  campagne,  realiste  überschriebenen  Kapitel  verschaffen 
einen  trefflichen  Überblick  über  die  Strömungen  und  Gegen- 
strömungen, die  miteinander  rangen,  über  die  mancherlei 
Widerstände,  auf  die  der  Realismus  stieß  und  die  kräftigen 
Rückhalt  an  ein  paar  überstrengen  Gesetzen  und  deren  über- 
eifriger Anwendung  durch  allzu  zimperliche  oder  allzu  will- 
fährige Richter  fanden. 

Im  einleitenden  Kapitel  untersucht  Martino  die  Ursprünge 
des  Realismus,  den  er  in  seinem  Anfangsstadium  so  definiert, 
wie  es  die  zeitgenössische  Kritik  tat:  vla  peinture  des  mondes 
spiciaux  et  des  demi-mondes."  Das  ist  richtig  (trifft  übrigens 
zum  größten  Teil  auch  für  den  späteren  Realismus  und  vor 
allem  für  den  Naturalismus  zu).  Und  ebenso  richtig  ist,  wie 
Martino  diesen  Grundzug  einerseits  aus  der  romantischen 
Theorie  des  Grotesken,  anderseits  aus  dem  Boheme-Leben 
der  Schriftsteller  ableitet:  wenn  Champfleury  oder  Murger 
die  Wirklichkeit  malen,  die  sie  am  genauesten  kennen 
und  am  besten  zu  beobachten  Gelegenheit  haben,  so  kann 
nichts  anderes  entstehen  als  ein  Bild  von  Schmutz  und  Elend 
in  den  dunklen,  übelriechenden  Winkeln  der  menschlichen 
Gesellschaft,  wo  hungrige  Künstler  Wand  an  Wand  neben 
Bettlern,  Dirnen,  seltsamen,  unheimlichen  Gestalten  und 
Gesindel  jeder  Art  hausen.  Nur  ist  der  Zusammenhang  mit 
der  Romantik  noch  enger,  als  Martino  ihn  aufzufassen  scheint. 
Der  Realismus  knüpft  in  gewissen  Dingen  unmittelbar  an 
das  romantische  Drama  und  den  romantischen  Roman  an.  Er 
schildert  häufig  dieselben  Milieus  und  dieselben  Typen,  versetzt 
sie  aber  aus  der  Vergangenheit  in  die  Gegenwart,  wählt  z.  B., 

26* 


388  H.  Heiss. 

wenn  er  uns  die  Häuslichkeit  eines  Henkers  schildern  will,  nicht 
mehr  das  Norwegen  des  XVII.  Jh.  als  Schauplatz,  oder  wenn  er 
den  lichtscheuen  Auswurf  der  Großstadt  schildern  will,  nicht 
mehr  das  Paris  des  Mittelalters,  sondern  das  moderne  Paris. 
Das  ist  es  ja  auch,  was  Champtieury  immer  als  den  ent- 
scheidenden Charakter  des  Realismus  hervorhebt:  die  Wahl 
moderner  Stoffe,  für  die  Balzac  mit  dem  Beispiel  voran- 
gegangen war. 

Ein  anderer  Zusammenhang,  den  Martino  wohl  erkannt, 
aber  vernachlässigt  hat,  hätte  ungleich  stärker  herausgearbeitet 
werden  sollen:  der  Weg  von  der  Romantik  zum  Realismus 
und  Naturalismus  führt  über  den  Feuilleton-  und  Kolportage- 
Roman,  über  den  Schauer-  und  Kriminal-Roman,  und  darum 
vermißt  man  mit  Überraschung  verschiedene  Namen,  zum 
mindesten  die  von  Sue  und  Gaboriau,  bei  denen  sich  so  be- 
zeichnend Afterromantik  mit  Realistik,  daneben  (ähnlich  wie 
in  den  Miserables)  mit  sozialen  Tendenzen  verwebt.  Gaboriau 
hätte  überhaupt  schon  längst  eine  eingehende  Untersuchung  ver- 
dient, nicht  seines  persönlichen  Wertes  wegen,  aber  als  Mit- 
mensch sozusagen,  weil  gerade  unbedeutendeSchriftsteller  seines 
Schlages,  die  nur  für  den  Markt  arbeitend  in  den  Randbezirken 
der  Literatur  vegetieren,  oft  unerwartet  viel  Licht  auf  die 
Bewegung  ihrer  Zeit  werfen.  Wenn  man  z.  B.  sehen  will,  wie 
Balzac  nachwirkt,  wie  seine  Art  oder  seine  Unart  weiter- 
gesponnen und  vergröbert  wird,  kann  man  kaum  einen  lehr- 
reicheren Text  wählen  als  Gaboriaus  Esclaves  de  Paris  von 
1869.  Ebenso  würde  man  wünschen,  Martino  möchte  sein 
Kapitel  über  Zolas  Anfänge  nicht  mit  Therese  Raguin  beginnen, 
sondern  mit  den  Mysteres  de  Marseille,  von  denen  er  zwar  spricht, 
aber  nur,  um  sie  als  recht  unerheblich  bei  Seite  zu  schieben. 
Unerheblich  ist  der  Roman  an  sich  gewiß;  aber  trotzdem 
wichtig,  sobald  man  ihn  entwicklungsgeschichlich  betrachtet. 
Denn  abgesehen  davon,  wie  Zola  sich  hier  für  seine  Er- 
zählung schon  dokumentiert,  abgesehen  davon,  wie  manches 
darin  schon  von  ferne  den  größeren  Zola  ankündigt,  zeigt 
diese  „basse  production",  wie  Zola  selbst  sich  ausdrückt,  eben 
recht  deutlich,  in  was  für  einer  Literatur  der  Naturalismus 
wurzelt. 

Dresden.  H.  Heiss. 


Aug.  Dupouy:  France  et  Allernagne.    LitUratures  comparSes. 

Paris,  Paul  Delaplane.   1913.    3  fr.  50.    300  S. 

Herr  Dupouy  ist  ein  ehrlicher  Mann.  Er  bekennt  im  Vor- 
wort (S.  VI),  daß  er  bei  seiner  Untersuchung  der  Wechsel- 
beziehungen zwischen  französischem  und  deutschem  Schrift- 
tum gewillt  ist,  den  Franzosen  hervorzukehren.     Hier  stock' 


Referate  und  Rezensionen.  389 

ich  schon.  Nach  deutscher  Anschauung  ist  es  unvereinbar 
mit  dem  Geiste  wahrer  Wissenschaft,  absichtlich  einen  ein- 
seitigen Standpunkt  einzunehmen.  Welchen  Wert  können 
vergleichende  wissenschaftliche  Forschungen  haben,  wenn  der 
Forxcher  betont,  daß  er  den  einen  Teil  begünstigen  wolle? 
Man  sollte  meinen,  daß  auch  ein  Franzose,  der  die  Wahrheit 
sucht,  mit  Mißtrauen  an  ein  solches  Werk  herangehen  wird. 
Und  es  ist  bezeichnend,  daß  der  Verfasser  das  nicht  fühlt. 
Er  führt  zu  seiner  Rechtfertigung  die  beiden  Werke  seiner 
Vorgänger  auf  demselben  Gebiete  an.  Rössel  und  Süpfle,  von 
denen  der  erste  zu  schweizerisch  neutral  (!).  der  zweite  auf 
Kosten  der  französischen  Schriftsteller  zu  deutsch  sei.  Dupouy 
bringt  nicht  den  Schatten  eines  Beweises  für  diese  Behauptung, 
er  führt  nicht  einmal  die  Titel,  geschweige  denn  eine  Stelle 
aus  den  beiden  Werken  an,  womit  jedoch  nicht  gesagt  sein 
soll,  daß  er  sie  nicht  ausgiebig  benutzt  hätte. 

Wir  können  bei  Süpfle  nichts  von  den  patriotischen  Vor- 
urteilen finden,  die  Dupouy  ihm  leichter  Hand  vorwirft.  Im 
Gegenteil,  seine  „Geschichte  des  deutschen  Kultureinflusses 
auf  Frankreich*'  ist  so  sachlich  und  vorsichtig  wie  möglich. 
Er  ist  sich,  wie  jeder  Deutsche,  bewußt,  daß  das  deutsche 
Schrifttum  dem  französischen  weit  mehr  verdankt  als  dieses 
dem  deutschen.  Die  deutsche  Literatur  ist  so  reich  an 
Eigenem,  daß  ihr  die  Anregungen,  die  sie  aus  der  Fremde 
empfangen  hat,  sicherlich  nicht  als  Armutszeugnis  ausgelegt 
werden  können.  Aber  der  Deutsche  war  von  jeher  bestrebt, 
Welt  und  Völker  geistig  zu  umfassen.  Der  Franzose  be- 
schränkte sich  dagegen  stets  auf  sich  selbst.  Seine  Kenntnis 
des  Auslandes,  seine  Fähigkeit,  uns  zu  verstehen,  ist  gering. 
Dupouy  sagt  es  an  einer  Stelle  selbst:  „Jules  Lemaitre  dit: 
..  L' influenae  de  la  litterature  allemande  est  nulle,  et  pour  cause" 
(cette  cause,  c'est  apparemment  Vignorance  de  la  langue)" 
(S.  ^49).  Dupouy  hätte,  wenn  er  eine  Kritik  seiner  Vorgänger 
liefern  wollte,  nicht  verschweigen  dürfen,  daß  das  Buch  des 
französischen  Schweizers  Virgile  Ro$aeYl„Histoire  des  relations 
litteraires  entre  la  France  et  V Allemayne"  in  dem  Teile,  der 
den  deutschen  Einfluß  auf  Frankreich  behandelt,  nicht  viel 
mehr  ist  als  ein  unvollständiger  Auszug  aus  Süpfles  fleißigem 
und  gewissenhaftem  Werk.  Dupouy  tadelt,  daß  Süpfle  (und 
daher  auch  Rössel)  nur  das  17.  und  18.  Jahrhundert  ausführ- 
lich behandle,  aber  große  Lücken  in  der  Romantik  aufweise  und 
die  zeitgenössische  Literatur  fast  gar  nicht  berücksichtige. 
Er  selbst  erledigt  viel  wortreicher  auf  300  Seiten  eine  weit 
über  doppelt  so  große  Aufgabe,  denn  er  behandelt  auch  die 
viel  reichere  Geschichte  des  französischen  Einflusses  auf 
Deutschland,  die  Süpfles  zwei  Bände  nicht  mit  umfassen, 
die  aber  von  Deutschen  oft  genug  behandelt  worden  ist. 
Davon    kommen   auf  die  ersten   14  Jahrhunderte,  vom  Einfall 


390  M'.  Martini. 

der  Franken  bis  zu  Gottsched  und  Klopstock.  ganze  15  Seiten. 
Man  denke,  die  ganze  reiche  Blütezeit  der  Volks-  und  Ritter- 
Epik  und  -Lyrik,  die  einen  einzigen  großen  Kranz  von  Kultur- 
einHüssen   bedeutet,  wird  auf  9  Seiten  abgetan  ! 

Der  Inhalt  dieses  ersten  Abschnittes  ist  dementsprechend. 
Alles  wird  nur  mit  einigen  oberflächlichen,  oft  sehr  bestreit- 
baren Bemerkungen  gestreift.  Das  Rolandslied  ist  französisch, 
denn  es  feiert  u.  a.  besonders  die  Liebe  zur  Pflicht  und  zur 
Zucht  {discipline)!  Wir  könnten  vielleicht  mit  mehr  Recht 
behaupten,  daß  es  gerade  dadurch  seinen  germanischen 
^fränkischen)  Grundzug  beweiht.  Wolfram  von  Eschenbach 
hat  im  Parzival  bekanntlich  aus  einer  französischen  Abenteurer- 
erzählung ein  Lebensbild  von  tiefer  seelischer  Entwicklung  ge- 
macht. Man  hat  das  Epos  darum  mit  Recht  den  mittel- 
alterlichen Faust  genannt.  Dupouy  aber  bemerkt  wegwerfend  : 
„Peut-Stre  Wolfram  d' Eschenbach  ajoute-t-il  ä  ses  moddles  un 
peu  de  me'taphysique  et  de  symbolistm-  allemands."  Seine 
Kenntnis  des  Werkes  beschränkt  sich  offenbar  auf  Wagners 
Umdichtung.  Er  nennt  vom  Minnesang  nur  Walther  von  der 
Vogelweide,  wobei  sein  Ausdruck  „Poesie  d!  Imitation"  eine 
erstaunlicht!  Unkenntnis  verrät.  Über  unser  gewaltiges  Nibe- 
lungenlied fällt  er  nur  das  verächtliche  Urteil:  „tumultueuse 
epopee."  Sein  Mangel  soll  es  sein,  daß  es  in  seiner  über- 
lieferten Form  200  Jahre  jünger  ist  als  das  Rolandslied,  „et 
ü  y  parait."  Inwiefern,  wird  nicht  gesagt.  Auf  das  Nibe- 
lungenlied folgt  dann  —  bei  Dupouy  —  unmittelbar  Brants 
Narrenschiff  und  Luthers  Reformation,  die  eigentlich  auch 
von  den  Franzosen  abgeguckt  ist:  „La  Rfforme,  gut  avait 
commence1  par  etre  franraise,  fut  germanisee  par  Luther." 

Nein.  Herr  Dupouy,  das  ist  leichtfertiges  Geschwätz, 
keine  Wissenschaft.  Gewiß.  Sie  haben  sich  bemüht,  „Franzose 
zu  sein",  aber  sicherlich  nur  im  schlechtesten  Sinne  des 
Wortes,  d.  h.  oberflächlich  sind  Sie  gewesen. 

Und  wir  kennen  aueh  den  Grund.  Für  die  ganze  Zeit 
vor  Goethe  fehlen  Herrn  Dupouy  die  Kenntnisse.  Sein  Ver- 
sprechen, „de  ne  rien  affirmer  (ju'ä  bon  escientu  (S.  V),  trifft 
zum  mindesten  für  das  erste  Kapitel  nicht  zu.  Auch  von 
der  Zeit  Gottscheds,  die  Süpfle  so  ausgezeichnet  schildert, 
und  die  doch  recht  viel  Stoff  für  Dupouys  Aufgabe  liefern 
könnte,  weiß  er  nicht  allzu  viel.  Er  geht  darum  mit  sicht- 
licher Eile  auf  den  Sturm  und  Drang  über,  und  von  da  an 
ist  er  im  Bilde.  Goethe,  Frau  von  Stael,  die  Romantik, 
Boerne,  Heine,  Taine  und  Renan  und  wieder  Goethe.  Schopen- 
hauer, Wagner  und  Nietzeche,  das  sind  die  Kreise,  die  das 
Buch  leidlich  beherrscht.  Hier  zeigt  sich  eine  ins  einzelne 
gehende  Belesenheit  und  wirkliches  Verständnis.  Freilich  der 
gewollte  französische  Standpunkt  verwirrt  den  Eindruck  ein 
wenig.  Die  deutschen  Einflüsse  werden  ausführlich  festgestellt, 


Referate  und  Rezensionen.  391 

aber  nachträglich  durch  den  Hinweis  auf  die  Verschieden- 
heiten, die  doch  selbstverständlich  vorhanden  sind,  aber  zum 
Thema  des  Buches  nicht  gehören,  immer  wieder  geleugnet. 
Auch  vermissen  wir  Deutschen  häufig  den  Kern,  das  Ein- 
dringen in  den  Geist  der  Werke.  Wir  werden  zu  oft  nur  mit 
dem  literarischen  Drum  und  Dran  abgespeist.  Die  Bemer- 
kungen der  Schriftsteller  in  Briefen  und  Vorreden  über  die 
Deutschen  können  uns  den  Hinweis  auf  die  oft  unbewußten 
Einflüsse,  auf  den  Geist,  die  Seele  der  Werke  nicht  ersetzen. 
Zwischendurch  stören  leicht  hingeworfene  Bemerkungen  über 
kleinere  Geister,  die  dem  Verfasser  augenscheinlich  weniger 
bekannt  sind.  Wieland  ist  nicht  ohne  weiteres  mit  dem  Wort 
„poltainen"  zu  bezeichnen.  Goethes  Königsleutnant  hieß  in  der 
Geschichte  nicht  Thorane.  sondern  Thoranc.  Es  ist  viel  zu  viel 
behauptet,  daß  Gossner  deshalb  in  Frankreich  Erfolg  hatte, 
weil  er  „kaum"  ein  Deutscher  gewesen  sei.  Die  Verstümmelung 
von  Namen  wie  Wölfenbutte]  (36)  und  Wolfennbüttel  (280), 
Wittemberg  (285),  Bringen  statt  Bingen  (94)  und  Justinus 
Koerner,  wie  es  statt  Kerner  im  Text  (163)  regelmäßig  heißt, 
mag  auf  Rechnung  des  Setzers  gehen.  Aber  wenn  man  den 
Deutschen  so  wenig  zugestehen  will  wie  Dupouy,  so  sollte 
man  doch  wenigstens  nicht  sagen  ■  „phaHsa'isme,  assez  fräguent 
outre-Rhin,  qui  consiste  ä  nous  laisser  ce  que  nous  avons  de 
frivole,  et  ä  revendiquer  ce  que  nous  avons  de  serieux"  (47). 

Frau  von  Stael  muß  entschuldigt  werden,  daß  sie 
Deutschland  lobte.  Das  sei  nur  „coquetterie"  gewesen.  „En 
exaltant  V^illemagne,  (fest  son  travail  et  sa  decöuverte  qu'elle 
exalte"  (48). 

Die  schroffe  Kritik,  die  Wilhelm  Schlegel  als  Fortsetzer 
Lessings  an  den  französischen  Klassikern  übte,  kann  sich 
Dupouy  nur  dadurch  erklären,  daß  Schlegel  sich  entweder 
durch  Molieres  Spott  getroffen  fühlte,  oder  daß  er  schrieb, 
um  Frau  von  Stael  zu  überzeugen  (59).  Später  wird  als 
Erklärung  seine  Gegnerschaft  gegen  die  Nachahmer  der 
Franzosen,  Iffland  und  Kotzebue,  und  schließlich  sein  Patrio- 
tismus angeführt.  Sachliche  Gründe,  den  natürlichen  Gegen- 
satz der  romantischen  Gefühlsmenschen  gegen  die  reine 
Formkunst  der  französischen  Klassiker,  scheint  der  Franzose 
gar  nicht  erst  zu  suchen. 

Goethes  umfassende  Bildung  wird  mehrfach  (60,  266) 
viel  zu  eng  als  nä  demi  francaiseu  bezeichnet.  Kleist  „se 
suieide  pour  etre  aime"  (61).  Wie  leichtfertig  geht  hier  der 
Franzose  über  die  Tragödie  einer  großen,  aber  zerrissenen 
Menschenseele  hinweg.  Er  verurteilt  die  „Hermannsschlacht". 
„que  Kleist  a  bizarrement  nourrie  de  ses  coleres  d'officier  prussien 
contre  la]  France"  (64).  Man  sollte  meinen,  daß  auch  ein 
Franzose  den  Schmerz  eines  Deutschen  über  das  vom  Feinde 
geknechtete  Vaterland   begreifen   könnte.     Er   behauptet   für 


392  W.  Martini. 

diese  Zeit:  ,/>  /"  geUlophobit  allemande  ripond  la  germanophüie 
frangatse"  (.65).  Das  ist  wohl  das  einzige  Mal  in  der  Ge- 
schichte. Sonst  war  es  leider  bis  heutigentags  stets  um- 
gekehrt. 

Daß  Hugos  „Burgraves"  trotz  der  Absicht  des  Dichters 
scli i  wenig  deutsch  geraten  sind  (81).  ist  längst  bekannt. 
Aber  der  Grund  ist,  daß  Hugo  kein  Deutsch  verstand  und 
von  der  deutschen  Dichtung  nur  das  wenige  kannte,  was 
ihm  durch  französisch  zurechtgestutzte  Bearbeitungen  zu- 
gänglich  war. 

Es  ist  doch  wohl  zuviel  behauptet,  daß  die  Dramatiker 
des  Ostens  und  Nordens,  z.  B.  Schiller  und  Ibsen,  die  in 
Frankreich  heimische  Kunst  der  Vorbereitung  nicht  verstünden 
(80V  Daß  der  Zuschauer  im  Anfang  des  Stückes  oft  nicht 
über  alle  Einzelheiten  unterrichtet  wird,  ist  eins  der  hervor- 
ragenden Kunstmittel  Ibsens,  durch  das  er  Spannung  zu  er- 
regen weiß.  Mag  Bein,  daß  dies  dem  Franzosen,  dem  die 
Klarheit  um  jeden   Preis  über  alles  geht,   nicht  zusagt. 

Emile  Deschamps  verfaßt  nach  Goethe  eine  „Ballade 
du  roi  de  Thule".  Dupouys  Bemerkung  (86):  „un  lied,  dans 
le  frangais  de  1825,  dement  toujours  une  bailade"  beweist 
nur.  daß  er  den  Begriff  des  Wortes  Lied  nicht  recht  erfaßt 
hat.  Derselbe  Irrtum  findet  sich  S.  93  und  97.  wo  z.  B. 
auch  Lenore.  der  Wilde  Jäger,  der  Erlkönig  als  „lieds"-1  be- 
zeichnet werden. 

Quinet  erklärt  die  Philosophie  der  Deutschen  als  „fille 
de  notre  Revolution".  „Opinion  soutenable"  meint  Dupouy 
dazu  (121)  und  nennt  gleich  darauf  Kant(!),  Fichte  und 
Hegel.  Die  Philosophie  dieser  beiden  ruht  bekanntlich  auf 
der  Kants:  daß  Kants  Philosophie  bei  Ausbruch  der  fran- 
zösischen Revolution  längst  fertig  durchdacht  und  zum  weit- 
aus größten  Teil  veröffentlicht  war,  scheint  Herr  Dupouy 
ebenso  wenig  zu  wissen  wie  Edgar  Quinet. 

Deutschland  war  in  Frankreich  nur  beliebt  als  Land 
der  Dichter  und  Träumer.  Sobald  es  auch  auf  der  Erde, 
statt  nur  im  Reiche  der  Geister,  sein  Recht  suchte,  machte 
es  sich  verhaßt.  Es  ist  heute  ungemein  lehrreich  zu  lesen, 
wie  man  ihm  schon  damals  verübelte,  was  jetzt  Engländern 
und  Franzosen  als  hinreichender  Grund  erscheint,  den  Welt- 
krieg gegen  Deutschland  zu  entzünden  (120):  „En  une  page 
etrangement  prophitique,  daU  d'octobre  1831,  il  (d.  h.  Quinet) 
signale  ä  ses  compatriotes  engouSs  de  l'aerienne  AUemagne  la 
transformation  qui  s'opere  dans  leur  pays  de  prSdilection,  le 
passage  des  idees  aux  faits  sous  la  dictature  de  la  Prusse,  la 
poursuite  de  VuniU  germamque  au  profit  de  ce  peuple  'atnde 
et  dresse  aux  affaires  ,  et  la  sourde  ruee  teutonne  ,au  meurtre  du 
vieux  royaume  de  France'."  Und  eine  Seite  weiter  heißt  es: 
„U AUemagne   est  en  train  de  manquer  ä  sa  vocation.  .  .     Elle 


Referate  und  Rezensionen.  393 

n'a  'plus  de  reves,  plus  de  fantömes  sur  ses  balcons,  plus  de 
systenies,  plus  de  po&mes  .  .'  l'insensee,  qui  oublie  la  rialite 
swpirieure  de  la  poesie,  sa  mission,  sa  perennite!  La  science 
n'est  plus  qu'une  machine  de  destruction." 

Auch  ein  Geist  wie  Taine,  ursprünglich  ein  begeisterter 
Verehrer  der  deutschen  Philosophie  und  besonders  Hegels, 
dem  er  viel  verdankt,  wendet  sich  1870  schroff  von  Deutsch- 
land ab,  und  es  ist  vergeblich,  zu  behaupten  (195),  daß  der 
Krieg  dabei  keine  Rolle  gespielt  habe. 

Wie  klein  und  falsch  ist  das  Wort  des  Dichters  Moreas 
über  Goethe:  „C'est  le  plus  grand  des  Allemands,  c'est-ä-dire 
le  moins  Allemand"  Es  ist  immerhin  anzuerkennen,  daß 
sogar  Dupouy  dieses  Wort  nicht  ganz  billigt  (227).  Doch 
an  anderer  Stelle  (163)  unterstützt  er  Blaze  de  Bury's 
Meinung,  der  Schiller  selbst  so  überzeugt  widersprochen  hat: 
Schiller  sei  „plus  poete"  als  Goethe. 

Nietzsche  ist  in  Frankreich  genau  so  mißverstanden 
worden  wie  von  den  „Vielzuvielen"  in  Deutschland.  Dupouy 
weist  (245)  mit  Recht  die  Auffassung  zurück,  daß  er  das 
Nachgeben  gegen  eigene  Schwächen,  den  Egoismus  und 
Zynismus  gepredigt  habe,  wie  es  nach  den  Romanen  ver- 
schiedener Französinnen  scheint.  Yon  den  vielgestaltigen 
Beziehungen  zwischen  Deutschland  und  Frankreich  seit 
Wagner  und  Nietzsche  weiß  das  Buch  nichts  zu  berichten, 
obwohl  die  Vorrede  tadelt,  daß  Süpfle  die  zeitgenössische 
Literatur  nicht  berücksichtigt  habe. 

Der  Verfasser  gibt  am  Schluß  kurze  Lebensbeschreibungen 
der  in  seinem  Buche  genannten  deutschen  Schriftsteller.  Diese 
Übersicht  ist  für  viele  französische  Leser  gewiß  nützlich. 
Für  uns  trägt  sie  zu  sehr  das  Gepräge  irgend  eines  kleinen 
Konversationslexikons.  Man  kann  zwischen  groß  und  klein 
zu  wenig  unterscheiden.  Wichtige  Namen  fehlen,  wie  schon 
im  Text.  Manches  darin  ist  anfechtbar.  Fichte  als  Schüler 
Spinozas,  Maximilian  Harden  als  glühender  Alldeutscher, 
Lessing,  der  sich  in  Wolfennbüttel  (!)  besonders  mit  Theologie 
beschäftigt,  Conrad  Ferdinand  Meyer,  der  sehr  von  fran- 
zösischem Geiste  durchdrungen  sein  soll,  Mommsenn(l),  der 
sich  1870  durch  franzosenfeindliche  Haltung  auszeichnete, 
Raabe,  der  noch  als  Lebender  und  nur  als  Humorist  genannt 
wird :  das  alles  sind  Dinge,  die  das  Wissen  des  Verfassers 
als  Stückwerk  kennzeichnen. 

Das  Buch  bringt  nichts  Neues,  prunkt  mit  großer,  aber 
einseitiger  Belesenheit,  tastet  überall  geistreich  und  beweg- 
lich, aber  ohne  klare  Richtlinien  auf  der  Oberfläche  herum, 
nimmt  einseitig  Stellung  zu  seiner  Aufgabe  und  verrät  viel- 
fach Mangel  an  Gewissenhaftigkeit. 

Dresden.  Wolfgang  Martini. 


394  W.  Martini. 

Soblik,  Paul:    Werther   und    EenS.     Greifswalder  Doktor- 
arbeit  1916.    80  S. 

Die  Arbeit  erscheint  mit  einer  Erweiterung  als  15.  Heft 
von  Thuraus  „Romanischem  Museum1,1.  Sie  sucht  die  Streit- 
frage zu  lösen,  die  sich  über  das  Verhältnis  der  beiden  im 
Titel  genannten  Werke  erhoben  hat.  Die  einen  behaupten, 
daß  ,.liene''  nichts  weiter  als  ein  französischer  „Werther1'  sei, 
und  erheben  zum  Teil  gegen  Chateaubriand  sogar  den  Vor- 
wurf der  unselbständigen  Entlehnung.  Die  anderen  leugnen 
jede  Gemeinschaft  zwischen  beiden  Werken.  Daneben  werden 
Ansichten  vertreten,  die  sich  auf  der  mittleren  Linie  bewegen. 
Soblik  kommt  auf  Grund  eingehender  Kenntnis  der  Quellen 
und  der  Schriften  über  beide  Werke,  vor  allem  aber  durch 
gründlichen  Vergleich  der  sachlichen  Leitgedanken  und  der 
gefühlsmäßigen  Bestandteile  beider  Romane  zu  dem  Ergebnis, 
daß  beide  durchaus  eigene  Schöpfungen  ihrer  Verfasser  sind. 

Die  Abhandlung  empfiehlt  sich  durch  wohltuende  Klar- 
heit. Stellenweise,  so  besonders  in  der  Einleitung,  ist  das 
Bedürfnis  nach  Klarheit  bis  zu  überflüssiger  Breite  getrieben. 
Es  wäre  wohl  nicht  durchaus  nötig  gewesen,  alle  rein  logisch 
sich  ergebenden  Möglichkeiten  einer  Beziehung  zwischen  den 
beiden  Romanen  und  zwischen  ihren  Hauptgestalten  auf- 
zuführen, da  verschiedene  dieser  Möglichkeiten  für  den 
Kenner  der  Werke  von  vornherein  ohne  weiteres  ausscheiden. 
Der  Beweis  für  den  Eigenwert  der  Schöpfung  Chateaubriands 
wird  besonders  auf  zwei  Wegen  geführt.  Erstens  beruht  die 
geringfügige  Handlung  im  „Rene"  wie  im  „Werther"  auf 
eigenen  Erlebnissen  des  Dichters,  und  zweitens  ist  die  Wesens- 
art des  Helden  im  Grunde  von  der  Werthers  durchaus  ver- 
schieden. Werther  ist  ein  von  seinen  überschwänglichen 
Gefühlen  widerstandslos  beherrschter,  aber  von  Haus  aus 
nicht  unglücklicher  Mensch,  den  erst  die  Verhältnisse  ins 
Unglück  treiben.  Rene  dagegen  läßt  sich  mehr  von  seiner 
Phantasie  beherrschen,  und  sein  Gefühlsleben  ist  von  vorn- 
herein krankhaft  und  grundlos  weltschmerzlich.  Die  Ähnlich- 
keiten zwischen  beiden  Werken  und  ihren  Helden  sind  ganz 
allgemein,  in  allen  Besonderheiten  gehen  sie  weit  auseinander. 
So  kann  von  ein«  r  Entlehnung  keine  Rede  sein. 

Es  scheint,  als  habe  trotz  unparteiischster  logischer  Er- 
örterung aller  Möglichkeiten  die  Voraussicht  auf  dieses  un- 
zweifelhaft richtige  Endergebnis  oder  auch  der  Widerspruch 
gegen  übertriebene  Behauptungen  der  Literaturgeschicht- 
schreiber dem  Verfasser  von  Anfang  an  die  Feder  geführt. 
Die  Ähnlichkeit  zwischen  beiden  Werken,  die  manche  Be- 
urteiler veranlaßt  hat.  „Rene"  den  französischen  „Werther"  zu 
nennen,  besteht  meines  Erachtens  in  dem  allgemeinen 
Stimmungsgehalt,  der  mir  bei  Soblik  nicht  ganz  zu  seinem 
Rechte   zu    kommen    scheint.     Beide  Romane    gehören   einer 


Referate  und  Rezensionen.  395 

geschichtlichen  Richtung  an.  die  man  bei  uns  mit  Empfind- 
samkeit, Weltschmerz,  bei  den  Franzosen  mit  Wertherisme, 
mal  du  siecle,  auch  Byronisme  usw.  zu  bezeichnen  pflegt. 
Diese  Strömung  geht  von  Rousseau.  Richardson,  Ossian  und 
Goethe  über  Byron  bis  zu  den  deutschen  und  französischen 
Romantikern,  ja  schließlich  bis  zum  Pessimismus  und  der 
Decadence  des  ,,fin  du  siecle"  im  neunzehnten  Jahrhundert. 
Werther  und  Rene  sind  die  bedeutendsten  Vertreter  dieser 
Richtung  für  ihre  Zeit ;  aber  auch  fast  alle  Helden  der  Romantik, 
der  Chatterton  Vignys  und  sämtliche  Helden  der  Byronschen 
und  Hugoschen  Dramen  gehören  ihr  an.  Die  verschiedene 
Zeitrichtung  bedingte  allein  schon,  abgesehen  von  der  großen 
Verschiedenheit  der  Dichter,  deren  Wesen  sich  in  ihren  Werken 
spiegelt,  den  Unterschiend  zwischen  Rene  und  Werther.  Es 
scheint  mir,  daß  der  Verfasser,  wenn  er  Werthers  krankhafte 
Anlage  so  schroff  in  Abrede  stellt,  zwischen  Krankheit  und 
Gesundheit  allzu  strenge  logische  Unterschiede  macht,  die 
weder  das  Leben  noch  die  Psychiatrie  anerkennen  kann. 
Die  Grenzen  sind  hier  fließend,  und  man  kann  nie  genau 
angeben,  wo  die  Gesundheit  aufhört  und  die  Krankheit  an- 
fängt. Die  reine  Schwarz-weiß-Logik  versagt,  wo  das  natur- 
wissenschaftliche Denken  beginnt.  Goethe  selbst  hat  die 
Werther-Krankheit  —  auch  diesen  Ausdruck  verwirft  der  Ver- 
fasser —  durchgemacht,  aber  er  überwand  sie  rasch,  weil  er 
zu  gesund  war.  um  an  ihr  zugrunde  zu  gehen.  Sein  Werther 
dagegen  leidet  an  einer  krankhaft  zu  nennenden  Schwäche, 
sein  Gefünl  überwiegt  zu  maßlos  alle  anderen  seelischen 
Kräfte,  und  an  diesem  Mangel  an  seelischem  Gleichgewicht, 
der  ihn  zum  Ertragen  jeder  stärkeren  Belastungsprobe  des 
Lebens  unfähig  macht,  nicht  an  seiner  Größe,  wie  Soblik 
Seite  46  sagt,  muß  er  zugrunde  gehen.  Die  Tragik  seines 
Geschickes  beruht  für  uns  darin,  daß  wir  erkennen  müssen, 
wie  alle  großen  Anlagen  des  Geistes  und  Herzens  ihn  nicht 
vor  den  vernichtenden  Polgen  seiner  krankhaften  Schwäche 
bewahren  können,  wie  ein  groß  und  edel  angelegtes  Wesen 
sich  durch  sein  an  sich  wundervoll  reiches  Gefühlsleben  selbst 
zerstören  muß. 

Dresden.  Wolfgang  Martini. 


Druck  von  G.  Uschinann,  Weimar. 


Aufklärung  und  Revolution  in  Frankreich. 

Eine  literarhistorische  Studie. 


„ . . .  des  maniaqnes  d  'ide  es  abstraites,  malades 
de  logique,  toujours  prets  a  sacriüer  les  autres 
et  eux-memes  ä  un  de  leurs  syllogismes.  IIa 
parlaient  constamruent  de  libert<5,  et  persoune 
n'titait  moins  tait  pour  la  comprendre  et  pour 
la  supporter.  Nulle  part,  des  caracteres  plus 
froidement,  plus  atrocement  despotiques,  par 
pasaii.n  intellectuelle,  ou  par  paBsion  de  vouloir 
toujours  avoir  raison." 

Romain  Kolland.  Jean- Christophe  d  Paris. 
La  Foire  sitr  la  Place.    S.  202,  io3. 

I. 

Die  Literatur  des  18.  Jahrhunderts  in  Frankreich  ist  schon 
wiederholt  zum  Gegenstand  zusammenfassender  Darstellung' 
gemacht  worden.  Auf  deutscher  Seite  behauptet  llettners 
prächtiges  Buch1)  einen  Ehrenplatz,  während  sich  auf  fran- 
zösischer Seite  unter  den  Neueren  Faguet'  l,  Petit  de  Julleville  3), 
Lanson4)  und  Bfunetiere5)  den  Vorrang  streitig  machen 
mögen.  Daß  solche  zusammenfassenden  Darstellungen  gerade 
neuerdings  wieder  unternommen  werden,  hat  seinen  haupt- 
sächlichsten Grund  in  dem  immer  fühlbarer  werdenden  Orien- 
tierungsbedürfnis, dem  die  rüstig  fortschreitende  Forschung 
Rechnung    zu    tragen    strebt.       In    keiner   Periode    der   fran- 


')  Hermann  Hettner,  Literaturgeschichte  des  18.  Jahrhunderts.  II. 
Geschichte  der  französischen  Literatur  im  18.  Jahrhundert.  Jetzt  7.  (von 
Heinrich  Movf  besorgte)  Auflage,  1913. 

*)  Emile  Fasrnet,  Dix-huitieme  siede.    Etudes  litter aires.     7«  ed.  1890. 

5)  Histoire  de  la  langue  et  de  la  litterature  francaise.  VI.  Band 
(XYJlIe  siede).     1898. 

4)  Histoire  de  la  litterature  francaise.  7e  ed.  1902.  —  Origines  et 
premieres  manifestations  de  l'esprit  philosophique  dans  la  litterature 
francaise  de  1675  ä  1748.  In:  Revue  des  cours  et  confirences.  16e  annee. 
I.  S.  289—298.  450—460,  601—613,  721—734:  II.  S.  1-15.  145-156, 
241-254.  409—422,  481—493,625-6:57,  738—752,  817  829.  —  Formation 
et  devdoppement  de  l'esprit  philosophique  du  Wille  siede.  In:  Revue 
des  cours  et  Conferences.  17e  annee,  I.  S.  357—365.  499 — 508:  II.  S.  65— 75, 
211-218.  309—320.  433Ü.,  549  ff..  657ff.,  713ff.,  796ff..  843ff.;  18«  annee. 
I.  S.  22— 32,  106  -115,  257  ff.,  534  ff.,  73411.:  II.  8.241-250. 

*)  Ferdinand  Brunetiere,  Etudes  sur  le  XVII Ifl  siecie.  1911,  und 
Histoire  de  la  litterature  francaise  classique.  III.  Le  dix-huitieme  siede. 
1912. 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XLV    I  -.  28 


398  Kurt  Glaser. 

zösischen  Literatur  stoßen  gleich  viel  Wissensgebiete  der  vor- 
Kehiedensten    Art    zusammen.     Her    Erforscher    der   Literatur 

des  l.s.  Jahrhunderts  darf  nicht  mehr  Philologe  und  Literar- 
historiker allein  sein,  sondern  muß  zum  Philosophen.  Historiker, 
Nationalökonomen  und  Naturforscher  werden  und  muß  die 
sich  stets  erweiternden  und  ergänzenden  Ergebnisse  auf*  allen 
diesen  Forschungsgebieten  für  die  Kenntnis  der  Literatur- 
bewegung  verwerten. 

Das  Gesamtbild,  das  sich  auf  diese  Weise  ergibt,  ist  in 
seiner  Beleuchtung  im  ganzen  wie  in  seinen  einzelnen  Zügen 
immer  noch  viel  umstritten  und  muß  fuglich  auch  umstritten 
bleiben,  so  lange  die  Ansichten  maßgebender  Stellen  über 
Methode,  über  Wege  und  Ziele  der  Forschung  gerade  in 
grundsätzlich  wichtigen  Fragen  noch  weit  auseinandergehen. 
Am  schroffsten  und  in  seiner  Art  klassisch6)  ist  der  Gegen- 
sat/, zwischen  Faguet  und  Lanson.  Faguet  ist  Psychologe. 
Lanson  Historiker.  Faguet  verfährt  wesentlich  analysierend, 
schöpft  die  Schriftsteller  inhaltlich  aus  und  sucht  in  erster 
Linie  ihre  Gedankenwelt  darzutun.  Lanson  geht  wesentlich 
genetisch  zu  Werke  und  sucht  aus  den  Beziehungen  der 
Literaten  des  18.  Jahrhunderts  zu  früheren  Perioden  wie  zu 
den  Verhältnissen  und  Bedingungen  ihres  eigenen  Zeitalters 
einen    objektiven    Standpunkt   der   Beurteilung   zu    gewinnen. 

Vorurteilslosigkeit  kann  man  Faguet  nicht  nachrühmen. 
Sein  Urteil  über  die  Literatur  des  18.  Jahrhunderts  lautet  von 
vornherein  wegwerfend7).  Das  18. -Jahrhundert  ist  ihm  eine 
Zeit  des  Niederganges  auf  allen  Gebieten.  Für  ihn  macht  er 
neben  der  „diminution  progressive  de  l'idee  de  patrie".  die 
sich  aus  der  „absence  presque  absolue  de  vie  politique  en 
Frame  depuis  Louis  X1Y  jusqu'ä  la  Revolution"  erkläre,  die 
„extinetion  brusque  de  l'idee  chretienne"  verantwortlich.  Die 
„idee  chretienne"  hinwiederum  ist  ein  Opfer  des  „esprit 
scientifique"  des  18.  Jahrhunderts  geworden,  der  nach  seiner 
Ansicht  hauptsächlich  durch  die  Aufhebung  des  Edikts  von 
Nantes  ins  Leben  gerufen   worden  ist. 

Schon  in  diesen  Grundurteilen  zeigt  sich  der  Fehler  der 
Faguetschen  Art.  An  sich  richtige  Gedanken  vergröbert 
er  zu  Ungunsten  des  18.  Jahrhunderts.  Denn  auch  das 
17.  Jahrhundert  hat  seinen  ,,esprit  seientifique".  sein 
„libertinage"  gehabt,  oder  welchen  Namen  man  sonst  noch 
den  Gegenströmungen  gegen  den  herrschenden  klassischen 
Geist  jener  Zeit  geben  will.     Das  hat    schon  F.  Lotheissen8) 

*)  Vgl.  Carl  Becker,  Zur  Evolution  der  modernen  französischen 
Kritik.     Germanisch-romanische  Monatsschrift  IV  (1902)  S.  495  —  504. 

7)  XVIIIe  siede  (1890).     Avant-propos  S.  VI,  VII. 

8)  Geschichte  der  französischen  Literatur  im  17.  Jahrhindert  (1878  ff): 
besonders  II.  S.  442  ff. 


Aupclärung  und  Revolution  in   Frankreich.  399 

zur  Genüge  dargelegt,  das  har  auch  Lanson  wiederholt*) 
deutlich  gemacht,  und  Brunetiere  10)  hat  es  gleichfalls  gewußt. 
Der  Bruch  /.wischen  dem  17.  und  dem  18.  Jahrhundert  ist 
durchaus  nicht  so  schroff  und  unvermittelt  gewesen  ll),  wie 
Faguet  in  seinem  starren  Drang  nach  scharfer  und  sauberer 
Periodisierung  glauben  machen  will. 

Auch  andere  Urteile  Faguets  kranken  daran,  daß  in  ihnen 
eine  halbe  Wahrheit  liegt.  Das  gilt  besonders  von  dem 
Satz:  „[Le  XYITIe  siecle]  manquait  de  tradition,  et  n'en 
voulait  poinf'  l2).  Der  letzte  Teil  dieses  Satzes  ist  richtiger 
als  der  erste.  Das  18.  Jahrhundert  knüpft  allerdings  doch 
an  Früheres  an,  wenngleich  dies  nicht  in  demselben  Maße 
wie  bei  anderen  Perioden  der  Fall  sein  mag.  Besonders  eng 
sind  seine  Beziehungen  zu  dem  16.  Jahrhundert.  Kürzlich 
hoffe  ich  gezeigt  zu  haben  13 I.  daß  der  aufklärerische  Gedanke 
der  Reformation  das  älteste  und  stärkste  Element  in  der 
nationalen  Tradition  darstellt  und  als  solches  dem  vielerörterten 
englischen  Einfluß  auf  die  französische  Aufklärungsliteratur 
zur  Seit*  tritt.  "Wenn  die  Beziehungen  zwischen  Aufklärung 
und  Reformation  nicht  enger  sind,  als  sie  tatsächlich  sind, 
bo  trägt  die  Hauptschuld  daran  die  von  Faguet  so  hochge- 
schätzte klassische  Literaturperiode  selbst,  die,  verglichen 
mit  dem  geistigen  Aufschwung  des  16.  Jahrhunderts,  in  ihrer 
gedanklichen  Leistung  eine  Zeit  des  Stillstandes  und  der 
Reaktion  gewesen  isr. 

Noch  schwerer  wiegt,  daß  Faguet  die  Aufklärungsliteratur 
auch  insofern  schief  beurteilt,  als  er  die  Beziehungen  und 
Wechselwirkungen,  welche  zwischen  der  Literatur  und  den 
Zeitumständen  walten,  über  Gebühr  außer  acht  läßt.  Die 
Frage,  wie  die  Philosophen  auf  ihre  Zeitgenossen  eingewirkt, 
wie  sie  ihre  Gedanken.  Forderungen  und  Schlagwörter  bei 
den  Menschen  ihrer  Tage  anzubringen  gewußt  haben,  legt  er 
sich  nirgends  ernstlich  vor.  Die  Folge  davon  ist,  daß  er  die 
Frage,  ob  die  Aufklärungsliteratur  die  Revolution  mit  herbei- 
geführt und  auf  ihren  Verlauf  bestimmend  und  richtunggebend 
eingewirkt    hat.    mit    Entschiedenheit    verneint.      Auch    hier 


')  Vgl.  besonders  die  Artikelreihe:  Origines  et  premieres  manifestations 
de  l'esprit  philosophique  dans  la  litterature  francaise  de  1675  ä  1748  und 
Formation  et  developpement  de  l'esprit  philosophique  du  XVIIIe  siede. 
S.  Anm.  4. 

10)  Mildes  sur  le  XVIIIe  siecle  (1911)  S.  235 ff. 

n)  Auch  G.  Chinard.  L  Amerique  et  le  reve  exotique  dans  la  litterature 
francaise  au  XVIIe  et  au  XVIII«  siecle  (Paris  1913)  hat  das  Gleiche 
neuerdings,  aus  anderem  Gesichtspunkt  heraus,  gezeigt. 

12)  XVIIIe  sieele  (1890).     Avant-propos  S.  XII. 

13)  Beiträge  zur  Geschichte  der  politischen  Literatur  Frankreichs  in 
der  zweiten  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts.  III.  Die  politischen  Theorien. 
In:  Zeitschrift  für  franz.  Sprache  und  Literatur  39.  S.  183 - 263 ;  45,  S.  1—37 
und  289-318. 

28* 


4«  »0  Kurt  Glaser. 

Beneiden  sich  seine  Wege  von  denen  Hettners,  Lansons, 
Brunetieres  14).  Aber  auch  er  steht  mit  seiner  Ansicht 
nicht  allein. 

II. 

Das  Verhältnis  der  französischen  Aufklärung  zur  großen 
Revolution  h;it  eine  abweichende  Beurteilung  erfahren,  je 
nach  der  Vorstellung,  die  man  sich  von  dem  Ursprung  des 
ganzen  gewaltigen  Ereignisses  und  von  dein  Wesen  und  Wollen 
seiner  Träger  überhaupt  gemacht  hat.  Zwei  Ansichten  stehen 
sich  hier  gegenüber.  Taine  mit  seiner  konstruktiven,  in  ihrem 
überstarken  Drang  nach  Einheitlichkeit  und  Klarheit  sich  an 
den  Naturwissenschaften  orientierenden  Methode  beugt  die 
Menschen  unter  eine  ihr  Denken  und  Mandeln  erklärende 
und  regelnde  Schablone;  die  Männer  der  französischen  Revo- 
lution sind  ihm  wesentlich  Doktrinäre,  die  einer  realen  Politik 
nur  in  geringem  Maße  fähig  sind,  um  so  mehr  aber  unter  der 
Herrschaft  der  Abstraktion  stehen  und  statt  mit  konkreten 
Begriffen,  mit  farblosen,  sich  bis  ins  Phrasenhafte  verflü-chtigen- 
den  Allgemeinvorstellungen  arbeiten.  Die  Revolution  ist  ihm 
mit  Edgar  Quinet 15)  die  praktische  Probe  auf  die  Theorien 
und  Utopien  des  18.  Jahrhunderts:  sie  ist  der  Niederschlag 
der  Gedanken,  welche  namentlich  Montesquieu.  Voltaire,  die 
Enzyklopädisten  und  Rousseau  in  die  Welt  geworfen  haben : 
sie  führt,  wie  schon  Tocqueville 16)  erkannt  hat,  eine  Ent- 
wicklung zum  Abschluß,  die  bereits  früher  begonnen  hatte. 
und  stellt  in  ihrem  Ursprung  und  Wesen  das  Ergebnis  des 
esprit  classique  dar,  der  in  seiner  Vereinigung  mit  dem  aus 
den  Naturwissenschaften  geschöpften  esprit  (acquis)  scientifique 
die  geistige  Atmosphäre  geschaffen  hat.  in  welcher  die  Männer 
der  Revolution  atmen. 

Wie  jeder  Versuch,  weitumfassende  Erscheinungs-  und 
Gedankenkomplexe  in  die  Enge  einer  Formel  zu  bannen,  muß 
auch  der  Taines  für  mißlungen  gelten  17).  Da  ist  es  vielleicht 
das  größte  Verdienst  von  Taines  Gegnern,  daß  sie  auf  die 
Einseitigkeit  jener  Formel  hingewiesen  und  die  Unmöglichkeit 
der  alten  Erfahrungstatsache,  eine  Vielheit  von  geschichtlichen 
Persönlichkeiten  und  Vorgängen  allein  von  einem  Gesichts- 
punkt zu  begreifen,  auch  für  die  französische  Revolution  neu 

")  Histoire  de  la  litterature  francaise  classique.  III.  S.  518  ff.  Vgl. 
auch  Revue  des  Delix- Mondes  vom  15.  Oktober  1878,  S.  922—939  (=  Histoire 
et  litterature  I  [  1 88H j  S.  207—241)  und  Revue  des  Deux-Mondes  vom 
1.  Dezember  1906.  S.  «04—628  (=  Etudes  sur  le  XYIII«  siede  [19111 
S.  18ft  -234'!. 

,l)  La  Revolution  (Paris  1865).     Vgl.  z.  B.  II.  S.  84. 

16)   L' Anden   Regime  et  la  Revolution  I  (1856  . 

")  Das  hal  zueist  Taines  Kritiker  Albert  Sorel  erkannt  in  seiner 
Anzeige  des  Anden  Regime  in  der  Revue  11 istorique.  \ii!Te  annee  II  (1876) 
S.  281-  290. 


Aufklärung  und  Revolution  in  Frankreich.  401 

erwiesen  haben.  Aber  es  muß  doch  noch  sehr  fraglich  er- 
scheinen, ob  die  Art  und  Weise,  wie  sie  diesen  Nachweis  zu 
erbringen  suchen,  nicht  ihrerseits  zur  Einseitigkeit  hinführt, 
ob  nicht  letzten  Endes  ein  starres  Dogma  einem  anderen,  minder 
starren  gegenübergestellt  wird. 

Der  Zusammenhang  zwischen  Aufklärung  und  Revolution 
war  schon  lange  Jahre  zuvor  von  französischen  Forschern, 
vor  allem  von  A.  Granier  de  Cassagnac  in  seiner  Histoire  des 
causes  de  la  i/'rolution  francaise1*)  mit  Entschiedenheit  in 
Abrede  gestellt  worden.  Den  gleichen  Gedanken  vertritt 
Felix  Rocquain  in  seinem  kurz  nach  Taines  Ancien  Regime 
veröffentlichten  Buch  L'esprit  revolutionnaire  avant  la  rSvolution. 
1715—1789  (Paris  1878).  Die  Revolution  könne,  so  führt 
Rocquain  aus.  in  keiner  Abhängigkeit  von  der  Aufklärungs- 
literatnr  stehen,  da  sie  schon  1754  und  1771  auszubrechen 
bereit  war  und  auch  tatsächlich  ausgebrochen  wäre,  wenn 
nicht  besondere  Umstände  dies  verhindert  hätten.  .,Le 
mouvement  d'opinion  d'oü  sortit  la  Revolution  francaise  ne 
date  point  des  Philosophes.  Le  siecle  tout  entier  prepara  la 
eatastrophe  ...  A  deux  reprises.  en  1754  et  en  1771.  la 
Revolution  tut  sur  le  point  d'eclater.  En  1754,  eile  etait 
surtout  dirigee  contre  l'Eglise,  et,  de  l'aveu  des  contemporains. 
le  sang  de  ses  ministres  eüt  le  premier  rougi  les  paves  deplaces 
par  l'emeute.  En  17  71.  le  mouvement  avait  un  caractere 
plus  particulierement  politique.  et  c'etait  contre  la  royaute 
(|ue  grondaient  les  eoleres  .  .  ." 

Rocquains  Argumentation  liegt  in  der  Richtung  der 
Gedanken,  welche  Taines  radikalster  Gegner.  Alphonse  Aulard 
zu  einer  nach  französischem  Muster  geräuschvoll  verfochtenen 
These  erhoben  hat  l9).  Für  ihn  steht  die  Revolution  in  keinem 
ihren  Verlauf  bestimmenden  Zusammenhang  zur  Aufklärung, 
sondern  ist  in  der  Hauptsache  das  notwendige  Ergebnis 
unhaltbarer  politischer,  sozialer  und  wirtschaftlicher  Zustände. 
Die  Männer  der  Revolution  sind  Realpolitiker,  die,  der  Be- 
einflussung durch  philosophische  Ideen,  durch  Abstraktionen 
und  Konstruktionen  unzugänglich,  ihr  Handeln  allein  nach 
den  gegebenen  Verhältnissen  einzurichten  wissen  (these  des 
circonstances)  und  in  mutigem  Ringen  mit  der  von  dem  rück- 
ständig gebliebenen  Europa  drohenden  Gefahr  durch  die  Auf- 
richtung des  republikanischen  Frankreich  auf  der  Trümmer- 
welt des  ancien  regime  eine  segensreiche  politische  Großtat 
vollbracht  haben. 

18)  Besonders  II.  (Paris  1850)  S.  319  ff. 

")  Besonders  in  seiner  Histoire  politique  de  In  revolution  franqaise. 
Paris  1901  (über  den  Zusammenhang  zwischen  Aufklärung  und  Revolution 
in  Aulards  Sinn  vgl.  S.  1  ff.)  und  in  seiner  Studie :  Tarne  Historien  de  la  Re- 
volution francaise.  Paris  1907  (über  Taines  Theorie  des  esprit  classique 
vgl.  S.  50 ff.). 


409  Kurt  Glaser. 

Es  i^r  gewiß  nicht  leicht,  einen  solchen  Standpunkt  in 
Beinern  ganzen  Umfang  a  limine  abzulehnen.  Kanin  je  in  der 
Geschichte  hat  es  Zeiten  gegeben,  die  in  gleicher  Weise  an 
das  staatsmännisebe  Können,  an  die  nüchterne  politische  Ein- 
sicht und  die  kalt  entschlossene  Tatkraft  ähnlich  hohe  An- 
forderungen gestellt  haben.  Aber  es  bleibt  doch  noch  sehr 
fraglich,  ob  auf  dem  von  Aulard  eingeschlagenen  extremen 
Weg  ein  Standpunkt  der  Erkenntnis  zu  gewinnen  ist.  von 
dem  aus  es  sich  mit  Erfolg  unternehmen  ließe,  das  Bild  der 
Persönlichkeiten  und  Geschehnisse  zu  zerstören,  das  Taine  in 
seinen  monumentalen  Origines  de  la  France  contemporaine 
entworfen  hat.  Im  Grunde  handelt  es  sich  bei  der  ganzen 
Präge  um  einen  latenten  Gegensatz  prinzipiellen  (Charakters, 
um  den  tiefen  Widerstreit  idealistischer  und  materialistischer 
Geschichtsauffassung:  Taine,  der  vielseitige,  dem  Philosophi- 
schen zugewendete  Denker,  wertet  und  überwertet  die  Macht 
der  Ideen.  Aulard,  der  einseitige,  nüchterne,  politisch  inter- 
essierte Historiker,  wertet  und  überwertet  die  Stoßkraft  der 
Dinge20). 

Wie  alles,  was  für  und  wider  Taine  gebr.  hat  der  Gegen- 
satz zwischen  Tainescher  und  Aulardscher  Auffassung  auch 
für  den  Literarhistoriker  sein  Interesse.  Unter  den  Partei- 
gängern der  Aulardschen  Richtung  ist  es  neben  Faguet 
E.  Champion,  der  das  literarhistorische  Moment  am  stärksten 
in  den  Kreis  seiner  Untersuchungen  gezogen  hat.  Ton  der 
starren  Aulardschen  Formel  ist  bei  ihnen  schon  mancherlei 
modifiziert,  aber  der  große  Gedanke,  daß  die  Aufklärung 
keinen  Einfluß  auf  die  Revolution  ausgeübt  hat.  ist  auch 
ihnen  ein  Glaubenssatz  geworden.  Champion  schreibt  ein 
Buch  La  France  d'apres  les  cahiers  de  178U  (Paris  1897), 
um  darin  den  Nachweis  zu  erbringen,  daß  einzig  und  allein 
die  Notlage  des  Volkes  die  Revolution  entfesselt  habe,  und 
Faguet21)  jubelt  diesem  Standpunkt  zu  in  den  Worten  :  ,,  Eutin 
voilä  un  homme  qui  sait  ce  que  la  France  voulait  en  1789  .  .  . 
La  Revolution  francaise,  dans  les  vceux  des  hommes  qui  1  ont 
commenece.  aussi  bien  que  dans  les  resultats  par  oü  eile  a 
tini.  c"est  une  revolution  purement  economique  et  administrative. 
Elle  na  rien  d'idealiste,  rien  de  philosophique.  rien  de  religieux, 
rien  de  sublime,  rien  win  excelsis1.    Elle  est  tres  terre  ä  terre. 

")  In  diesem  Sinne  kann  Brtmetiere,  FAudes  sur  le  XVUle  siede 
(1911)  8.  190  schreiben:  „L'iuie  des  raisons  de  notre  resistance  (gegen  den 
Standpunkt  Rocquains)  etait  alors,  et  eile  est  toujours.  que  nous  croyons 
au  pouvoir  des  idees."  S.  191 :  „Et,  de  fait,  si  quelqu'un  ne  croit  pas  que 
les  idees  nienent  le  monde.  c'est  M.  Emile  Faguet  ...  Ce  qui  revient  ä  dire, 
en  tennes  generaux,  que  ce  ue  sont  pas  les  idees  en  ce  monde  qui  deter- 
minenl  le  cuurs  des  t'aits  .  .  ."  Vgl.  zur  Sache  Eduard  Fueter,  Geschichte 
der  neueren  Historiographie  (München-Berlin  1911)  S.  582  ff.  Gegen  Aulard 
spricht  sich  auch  ans  Albert  Petit,  Deux  coneeptiom  de  l'hintoire  de  la 
Revolution.    Taine  et  M.  Aulard.    in:  Rerue  des  Deux-Mondes  19]0.  S.  77 ff. 

21)  Questiom  politiques  (Paris  1899)  S.  1—23  (La  France  en  1789.). 


Aufklärung  und  Revolution  in  Frankreich.  4<<3 

Les  hommea  qui  l'ont  commencee  sont  tres  realistes  .  .  .  Tout 
simplement  ils  mouraient  de  faim  et  desiraient  cesser  de  mourir. 
FI  n'y  a  pas  autre  chose  dans  les  Cahiera  de  1789." 

Noch  mehrfach  kommt  Faguer  auf  die  gleiche  Ausiclir. 
sie  literarhistorisch  erweiternd  und  begründend,  zurück  22), 
während  sich  Champion  in  seinem  Buch  J .-J .  Rousseau  et  la 
Revolution  frangaise  (Paris  L909)  bemüht,  den  entscheidenden 
Schlag  gegen  die  durch  die  Tainesche  Schule  herrschend  ge- 
wordene Ansicht  zu  führen,  indem  er  den  Anteil  des  Genfer 
Philosophen  an  dem  Zustandekommen  und  Verlauf  der  Re- 
volution auf  ein  möglichst  geringes  Maß  zu  beschränken  sucht. 
Es  wird  Champion  unbedenklich  recht  zu  geben  sein,  wenn 
er  sich  dagegen  verwahrt,  in  einem  Menschen,  in  Rousseau, 
die  Verkörperung  der  ganzen  französischen  Revolution  zu 
sehen'-3).  Aber  wenn  es  sich  nun  einmal  darum  handelt,  den 
Einfluß  eines  Menschen  darzutun,  was  liegt  da  näher,  als 
diesen  Einfluß  in  erster  Linie  von  Mensch  zu  Mensch  zu 
suchen?  Bevor  man  über  Geschehnisse  redet,  wie  dies  die 
Vertreter  der  these  des  circonstances  tun,  muß  man  sich  über 
die  Persönlichkeiten,  die  diese  herbeigeführt  haben  oder  mitten 
in  ihnen  stehen,  klar  werden.  Aus  den  Handlungen  allein 
ein  Bild  der  Persönlichkeiten  herleiten  zu  wollen,  ist  nicht 
der  einzig  mögliche  und  notwendig  sicherste  Weg.  zumal  wenn 
wir  uns  an  Hand  der  von  ihnen  selbst  (unterlassenen  Schriften 
ein  Bild  ihrer  Gedankenwelt  machen  können.  Mag  der  Ge- 
schichtsforscher in  erster  Linie  den  Zusammenhang  zwischen 
Gedanken  und  Taten  zu  ergründen  suchen,  der  Literarhisto- 
riker hat  vor  allen  Dingen  die  Ideen  und  deren  literarische 
Ausgestaltung  zu  würdigen. 

Nach  einer  Seite  hin  kann  uns  Champion  selbst,  freilich 
sehr  gegen  seinen  Willen,  von  der  Bedenklichkeit  seiner  Methode 
überzeugen.  Seinem  sonstigen  Standpunkt  zum  Trotz  gibt  er 
in  einem  unbewachten  Augenblick  die  Möglichkeit  zu.  daß 
Theorien  die  Ereignisse  beeinflussen  können.  Wozu  denn  sonst 
in  seinem  Buch  Rousseau  et  la  Revolution  das  Kapitel:  .1 
In  deeharge  de  Rousseau?  Champion  erbringt  hier  im  wesent- 
lichen den  —  anderen  eigentlich  selbstverständlichen  —  Nach- 
weis, daß  es  schon  vor  und  neben  Rousseau  Ideen  und  Theorien 
gegeben  hat.  aus  denen  die  Revolutionsmänner  hätten  schöpfen 
können.  Er  operiert  also  „ä  la  deeharge  de  Rousseau1'  gerade 
mit  dem,  was  gegen  seinen  eigenen  Standpunkt  spricht.  Wenn 
er  dann  an  späterer  Stelle,  natürlich  wieder  um  den  Zusammen- 
hang zwischen  Aufklärung  und  Revolution  zu  bestreiten. 
meint,  revolutionäre  Gedanken  seien  schon  vor  der  Aufklärung 

22)  XVIII«  siech.  Etudes  UtterairesJ6  ed.  Paris  1890  und  Politique 
comparee  de  Montesquieu,  Voltaire  et  Rousseau.     Paris  1902. 

")  Das  kann  doch  mir  iu  dem  Sinne  geschehen,  den  A.  Wahl.  Vor- 
geschichte der  französischen  Revolution  I     1905),  S.  L43  andeutet. 


4t  >4  Kurt  Glaser. 

dagewesen,    man    könne    also    mir   dem  gleichen    Recht   etwa 

Montaigne  den  Vater  der  Revolution  von  1789  nennen,  so  ist 
auch  das  nichts  anderes  als  ein  unfreiwilliges  Eingeständnis 
zu  Gunsten  des  gegnerischen  Standpunktes,  an  dessen  Be- 
kämpfung er  sieh  abmüht.  Zudem  übersieht  er  vollständig. 
daß  das  von  ihm  eingeschlagene  Verfahren  eine  bedenkliche 
Koordinierung  und  Parallelisierung  entfernter  und  schwacher 
Einflüsse  mit  viel  näher  liegenden  und  demgemäß  viel  intensiver 
wirkenden  Einflüssen  darstellt.  Auch  darin  liegt,  rein  metho- 
disch betrachtet,  eine  starke  Inkonsequenz,  daß  Champion 
Voltaires  Einfluß  auf  die  Erklärung  der  Menschenrechte  mit 
Nachdruck  betont  (S.  H9ff.).  ohne  doch  den  Rousseaus  völlig 
abstreiten  zu  können.  „La  plupart  des  articles  de  la  Dekla- 
ration ont  pu  etre  fonrnis  par  Voltaire  aussi  bien  que  par 
Rousseau"  (8.  122).  ,.A  cela  pres,  Voltaire  et  Rousseau 
auraient  sans  doute  reconnu.  dans  la  Deklaration  de  ^9,  leurs 
propres  opinions  exprimees  en  termes  pareils  ä  ceux  qu'ils 
avaient  eux-memes  employes  pour  revendiquer  la  liberte  et 
l'egalite,  pour  protester  contre  des  servitudes  et  des  abus 
surannes.  Eis  sont  peut-etre  Tun  et  lautre  pour  quelque  chose 
dans  la  facon  d'enoneer  certaines  idees.  dans  la  forme  et  le 
style  de  l'acte.  Le  fond  ne  fut  pris  ni  ehez  eu.\  ni  chez  aueun 
ecrivain;  la  force  des  choses  l'imposa"  (S.  123). 

Hier  stellt  sich  ( "hampion  in  Gegensatz  zu  seinem  Gesinnungs- 
genossen Pagnet,  der  in  seiner  Politkjue  comparee  de  Mont'-s- 
quieu,  Voltaire  et  Rousseau  (Paris  1902)  den  Einfluß  Voltaires 
in  den  Cahiers  von  1789,  den  Montesquieus  in  der  Erklärung 
der  Menschenrechte  und  den  Rousseaus  in  der  Doktrin  der 
Jakobiner.  Kobespierres  und  Saint-Justs  und  in  gewissem  Sinne 
auch  in  der  Babeufs  erkannt  hatte.  Wie  sich  der  Einfluß 
Voltaires,  Montesquieus  und  Rousseaus  im  einzelnen  verteilt, 
kann  ja  füglieh  gleichgültig  sein,  wenn  es  sich  nur  so  oder  so 
dartun  läßt,  daß  ein  solcher  existiert. 

Tn  diesem  Punkt  hat  auch  Faguet  seine  ablehnende  Haltung 
nicht  durchweg  aufrechterhalten  können.  Er  beteuert  zwar 
feierlich,  daß  er  „en  definitive"  nicht  an  den  Einfluß  der 
Philosophen  w\\\'  die  Revolutionsmänner  glaube24),  aber  das 
Ducli.  das  er  zum  Nachweis  dieses  Gedankens  schreibt,  zeugt 
deutlich  gegen  ihn.  Es  ist  mehr  als  ein  halbes  Zugeständnis 
des  gegnerischen  Standpunktes,  wenn  wir  da  gegen  Ende  (S.  280) 
die  Sätze  lesen:  ,,Les  idees  de  cos  trois  hommes,  je  ne  dis 
pas  ont  en  une  grande  influence  sur  la  Revolution  francaise. 
car  je  n'en  crois  rien.  ou  peu  de  chose;  mais  elles  ont  traverse 
tonte  la  Revolution  francaise  comme  des  projeetions  de  phares, 

24)  In  dem  Avant-propos  seiner  Politique  comparee  de  Montesquieu. 
Voltaire  et  Rousseau  (Paris  1902).  Auch  in  seinem  Urteil  über  Mirabeau 
{XVIII«!  siede.  S.  469  ff.)  nimmt  Faguet  unter  der  Hand  viel  von  seinem 
Bonstigen  Standpunkt  zurück. 


Aufklärung  und  Revolution  in   Frankreich.  405 

et  c'est  ä  leura  lumieres  intermittentes  qu'on  ;i  combattu  dans 
]fs  tenebres.  Leurs  tivres  ont  ete  les  textes  dont  se  sont 
appuyes  les  partis  par  soutenir  les  revendicationa  diverses  et 
contraires  qui  leur  etaient  inspirees  par  leurs  passions  ou  leurs 
interets.  Ainsi.  011  retrouve  les  traces  de  Voltaire,  de  Montes- 
quieu ou  de  Rousseau  dans  tous  les  grands  actes  et  dans  tous 
les  grands  textes  officiels  de  la  Revolution  frangaise." 

Bei  seiner  ganzen  Beweisführung  legt  sich  Faguet  die 
entscheidende  Frage,  wie  denn  eigentlich  die  Männer  drv 
Revolution  selbst  über  die  Philosophen  und  über  ihr  Ver- 
hältnis zur  Aufklärung  gedacht  haben,  überhaupt  nicht  vor. 
Er  hätte  hier  Urteile  und  Anschauungen  finden  können,  die 
sich  auch  mir  der  kühnsten  Dialektik  nicht  wegdisputieren 
lassen.  Da  stellt  der  Abgeordnete  von  Forcalquier,  A.-M. 
d'Eymar,  d(in  Antrag.  Rousseau  ein  Denkmal  zu  errichten 
und  leitet  die  Begründung  seines  Antrags  mit  den  Worten  ein  : 
„Je  m'etais  Hatte  de  prononcer  ce  discours  a  la  tribune  de 
lAssemblee  nationale.  Le  plus  heureux  jour  de  ma  vie  eüt 
ete  celui  oü,  profitaut  du  droit  <pie  me  donne  le  caractere 
dont  j'ai  l'honneur  d'etre  revotu,  j'aurais  rendu  un  hommage 
public  ä  .J.-J.  Rousseau  .  .  .  Messieurs,  comme  representant 
de  la  nation,  je  viens  vous  demander  le  redressement  d'une 
grande  injustice  nationale.  Je  viens,  ä  ce  meme  titre,  payer. 
du  moins  autant  qu'il  est  en  raon  pouvoir.  la  dette  de  recon- 
naissance  que  la  France  doit  ä  la  memoire  de  l'auteur  d'Emile 
et  du  Contrat  social.  Si  cet  nomine  celebre,  Messieurs,  n'avait 
pas  termine  sa  carriere;  s'il  avait  ete  le  temoin  de  notre 
regeneration:  si.  dans  ce  moment,  J.-J.  Rousseau  paraissait  au 
milieii  de  vous  .  .  .  avec  quels  transports  ne  serait-il  pas  recu 
dans  cette  Assemblee?  L'enthousiasnie  que  la  lecture  de  ses 
ouvrages  vous  a  inspire,  se  convertirait  en  un  sentiment  de 
respect  et  damour  pour  sa  personne:  vous  fixeriez  sur  lui 
des  regards  d'admiration  etd'attendrissement"  25).  AlsRousseaus 
Witwe  um  eine  Unterstützung  einkommt,  löst  der  Name,  den 
sie  trägt,  und  das  Bewußtsein  der  Dankbarkeit  gegen  den 
Genfer  Philosophen  rauschenden  Beifall  aus26).  Marat,  der 
drei  seiner  Schriften  aus  dem  Jahre  1790  2T)  das  Rousseausche 

2»)  Archive»  Parlementaires  de  1787  d  1860.  1 re  serie,  XXI 
(Paris  1885).  S.  127-128. 

")  Archives  Parlementaires  XXL  S.  618 ff.  (Sitzung  vom  21.  Dezem- 
ber 1790).  Vgl.  auch  Arch.  Pari.  XXII,  S.  H8.  H9  und  XXIX,  S.  755  ff. 
(27.  August  1791).  An  letzterer  Stelle  wird  auch  Voltaires  Lob  gesungen  : 
„Voltaire  tut  le  precurseur  necessaire  de  vos  travaux ;  il  abattit  devant  vous 
tont  ce  qui  pouvait  vous  faire  obstacle ;  il  rasa,  pour  ainsi  dire,  la  place 
oü  vous  avez  eleve  l'edifice  de  notre  liberte." 

")  Denonciation  contre  Necker  (Pamphlets  de  Marat.  ed.  Vellay 
(Paris  1911)  S.  71  ff.),  Appel  ä  la  nation  (ib.  S.  121  ff.).  Nouvelle  denon- 
ciation contre  Necker  (ib.  8.  165  ff.).  Wegen  seiner  Constitution  (1789)  vgl. 
Anlard.  Histoire  politique  8.  51. 


-Jim;  Kurt  Glaser. 

Motto  „Vitam  impendere  veroa  voransetzt  und  hier  wie  sonst 
auf  Schritt  und  Tritt  Rousseausche  Gedanken  vorträgt,  stellt 
Rousseau  (und  mit  ihm  Montesquieu)  ein  nirlit  minder  ehrendes 

Zeugnis  ans:    mou  ami,  mon  maitre,  Rousseau,   le  plus 

grand  homme  qu'aurait  produit  le  siecle,  si  Montesquieu  n'eüt 
pas  existe  ...  la  reputation  de  Rousseau  sera  eternelle,  et 
si  eile  pouvait  eneore  augmenter:  eile  recevrait  aujmirdhui  un 
nouvel  eclat,  car  c'est  h  lui  surtout  (|ue  nous  devons  l'heureuse 
revolution  qui  se  prepare  dans  le  gouvernement :  si  cet  illustre 
philosophe  revenait  ä  la  vie.  il  triompherait  de  voir  comment 
Bes  Lecons  ont  fructifie  parmi  nous"28).  I  nd  gleichzeitig 
(September  17cJl)  schreibt  er  an  Rene  Girardin:  „He  quoi! 
lcs  cendres  de  l'apötre  de  la  verite  et  de  la  liberte.  du  ven- 
geur  des  moeurs,  du  defenseur  de  l'humanite.  du  restaurateur 
des  droits  sacres  des  nations,  reposeront-ellea  au  milieu  des 
cadavres  contagieux  des  apötres  de  rimposture,  des  apologistes 
du  despotisme,  des  corrupteurs  de  la  vertu,  des  spoliateurs 
du  pauvre.  des  oppresseurs  du  peuple?''29)  Wie  Marat*0) 
betont  auch  Saint-Just  ausdrücklich  den  Einfluß,  den  die 
Philosophen  auf  die  Anschauungsweise  des  Volkes  ausgeübt 
haben.  In  seinem  Esprit  de  la  Revolution  et  de  la  Constitution 
de  France  (1791).  der  mit  einem  Montesquieuschen  Zitat  an- 
hebt  und  in  starker  Abhängigkeit  von  dem  Esprit  des  lois 
steht,  schreibt  er:  „11  taut  aj outer  ä  eela  que  le  genie  de 
quelques  philosophes  de  ce  siecle  avait  remue  le  caractere 
public,  et  forme  des  gens  de  bien.  ou  des  insenses  egalement 
fatals  ä  la  tyrannie,  qu'ä  force  de  mepriser  les  grands  on 
commencait  ä  rougir  de  l'esclavage;  que  le  peuple  ruine 
d'impots  s'irritait  contre  des  lois  extravagantes,  et  que  ce 
peuple  fut  heureusement  enhardi  par  de  faibles  factions" 81). 
An  anderer  Stelle  heißt  es:  „La  France  vient  enfin  de  decerner 
une  sratuc  ä  J.-J.  Rousseau.  Ah!  pourquoi  ce  grand  homme 
est-il  mort?  .  .  .  Comme  la  vertu  est  eneore  un  prestige  chez 
les  mortels  fiers  et  corrompus.  que  ce  qui  est  bon  y  parait  beau, 
tout  le  monde  senivra  des  droits  de  l'homme.  et  la  philosophie 


28)  Charlatans  modernes  in :  Les  patnphlets  de  Marat  ed.  ^'ellay 
S.  283,  284. 

")  La  correspondance  de  Marat,  ed.  Vellay  (Paris  1908)  S.  217. 

,0)  Gleich  zu  Beginn  seiner  Offrande  ä  la  patrie  vom  Februar  1789 
(ed.  Vellay  S.  3)  heißt  es :  „Gräces  aux  lumieres  de  la  Philosophie,  le  temps 
est  passe,  oü  l'homme  abruti  se  croyait  esclave".  Ferner:  „Le  moment 
etait  venu  par  les  Frangais  de  secouer  le  joug  cruel  sous  lequel  ils 
gemissaient  depuis  taut  de  siecles.  S'ils  y  out  reussi,  ils  doivent  ce  succes 
ä  un  concours  de  circonstances  uniques.  S'ils  conuaisseut  leurs  droits,  ils 
doivent  cet  avantage  ä  la  philosophie.  qui  a  fait  tomber  le  bandeau  de 
l'erreur  que  le  despotisme  avait  ceint  sur  leurs  fronts  .  .  ."  Appel  ä  la 
nation  (1790)  in :  Pamphlets  de  Marat,  ed.  Vellay  S.  123. 

31)  (Euvres  completes  de  Saint-Just.  ed.  Vellay  i  (Paris  1908),  S.  253. 


Aufklärung  und  Revolution  in  Frankreich.  407 

et  l'orgueil  ue  trouverent  pas  moins  de  proseiites  que  les 
dieux  immortels"  3'2). 

S. ilche    urteile    sind    für    Faguet    nicht    vorhanden.      Er 

wandelt  kühn  andere  Hahnen  und  geht  mit  einem  nimmer 
ermüdenden  Aufwand  von  (ieist  und  Beredsamkeit  all  den 
vielverschlungenen  Gedankengängen  und  Ideenkreisen  der 
Philosophen  nach,  um  vor  uns  das  stolze  Gebäude  ihrer  Theorien 
aufzutürmen.  Zweifellos  fördert  und  klärt  er  so  unsere  Kennt- 
nis in  manchen  und  gelegentlich  recht  wesentlichen  Punkten, 
aber  ein  solches  Verfahren  ist  nun  einmal  nicht  der  richtige 
Weg.  um  eine  Frage  wie  die.  ob  die  Revolution  von  der 
Aufklärung  beeinflußt  ist  oder  nicht,  mit  ja  oder  nein  beant- 
worten zu  können.  Zu  einem  gesicherten  Ergebnis  kann  man 
nur  dann  gelangen,  wenn  man  die  Vorstellungen  zu  Grunde 
legt,  welche  sich  die  Franzosen  gegen  Ende  des  18.  Jahr- 
hunderts von  Montesquieu,  Voltaire.  Rousseau  und  anderen 
gemacht  hatten.  Aber  eine  Behandlung  des  Problems  von 
einem  solchen  historisch  bedingten  Standpunkt  aus  sagt 
Faguets  Arbeitsweise  nur  wenig  oder  gar  nicht  zu.  Die  Eigen- 
heit  seiner  Forschung  ist  durch  die  Formel  der  critique  de 
talent  zu  eng  begrenzt,  als  daß  er  einmal  die  innere  Beziehung 
zu  dieser  Methode  der  Literaturbetrachtung  zu  Gunsten  eines 
historischen  A'erfahrens  zu  lösen  vermöchte 33).  Statt  selbst 
historisch  vorzugehen,  begibt  er  sich  in  das  Schlepptau  der 
Historiker.  Aber  in  Aulards  Schule  ist  er  schlecht  beraten. 
Er  vernimmt  nur  eine  Glocke,  und  darum  nur  einen  Ton, 
und  so  kommt  ihm  auch  nicht  recht  zu  Gehör,  wie  es  in 
Wirklichkeit  um  die  Cahiers  steht,  aus  denen  er  mit  Champion 
so   weitgehende  Folgerungen  zieht. 

Über  die  Oahiersfrage  haben  schon  vier  .fahre  nach 
Champions  Buch  die  Untersuchungen  von  A.  Wrahl  ein  be- 
trächtlich anderes  Licht  verbreitet,  wie  denn  überhaupt  unsere 
Kenntnis  von  dem  Ursprung  der  französischen  Revolution 
durch  die  Forschungen  dieses  Gelehrten  eine  gründliche  Um- 
gestaltung und  Vertiefung  erfahren  hat.  In  einem  lehrreichen 
Artikel  seiner  Studien  zur  Vorgeschichte  der  französischen  Re- 
volution (1901)  S.  1  —  68  und  dann  (1907)  in  seiner  Vorgeschichte 
der  französischen  Revolution  11.  S.  377 ff.  hat  Wahl  den  Nach- 
weis geführt,  daß  die  Cahiers  keine  homogene  Masse  dar- 
stellen, daß  vielmehr  ihre  Angaben  nicht  ohne  weiteres  als 
richtig  hingenommen,  sondern  nur  nach  sorgfältiger  Einzel- 
kritik verwertet   weiden  dürfen.    Teils  schlicht  und  wahrheits- 


31)  (Euvre*  completes  de  Saint-Just,  ed.Vellay  I  (Paris  1908),  .S.  341. 

33)  Dem  lobrednerischen  und  wortreichen  Buch  von  Maurice  Duval. 
Emile  Faguet.  Le  critique.  Le  moraliste.  Le  sociologue  (Paris  1911) 
würde  es  nur  genützt  haben,  wenn  es  sich  diese  Tatsache  in  ihrer  ganzen 
Tragweite  ernstlich  vergegenwärtigt  hätte. 


4"-  Kurt  Glaser. 

getreu,  teils  aber  auch  phrasenhaft  und  rhetorisch,  lassen  sie 
eine  reichliche  und  höchst  verdächtige  Benutzung  von  Mo- 
dellen erkennen,  die  nachgewiesenermaßen  von  Advokaten  und 
Schreibern  verkauft  und  ebenfalls  nachgewiesenermaßen  von 
Bauern  gekauft  worden  sind.  Demnach  haben  wir  in  ihnen 
keine  lautere  geschichtliche  Wahrheit,  keine  authentische  Dar- 
stellung tatsächlicher  Zustände  zu  erblicken,  keinen  Aufschrei 
der  Nation,  sondern  einen  von  gewerbsmäßigen  Schreiern 
verfaßten  Aufruf,  den  die  Nation  allerdings  nachher  unter- 
zeichnet  hat. 

III. 

Mit  diesem  Ergebnis  ist  erst  auf  einer  schmalen  Stelle 
der  breiten  Front  ein  Schlag  gegen  Faguet  geführt.  Auch 
von  anderer  Seite  läßt  sich  ihm  leicht  beikommen. 

Faguet  ist  in  seinen  zahlreichen  literarhistorischen  Arbeiten 
nirgends  wirklich  ausführlich  auf  die  Literatur  zweiten  oder 
dritten  Ranges,  welche  das  18.  Jahrhundert  in  Frankreich 
hervorgebracht  hat.  eingegangen.  Er  bewegt  sich  nur  auf 
den  Höhen  der  Literatur  und  steigt  nicht  gern  in  ihre  Niede- 
rungen herab.  In  unserem  Fall  ist  das  ein  verhängnisvoller 
Nachteil,  eine  schwere  methodische  Unterlassung.  Die  fran- 
zösische Revolution  ist  -  mag  Aulard  in  seiner  blinden  Be- 
wunderung republikanischen  Revolutionsheldentums  denken, 
was  er  will  —  nicht  das  Werk  großer  Männer,  sondern  mittel- 
mäßiger Geister,  sie  ist  das  Werk  der  öffentlichen  Meinung, 
„jener  unheimlichen  Macht,  die  keine  Ziele  hat  als  ihr  eigenes 
Ansehen  und  keine  Zwecke,  die  sie  dauernd  verfolge;  die 
kein  anderes  Ideal  hat  als  die  Phrase,  kein  Kampfmittel  als 
Geschwätz,  die  die  Sklavin  jedes  Nichtigen  ist.  aber  eine 
grausame  Herrin  vieles  Großen:  die  außer  dem  tönenden 
Wort  nur  einem  nachgeht,  dem  Erfolg;  die  nichts  lernt  und 
sich  weise  dünkt:  die  keine  Verantwortung  trägt  und  doch 
herrschen  will"  (Wahl,  Vorgeschichte  der  französischen  Revolu- 
tion I.  S.  112).  Die  Stimmung  der  öffentlichen  Meinung  zu 
kennen,  ist  darum  notwendige)1  als  je.  und  sie  läßt  sich  nur 
ans  den  Schriften  ablesen,  die  aus  dem  Volk  und  für  das  Volk 
verfaßt    worden   sind. 

Die  meisten  dieser  Schriften  schlummern  noch  unbenutzt 
in  der  Pariser  Nationalbibliothek,  nur  die  Schrift  des  Abbe 
Sieves  Qnest-rc  que  le  tiers  etat'  pflegt  gekannt  oder  ge- 
nannt zu  werden34).  Sie  spinnt  indessen  vielfach  nur  Gedanken 
weiter,  die  Sieyes  schon  in  einer  früheren  Schrift,  dem  Essai 
sur  les  pHvädges  (1788)  angeschlagen  hatte.  Sieyes  ist  der 
geschworene  Feind  aller  Privilegien,  die  nur  eine  unberechtigte 

")  Herausgegeben  von  Chapuys-Montlavüle  (Paris  1839)  und  E.  Chaui- 
pion,  Societe  de  Ihistoire  de  lu  revolution  frangaise  (Paris  1888). 


Aufklärung  und  Revolution  in  Frankreich.  409 

Bevorzugung   einiger   weniger   und   eine  Benachteiligung    dei 

Gesamtheit  sind.  In  seiner  ganzen  Argumentation  knüpft  er 
deutlich  an  Rousseau  und  die  Philosophen  an:  „Le  peuple 
eroit  presque  de  bonne  f'oi  qu'il  na  droit  qu'ä  ce  qui  lui 
est  permis  par  des  lois  expresses.  11  semble  ignorer  que  la 
liberte  est  anterieure  ä  toute  soeiete.  a  tout  legislateur:  que 
les  hommes  ne  se  sont  reUnis  que  pour  niettre  leurs  droits  a 
couvert  des  entreprises  des  meehants,  et  pour  se  livrer,  a 
l'abri  de  eette  securite,  a  un  developpement  plus  etendu,  ]>lus 
energique  et  plus  fecönd  en  jouissancos  de  leurs  facultes 
morales  et  physiques.  Le  legislateur  est  etabli,  non  pour  ac- 
corder,  mais  pour  proteger  nos  droits.  S'il  borne  notre  liberte, 
ce  ne  peut  etre  que  pour  les  actes  qui  seraient  uuisibles  a  la 
soeiete,  et,  par  consequent«  la  liberte  civile  s'etend  a  tout  ee 
que  la  loi  ne  defend  pasu  35). 

Neben  Sieyes  sind  noch  viele  andere  zu  erwähnen36). 
Da  sind  die  Traktate  von  Lemercier  de  la  Riviere.  Les 
nceux  d'un  Francois  ou  Considerations  sur  les  prineipaux  objets 
dont  le  Roi  et  la  Nation  ront  s'oecuper  (1788) 37)  und  Essais 
sur  les  maximes  et  loix  fundamentales  de  la  Monarchie  franeoise 
(1789)  38).  Ihr  Verfasser  ist  an  sich  ein  Vertreter  der  könig- 
lichen Autorität,  aber  er  sucht  in  bezeichnender  Weise  seine 
altmodisch  gewordenen  Ansichten,  bei  denen  eher  der  theo- 
kratische  Bossuet  als  der  liberale  Fenelon  Pate  gestanden  zu 
haben  scheint,  mit  Betrachtungen  über  die  natürlichen  Rechte 
das  Bürgers  zu  würzen.  Nicht  viel  anders  verfährt  der  Abbe 
de  Lubersac,  der  in  seinem  Le  ritoyen  conciliateur,  contenant 
des  idees  sommaires  poüüques  et  morales  sur  le  gouvemement 
monarchique  de  la  France  (1788) 39)  einer  gemäßigten  Monarchie 
das  Wort  redet  und  die  alten,  den  Staat  stützenden  Privilegien 
von  Adel  und  Geistlichkeit  mit  den  neuen  Gedanken  der 
Menschenrechte  in  Einklang  zu  bringen  sucht.  Ahnlich  argu- 
mentiert die  Monarchie  parfaite  ou  Vaecord  de  Vautorite  d  un 
monarque  avec  la  liberte  de  la  nation  qu'il  gouverne  (1789)*°). 
Die  Verfasser  dieser  und  anderer  Schriften  bemühen  sich,  den 
Ton  ihrer  Darlegungen  auf  weitere  Kreise  berechnend,  in 
ehrlichem  Bestreben,  die  modernen  Forderungen  der  Zeit  mit 
den  althergebrachten  Anschauungen  zu  verquicken.  Nicht 
alle  machen  es  sich  so  bequem,  wie  die  anonyme  Schrift  Le 
disciple  de  Montesquieu  ä  Messieurs  les  diputis  aux  Etats  Gene- 


36)  ed.  Champion  S.  2. 

3S)  Vgl.  auch  Wahl.    Vorgeschichte   der  französischen    Revolution  II 
S.  290  ff.  und  Anlard,  1/islnire  politique.  S.  1  ff . 
31)  Nationalbibliothek  Lb33/743. 

38)  ,.  Lb39/1294. 

39)  ..  Lb3»/718. 

40)  ..  Lb39/1296. 


41 1'  Kurt  Glaser. 

raux  ^1/S^t)*1).  die,  um  d i e  Adelsprivilegien  zu  verteidigen, 
es  für  zweckmäßig  hält,  kur/cr  Band  ihre  ganze  Weisheit 
in-  Montesquieu  zu  holen  und  dessen  Argumente  in  teilweise 
noch  recht  mißverstandener  Weise  auszuschreiben.  Der  Ruf 
nach  Reform  klingt  in  allen  Schriften  jener  Tage  wieder.  An 
revolutionären  oder  radikalen  Forderungen  übertrifft  Marat 
wohl  alle  seine  Zeitgenossen.  In  seiner  Offrande  ä  la  patrie 
vom  Februar  1789  und  in  seinem  Suppldtnent  de  l'off'rande 
ä  la  patrie  vom  April  1789 ir)  wühlt  er  das  tiefste  Elend 
auf,  ruft  das  Yolk  zur  Freiheit  wach  und  geht  den  königlichen 
Rechten  hart  zu  Leibe.  ...I  v  exposai",  so  schreibt  er  selbst 
in  seinem  Appel  ä  la  natton  (1790).  „non  la  reforme  de 
petits  abus  de  l'administration.  mais  la  refonte  entiere  du 
Gouvernement;  j'y  tracai  les  lois  indispensables  au  triomphe 
de  la  liberte.  sans  laquelle  la  regeneration  de  l'Empire  ne 
scmit  qu'une  chimere"  **).  Nur  wenige  andere  Schriften  gehen 
so  weit  wie  diese  oder  wie  die  Thiorie  des  Etats  Generaux 
uit  la  France  regem'1 ree**)  oder  die  Doleances  du  pauvre  peuple 
adressees  anx  Etats  Genfraux*6),  die  auch  für  die  Besitz- 
losen das  Wahlrecht  verlangen,  oder  wie  die  Schrift  des  Du- 
fourny  de  Yilliers.  Cahiers  du  Quatrieme  Ordre,  die  den 
Fnbemittelten  den  Zusammenschluß  zu  einem  vierten  Srand 
und  eine  energische  Vertretung  ihrer  Rechte  und  Ansprüche 
anrät46).  Darin,  daß  Person  und  Eigentum  geschützt  weiden 
müssen,  sind  sich  alle  einig.  Wie  sich  aber  das  Verhältnis 
zwischen  dem  Rechtsschutz,  der  für  Person  und  Eigentum 
des  einzelnen  gefordert  wird,  und  den  Rechten  der  Gesamt- 
heit und  ihrer  Organe  oder  den  altüberlieferten  Privilegien 
der  bevorrechteten  Stände  gestalten  soll,  wieviel  Rechte  dem 
König  vorzubehalten  oder  anderen  abzutreten  sind,  in  solchen 
und  anderen  Fragen  kommen  die  meisten  Theoretiker  nicht 
über  tastende  Versuche,  grobe  Invektiven  oder  fromme  Wünsche 
hinaus.    Wenn  man  heute  all  diese  gutgemeinten  Auseinander- 

")  Nationalbibliothek  LbS9/1384. 

*2)  Jetzt  abgedruckt  von  Charles  Vellay,  Les  pamphlets  de  Marat 
(Paris  1911)  S.  1—35  und  S.  37—70.  Die  Entstehungsgeschichte  der  ersteren 
Schrift  hat  Marat  selbst  erzählt:  ..Gemissant  depuis  loustemps  sur  les  nial- 
heurs  de  uia  patrie.  j'etais  au  lit  de  la  mort,  lorsqn'un  anii,  le  seul  que 
j'avais  voulu  pour  tenioin  de  nies  derniers  moments,  m'instruisit  de  la  con- 
vocation  des  Etats-Generaux :  cette  nouvelle  fit  sur  moi  une  vive  Sensation, 
j'eprouvai  une  crise  salutaire,  mon  courage  se  ranima.  et  le  premier  usage 
que  j'en  fis  fut  de  donner  ä  nies  concitoyens  un  temoignage  de  mon  d6- 
vouemeut,  —  je  composai  1' 'Oftrande  ä  la  Patrie'."  La  correspondante 
de  Marat,  ed.  Vellay.     Paris  1908.     S.  142.) 

*s)  Appel  ä  la  natton  in :  Les  pamphlets  de  Marat,  ed.  Vellay  S.  125. 

**)  Nationalbibliothek  Lb3B/1300. 

,b)  „  Lb39/lö84. 

**)  Über  die  France  libre  von  Camille  Desmoulins  vgl.  Aulard,  His- 
toire  politique  .S.  50.  51. 


Aufklärung  und  Revolution  in  Frankreich.  411 

Setzungen  mir  ihren  offenen  oder  verhüllten  Entlehnungen 
aus  Montesquieu  und  Rousseau  und  ihren  Berufungen  auf  die 
verschiedensten  Autoritären  liest,  so  kann  man  sieh  nicht  des 
Eindrucks  erwehren,  daß  sieh  jene  Publizisten  in  ein  aussichts- 
loses Ringen  mit  einem  durch  Jahrzehnte  angesammelten  ge- 
waltigen theoretischen  Stoff  eingelassen  hatten,  in  dem  ihnen 
nur  zu  rasch  ihr  kurzer  Atem  ausgehen  und  der  Boden  unter 
den  Füßen  schwinden  mußte.  Auch  in  die  Erörterungen  der 
eigentlich  brennenden  Frage  der  Zeit,  in  die  Erörterungen 
über  die  ständischen  Rechte  werden  Betrachtungen  über  die 
Freiheit  des  Staatsbürgers  hineingeflochten.  Brissot  de  War- 
ville.  Plan  de  conduite  pour  les  depntes  du  peuple  nur  Etats 
Generaux  de  1789  (erschienen  im  April  1789)  hält  die  Fest- 
setzung der  (Gleichheit  der  Bürger  vor  dem  Gesetz  geradezu 
für  die  unerläßliche  Vorbedingung  einer  gedeihlichen  Arbeit 
der  Stände,  von  denen  er  mit  seiner  Zeit  die  Heilung  der 
bestehenden  abus  erhofft.  Auch  Servan.  Idees  sur  le  mandat 
des  deputis  aux  Etats  Geueraux  (1789) 47)  denkt  nicht  viel 
anders.  In  der  ganzen  Art  der  Formulierung  und  Behand- 
lung der  Probleme  ist  das  Vorbild  der  philosophischen  Lite- 
ratur nicht  zu  verkennen.  Bald  ist  es  mehr  Rousseau,  dessen 
Theorien  man  sich  anschließt,  sei  es  auch  nur  um  sie  zu 
dürftigen  Betrachtungen  über  Menschenrechte  und  Gesellschafts- 
ordnung zu  verwässern,  wie  es  in  dem  Cri  de  la  nation  ou 
les  dolrances  de  vingt-trois  millions  de  Francois  (1789)48)  ge- 
schieht :  bald  ist  es  mehr  Montesquieu,  dessen  Lehren  sich 
die  Publizisten  aneignen  und  gelegentlich  auch  zu  überbieten 
oder  zu  widerlegen  suchen.  Das  ist  der  Fall  bei  Mounier, 
Nouvelles  obsercations  sur  les  Etats  Generaux  de  la  France 
(1789)*9).  Guiraudet.  Quest-ce  que  la  Nation  et  qu'est-ce  que 
la  France'?  (1 789)  und  teilweise  auch  bei  Sieyes,  der  in 
seiner  bekannten  Schrift50'  gegen  den  Kultus  der  englischen 
Verfassung  polemisiert.  Der  ganze  Ton  der  Erörterungen  ist 
auf  die  Öffentlichkeit  berechnet.  Und  das  darf  nicht  wunder- 
nehmen. Denn  die  Flugschriften  sind  das  wirksamste  Mittel, 
das  jener  Zeit  zur  Verbreitung  ihrer  Ideen  überhaupt  zur 
Verfügung  stand.  Man  erinnere  sich  nur  daran,  wie  die 
Zeitungen  vor  der  Revolution  noch  in  kläglichen  Anfängen 
steckten,  wie  wenig  die  gelesensten  von  ihnen,  der  Mercnre 
de  France  und  die  um  vier  Jahrzehnte  ältere  Gazette  Renau- 
ilots  höheren  Ansprüchen  zu  genügen  vermochten.  »Wer 
vor  der  Revolution  eine  wichtige  Tagesfrage  besprechen,  wer 
zum  Volke  reden  wollte,    mußte   seine  Zuflucht  zu   einer  Bro- 


*')  Natioualbibliothek  Lb  39, 1455. 
48^  „  LbS9/1585. 

"')  „  LbS8/1180. 

be)  ed.  Champion  (Paris  1888)  8.  5i)ff. 


412  Kurt  (riaser. 

schüre  nehmen,  die  weniger  Schwierigkeit  bei  ihrer  Verbreitung 

fand.  Tausende  solcher  kleinen  Schriften  wurden  damals  ge- 
druckt, welche  alle  möglichen  Fragen  behandelten  und  fast 
immer  begierige  Leser  fanden.''51) 

IV. 

Fs  soll  nicht  der  Zweck  dieser  Ausführungen  sein,  ein  Kapitel 
politischer  Ideengesehichte  vorzutragen:  es  kann  sich  hier  allein 
darum  handeln,  als  Ergebnis  festzustellen,  daß  die  theoretische 
oder,  wie  die  Zeit  sagte,  die  philosophische  Beschäftigung  mit 
den  Fragen  des  politischen,  sozialen  und  religiösen  Lebens 
am  Vorabend  der  Revolution  ein  Gemeingut  weiter  Kreise 
des  französischen  Volkes  geworden  war.  Dabei  kann  es  gleich- 
gültig sein,  ob  die  in  jenen  Tagen  banger  und  großer  Er- 
wartungen ausgesprochenen  Ideen  sich  wirklich  mit  den  Theorien 
decken,  welche  die  führenden  Literaten  des  18.  Jahrhunderts 
vertreten  hatten.  ..Les  idees  s'alterent  en  se  propageant1"'  y*). 
Das  Verfahren,  das  Faguet  und  andere  einschlagen,  den  Theorien 
der  Aufklärungsphilosophen  die  Äußerungen  oder  gar  die 
Handlungen  der  Revolutionsmänner,  Conventsbeschlüsse  oder 
was  es  sonst  sein  mag.  gegenüberzustellen  und  auf  Grund  der 
so  unschwer  zu  ermittelnden  ..Widersprüche*'  auf  die  Nicht- 
existenz  eines  Abhängigkeitsverhältnisses  zu  schließen,  ist 
methodisch  verkehrt.  Xicht  das,  was  wir  heute  von  den  Philo- 
sophen des  18.  Jahrhunderts  wissen  und  denken,  sondern  das. 
was  die  Menschen  vor  anderthalb  Jahrhunderten  gedacht  haben, 
ist  das  Entscheidende.  Legt  man  aber  diesen  Maßstab  an. 
so  erscheint  die  ganze  Frage  in  wesentlich  anderem  Licht. 

Weitere  Momente  treten  hinzu.  Auch  das  sind  Momente, 
die  immer  nur  historisch  gefunden  und  im  Zusammenhang 
mit  den  Anschauungen  und  Gedankenkreisen  der  Zeit  ge- 
weitet sein  wollen.  Xicht  alles,  was  die  Philosophen  geschrieben 
haben,  darf  man  bei  den  Revolutionsmännern  wiederzufinden 
hoffen.  Dafür  erheben  sich  Robespierre.  Saint- Just,  Mirabeau. 
Babeuf,  Danton.  Marat  und  wie  sie  alle  heißen  mögen,  zu 
wenig  über  das  Durchschnittsmaß  der  Masse.  Sie  sind  keine 
literarischen  Berufstheoretiker  und  Systematiker.  keine  Schrift- 
steller vom  Schlage  derer,  die  Jahr  aus  Jahr  ein  bei  Lecene- 
<  Jüdin.  Armand  Colin.  Grasset,  Sansot  et  C° ,  Per-Lamm, 
Hachette  oder  der  Societe  francaise  d'imprimerie  et  de  librairie 
ein  Buch  erscheinen  lassen.  Sie  handeln  eben  nur  wie  andere 
ihrer  Zeitgenossen  und  greifen  aus  dem  reichen,  kaum  noch 
zu  überblickenden  Schatz  theoretischer  Weisheit,  den  die 
Philosophie     in    jahrelanger    emsiger    Arbeit    angehäuft    hat. 

81)  F.  Lotheissen,  Literatur  und  Gesellschaft  in  Frankreich  zur  Zeit 
der  Revolution  1789—1794  (Wien  1872)  S.  7m. 

")  Brunetiere.  Etudes  sur  le  XVIII«  siede  (mi)  S.  212. 


Aufklärung  und  Revolution  in   Frankreich.  413 

heraus,  was  ihnen  für  ihre  Zwecke  zusagt.  Es  k;mn  nicht 
scharf  genug  darauf  hingewiesen  werden,  daß  sich  schon  Jahre 
und  Jahrzehnte  vor  dem  Ausbruch  der  Revolution  in  Frank- 
reich die  Gedanken  und  Forderungen  der  Philosophen  indem 
Bewußtsein  weiter  Kreise  zu  einem  Vorstellungsschatz  ver- 
dienter hatten,  der  ein  Gemeingut  des  Volkes  geworden  war 
und  in  -einer  Eigenart  die  Anschauungs-  und  Denkweise  der 
Etevolutionsmänner  wesentlich  beeinflußt  hat.  Denn  sie  alle 
stehen  unter  dem  Druck  der  öffentlichen  Meinung,  über  die 
sie  krampfhaft  zu  herrschen  streben,  unter  deren  Laune  sie 
sich    aber  immer  und  immer  wieder  beugen  müssen. 

Der  Einfluß  der  Philosophen  erstreckt  sich  viel  weiter  als  bloß 
auf  die  Boudoirs,  wie  v.  Nordenflycht,  Die  französische  Re- 
volution von  1789  (Berlin  1887)  S.  77  ff.,  die  „neuere  Forschung 
der  Franzosen"  resümierend,  uns  Deutschen  weismachen  will. 
Nordenrlycbts  eigene  Argumentation  S.  85 ff.  nimmt  schon  viel 
von  jener  These  zurück.  Bereits  Jahre  zuvor  hatte  sich  F.  Loth- 
eißen in  seinen  Ausführungen  über  Literatur  und  Gesell- 
schaß   in    Frankreich    zur    Zeit    der    Revolution    1789 —  1794 

\\  ien  1872)  in  anderem  Sinne  ausgesprochen  und  das  ganze 
Problem  in  die  treffende  Formulierung  gekleidet :  „Nicht  das 
Schwert,  nicht  die  hirnlose  Verschwendung  der  Großen,  nicht 
die  Finanznot  haben,  wie  man  öfters  glaubt,  in  Frankreich 
eur  Umwälzung  geführt;  denn  ähnlich  schlimme  Verhältnisse 
haben  schon  in  anderen  Staaten  geherrcht.  ohne  solche  Folgen 
■herbeizuführen:  es  war  vielmehr  die  Macht  diu-  Ideen,  die 
auf  die  Länge  der  Zeit  unwiderstehlich  ist.  Mag  der  tiefsinnige 
Denker  lange  unbeachtet  bleiben,  mag  die  unwissende  Menge 
die  Ergebnisse  seines  Forsehens  verachten,  die  Zukunft  gehört 
ihm  zu  eigen,  und  die  einmal  gefundene  Wahrheit  geht  nicht 
mehr  verloren.  Langsam  aber  sicher  keimt  die  Saat  der  Ideen, 
und  keine  Gewalt  der  Erde  vermag  ihren  Einfluß  zu  brechen, 
sobald  ihre  Zeit  gekommen  ist.  Sie  sind  und  bleiben  die 
wahren  Herrscher  der  Welt"  (S.  3) 53).  Ein  Jahr  nach 
Lotheißen  hat  dann  Aubertin  den  Einfluß  der  Philosophie 
auf  die  öffentliche  Meinung  des  vorrevolutionären  Frankreich 
zum  Gegenstand  zusammenhängender  lehrreicher  Ausführungen 
gemacht3*),  lud  fast  jede  neu  erschienene  Arbeit  über  die 
-(ieistesliewegung  des  18.  Jahrhunderts  in  Frankreich  hat  ihren 
Beitrag  in  gleichem  Sinne  geliefert.  Erinnert  sei  hier  nur  an 
Leon  Fontaines  Buch.  Lr  theätre  et  la  philosophie  au  XVIII'' 
%iecle  (Yersailles-Paris  1879).  das  noch  deutlicher  als  die 
spätere    Studie    von    G.  Desnoiresterres,    La    com/dir   xatirü/ue 

i«  X  VIII6  stiele  I  Paris  1885)  den  Einschlag  der  aufklärerischen 
•Gedanken    in    derjenigen    Literaturgattnng    nachweist,  die   am 

M)  Vgl.  auch  S.  241,  242. 

**)  L'Esprit  public  au  XVIII«  siede  (1715—1789).     Paris  1873. 

-ZUehr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litter.  XLIV  »»,  -Aj 


414  Kurt  Glaser. 

unmittelbarsten  auf  die  breite  Öffentlichkeit  einwirkt,  auf  das 
Theater,  und  an  Alfred  Espinas,  der  in  seinem  Buch  La 
philosophie   sociale   du    XVIII*   siicle    et    la    revolution    [Paris 

1898)  den  engen  Zusammenhang  zwischen  der  Sozialphilosophie 
des  18.  Jahrhunderte  und  der  Revolution  dartut.  Auch  die 
neueren  Ausführungen  von  M.  Iloustan.  Les  philosophes  et  la 
societe  frangaise  an  XVIII'  siec/e  (Lyon  190Bi55>  bewegen 
sieh  in  der  gleichen  Richtung  und  zeigen,  wie  stark  die 
Philosophen  auf  alle  Teile  des  Volkes,  auf  den  Adel,  auf  die 
Beamtenwelt,  auf  die  Finanzkreise,  auf  die  Salons,  auf  den 
Bürgerstand  wie  auf  die  niederen  Klassen  eingewirkt  haben. 
Aber  auch  nach  Roustan  bleibt  immer  noch  schärfer  heraus- 
zuarbeiten, in  welch  nahen,  im  Laufe  der  Zeit  sich  immer 
enger  gestaltenden  Beziehungen  die  Philosophen  zu  dem 
Leben  und  den  Menschen  ihrer  Tage  gestanden  haben,  welchen 
Einfluß  die  Dinge  und  Personen  der  Umwelt  auf  ihr  Denken 
ausgeübt,  wie  sie  vor  allem  ihren  Gedanken  und  Forderungen 
und  oftmals  auch  ihren  Schlagwörtern  bei  ihrer  Zeit  Eingang 
verschafft  haben.  Die  Beziehung  zum  Leben  in  allen  seinen 
Formen,  die  Richtung  auf  die  Umgestaltung  und  Umbildung 
aller  Bedingungen  menschlichen  Daseins  im  Sinne  der  Vernunft 
ist  das  große  gemeinsame  Ziel,  auf  das  die  Philosophen, 
nah  oder  fern,  ihre  Theorien  einstellen.  Die  Herrschaft  über 
die  öffentliche  Meinung,  die  sie  zu  wecken  suchen,  um  sie 
ihren  Zwecken  dienstbar  zu  machen,  ist  das  große  gemein- 
same Mittel,  dessen  sie  sich  zur  Erreichung  dieses  Zieles 
bedienen.  Die  Entwicklung  verläuft  nicht  durchweg  in  auf- 
steigender Linie.  An  der  Schwelle  des  .Fahrhunderts  steht  so 
manche  bedeutende  Leistung,  hinter  der  spätere  zurückbleiben. 
Es  ist  deshalb  auch  bedenklich,  die  ganze  Bewegung  in  eine 
Periode  der  Vorbereitung  und  in  eine  solche  der  eigentlichen 
Blüte  zerlegen  zu  wollen.  Diejenigen,  die  der  Zeit  nach  zu 
den  „Vorläufern"  zählen,  wie  etwa  Bayle,  sind  mit  ihren 
Gedanken  dem  recht  oberflächlichen  und  unselbständigen 
Voltaire  weit  vorausgeeilt.  Wenn  trotzdem  Voltaires  Werk 
höher  bewertet  wird  als  das  Bayles.  so  läßt  sich  die  Berechtigung 
dazu  allein  aus  dem  größeren  Einfluß  herleiten,  den  Voltaire 
auf  seine  Zeit  ausgeübt  hat.  Nimmt  man  aber  den  Maßstab 
seines  LTrteils  aus  diesem  Gesichtspunkt  her,  so  wird  man 
unschwer  erkennen,  welch  ein  gewaltiges  Stück  Arbeit  in  der 
Leistung  der  philosophischen  Literatur  beschlossen  liegt, 
welche  Fülle  großer  Erfolge  von  ihr  erzielt  worden  ist.  Wie 
ein  immer  mächtiger  und  geräuschvoller  dahinfließender  Strom 
zieht  die  Literatur  an  dem  Auge  des  Beobachters  vorüber, 
der  ihrer  Entwicklung    nachgeht  von  den    ersten  Äußerungen 

65)  Vgl.  dazu   besonders    Bruuetieie.    Revue   den  Deux-Mondes  vom 
1.  Dezember  1906,  S.  604 ff.  und  Etudes  sur  le  XVIII'  siede.   S.  189—234. 


Aufklärung  und  Revolution  in   Frankreich.  415 

des  philosophischen  (Geistes,  der  tastend  und  zaghaft  die  Köpfe 
zu  erobern  suchr.  bis  zu  seiner  Ausgestaltung  zu  einer  alle 
anderen  literarischen  Regungen  überflutenden,  breit  und 
machtvoll  dahinströmenden  Bewegung. 

V. 

Zu  diesem  Bild  soll  hier  nur  ein  kleiner  ergänzender 
Beitrag  geliefert  werden,  indem  auf  das  Beispiel  der  Mme  Roland 
verwiesen  sei  56\ 

Mme  Roland  ist  eine  Durchschnittserscheinung,  wie  sie 
das  vorrevolutionäre  Frankreich  in  so  vielen  anderen  Exem- 
plaren bietet.  Ihr  Biograph  C.  A.  Dauban  hat  ihr  Dasein  und 
ihre  Persönlichkeit  ganz  richtig  gekennzeichnet :  „Une  jeunesse 
humble.  consacree  au  travail  et  ä  l'etude,  des  relations  avec 
des  personnages  vulgaires.  les  joies  douces  et  tranquilles  de 
la  vie  de  famille;  d'aventures.  aucune;  encore  moins  de 
passions  :  un  honnete  tere-ä-terre.  On  a  dit  de  madame  Roland  : 
c  est  une  bourgeoise:  ses  sentiments,  ses  prejuges,  ses  travers 
sont  dune  bourgeoise.  Rien  de  plus  vrai"  (Etüde  sur  Madame 
Roland  et  son  temps.  Paris  1864.  S.  XII\  Sie  hat  ein  offenes 
Auge  für  alles,  was  sich  in  der  Hauptstadt  ereignet57),  sie 
verfolgt  mit  Interesse  die  Vorgänge  im  politischen  Leben,  die 
Entscheidungen  der  Minister  wie  die  Unruhen  und  Wirren  in 
Paris58)  oder  der  Provinz59),  den  Zusammentritt  des  Pariser 
Parlaments60],  seine  Widerspenstigkeit  gegen  den  Willen  des 
Königs61).  Sie  schreibt  den  Satz:  „Les  parlements  sont 
comme  de  vieilles  ruines  que  Ion  venere  encore.  mais  ils  ne 
sont  plus  une  barriere  ä  l'autorite  royale" 62).  Ihr  Interesse 
für  das  Stück  Geschichte,  das  sie  miterlebt,  wird  sichtlich 
getragen  von  einem  aus  der  Zeitliteratur  geschöpften  „philo- 
sophischen" Interesse  für   die  Fragen   des   politischen  Lebens 

56)  Ich  folge  damit  einer  Anregung-  von  Gustave  Lanson,  Revue 
d'histoire  lüteraire  1903.  S.  353  und  beabsichtige,  einen  der  —  wie  Aulard. 
Histoire  politigue,  S.  31  sagt  —  ..obscurs  canaux"  bloßzulegen,  durch  den 
der  esprit  du  sieele  bis  tief  hinab  in  die  bürgerlichen  Kreise  gedrungen  ist. 

■r'7)  Lettres  de  Madame  Rolaml  aux  demoiselles  Cannet,  pnbl.  par 
C.  A.  Dauban  I  (Paris  1867)  S.  216.  217  (Brief  vom  16.  November  1774),  II. 
S.  280  (31.  März  1778)  und  283    17.  April  1778). 

5«)  I.  S.  263  (3.  Mai  1775). 

59)  I.  S.  1265  (17.  Mai  1775). 

eo)  I.  S.  221  (13.  Dezember  1774). 

ei)  I.  S.  224  (14.  Dezember  1774). 

62)  I.  S.  218  (16.  November  1774).  Vgl.  auch  die  folgende  Stelle:  „La 
dissolution  de  la  cour  dana  les  dernieres  aunees  du  regne  de  Louis  XV:  — 
ce  mepris  pour  les  moeurs  qni  gagnoit  toutes  les  classes,  ces  exces  qui 
faisoient  le  sujet  de  toutes  les  conversations  particulieres,  m'inspiroient  de 
l'indignation  et  de  l'etonnement.  Ne  voyant  poiut  encore  les  germes  d'une 
revolutiou,  je  me  demandois  comment  les  choses  pouvoient  subsister  dans 
cet  etat."     Memoires,  ed.  Dauban  (Paris  1864).  S.  93. 

29* 


4  |  6  Kurt  Glaser. 

überhaupt.  Sic  stellt  Reflexionen  an  über  Erziehung  und 
Gesetz  an  sich  und  in  ihrem  Einfluß  auf  den  Menschen*8), 
über  die  Einwirkung  des  Klimas  B*),  über  die  Natur  des 
Menschen  und  Beinen  Geselligkeitstrieb,  sie  streift  die  Grund- 
bedingungen der  menschlichen  Lebensgemeinschaft68),  sie 
prüft  sich  selbst  auf  ihre  Liebe  zu  Vaterland  und  Mensch- 
heit'6), setzt  die  Pflichten  des  einzelnen  gegen  sich  und  die 
Gesellschaft  auseinander fl  l  und  ergeht  sich  über  die  Vorzüge 
und  Nachteile  der  englischen  Verfassung68)  wie  über  das 
Wesen  der  besten  Staatsform69).  In  der  Stille  ihres  spieß- 
bürgerlichen Elternhauses  dort  am  Pont-Neuf  hat  sie  sich  so 
etwas  ^Yie  eine  eigene  Philosophie  zurechtgemacht.  Sie  grübelt 
über  die  Probleme  der  Religion  und  des  Wissens  nach70), 
fühlt  auch  ihre  Brust  erzittern  von  dem  Kampf  zwischen 
Glaube  und  Zweifel71)  und  diskutiert  noch  über  andere  Fragen 
allgemeinen  Inhalts,  wie  sie  die  Zeit  aufzuwerfen  liebte7-2). 
Und  auch  darin  ist  sie  typisch  für  ihre  Zeit,  daß  sie  Fühlung 
mit  schöngeistigen  Kreisen  sucht  und  sich  in  geistreicher 
Unterhaltung  in  mondänen  Salons  bewegt79).  Auf  Schritt 
und  Tritt  lassen  ihre  Denkwürdigkeiten  und  Briefe  erkennen, 
wie  sich  der  Drang  nach  Abrundung  ihres  Wissensschatzes 
in  ihr  regt74),  wie  sie  mit  unermüdlichem  Eifer  liest,  was  sie 
nur  auftreiben  kann.  Homer75).  Plato  76),  Virgil 7:  i.  Plutarch  7*), 
Augustin  79j.  Montaigne,  den  sie  besonders  oft  und  genau 
zitiert80).    De    Thou81),    Corneille.    Racine,    Meliere8-),    Des- 

8»    I.  S.  222  (13.  Dezember  1774  . 

'•*.   IL  S.  259  (21.  März  1778). 

«5j  I.  S.  170.  171  (22.  Februar  1774}  und  S.  225  (20.  Dezembei  1774). 
Vgl.  damit  z.  B.  Montesquieus  Esprit  des  lois  I.  2. 

fi6)  1.  S.  178  (9.  Mai  1774):    „Ma  patrie   m'e>T  quelque  chose  .  .  ."  etc. 

•')  I.  S.  L92  24.  Juli  1774)  und  S.  L95  1  August  1774):  „Ma  passion, 
ou  ma  chimere  actuelle  (s'il  faut  l'appeler  ainsi),  a  pour  objet  l'utilite  gene- 
rale. La  vocation  de  l'homine,  ce  me  semble,  est  la  sociabilifö ;  son  premier 
devoir  est  d'etre  utile.  A  mesure  <|iie  mes  idees  s'etendent,  mon  sentiment 
se  generalise.  A  mes  yeu\  La  premiere  et  la  plus  Welle  vertu  reside  dan« 
l'amour  du  bien  public  .  .  ."  „Nous  aaissons  avec  Le  principe  de  la  con- 
noissance  et  Le  germe  de  l'instruction;  maia  La  coramunication . .  .tt 

68    II.  S.  6  ff.  (5.  Januar  1777  . 

,:'-'  I.  S.272  (17.  Mai  177f>  :  „Une  legislatioii  parfaite,  qui  fasse  aboutir 
les  interets  particuliers  au  bien  general,  a'est  probablement  paa  le  partage 
des  humains.  Le  nieilleur  gouvernement  est  le  moins  mauvais  et  le  plus 
convenable  au  gerne  du  peuple  pour  leipiel  il  est  etabli  .  . ."  etc. 

•"    1.  S.  96  (Mai  1772  . 

•'  II.  S.  loi  (18.  Mai  1777  :  ..Le  Systeme  «le  ma  religion  m'a  paru 
petit  et  revoltant:  quand  on  m'ecraseroit  de  preuves . . ."  etc. 

")  I.  8.  271   (17.  Mai  1775)  und  II.  S.  154  I  19.  August  1777). 

«)  I.  S.  56 ff.  (II-  März  1772),  S.  66  (28.  März  1772),  S.327  (ll.Januar 
1776). 

~>*)  z.  B.  I.  S.  342  (5.  Februar  177ti  . 

»»)  I.  S.  392.       7,!)   II.  S.  124.        ")   II.  S.  225.        W)  Memoirts  S.  133. 

™)  Memoire*  8.  50.  *<>)  u.  S.  17r>.  '203.  279.  w)  I.  S.  322. 

82)  l.  8.  1 12.  Memoires  S.  85. 


Aufklärung  und  Revolution  in  Frankreich.  417 

cartes8»),  Malebranche84),  Bossuet85),  Fenelon 86),  Bayle81), 
Baint-Pierre88),  Buffon89),Voltaire90),  Montesquieu»1),  Bernis»8), 
Mezerav93».  Pauw9*),  der  die  Recherche*  sur  les  Egyptiens 
et  les  Chinois  1774)  hatte  erscheinen  lassen.  Maupertuis *5), 
den  Abbe  Bexon9,\  den  Verfasser  einer  mit  dem  ersten 
Bande  sterkengebliebenen  Histoire  de  Lorraine,  Condillac 97), 
Diderot.  D'Alembert 98),  Milton"),  Thomson100),  Richard- 
ßon lDl),  Young 102).  Tasso  103 »  und  noch  viele  andere,  wie 
sie  selbst  in  den  Briefen  an  ihre  Pensionsfreundin,  die  zu 
solchen  Erörterungen  nach  ihrem  eigenen  Geständnis  ltH)  recht 
wenig  geeignet  sind,  ihr  Wissen  auskramt  und  mehr  als 
einmal  fast  in  der  Form  kritischer  Abhandlungen  von  sich 
gibt10*).  Ihr  Abgott  ist  Rousseau:  ihm  schreibt  sie  und 
rückt  ihm.  als  er  nicht  antwortet,  bis  in  seine  Wohnung  nach. 
freilich  ohne  ihn  zu  treffen106):  ihn  beschwört  sie  unablässig 
in  ihren  Briefen  herauf107^:  seine  Gedanken  macht  sie  zum 
Hauptgegenstand  ihrer  Erörterungen  in  ihren  Briefen  wie  in 
ihren  Privatgesprächen  l08)  und  trägt  selbst  in  die  Beurteilung 
der  Personen  ihrer  Umgebung  den  Maßstab  Rousseauscher 
Eigenart  hinein  109). 

VI. 

Das  Ergebnis,  das  sich  aus  diesen  Feststellungen  ergibt. 
ist  das  zuletzt  wieder  von  Roustan  verkündete:  ,.I/action  de  la 
Philosophie  sur  le  XYIIP  siede  tout  entier  a  ete  reelle,  decisive  ; 

83    |.  S.  68,  132,  Mimoirea  S.  74.         i4    Memoires  S.  74. 

85)  1.  S.  102.  138.  Memoires  S.  63.        sfi    Memoires  S.  16. 

s'i  1.  S.  322.         SM  L  S.  421.        *»)  I.  S.  168. 

"'    I.  -    142.  199;  II.  29,   L25ff.,   182,  347.  Memoires  S.  63,  167. 

»1)  1.  S.  171.        92)  i.  s.  142.         ;,:;    [.  S.  271.  274. 

M    T.  S.  423.  vgl.  auch  1.  S.  163.         9»)  f.  S.  131.  428.  434.  492. 

96)  II.  S.  237.         ,7    Memoires  S.  62,  63.        98)  Memoires  S.  riti. 

W)  I.  S.  142.  "»)    II.  S.  225.  Wl)   II.  S.  24H. 

"»)   i.  S.  115.   133.  137.        103)  Memoires  S.  16. 

KW)  I.  8.140  (13.  Juli  1773):  .,Des  reflexions  philosophiques,  des  ob- 
gervatiniis  sur  mille  <-hw>es,  ne  sont  nas  toujours  admissibles  dans  une  lettre: 
il  faut  du  taleut  pour  les  y  inaerer,  et  ce  taleut  me  manque  souvent." 

io:.  I.  S.  314  iL  (ti.  Dezember  1775).  I.  S.  359ff.  (21.  März  L776),  411  ff. 
(21.  Jnli  1776),  IL  S.64ff.  15.  März  1777.  I16ff.  21.  Juni  1777L  125  ff. 
(L.luli  1777,  178ff.  19.  September  1777.  199ff.  (30.  Oktober  1777.  2«8ff. 
(11.  März  I77si.  Vgl.  die  Notiz  I.  S.  4H3.  Auch  mit  dem  Gedanken,  einen 
roman  philosophiqne  zu  schreiben,  trägt  sie  sich  eiue  Zeitlang,  vgl.  Brief 
vom   14.  Januar  1777  (IL  S.  17). 

lf»)  I.  S.  350  ff.    29.  Februar  177H). 

"><)  1.  S.  89.  IHÖti.  IL  S.  I99ff.,  205  iL.  213  ff..  227  ff.  etc.,  Memoire* 
S.  101.   132. 

über  die  letzteren  vgl.  z.  B.  I.  S.  198  (Brief  vom  8.  August  1  774j 
und  S.  328  (11.  Januar  177H).  Auf  »-im'  Diskussion  über  Montesquieu  spielt 
an  "in  Brief  vom  18.  Mai  1772  (I.  S.  «5). 

los)  Brief  vom  15.  März  1775  (I.  S.  250ff.).  Persönlichkeiten,  wie  die 
hier  gezeichnete,  werden  damals  nicht  selten  gewesen  sein.  Vgl.  auch  Brief 
vom  11.  .lannar  1776  -I.  S.  327). 


418  Kurt  Glaser. 

les  philosophes  ont  determine  la  Revolution  frangaise"  n0). 
Und  auch  dann  wird  dieses  Ergebnis  nicht  verschoben,  wenn 
sich  wirklich  noch  weiter  herausstellen  sollte,  daß  sich  die 
Gedankenwelt  der  theoretisierenden  Geister  von  der  der  großen 
Masse  unterscheidet,  daß  sich  Urbild  und  Abbild  nicht  decken. 

Ist  es  denn  überhaupt  zu  verwundern,  wenn  es  im  18.  Jahr- 
hundert Leute  gab.  die  die  Theorien  der  Philosophen  nur 
bruchstückweise  aufgriffen  und  sich  über  den  wahren  Sinn 
und  die  wirklichen  Ideenzusammenhänge  täuschten  und  ihren 
Ansichten  Deutungen  unterlegten,  die  nicht  immer  den  tat- 
sächlichen Meinungen  ihrer  Urheber  entsprachen?  Erleben 
wir  das  Gleiche  nicht  noch  jetzt?  Gehen  nicht  auch  heute 
noch  die  Ansichten  der  verschiedensten  Forscher  über  die 
geschichtliche  Herleitung  der  Aufklärungstheorien  wie  über 
deren   inhaltliche  Wertung  weit  auseinander'.' 

Früher  wie  heute  ist  es  besonders  Rousseau,  den  man 
abweichend  und  oft  in  gegensätzlichem  Sinne  beurteilt.  Kein 
Wunder.  Rousseaus  Contrat  Social  ist  nun  einmal  keine 
einheitlich  durchdachte  Leistung  und  kann  keinen  allgemein- 
gültigen, normativen  Wert  beanspruchen.  In  dem  merk- 
würdigen Buch  steckt  unendlich  vieles,  was  von  Fall  zu  Fall 
gilt  oder  gelten  soll.  So  erklären  sich  all  die  vielen  Wider- 
sprüche, die  man  vergeblich  wegzudisputieren  sucht,  so  erklärt 
es  sich,  wie  jeder  von  seinem  besonderen  Standpunkt  Rousseau 
zitiert  und  ausschreibt,  sich  auf  ihn  beruft  oder  auf  ihn  schilt. 
Rousseau  ist  zwar  kein  Systematiker  des  Republikanertums 
und  hat  das  republikanische  Staatsideal  auch  bei  weitem  nicht 
in  allein  und  jedem  verherrlicht,  aber  er  hat  doch  für  die 
Republik  in  hohem  Maße  Stimmung  gemacht,  und  das  ist 
das  Entscheidende.  Die  Franzosen  lasen  aus  seinen  Schriften 
heraus,  was  sie  eben  herauslesen  wollten.  Die  innersten 
Geheimnisse  und  Zusammenhänge  seines  Wrerkes  werden  der 
öffentlichen  Meinung  sicherlich  verschlossen  geblieben  sein, 
aber  einzelne  zündende  und  aufreizende  Gedanken  und 
Forderungen  schlugen  in  die  Tiefe  der  Volksseele  durch, 
neues  kräftiges  Leben  entfachend.  Auf  ihn.  den  Verächter 
jeder  Kultur,  haben  sich  alle  berufen,  die  von  der  Zerstörung 
der  bestehenden  Zustände  die  Wiedergeburt  des  Staates 
erhofften.  Und  nicht  weniger  noch  als  das  hat  die  von 
Rousseau  in  die  Welt  geworfene  demokratische  Idee  gezündet, 
daß  das  Yolk  immer  gut.   der  Adlige  immer  schlecht  sei  ln). 

110)  Les  philosophes  et  la  soeiete  francaise  au  XVIII1  siede  (Lyon 
1906]   S.  425. 

111  Sollte  A.  Espinas,  La  Philosophie  sociale  du  XVIIIe  siede  et  la 
■  Hon.  Paris  1898.  S.  1  HS  wirklich  allzu  fehlgehen  in  seiner  Annahme, 
daß  etwas  von  Rousseaus  leichtfertigen  Ansichten  über  die  Ehe  and  seiner 
anverhohlen  zur  Schau  getragenen  Vernachlässigung  seiner  Frau  und  Kinder 
in  den  Gesetzen  zu  spüren  sei.  welche  die  Legislative  und  der  Convent 
über  den  Ehebruch  gegeben  haben? 


Aufklärung  und  Revolution  in   Frankreich.  41  y 

Es  ist  das  die  Vorstellung,  die  nachmals  Robespierre  ausge- 
sprochen har  „C'esl  le  peuple  qui  est  bon,  patient,  genereux; 
notre  Revolution,  les  er  im  es  de  ses  enneraia  l'attestent:  mille 
traits  recents  et  heroiques,  qui  ne  sont  che/,  lui  que  naturels, 
en  deposent.  Le  peuple  ne  demande  que  tranquillite,  justice, 
que  le  droit  de  vivre:  les  hommes  puissants,  les  riches  sont 
äff  am  es  de  distinetions,  de  tresors,  de  voluptes.  L'interet,  le 
vtiMi  du  peuple  est  celui  de  la  nature,  de  l'humanite;  c'est 
l'interet  general.  Linteret,  le  voeu  des  riches  e«  des  hommes 
puissants  est  celui  de  l'ambition.  de  l'orgueil,  de  la  cupidite, 
des  fantaisies  les  plus  extravagantes,  des  passions  les  plus 
funestes  au  bonheur  de  la  societe.  Les  abus  qui  l'ont  d^solee 
furent  toujours  leur  ouvrage:  ils  furent  toujours  les  fleaux 
du  peuple  "  ua) 

"-  Arch.  Pari  XXL  S.  242.  V gl.  auch  Ar eh.  Pari.  XVI.  S.  409,  XX.  S.  729 
(„Les  titres  imprescriptibles  du  peuple  er  de  l'humanite  soiit  plus  sacres, 
quoi  qu'on  puisse  «live,  que  ceux  des  riches  et  des  courtisans  .  .  ."),  XXVI, 
S.  654:  „Ce  peuple,  objet  de  qos  travaiix,  soutien  de  la  Revolution  que  vous 
calomniez  en  vain,  et  qui  sera  toujours  juste.  toujours  patient,  toujours 
vertueux  et  l'appui  le  plus  ferme  de  sa  libertö."  „Je  vous  dirai  que  je 
compris  des  lors  cette  grande  verite  morale  et  politique  annoncöe  par  Jean- 
racques,  que  les  hommes  u'aiment  jainais  sincerement  que  ceux  qni  les 
aiment,  que  le  peuple  seul  est  bon,  juste.  magnanime,  et  que  la  corruption 
et    la   tyrannie    sonl   L'apanage  exclusif  de   tous  ceux   qui   le  dädaignenf 

Discours  et  rapports  dt  Robespierre  ed.  Vellay,  Paris  1908.  S.  163).  ..Heu- 
reuseinenl  la  vertu  est  naturelle  au  peuple,  en  depit  des  prejugßs  aristo- 
eratiques"  (ed  Vellay.  S.  330).  „Posez  cl'abord  cette  maxime  incontestable:  que 
le  peuple  est  bou,  et  qae  ses  delegues  sont  corruptibles;  que  c'est  dans  la  vertu 
^t  dans  la  souverainete  du  peuple  qu'il  taut  chercher  un  preservatif  contre 
les  vices  et  ie  despotisme  du  gouverneraent"  ed.  Vellay  S.  260).  „Ah!  cessez 
de  profaner  ce  nom  touchant  et  sacre  du  peuple,  en  le  liant  a  Pidee 
de  la  corruption  .  .  .  Etes-vons  tlonc  faits  pour  l'apprecier,  et  pour  connaitre 
les  hommes,  vous  qui,  depuis  que  votre  raison  s'est  developpee,  ne  les  avez 
iuy-es  que  d'apres  les  idees  absurdes  du  despotisme  et  de  rorgueil  feodal; 
von-  qni,  aecoutumes  au  Jargon  bizarre  qu'il  a  invente,  avez  trouve  simple 
de  degrader  la  plus  grande  partie  du  genre  humain  par  les  mots  de  'canaille', 

le  'populace';  vous  qui  avez  revele  au  monde  qu'il  existait  des  irens  saus 
aaissance,  comme  si  tous  les  hommes  qui  vivent  n"etaient  pas  nes;  'des 
gens  de  rieu',  qui  etaient  des  hommes  de  merite,  er  'd'honnetes  gens',  des 
gens  comme  il  taut  .  qui  etaient  les  plus  vils  et  les  plus  corrompus 
de  tous  les  hommes:  Ah!  sans  doute,  on  peut  vous  permettre  de  ne  pas 
reudre  an  peuple  tonte  la  justice  qui  lui  est  due.     Tour  moi,  j'atteste  tous 

:eux  que  l'instinct  d'une  aine  noble  et  sensible  a  rapproches  «le  lui  et 
rendus  dignes  de  connaitre  et  d'aimer  l'egalite,  qu'en  general  il  n'y  a  rien 
d'aussi  juste  ni  d'aussi  bon  que  le  peuple,  toutes  les  fois  qu'il  n'est  point 
irrite  par  l'exces  de  l'oppression  .  .  ."  (cd.  Vellay.  S.  96,  97).  ..Au  milieu 
des  inconvenients  qni  peuvent  naitre,  dans  tous  les  systemes,  de  ce  qn'on 
appelle  la  corruption  dn  siede,  il  est  une  regle  a  laquelle  il  taut  s'attacher: 
c'est  que  la  moralite,  qni  a  disparn  dans  la  plnpart  des  individus,  ne  se 
retrouve  que  dans  la  masse  du  peuple  et  dans  l'interet  general  .  .  ."  [Arch 
Pari.  XVI.  S.  lob).  Auch  Arch.  Pari.  XL  S.  66H  redet  er  von  den  „senti- 
ments  genereux  du  peuple".  Ähnlich  äußert  sich  Älarat:  „Defaisons-nous 
des  prejuges  ile  la  vanite.  L'etendue,  la  force,  la  pnissance  et  la  tjloire 
de  l'Empire  peuvent  flauer  l'orgueil  du  Monarque:  mais  «nie  t'ont-clles  au 
bonheur  des  Peuples;   ils   n'y  ont  aneun   interet  .  . .  Ce  qui  les  ihteresse 


4U()  Kurt  Glaser. 

Nicht  anders  als  Rousseau  ist  es  Montesquieu  ergangen» 
Auch  er  hat.  wenn  wir  hier  von  dein  Erfolg  seiner  hettrtS 
Persanes  absehen,  nicht  durch  das  wirklieh  Reife.  Große  und 
Selbständige  seines  Esprit  des  lots  auf  seine  Zeitgenossen 
gewirkt,  sondern  durch  etwas,  was  er  zudem  in  nicht  einmal 
völlig  zutreffender  (Testalt  anderen  entnommen  iiat.  durch  seine 
Verfassungslehre.  Den  Franzosen  jener  Tage  ist  er  der  kennt- 
nisreiche Theoretiker  der  englischen  Konstitution,  der  Ver- 
herrlicher der  Teilung  der  Gewalten  im  Staate,  und  zu  allem 
Überfluß,  in  einer  mir  seiner  wahren  Gesinnung  nicht  zu 
vereinbarenden  Deutung,  der  ruhmredige  Verkünder  des  demo- 
kratischen und  republikanischen  Freiheitsgedankens.  In  dieser 
Aufmachung  tritt  er  uns  in  den  Denkwürdigkeiten  und  anderen 
Gesinnungsäußerungen     der    Zeit    an     mehr    als    einer    Stelle 

jegen. 

Ein  gleiches  Schicksal  hat  Voltaire  erlebt.  Dem  „Volk", 
auf  das  er  mit  der  hochmütigen  Verachtung  eines  reich  und 
mächtig  gewordenen  Parvenüs  herabblickt,  das  er  nur  als 
willkommenes  Werkzeug.  Ansehen  und  Geld  zu  gewinnen, 
wertet,  steht  er  in  seinem  innersten  Wesen  und  in  der  ganzen 
Arr  seiner  literarischen  Betätigung  viel  näher  als  der  durch 
und  durch  aristokratische  und  gelehrte  Montesquieu.  Voltaire 
ist  eben  ein  rechter  „bourgeois".  So  hat  ihn  neuerdings 
Paul  Sakmann  11$),  offenbar  einen  Lansonschen  Gedanken114 
zu  Ende  führend,  trefflich  geschildert.  Im  Grunde  doch  nur 
ein  kaum  mehr  als  mittelmäßiger  Kopf,  ein  journalistisch 
begabter  Literat,  der  sich  auf  allen  erdenklichen  Gebieten 
versucht  hat.  es  aber  auf  keinem  zu  irgend  einer  wirklich 
selbständigen  und  hervorragenden  Leistung  gebracht  hat,  war 
er  durch  seine  verblüffende  Vielseitigkeit,  seinen  sprühenden 
Witz  und  seine  glänzende  Sprachkunst  wie  kein  zweiter  unter 
den  schreibenden  und  reimenden  Philosophen  zur  Rolle  eines 
agent  de  transmission  berufen.  Seiner  Begabung  entsprach 
es  weniger,  große  und  selbständige  Gedankenreihen  zu  ein- 
wickeln, als  die  landläufigen  Forderungen  des  Tages  aufzu- 
greifen und  in  einer  auf  den  Geschmack  der  breiten  ( >ffentlich- 
keit  berechneten,  auf  Effekt  abgestimmten  Form  zu  vulgari- 
sieren. Die  Pucelle,  die  Jahre  hindurch  sein  gelesenstes 
Werk  gewesen  ist,  verdankt  diesen  Erfolg  zweifellos  nur  der 
dem  Charakter  der  Zeit  vortrefflich  angepaßten  Frivolität,  mir 
der  neben  Religion  und  Sittlichkeit  die  Achtung  vor  der  ge- 

veritablement,  c'est  de  jouir  en  paix  de  leur  fortmie  ou  du  fruit  de  leurs 
travaux.  c'est  d'fttre  gouvernes  avec  justice  et  moderatiou.  Le  dirai-je  ? 
nos  malheurs  viennent  uniquement  de  l'incapacite  et  des  vices  de  ces  liommes 
Buperbes,  charges  d'assurer  notre  bonbeur.  Et  qui  peut  en  douter  encoreV--- 
(SupplimefU  de  Voffrande  ä  la  patrie.    April  1789.    ed.  Vellay  S.  4;V). 

113)   Voltaires  Geistesart  und  Gedankenwelt  (Stuttgart  1910). 

1H)    Voltaire  (Les  grands  ecrivains  francais)  (Paris  1906)  S.  8. 


Aufklärung  und  Revolution  in  Frankreich.  AM\ 

schichtlichen  Vergangenheit  und  der  Würde  der  Monarchie 
in  den  Staub  gezogen  wird.  Gerade  weil  Voltaire  so  ganz 
mir  seiner  Zeit  ging,  läßt  sich  sein  Einfluß  auf  sie  nicht  mit 
Zuverlässigkeit  bestimmen.  Auch  die  Streiflichter,  die  aus 
den  Memoiren  auf  seine  Beziehungen  zu  der  Literaturbewegung 
seiner  'luge  fallen,  sind  zu  verschwommen,  um  im  einzelnen 
eine  Sicherheit  der  Beobachtung  zu  gestatten.  Während  sich 
Montesquieus  und  Rousseaus  Spuren,  dank  dem  stark  Dok- 
trinären, das  ihren  Ideenkreisen  anhaftet,  deutlich  herausheben, 
tauchen  die  jeder  scharfen  systematischen  Ausprägung  ent- 
behrenden Gedanken  Voltaires  rasch  in  den  immer  höher 
gehenden  Wogen  der  Ideenbewegung  des  18.  Jahrhunderts 
unter.  Aber  gerade  indem  Voltaire,  sich  überall  geräuschvoll 
vordrängend,  über  alles  und  jedes,  über  Wichtiges  und  Un- 
wichtiges, über  Edles  und  Häßliches,  gleichermaßen  das  fast 
unerschöpfliche  Inventar  seiner  Gedanken  auskramt  und  den 
Forderungen  des  Tages  die  Weihe  seines  Geistes  zu  geben 
versteht,  hat  auch  er  in  seiner  Art  nachhaltig  eingewirkt  und 
der  Bewegung  der  Gemüter  mächtigen  Vorschub  geleistet.  Es 
kann  keinem  ernstlichen  Zweifel  mehr  unterliegen,  welche  Ant- 
wort auf  Lansons  Frage  zu  geben  ist:  ..Croyez-vous  que  cette 
affaire  Calas  aurait  eu  sa  force  revolutionnaire  et  aurait  pu  abou- 
tir  ä  une  reforme  de  la  legislature.  si  ce  fait  judiciaire  n'etait 
pas  devenu  un  fait  litteraire.  ä  travers  la  personnalite  puissante 
de  Voltaire?"115) 

Die  Menschen  des  18.  Jahrhunderts  waren  anders  wie  die 
des  17.  Hatten  sich  die  letzteren  unter  dem  Druck  des  Despo- 
tismus des  Interesses  für  das  öffentliche  Leben,  für  politische, 
soziale  und  religiöse  Fragen,  deren  Erörterung  in  den  Tagen 
der  Reformation  vielversprechend  eingesetzt  hatte,  entwöhnt. 
so  entfalten  ihre  Nachkommen  im  18.  Jahrhundert  im  Gegen- 
teil gerade  auf  diesem  Gebiet  eine  erhöhte  Tätigkeit.  Der  immer 
merklichere  A'erfall  der  monarchischen  Gewalt  wirkt  erlösend 
und  ermutigend  auf  das  Schrifttum.  Der  von  gewaltsamem 
Druck  befreite  Geist  schlägt  jäh  ins  Extrem  um  und  über- 
stürzt sich  in  der  Formulierung  überspannter  Glaubenssätze, 
die.  dem  landläufigen  Ideenvorrat  einverleibt  und  durch  die 
Literatur  in  die  weitesten  Kreise  getragen,  rasch  Gemeingut 
der  öffentlichen  Meinung  werden.  Da  ist  zunächst  die  ein- 
seitige Vorstellung,  daß  unhaltbare  Zustände  im  Lande  be- 
stehen und  diese  sich  wesentlich  in  einer  Notlage  des  niederen 
Volkes  kundgeben.  Da  ist  weiter  die  nicht  minder  einseitige 
Anschauung,  daß  diese  „abus"  nur  im  Zusammenhang  mit  einer 
Reform  des  Staates  auf  dem  Wege  der  Gesetzgebung  beseitigt 
werden    können.     Daß    das  Volk    seine  Rechte    hat    und    sich 


S.  292. 


U5)  Kern?   des   eours   d   Conferences  ltie  annee  (2rt   «lecenibr^    1901 


422  Kurt  Glaser. 

durch  die  Stände  oder  was  es  sonst  sein  mag,  regieren  darf, 
ist  schon  im  l»i.  Jahrhundert  zur  Genüge  bekannt,  aber  daß 
das  Volk  in  Elend  Bchm achtet,  daß  dieses  Elend  vernunftwidrig 
ist.  schließlich  nur  im  Interesse  der  herrsehenden  Klassen  liegt 
und  durch  Reformen  und  Gesetze  des  Staates,  und  nur  durch 
diese,  gehoben  werden  kann,  sind  neue,  konsequent  durchge- 
führte Gedanken  des  18.  Jahrhunderts.  An  ihrer  Klärung  und 
Begründung  haben  selbständige  wie  unselbständige,  bedeutende 
wie  unbedeutende  Philosophen  gearbeitet.  Um  sie  zu  ent- 
wickeln, setzen  sie  mit  ihren  Erörterungen  so  niedrig  wie  nur 
möglich  ein.  wühlen  das  tiefste  'Volkselend  auf  und  suchen 
ihrer  Argumentation  Würze  und  Weihe  zu  geben,  indem  sie 
ihre  Betrachtungen  immer  und  immer  wieder  auf  die  Formen 
des  politischen  Lebens  einstellen.  Ihre  Tätigkeit  verläuft  in 
der  doppelten  Richtung,  die  durch  die  nach  Gedankenfortschritt 
strebende  und  zugleich  doch  immer  stark  popularisierende 
Tendenz  der  Literatur  bedingt  ist.  Sie  alle,  die  sich  mit  gleicher 
Beharrlichkeit,  aber  nicht  mit  gleicher  Berechtigung  ,,philo- 
sophes"  nennen,  suchen  ihren  Gedankenvorrat  nicht  nur  aus 
anderen,  zumeist  englischen  Quellen  zu  ergänzen  und  in  theo- 
retisierenden  Zwecken  zu  rein  gedanklicher  Leistung  zu  ver- 
arbeiten, sondern  auch  ihnen  eine  den  besonderen  Zeitverhält- 
nissen entsprechende  Formulierung  zu  geben,  sie  zu  weiten  und 
zu  verengen  und  so  der  Öffentlichkeit  mundgerecht  zu  machen. 
Die  Betonung  des  Volkselends  und  die  Überzeugung  von  der 
Allmacht  staatlicher  Formen  und  der  Heilkraft  der  Gesetze 
sind  zwei  Gedanken,  die  so  stark  in  dem  Mittelpunkt  der 
ganzen  Ideenbewegung  stehen,  daß  man.  wenn  man  ihrer 
Entstehung  und  Entwicklung  bei  den  einzelnen  Theoretikern 
nachgehen  wollte,  eine  Geschichte  der  Denkart  des  18.  Jahr- 
hunderst  schreiben  müßte.  Haben  wir  doch  hier  zwei  der  eigen- 
artigsten und  folgenschwersten  Gedanken  vor  uns,  von  deren 
Tragweite  man  sich  erst  dann  wirklieh  Rechenschaft  ablegen 
kann,  wenn  man  bedenkt,  daß  die  Vorstellung  von  dem  Elend 
und  der  Rechtlosigkeit  des  Volkes  die  Vorstellung  von  dem  un- 
verdienten Wohlstand  und  der  unverdienten  politischen  Be- 
vorrechtung der  privilegierten  Stände  impliziert,  daß  der  Glaube 
an  die  Lebens-  und  Gestaltungskraft  staatlicher  Formen  und 
gesetzlicher  Regelungen  dem  ganzen  Denken  einen  entschei- 
denden Impuls  zu  politischer  Betätigung  geben  mußte. 

Von  diesen  hier  nur  rasch  angedeuteten  Erwägungen  aus 
scheint  die  Gedankenwelt  der  Revolutionsmänner  nicht  mehr 
im  Widerspruch  zu  stehen  mit  dem,  wras  die  Aufklärung 
wollte.  Nur  daß  wir  in  der  Revolutionspublizistik  in  stärkstem 
Maße  etwas  verspüren,  was  der  Literatur  des  schreibseligen 
Jahrhunderts  gänzlich  fehlte:  den  Pulsschlag  der  rücksichts- 
losen  politischen   Tat 


Aufklärung  und  Revolution  in  Frankreich,  4^3 

VII. 

Von  besonderen]  Reiz  und  für  die  uns  beschäftigende 
Präge  von  besonderem  Wert  ist  es.  die  Gedankenwelt  der 
führenden  Revolutionsmänner  in  Zusammenhang  zu  bringen 
mit  den  Ideenkreisen  der  Philosophen  des  18.  Jahrhunderts. 
Schon  Hettner  hat  in  dem  letzten  Kapitel  seines  Buches  aus- 
geführt, wie  Mirabeau  und  Sieyes.  jeder  in  seiner 
Eigenart,  der  Beeinflussung  durch  die  Aufklärungsphilosophie 
unterliegen.  Seitdem  sind  wir  durch  F.  Decrue  in  einer  lehr- 
reichen Studie  noch  eingehender  über  die  nahen  Beziehungen, 
die  zwischen  Mirabeaus  politischen  Anschauungen  und  den- 
jenigen der  Philosophen  walten,  unterrichtet  worden  II6).  Auch 
andere,  wie  namentlich  Condorcet lir)  und  Babeuf ll8).  haben 
ihre  Bearbeiter  gefunden,  während  der  charakteristischste  und 
bedeutendste  von  allen.  Robespierre,  bisher  leer  ausgegangen 
zu   sein  scheint  ll8 1. 

Auf  den  folgenden  Seiten  soll  diese  Lücke  nur  insoweit 
ausgefüllt  werden,  als  dies  für  die  Feststellung  einer  Ab- 
hängigkeit Robespierrea  von  der  Philosophie  des  18.  Jahrhunderts 
in  Betracht  kommen  kann.  Vielleicht,  daß  so  das  beste  und 
idealste  Stück  Robespierrescher  Theorie  entwickelt  wird.  Frei- 
lich ist  hier  Vorsicht  geboten.  Einmal  steht  der  genaue  Text 
»1er  Robespierreschen  Reden  nicht  überall  zuverlässig  und  ein- 
heitlich genug  fest120);  neben  so  vielen  gehaltenen  Reden 
mögen  andere  stehen,  die  nie  gehalten  worden  sind  I2lV.  sodann 
gilt  von  Robespierre  ein  Ahnliches  wie  von  Hugo  oder  (iambetta 
und  anderen  seiner  Landsleute,  nämlich  daß  bei  ihm  das 
Wort  leicht  den  Gedanken  übertönt  und  bei  allem  Streben 
nach  klarer,  logisch  aufgebauter  Diktion  122)  in  seiner  ganzen 
Art    zu  sprechen   und   zu   schreiben  ein  Zug  zu  Hyperbel   und 

1 ""  Les  idees  politiques  de  Mirabeau.  Revue  historique  XXI  (1883) 
S.  257—290;  XXII.  S.  U— 65,  329—344;  XXIII.  S.  304—354. 

LeonCahen,  Condorcet  et  In  revolution  francaise.  Paris,  these.  DJ04. 

-    Alfred  Espinas,  La  phüosophie  sociale  du  XVIIIe  siede  et  lu  re- 

volution.     Paris    1898   (behandelt   im    1.  Teil:   Babeuf   et  le  Babouvisme). 

1 19  Die  in  der  Bibliographie  Lansons  genannte  Arbeit  von  Deyrues-Dum£, 
Les  doett  m  es  d<  Robespierre  1907  ist  mix  nicht  zugänglichgeworden. 

120  [cb  habe  hier,  ehe  ich  mich  für  einen  bestimmten  Text  entschied. 
umständlich  vergleichen  müssen.  Im  allgemeinen  hat  sich  der  Text  der 
Archives  Parlementaires  als  zuverlässiger  erwiesen,  als  ich  anfänglich 
annahm.  Sonst  habe  ich  besonders  die  Auswahl  von  Vellay  Discours  et 
rapports  de  Robespiern  Paris  1908]  zitiert.  Eine  „kritische"  Ausgabe 
abwarten  zu  wollen,  halte  auch  ich  mit  A.  Wahl.  Robespierre  (Tübingen 
1910.  S.  &2  Aum.  für  überflüssig.  Der  eiste  Band  der  (Euvres  completes 
de  Maximüien  Robespierre,  publiees  par  Victor  Barbier  et  Charles  Vellay 
(Paris  1910^  kann  mich  nicht  sonderlich  dazu  ermutigen. 

i21 ,  Wie  die  Bede,  die  in  den  Archives  parlementaires  de  1787  ä 
1860,  l^e  serie.  \X1  (Paris  1885)  S.  238 ff.  abgedruckt  ist.  Vgl.  auch  Wahl, 
Robespierre  (Tübingen  1910>  8.  11. 

1--  Lotheissen,  Literatur  und  Gesellschaft  in  Frankreich  zur  Zeit  der 
Revolution    1789—1794   (Wien    1872)    S.  73  urteilt   zu   einseitig;   „Was  er 


424  Kurt  Glaser. 

Pathos  steckt,  der  mehr  als  einmal  über  das  Maß  dessen,  was 

man  sonst  bei  Franzosen  gewohnt  ist.  weit  hinausgeht.  Dazu 
tritt,  daß  sieh  Robespierre  in  Gedanke  und  Ausdruck  auf  be- 
stimmte Formeln  und  Schlagwörter  festlegt  und  mit  ihnen  wie- 

mit  richtunggebenden,  unentbehrlichen  Begriffen  operiert.  Sein 
ganzer  Ideenkreis  ist  wie  der  anderer  Revolutionsmänner121) 
in  der  Grundvorstellung  verankert,  daß  die  Gesamtheit  der 
Franzosen  in  die  beiden  großen  Kategorien  der  beherrschten, 
besitzlosen  Tugendhaften,  die  er  mit  den  Vaterlandsfreunden 
identifiziert,  und  der  herrschenden,  besitzenden  Schlechten, 
der  Vaterlandsfeinde  zerfällt  l2*),  und  darum  seine  Tätigkeit 
im  Dienste  des  Vaterlandes  zugleich  dem  Wohle  der  Mensch- 
heit zugute  kommen  müsse.  Vor  allem  aber  ist  Robespierres 
Ideenwelt  nichts  ein  für  allemal  Feststehendes,  kein  starres 
unwandelbares  Gedankengebilde,  sondern  ist  im  Laufe  der 
Zeit    durch    eine    tiefgreifende,    ihre   ganze   Art  und   Richtung 

(Robespierre)  sagte,  war  klar  und  durchdacht ;  doch  blieb  er,  besonders  in 
der  ersten  Zeit  seiner  politischen  Tätigkeit,  stets  nüchtern  und  frostig. 
Daß  man  ihm  später  mit  gespannter  Aufmerksamkeit  zuhörte,  hatte  weniger 
in  seinem  Talente,  als  in  der  Furcht  vor  ihm  seinen  Grund." 

,23)  Hingewiesen  sei  hier  auf  Danbans  urteil  über  Marat:  „Ce  philan- 
thrope  teroce  divisait  l'humanite  en  deux  parties:  l'iuie  deguenillee,  qu'il 
appelait  le  peuple :  l'autre  en  veste  et  en  habit.  dans  laquelle  pele-mele  il 
rangeait  les  accapareurs,  les  riches,  les  traitres,  les  boulangers,  Brissotins, 
epiciers,  Rolandistes,"  etc.  etc.  (Et  ade  mr  Madame  Uoland  et  son  temps, 
Paris  1864.  S.  (JLXXX).  Vgl.  auch  Lotheissen,  Literatur  und  Gesellschaft 
in    Frankreich  S.  40. 

]-4)  ..Les  amis  de  la  patrie"  (Arch.  Pari.  XXI.  S.  243),  ..les  ennemis 
de  nutre  liberte"  Arch.  Pari.  XXI.  S.  248),  „les  faux  amis  de  la  liberte" 
{Anh.  Pari.  XXI.  S.  249),  ..les  (meilleurs)  amis  de  la  liberte"  Arch.  Pari. 
XI.  S.  211).  „les  hommes  en  place-'  {Arch.  Pari.  XXVI.  S.693),  „tous  les 
bons  citoyens"  Anh.  Pari.  XX.  S.  37),  ..les  ennemis  de  la  Revolution" 
(Anh.  Pari.  XXVI.  S.  6ö.">:,    „les   ennemis   de    la  libert6"  (6d.  Vellay  S.  32, 

170).  ..les  plus  dangereux  ennemis  de  la  patrie"    ed.  Vellay  S.  36) qui 

voudra  tenir  les  renes  du  gouvernement?  Qui?  Les  hommes  vertueux, 
disjnes  d'aimer  leur  patrie.  . .  ."  (ed.  Vellay  8.  40).  „ies  intrigants  de  la  cour 
et  tous  les  ennemis  du  peuple"  (ed.  Vellay  S.  147 1.  „les  amis  de  la  raison 
et  de  la  liberte"  (ed.  Vellay  S.  172).  „les  bons  citoyens"  «ed.  Vellay  S.  175. 
179).  „les  amis  de  la  liberte"  (ed.  Vellay  8.  179.  184.  L90),  ..les  patriotes" 
(ed.  \'ellay  S.  182)  etc.  etc.  Vgl.  damit  bei  Maral:  ..les  vrais  citoyens" 
(Correspondance,  ed.  Vellay  S.  107).  ..les  ennemis  de  la  patrie"  (Correspon- 
dance  S.  12n.  Pamphlets,  ed.  Vellay  S.  31),  ..les  vrais  patriotes"  (Corre- 
spondance S.  169).  ..les  bons  citoyens"  Correspondance  S.  192.  Pamphlets 
8.  205),  „les  coeurs  honnetes"  (Correspondance  S.  231),  „les  ennemis  publics" 
(Pamphlets  S.  127).  ..les  ennemis  de  ITEtat"  (Pamphlets  S.  110),  ..les  sangflues 
de  l'Etat"  {Pamphlets  S.  7ö.  97).  ..les  traitres  ä  la  Patrie"  I  Pamphlets  S.  »S7  . 
„les  gens  en  place"  (Correspondance  S.  148V  „les  hommes  süperbes  et  vains 
qui  se  parent  des  depouilles  du  peuple.  les  hypoerites  qui  l'egarent,  les 
gens  de  loi  qui  hü  vendent  la  justice,  les  intrigants  qui  cherchent  ä  t'as- 
servir,  les  t'ripons  qui  travaillent  ä  l'affamer.  les  scelerats  qui  s'efforcent 
de  la  replonger  dans  l'abime,  et,  pour  tont  dire.  en  un  niot.  les  ennemis 
publics  .  .  ."  (Pamphlets  S.  122)  etc.  Ebenso  Saint- Just:  ..tous  les  mechants 
sont  pour  le  roi"  (CEuvres,  ed.  Vellay  I.  S.  397).  ..les  mauvais  citoyens" 
(II.  S.  113),  ..les  mechants"  (II.  S.  161),  „les  ennemis  de  la  patrie-  II 
8.  320).  etc. 


Aufklärung  und  Revolution  in   Frankreich.  425 

■umstürzende  Wandlung  stark  in  ihr  Gegenteil  verkehrt  wurden. 
Aus  dein  Individualisten  der  ersten  Revolutionsjahre,  der  das 
Recht  des  ein/einen  im  Widerstreit  mit  der  Allgemeinheit 
gewahrt  seilen  will,  ist  der  schroffste  Vertreter  des  Staats- 
gedankens, aus  dem  /anhaften  Royalisten  der  radikale  Repu- 
blikaner geworden.  Der  tiefe  Bruch,  der  in  Robespierres 
(Entwicklung  liegt,  trägt  nicht  dazu  bei.  die  Peststellung  seiner 
aus  der  Philosophie  des  18.  Jahrhunderts  übernommenen  Ge- 
danken zu  erleichtern.  AVas  ist  wahre  Gesinnung'.'  Was  ist 
Maske.'  Was  ist  Politik'.'  Solche  Fragen  erheben  sich  auf 
'Schritt  und  Tritt  und  mahnen  zur  Beschränkung.  Aber  soviel 
läßt  sich  mit  Sicherheit  feststellen,  daß  Montesquieua  Einfluß 
auf  Robespierre  nicht  zu  verkennen  ist.  Bei  ihm  hat  er  die 
Kunst  gelernt,  die  Betrachtung  und  Wertung  des  Einzelnen 
in  den  Zusammenhang  des  Ganzen  zu  rücken  und  seine  Aus- 
führungen an  leitende  Gedanken,  an  „principes"  zu  knüpfen. 
Es  ist  dieselbe  Methode,  nach  der  auch  der  Abbe  Sieyes  ar- 
beitet1-'5!, nur  ist  sie  bei  Robespierre  viel  konsequenter  und 
extremer  durchgeführt.  Nach  dieser  Methode  pflegt  er  alles 
und  jedes.  Wichtiges  wie  Unwichtiges,  zu  behandeln,  die  Frage 
der  Geschworenengerichte,  die  Frage  der  Organisation  der 
Nationalgarde  126),  die  Constitution  du  clerge  1-7),  die  Frage  der 
Einverleibung  von  Avignon  12s)  und  was  es  sonst  noch  sein  mag. 
Mit  der  wesentlichen  Eigenheit  seiner  Methode  übernimmt 
;Robespierre  von  Montesquieu  zugleich  eine  ganze  Reihe  von 

1*5)  Qu'est-ce  que  le  Tiers  Etat  f  (ed.  Champion)  S.  44:  ..II  taut  re- 
uionter  aux  principes".  S.  65:  ..II  en  taut  toujours  revenir  aux  principe* 
simples,  eomme  plus  puissants  que  tous  les  efforts  du  genie"  und  auch  sonst 
uoeh  mehrfach  ähnlich. 

1-''  In  seiner  Rede  vom  4.  Januar  1791  {Arch.  Pari.  XXII.  S.  lOff.) 
sagt  >i  gleich  im  Anfang:  „Pour  decider  cette  question,  remontons  aux 
Premiers  principes  de  tonte  procedure  ciiminelle."  Ähnlich  in  seiner  Rede 
vom  20.  Januar  1791  (Arch.  Pari.  XXII.  S.  348).  21.  Januar  1791  {Arch. 
Pari.  XXII.  S.  361,  362),  1.  Februar  1791  {Arch.  Pari.  XXII.  S.  660,  661. 
Hier  schließt  er  mit  der  bezeichnenden  Wendung:  ..je  demande,  pour 
l'hoinieur  de  nos  principes,  que  cette  proposition  soit  rejetee  sur-le-champ"), 
2.  Februar  1791  {Arch.  Pari.  XXII.  S.  718.  ö.  Februar  1791  {Arch. 
Pari.  XXII.  S.  760 ff.  (Entwurf  seiner  Hede  vom  ö.  Dezember  1790  (Arch. 
.Pari.  XXI.  S.  238).  Rede  vom  28.  Januar  1791  [Arch.  Pari.  XXII.  S.  540.  541) : 
..il  faut  consid6rer  ce  Systeme  dans  son  ensemble.  II  faudra  examiner, 
avec  la  plus  grande  attention,  s'il  est  conforme  aux  principes  de  ['Organi- 
sation .  .  "'  Das  ist  der  einzige  Gesichtspunkt,  den  er  in  wenigen  Worten 
in   die    Debatte    wirft!     Ähnlich    Arch.   Pari.  IX.   S.  381    (7.  Oktober  1789). 

Am  15.  April  179.'i  spricht  er  den  Grundsatz  aus  : le  moyen  de  marcher 

•vite.  c'est  de  poser  d'abord  les  principes,  dont  il  ne  reste  plus  ensuite  qua 
tirer  les  consequences"  {Arch.  Pari.  LXII.  S.  123). 

l27)  Arch.  Pari  XVI.  S.  3 ff.  (31.  Mai   1790)  und  S.  15h  (9.  Juni  1790). 

lM)  Arch.  Pari.  XX.  S.  525:  „Ce  n'est  pas  sur  l'etendue  du  territoire 
avignonnais  que  se  mesure  l'importance  de  cette  affaire,  mais  sur  la  hanteur 
des  principes  qui  garantissent  les  droits  des  hoiumes  et  des  nations.  La 
cause  d'Avi^non  est  celle  de  l'univers;  eile  est  celle  de  la  liberte".  ...  Zu 
beachten  ist.  wie  schwülstig  er  wird,  wenn  es  sich  um  seine  „principes" 
handelt.     Ferner  Arch.  Pari.  XX.  S.  525ff.  (18.  Xovember  1790). 


426  Kurt  Glaser. 

Gedanken,  die  er  in  manchen  Rillen  in  einer  der  Montesquieu- 
Bchen  Formulierung  verdächtig  nahekommenden  Weise  aus- 
spricht. An  Montesquieu,  oder  wenigstens  in  erster  Linie  an 
ihn.  erinnert  die  Betonung  der  Eigentümlichkeiten  des  Volks- 
und Landescharakters  als  Quelle  für  die  Vorteile  oder  Nach- 
teile staatlicher  Einrichtungen  :  „les  avantages  et  les  vices 
d'une  institution  dependent  presque  toujours  de  leurs  rapporte 
avec  les  autres  parties  de  la  legislation.  avec  les  usages.  les 
mu^urs  dun  pays.  et  une  foule  d  autres  circonstances  locales 
et  particulieres1'  (Rede  vom  b.  Februar  1791,  ed.  Vellay  8.3). 
Von  Montesquieu  entlehnt  Robespierre  die  Theorie  von 
der  Teilung  der  Gewalten  VIV)  und  die  Bewunderung  der  eng- 
lischen Verfassung  und  Freiheit  13°).  und  dem  tut  es  keinen 
Eintrag,  wenn  er  diese  Bewunderung  bei  gegebener  Gelegen- 
heit einschränkt  l31V  Esprit  des  Uns  XL  6  spricht  Montesquieu 
den  Gedanken  aus.  daß  das  Volk  in  seiner  Gesamtheit  den 
wahren  Inhaber  der  souveränen  Gewalt  darstelle  und  das 
jedem  einzelnen  freien  Menschen  von  der  Natur  gegebene 
Seibatbestimmungsrecht  auch  für  sich  in  Anspruch  zu  nehmen 
berechtigt  ist;  freilich  stößt  die  Ausübung  dieses  Rechts  auf 
Schwierigkeiten:  ihre  Überwindung  kann  nur  in  der  Weise 
erfolgen,  daß  das  Volk  die  ihm  als  Gesamtheit  zustehenden 
Befugnisse  in  die  Hände  einer  zu  diesem  Zweck  erwählten 
Vertreterschaft  legt.  Auch  diesen  Gedankengang  hat  sich 
Robespierre  zu  eigen  gemacht  und  in  seiner  Programmrede 
vom  21.  September  1789  (Arc/t.  Pari.  IX.  S.  79)  entwickelt. 
Neben  der  gewiß  nicht  mehr  zufälligen  inhaltlichen  Überein- 
stimmung lassen  sich  auch  textliche   Anklänge  feststellen. 

Montesquieu.  Esprit  des  lots  XL  6:  Robespierre,  Arch.  Pari  IX.  S.  7i* : 

„Comme  dans  un  Etat  lihre  „Comme  une  arraude  natiunne  peut 
tout  homme  qui  est  cense  avoir  exercer  encore  la  puissance  legislative  et 
une  änie  libre  doit  etre  gouverne  qu'nne  petite  ne  le  doit  peut-etre  pas. 
par  hü-meme,  il  faudrait  que  le  eile  en  confie  Texercice  a  des  represen- 
peuple  en  corps  eut  la  puissance  tants,  depositairea  de  son  ponvoir.  Mais 
legislative;  mais  comnie  cela  est  alors  il  est  evident  que  la  volonte  de  ces 
iinpoaaible  dans  les  grands  Etats,  representants  doit  etre  regardee  et  les- 
et est  snjet  ä  beaueoup  d'incon-  pectee  conime  La  volonte  de  la  nation: 
venients  dans  les  petits,  il  faut  qu'elle doit  en  avoir  necessaireinentrauto- 
que  le  peuple  fasse  par  ses  re-  rite  sacree  et  superieure  a  tonte  volonte 
presentants  tout  ce  qu'il  ne  peut  particuliere,  puisque  saus  cela  la  nation 
faire  par  lui-meme."  qui  n'a  pas  d'autre  moyen  de  faire  des  lois 

serait  en  effet  depouillee  de  sa  puissance 
legislative  et  de  sa  souverainete." 


m)  „Que  le  pouvoir  soit  divise :  il  vaut  mieux  multiplier  les  fonc- 
tionnaires  publies  qne  de  confier  ä  quelques-uns  une  autorite  trop  redoutable. 
Que  la  legislation  et  l'execution  soient  separees  soisrneusement"  (ed.  Vellay 
S.  262.     Rede  vom  10.  Mai  1793). 

,3")  ed.  Vellay  S.  11.  12  (Rede  vom  5.  Februar  1791). 

W1)  ed.  Vellay  S.  92  (Rede  vom  11.  August  1791)  und  S.  261  (Rede 
vom  10.  Mai  1793). 


Aufklärung  und  Revolution  in   Frankreich.  42? 

Ahnliche  Übereinstimmungen  finden  sich  auch  sonst. 
Montesquieu  schreibt  Esprit  des  lois  II.  2:  „Le  peuple  qui  a 
la  souveraine  puissance  doit  faire  par  lui-meme  tout  ce  qu'il 
peut  bien  faire:  et  ce  qu'il  ne  peut  pas  bien  faire,  il  taut 
qu'il  le  fasse  par  ses  ministres."  Dem  entspricht  der  Satz 
Robespierres :  „La  democratie  est  un  etat  oü  le  peuple  sou- 
verain.  guide  par  des  lois  qui  sont  son  ouvrage.  fa.it  par 
lui-meme  tout  ce  qu'il  peut  bien  faire,  et  par  des  delegues 
tout  ce  quil  ne  peut  faire  lui-meme1'  l3?). 

An  anderer  Stelle  heißt  es  im  Esprit  des  lois  III.  3:  „Du 
principe  de  la  democratie.  11  ne  faut  pas  beaucoup  de  pro- 
bite  pour  qu'un  gouvernement  monarchique  ou  un  gouver- 
nement  despotique  se  maintiennent  ou  se  soutiennent.  La  force 
des  lois  dans  Tun.  le  bras  du  prince  toujours  leve  dans  l'autre, 
reglent  ou  contiennent  tout.  Mais  dans  un  Etat  populaire.  il 
faut  un  ressort  de  plus,  qui  est  la  vertu."  Montesquieu  führt 
hier  und  in  den  folgenden  Kapiteln  weiter  aus,  was  er  in  dem 
„Avertissement1'  seines  Esprit  des  lois  ausgesprochen :  „  .  .  .  la 
vertu  dans  la  republique  est  l'amour  de  la  patrie.  c'est-ä-dire 
l'amour  de  l'egalite.  Ce  n'est  point  une  vertu  morale  ni  une 
vertu  chretienne,  c  est  la  vertu  politique ;  et  celle-ci  est  le 
ressort  qui  fait  mouvoir  le  gouvernement  republicain,  comme 
l'honneur  est  le  ressort  qui  fait  mouvoir  la  monarchie.  J'ai 
donc  appele  vertu  politique  lamour  de  la  patrie  et  de  l'egalite. u 
Robespierre  drückt  denselben  Gedanken  aus  in  den  Worten  : 
..  Quel  est  le  principe  fondamental  du  gouvernement  demo- 
cratique  ou  populaire.  c  est-ä-dire  le  ressort  essentiel  qui  le  sou- 
tient  et  qui  le  fait  mouvoir?  Cest  la  vertu  .  .  ."1S3)  „Non  seule- 
ment  la  vertu  est  l'äme  de  la  democratie:  mais  eile  ne  peut  exister 
que  dans  ce  gouvernement.  Dans  la  monarchie,  je  ne  connais 
qu'un  individu  qui  peut  aimer  la  patrie.  et  qui.  pour  cela.  na 
pas  meme  besoin  de  vertu:  cest  le  monarque.  La  raison  en 
est  que  de  tous  les  habitants  de  ses  Etats,  le  monarque  est  le 
seul  qui  ait  une  patrie  ...  II  n'est  que  la  democratie  oü 
l'Etat  est  veritablement  la  patrie  de  tous  les  individus  qui  le 
composenr.  et  peut  compter  autant  de  defenseurs  interesses 
a  sa  cause  qu'il  renferjne  de  citoyens  .  .  .  Puisque  l'äme  de 
la  Republique  est  la  vertu,  l'egalite  .  .  ."134)  „Si  le  ressort 
du  gouvernement  populaire  dans  la  paix  est  la  vertu,  le  ressort 
du  gouvernement  populaire  en  revolution  est  ä  la  fois  la  vertu 
et  la  terreur:  la  vertu,  sans  laquelle  la  terreur  est  funeste: 
la  terreur,  sans  laquelle  la  vertu  est  impuissante.    La  terreur 

IU)  ed.  Vellay  S.  327  (Rede  vom  5.  Februar  1794).  Vgl.  ferner  Arch. 
Pari.  XVI.  S.  156 :  „Cest  au  peuple,  c'est  ä  lui,  qui  uomme  les  autres  officiers 
publics.  c'est  ä  lui,  en  qui  reside  la  souverainete.  qu'appartient  le  droit  de 
choisir  les  miuistres  du  culte    et  surtout  les  eveques  .  .  ."    (9.  Juni  1790). 

"»)  ed.  Vellay  S.  327  (5.  Februar  1794). 

'»♦)  ed.  Vellay  S.  328  (5.  Februar  1794). 


128  Kur/  Glaser. 

n'e8t  autre  cho.se  que  la  justice  prompte,  severe,  inflexible; 
•eile  est  donc  une  emanation  de  la  vertu;  eile  est  moins  un 
principe  particulier  qu'une  consequence  du  principe  general 
de  la  democratie  applique  aux  jtlns  pressants  besoint)  de  la 
patrie"  18*).  „Que  conclure  de  r < > vi r  ce  que  je  viens  de  dire? 
<^ue  l'immoralite  est  la  base  du  despotisme,  comme  la  vertu 
est  i'essencc  de  la  Republiquc-'  136). 

Noch  in  einem  weiteren  Fall  entspricht  der  inhaltlichen 
Übereinstimmung  eine  textliche  Konkordanz.  Esprit  des  loia 
KI.  3  lesen  wir:  ,. II  est  vrai  que  dans  les  democraties  le 
peuple  parait  faire  ce  qu'il  veut;  mais  la  liberte  politique  ne 
eonsiste  j>oint  a  faire  ce  que  Ion  veut  ...  11  faut  se  mettre 
dans  l'esprit  ce  que  c'est  que  l'independance.  et  ce  que  c'est 
que  la  liberte.  La  liberte  est  le  droit  de  faire  tout  ce  que 
les  lois  permettent  .  .  ."  Kobespierre  gibt  folgende  Fassungen: 
„Le  citoven  a  le  droit  de  faire  tour  ce  que  les  lois  civiles 
et  politiques  ne  defendent  pask'  13T).  „La  liberte  consiste  a 
obeir  aux  lois  qu'on  s  est  donnöes.  et  la  servitnde  ä  etre 
•contraint  de  se  soumettre  a  une  volonte  etrangereu  1M).  ,,La 
liberte  est  le  pouvoir  qui  appartient  ä  l'homme  d'exercer.  ä 
•son  gre.  toutes  ses  facultes.  Elle  a  la  justice  pour  regle,  les 
droits  d'autrui  j>our  bornes,  la  nature  pour  principe,  et  la  loi 
pour  sauvegarde"  l39). 

Muß  es  schon  nach  diesen  —  lange  nicht  erschöpften  — 
Feststellungen  schwerfallen,  an  einer  Beeinflussung  Robespierres 
durch  Montesquieu  zu  zweifeln,  so  kann  die  noch  innigere 
Gedankengemeinschaft  mit  Rousseau,  „qui  seul  doit  etre  la 
regle  de  tout  gouvernement".14")  uns  vollends  keinen  Zweifel 
mehr  darüber  lassen,  wo  sich  Robespierre  seine  politische 
Weisheit  geholt  hat141). 

Beide,  Rousseau  und  Robespierre,  hatten  sich  auch  im 
Leben  gesehen.  Eine  Fülle  stolzer  Erinnerungen  las  für  Robes- 
£>ierre  in  den  Worten,    die  er  in   seiner  begeisterten    DMicace 

,a»)  h1.  Vellay  8.  332  (5.  Februar  1794  . 

,,e)  ed.  Vellay  S.  354  (7.  Mai  1794). 

iiT)  Le  D&fenseur  de  la  Constitution    Paris  I792i  Nr.  -.  S.  88. 

'")  An-/,.  Pari  XI.  s.  820  =  ed.  Vellay  S.91. 

"•)  ed.  Vellay  S.  250  (Rede  vom  24.  April  1 7HH  .  Vgl.  ferner:  „Kay.-/. 
la  manie  ancienne  des  Gouvernements  de  vouloir  trop  gouverner;  laissez 
aux  individus.  laissez  aux  familles  le  druit  de  faire  ce  qui  ne  nuit  point 
a  autrui ;  laissez  aux  communea  le  pouvoir  de  regier  elles-niernes  leurs 
propres  affaires,  en  tout  ce  qui  ne  tient  point  essentiellement  a  l'admini- 
stration  generale  de  la  republique.  En  un  mut.  rendez  a  la  liberte.  in- 
dividuelle tout  ce  qui  n'appartient  pas  naturellenieut  ä  l'autorite  publique, 
et  vous  anrez  laisse*  d'autant  moins  de  prise  ä  l'ambition  et  a  l'arbitraire1- 
(ed.  Vellav  S.  2H3.  2B4.     10.  Mai  1798). 

'••)  Robespierre,  Arch.  Pari    IAH.  S.  122  (15.  April  1798  . 

W1)  Auch  außerhalt)  der  rein  politischen  (Gedankenkreise,  aus  denen 
Robespierre  allerdings  nur  selten  heraustritt,  können  wir  ihn  auf  Rousseau* 


Aufklärung  und  Revolution  in  Frankreich.  429 

aux  mänes  de  J.  .f.  Rousseau  dem  Genfer  Philosophen  gewidmet 
hat:  „Je  t'ai  vu  dans  tes  derniers  jours.  et  ce  Souvenir  est 
pour  moi  nne  source  d'une  joie  orgueilleuse.  j'ai  contemple 
tes  traits  augustes,  j'y  ai  vu  l'empreinte  dos  noira  chagrins, 
auxquels  t'avaient  condamne  les  injustices  des  hommes.  Des 
lors.  j'ai  compris  toutes  les  peines  d'une  noble  vie  qui 
se  devoue  au  culte  de  la  verite;  elles  ne  m'ont  pas  eft'raye. 
La  confiance  d'avoir  voulu  le  bien  de  ses  semblables  est  le 
salaire  de  l'homme  vertuenx;  vient  ensuite  la  reconnaissance 
des  peuples,  qui  environne  sa  memoire  des  honneurs  qne  lui  ont 
donnes  ses  eontemporains.  Oomme  toi,  je  voudrais  acheter 
ces  biens  au  prix  d  une  vie  laborieuse,  au  prix  meme  d  un 
trepas  prämature  ...  Je  veux  suivre  ta  trace  veneree,  dusse- 
je  ne  laisser  qu'un  noin  dont  les  siecles  ä  venir  ne  s'informeront 
pas:  heureux.  si,  dans  la  perilleuse  carriere  qu'une  revolution 
inouie  vient  d'ouvrir  devant  nous,  je  reste  constamment  fidele 
aux  inspirations  que  j'ai  puisees  dans  tes  ecrits"  (Oeuvres,  ed. 
Laponneraye  II,  S.  475).  Auch  sonst  sind  die  Zeugnisse  aus 
Robespierres  Mund  über  die  Dankesschuld,  zu  der  er  sich 
den  Denkern  seines  Jahrhunderts  gegenüber  verpflichtet  weiß, 
zahlreich  und  aufrichtig  genug,  um  für  die  Beurteilung  des 
Verhältnisses  zwischen  Aufklärung  und  Revolution  ins  Gewicht 
zu  fallen,  und  nicht  weniger  häufig  ist  die  Berufung  auf 
Rousseau  oder  die  Philosophen,  durch  die  er  seinen  Dar- 
legungen Nachdruck  zu  verleihen  sucht.  Zu  beachten  ist 
dabei  besonders,  wie  stark  er  den  Akzent  darauf  legt,  das 
Werk  der  Revolution  als  die  praktische  Durchführung  der 
Gedankenarbeit  der  Philosophen  gewertet  zu  sehen.  I42) 

Spuren  ertappen.  So  in  dein  folgenden  Satz ;  „  .  .  .  il  semble  du  moins 
qu'echappe  au  tourbillon  des  affaires,  011  respire  dans  une  atmosphere  plus 
paisible  et  plus  pure,  et  que  Ton  porte  sur  les  hommes  et  sur  les  choses 
im  jugenient  plus  certain,  ä  peu  pres  comme  celui  qui  fuit  le  tumulte  des 
cites.  pour  s*elever  sur  le  sommet  des  montagnes,  sent  le  calme  de  la  nature 
penetrer  dans  son  äme,  et  ses  idees  s'agrandir  avec  l'horizon"  (Le  Def'en- 
seur  de  la  Constitution.  Prospectus.  April  1792.  Vellay  S.  176).  Im 
Vorbeigelien  sei  ein  Anklang  au  einen  bekannten  Satz  von  Beaumarchais 
bei  Sieyes.  Essai  sur  les  Privileges  (1788)  angemerkt:  „Quant  aux  Privi- 
leges, il  leur  a  sutti  de  naitre"  (ed.  Champion.     Paris  1888.    S.  18). 

,42)  In  seiner  Rede  vom  21.  September  1789  bezeichnet  Robespierre 
die  französische  Verfassung  als  „le  chef  d'oeuvre  des  lumieres  de  ce  siecle" 
{Arch.  Pari.  IX.  S.  79)  und  charakterisiert  bei  späterer  Gelegenheit  (Rede 
vom  14.  Dezember  1790.  Arch.Parl.XX.I,  S.  466)  die  französische  Revolution 
als  eine  solche  „qui  ne  s'est  faite  dans  le  gouvernement  que  parce  qu'elle 
■etait  preparee  dans  les  esprits."  Ferner:  „Les  hommes  illustres,  dont  le 
genie  a  prepare  cette  glorieuse  revolution,  sont  enfin  places,  par  nous,  au 
ran«;  des  bienfaiteurs  de  l'humanite  .  .  .  L'homme  de  genie  qui  revele  de 
grandes  verites  ä  ses  semblables  est  celui  qui  a  devance  l'opinion  de  sou 
siecle :  la  nonveaute  hardie  de  ses  coneeptions  effarouche  toujours  leur  faiblesse 
et  leur  ignorance:  toujours  les  prejnges  se  ligueront  avec  l'envie,  pour  le 
peindre  sous  des  traits  odieux  ou  ridicules.  C'est  pour  cela  precisement  que 
le  partage  des  grands  hommes  fut  constamment  l'ingratitude  de  leurs  cou- 

ZUchr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XLV  1   ».  30 


430  Kurt  Glaser. 

Es  ist  schade,  daß  uns  von  Robespierres  Publikationen 
vor  der  Revolution  nur  wenig  erhalten  oder  zugänglich  ist 
im  Vergleich  zu  dem,  Mas  wir  etwa  von  Mirabeau  besitzen. 
Die    von    Victor   Barbier   und    Charles  Vellay    unternommene 

teiuporains,  et  les  hommages  tardifs  de  la  posterius  c'est  pour  cela  que  la 
superstition  jeta  Galilee  dans  les  fers  et  bannit  Descartes  de  sa  patrie. 
Quel  sera  donc  le  snrt  de  cenx  qni,  inspires  par  le  genie  de  la  liberte,  vien- 
dront  parier  des  droits  et  de  la  dignite  de  l'hoimue  ä  des  peuples  qui  les 
ignorent  ?  Ils  alarment  presque  e  sjalement  et  les  tyrans  qn'üs  demasquent, 
et  les  esclaves  qu"ils  venlent  eclairer.  Avec  quelle  facilite  les  premiera 
n'abuseraient-ils  pas  de  cette  dispositiun  des  esprits,  pour  les  persecuter  au 
nom  des  lois!  Rappelez-vous  pourquoi,  pour  qui  s'ouvraient,  parmi  vous, 
les  cachots  du  despotisme;  contre  qui  (Hait  dirige  le  glaive  meine  des 
tribuuaux.  La  persecution  epargua-t-elle  l'eloquent  et  vertueux  philosophe 
de  Geneve?  II  est  mort;  nne  graude  revolution  laissait.  pour  quelques 
moments  du  uioins.  respirer  la  verite,  vous  lui  avez  decerne  une  statue:  vous 
avez  honore  et  secourn  sa  veuve  au  nom  de  la  patrie ;  je  ne  conclurai  pas 
meme  de  ces  hommages  que.  vivant  et  place  su  le  theätre  oü  son  genie 
devait  l'appeler,  il  n'essuyät  pas  au  moins  le  reproche  si  banal  d'homme 
morose  et  exagere"  (ed.  Vellay  S.  28,  29.  —  11.  Mai  1791)  „Je  pourrais 
observer  que  la  Revolution  a  rapetisse  bien  des  grands  hommes  de  l'ancieu 
regime;  que,  si  les  acadeniiciens  et  les  geometres  que  M.  Brissot  nous  pro- 
pose  pour  modeles,  ont  combattn  et  ridicuüse  les  pretres.  ils  n'en  out  pas 
moins  courtise  les  grauds  et  adore  les  rois.  dont  ils  ont  tire  un  assez  bon 
parti ;  et  qui  ne  sait  avec  quel  acharnement  ils  ont  persecute  la  vertu 
et  le  geuie  de  la  Liberte  daus  la  persoune  de  ce  Jean-Jacques  dont  j'apenjoifl 
ici  l'image  sacrSe,  de  ce  vrai  philosophe  qui  seul,  ä  mon  avis,  entre  tona 
les  hommes  celebres  de  ce  tempsdä,  merita  ces  houneurs  publics  prostitues 
depuis  par  Tintrigue  ä  des  charlatans  politiques  et  ä  de  meprisables  heros"' 
(ed.  Vellay  S.  164,  165.  —  27.  April  1792).  „Parmi  ceux  qui,  du  temps  dont 
je  parle,  se  sigualereut  daus  la  carriere  des  lettres  et  de  la  pbilosophie,  un 
homme,  par  l'elevation  de  sou  äme  et  par  la  graudeur  de  son  caractere, 
se  montra  digne  du  ministere  de  precepteur  du  genre  humain.  II  attaqua 
la  tyramiie  avec  frauchise ;  ü  parla  avec  enthousiasme  de  la  divinite ;  son 
eloquence  male  et  probe  peignit  eu  traits  de  flamme  les  charmes  de  la 
vertu :  eile  defeudit  ces  dogmes  cousolateurs  que  la  raison  donue  pour  appui 
au  coeur  humain ;  la  purete  de  sa  doctrine,  puisee  dans  la  nature  et  dans 
la  haiue  profonde  du  vice,  autant  que  son  mepris  invincible  pour  les  sophistes 
intrigants  qui  usurpaient  le  nom  de  philosophes.  lui  attira  la  haine  et  la  per- 
secution  de  ses  rivaux  et  de  ses  faux  amis  .  .  ."  ^ed.  Vellay  8.  365.  —  7.  Mai 
1794).  „Lisez  ce  que  Rousseau  a  ecrit  du  gouvernement  representatif,  et  vous 
jugerez  si  le  peuple  pent  dormir  impunement"  (ed.  Vellay  S.  134.  —  2.  Januar 
1792).  „Quel  scrupule  enchaine  encore  votre  zeleV  Je  n'en  trouve  le  motif, 
ni  dans  les  principes  des  amis  de  rhumanite,  ni  dans  ceux  des  philosophes. 
ni  dans  ceux  des  hommes  d'Etat,  ni  meme  dans  ceux  des  praticiens  les  plus 
subtils  et  les  plus  epineux  .  .  ."  (ed.  Vellay  S.225.  —  28.  Dezember  1792.) 
„La  gloire  de  la  Convention  nationale  consiste  ä  deployer  un  grand  carac- 
tere et  ä  immoler  les  prejuges  serviles  aux  principes  salutaires  de  la  rai- 
son et  de  la  Philosophie  .  .  ."  (ed.  Vellay  S.  228.  —  28.  Dezember  1792.) 
„Les  lois  de  la  justice  eternelle  etaient  appelees  dedaigneusement  les  reves 
des  gens  de  bien ;  nous  en  avons  fait  d'imposantes  realites.  La  morale  etait 
dans  les  livres  des  philosophes;  nous  l'avons  mise  dans  le  gouvernement 
des  uations"  (6d.  Vellay  S.  305.  —  5.  Dezember  1793).  „Nous  voulons.  en 
un  mot,  remplir  les  voeux  de  la  nature,  accomplir  les  destins  de  1'huraanite, 
tenir  les  promesses  de  la  philosophie,  absoudre  la  providence  du  long  regne 
du  crime  et  de  la  tyrannie"  (ed.  Vellay  S.326.  —  5.  Febr.  1794).  „Les  peuples 
de  l'Europe  ont   fait  des  progres  etonnants  dans  ce  qu'on  appelle  les  arts- 


Aufklärung  und  Revolution  in   Frankreich.  431 

Ausgabe  seiner  Oeuvres  completes,  die  bis  jetzt  noch  nicht 
über  den  ersten  Band  (Paris  1910)  hinausgediehen  ist,  umfaßt 
nur  seine  oeuvres  judiciaires.  Aber  auch  schon  diese  genügen, 
um  den  Einfluß  der  Philosophen  auf  den  jungen  Advokaten 
von  Arras  erkennen  zu  lassen.  Wiederholt  beruft  er  sich, 
seine  juristischen  Darlegungen  ganz  im  Sinne  der  Zeit  „philo- 
sophisch" vertiefend,  auf  Montesquieu;1*3)  andere  Stellen144) 
lassen  neben  der  Bekanntschaft  mit  Montesquieu  auf  eine  solche 
mit  Grotius,  Baco,  Leibniz  und  Condillac  schließen.  Ein 
anderes  Mal  l45)  entwickelt  er  mit  solcher  Deutlichkeit 
Rousseausche  Gedanken,  daß  die  Herausgeber  es  wahrlich 
nicht  noch  besonders  nötig  gehabt  hätten,  auf  den  Contrat 
Social  als  die  Quelle  der  Robespierreschen  Weisheit  aufmerk- 
sam zu  machen. 

Das  war  am  Vorabend  der  Revolution  in  den  Jahren 
1786  und  1787.  Die  Reden  aus  der  Revolutionszeit  selbst 
geben  natürlich  ein  ungleich  reichhaltigeres  und  wertvolleres 
Material  an  die  Hand. 

Die  These,  die  Rousseau  in  den  Eingangsworten  seines 
Contrat  Social  I.  1  ausspricht:  „L'homme  est  ne  libre.  et 
partout  il  est  dans  les  fers",  ist  auch  die  seinige.  „L'homme 
est  ne  pour  le  bonheur  et  pour  la  liberte,  et  partout  il  est 
esclave  et  malheureux".  146)  Auch  für  Rousseaus  Gleich- 
heitsideal trägt  Robespierre  seine  Sympathie  offen,  ja  fast 
aufdringlich  zur  Schau.  „Nous  voulons  l'egalite  des  droits, 
parce  que,  sans  eile,  il  n'est  ni  liberte  ni  bonheur  social  .  .u.147) 

et  les  sciences,  et  ils  seinblent  dans  l'ignorance  des  premieres  nutions  de 
la  inorale  publique.  Ils  connaissent  tont,  excepte  leurs  droits  et  leurs  devoirs. 
D'oü  vient  ce  melange  de  genie  et  de  stupidite?  De  ce  que,  pour  chercher 
ä  se  rendre  babile  dans  les  arts,  il  ne  faut  que  suivre  ses  passions,  tandis 
que.  pour  defendre  ses  droits  et  respecter  ceux  d'autrui,  il  taut  les  vaincre. 
II  en  est  une  autre  raison :  c'est  qne  les  rois  qui  fönt  le  destin  de  la  terre 
ne  craignent  ni  les  grands  geometres,  ni  les  grands  peintres,  ni  les  grands 
poetes,  et  qu'ils  redoutent  les  philosophes  rigides  et  les  defenseurs  de  l'hu- 
manite"  (ed.  Vellay  S.  349.  —  T.Mai  1794).  „A  quoi  se  reduit  donc  cette 
science  mysterieuse  de  la  politique  et  de  la  legislation?  A  niettre  dans 
les  lois  et  dans  l'administration  les  verites  morales  releguees  dans  les  livres 
des  pbilosophes  .  .  ."  (ed.  Vellay  S.  352). 

us)  S.  221,  421. 

14*)  S.  337,  412,  413. 

,46)  S.  463. 

"•)  ed.  Vellay  S.  255  (Rede  vom  10.  Mai  1793).  Vgl.  auch  in  der  Rede 
vom  7.  Mai  1794:  „La  nature  nous  dit  que  l'bomme  est  ne  pour  la  liberte, 
et  l'experieuce  des  siecles  nous  montre  l'honinie  esclave"  (ed.  Vellay  S.  348). 

U7)  Defenseur  de  la  Constitution  (Paris  1792)  nr.  1.  Vgl.  ferner  in 
seiner  Rede  vom  9.  Juni  1790  die  Stelle,  wo  er  von  der  „egalite  des  droits 
politiques,  qui  est  la  base  de  la  Constitution"  spricht  (Arch.  Pari.  XVI, 
S.  156)  sowie  die  Stelle  seiner  Rede  vom  16.  Juni  1790:  „Le  legislateur 
doit  travailler  ä  diminuer  le  nombre  des  malheureux,  et  pour  cela  il  ne. 
suffit  pas  de  remettre  des  trösors  entre  les  mains  de  quelques-uns,  et  de 
les  charger  de  les  repandre.  Non,  les  legislateurs  ne  soumettront  pas  la 
vie   des   hommes,   le    bonheur  du  peuple,   au   caprice  et  ä  l'arbitraire  de 

30* 


432  Kurt  Glaser. 

..11  oe  taut  poinr  vidier  l'egalite  ni  conoentrer  les  dignitea 
dans  la  classe  la  plus  riche  de  la  nation  .  .  .  tout  citoven 
francais  [doit  etre|  admissible  ä  tous  les  emplois  saus  autre 
distinction  que  celle  des  vertus  et  des  talents  .  .  .".  utr)  ,.Tous 
lea  hommes  sont  egaux  au\  yeux  de  la  raison  et  de  la 
justice.  11  oe  taut  point  alterer  cettc  verite  eternelle". 149) 
Im  Namen  der  Gleichheit  fordert  er,  über  Rousseau  hinaus- 
gehend, mit  einer  in  allen  Wandlungen  der  Zeit  gleich- 
bleibenden Beharrlichkeit  das  allgemeine  Wahlrecht  und  lehnt 
sich  im  Namen  der  Gleichheit  gegen  jedes  Standesvorrecht 
auf.  ,.Tous  les  hommes  nes  et  domicilies  en  France  sont 
membres  de  la  societe  politique.  qu'on  appelle  la  nation 
franeaise.  c'est- a-dire  citoyens  francais.  11s  le  sont  par  la 
nature  des  choses  et  par  les  premiers  principes  du  droit  des 
geus.  Les  droits  attaches  ä  ce  titre  ne  dependent  ni  de  la 
fortune  que  chacun  d'eux  possede,  ni  de  la  quotite  de  limpot  ä 
laquelle  il  est  soumis.  parce  que  ce  nest  point  limpot  qui 
nous  fait  citoyen ;  la  qualite  de  citoven  oblige  seulement  ä 
contribuer  ä  la  depense  commune  de  lEtat,  suivant  ses 
faculteV'. 150)  ,.Yoici.  Messieurs,  le  moyen  que  je  vous  propose, 
c  est  de  declarer  que  tous  Francais.  c'est- ä-dire  tous  les 
hommes  nes  en  France,  ont  droit  de  jouir  de  la  plenitude 
des  droits  de  citoyens  et  sont  eligibles  tous  egalemenr'.  151) 
„Je  fais  la  motion  que  tout  Francais  domicilii  soit  declare 
citoyen  actif  et  eligible".  l52)  „Je  dis  que  tout  homme,  que 
tout  citoyen  francais  a  une  garantie  süffisante  de  son  aptitude 
ä  recevoir  toutes  les  marques  possibles  de  la  confiance  de 
ses  concitoyens  dans  la  qualite  d'homme  et  de  citoyen.  je 
dis  que  tout  homme  qui  na  point  commis  un  crime,  qui 
nest  point  un  infame,  est  non  seulement  presume  par  le 
choix  de  ses  concitoyens.  mais  par  sa  simple  qualite  d'homme 
et  de  citoyen.  etre  digne  de  la  confiance  de  ses  concitoyens: 
je  dis  qu  il  nest  pas  yrai  qu  il  faule  etre  riche  pour  tenir  ä 
sa  patrie:  je  dis  qu  il  est  pour  les  hommes  des  interets 
sacres  et  touchants  qui  attachent  ä  ses  semblables  et  ä  la 
societe,  des  interets  absolument  independants  de  la  fortune 
et  de  tel  ou  tel  degre  de  richesse  ou  de  contributions  ;  ces 
interets  sont  les  interets  primitifs  de  l'homme:  c'est  la  liberte 
individuelle,  ce   sont   les  jouissances    de   Tarne,  c'est  l'interet 

quelques  hommes;  c'est  par  les  grandes  vues  de  l'administration  qu'ils  peuveut 
secourir  les  malheureux ;  c'est  eu  reforuiaut  les  lois  qui  outragent  L'hnmanite, 
c?est  en  faisaut  que  des  lois  egales  pour  tous  frappent  egalement  sur  tuus 
et  ])rotögi'iit  tous  les  bons  citovens  saus  distinction"  (Arch.  Pari.  XVI, 
S.  237). 

'")  Arch.  Pari.  XXIX,  S.  360  (11.  August  1791). 

'*•)  Arch.  Pari  LXII.  S.  705  (19.  April  179:5). 

,6°)  Arch.  Pari.  XI,  S.  321  =  Vellay  S.  91. 

,6'i  Arch.  Pari.  XXVI.  S.  580  (28.  Mai  1791). 

Ul)  ib.  8.582. 


Aufklärung  und  Revolution  in   Frankreich.  433 

qu'on  attache  ä  la  propriete  la  plus  petite  .  .  .". l5S)  „Elle 
(d.  h.  die  Verfassung)  s'est  depouillee  de  l'odieuse  distinction 
entre  les  citoyens  passifs  et  les  citoyens  actifs,  qui  etait  une 
injure  pour  l'humanite  .  .  .".  15+)  „Non,  citoyens,  nous  devons 
ä  la  nation  une  Constitution  fondee  sur  les  droits  impres- 
criptibles  de  l'homme,  de  l'homme  ä  l'etat  de  nature  et  de 
l'homme  daus  la  societe.  C'est  le  seul  moyen  de  donner  un 
gage  ä  la  nation  que  nous  respecterons  veritablement  sa 
liberte  .  .  .  une  Constitution  libre,  fondee  sur  le  bonheur  de 
tous  et  sur  celui  de  chaque  individu,  une  Constitution  basee 
sur  les  droits.  Certes,  c'est  ce  dernier  mode  de  gouvernement, 
cette  Constitution  republicaine  fondee  sur  les  principes  eternels 
de  la  raison  et  de  l'humanite,  que  nous  desirons  tous  ici ; 
mais  pour  y  arriver,  il  laut  proclamer  les  droits  eternels  de 
l'homme  .  .  .". 155) 

Mit  ähnlicher  Bereitwilligkeit  und  Geschäftigkeit  macht 
er  sich  zum  Fürsprecher  der  von  Rousseau  verkündeten 
Rechte  des  Individuums  und  bricht  geräuschvoll  seine  Lanze 
für  die  persönliche  Sicherheit, 156)  die  freie  Meinungsäuße- 
rung 157)  sowie  das  Widerstandsrecht  des  Staatsbürgers. 
Ebenso  macht  er  sich  Rousseaus  Ansichten  von  der  Ent- 
stehung des  Staates  und  dem  Ursprung  der  Souveränität  zu 
eigen.  Demgemäß  stellt  er  dem  Naturzustand,  in  dem  die 
Menschen  ursprünglich  gelebt,  die  „association  civile"  gegen- 
über158) (bei  Rousseau  1.  6:  „association")  und  sieht  die  Form 
der  Entstehung  des  Staates  in  dem  „pacte  par  lequel  chaque 
citoyen  s'est  soumis  ä  la  loi  generale,  lorsque  la  societe 
entiere  qui.  dans  la  purete  des  maximes  sociales,  devrait  exercer 
cette  fonction.  est  obligee,  parce  qu'elle  est  trop  nombreuse, 
de  la  deleguer  ä  un  tres  petit  nombre  d'hommes".159)  Die  erste 
Wirkung  des  Staates  ist  die,  daß  sich  die  Sonderrechte  des 
einzelnen  zu  dem  Rechte  der  Gesamtheit  verdichten :  „tout 
homme  a.  par  sa  nature.  la  faculte  de  se  gouverner  par  sa 
volonte:  les  hommes  reunis  en  corps  politique,  cest-ä-dire 
une  nation.  ont  par  consequent  le  nieme  droit". l60) 

]")  Arch.  Pari.  XXIX,  S.  361  (11.  August  1791). 

"*)  Arch.  Pari.  LXII,  S.  125  (15.  April  1793). 

,6B)  Arch.  Pari.  LXII,  S.  125. 

"•)  Arch.  Pari.  XXVII,  S.  747  (5.  Juli  1791). 

,87)  VgL  seine  Rede  über  die  Preßfreiheit  vom  11.  Mai  1791  (ed.  Vellay 
S.  22  ff.). 

,68)  „Des  que  la  societe  a  etabli  et  deterniine  l'autorite  publique  qui 
doit  pronoucer  sur  les  differends  des  citoyens;  des  qu'elle  a  cre6  les  juges 
destines  ä  leur  rendre  en  son  nom  la  justice  qu'ils  avaient  droit  de  se  faire 
par  eux-memes  avant  l'association  civile  .  .  ."  Arch.  Pari.  XXI,  S.  466 
(14.  Dezember  1790). 

i")  Arch.  Pari.  XXII,   S.  718  (2.  Februar  1791).    Vgl.   Rotisseau  I.  6, 
ed.  Dreyfus-Brisac  S.  31  und  HI.  18,  ib.  S.  179. 

m)  Arch.  Pari.  IX.  S.  79  (21.  September  1789). 


4>4  Kurt  Glaser. 

Seine  Vorstellung  von  dem  Souveränitätsbegriff  ist  die 
des  Contrat  Social.  Rousseau  definiert  den  ,.souveraint(  als 
„au-dessus  du  juge  et  de  la  loi"  (II.  5.  ed.  Dreyfus-Brisac 
S.  63).  und  ebenso  Robespierre:  „au-dessus  des  lois1-'.  161) 
Den  Souveränitätswillen  nennt  Robespierre  eine  ,,faculte  de 
vouloir  commune,  compo&ee  des  facultes  de  vouloir  parti- 
culieres".  I62)  Mit  Rousseau  ordnet  er  den  Gesamtwillen  der 
Nation  jedem  Einzelwillen  über  und  tritt  für  die  Unver- 
äußerlichkeit  des  Souveränitätsrechtes  ein :  ,,Celui  qui  dit 
qu'un  homme  a  le  droit  de  s'opposer  ä  la  loi,  dit  que  la 
volonte  dun  seul  est  au-dessus  de  la  volonte  de  tous.  II 
dit  que  la  nation  n  est  rien  et  qu'un  seul  homme  est 
tout  .  .  .•'.  l63)  ,,Cette  faeulte  de  vouloir  commune,  composee 
des  facultes  de  vouloir  partieulieres,  ou  la  puissance  legislative, 
est  inalienable,  souveraine  et  independante  dans  la  societe 
entiere.  comme  eile  l'etait  dans  chaque  homme  separe  de  ses 
semblablos'.  l64)  „Vous  le  savez.  l'autorite  des  princes  n'est 
qu'une  portion  de  la  souverainete  du  peuple  mise  en  depot 
entre  leurs  mains ;  ils  ne  peuvent  donc  ni  la  vendre.  ni 
l'aliener  en  aucune  maniere.  Le  peuple  meme  ne  le  peut 
pas,  parce  qu'il  ne  peut  se  depouiller  de  ces  droits,  attaches 
ä  la  nature  de  l'homme.  que  la  societe  a  pour  but  de  proteger 
et  de  maintenir,  et  quelle  ne  peut  jamais  detruire".  l65)  „La 
souverainete  est  une.  indivisible.  et  appartient  ä  la  nation; 
aucune  section  du  peuple  ne  peut  s'en  attribuer  l'exercice. 
J'ajoute  que  la  souverainete  est  inalienable  .  .  .  Les  pouvoirs 
ne  peuvent  etre  ni  alienes.  ni  delegues  .  .  .".  l66)  „La  souve- 
rainete reside  egalement  dans  tous  les  eitoyens  qui  forment 
l'association  politique.  Ine  partie  d'entre  eux  ne  peut  en 
depouiller  l'autre :  une  partie  ne  peut  retrancher  l'autre  de 
la  societe  pour  la  soumettre  ä  un  pouvoir  etranger".  167) 
Dem  Satz  Rousseaus  IL  4  (ed.  Dreyfus-Brisac  S.  54.  55): 
,,Comme  la  nature  donne  ä  chaque  homme  un  pouvoir  absolu 
sur  tous  ses  membres,  le  pacte  social  donne  au  corps  politique 
un  pouvoir  absolu  sur  tous  les  siens:  et  c'est  ce  meme  pouvoir 

!•*)  Le  Defenseur  de  la  Constitution.     Paris  1792,  nr.  4,  S.  220. 

,ei)  Arch.  Pari.  IX;  S.  79.  Vgl.  dazu  Contrat  Social  I,  6  (ed.  Dreyfus- 
Brisac  S.  33) :  „  .  .  .  cet  acte  d'association  produit  un  corps  moral  et  collectif 
compose  d'autant  de  membres  que  l'assemblee  a  de  voix,  lequel  recoit  de  ce 
meme  acte  son  unite,  son  moi  commuu,  sa  vie  et  sa  volonte." 

1M)  Arch.  Pari.  IX,  S.  79  (21.  September  1789).  Vgl.  ferner  Arch. 
Pari.  XX,  S.  26. 

li4)  Arch.  Pari.  IX,  S.  79.  Vgl.  damit  Contrat  Social  II,  1  (ed.  Dreyfus- 
Brisac  S.  47) :  „Je  dis  donc  que  la  souverainete,  n'etant  que  l'exercice  de  la 
volonte  generale,  ne  peut  jamais  s'aliener  .  .  ."  Freilich  hat  Rousseau,  wie 
es  seine  Art  ist,  diesen  Grundsatz  bei  gegebener  Gelegenheit  selbst  durch- 
brochen, vgl.  Contrat  Social  III,  1. 

m)  Arch.  Pari.  XX,  S.  526  (18.  November  1790). 

1«9)  Arch.  Pari.  XXIX,  S.  326  (10.  August  1791). 

!")  Arch.  Pari.  XX,  S.  526  (18.  November  1790). 


Aufklärung  und  Revolution  in   Frankreich.  435 

qui.  dirige  par  la  volonte  generale,  porte  .  .  .  le  nom  de 
souveraiuete-'  entspricht  der  Satz  Robespierres:  „La  souve- 
rainete  est  le  pouvoir  qui  appartient  ä  la  nation  de  regier 
ses  destinees.  La  nation  a  sur  elle-meme  tous  les  droits 
que  chaque  homme  a  sur  sa  personne  et  la  volonte  generale 
gouverne  la  societe.  comme  la  volonte  particuliere  gouverne 
chaque  individu  isole"'.  l68) 

Es  liegt,  um  noch  ein  Letztes  zu  erwähnen,  ganz  in  der 
Richtung  und  im  Sinne  des  Rousseauschen  Souveränitäts- 
begiiffes,  wenn  Robespierre  die  Folgerung  aufstellt:  „II  taut  se 
rappeler  que  les  gouvernements,  quels  qu'ils  soient.  sont  etablis 
par  le  peuple  et  pour  le  peuple,  que  tous  ceux  qui  gouvernent, 
et  par  consequent  les  rois  eux-memes.  ne  sont  que  les  manda- 
taires  et  les  delegues  du  peuple,  que  les  fonctions  de  tous 
les  pouvoirs  politiques  et  par  consequent  de  la  royaute  sont  des 
devoirs  publics  et  non  des  devoirs  personnels  ni  une  propriete 
particuliere  .  .  .  u.169) 

VIII. 

Bedarf  es  noch  weiterer  Beweise,  um  die  Einwirkung 
der  Philosophie  des  18.  Jahrhunderts  und  besonders  die 
Rousseaus  auf  Robespierres  Ideenkreis  darzutun?  Eine  Be- 
einflussung Robespierres  in  diesem  Sinne  lehnt  nun  selbst  Aulard 
keineswegs  völlig  ab.  Wie  sollte  es  überhaupt  auch  möglich 
sein,  einen  Menschen  ganz  und  gar  seiner  Zeit  und  ihren 
Einflüssen  zu  entrücken?  Der  Unterredung  Robespierres 
mit  Rousseau  im  Jahre  1778  schreibt  er  sogar  einen  für  sein 
Geschick  „vielleicht"  entscheidenden  Einfluß  zu170)  und  meint, 
den  Einschlag  Montesquieuscher  Gedanken  und  Methode  auf 
Robespierre  allerdings  gering  anschlagend,  daß  bei  ihm  „fond 
et  forme''  von  Rousseau  inspiriert  sind,  l7i)  daß  er  „presentait 
des  theories.  non  specialement  frangaises,  mais  generales, 
universelles,  d  apres  le  Contrat  Social,  l'ideal  legislatif  de 
Rousseau  et  de  Mably".  l72) 

Was  will  man  mehr?  Für  Aulard,  den  Historiker,  freilich 
ist  die  Frage  damit  noch  nicht  erledigt.  Nicht  die  Gedanken, 
sondern  die  Handlungen,  nicht  die  Theorie,  sondern  die  Politik 
machen  ihm  den  wahren  Robespierre  aus.  Und  zwischen 
beiden  glaubt  er  einen  Gegensatz  zu  erkennen,  der  den  Einfluß 
Rousseaus  und  der  Philosophie  wieder  in  Frage  stellt. 

Der  Literarhistoriker  muß  es  sich  versagen,  Aulard  in 
dieses  neue  Stadium,  in  das  er  und  seine  Schule  die  Frage 
des     Verhältnisses      zwischen     Aufklärung     und     Revolution 

1  •*)  Lettres  ä  ses  commettants  II  (1793)  nr.  1. 

'••)  Arch.  Pari.  IX,  S.  80. 

17°)  Les   Grands    Orateurs    de  la  Revolution.     Paris  1914.     S.  218. 

l71)  ib.  S.  222. 

17J)  ib.  S.  223. 


436  Kurt  Glaser. 

schieben,  zu  folgen  und  die  Brücke  zu  dein  Praktiker 
Robespierre  schlagen  zu  bellen.  Für  den  Literarhistoriker  ist 
allein  der  Theoretiker  Robespierre  von  Interesse.  Wie  heißt 
es  doch  gleich  einmal  bei  Lanson '.'  „L'historien  ne  se  sert 
des  u'uvres  litteraires  que  pour  atteindre  les  faits.  Notre 
but.  ä  nous.  e9t  tout  autre,  puisque  nous  voulons  atteindre 
les  idees-'.17')  Die  Frage,  inwieweit  sich  bei  Robespierre  Theorie 
und  Praxis  decken,  wie  sich  bei  ihm  Gedanke  und  Tat  ver- 
tragen oder  bekämpfen,  muß  der  geschichtlichen  Forschung 
vorbehalten  bleiben.  Möglich  ist,  daß  durch  sie  das  Urteil, 
das  Robespierres  neuester  Biograph.  A.  Wahl,  sich  dem  Aulard- 
schen  Standpunkt  nähernd,  gefällt  hat.  Bestätigung  findet: 
„auch  bei  Robespierre,  ja  gerade  bei  ihm.  ist  die  Theorie, 
die  'Philosophie  ,  nur  zuweilen  die  Herrin,  öfter  ist  sie  die 
Magd  der  Politik,  der  Realpolitik,  in  der  er  die  meisten 
seiner  Rivalen  weit  übertrifft/1  m)  Aber  auch  dieses  Ergebnis 
würde,  wenn  es  sich  bei  näherer  Prüfung  wirklich  als  stich- 
haltig erweisen  sollte,  nichts  ändern  an  der  den  Literar- 
historiker allein  interessierenden  Tatsache,  daß  zwischen  Auf- 
klärung und  Revolution  unlösbare  Beziehungen  walten,  deren 
volle  Entfaltung  allein  an  der  rauhen  politischen  Wirklichkeit 
eine  Schranke  gefunden  hat. 

Marburg  i.  H.  Kürt  Glaser. 

'""i  Revue  fies  cours  et  Conferences.     16e  annee.  lre  serie  S.  289.. 
"*)  Robespierre  (Tübingen  1910)  S.  22. 


Die  Ansichten  des  jungen  Renan  über 
französische  Literatur  und  Literaturkritik. 

Die  Ansichten  des  jungen  Renan  über  Literatur  und 
Literaturkritik  sind  vornehmlich  zum  Ausdruck  gelangt  in  An- 
merkungen, die  er  im  Priesterseminar  von  Saint-Sulpice  in  den 
Jahren  1843 — 1844  zu  einer  Rhetorik  von  Le  Clerc  nieder- 
geschrieben hat,  in  Notizen  zu  einer  Ausgabe  der  Werke 
Corneilles  und  Racines  aus  der  gleichen  Zeit,  sowie  in  zahl- 
reichen kürzeren  oder  längeren  Bemerkungen,  die  er  seinen 
Tagebüchern,  den  1845  —1846  teils  in  Saint-Sulpice,  teils  nach 
dem  Austritt  aus  dem  Seminar  geschriebenen  „Cahiers  de 
jeunesse"  und  den  „Nouveaux  cahiers  de  jeunesseu  anvertraut 
hat1).  Auch  ein  Exemplar  der  Poetik  des  Aristoteles  hat 
Renan  mit  Anmerkungen  versehen 2).  Über  die  Notizen  zu 
Le  Clercs  „Nouvelle  rhetorique" ,  zu  Corneille  und  Racine  be- 
richtet der  Aufsatz  von  J.  Wogue:  „Les  idees  litteraires  de 
Renan  en  1843 — 44",  enthalten  in  „Revue  politiqne  et  litteraire" 
vom  16.  und  23.  Dezember  1905.  Über  die  Anmerkungen 
zur  Poetik  des  Aristoteles  ist  bisher  nichts  bekannt  geworden. 
Die  folgenden  Ausführungen  stützen  sich  besonders  auf  die 
Aufzeichnungen  in  den  Tagebüchern. 

Diese  Aufzeichnungen  sind  nicht  gerade  von  Bedeutung 
für  die  Geschichte  der  Literatur  und  Literaturkritik.  Das 
Interesse,  das  sich  an  sie  knüpft,  ist  vielmehr  rein  persönlicher 
und  psychologischer  Art.  Sie  tragen  in  hohem  Grade  mit  dazu 
bei.  das  Verständnis  des  Renan'schen  Geistes  aus  der  Zeit 
seiner  Entwicklung  zur  Jugendreife  hin  zu  erschließen.  Sie 
zeugen  von  dorn  großen  Ernst  und  dem  Bestreben  seiner 
Gedankenarbeit,  in  beständigen  Diskussionen  über  mannig- 
fache Probleme  der  Literatur  und  Literaturwissenschaft  zur 
Klarheit  und  zu  einem  festen  Standpunkt  zu  gelangen.  Mit 
ihrer  Hilfe  wird  dem  Betrachter  das  Bild  eines  jungen,  tempe- 
ramentvollen Renan  offenbar,  das  statt  der  bekannten  Formen 


!)  Veröffentlicht  wurden  die  „Cahiers  de  jeunesse"  Paris  190H,  die  „Nou- 
veaux cahiers  de  jeunesse"  Paris  1907. 
2)  N.  c.  de  j.  s.  59  Anm. 


438  Walther  Küchler. 

des  berühmten  und  alternden  Mannes  Züge  aufweist,  wie  sie 
eben  nur  der  feurigen  -lugend  eignen. 

Der  streng  religiöse  Unterricht,  den  Renan  als  Knabe  in 
der  Klosterschule  seiner  Heimatstadt  Tr^guier  erhielt,  warbe- 
Bondera  darauf  bedacht  gewesen,  den  Schülern  moralische 
Wahrheiten     und    Grundsätze    zu    vermitteln.      Die    Literatur 

wurde  einseitig-dogmatisch  gelehrt.  Die  Unterweisung  be- 
schränkte sich  auf  moralisierende  und  belehrende  Werke  der 
französischen  Klassiker  und  Nachklassiker.  Wie  alles  Welt- 
liche überhaupt,  so  wurde  auch  das  Zeitgenössische  ängstlich 
von  den  jungen  Gemütern  ferngehalten.  Die  französische 
Poesie  endete  mit  dem  Gedichte  von  Louis  Racine  über  die 
Religion,  allenfalls  mit  dem  abbe  Delille.  ,,Le  nom  de  La- 
martine n'etait  prononce  qu'avec  ricanement,  l'existence  de 
Victor  Hugo  etair  inconnue  3)w.  Um  so  eifriger  wurde  die 
harmlose  Mathematik  betrieben.  So  eifrig,  daß  der  junge 
Renan,  der  sich  ihr  mit  größtem  Interesse  hingab.  Tag  und 
Nacht  von  ihr  träumte. 

Von  ganz  anderer  Art  war  der  Unterricht  in  dem  Institut 
Saint- Nicolas  du  Chardonnet.  Der  äußerst  gewandte  Priester 
und  Weltmann  Dupanloup.  dessen  Leitung  die  Anstalt  zur  Zeit 
Renans  einer  glänzenden  Entwicklung  zuführte,  verstand  es, 
die  Schüler  anzuregen,  zu  begeistern,  ihre  Talente  und 
Kräfte  aus  ihnen  herauszulocken.  Seine  Schule  war  der  Gegen- 
wart nicht  verschlossen.  Renan  lernte  die  Romantik,  Lamartine, 
Victor  Hugo  kennen.  Die  „Lettres  de  Saint- Peter sboarg" 
wußte  er  auswendig,  und  von  den  modernen  Geschicht- 
schreibern  machte  besonders  Michelet  den  stärksten  Eindruck 
auf  ihn. 

Der  Literaturunterricht  erfolgte  nach  Gattungen.  Nach- 
einander wurden  im  ersten  Schuljahre  behandelt  die  Fabel, 
die  Allegorie,  die  Schäferpoesie  und  die  kleineren  Gattungen, 
Epigramm,  Rondeau.  Madrigal,  Sonnet  usw.  Danach,  nach 
Renans  eigenen  Angaben,  die  Lyrik,  Satire,  Versepiste], 
didaktische  Poesie.  Chronik,  Legende  und  die  erzählende 
Dichtung.  Das  Drama  ist  dann  wohl  im  zweiten  Jahre  an 
der  Reihe  gewesen. 

Im  dritten  Jahre  rückte  er  in  die  Klasse  der  Rhetorik 
auf.  Hier  setzte  sich  die  schon  vorher  geübte  Gewohnheit 
der  lateinischen  und  griechischen  Übersetzungen,  sowie  der 
Anfertigung  lateinischer  Verse  fort.  Die  griechischen  Tragiker 
wurden  studiert,  und  Renan  genoß  den  Vorzug,  mit  seinem 
Lehrer  Duchesne  allein  die  Odyssee  lesen  zu  dürfen.  Mit 
größerer  Vertiefung  wrurden  jetzt  „die  bewundernswerten  Per- 
sönlichkeiten" der    französischen   Klassiker    studiert,    Bossuet 

3)  Souvenirs  d'enfance  et  de  jeunesse  s.  136. 


Ansichten  d.  jungen  Renan  üb.  frz.  TM.  u.  Ldteraturkritik.    439 

und  Bourdaloue  u.  a.,  und  in  größeren  Aufsätzen.  Vorträgen 
und  Diskussionen  behandelt.  Die  Diskussionen  nahmen  oft  den 
Charakter  literarischer  Kämpfe  an.  in  denen  die  gegenseitigen 
Konkurrenten  sich  mir  anglaublicher  Hartnäckigkeit  den  Rang 
streitig  machten. 

Bei  dieser,  im  Sinne  und  nach  dem  Willen  Dupanloups 
geleiteten  Arr  des  Unterrichts  handelte  es  sich  in  erster  Linie 
um  die  Kunst  der  Schönrednerei,  um  die  Erzielung  de8  eleganten, 
fließenden  Ausdrucks  der  Rede,  um  ein  Verfahren  jedenfalls, 
dessen  Nutzen  für  das  Verständnis  der  Dichtungen  durch  den 
ihm  anhaftenden  Schaden,  nämlich  der  Begünstigung  des 
schillernden  und  oberflächlichen  Redens  über  die  Dinge  sicher- 
lich  weit  übertroffen  wurde. 

Aus  Äußerungen  Renans  in  Briefen  an  seine  Mutter  geht 
hervor,  daß  ihm  dieser  Betrieb  der  Literaturgeschichte  zu- 
nächst viel  Freude  machte.  Aber  am  Ende  des  Rhetorik- 
jahres gesteht  er  ihr  doch,  daß  er  nicht  wisse,  ob  er  diese 
Klasse  „pour  laquelle  je  ne  penche  plus  autant",  erneuern 
solle.  Er  sei  ganz  unsicher  und  werde  Dupanloups  Meinung 
einholen  4). 

Die  Leere,  die  dieser  äußerlich  glänzende,  aber  innerlich 
unfruchtbare  Unterricht  in  Saint-Nicolas  bei  ihm  hinterließ, 
kam  ihm  ganz  zum  Bewußtsein  dann  im  Seminar  von 
Saint-Sulpice,  wo  er  sich  mit  Feuereifer  zunächst  in  das  philo- 
sophische Studium  stürzte.  Aus  Briefen  an  seine  Schwester 
geht  hervor,  mit  welchem  Schrecken  er  an  die  hinter  ihm 
Liegende  Zeit  der  Deklamationen  und  Diskussionen  der 
Rhetorik  zurückdachte.  Sie  kamen  ihm  nun  unphilosophisch 
und  unwissenschaftlich  vor.  Er  empfand  ein  starkes  Gefühl 
innerer  Befreiung,  an  die  Stelle  der  Wissenschaft  der  Worte 
nunmehr  die  der  Dinge  setzen  zu  dürfen  °). 

In  den  vier  Jahren,  die  Renan  in  Saint-Sulpice  zubrachte, 
ist  er  durch  schwere  innere  Kämpfe  hindurch  zu  seiner  intellek- 
tuellen und  moralischen  Selbständigkeit  herangereift.  Während 
er  mit  dem  frommen  Glauben  seiner  Kindheit  rang,  während 


*)  Lettres  du  Seminaire,  Paris  1902  p.  159. 

5)  Lettres  intimes  (Paris  1896)  p.  86,  96.  —  Auch  in  den  Erinnerungen 
äußerte  sich  Renan  später  absprechend  über  die  rhetorischen  Übungen  in 
Saint-Nicolas.  Die  rein  rhetorischen  Übungen  hätten  ihn  aufs  stärkste  ge- 
langweilt. Niemals  habe  er  einen  erträglichen  Vortrag  halten  können. 
Gelegentlich  einer  Preisverteilung  hätten  die  Schüler  die  verschiedeneu 
Reden,  die  auf  dem  Konzil  von  Clermont  gehalten  werden  konnten,  ver- 
fassen und  vortragen  müssen.  Da  habe  er  völlig  versagt  in  der  Rolle  des 
Pierre  TErmite  und  Urbans  II.  Sein  Gottfried  von  Bouillon  hätte  jedes 
militärischen  Geistes  entbehrt.  Nur  ein  kriegerischer  Hymnus  mit  dem 
Refrain  „Sternite  Turcas"  hätte  Beifall  gefunden.  „J'etais  trop  serieux 
pour  ces  enfantillages".  Etwas  zu  schreiben,  ohne  etwas  persönliches  zu 
sagen  zu  haben,  kam  ihm  wie  eine  höchst  langweilige  Spielerei  vor. 
■Souvenirs  p.  186  f. 


44< i  Walther  Küchler. 

er  zur  Klarheit  über  Gott,  Menschen,  über  sich  und  den  Sinn 
des  Lebens  strebte,  während  seiner  emsigen  theologischen 
und  sprachlichen  Studien,  vernachlässigte  er  nicht  die  Lektüre 
der  schönen  Literatur,  formte  er  sich  durch  Studium  der 
Quellenwerke,  der  literarischen  Kritik  und  durch  Besuch  von 
Universitätsvorlesungen  sein  Urteil  über  Literatur,  Literatur- 
kritik und  Literaturauffassung. 

Die  Ansichten  Renans  über  Literatur  bilden  und  vertiefen 
sich  ihm  aus  einer  natürlichen  Entwicklung  seines  begeisterungs- 
fähigen und  kritischen  Geistes,  seines  Freiheitsstrebens  und 
Wahrheitsverlangens,  seines  auf  die  allseitige  Erfassung  des 
Menschen  und  des  Lebens  gerichteten  philosophischen  Triebes, 
aus  seiner  Abneigung  gegen  alle  Einseitigkeiten,  Beschränkungen 
und  Fesseln  des  künstlerischen  Schaffens.  Sie  sind  das  Er- 
gebnis der  besonderen  Veranlagung  seines  Geistes,  von  ihm 
in  der  Hauptsache  selbständig  erarbeitet  in  ehrlichem,  uner- 
müdlichem Nachdenken  über  die  Probleme,  die  er  verfolgte. 
Dabei  wurde  er  gefördert  durch  die  Berührung  mit  Persön- 
lichkeiten, deren  Schriften  und  Lehren  ihn  in  seinen  Ansichten 
bestärkten  und  ihm  wohl  auch  entscheidende  Anregungen  boten. 
Auch  im  Widerspruch  zu  Schriftstellern  und  Kritikern«  die  er 
als  Vertreter  des  von  ihm  bekämpften  Geistes  betrachtete, 
arbeitete  er  sich  zu  seinen   Auffassungen  durch. 

Mit  einer  ganz  auffallenden,  jugendlich  unbekümmerten 
Heftigkeit,  mit  Spott,  Sarkasmus,  Ironie,  Verachtung,  Schmerz 
und  Entrüstung  äußert  er  in  den  Tagebüchern  seine  grund- 
sätzliche, mit  der  Zeit  sich  stets  steigernde  Abneigung  gegen 
die  geistlose  rhetorische  Methode. 

Die  Rhetorik  haßt  er  als  eine  „machine  ä  mensonges1', 
die  den  Mangel  an  Inhalt  in  ihren  Ausführungen  durch  leere 
Worte  verdecken  möchte.  Heftig  tadelt  er  die  schulmäßige 
Art.  die  alles  literarische  Schaffen  nach  veralteten  Regeln 
lehren  und  beurteilen  will,  die  überhaupt  nur  das  Alte  gelten 
lassen  möchte  und  das  Neue  nur  dann,  wenn  es  mit  dem  Alten 
übereinstimme,  so  daß  eine  Schöpfung,  wenn  sie  als  schön 
gelten  wolle,  mindestens  hundert  Jahre  alt  sein  müsse6). 

Mit  den  Regeln  verwirft  er  auch  die  Theorie  und  Praxis 
der  Nachahmung  ,).  Es  sei  ganz  töricht  zu  glauben,  daß  das, 
was  bei  einem  Autor  angebracht  und  schön  war,  ebenso  schön 
sein  müsse,  wenn  es  von  einem  anderen  Autor  zu  anderer  Zeit 
unter  anderen  Verhältnissen  nachgeahmt  werde.  Die  Nach- 
ahmungen Homers  durch  einen  modernen  Autor  sind  nichts 
anderes  als  täuschender placage.  „C'est  comme  si  vous  dissequiez 
par  petits  morceaux  de  sculpture  tout  un  beau  temple  grec,  et 

,;i  Nouveaux  cahiers  de  jeunesse  p.  249. 
■     Ebenda  p   133 


Ansichten  d.  jungen  Renan  üb.  frz.  LH.  u.  Literaturkritik.     441 

que  vou8  reniez  en  tapisser  un  musee".  Er  ist  voller  Bewun- 
derung für  eine  gothische  Kathedrale,  den  schönsten  Ausdruck 
ihrer  Zeit.  „Mais  une  eglise  gothique  bätie  il  y  a  deux  ans  par  sin- 
gerie  et  goüt  capricieux  me  donne  la  nausee  ö).  Ebenso  töricht 
wie  die  Nachahmung  einer  fremden  Literatur  ist  die  Nach- 
ahmung der  eigenen.  Selbst  wenn  solche  Literarhistoriker 
wie  Le  Ülerc  und  Nisard,  jene  „classiques-critiques-meprisants- 
accariätres"  recht  hätten  mit  ihrer  Auffassung,  daß  die  zeit- 
genössische französische  Literatur  dekadent  sei,  so  wäre  das 
doch  kein  Grund,  ewig  die  klassische  Literatur  nachzuahmen. 
Das  Klassische  ist  heute  unmöglich  !  ruft  er  aus:  was  uns  not  tut, 
sind  originelle  Produktionen9).  Dauernd  schöne  Dinge  bringen 
nicht  die  von  Rhetorikern  aufgestellten  Regeln,  bringt  nicht  die 
Nachahmung  der  Klassiker  hervor,  sondern  das  Schaffen  aus 
dem  Ernst,  aus  der  Moralität  des  Charakters,  aus  dem  eigenen 
Denken  und  Fühlen  l0).  Nachahmen  kann  man  andere  Lite- 
raturen in  dem  gemeinsamen  Inhalt:  in  der  Darstellung  des 
Menschen.  Der  Mensch  mit  seinen  Leiden,  Leidenschaften 
und  Kämpfen  ist  ewig  und  überall  der  gleiche.  Homer  nach- 
ahmen heißt  den  Menschen  darstellen  so  wie  er  es  tut.  Dann 
ergreift  man   „le  vrai  absolu  de  l'art11)". 

Wie  gegen  Regelzwang  und  Nachahmungstheorie,  so 
wrendet  sich  Renan  auch  mit  ganz  besonderer  Schärfe  gegen 
die  strenge  Scheidung  der  Dichtung  in  literarische  Gattungen. 
In  Saint-Nicolas  du  Chardonnet  hatte  er  zwar  seiner  Mutter 
den  dortigen,  streng  nach  Gattungen  gegliederten  Literatur- 
unterricht als  sehr  interessant  und  reizvoll  gerühmt1-),  aber 
danach  hat  er  sehr  bald  die  Enge  jener  Ästhetik  durchschaut, 
die  den  Wert  der  Dichtungen  nach  ihrer  Zugehörigkeit  zu 
bestimmten  Arten  beurteilt.  „On  peut  tout  faire  en  touttl 
sagt  er  schon  in  einer  seiner  ersten  Randbemerkungen  zu  Le 
Clercs  Rhetorik  und  später  im  Tagebuch:  Es  gibt  nichts 
dümmeres  als  jene  absoluten  Vorschriften  der  Poetik,  jene 
Beschränkungen«  die  nur  bestimmte  Arten  von  Epen,  Oden 
und  Episteln  gelten  lassen  wollen.  „Et,  mon  Dieu !  que  de 
genres  encore  ä  nattre  et  que  de  combinaisons  de  genres 
existants !  Le  sots  rheteurs  nous  viennent  dire:  L'ode  ne 
veut  pas  cela,  donc  c'est  une  faute:  L'epitre  en  vers  veut  une 
lacune  qui  ne  soit  pas  trop  elevee:  done  c'est  une  faute  d'y 
deployer  les  ailes.  Pauvres  sots!  .  .  ."  Nein,  es  gibt  keine 
Grenzen    in    der  Literatur.     Der  Geist  allein   entfaltet  sich  in 


8i  Cahiers  de  jeunesse  p.  355. 

9)  Nouveaux  cahiers  de  jeunesse  p.  151. 

io)  Ebda.  p.  259. 

u)  Cahiers  de  jeunesse  p.  1H0. 

12)  Lettres  du  Seminaire  p.  37/38;  77/78. 


442  Wal \i her  Küchler. 

ihr  in  seiner  ganzen  Weite,  allein  in  den  Grenzen  des  Schönen' 
die  keine  Grenzen  sind  13). 

Fenelons  Telemaque.  sagt  er  an  anderer  Stelle,  sei  wegen 
seiner  Besonderheit  keiner  besonderen  Gattung  zuzurechnen. 
Nach  der  Meinung  der  Rhetoriker  muß  er  aber  einer  be- 
stimmten Gattung  angehören.  Man  nennt  es  also  ein  Epos 
und  kritisiert  es  nun  als  Epos.  Man  tadelt  z.  B.  die  Mono- 
loge Mentors.  Aber,  so  ruft  Renan  aus:  „imbecile.  c'est  l'idee 
merae  du  poeme.  um  poeme  moral."  Und  an  Stelle  der 
traditionellen  Gattungsästhetik  setzt  er  seine  Forderung  :  Jedes 
Kunstwerk  ist  zu  beurteilen  nach  dem  höheren  oder  geringeren 
Grade  der  Idee,  die  es  verwirklicht  lt). 

Weil  die  Rhetoriker  nicht  in  die  Idee  des  Kunstwerkes 
eindringen,  deswegen  kommen  sie  ihm  so  unbedeutend  und 
töricht  vor.  Er  feindet  sie  an  als  die  Vertreter  der  Geist- 
losigkeit.  die  leider  auch  den  Unterrichtsbetrieb  an  der  Uni- 
versität beherrschen.  Er  spottet  über  sie  als  über  Gelehrte. 
die  sich  der  Beschäftigung  mit  dem  Wissen  nur  um  des 
Wissens  willen  hingeben,  darum  also  nur  kleinliche  und  wert- 
lose Beschäftigung  treiben.  Ihr  ganzes  Tun  und  Treiben  er- 
scheint ihm  unphilosophisch.  Er,  der  von  Jugend  an  gewohnt 
war,  alles  was  er  tat,  aus  heiligem  Ernst  heraus,  aus  tiefsten, 
hin  und  her  gewälzten  Überzeugungen  zu  tun.  er  fragt  sich 
wohl  gelegentlich,  aus  welcher  Triebfeder  ein  Gelehrter  wie 
Le  Clerc  seine  Arbeit  leiste,  „oü  est  son  mobile?"  Und  ihm, 
der  alles  Tun  der  Menschen  aus  umfassenden  philosophischen 
Trieben  ableiten  will,  erscheint  ein  solcher  unphilosophischer 
Gelehrter,  der  nur  Wissenskram  aufstapelt,  als  eine  lächerliche 
Figur15). 

Immerhin,  an  Le  Clerc,  mit  dem  er  sich  übrigens  später 
zu  gemeinsamer  literarischer  Arbeit  zusammenfand  l6),  vermag 
er,  als  dem  klassischen  Typus  des  Universitätslehrers  noch  etwas 
gutes  und  schönes  zu  entdecken.  Ihm  ist  es  doch  immerhin 
um  Wissenschaft  zu  tun,  „il  touche  ä  la  science,  il  est  science". 
Er  hat  es  mit  dem  Ideal  zu  tun.  Mit  Entsetzen  dagegen  muß 
er  erleben,  wie  dieser  Typus  zu  der  grotesken  Figur  des 
„pedant-professeur"  erniedrigt  wird,  wie  sie  in  unzähligen 
Exemplaren  an  den  Mittelschulen,  den  Collegien  und  Lyceen 
tätig   sind.     Mit  den  schärfsten  Strichen  des  Spottes  und  der 

13)  Nouveaux  cahiers  de  jeunesse  p.  82  f. 

u)  Ebda.  p.  20fi  f.  Nichts  anderes  sagt  später  H.  Hettuer,  wenn  er 
schreibt :  In  der  Lehrhaftigkeit  dieser  Ratschläge  üegt  der  Kern  des  Buches  ; 
es  ist  albern,  wenn  einige  französische  Beurteiler  von  dichterischem  Wert 
oder  gar  von  einer  Vergleichung  mit  Homer  und  Virgil  sprechen  (Geschichte 
der  französischen  Literatur  im  18.  Jhdt.  6.  verb.  Aufl.,  besorgt  von  H.  Morf, 
Berlin  1912,  p.  27). 

15)  Cahiers  de  jeunesse  p.  217. 

1,;    Tu  Bd.  25  und  26  der  „Ilistoire  litteraire  de  la  France". 


Ansichten  d.  jungen  Renan  üb.  frz.  Ldt.  u.  Literaturkritik.     443 

Satire  hat  Renan  solche  völlig  unwissenschaftlichen  Rhetoriker 
der  Routine,  des  Unvermögens  und  der  Eitelkeit,  wie  er  sie  am 
College  Henri  IY  kennen  lernte,  auf  den  verschwiegenen 
Blättern  seines  Tagebuches  portraitiert  l7). 

Die  Abneigung,  die  Renan  gegen  die  Rhetoriker  em- 
pfindet, bringt  er  in  fast  noch  gesteigertem  Maße  einer  an- 
deren Klasse  von  Schriftstellern,  die  sich  mit  Literatur  und 
Literaturgeschichte  beschäftigen,  entgegen.  Mißfällt  ihm  bei 
den  Rhetorikern  geist-  und  gedankenlose  Pedanterie,  so  er- 
eifert er  sich  nicht  minder  heftig  darüber,  daß  gewisse  moderne 
Schriftsteller  die  Literatur  und  Literaturkritik  von  der  leichten 
Seite  nehmen  und  nur  als  Gelegenheit  betrachten,  ihren  Geist 
glänzen  zu  lassen.  Auch  sie  arbeiten  nicht  aus  innerem  Ernst 
heraus,  sondern  aus  Eitelkeit,  Gefallsucht.  Modedienerei  und 
persönlichem  Interesse.  Er  entrüstet  sich  über  die  oberflächliche, 
spöttische  Art  „ce  petit  ton  narquois",  den  diese  Autoren  in 
ihrem  Haschen  nach  leicht  erlangter  und  ebenso  schnell  wieder 
verlorener  Berühmtheit  belieben  18).  Er  ist  geradezu  entsetzt 
über  die  geistreiche  Frivolität  dieser  Salonkritiker;  der  Ge- 
danke an  diese  Art  jagt  ihm  bittere  Schauer  durch  die  Brust, 
und  um  sich  von  dem  schlimmen  Eindruck  zu  erholen,  muß  er 
an    so    tiefernste    Geister    wie  Sokrates    und  Christus  denken. 

Typische  Vertreter  dieser  von  ihm  in  Grund  und  Boden 
verdammten  Literaturkritiker  sind  ihm  Männer  wie  Sninte- 
Beuve  und  Saint-Marc-Girardin. 

Renan  hat  die  „Portraits  litteraires''  von  Sainte-Beuve, 
die  1844  eischienen.  gut  gekannt,  an  einzelnen  Stellen  seines 
Tagebuches  äußert  er  sich  zustimmend  und  anerkennend  über 
Urteile  und  Ausführungen  des  berühmten  Kritikeis.  Er  mag 
sogar  zugeben,  daß  er  trotz  seiner  Oberflächlichkeit  —  denn 
oberflächlich  ist  auch  er  —  mit  seinem  Gegenstands  fühlt 
und  den  Leser  mitfühlen  läßt l9),  aber  im  ganzen  ist  er  doch 
nur  der  ausgezeichnete  Typus  jener  gesucht  feinen  und  ge- 
schickten Macher,  die  sich  beständig  im  Kreise  herumdrehen 
und  Gefallen  daran  finden,  den  Grund  ihres  Systems  vor  den 
Leuten  zu  verbergen,  so  daß  man  gezwungen  sei,  stets  tausender- 
lei Finessen  und  Hintergedanken  bei  ihm  anzunehmen  20).  Renan 
gibt  ausdrücklich  zu,  daß  er  seinen  Eindruck  von  Sainte-Beuve 
nur  schwer  in  Worte  fassen  könne.  Was  er  schreibt,  so  formu- 
liert er  schließlich  seine  Meinung,  sei  nicht  so  sehr  das  Er- 
gebnis seines  Gedankens,  sondern  fließe  aus  der  Phrase, 
sei  gesucht,  gekünstelt,  Spiel,  Stil.  Er  lasse  die  Phrase  stehen, 
auch  wenn  sie  nicht  mit  seinen  Überzeugungen  übereinstimme. 

17)  Cähiers  de  jeunesse  p.  237  ff. 

18)  Ebda.     p.  158  f. 

19)  Nouveaux  cahiers  de  jeunesse  p.  282. 
so)  Ebda.  p.  42. 


444  Walther  Küchler. 

I111  die  Eigenart  Saiote-Beuves,  wie  er  sie  treuen  möchte,  zu 
kennzeichnen,  prägt  er  ein  neues  Wort.  Er  nennt  ihn  „ce 
neotrope"  und  sagt  von  ihm:  „Cest  ä  ce  neotrope  qu'appartient 

le  tour  par  lequel  les  ecrivains  de  ce  genre  ne  sont  jamais  a 
pleio  d'une  conviction  :  ils  la  prennent  toujours  de  cöte  et  par 
forme,  com  ine  un  chien  un  tapis  qu'il  traine  ä  terre.  Scepti- 
cisme  au  fond  de  tout  cela"-'1).  (legen  den  Skeptizismus 
wehrte  sich  der  junge  Renan  mit  aller  Macht.  Dabei  hat  er, 
ganz  erfüllt  von  sittlichem  Ernst  und  unbedingter  Wahrheits- 
liebe, wie  er  war.  Sainte-Beuve  doch  wohl  etwas  zu  ungünstig 
beurteilt.  Wenn  er  z.  B.  einmal  ausführt,  nach  der  Lektüre 
des  Artikels  über  den  Dichter  Leonard  möchte  man  an 
nichts  mehr  glauben,  sondern  das  Leben  auf  mondäne  Art 
betrachten  und  ebenso  die  Literatur22),  so  sieht  man  nicht 
recht  ein,  wie  ihn  der  Text  Sainte-Beuves  an  dieser  Stelle  zu 
solcher  Stimmung  reizen  konnte.  Es  ist  wohl  so.  daß  ihn 
eine  geheime  Antipathie  gegen  Sainte-Beuve  einnahm.  Renan 
war  damals  sehr  bestimmt  in  Hingabe  und  Abweisung.  Er 
wollte  damals  nicht  mondän  sein,  er  wollte  nur  er  selbst  sein 
mit  seinem  leidenschaftlichen  Begehren  nach  moralischer  Ver- 
vollkommnung, und  er  sah  eben  in  Sainte-Beuve  den  von  der 
Gunst  des  Publikums  getragenen,  wortgewandten,  sich  in  seinem 
Kritikerberuf  überlegen   fühlenden  Modeschriftsteller. 

Wohl  mit  mehr  Berechtigung  mochte  er  sich  gegen  Saint- 
Marc-Girardin  wenden.  Renan  kannte  ihn  aus  Vorlesungen  über 
ältere  und  neuere  Literatur,  die  er  bei  ihm  in  der  Universität 
hörte.  Auch  sein  1843  erschienenes  Werk  „Cours  de  litterature 
dramatique"   war  ihm  bekannt23). 

Saint-Maro-Girardin  ist  eine  von  den  Persönlichkeiten,  die 
Renan  stark  beschäftigten,  gerade  weil  sie  ihm  eine  Lebens- 
anschauung verkörperten,  der  er  selbst  mit  Bewußtsein  wider- 
strebte.   Darum  reizten  sie  ihn  zu  beständiger  Kritik. 

Die  Bemerkungen  über  Saint-Marc-Girardin  in  seinen 
Tagebüchern  sind  teilweise  äußerst  scharf.  „Ce  diable  de 
spirituel.  je  ne  l'aime  pas.  II  rit.  il  veut  faire  le  fin:  ah!  la  sötte 
engeance  que  celle  de  ces  gens  ä  demi-mot.  qui  ne  prennent 
jamais  la  vie  ä  plein,  parcequ'ils  ne  sont  ni  assez  fort»  ni  assez 
vrais"'  -*).  Saint-Marc-Girardin  gehört  zu  den  Menschen,  welche 
die  Dinge  mit  einer  affektierten  Überlegenheit  betreiben,  die 
nicht  mit  ihrer  ganzen  Seele,  nicht  mit  voller  Hingabe  bei 
der  Sache  sind:  „Machine  ä  prendre  les  gens:  oh!  que  j'ai 
horreur  de  cette  maniere  de  prendre  les  choses:  vrai,  vrai, 
vrai!"   Er.  den  es  nach  Wahrheit  dürstet,  brandmarkt  ihr  Tun 

21)  Cahiers  de  jeuncsse  p.  389 f. 

22)  Ebda.  p.  1 58  f.  Vgl,  auch  Nouveattx  cahiers  de  jeunesse  p.  42. 
-3)  Ebda.  p.  112  t'..  3H1.  Nouveattx  cahiers  de  jeunesse  p.  47.  7H. 
-'»  Ebda.  p.  171. 


Ansichten  d.  jungen  Renan  üb.  frz.  Lit.u.  Literaturkritik.     445 

als  unwahr'-"').  Seine  Entrüstung  äußert  sich  gelegentlich  so 
stark,  daß  er  ganz  grob  wird:  „('et  imbecile  de  Saint- 
Marc-Girardin  .  .  .  est  bien  l'etre  le  plus  nauseabond  que  je 
connaisse"  iV). 

Saint-Marc-Girardin  war  ihm  zu  schillernd,  zu  flüchtig, 
zu  wenig  gewissenhaft.  Er  führt  einmal  ein  Wort  von  ihm 
aus  einer  Vorlesung  an  :  „Je  n'y  appuie  pas"  und  will  damit 
diese  über  die  Dinge  elegant  und  genügsam  hingleitende 
Art  seines  Leinens  tadeln  -'').  Er  rügt  gelegentlich,  daß  Saint- 
Marc-Girardin  in  der  Frage  der  Beurteilung  von  Klassizismus 
und  Romantik  sich  nicht  entschieden  auf  eine  Seite  stelle,  daß 
er  es  als  höchste  Finesse  halte,  über  den  Parteien  zu  stehen  und 
gar  zu  tun.  als  ob  sie  beide  Unrecht  hätten-8).  Eine  solche 
auf  die  Überlegenheit  des  scharfsinnigen  Kritikers  sich  hinaus- 
spielende Unentschiedenheit  erschien  Renan  damals  als  mora- 
lischer Fehler.  Wenn  Renan  schwankte,  so  geschah  es  aus 
Überzeugung,  aus  Gewissenhaftigkeit,  aus  Gründlichkeit:  er 
schwankte  zwischen  einzelnen  Entscheidungen,  unverrückt 
blieb  ihm  die  Sicherheit  des  eigenen  Gefühls,  unbedingt  hielt 
er  fest  an  dem  großen  Lebensprinzip,  das  ihn  leitete,  mit 
Beharrlichkeit  Geist  zu  suchen  und  Geist  zu  finden.  In 
seinem  Bestreben  nach  höchster  Moralität  war  er  ernst,  fast 
schwerfällig,  war  es  ihm  nur  um  Innerlichkeit  zu  tun  und 
schätzte  er  deswegen  die  äußerliche,  formale  Geschicklichkeit 
beim  Kritiker  so  c-erinir. 


In  seiner  Abneigung  gegen  Rhetorik  und  Rhetoriker, 
in  seinem  Verlangen,  den  inneren  Gehalt  eines  Kunstwerkes 
zu  erfassen  und  nach  dem  Zusammenhang  der  künstlerischen 
Schöpfung  mit  dem  allgemein  Menschlichen  und  der  Tiefe 
des  Menschlichen  seinen  Wert  zu  bestimmen,  befindet  sich 
Renan  in  völliger  Übereinstimmung  mit  der  deutschen  roman- 
tischen Literaturwissenschaft  und  Aesthetik. 

Bei  mehreren  Gelegenheiten  gibt  er  sich  als  ihren  über- 
zeugten Anhänger  zu  erkennen.  In  einer  Bemerkung  seines 
Tagebuches  feiert  er  Deutschland,  weil  es  durch  die  Begründung 
einer  neuen  Aesthetik  eine  neue  Epoche  in  der  literarischen 
Kritik  herbeigeführt  habe'-9!.  Ganz  im  Sinne  A.  W.  Schlegels 
faßt  er  die  Aesthetik  als  philosophische  Theorie  der  Künste 
im  Gegensatz  zur  bloß  technischen  Theorie,  die  nur  ein  System 
von  Regeln  ist.     Die  Reden  der   heimischen   Rhetoriker   und 


-5)  Nouveaux  cahiers  de  jeunesse  p.  111. 

26)  Cahiers  de  jeunesse  p.  310. 

27)  Nouveaux  cahiers  de  jeunesse  p.  18 f. 

28)  Ebda.  p.  80  f. 

29)  Cahiers  de  jeunesse  p.  224. 

•Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XLV  t  i.  31 


44H  Waliker  Küchler. 

Kritiker  über  Literatur  erschienen  ihm  als  „souverainement 
imphilosophiques  et  sans  verite  30). 

Schlegel  wendet  sich  gegen  die  Poetik,  welche  das  Kunst- 
werk nur  auf  Grund  der  nationalen  Schöpfungen  und  der  her- 
gebrachten Traditionen,  nur  nach  den  technischen  Vollkommen- 
heiten schätzt:  er  wendet  sich  gegen  den  Despotismus  des 
Geschmacks,  der  dem  Künstler  bestimmte  Gesetze  aufzwingt, 
gegen  die  Auffasung,  als  bestehe  die  Kritik  nur  in  dem  Scharf- 
sinn, welcher  die  Fehler  eines  Kunstwerkes  aufzudecken  weiß. 
Solch  enger  Auffassung  gegenüber  bringt  er  die  Poesie  mit 
der  gesamten  moralischen  Innerlichkeit  des  Menschen  zu- 
sammen und  untersucht  das  Kunstwerk  einzig  und  allein  auf 
seine  innerliche  Vortrefflichkeit.  Durch  die  Äußerlichkeiten 
der  jeweiligen,  wechselnden  Form  führt  er  sie  zurück  ,.auf 
die  Wurzel  unseres  Daseins".  „Ist  es  da  entsprungen,  so  hat 
es  auch  unbezweifelt  seinen  Wert31).  Nicht  Regelkenntnis 
verlangt  er  daher  vom  Kenner  und  Kritiker,  sondern  Univer- 
salität des  Geistes  und  jene  Biegsamkeit,  die  das  Schöne  und 
Große  des  menschlichen  Geistes  unter  den  äußerlichen  Zutaten 
zu  erkennen  vermag.  Er  verlangt  Empfänglichkeit  und  En- 
thusiasmus.   Der  wärmste  Kritiker  ist  ihm  auch  der  beste. 

Renans  Kritik  an  der  ihm  dargebotenen  Literaturkritik 
ist  völlig  von  diesen  Grundanschauungen  Schlegels  erfüllt.  Ob 
er  die  Vorlesungen  über  schöne  Kunst  und  Literatur  in  Händen 
gehabt  und  gelesen  hat;  mag  dahingestellt  bleiben.  Schlegels 
Gedanken  mögen  ihm  wohl  auch  durch  den  Umweg  über 
Frau  von  Staels  Buch  und  durch  zwei  von  ihm  gefeierte  Uni- 
versitätslehrer in  Paris  vertraut  geworden  sein. 

Durch  Fauriel  und  Ozanam  ist  Renans  Literaturauffassung 
entscheidend  beeinflußt  worden.  Unter  dem  Eindruck  ihrer 
Schriften  und  ihres  Unterrichts  setzt  er  der  ihm  zuerst  gelehrten, 
schulmäßig-rhetorischen  Literaturbetrachtung  die  Literatur- 
wissenschaft gegenüber,  die  sowohl  historisch  wie  vergleichend 
vorgeht,  nicht  immer  nur  die  klassischen  Epochen  der  Lite- 
ratur behandelt,  sondern  ihr  Interesse  ganz  besonders  auch 
den  literarischen  Anfängen  zuwendet;  d.  h.  die  Literatur- 
wissenschaft, wie  sie  in  Frankreich  unter  deutschem  Einfluß32) 
Fauriel  eingeführt  und  Ozanam  als  dessen  Erbe  fortgesetzt  hat. 

Gegenüber  Le  Clerc,  Sainte-Beuve,  Saint-Marc-Girardin 
u.  a.  bekennt  sich  Renan  als  begeisterten  Schüler  dieser  beiden 
Persönlichkeiten. 

30)  Nouveau.x  cahiers  de  jeunesse  p.  291  f. 

31)  A.  W.  Schlegel.  Vorlesungen  über  schöne  Litferatur  und  Kunst 
iu  Deutsche  Literaturdenkmale  des  IS.  u.  19.  Jhs.  in  Neudrucke)-.  h'Tausg. 
von  B.  Seuffert,     Bd.  17.  p.  29. 

32)  Fauriel  hatte  im  Salon  der  Frau  von  Stael  die  Brüder  Schlegel  und 
Humboldt  und  mit  ihnen  die  deutsche  Wissenschaft  in  einigen  ihrer  kühn- 
sten und  edelsten  Vertreter  kennen  gelen  t. 


Ansichten  d.  jungen  Renan  üb.  frz.  Lit.  u.  Literaturkritik.     447 

Fauriel  erhielt  im  Jahre  1831  den  an  der  Faculte  des 
Lettres  in  Paris  neugeschaffenen  Lehrstuhl  für  fremde  Lite- 
raturen. In  seinen  Schriften  und  ganz  besonders  in  seiner 
mit  größtem  Eifer  betriebenenLehrtätigkeit  hat  er  einen  äußerst 
fruchtbaren  Einfluß  auf  seine  Zuhörer  ausgeübt.  Ozanam  stellt 
in  einem  für  die  Geschichte  der  Literaturwissenschaft  in 
Frankreich  wichtigen  Aufsatz  fest,  daß  die  Vorlesungen  Fau- 
riels  den  literaturgeschichtlichen  Betrieb  auf  einen  völlig  neuen 
Boden  stellten33).  Mag  auch  Fauriels  Lieblingsgedanke,  die 
Annahme  einer  reichen  altprovenzalischen  Epik,  der  dann  die 
epische  Literatur  der  Folgezeit  zu  verdanken  sei,  sich  als 
Irrtum  herausgestellt  haben,  so  bleibt  doch  der  Geist  seines 
Unterrichts  von  diesem  Trrtum  unberührt.  Es  bleibt  ihm  das 
Verdienst,  den  französischen  Hochschulunterricht  in  der  Lite- 
ratur wissenschaftlich  gestaltet  zu  haben. 

Renan  hat  von  Fauriel  persönlich  keine  Anregungen 
mehr  erhalten  können.  Als  er  die  Universität  bezog,  war 
Fauriel  kurz  vorher,  im  Jahre  1844,  gestorben.  Fauriels  An- 
schauungen wurden  ihm  durch  Gerusez  und  Ozanam  in  ihren 
Vorlesungen  und  auch  durch  den  erwähnten  Aufsatz  Ozanams 
über  den  verstorbenen  Gelehrten  vermittelt. 

Renan  fühlte  sich  ganz  besonders  stark  zu  Ozanam.  bei 
dem  er  u.  a.  über  germanische  Altertümer  und  Literatur,  so- 
wie über  Dante  hörte,  hingezogen.  Was  die  Persönlichkeit 
dieses  Forschers  und  Lehrers  so  anziehend  für  ihn  machte, 
war  sicherlich  in  erster  Linie  der  hohe,  wissenschaftliche  Ernst, 
der  Ozanatn  auszeichnete,  die  selbstlose  Hingabe  an  die  ge- 
lehrte Forschung  und  der  begeisternde  Idealismus,  von  dem 
seine  Universitätstätigkeit  getragen  war.  Aus  der  Lektüre 
seiner  Werke,  die  zum  großen  Teil  aus  seinen  Vorlesungen 
hervorgegangen  sind,  kann  man  leicht  das  Bild  dieses  be- 
deutenden Universitätslehrers  gewinnen  und  verstehen,  daß 
der  von  echtem,  wissenschaftlichen  Verlangen,  von  moral- 
philosophischen Trieben  und  stürmischen  Zukunftshoffnungen 
beseelte  junge  Renan  von  ihm  fortgerissen  wurde.  Nur  in 
einer  Beziehung  verhält  er  sich  etwas  zurückhaltend.  Der 
orthodoxe  Standpunkt  Ozanams  verhindert  ihn,  sieh  ihm  ganz 
uneingeschränkt  hinzugeben:  „Mon  Dieu !  que  j'aimerais  cet 
Ozanam  s'il  n'etait  pas  si  orthodoxe  et  s'il  ne  faisait  pas 
cause  commune  avec  toute  la  coterie  de  l'Universite  et  s'il 
n'en  prenait  le  tona:u).  Aber  diese  Betrübnis  verhindert 
nicht,  daß  er  sogleich  darnach  voller  Dankbarkeit  bekennt: 
„Je  ne  sors  jamais  de  sa  lecon  sans  etre  plus  fort,  plus  haut, 
plus    deeide  au    grand.    plus  courageux    et    plus    allegre  ä  la 

33)  (Euvres  completes,  Baud  VIII  p.  95 ff.  Vgl.  auch  die  Vorrede  zu 
Fauriels  „Histoire  de  la  poesie  provencale"  von  Jnles  Mohl,  Paris  184H. 

34)  Cahiers  de  jeunesse  p.  256  f. 

31* 


148  Walther  Küchler, 

conquete  de  la  vie  et  de  l'avenir.  Ah!  que  je  suis  heureux 
alors!"  Ein  solcher  Lehrer  möchte  er  auch  werden:  ,,Je  nie 
\<>is  professeur  de  litteratures  orientales  ä  la  Faculte  des 
Lettres. 

Ganz  besonders  gefiel  ihm  an  Ozanam,  daß  er  es  verstand, 
die  gelehrte  Erklärung  der  Schriftsteller  mit  der  ästhetischen 
zu  vereinigen85).  Ozanam  fühlt  das  Poetische36),  rühmt  er 
einmal.  Das  Poetische  brannte,  trotz  aller  philologischen, 
philosophischen,  theologischen  Studien  wie  ein  geheimes  Feuer 
in  Renans  Brust  und  verschmolz  mit  seinen  vagen  Träumen 
und  seiner  Sehnsucht  nach  dem  Geistigen  und  Vollkommenen. 
..  M.  Ozanam  a  justement  touche  ma  corde"  schreibt  er  in  Ge- 
danken an  eine.  ,.unvergleichlichea  Torlesung,  die  er  über  ,,jene 
entzückende,  so  reine,  vage,  weiße  isländische  Poesie  ge- 
halten habe'1"  . 

Es  war  nicht  nur  der  Sinn  Ozanams  für  die  Poesie  der 
alten  Dichtungen,  der  Renan  fesselte,  er  fühlte  überhaupt 
eine  Art  innerer  Verwandtschaft  zwischen  sich  und  dem  ver- 
ehrten Lehrer.  Renan  war  philosophisch  veranlagt,  aber  die 
Schulphilosophie  stieß  ihn  ab.  Es  war  ihm  um  eine  philosophische 
Durchdringung  der  Probleme  des  Lebens  zu  tun.  Die  Ge- 
schichte des  menschlichen  Geistes  philosophisch  zu  begreifen, 
schwebte  ihm  als  Ziel  vor.  ,,Meine  Philosophie  ist  ungefähr 
das.  was  andere  Literatur  nennen,1'  sagte  er.  Die  gleiche  Auf- 
fassung fand  er  bei  Ozanam.  ,:Der  Cyklus  von  Gedanken,  die 
<  )zanam  behandelt,  entspricht  viel  mehr  meinem  Typus  als 
das.  was  man  gewöhnlich  Philosophie  nennt."  Ozanam  steht 
für  ihn  der  Philosophie  näher  als  der  offizielle  Philosophie- 
professor Garnier.  Seine  Art  ist  zugleich  universeller  und 
dem  Leben  näher  38). 

Auf  Grund  seiner  eigenen  Studien  über  die  hebräische 
Poesie,  unter  dem  Einfluß  Herders  vor  allen  Dingen,  hatte 
sich  Renan  schon  Gedanken  über  die  Bedeutung  der  Volks- 
poesie, der  primitiven  Dichtung,  für  die  Erkenntnis  der  Anfänge 
menschlicher  Kultur  gemacht.  Durch  Ozanam  werden  ihm 
nun  in  verstärktem  Maße  die  Lehren  vermittelt,  die  Fauriel 
im  Anschluß  an  die  deutschen  romantischen  Epentheorien  der 
Wolf.  Gebr.  Grimm,  Uhland  vorgetragen  hatte39). 

Die  Ausführungen  Fauriels  über  die  epischen  Überliefe- 
rungen des  Mittelalters  sind  durchzogen  von  der  Unterscheidung 
des  primitiven  und  des  kunstmäßigen  Epos.  Die  primitiven 
Epen  sind  Bearbeitungen  und  Verschmelzungen  älteren  epischen 


35)  Cahiers  de  jeunesxe  p.  283  f. 

36)  Ebda.  p.  235. 

37)  Ebda.  p.  170. 

38)  Ebda.  p.  178  f. 

39)  Ebda.  p.  133. 


Ansichten  d.  jungen  Renan  üb.  frz.  Li  f.  u.  Liter  aturkritik.     44y 

Materials,  von  Gesängen,  die  meist  in  der  Form  einfacher 
Volkslieder  jahrhundertelang  in  der  mündlichen  Iberlieferung 
gelebt  haben.  Diese  ursprünglichen  Gesänge  sind  im  Grunde 
das  Kostbarste  an  den  fertigen  großen  Epen.  Sie  sind  die 
einzigen  Denkmäler  der  barbarischen  Zeiten,  denen  sie  an- 
gehören und  stellen  getreu  deren  Kultur  dar;  daher  kommt 
das  philosophische  oder  historische  Interesse,  das  ihnen  an- 
haftet40). Die  Offenbarung  der  Volksseele  sucht  Fauriel  mit 
seinen  deutschen  Vorgängern.  Geschichtlich-philosophisch  ist 
ihr  Problem,  nicht  eigentlich  ästhetischer  Air.  Sie  wollen  in 
den  primitiven  Epen  nichts  von  Kunst  sehen,  diese  sind  „pour 
ainsi  dire,  l'expression  directe  et  obligee  de  la  nature".  wie 
Fauriel  einmal  sagt.  Allerdings,  da  sie  ja  Bearbeitungen  sind 
und  Menschengeist  also  bewußt  bei  ihrer  Gestaltung  tätig 
war.  so  kann  auch  Fauriel  nicht  leugnen,  daß  irgend  ein  Maß 
von  Kunst  bei  ihnen  aufgewendet  worden  sei.  So  gibt  er  z.  B. 
zu.  daß  die  Verfassung  der  primitiven  Epen  abhängig  sei 
von  dem  mehr  oder  minder  künstlerischen  Geist  der  Völker, 
denen  diese  Epen  angehören,  aber  die  Bewährung  dieses  Geistes 
erblickt  er  doch  nur  in  der  größeren  oder  geringeren  Ab- 
rundung.  in  der  Klarheit,  in  der  Geschicklichkeit,  mit  der  die 
verschiedenen,  epischen  Materialien  zu  Epen  zusammenge- 
arbeitet worden  sind.  Auch  die  Überlegenheit  der  Griechen, 
wie  sie  in  der  Tlias  und  der  Odyssee  zutage  tritt,  ist  im  letzten 
Grunde  nur  in  der  Festigkeit  der  Verknüpfung  der  Teile  zum 
Ganzen  zu  erblicken. 

Die  romantischen  Epenforscher  sind  sehr  mißtrauisch  gegen- 
über der  Kunst.  Kunst  hat  bei  ihnen  ohne  weiteres  den  Beige- 
schmack des  Künstlichen.  Willkürlichen.  Individuellen.  Mit 
solcher  ausgeklügelten  Kunst  haben  weder  die  alten  epischen  Ge- 
sänge noch  die  aus  ihnen  entstandenen  Epen  zu  tun.  Sie  stehen 
vor  den  Konventionen  und  Regeln  der  Kunst  und  sind  daher 
in  jeder  Beziehung  den  raffinierteren  und  künstlicheren  Schöp- 
fungen überlegen,  den  „epopees  cultivees".  zu  denen  z.  B.  im 
Gegensatz  zur  Ilias  die  Eneide  Virgils  und  die  späteren  Ritter- 
dichtungen des  Mittelalters  gehören. 

Voller  Begeisterung  lebte  sich  Renan  in  diese  romantische 
Epenauffassung  hinein.  Durch  eine  Bemerkung  von  Gerusez 
in  einer  Vorlesung  über  das  Rolandslied  angeregt,  schreibt 
er  in  sein  Tagebuch:  Es  gibt  zwei  Arten  von  Literatur.  Die 
eine,  schön,  spontan,  naiver  Ausdruck  des  Poetischen  in  der 
Menschheit,  die  nichts  anderes  ausdrücken  will  als  das  Ideal, 
von  dem  sie  erfüllt  ist.  „exhalation  de  l'humanite";  Homer, 
die  biblischen  Gesänge,  Hiob.  die  ritterliche  Dichtung.  Die 
andere,  reflexiv,  berechnend,  nach  dem  Effekt  strebend,  die 
das  Schöne  bewußt  will,  sich  fühlt,  sich  studiert,  eine  wesent- 

40)  Z.  B.  in  „Histoire  de  In  poesie  proven^ale"  t.  II  p.  235. 


460  Walther  Küchler. 

lieh  kritische  Literatur,  die  immer  kritischer  wird,  bis  sie 
sich  schließlich  ganz  in   Kritik   auflöst41). 

Ausatmung  des  allgemein  Menschlichen  in  den  Atem- 
zügen einer  besonderen  Nation,  so  —  ohne  daß  er  gerade 
diese  Formel  wörtlich  geprägt  hätte  könnte  man  Renans 
auf  die  Spitze  getriebene  Auffassung  von  der  Entstehung  der 
Epen  formulieren.  Auch  ihm  ist  die  Hauptsache  die  Legende, 
die  um  eine  Einheit  herum  sich  gestaltet,  indem  sie  beständig 
durch  Kaum  und  Zeit  wandert  und  sich  verändert.  In  den 
verschiedenen  Formen  lebt  das  Epos  bereits,  ist  es  vorhanden, 
ehe  es  verfaßt  wird.  Verfaßt  wird  es.  indem  irgend  einmal 
ein  Mensch  kommt,  der  die  zerstreuten  Glieder  sammelt. 
nach  seiner  Auffassung  ordnet  und  SO  den  Körper  gestaltet. 
Dieser  Mensch  ist  der  Dichter,  der  die  Arbeit  des  Volkes  an 
der  Legende  zum  äußeren  Abschluß  bringt.  „Le  peuple  fait 
ses  memhres.  le  poete  la  met  en  corps,"  so  teilen  sich  Volk 
und  Dichter  in  die  Arbeit4'2).  Der  eigentlich  Schaffende  ist  das 
Volk,  die  Nation.  Die  Rolle  des  Dichters  ist  nur  die  des 
„poete  collecteur".  Er  ist  im  Grunde  ziemlich  bedeutungslos. 
In  dieser  Art  Literatur  bedeutet  der  einzelne  Mensch  wenig, 
die  Menschheit  alles.  Der  Dichter-Sammler  verschwindet  hinter 
seinem  Werk.  Darum  ist  die  Anonymität  des  Dichters  nichts 
auffälliges.  Die  Gelehrten  mögen  zwar  bedauern,  daß  man 
ihre  Namen  und  Lebensumstände  nicht  kenne,  aber  ihn,  Renan, 
würde  es  ärgern,  wenn  man  mit  aller  Bestimmtheit  sagen 
könnte:  „Turoldus  composa  teile  annee  im  poeme  de  quatre 
mille  vers."  Denn  der  wirkliche  Autor  ist  nicht  Turoldus. 
sondern  die  Volksseele,  der  Volkscharakter.  Der  Dichter  ist 
für  den  jungen  Renan  nur  das  harmonische  Echo,  oder  weniger 
poetisch  ausgedrückt,  nur  der  Schreiber,  der  unter  dem  Dik- 
tat des  Volkes  schreibt,  das  ihm  von  seinen  schönen  Träumen 
erzählt*5). 

Jener  romantischen  Lehre  von  der  Geburt  der  Epen  aus 
der  Volksseele  und  von  der  geringen  Bedeutung  des  epischen 
Dichters  gab  sich  Renan  um  so  williger  hin.  da  sie  sich  in 
enger  Übereinstimmung  befanden  mit  philosophischen  An- 
schauungen, die  ihm  aus  der  Lektüre  Herders  und  besonders 
der  zeitgenössischen  Philosophen  Comte  und  Pierre  Leroux 
geläufig  waren.  Renan  lebte  sich  völlig  hinein  in  die  Auf- 
fassung, dal.'»  der  Mensch  nur  im  Zusammenhang  mit  der 
Menschheit  zu  denken  sei,  daß  es  nicht  eine  große  Menge 
einzelner,  menschlicher  Individuen,  sondern  in  Wirklichkeit 
nur  das  eine  allumfassende  Kollektivwesen  „L'Humanite" 
gebe;    .  .  Le    grand   Etre".  wie  Comte  es  nennt,    in    dem    alle 

41)  Cahiera  de  jeunesse  p.  117  t. 
«)  Ebda.  p.  121. 
<3)  Ebda.  p.  123  f. 


Ansichten  d.  jungen  Renan  üb.  frz.  Li  f.  x.  Literaturkritik.     451 

einzelnen  Lebewesen  bis  zur  Aufgabe  ihrer  eigenen  Persönlich- 
keit aufgellen.  Er  spricht  nur  Grundgedanken  von  Leroux 
und  Comte  aus.  wenn  er  in  sein  Tagebuch  schreibt:  „Celui 
qui  ä  la  vue  du  renouvellement  de  L'humanite,  de  la  vie,  de 
la  mort,  etc..  ne  sentirait  pas  que  l'individu  n'est  rien  et  que 
le  grand  but  est  dana  l'humanite  permanente,  la  grande  sub- 
stance  collective,  sc  faisant  sous  tout  cela,  celui-lä  na  pas 
la  vue  penetrante  des  choses*4)".  Die  Zeit  des  Individualismus 
ist  abgelaufen.  In  einer  aus  Trauer  und  Mitleid  gemischten 
Stimmung  betrachtet  er  das  klägliche  Schauspiel  der  in  dem 
großen  Ganzen  für  ihren  eigenen  Ruhm,  ihren  Vorteil,  für  ihre 
kleine  persönliche  Sache  kämpfenden  Individuen:  „Adieu  la 
gloire  individuelle!  Pitie  de  voir  ces  pauvres  individus  lut- 
tant  dans  ce  grand  tohu-bohu  ...  Le  tout  commence  ä 
exister;  adieu  les  pauvres  petits  membres45)." 

In  einer  Aufzeichnung  des  Tagebuches  schreibt  er  einmal 
nieder,  wie  er  sich  die  Disposition  einer  akademischen  Lob- 
rede denke.  Zuerst  sei  zu  untersuchen,  was  in  einer  Persönlich- 
keit an  LTniversalem  und  Wahrem  stecke,  sodann,  was  sie  von 
ihrer  Zeit  habe.  Wert  hat  nur  das  Universale.  Das  Zeit- 
gemäße ist  in  den  Augen  des  jungen  Renan  nur  wertlose 
Schlacke.  Neben  dem  Universalen  und  Zeitgemäßen  erwähnt 
er  das  Individuelle  überhaupt  nicht.  So  gering  schätzt  er  es 
ein  im  Verhältnis  zu  den  allgemein  menschlichen  Kräften 
und  Werten  46). 

Aus  dieser  Auffassung  heraus  ist  in  Renan  das  Verlangen 
mächtig  geworden,  die  Anfänge  des  geistigen  Lebens  der 
Menschheil  zu  erforschen.  In  seinen  Tagebuchaufzeichnungen 
aus  den  Jahren  1845  und  1846  finden  sich  eine  Reihe  von 
Bemerkungen,  die  sich  mit  dem  primitiven  Seelenzustande 
des  Menschen  beschäftigen,  kurze  Reflexionen  über  die  Ver- 
änderung und  Entwicklung  menschlicher  Gefühle,  Bemerkungen 
über  Gründung  von  Familie,  Gesellschaft  und  Nation  47);  über 
verschiedene  Religionsauffassungen48);  über  den  Unterschied 
der  primitiven  Poesie  bei  den  indogermanischen  und  semi- 
tischen Völkern  *9) ;  über  den  religiösen  Charakter  der  Literatur 
der  primitiven  Völker5");  über  die  Wertschätzung  des  Lebens 
im  Kindheitszeitalter  der  Völker  und  später:  über  das  Persön- 
lichkeitsgefühl der  Wilden  51)  und  andere  Gegenstände  mehr. 
Er  sieht,  daß  über  diese  Fragen   noch  eine  neue  Wissenschaft 

**)  Nouveanx  cahiers  de  jeunesse  p.  181. 

**)  Ebda.  p.  201.  Vgl.  auch  p.  94/  5.   Ebenso  Cahiers  de  jeunesse  p.  4L 

^6)  Ebda.  p.  213/4. " 

47)  Cahiers  de  jeunesse  p.  55/56. 

«)  Ebda.  p.  K9/70:  72. 

«)  Ebda.  p.  151. 

50)  Nnuveaux  cahiers  de  jeunesse  p.  265. 

■«)  Ebda.  p.  196. 


452  \V,,lt Im-    l<üchhr. 

zu  begründen  ist:  die  Wissenschaft  der  Völkerpsychologie ;  le 
probleme  de  l'origine  de  l'homme  '-).  Es  ist  ein  brennendes 
Verlangen  in  ihm.  in  diesen  Dingen  klarer  zu  sehen  und  sein« 
Ansichten  über  sie  ausdrücken  zu  können.  „O  qui  mihi  det. 
ut  dicam  quod  de  nostra  origine  sentio",  ruft  er  einmal  aus"). 
Er  fühlt  sich  ganz  angefüllt  mit  Gedanken  über  diese  Probleme 
und  leidet,  wenn  ein  anderer  Meinungen  über  sie  äußert,  die 
er  sich  selbst  gebildet  hat54).  , 

Es  ist  erklärlich,  wenn  er  im  Bann  dieses  Menschheits- 
gedankens findet,  daß  die  Literaturgeschichte  allzu  sehr  Be- 
handlung der  einzelnen  Autoren  sei;  wenn  er  meint,  daß  auf 
diese  Weise  die  eigentliche  Geschichte,  die  Übergänge  und 
die  Schattierungen  nicht  genügend  begriffen  winden.  Er  ver- 
langt demnach,  daß  die  Geschichte  sich  nicht  auflöse  in  zu- 
sammenhanglose Einzelportraits,  sondern  daß  sie  ein  Bild 
von  mehreren  Szenen,  zusammenfassende  Gruppendarstellung 
in  Handlung  und  Bewegung  gebe55).  Oder,  in  ähnlichem  Sinne 
legt  er  sich  einmal  den  Plan  zu  der  Geschichte  der  Literatur 
eines  Volkes  zurecht  und  nimmt  sich  vor,  zu  diesem  Zwecke  das 
gesamte  Lebenssystem  dieses  Volkes  in  allen  seinen  Äußerungen 
zu  studieren,  in  Religion.  Recht,  Aberglauben.  Kultur,  seiner 
moralischen  Areranlagung,  seinen  Leidenschaften:  und  im  Zu- 
sammenhang mit  dieser  zergliederten  und  klar  erkannten 
Einheit  des  Volksbewußtseins  die  einzelnen  Züge  der  Lite- 
ratur zu  betrachten  *6). 

Es  kann  nicht  Wunder  nehmen,  daß  Renans  ganze  Liebe 
der  ursprünglichen  Volksdichtung  gilt.  Nur  sie,  nur  die  Kollektiv- 
dichtung,  in  der  die  Menschheit  in  der  Sprache  einer  Nation 
den  wahren  Ausdruck  ihres  Wesens  gibt,  erscheint  ihm  schön 
und  erhaben.  Das  nationale  Epos  ist  ihm  etwas  Heiliges. 
Heilig  wie  die  Religion  der  Vorfahren.  Er  feiert  es  wie  eine 
Art  Kapital,  das  bis  in  die  fernsten  Zeiten  hin  Mut  und  Tugend 
der  Nation  entflammt. 

In  seinem  Enthusiasmus  für  die  erhabene,  heilige,  nationale 
Volksdichtung  schaut  er  —  auch  hier  in  Übereinstimmung 
mit  A.  W.  Schlegel  —  geringschätzig  auf  die  französische 
Literatur  herab,  wie  sie  sich  seit  der  Renaissance  entwickelt 
hat.  Er  bedauert,  daß  sie,  indem  sie  sich  zwar  verfeinerte, 
die  Tradition  aufgegeben  hat.  Wenn  ein  Dichter  zur  Zeit 
Ludwigs  XIV.  es  gewagt  hätte,  die  alten  nationalen  Gedichte 
zu  erneuern,  so  hätte  ihn  sogleich  eine  Satire  Boileaus  zurecht- 
gewiesen. 

Cahiers  de  jeunesse  p.  36/7. 
68)  Ebda.  p.  31. 
**)  Ebda.  p.  119. 
•r>5)  Ebda.  p.  234. 
•r'e)  Xouveaux  cahiers  de  jeunesse  p.  17. 


Ansichten  d.  jungen  Renan  i'l>.  frz.  Lit.  u.  Literaturkritik.     453 

Di>'  moderne  Literatur  steht  tief  unter  der  alten.  Das 
klassische  Zeitalter  hat  nur  eine  Seite  des  Menschlichen  in 
schönem  Licht«'  gezeigt5'),  seine  Literatur  isr  eine  Angelegen- 
heit des  Sahms.  der  Coterie,  der  Akademie,  „eile  rit,  plaisante, 
aiaise,  fait  des  phrases1'.  Das  Spontane  mangelt  ihr,  das  Heilige. 
Alles  ist  Stuckwerk,  individuelle  Arbeit:  man  reflektiert,  ,,on 
se  bat  les  flaues-.  Boileau  versetzt  sich  in  Begeisterung, 
um  eine  Ode  über  die  Einnahme  von  Xamur  zu  verfassen. 
Ebenso  machen  es  Voltaire.  Fontenelle  u.  a.  h$)  Vergleicht 
man  ein  Werk  Fontenelles  etwa  mit  einem  alten  nationalen 
Epos,  so  erkennt  man  den  gewaltigen  Unterschied.  ..Diu; 
eöte,  un  homine  fait  tout :  de  l'autre.  une  nation  fait  tout"  ~'9). 
Seine  ganze  Mißachtung  dieser  reflexiven,  individuellen  Lite- 
ratur tritt  zu  Tage  in  der  Frage:  „Mais  la  coneeption  haute 
des  choses.  Homere  et  la  Bible.  Harn  an  et  Goethe,  Herder 
et  Roland,  le  vrai,  le  haut,  le  beau  oü  Ton  ne  pense  pas  au 
ridicule.  oü  sont-ils?  .  .  .  et  le  Dieu  oü  est-il?6(r). 

Die  ältesten  Aufzeichnungen  Renans  über  den  französischen 
Klassizismus  und  französische  Klassiker  finden  sich  in  den  Be- 
merkungen, die  er  noch  in  Saint-Sulpice  in  ein  Exemplar 
der  Werke  Corneilles  und  Racines  geschrieben  hat61)-  Schon 
hier  überwiegt  die  Kritik  die  Begeisterung.  Wirkliche  Be- 
wunderung zollt  er  eigentlich  nur  einzelnen  Szenen  Corneilles. 
Er  findet  im  Cid  die  Ohrfeigenszene  schön  und  originell,  weil 
sie  in  höherem  Sinne  primitiv  ist.  „representant  une  epoque, 
une  face,  un  Systeme  de  vie  dans  l'humanite".  Dagegen 
tadelt  er  die  künstliche  Rhetorik  Corneilles.  die  gelegentlich 
auftrete  und  den  denkbar  schlechtesten  Eindruck  mache. 
Dann  wieder  unterstreicht  er  den  Unwillen,  den  Corneille 
im  Examen  du  Cid  über  die  Unbequemlichkeit  der  Regeln 
äußert:  „Des  regles  qui  ne  servent  qu'ä  incommoder  et  ä 
gener:  quel  monstre  en  litterature!  Er  übt  Kritik  an  einem 
Jugendgedicht  Racines  und  an  Britannicus  und  empört  sich 
mit  ganz  besonderer  Schärfe  gegen  die  pseudoklassische  Auf- 
fassung, daß  die  Poesie  keinen  andern  Zweck  habe  als  an- 
genehm zu  unterhalten:  „!!!  Horreur!  II  ne  faudrait  pas  alors 
y  donner  un  quart  d'heure.  Jusqu'ä  quand  donc  repetera-t- 
on  ces  degradantes  et  seniles  sottises".  Er  leitet  diese 
niedrige  Auffassung  der  Literatur  von  einer  Weltanschauung 
ab,  die  ihm  selbst  fremd  ist:  „Voilä  bien  ce  pale  classicisme, 
concernant  la  vie  corame  une  route  seche  et  monotone,  sur 
laquelle  de  temps  en  temps  on  s'amuse  froidement  avec  l'ideal, 

57)  Cahiers  de  jeunesse  p.  IHM  70. 

M)  Ebda.  p.  12ö.  Vgl.  auch  Nouveaux  cahiers  de  jeunesse  p.  55:  auch 
p.  152f. 

59)  Ebda.  p.  133. 

«o)  Ehäa.  p.  125.     Vol.  auch  p.  228. 

61)  Vgl.  dfv.  ''ben  angeführten  Artikel  von  .T.  Wogue. 


454  WciUher  Küchln-. 

et  cela  encore  en  se  coupant  bien  soigneueement  lee  ailes. 
Pour  nous  c'est  une  voie  lactee,  Manche,  Celeste  et  lumineuse 
sur  un  fond  bleu  parseme  d'etoilesu. 

Diese  dem  Klassizismus  feindliche  Auffassung,  die  sich 
Reuan  frühzeitig  in  Saint-Sulpice  selbständig  erworben  hat, 
und  die  mit  der  Eigenart  seiner  allem  Zwang  abholden,  für 
die  Freiheit  und  Schrankenlosigkeit  empfänglichen  jugendlichen 
Natur  aufs  innigste  zusammenhängt,  hat  er  sich,  wie  aus  zahl- 
reichen Einträgen  in  seine  Tagebücher  hervorgeht9'),  in  seinen 
Seminarjahren  und  darüber  hinaus  bewahrt.  Dabei  hat  er, 
wie  es  seine  Gewohnheit  war.  sich  nicht  mit  den  absprechenden 
Urteilen  begnügt,  sondern  hat  versucht,  doch  auch  der  Eigen- 
art des  Klassizismus  gerecht  zu  werden.  Man  kann  aus  seinen 
Ta£ebuchaufzeichnun"ren  erkennen,  wie  er  mit  seinen  Ge- 
danken  und  Empfindungen  ringt,  wie  er  sich  gelegentlich 
selbst  darüber  klar  wird«  daß  er  nicht  ganz  klar  sieht.  So 
setzt  er  sich  einmal  auseinander,  daß  Boileau  in  seiner  Art 
vollkommen  ist,  „classiquement  c  est  admirable".  aber  seine 
Kunst  ist  eben  doch  nur  eine  Kunst  des  angenehmen  Unter- 
haltene und  „une  affaire  de  procedes  et  de  machines".  Sie 
enthalte  zwar  geistreiche  Gedanken  in  geistreicher  Form,  lasse 
aber  als  Dichtung  und  als  Gedanke  kalt.  Am  Schlüsse  der 
Betrachtung,  in  der  er  dann  noch  die  dichterische  Art  Lamar- 
tines  der  gedanklichen  Boileaus  entgegengestellt  und  die  Über- 
legenheit Lamartines  betont  hat,  gesteht  er:  „Je  ne  suis 
pas  encore  ä  meme  de  bien  definir  ma  pensee.  Elle  n'a  pas 
l'acumen  necessaire;  je  la  vois  se  dessiner  comme  une  pointe 
de  poignard  sous  un  voile,  une  statue  sous  un  voile"  fiV). 

Ebenso  beklagt  er  auf  der  einen  Seite  das  Abreißen  der 
Tradition  und  sieht,  daß  durch  das  Verschmähen  des  Volks- 
tümlichen eine  Kluft  zwischen  dem  volkstümlichen  Geschmack 
und  dem  gelehrten  der  Gebildeten  entstanden  ist64).  Auf  der 
anderen  Seite  vermag  er  dann  die  Berührung  Frankreichs 
mit  der  Antike  als  eine  geradezu  gesetzmäßige  Notwendigkeit 
für  die  Herbeiführung  des  großen  Zeitalters  anzusehen  ö5). 
Er  bedauert,  daß  die  alten  heroischen  Legenden  schließlich 
der  Domäne  des  Vulgären  verfallen,  trivialisiert  werden  und 
in  die  „bibliotheque  bleue"  geraten  sind,  während  die  großen 
Geister  ihre  Inspiration  in  der  heidnischen  Mythologie  ge- 
sucht hätten,  und  erklärt  dann  diese  Entwicklung  zwar  als 
bedauerlich,  aber  doch  als  notwendig66).  Ja,  er  warnt  sich 
und  andere  gelegentlich  davor,  sich  allzu  sicher  und  naiv  der 
Abneigung    gegen    das    Jahrhundert  Ludwigs  XIV.    und    der 

62)  Z.  B.  Nouveaux  cahiers  de.  jeunesse  p.  46  f. ;  109  f. 

63 )  Cahiers  de  jeunesse  p.  263 f.     Vgl.  auch  p.  278. 

64)  Nouveaux  cahiers  de  jeunesse  p.  152  f. 
ö6)  Cahiers  de  jeunesse  p.  37H. 

«•)  Ebda.  p.  139  f. 


Ansichten  d.  jungen  Renan  üb.  frz.  Lit.  u.  Literaturkritik.     455 

Vorliebe  für  das  Mittelalter  hinzugeben67).  Oder  wenn  er 
an  anderer  Stelle  den  Unterschied  der  modernen  Zeit  zu  der 
Ludwigs  XIV.  in  dem  Unterschiede  des  Freiheitsbegriffes  gegen- 
über der  Beschränkung  erkennt,  so  läßt  er  doch  sogleich 
die  Möglichkeit  der  Übertreibung  in  beiden  Richtungen 
offen  68). 

Doch  solche  Versuche,  dem  Klassizismus  gerecht  zu  werden, 
vermochten  nicht  die  Grundstimmung,  die  er  ihm  gegenüber 
empfand,  zu  ändern.  Es  war  und  blieb  nun  einmal  Renatis 
Bestimmung,  das  Menschliche  in  all  seinen  Äußerungen  und 
Formen  zu  suchen  und  zu  lieben  und  jede  Form  des  Mensch- 
lichen darauf  hin  zu  prüfen,  wieviel  des  allgemein  Menschlichen 
sie  in  ihrer  berechtigten  Besonderheit  in  sich  schließe.  Und 
von  diesem  Standpunkt  aus  erschien  ihm  die  Kultur  des 
französischen  Klassizismus  als  einseitig.  Als  im  Jahre  1858 
in  der  Vorrede  zu  der  Sammlung  seiner  „  Varietes  litteraires" 
der  Feuilletonist  Silvestre  de  Sacy  seiner  einseitigen  Vor- 
liebe für  das  siebzehnte  Jahrhundert  demonstrativ  Ausdruck 
gab  und  bekannte,  daß  er  in  bewußter  und  gewollter 
Exklusivität  immer  wieder  nur  zu  den  besten  Büchern  greife, 
zu  den  Büchern,  die  die  Kinder  in  den  Schulen  auswendig 
wüßten,  zu  Boileau,  Corneille,  Racine,  Lafontaine,  La  Bruyere, 
Pascal,  Bossuet.  legte  Renan  in  seiner  Besprechung  des  Werkes 
Verwahrung  gegen  diese  selbstgewählte  Einseitigkeit  ein.  Er 
erklärte,  daß  sein  Geschmack  die  Poetik,  welche  die  Romane 
der  table  ronde  inspiriert  habe,  der  Poetik  Boileaus  vor- 
ziehe. Ja  er  geht  so  weit,  die  Überzeugung  seiner  jüngeren 
Jahre,  die  wahrscheinlich  dem  Stockfranzosen  Sacy  nur  ein 
spöttisches  Lächeln  entlockt  hat,  zu  wiederholen:  „Le  primitif 
seul  est  le  vrai  et  seul  a  le  droit  de  nous  attirer."  Das  sieb- 
zehnte Jahrhundert  erzielte  wohl  eine  gewisse  Vollendung  der 
Form,  zu  der  ein  mittleres  Maß  im  Gedanken  kam,  aber  wenn 
eine  Literatur  deswegen  Gemeingut  der  Schulen  werden  konnte, 
so  dürfe  man  doch  nicht  glauben,  daß  sie  allein  schön  und  vor- 
trefflich sei.  Renan  weist  daraufhin,  daß  die  fremden  Völker  die 
außergewöhnliche  Vorliebe  der  Franzosen  für  ihre  klassische 
Literatur  nicht  begreifen,  in  ihr  nur  eine  Tertiarliteratur, 
ein  Echo  der  lateinischen  und  griechischen  sehen,  und  daß 
auch  die  Deutschen,  die  doch  so  weitherzig  und  eklektisch 
in  ihrem  Geschmack  seien,  sich  kaum  mit  der  klassischen 
französischen  Literatur  beschäftigten.  Der  Grund  liege  darin, 
daß  eben  diese  Literatur  zu  sehr  französisch  sei.  Jedenfalls 
dürfe  sie  nicht  die  ausschließliche  Lektüre  für  alle  Zeiten  sein; 
man    sei    über    den    intellektuellen    Zustand    dieser   Literatur 


67)  Cahiers  dejeunesse  p.  189.    c.f.  Nouveuux  cahiers  dejeunesse  p.  214. 

68)  Nouveaux  cahiers  de  jeimesse  p.  211  f. 


456  Walther  Küchler. 

hinaus,    aus    ihren   Schöpfungen    sei    wenig    zu    lernen    für  die 
Probleme,   die  uns  heute  beschäftigten  69). 

Die  klassische  und  nachklassische  Literatur  Frankreichs 
entsprach  nicht  der  hohen  Vorstellung,  die  sich  Renan  in  jungen 
Jahren  von  dem  Wesen  und  der  Bedeutung  der  Literatur  ge- 
bildet hatte.  Die  französische  Literatur  war  ihm  allzu  sehr 
Literatur,  war  nur  Literatur,  wie  er  sich  ausdrückte.  Sie  war 
ein  oberflächliches,  frivoles  Spiel,  das  nichts  weiter  auf  sich 
hatte70),  sie  diente  nur  der  Unterhaltung,  war  eine  modische 
Beschäftigung  der  Literaten  und  des  Publikums.  Weil  man 
immer  nur  diesen  unzureichenden  Maßstab  an  die  Literatur 
legt,  sollte  man  —  s<>  meint  Renan  in  seinem  jugendlichen 
Radikalismus  —  das  Wort  Literatur  als  gefährlich  aus  dem 
Sprachgebrauch  verbannen.  Die  Literatur  im  alten  Sinne  hat 
keine  Daseinsberechtigung  mehr:  ,.11  ne  s'agit  maintenant 
plus  de  litterature  7:)". 

Die  Literatur  soll  etwas  ganz  anderes  sein,  als  was 
sie  zur  Zeit  des  französischen  Klassizismus  und  Pseudo- 
klassizismus  war.  Die  Literatur  soll  wie  das  Leben  selbst 
sein.  Das  Leben  aber,  für  den  jungen  Renan,  ist  Ernst- 
haftigkeit. Moral,  Wissenschaft.  Die  Literatur  soll  der  rechte 
Arm  der  Philosophie  sein,  dann  ist  sie  nicht  mehr  Literatur, 
sondern  Wissenschaft.  Ästhetik  Sie  muß  den  Zusammenhang 
mit  dem  Ewigen  finden:  „L'eternel  seul  a  du  prix."  Der 
Dichter  soll  schaffen  im  Angesicht  der  Ewigkeit.  Nicht  um  des 
augenblicklichen  Beifalles  willen,  weil  die  Mode  gerade  so  geht, 
nicht  aus  Eitelkeit  und  aus  Interesse,  nicht  inmitten  von 
Kabalen  und  Intriguen.  Sein  ganzes  Wesen  empört  sich 
gegen  eine  solche  frivole  Tätigkeit.  —  Non,  si  l'eternel  vrai 
n'etait  |>as  lä.  je  renoncerais  ä  la  culture  intellectuelle. 
j'embrasserais  la  morale  et  le  cceur.  je  me  ferais  bon  et 
simple  paysan.     Deus!     Deus  meus!-'72) 

In  dunklem  Drange  nach  etwas  Höherem  und  Höchstem 
möchte  er  an  die  Stelle  der  hergebrachten  Literatur  setzen 
etwas,  was  er  selbst  nicht  genau  in  Worte  fassen  kann:  „ce 
dont  Dieu  est  l'objet.  religion  peut-etre."  Oder,  wie  er  an 
anderer  Stelle  in  gleichem  Sinne  sagt:  „C'est  l'ideal  du  peuple, 
quelque  chose  de  parallele  ä  sa  religion.  une  quasireligion 
nationale73)". 

So  stellt  sich  ihm  also  nicht  nur  die  alte  primitive 
Dichtung,  sondern  auch  die  in  der  Zukunft  ersehnte  Dichtung 

w9)  Artikel  über  .,M.  de  Sacy  et  l'ecole  liberale"  in  „Essais  de  morale 
et  de  critique",  Paris  1859.  p.  38f. 

701  Nouveau.r  cahiers  de  jewnetsc  p.  35. 
71    Ebda.  p.  290. 

72)  Cahiers  de  jeunesse  p.  157  ff. 

73)  Nouveaux  cahiers  de  jeunesse  ]>.  '_JM4. 


Ansichten  d.  jungen  Renan  üb.  frz.  Lit.  u.  Literaturkritik.     457 

als  eine  in  den  Tiefen  der  Volksseele  wurzelnde,  durch  den 
.Mund  inspirierter  Dichter  erfolgende  Äußerung  des  Volks- 
bewußtseins  dar.  Der  große  Dichter  ist  ihm  derjenige,  der 
dieses  Volksideal  lebhaft  ergriffen  hat,  der  ganz  in  seiner 
Dichtung  aufgeht,  sie  verehrt  wie  seinen  Gott  und  darum 
Enthusiasmus  zu  erregen  vermag.  Eine  solche  Dichtung  ist 
eine  heilige  Dichtung,  so  wie  die  alte  primitive.  Sie  ist  aber 
in  Renans  Vorstellung  mehr  als  diese.  Sie  ist  eine  Ver- 
einigung von  Wissenschaft,  Kritik  und  Poesie.  Sie  ist  die  ine 
Wissenschaftliche  erhobene  primitive  Dichtung.  So  gelangt 
der  jugendliche  Renan  zu  derselben  Forderung  wie  Leconte 
de  Lisle  sie  aussprach  und  zu  verwirklichen  suchte74). 

Renan  hoffte,  daß  bald  eine  neue  höhere  Form  der 
Poesie  kommen  würde,  ,,une  forme  serieuse,  grande,  belle  et 
hardie  de  la  poesie.  de  l'art,  de  la  philosophie,  de  la  morale", 
eine  Form,  die  aus  der  ernsthaftesten  Innerlichkeit,  aus  der 
festesten  moralischen  Verfassung,  aus  der  ganzen  erregten 
Menschlichkeit  des  Schaffenden  stamme*5"). 

In  seiner  Liebe  zur  primitiven  Dichtung,  in  seiner  Ab- 
lehnung des  Klassizismus,  in  seinem  dunklen  Verlangen  nach 
einer  neuen  Menschheitsdichtung  war  Renan  den  Stimmungen 
der  Romantik,  die  zu  seiner  Zeit  schon  zu  schweigen  begonnen 
hatte,  unterworfen. 

In  Renans  ursprünglicher  Veranlagung  steckte  der  Sinn 
für  das  Romantische.  Er  selbst  entdeckte  in  seiner  Zugehörig- 
keit zur  bretonischen  „Rasse"  den  Grund  seines  „romanticisme 
moral",  d.  h.  jener  Veranlagung,  die  ihn,  wie  seine  Landsleute, 
unfähig  zum  tätigen  Leben  um  egoistischer  Zwecke  willen 
machte  und  in  sehnsüchtigem,  stets  unbefriedigtem  Verlangen 
nach   dem  Idealen  streben  ließ. 

Die  romantische  Veranlagung  Renans  äußerte  sich  nicht, 
wie  bei  manchen  berühmten  Romantikern,  in  der  stürmischen 
Wallung  des  leidenschaftlich  erregten  Gefühls.  Die  seelischen 
Kämpfe  seines  Lebens  sind  nicht  gerade  romantischer  Art. 
Der  Kampf  zwischen  Glaube  und  Wissen  nahm  für  ihn  nicht 
romantische  Formen  an.  Der  Weltschmerz  hat  nie  Macht  über 
ihn  gewonnen.  Dazu  war  er  im  Grunde  seines  Wesens  zu 
heiter  und  zu  vernünftig,  zu  sehr  voll  Interesse  den  Er- 
scheinungen des  Lebens  zugewandt.  Frühzeitig  auch  über- 
wucherte in  ihm  der  wissenschaftliche  Trieb  das  romantische 
Gefühl,  wurde  das  Verlangen  in  ihm  wach,  auf  dem  Wege  der 
historischen  Forschung,  mit  Hilfe  der  peinlichst  gesammelten 
und  durchgearbeiteten  Dokumente  die  Geschichte  des  mensch- 
lichen Geisteslebens  zu  erkennen.    Renan  wurde  ein  Gelehrter. 


74)  Cahiers  de  jeunesse  p.  326. 

75)  Nouveaux  cahiers  de  jeunesse  p.  283. 


4.">8  Walther  Küchler. 

Sein  Ideal  wurde  es.  still  und  ungestört  ein  friedliches,  dem 
Erforschen  der  Wahrheit  gewidmetes  Leben  zu  führen.  Kein 
romantisches  Ideal.  Doch  mochte  die  Arbeitsweise  auch  so 
streng  wissenschaftlich  sein  wie  nur  möglich,  das  Ziel,  der 
Wert  und  der  Sinn  seiner  Arbeit  erschienen  ihm  doch  in 
romantischem  Licht.  War  er  doch  ganz  erfüllt  von  dem  großen 
und  schönen  romantischen  Problem,  das  die  Zeit  der  eigent- 
lichen Romantik  überdauert  hat,  von  dem  Problem,  dem 
Menschlichen,  dem  ewig  Rätselvollen,  näher  zu  kommen  durch 
die  Erforschung  der  in  poetischer  Dämmerung  verschleierten 
Kindheitszeit  des  Menschengeschlechts. 

Das  Romantische  in  der  Seele  dieses  Spätgeborenen  der 
Romantik  wurde  aufs  lebhafteste  berührt  und  beeinflußt  durch 
die  Lektüre  romantischer  Werke,  des  Buches  der  Frau  von 
Stael  über  Deutschland,  deutscher  und  französischer  roman- 
tischer Dichter  und  Philosophen.  So,  aus  ursprünglicher 
Veranlagung  und  unter  dem  Einfluß  verehrter  romantischer 
Persönlichkeiten  bekannte  er  sich  zur  Romantik,  als  es  bereits 
angefangen  hatte,  zum  guten  Ton  zu'J  gehören,  sich  von  ihr 
abzukehren.  „Je  suis  ne  romantique",  schreibt  er  einmal  in 
sein  Tagebuch.  Ich  werde  mich  nie  mit  dem  intellektuellen 
System  begnügen,  das  bei  der  Form  stehen  bleibt  und  nur 
durch  die  Harmonie  entzückt,  mit  einem  System,  wie  es 
Boileau  in  seinem  Briefe  an  den  Marquis  de  Seignelay  be- 
schreibt: „Non,  il  nie  faut  1  äme.  quelque  chose  qui  me 
mette  au  bord  de  l'abime  76)". 

Gerade  wegen  dieser  Forderung  des  Seelischen  erschien 
ihm  die  Poesie  Frankreichs  vor  der  Romantik  so  unbedeutend. 
Die  Gedichte  des  18.  Jahrhunderts  waren  feine  Salonblüten  77)> 
die  Lyrik  von  Malherbe  und  J.  B.  Rousseau,  ebenso  wie  die 
Pindars  und  Horaz's  war  gar  keine  Lyrik,  sondern  „calcul  de 
tetea.  im  Gegensatz  zu  der  seelenvollen  Dichtung  der  deut- 
schen Dichter,  zu  Lamartines  Art,  die  ein  Hymnus  an  die 
Innerlichkeit  und  beschauliche  Selbstbetrachtung  ist78).  Die 
Klassiker  besaßen  ein  nur  unvollkommenes  Naturgefühl,  sie 
hatten  nur  etwas  vorn  Einfachen  und  Angenehmen  des  Länd- 
lichen begriffen,  aber  die  wirkliche  Poesie,  das  seelische 
Poetische  der  Natur  war  ihnen  entgangen.  Yergleicht  man 
in  dieser  Beziehung  ein  Gedicht  von  Boileau  oder  noch  besser 
von  Fontenoy  de  Chaulieu  mir  der  Retraite  von  Lamartine: 
„c'est  la  difference  de  l'äme  au  corps"  79). 

Als  Romantiker  setzt  Renan  der  verstandesmäßigen  Zer- 
gliederung   und    dem    formvollendeten    Ausdruck    der  Gefühle 

76)  Cahiers  de  jeunesse  p.  32H  f. 

77)  Nouveaux  cahiers  de  jeunesse  p.  199. 
™)  Ebda.  p.  286. 

79)  Cahiers  de  jeunesse  p.  319  t. 


Ansichten  d.  jungen  Renan  üb.  frz.  LH.  u.  lAteraturkritik.     459' 

die  Hingabe  des  ganzen,  leidenschaftlich  erregten  Menschen 
an  das  Chaos  der  Seele  gegenüber;  statt  der  vernünftigen 
Bekämpfung  des  Leides  die  melancholische  Wollust  des 
Schmerzes:  „Les  anciens  n'ont  jamais  cette  teinte  de  sentiment 
pure,  elevee,  melancolique,  qui  fait  reellement  du  malheur 
quelque  chose  de  divin  et  de  Celeste,  une  vraie  religion,  un 
etat  oü  l'on  est  plus  pres  de  Dieu  80)." 

Wie  aus  dem  Gefühl  des  persönlichsten  Schmerzes,  zogen 
die  Romantiker  auch  aus  dem  Gefühl  des  Unendlichen,  das 
sie  aus  der  Beschränktheit  des  Irdischen  herauszog,  ihre 
Inspirationen.  Auch  diesen  Inhalt  des  romantischen  Bewußt- 
seins erlebte  Renan  in  seinem  eigenen.  Er  schreibt  einmal 
in  sein  Tagebuch,  daß  der  Eindruck,  den  man  bei  der  Lektüre 
der  großen  romantischen  Werke,  z.  B.  bei  Lamartine,  habe, 
peinlich  sei;  daß  man  das  Gefühl  von  etwas  Hohlem  und 
Leerem  habe,  während  der  Eindruck  bei  Racine  voll  und  ab- 
geschlossen sei.  Man  möchte  fast  meinen,  er  neige  hier  mehr 
dem  Klassischen  zu.  Aber  aus  dem  Folgenden  wird  dann 
klar,  daß  er  den  Eindruck  des  Vollen  und  Abgeschlossenen 
eben  nur  von  der  klassischen  Beschränkung  erhält,  während 
er  die  romantische  Leere  nicht  als  einen  Mangel,  sondern  als 
einen  Vorzug  empfindet,  der  von  der  Unendlichkeit  des 
Gesichtskreises  herrühre:  „On  ne  pose  pas  ä  plein,  on  voudrait 
plus,  on  a  faim,  et  avec  les  classiques  on  n'a  pas  faim.  Tout 
est  content.  C'est  qu'ils  sont  finis  et  les  romantiques  sont 
infinis.  Or,  l'infini  est  plus.  J'aime  mieux  le  sentiment 
infini  du  romantisme  que  le  sentiment  borne  et  tranquille  de 
l'autre.     L'une  est  une  hyperbole.  lautre  un  cercle81)". 

Es  kommt  wohl  auch  einmal  eine  Stimmung  über  ihn, 
in  der  er  nicht  dabei  stehen  bleibt,  die  Überlegenheit  der 
Romantik  über  Antike  und  Klassizismus  zu  verkünden,  sondern 
in  der  es  ihm  sogar  erscheinen  will,  als  wäre  das  Bedürfnis  see- 
lischer Hingabe  in  ihm  stärker  geworden  als  der  wissen- 
schaftliche Trieb.  In  einer  solchen  Stimmung  findet  er  den 
einfachen  Gesichtspunkt  der  experimentellen  Wissenschaften, 
den  Positivismus,  der  ihn  so  entzückte,  nicht  mehr  schön 
genug  und  behauptet,  daß  in  der  Poesie  und  in  der  Be- 
geisterung der  Seele  sicher  ebenso  viel  Wahrheit  zu  finden 
sei  als  in  der  Naturwissenschaft 82). 

Diese  Übereinstimmung  seiner  Seele  mit  dem  Gefühl 
romantischer  Erregung  und  Sehnsucht  verhinderte  den  jungen 
Renan  nicht,  der  Romantik  doch  auch  kritisch  gegenüberzu- 
treten. 


80)  Cahiers  de  jeunesse  p.  348. 

81)  Ebda.  p.  257  f. 

82)  Nouveaux  cahiers  de  jeunesse  p.  84. 


160  Walther  Küchler. 

Die  gewollte  und  berechnende  Nachahmung  des  Mittel- 
alters   zu   äußerlichen  Effekten    tadelte  er  ebenso  rückhaltlos 

wie  die  Nachahmung  der  Antike  durch  den  Klassizismus.  Ge- 
wisse Äußerlichkeiten  und  affektierte  Übertreibungen  der 
Romantiker  vermochten  ihn  sehr  stark  aufzuregen  :  „Rien  de  plus 
sot  qu'un  ecolier  romantique:  se  battre  les  flancs  romantiquement 
me  donne  la  nausee  83). 

Ziemlich  ausführlich  wendet  er  sich  einmal  gegen  die 
.. tvpes  a  la  Chatterton".  Er  erklärt  diese  jungen  Genies,  die 
sich  über  jedermann  erhaben  dünken  und  gegen  die  Gesellschaft 
\\  üten.  die  ihnen  nicht  eine  geziemende  Sinekure  gibt,  damit  -ie 
ihre  erhabenen  Gedanken  pflegen  können,  als  die  dümmsten, 
lächerlichsten,  unausstehlichsten  Gecken.  Er  haßt  sie  besonders 
deswegen,  weil  sie  es  verschmähen,  zu  arbeiten  und  in  der 
harten  Arbeit,  die  ihnen  erniedrigend  erscheint,  ihr  Genie 
auszubilden.  Er  ist  erbost  gegen  sie  aus  dem  Gefühl  seiner 
eigenen  harten  Lage  heraus,  die  ihm  so  schwere  Ent- 
behrungen auferlegt  und  seine  freie  Geistesentwicklung  hemmt. 
Nach  dem  Austritt  aus  Saint-Sulpice  mußte  er  sich,  der  be- 
reits einer  der  besten  Kenner  der  semitischen  Sprachen  in 
Frankreich  war.  jahrelang  mit  der  untergeordneten  Stellung 
eines  Präfekten  in  einer  Pension  begnügen.  In  seiner  be- 
drückten Lage  fühlte  er  sich  den  dünkelhaften,  romantischen 
Genies  gegenüber  als  eines  jener  wahren  Genies,  die  sich  still 
beugen,  ihre  Leiden  auf  sich  nehmen  und  alle  Beleidigungen  und 
Verachtungen  ertragen  „sans  rien  dire.  mais  en  conservant 
toute  leur  dignite  interieure".  Er  tröstet  sich  mit  der  Hoffnung 
auf  bessere  Zeiten,  in  denen  die  „Chatterton-singes"  erniedrigt 
sein  werden  und  er  selbst  erhöht  sein  werde.  Gott  selbst 
gibt  ihm  diesen  Trost:  denn  für  ihn  leidet  er.  Er  sieht  sich 
auf  der  letzten  Stufe  der  sozialen  Leiter,  ein  Spielball  der 
Launen  eines  wahren  Tyrannen:  ,,N'importe.  C'est  pour  ma 
conscience  84)." 

Auch  sein  hoch-  und  strengentwickelter  moralischer  Sinn  ließ 
ihn  an  einer  charakteristischen  Eigentümlichkeit  romantischer, 
in  Dichtungen  verherrlichter  Moral  Kritik  üben.  Er  spricht 
einmal  von  seiner  zwiespältigen  Stimmung  gegenüber  den 
moralischen  Typen  Victor  Hugos.  Er  wisse  eigentlich  nicht 
recht,  warum  er  das  System  von  Reiz  und  Größe  des  Ver- 
brechens, wie  es  Victor  Hugo  in  Lucrezia  Borgia  z.  B.  dar- 
stelle, bewundere,  da  doch  seine  eigenen  moralischen  Prinzipien 
so  völlig  absolut  seien.  Er  ist  fast  geneigt,  sich  für  immer 
von  diesem  „genre  byronien"  abzuwenden,  von  dem  Typus  des 
Menschen  „aux  mauvaises  pensees  impetueuses  mais  au  fond 
duquel  il  y  a  du  bien".    Deswegen,  weil  er  an  die  lächerlichen 


83)  Nouveaax  cahiers  de  jeunesse    p.  211  f.     Vgl.  auch  p.  47  f.,  78,  88. 
Hi)  Ebda.  p.  3i-i8.   Vgl.  auch  Souvenirs  d'enfance  et  de  jeunesse  p.  333. 


Insichten  ä.  jungen  Renan  üb.  frz.  Lit.  u.  Literaturkritik.     461 

<recken  denken  müsse,  die  diesen  Typus  affektiert  zur  Schau 
trügen.  Aber  er  läßt  sich  dann  doch  in  seiner  Wertschätzung 
der  dichterischen  Schöpfung  nicht  beirren  durch  den  Mißbrauch, 
der  mit  ihr  getrieben  wird85). 

Immerhin  ist  es  fast  merkwürdig,  daß  Renan  seiner 
zwiespältigen  Stimmung  nicht  weiter  nachgeht  und  zu 
einer  entschiedeneren  Ablehnung  des  psychologisch  meist  so 
wenig  vertieften  Charakters  des  edlen  Bösewichts  gelangt, 
wie  er  im  romantischen  Roman  und  Drama  eine  so  große 
Rolle  spielt.  Er  sah  den  Unterschied  zwischen  dem  für  Kenner 
geschriebenen  literarischen  Theater  der  klassischen  Zeit  und 
dem  zeitgenössischen,  das  er  als  eine  Sache  des  literarisch 
ungebildeten  Volkes  recht  gut  erkannte.  Es  tut  ihm  zwar 
nicht  leid,  daß  die  Zeit  der  klassischen  Kunst  Voltaires  vorbei 
ist,  aber  „la  profondeur  tout  aristocratique  et  fort  impopu- 
laire  de  Goethe,  etc.,  qui  ne  la  regretterait"  ?  Er  betont  aus- 
drücklich, wenn  ihm  schon  nicht  das  kalte  System  der  Klassiker 
behage,  so  doch  noch  viel  weniger  ,.ce  genre  plat  et  popu- 
laire.  d'illettres  et  de  gens  sans  goüt,  peu  intellectuels.  hommes 
d'affaires  ou  de  plaisir.    C'est  misere"  86). 

Trotz  solcher  Kritik  romantischer  Schwächen  und  Über- 
treibungen ist  Renan  seiner  Grundauffassung  von  Romantik 
treu  geblieben.  Bis  zuletzt  blieb  ihm  Romantik  gleichbedeutend 
mit  Idealismus,  mit  der  hohen,  vergeistigten,  verinnerlichten 
Lebensauffassung,  mit  dem  Streben  nach  erhabensten  und 
lautersten,  fern  von  der  Wertschätzung  durch  positiv-materi- 
alistische Menschen  liegenden  Dingen.  Er  liebte  die  Romantik 
wegen  ihres  seelischen,  moralischen  Gefühlsinhaltes,  nicht 
wegen   der  Form,    in  der  ihr  Gehalt  zum  Ausdruck  gelangte. 

Renan  hat  sich  in  seiner  Jugend  viel  mit  dem  Problem 
über  das  Verhältnis  von  Inhalt  und  Form  abgegeben.  Ohne 
daß  er  eigentlich  zu  einer  Lösung  gekommen  wäre.  Er  war 
damals  ganz  und  ausschließlich  auf  Erkenntnis,  Wahrheit, 
Menschlichkeit.  Moral  bedacht.  Was  an  Künstlerischem  in 
ihm  steckte,  kam  nicht  über  Aspirationen  und  Ahnungen 
hinaus.  Die  Form  versagte  sich  ihm  nicht,  aber  er  suchte 
sie  auch  nicht.    Bis  zur  italienischen  Reise. 

Die  Form  betrachtete  und  schätzte  er  gering  als  das  Nur- 
Tndividuelle.  als  das  Künstliche  und  Konventionelle.  Sie  kam 
für  ihn  nur  durch  äußerliche  Gewandtheit  und  Geschicklich- 
keit, aus  Berechnung,  Reflexion  und  Eitelkeit  zustande.  Sie 
erschien    ihm  als  eine  Umkleidung,    die  mit  dem  Wesen,   mit 

85)  Nonveaux  cahiers  de  jeunesse  p.  298  f.  Byron  charakterisiert  er 
gelegentlich  als  „im  monstre.  an  prodige,  niais  en  qui  il  man  qua  .juelque 
ehose,  la  morale,  Jösus-Christ".     Ebda.  p.  107. 

86)  Ebda.  p.  283. 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  n.  Lit.  XLV  J   -  32 


462  Walther  Küchler. 

dem  Gehalt  an  sich  nichts  zu  tun  hat,  vielmehr  Wesen  und 
Gehalt  in  verzerrender  Umschreibung  nur  veräußerlicht.  Die 
Form  ist  ihm  nicht  nur  etwas  Künstliches,  auch  etwas  Falsches. 
Sie  fälscht  die  Ursprünglichkeit,  die  Spontaneität  der  Em- 
pfindung und  des  Gedankens.  Wenn  man  ein  wahres 
Gefühl  ausspricht,  so  denkt  man  daran,  wie  man  es  sagen 
will,  man  denkt  an  seinen  Stil:  ,.On  reflechit  ä  ce  qu'on  dira. 
c'est  parcequ'on  l'a  voulu  et  calcule".  Es  geht  gar  nicht  anders. 
Der  wahre  Inhalt  äußert  sich  in  falscher  Form,  „cette  forme 
fausse  est  une  necessite  de  notre  condition,  d'apres  laquelle 
l'expression  requiert  travail  et  composition.  Mais  au  fond, 
sans  cela,  ce  serait  naivete  pure  et  eff'usion  sincere 8:). 

Man  muß  feststellen,  daß  auf  Grund  einer  so  paradoxalen 
Auffassung  von  Inhalt  und  Form  der  junge  Renan  eigentlich 
kaum  ein  von  Vorurteil  und  Irrtum  freies  Urteil  über  Lite- 
ratur abgeben  konnte.  Tatsächlich  sind  denn  auch 
seine  Urteile  über  die  primitive  Ependichtung,  wie  über  die 
klassische  Literatur  Frankreichs,  ist  die  Begeisterung  auf  der 
einen  Seite  und  die  Kritik  auf  der  anderen  Seite  einseitig 
und  befangen. 

Renan  stellt  an  einer  Stelle  die  Frage:  „La  litterature 
a-t-elle  valeur  par  elle-meme  oü  bien  par  ce  qu'elle  exprime?1' 
Und  er  antwortet:  Es  ist  sicher,  daß  die  reine  Form  nichts 
bedeutet,  daß  das  Schöne  vielmehr  das  moralisch  Schöne,  das 
Erhabene  ist,  das  in  den  Dingen  steckt  und  nicht  im  Lite- 
raturwerk88). Eine  unmögliche  Auffassung,  die  dem  Künstler, 
ähnlich  wie  dem  poete-collecteur  der  primitiven  Epen  nur  das 
Horchen  auf  die  Harmonie  der  Dinge  und  das  Sammeln  ihrer 
Töne  zuerkennt  und  fast  schon  ihre  Vereinigung  zum  Lied 
untersagt.  Wie  stets,  darf  man  die  Äußerungen  Renans  auch 
hier  nicht  als  absolute  Wahrheiten  und  ein  für  alle  Mal  fest- 
stehende Überzeugungen  nehmen.  Es  handelt  sich  hier,  wie 
so  oft,  um  die  in  irgend  einer  Stimmung  zur  Erstarrung 
gebrachte  hin  und  her  flutende  Woge  seiner  Gedanken. 

Es  war  ein  Lieblingsgedanke  Renans,  die  Geschichte  der 
Menschheit  aus  dem  Gesichtspunkte  des  Verhältnisses  von 
Form  und  Inhalt  zu  betrachten.  Er  glaubte  die  Entwicklung 
der  Menschheit  als  einen  ungeheuren  Fortschritt  von  der 
Form  zum  Inhalt  zu  erkennen ;  als  das  heiße  Bemühen  über 
die  Schranken  des  klar  erkannten  und  formal  faßlichen  End- 
lichen hinaus  zu  den  Geheimnissen  des  Unendlichen  zu  dringen; 
statt  um  die  schöne  Form  sich  um  die  Moral  zu  kümmern : 
statt  die  Worte  sprechen  zu  lassen  die  Seele  zu  befragen. 

Von  seinem  nordischen  Studierzimmer  aus  glaubte  er 
zu  sehen,    daß  es  sich  bei  den  Alten  in  Kunst,  Wissenschaft«. 

87)  N(Mveaiix  cahiers  de  jsunesse  p.  210. 

88)  Ebda.  p.  111. 


Ansichten  d.  jungen  Renan  üb.  frz.  LH.  u.  Literaturkritik.     463 

Geschichte.  Rhetorik  und  Dialektik  nur  um  die  Form,  z.  T. 
nur  um  die  leere  Form  gehandelt  hätte  und  daß  sie  dem 
Inhalt  nur  geringe  Aufmerksamkeit  geschenkt  hätten89), 
während  die  Modernen  in  Wissenschaft,  Geschichte  und  Be- 
redtsamkeit  zunächst  nur  an  den  Inhalt  dächten  und  zwar  so 
sehr,  daß  sie  die  Form  darüber  nur  allzu  sehr  vernachlässigten. 
Das  Vollkommene  wäre.  Form  und  Inhalt  miteinander  in 
Einklang  zu  bringen,  so  wie  es  in  einem  ersten  Versuch 
Alexander  von  Humboldt  in  seinem  „Cosmos"  fertiggebracht 
habe. 

Nach  der  Vollkommenheit  der  Form  hat  auch  Renan  in 
seinen  Werken  gestrebt.  Was  schon  in  seiner  jugendlichen 
Kritik  romantischer  Absonderlichkeiten  sich  vorbereitete,  wuchs 
in  ihm  mit  den  Jahren.  Er  lernte  später  den  moralischen, 
seelischen  Romantizismus  unterscheiden  von  der  Romantik 
im  Ausdruck,  in  der  Formgebung.  Diese  weist  er  ab  als  Irr- 
tum. Wenn  es  nämlich  auch  zwei  Arten  des  Fühlens  und  Denkens 
gäbe,  die  idealistische  und  die  nicht  idealistische,  so  gäbe  es 
doch  nur  eine  Form,  um  auszudrücken,  was  man  denke  und 
fühle. 

Auch  diese  Auffassung  ist  einseitig.  Sie  setzt  eine  und 
dieselbe  Form  für  zwei  ganz  verschiedene  Gedanken-  und  Ge- 
fühlsinhalte voraus,  eine  Form,  die,  losgelöst  vom  Inhalt,  über 
dem  Inhalt  stehe,  als  etwas  für  sich  Besonderes. 

Es  ist.  als  ob  in  den  älteren  Renan  ein  Stück  der  Theorie 
des  Klassizismus,  den  er  in  seiner  Jugend  aus  sich  heraus- 
getrieben hatte,  sich  wieder  eingeschlichen  hätte. 

Würzburg.  Walther  Küchler. 


89)  Ebda.  p.  188  und  209.  Renan  konnte  die  griechische  Literatur  ge- 
legentlich auch  anders  als  eine  Verwirklichung  nur  der  äußeren  Form  auf- 
fassen. Er  rechnete  sie  dann  nicht  zu  den  formvollendeten  klassischen  Lite- 
raturen, sondern  sah  in  ihr  eine  wahrhaft  originelle  und  primitive  Literatur : 
„production  naive  de l'humanite,  representantunede  ses  phases  ä  son  enfance". 
Nichts  sei  weniger  klassisch  als  ihre  spontanen  und  primitiven  Gesänge  und  Oden 
(Ebda.  p.  195).  Renan  gelangte  nicht  dazu,  seine  verschiedenen  und  ein- 
ander widersprechenden  Auffassungen  über  das  Griechentum  miteinander 
zu  versöhnen.  Er  gelangte  nicht  zu  der  einfacheren  Formel  Schlegels,  der 
in  der  griechischen  Kunst  und  Poesie  ursprüngliche,  bewußtlose  Einheit  der 
Form  und  des  Stoffes  erkannte,  während  in  der  neueren  Dichtung  innigere 
Durchdringung  beider  als  zweier  Entgegengesetzten  in  der  Annäherung 
an  das  Unendliche  gesucht  würde  (Vorlesungen  über  dramatische  Kunst 
und  Literatur,  in  A.  W.  v.  Schlegels  sämtliche  Werke,  hgg.  von  E.  Böcking 
in  Leipzig  1846,  Bd.  5,  S.  17).  Vgl.  auch  Schlegels  Ausführungen  über  mecha- 
nische und  organische  Form.     Bd.  6  p.  157. 


32* 


Zwei  altfranzösische  Sprich wörtersammlungen 
in  der  Universitäts-Bibliothek  zu  Uppsala. 

Die  Handschrift  C  523  in  der  Universitäts-Bibliothek  zu 
Uppsala.  ein  Pergamentkodex  aus  dem  14.  Jahrh.  (142  Fol., 
4°),  der  früher  der  Klosterbibliothek  zu  Vadstena  zugehört 
hat,  enthält  zwei  Sammlungen  Sprichwörter  in  altfranzösischer 
Sprache.  Es  ist  ein  „Codex  miscellaneus",  auf  einem  Vorsetz- 
blatt als  „Liber  miraculorum"  bezeichnet,  und  aus  zwei 
Teilen  bestehend.  Der  eine  (Fol.  1 — 160)  ist  nach  dem  am 
Schlüsse  befindlichen  Inhaltsverzeichnisse  in  neun  ,,partesk< 
eingeteilt x) :  davon  beträgt  die  Sammlung  I  fünfzehn  Seiten 
(Fol.  148  v°— 155  r°),  der  andere  (Fol.  163—170)  enthält  die 
Sammlung  IL  an  deren  Ende  wenigstens  ein  Blatt  fehlt. 
Nach  einem  Vermerke  des  Vorsetzblattes:  Iste  liber  emptus 
est  constancie  pro  (ifloreno?)  und  stammt  der  Sprache  nach 
zu  urteilen  wohl  aus  einem  Kloster  des  östlichen  Frank- 
reichs, näher  bestimmt  Lothringens,  vielleicht  der  Metzer 
Gegend,  sei  es  daß  der  kompilierende  Schreiber  selbst  ein 
Lothringer  oder  die  Vorlage  lothringisch.  Am  Schlüsse 
(Fol.  172)  findet  sich  auch  ein  Verzeichnis  der  ,,Castra  epis- 
copatus  Metensis". 

Jedes  Sprichwort  der  ersten  Sammlung  ist  von  ent- 
sprechenden lateinischen  Sentenzen  begleitet,  oft  sind  mehrere 
zusammengeführt  worden,  während  in  der  zweiten  der  Ver- 
fasser oder  Kompilator  sich  bemüht  hat.  jeden  Spruch  mit 
Bibelzitaten  zusammenzustellen,  deren  Inhalt  oft  damit  nur  in 
ziemlich  losem  Zusammenhange  steht.  Solche  Sammlungen 
sind  wahrscheinlich  für  die  Prediger  bestimmt  (vgl.  Romania, 
X11I,  532).  Übrigens  verrät  diese  letztere  Sammlung  eine 
gewisse  Übereinstimmung  in  Form  und  Aufstellung  mit  der 
von  Francisque  Michel  bei  Leroux  de  Lincy  (Teil  2,  S.  472  u.  ff.) 

')  Pars  1  =  Fol.  1-2  fehlt.  —  2  =  2—  39:  Epistola  ignacij  et  abe- 
garij.  Miracula  beatae  virginis.  —  3  =  39  —  46:  Miracula  de  corpore 
christi.  —  4  =  46  —  63:  Miracula  sauctae  crucis.  —  5  =  62:  Exempla 
de  angelis.  —  6  =  63—68:  Exempla  de  papis,  cardinalibus,  episcopis  etc.,  de 
fabulis  ysopi,  de  physicis,  de  advocatis.  —  7  =  88— 98:  De  religiosis  personis, 
de  monachis,  de  heremitis  etc.,  de  mulieribus  religiosis.  —  8  =  99  —  148: 
De  imperatoribus,  de  regibus,  de  coinitibus  etc.  —  9  =  148  v° — 160:  Versus 
de  diuersis  materiis. 


Zwei altfrz.  Sprichtvörtersamml.  i.d.  Ümv.-Bibl.zu  Uppsala.    465 

nach  einer  Cambridger  Handschrift  (Corpus  Christi  College) 
mitgeteilten  und  der  von  Langlois  veröffentlichten.  Ich 
weise  auf  die  von  C.  Friesland  in  dieser  Zeitschrift  i^Bd.28,  1905) 
publizierte  Sprichwörter-Bibliographie  hin  und  gebe  hier  nur 
die   öfters  zur  Vergleichung  herangezogenen  Schriften  : 

Kbert.  E..   Die  Sprichwörter  der   altfranz.  Karlsepen.  1884  (Stensrels 

Ausgaben  u.  Abhandlungen,  23). 
Fehse.  E.,  Sprichwort  u.  Sentenz  bei  Eustache  Deschamps  u.  Dichtern 

seiner  Zeit,    Diss.  Berlin  1905.    (Auch  in  den  Romanischen  For- 
schungen.) 
Gamerius,   Ph.,   Thesaurus   adagiorum    gallico-latinorum.      Franco- 

furti  1625.     (Garn.) 
Ho  mann.  C,  Beiträge   zur  Kenntnis   des  Wortschatzes   der  altfranz. 

Sprichwörter.    Inaug.-Diss.  Greifswald  1900. 
K  a  d  1  e  r .  A.,  Sprichwörter  u.  Sentenzen  der  altfranz.  Artus-  u.  Aben- 
teuerromane.    1886  (Stengels  Ausgaben  u.  Abhandlungen,  49). 
Langlois.  E„   Anciens   proverbes    francais.      1899    (Bibliotheque    de 

l'Ecole  des  chartes.  T.  60). 
Leroux  de  Lincy,  Le  livre  des  proverbes  francais.     2e  ed.  T.  1—2. 

1859  ( Bibliotheque  gauloise). 
Loth.  J.,  Die  Sprichwörter  der  altfranz.  Fabliaux  nach  ihrem  Inhalte 

zusammengestellt  (Frogr.  d. Kgl.  Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums 

zu  Greifenberg  in  Pommern,  43—44.     1895-  96). 
Martin.  J.,  Les  proverbes  au  Conte  de  Bretagne.    Diss.  Erlangen  1892. 
Meyer.   F..    Docnments   manuscrits   de    Fancienne    litteratnre    de    \k 

France.     Paris  1871. 
Proverbes  champenois  avant  le  XVIe  siecle.    Reims  1881  (Collection 

Tarbe,  13). 
Srhepp,  F..   Altfranzösische  Sprichwörter  u.  Sentenzen.     Inaug.-Diss. 

(Greifswald)  Leipzig  1905. 
Stengel,  E..   Die   beiden  Sammlungen  altfranz.  Sprichwörter  in   der 

Oxforder   Handschrift   Rawfinson   ('641    (Zeitschrift,  f.  franz. 

Sprache  u.  Litt..  Bd.  21). 
Sussauaeus,  H.,   Proverbia  GaMca  secundum  ordinem  alphabeti  re- 

posita.     Ed.  2.     Parisiis  1558.     (Sus.) 
Tobler.  A.,  Li  proverbe  an  vilain.    Lpz.  1895. 
ririch.  .1..   Die  altfranz.  Sprichwörtersammluug.     Proverbes   ruraux 

et    vulgaux    (Zeitschrift    f.    franz.    Sprache    u.   Litt.,    Bd.   24.) 
Ilrich  I.) 
—     —     Die  Sprichwörtersammlung  Jehan  Mielots.     i  Ibid.  S.  192— 199). 

illrich  II.) 
Wandelt,  0.,  Sprichwörter  u.  Sentenzen  des  altfranz.  Dramas.    Diss. 

Marburg  1887. 


Ein  bestimmtes  und  ausgeprägtes  sprachliches  oder 
dialektisches  Gepräge  ist  kaum  bei  solchen  Zusammen- 
stellungen, die  im  wesentlichen  von  der  Vorlage  abhängig 
sind,  zu  erwarten.  Es  ist  jedoch,  wie  schon  Homann  (S.  5) 
hervorhebt,  beachtenswert,  daß  so  viele  von  den  hand- 
schriftlich überlieferten  Sprichwörtersammlungen  anglonorman- 
nische  Sprachform  zeigen,  was  wohl  damit  zusammenhängt,  daß 
diese  Gattung  zuerst  in  England  gepflegt  wurde.  In  dieser  Hin- 
eicht zeigt  jedoch  besonders  die  Sammlung  II  gewisse  Merk- 
male, die.  wie  schon  gesagt,  auf  Lothringen,  etwa  die  Metzer 


466  P.  Eögberg. 

ml.  hindeuten.  Ich  beschränke  mich  zunächst  auf  diese 
Sammlung. 

Im  Vokalismus  folgt  a  der  Hauptregel  des  Ostens,  be- 
sonders Lothringens,  und  wird  ei  li-Nachlaut),  nicht  nur  in 
-arc.-atum.-atem.-atam  wie  aleir,  demoreir  208,  jueir  27 3. 
soleir  (subtelare)  32.  sauotdeia  52.  263.  ameiz  145.  neiz  154. 
pouretei  215.  debonaireteiz  174.  bonteiz  58.  ueeie  66,  und  asseiz 
23 — 25.  sondern  auch  in  meire  27  5.  leires  131  (^abei  larron 
132).  «tes  181,  foä  250  etc.  (neben  //•/).  //<,*/ r//  HO  auch  cAeM" 
(earrus>  130.  seit  (sapit)  25,  171  (seit  259  ist  wohl  fehlerhaft 
für  sent) ;  ebenso  das  parasitische  i  in  graice  36.  142,  äjswe  7 
und  steige  125,  194,  weiter  gaingne  50  und  lainne  14,  aber 
unter  Bedingungen  des  Bartschischen  Gesetzes:  marchü  12, 
m<ihigin-  206,  chie(t)  14,  35,  173.  lassier  141.  meschiet  19  etc. 
Ferner  bleibt  a  vor  /  oder  wird  wie  gewöhnlich  zu  -a«:  w»ft 
162.  »awft  41.  163.  164.  vaul  165,  /«o/  14.  Das  besonders 
dem  Lothringischen  charakteristische  -aule  kommt  auch  vor: 
estauble  30.  dyauble  74.  144.  202.  Ferner  ist  zu  bemerken  ait 
(habet)  247  etc..  auch  die  Metzer  Kanzleisprache  des  14.  Jahr- 
hunderts kennzeichnend-  i.  So  ist  auch  iawe  (aqua)  248  sehr 
häufig  in  Metzer  Urkunden  3).  ist  z.  B.  in  der  der  Metzer  Mund- 
art wenigstens  angepaßten  Fassung  des  Saint  voyage  de 
Jerusalem  (hrsg.  von  Bonnardot  et  Longnon  in  Societe  des 
anciens  tex  tes)  belegt,  kommt  überhaupt  in  nordöstlichem 
Gebiete  vor. 

Was  lat.  offenes  o  angeht,  so  begegnen  die  Formen :  weit 
(volet)  219,  wet  18.  220,  224  (in  Assonanz  mit  puet),  236, 
ueilf  271,  die  besonders  in  östlichen  Texten  häufig  sind  (vgl. 
Lothringer  Psalter  hrsg.  von  Apfelstedt.  S.  XXIV,  Ezechiel  und 
Sermon  de  Saint  Bernhard  nach  Kesselring,  Die  betonten 
Vokale  im  Altlothringischen.  S.  23 ;  Goerlich,  Der  burgund. 
Dial..  S.  79 ;  Fleck.  A...  Vokalismus  d.  ostfranz.  Denkmäler, 
S.  36).  auch  vereinzelt  in  der  nordöstlichen  Champagne  (vgl. 
Kraus.  J..  Beitr.  z.  Mundart  d.  nordöstl.  Champagne.  1901). 
Dann  ist  zu  bemerken  rowe  irota)  130  und  cowe  (coda)  237, 
wo  w  als  hiatustilgend  bezeichnet  wird  (vgl.  Apfelstedt, 
S.  XXXVI).  Opera  gibt  immer  euure  2.57.  148,  221,  oculus 
wird  oill  194,  205  (vgl.  Kesselring.  S.  23),  sonst  tot,  toz  (neben 
touz)  142.  145,  cop,  cops  35.  92.  200,  solt,  tolt  230,  folz  70 
etc.  (neben  foulz)  und  das  parasitische  i  in  boin  47.  149, 
loing  45.  der  regelmäßige  Diphthong  ue  in  duelt  205,  61,  puet 
18.  67.  144.  pueent  87.  muet  73,  178.  cuers  147,  67.  fr  neue 
97.  185.  prueue  128.  cueure  153  und  cuir  (corium).  reeuit 
(recolligit")  227.  cuide  (cogitat~)  268  nach  französischer  Art.  wie 

2i   Vgl.  Rentier,  M..  Die  Stadt  Metzer  Kanzleien.   1895,  S.  32  u.  passini. 
3)  Vgl.    Rydberg,    Volmöllers   Krit.    Jahresbericht    <5    (1899  —  1901), 
S.  237—238,  und  Hürlimann,  Entwickl.  von  Aqua.  Diss.  1903,  S.  28. 


Zweialtfrz.  Sprichwörtersamml.  i.d.  Univ.-Bibl. zu  Uppsala.     467 

im  Metzischen  der  Fall  ist,  aber  enuoise  69  mit  der  dem 
Osten  eigentümlichen  Entwicklung  von  ö  -\-  y.  Die  Trilogie 
focum.  locum.  jocum  gibt  feus  15.  leu  55,  234.  jeus  246.  — 
Geschlossenem  o  zeigt  die  im  Osten  gewöhnliche  Entwicklung 
zu  ou}  z.  B.  hou >•>',  laboure  98,  debtour  82,  /"//*  fowp  14,  156, 
•estoupe  15.  orguillous  184,  corro/i.<  16  etc.  aber  /or  257.  das 
auch  in  Metzer  Urkunden  neben  lour  vorkommt.  —  An  gibt 
teils  on,  teils  o:  /ww  179,  po  270,  /o*  (laus)  268,  poures  64,  167. 

Die  Entwicklung  von  e  betreffend  zeigt  -ellus  etc.  die 
dem  Metzischen  fremde  und  auch  fremdem  Einflüsse  zu- 
geschriebene Diphthongierung,  die  auch  im  Lothringer  Psal- 
ter und  bei  Philippe  de  Vigneulle.  dem  freilich  nicht  mehr 
völlig  mittelalterlichen  und  wohl  unter  französischem  Ein- 
flüsse stehenden  Vertreter  des  Metzer  Dialektes,  vorkommt: 
biax  40,  bialz  41.  246.  biaulz  4.  bial  43,  67,  oisiaulz  4,  181, 
oisialz  29.  drappialz  139.  vaixialz  264,  nouvial  84.  aber  burel 
38,  sonst  wird  offenes  e  zu  ie  wie  in  viez,  vies  84,  161.  riefle 
61,  in  liez  (laetus)  70,  lieure  (leporem)  97.  Pecten  >  pigne 
121.  pire  (pejor)  130  können  die  im  Metzischen,  im  Gegen- 
satz zum  Osten  im  allgemeinen  zentralfranzösische  Entwicklung 
von  £-[-//>  i  illustrieren.  En  >  an  geht  aus  zahlreichen 
Schreibungen  hervor.  —  Geschlossenes  e  gibt  wie  im  Osten 
oi,  auch  vor  Nasal:  poinne  79.  113.  aber  mains  (minus)  141 
und  dem  Osten  eigentümliches  consoil  23,  105,  196.  auch 
vortonig  avoilliez  170. 

Vortoniges  e  wird  oft  a  wie  in  der  Metzer  Ammansprache 
(vgl.  Keuffer.  S.  45 )  und  im  Lothringischen  im  allgemeinen  z.  B. 
avoilliez  170,  beachte  weiter  mauais  135  etc..  lassier  141, 
visin  207.  240,  Hgneus  121,  277. 

Ein  östliches  Merkmal  ist  venra  57,  94.  Daneben  be- 
merke ich  az  (ad  illos)  138  und  «g,  dou  74,  90.  130,  178,  209. 
Die  Zweikasusflexion,  die  im  Lothringischen  in  der  zweiten 
Hälfte  des  14.  Jahrh.  starke  Spuren  des  Verfalls  zeigt,  ist 
ganz  gut  beibehalten,  vgl.  chas  59  -chat  3.  lous  14  -lauf  156, 
cuers  67  -euer  15,  leires  131  -larron  132.  die  Nominativform 
des  Possessivpronomens  sez  4  etc. 

Unsere  Sammlung  I  trägt  deutlich  Spuren  eines  Korrektors. 
Er  hat  z.  B.  die  (Plural-)  Endung  -z  zu  -s;  li  zu  le,  ascri  zu  escrif 
iou  zu  ieu,  maz  zu  mais,  peires  zu  poires  geändert. 

Ostliche,  bzw.  lothringische  Merkmale  sind  sorloueir  1, 
funieie  14,  loueir  (locare)  20,  prey  (pratum)  21,  reproueir  27, 
donei  50,  seit  61  neben  set  61,  84,  94.  aweie  155.  weire  113, 
124  aber  mere  83,  /mre  93,  soueif  (suavis)  129  (vgl. 
Buscherbruck  in  Rom.  Forsch..  IX.  695).  saige  146  aber  dez 
154,  pouretez  154,  assez  50,  debonaretez  116  (vgl.  Sammlung 
II),'esfoJfe  68.  nes  41,  *e£  114,  120,  Keuffer  (S.  31  u.  passim) 
betrachtet  Im  (illac)  166  und  ait  (habet)  56,  58.  127.  142 
<{heit    171)    als    metzisch.     Maz    61.    99,    mmiaz    80,    a«e    74 


468  /'.  Högbi  rg. 

können  die  gebräuchliche  Reduktion  von  <ti  zu  a  (wie  auch 
sonst  fate  neben  faz,  (n)aiz  neben  (n)az  67)  exemplifieieren. 
Schreibungen  oder  Kontraktionen  wie  feve  (faire)  90,  fes  (fais) 
44.  chesne  101,  let  (laid)  156  kennt  auch  das  Franzische  und 
Normannische.   Aqua  zeigt  sowohl  eue  46.  ieue  126  als  eiue  162. 

Als  für  das  Lothringische  charakteristisch  ist  wohl  auch 
z.  B.  pel  (pellis)  88  zu  betrachten  (vgl.  Romania  I.  3:i6).  sonst 
begegnen  buriau  53  (vgl.  oben),  biau(z)  39.  59,  oisicad  'W. 
weiter  p&2  149.  vielle  22,  ywrf  (vetat)  90.  giet  57  :  ///  32.  79, 
89  und  /)/$  127  könnten  sowohl  aus  Metz  als  aus  dem  Centrum 
stammen,  wir  finden  vortonig  auch  prisies  1/5.  Dann  consoil 
87.  sonst  oi  aus  geschlossenem  e,  -itia:  ionecce  159,  peires  153 
ist  zu  poires  geändert,  peeeeie  126  peeeier  (von  Godefrov  bis 
ins  14.  Jahrh.  belegt),  en  >  an  wTie  in:  pance  97,  sanrepant 
108,  yawtf  127,  /"ame  31.  58,  90.    Vgl.  auch  s/v/>  neben  sog  63. 

Unter  o  begegnen  zuerst  die  Formen  von  voles,  -et 
vieuz  88,  vieut  90.  111.  ueut  18  neben  ratet  (in  Assonanz  mit 
puet)  7.  iviet  110,  gmil  149,  dazu  auch  dioust  (dolet)  123. 
Kraus  (Mundart  d.  nordöstl.  Champagne  20)  belegt  vereinzelt 
-ieu  neben  gebräuchlicherem  -iau.  Man  hat  unsere  Formen 
für  nur  pikardisch  gehalten,  es  ist  jedoch  wie  Matzke  (Zeit- 
schrift f.  rom.  Philol.  XX,  7)  hervorhebt,  eine  Erscheinung, 
die  sich  vom  Pikardischen  durch  die  Champagne  bis  ins 
südliche  Lothringen  und  in  die  Franche-Comte  erstreckt.  Nach 
Horning  (Die  ostfranz.  Grenzdialekte)  lebt  noch  zwischen 
Metz  und  Beifort  pyaj,  vyoe  fort.  Von  dem  in  diesem  Falle 
gleichgestellten  oculos  hat  unser  Text  sowohl  (1)  uel  84  als 
oail  91,  96  und  uil  102  (vgl.  oben  oill).  Eigentümlich  scheint 
die  Form  rieue  (rota)  138  (vgl.  oben  rowe),  sonst  gibt  es  röe, 
ruee,  bei  Marie  de  France  roetie  (Lais.  ed.  Warnke,  2e  ed. 
1900.  S.  26).  in  der  Metzer  Gegend  nach  Keuffer  (8.  98)  ein 
jüngeres  rueie  (auch  häufig  in  Ezechiel)  neben  rote.  Horning 
(Die  ostfranz.  Grenzdialekte  41)  hält  für  ursprünglich  ruxS 
(ce—  franz.  eu),  als  rycey  erhalten.  —  Von  jocum  haben  wir 
Um  13  (zu  ieu  geändert),  ious  64.  ieu  59  (jghjoue,  noue  25), 
focum  >  feu  14,  142,  167.  locum  >  leus  28,  lieu  121.  opera  > 
euure  119.  ovum  >  ouef  50.  Vgl.  auch  tuit  93  aber  toz  iors 
90.  —  Coda  zeigt  couc  80  (vgl.  oben),  sonst  auch  die  Ent- 
wicklung zu  ou  in  paour  114.  demoure  97,  koure  73  usw., 
zweifelhaftes  Ieu  (lupus)  118,  franzische  Form,  weiter  Jone 
149,  ionecce  159. 

Den  i-Nachlaut  des  Ostens  zeigen  eompaing  56,  hoiu  150, 
loing  136,  und  besonders  perdui  68,  fuit  170.  Die  Vortonvokale 
illustrieren  apargne  85,  ascri  (zu  escri  geändert)  88,  ri.ziu  106, 
signour  118,  razon  158.  Von  Verbalformen  erwähne  ich  zum 
Schluß  sunt  53,  soent  93,  vouroe  168.  letzere  mit  Reduzierung 
des  oi  zu  o,  die  in  östlichen  Texten  begegnet  (vgl.  Schwan- 
Behrens.  Gramm..  §  229). 


Zun  i  all  fr:.  Spri  'JiwörU  rsamml.  i '/.  I  rniv.-  Bibl,  zu  I  i>j>s<tla.     469 

l. 

1.  M  ale  bonche  doit  on  sor  loueir. 

2.  ^  ui  bien  ainiue  tart  oblie. 

:i.  P  our  deffault  de  proudomme  inech  leu  fou  encheire. 

4.  E  nsi  riert  qui  ne  voit. 

5.  M  ieuz  uaut  palle  en  dent  que  ne  fait  niant. 

6.  Q  ui  mieuz  ne  puet  a  sa  uielle  sandort. 

7.  Q  ui  ne  feit  qwant  il  puet  ne  fait  mi  qwant  il  vuiet. 

8.  A  u  vespre  loue  leu  le  iour. 

9.  D  ehe  aient  taut  de  mestres  dit  le  crepaus  ala  herce. 

10.  P  roumesce  sanz  doner  cest  au  foul  conforter. 

11.  Q  ui  tout  ine  dornte  tout  nie  toult. 

12.  1>  autrui  lreur  (sie)  large  couroe. 

13.  (}  new  (sie)  ieu  eutre  ieu  consent. 

14.  (.)  v  nait  feu  nait  fumeie. 

lö.  Tout  est  ale  quamque  berte  lile. 

16.  Chancuns  prestres  loue  ces  reliques. 

17.  M  al  ataut  quia  pent. 

18.  Q  uaprent  baiart  en  donteure  si  ueut  tenir  le  iour  q«i  dure. 

19.  T  ouz  iourz  seilt  le  pot  la  sauour. 

20.  S  on  loueir  pert  qui  maunaiz  sert. 

21.  L  a  force  pest  le  prey. 
■!•>.  B  ezoig  fait  uielle  troter. 

23.  M  ieuz  vaut  pres  iu?icbiere  que  ne  fait  long  preeire. 

24.  X  est  pas  preste  uiande  que  lieure  egenestey. 

25.  V  entre  saoul  ioue  non  cotelete  noue. 

26.  Q  ui  est  garnis  si  net  honis. 

27.  L  en  dit  en  reproueir  que  toz  iourz  ainnie  amis. 

28.  L  i  leus  fait  le  lero«. 

29.  Mieuz  vaut  .1.  tie?(  qut  dous  tu  laras. 

30.  Q  ui  ne  donne  que  ainnie  ne  prent  que  desire. 

31.  1  1  liest  plus  hardi  rien  amanl  faire  que  fame. 

32.  8  egou  ton  lit  estent  tom  pie. 

33.  A  v  bezoig  uoit  len  qui  amis  est. 

34.  A  prez  labour  est  bon  repous. 

35.  A  usoir  loue  le  iour  et  au  matin  lanuit. 
:>H.  T  rop  paller  nuist. 

37.  Miex  vaut  eugien  que  force, 

38.  Q  ui  bien  ainme  tart  oblie. 

39.  A  chaucuH  osiaul  son  ni  li  est  biauz. 

40.  V  oy  en  quamque  feras  la  fin  a  quen  uedraz. 

41.  Q  ui  son  ues  talle  sa  fasse  conchie. 

42.  L  i  fait  se  preuent. 

43.  A  large  fenme  eschars  mari. 

44.  P  etit  fes  longue  voie  poise. 

45.  L  a  table  ostee  doit  le«  lauer  et  boiure. 

46.  C  e  fait  um  que  ne  fait  eue. 

47.  0  n  fait  pluz  en  .1.  iour  qae  en  .1.  an. 

48.  S  egon  son  guas  dit  len  son  uoir. 

49.  A  luis  aluis  qui  nat  point  dargent. 

50.  Mieuz  vaut  ouef  donnei  que  ouef  mangie. 

51.  A  ssez  outrie  qui  mo(n)t  ne  sonnne. 

52.  Q  ui  bten  stat  ne  se  moue. 

53.  A  usi  bien  sunt  amourettes  souz  buriau  come  souz  brenette. 

54.  A  courte  chauce  lowge  laniere. 

55.  A  coulons  saoul  sunt  cerizes  ameres. 

56.  Q  ui  ait  cowipaing  si  ait  maistre. 

57.  S  ouef  garde  son  perier  qwi  ne  treuue  q«e  hi  giet. 

58.  I  lait  male  lime  qui  ait  male  fame. 


47i»  P-  Högberg. 

.")!•.  T  ;uit  come  iuu  est  biau  le  doit  ou  lessier. 

80.  Q  ue  ne  mengue  sainl  martin  nieine(nt)  so»  pelerin. 

61.  Q  ui  a  fame  Bacompagne  ä  a  assez  tancon. 

62.  L  en  Beil  Wen  qtumt  on  vait  maz  len  ne  set  quant  o»  renient. 

63.  y[  etez  foul  pour  Baie  il  pancerat  de  Boy. 

t>4.  1,  en  dit  que  li  ious  ert  bon  ou  le?/  pert  vne  noix. 

65.  ii  ranl  marcbiez  trait  ar«:ent  de  bource. 

66.  A  nii  parent  se  tu  as  si  prent. 

67.  S  '*  tu  aaiz  que  le  mien  si  di  tu  naz  rie». 

H8.  A  tart  ferme  Bestable  qui  a  perdni  so?t  cheuaul. 

69.  M  aul  oorrit  qui  na  sauoure. 

70.  L  i  prestrez  Boit  honnis  qui  blasme  ces  reliq 

71.  N  e  gras  pucin  ne  saige  bieten. 

72.  B  ie»  est  lerres  qui  a  larron  einble. 

73.  I  1  est  bie«  boure  de  conebier. 

74.  L  a  sorsaume  abat  lane. 

75.  T  out  atant  vient  qui  male  nouelle  porte. 

76.  L  a  ou  est  le  maul  si  est  La  main. 

77.  A  prea  gront  ioi(i)e  graut  plour. 

78.  A  la  parole  cognoit  on  lomme. 
7h.  A  seur  boit  qui  so«  lit  voit. 

80.  A  mauaz  chien  coue  li  vient. 

81.  A  prez  mangier  assez  cuiliers. 

82.  C  hauouns  auance  le  sien. 

S3.  M  out  est  faulce  norice  q«i  ainme  plus  qt*e  mere. 

84.  N  us  ne  set  que  luel  li  pent. 

85.  L  a  mort  napargne  nelni. 

86.  D  e  petit  ha  lecheour  aide. 

87.  D  e  nouelle  choze  nouuel  consoil. 

88.  E  m  pel  de  brebis  ce  que  vieuz  ci  aBcri. 

89.  E  n  lit  aehien  querez  ia  sain. 

HO.  F  ame  vieut  toz  iorz  fere  ce  que  le«  li  viet. 
91.  L  erbe  <\ue  on  cognoit  doit  \en  metre  a  son  ouil. 
H2.  I  1  fait  maul  tancier  a  plus  riche  de  soi. 

93.  ('  e  cuide  li  laron  que  tnit  soent  sui  freire. 

94.  L  i  richez  ue  set  qui  conuient  au  poure. 

95.  L  a  ou  est  li  tresour  est  li  euer. 

96.  L  a  ou  li  maul  la  main  la  ou  est  lamor  si  est  louil. 

97.  I  1  demoure  moult  de  ce  que  foul  pance. 

98.  N  est  paz  or  qwamque  luit. 

99.  N  e  nie  chaut  que  deuz  nie  coust  maia  que  ie  leie. 

100.  P  ain  et  vin  cest  uiaude  au  palerin. 

101.  P  etit  hoine  abat  grant  chesne. 

102.  ()  ui  bie/?  uoit  et  mal  prent  male  goute  li  criet  luil. 

103.  Q  ui  plus  autre  greve  se  i  ne  leige. 

104.  ()  ui  plus  se  haste  moinz  fait. 

105.  Q  ui  plus  ne  peche  si  encourt. 
10H.  Q  ui  a  mal  viziu  si  a  maul  matin. 
107.  Q  ui  bien  ferait  bien  trouuerait. 
L08.  Q  ui  premierz  prent  ne  sanrepant. 

li>9.  <J  ui  ait  mauais  serctiant  si  a  bon  deuin. 

110.  (\  ui  petit  nie  domie  si  wiet  que  ie  uiue. 

111.  Q  ui  folie  dit  folie  vieut  oir. 

112.  Quant  auoirz  vient  et  cuerz  faut. 

113.  T  el  la  meire  tel  la  rille. 

114.  T  el  nienesce  qui  a  grant  paour. 

115.  T  out  uoir  ne  fait  adire. 

116.  T  rop  grant  debonaretez  nuist. 

117.  T  oute  parole  ne  fait  acroire. 

118.  A  mol  pastonr  leu  lichie  lainne. 


Zwei  altfrz. Sprichwörter samml.Ld.  Univ.-Bibl.  zu  Uppsala     471 

119.  A  bon  iour  boinu'  euare. 

120.  A  tel  signour  tel  magnie, 

121.  B  onne  parole  boin  lieu  tient. 

122.  Q  ui  tout  couoite  tont  li  chiet. 

123.  L  a  est  la  laugue  ou  la  deut  dioust. 

124.  M  eires  et  tilles  donnent  et  prennenl  sowt  amies. 

125.  L  eii  ne  doit  ia  homme  louer  deuant  Boy. 

126.  T  ant  vait  la  buire  alieue  que  se  peceie  le  coul. 

127.  P  is  est  gabeir  a  poure  que  li  mal  qnil  ait. 

128.  P  etite  nlue  abat  grant  vant. 
12y.  Q  ui  de  boins  est  soueif  flare. 

130.  I  1  net  si  griez  choze  come  dauoir  male  fame. 

131.  A  utant  vaut  moulin  qwi  ne  mout  come  fotir  qui  ne  cuit. 

132.  B  lanche  brebis  noire  brebis  autaut  met  se  tu  muerz  come  se  tu  vi«. 

133.  Q  ui  rieu  ne  porte  rienz  ne  li  chiet. 

134.  (^  ui  se  nmert  et  se  remue  na  ami. 

135.  Quant  ie  serai  mort  si  me  i'aitez  cbaudel. 

136.  (}  ui  est  loing  de  sa  cuelle  si  est  pres  de  so»  dauiage. 

137.  T  ant  grate  chieure  qui  maul  gist. 

138.  T  oz  iouiz  brait  la  pire  rieue  dou  char. 

139.  Quant  se  mue  li  mentonz  si  se  doit  inner  li  homs. 

140.  1  1  nest  paz  mestier  de  pendre  campamie  a  col  a  foul. 

141.  ()  ui  mainme  et  mon  einen. 

143.  Q  ui  ait  mestier  dou  feu  a  son  doi  le  doit  qnerre. 

143.  D  ahe  ait  le  dent  qtli  muri  son  parant. 

144.  (J  ui  se  dautel  seit  daultel  doit  vinre. 

145.  Q  ui  saquite  ne  sencombre. 

14tj.  F  oul  si  despent  et  gaste  qnanque  gaingne  li  saiae. 

147.  A  u  nonz  dez  genez  a  la  croix  an  monteiz  que  noust  len  lez  chemins. . . 

148.  P  ar  le  regart  et  par  le  ris  la  belle  ma  conqv  i  s. 

149.  X  uz  ne  uuet  Jone  morir  ne  viel  deuenir. 

150.  T  oute  religion  sacorde  a  boin  vin. 

151.  ü  r  poueiz  (hier  se  quatorze  ne  viennent. 

152.  L  a  mort  me  mort  quant  la  recort. 

153.  0  nqttez  deux  ne  tit  tel  mariage  come  de  peirez  et  de  frommage. 

154.  P  ar  ui?/  par  fame  et  par  dez  si  vient  toz  homs  a  pouretez. 

156.  .1  e  ainme  leiament  et  se  ne  sni  ameie  P  ar  fauce  amour  ai?isi  deceue. 

156.  D  e  tant  come  home   est  miex  estres  D  e  tant  est  mal  enlui  plus  let. 

157.  a  utant   vaut  qui  pie  tient  come  qui  escorche. 

158.  Quanque  len  fet  par  inesure  si  prophite  et  dure 
Quanque  len  fet  saus  razon  vait  a  perdicion. 

159.  M  a  dame  me  rownnande  de  t  r  houlier  et  filer 
E  t  je  suis  si  ionecce  que  nel  puis  andurer. 

160.  Male  chauce  et  deschauce. 

161.  B  onte  autre  reqniert  et  colee  so«  per. 

162.  A  nguille  morte  vin  demande  et  eine  en  abundance. 

163.  L  augue  ua  point  de  o(n)s  et  si  tranche  eile  grouz. 

164.  A  goupil  nauient  paz  toz  iourz  geline  blanche. 

165.  N  a  foul  parier  na  faur  baer. 

166.  L  ai  ou  est  lauoir  est  le  euer. 

167.  T  orte  buche  fait  boin  feu. 

168.  1  1  na  mie  trois  iours  que  ie  suis  marie 
et  si  vouroe  que  mon  inari  fu  mort. 

169.  S  i  bech  ia  faucille  soit. .  . 

170.  P  our  la  soif  qui  fuit  et  qiti  est  et  qwi  est  auenir 
D  oit  len  boiure  trois  foiz. 

171.  T  ant  doit  on  blandir  le  chien  que  on  heit  passe  la  uoie. 

172.  Q  ui  nat  cheuaul  si  vat  apie. 

173.  A  dous  trnies  trois  greius  pour  le  terre  qui  exdure. 

174.  F  oulz  ne  voit  en  sa  folie  se  se»  non. 

175.  T  ant  a  hom  taut  est  prizies. 


472  P.  Högbt  rg. 


II. 

1.  A  bou  deinandour  sage  escoudisour. 

■i.  A  bun  ionx  bone  euure. 

3.  A  chat  lecheour  bat  len  souuent  la  goule. 

4.  A  chacmi  oisiaul  sez  nis  li  semble  bianlz. 

5.  A  cheual  donnei  ne  doit  on  ez  dens  regarder. 

tf.  A  cognostre  qui  est  folz  nestuet  nas  cloche  au  col. 

7.  A  dur  aisne  dur  aguillon. 

8.  A  court  de  Roy  chacuns  pou*  sui. 

9.  Aler  et  uenir  dex  le  fist. 

10.  A  longe  corde  tire  qui  autrui  niort  desire. 

11.  Apres  graut  guerre  graut  paix. 

12.  A  mal  inarchie  bien  viure. 

13.  Amendements  nest  pas  uieschaus. 

14.  A  mol  bergier  chie  1om.s  lainue. 

15.  Ainours  en  euer  est  feus  en  estoupes. 

16.  Apres  graut  corrous  boit  lau. 

17.  Apres  grant  ioie  graut  corrous. 

18.  A  qui  dex  wet  aidier  malz  honi  ue  li  puet  uuire. 

19.  A  cui  il  meschiet  on  li  inesoffre. 

20.  A  touz  signours  totes  honours. 

21.  Asseiz  aebate  qui  deiuaude. 

22.  Asseiz  escorche  qui  piet  tieut. 

23.  Asseiz  jeune  qui  na  que  manger. 

24.  Asseiz  otroie  qui  se  tait. 

25.  Asseiz  seit  dex  qui  est  bous  pellerius. 

26.  Asseiz  vient  tost  a  bostel  qui  niauaises  uouelles  aporte. 

27.  A  seur  boit  qui  son  lit  voit. 

28.  A  tart  eire  q«i  na  buef. 

29.  A  tart  crie  ii  oisialz  qwaut  il  est  pris. 

30.  A  tart  ferme  on  lestaub] e  qwant  li  cheualz  est  perdus. 

31.  A  teil  coutel  teil  gayne. 

32.  A  tel  forme  tel  soleir. 

33.  A  teil  saint  teile  offrande. 

34.  A  be9oing  voit  on  q?<i  amis  est. 

35.  A  premier  cop  ne  chiet  pas  li  arbres. 

36.  A  bei  seruir  couient  graice  auoir. 

37.  Au  semblawt  de  la  ferne  cognoist  li  hoin  son  piait. 

38.  Ausi  bien  sont  amorettes  souz  burel  come  sonz  brnunette. 

39.  Auant  chante  folz  qwe  prestres. 

40.  Biax  parleir  ne  co»chie  bouebe. 

41.  Bialz  senz  bou  ne  vault  rieu. 

42.  Biax  seruises  t  r  ait  paiu  de  mai«. 

43.  Bial  se  chastie  qui  dautrui  se  chastie. 

44.  Belle  chose  est  tost  rauie. 

45.  Bellement  va  on  bien  loing. 

46.  Benois  soit  li  sires  dont  li  bostes  vault  miex. 

47.  Boin  temps  aroient  marcheaut  sil  ne  lez  cowuenoit  conter, 
Ausi  aroient  bailli  et  vserier. 

48.  Besoingne  fait  vielle  troter. 

49.  Besoing  ne  garde  qwe  il  fait. 

50.  Bien  doit  despendre  qui  de  leger  gaingue. 

51.  Bien  se  doit  taire  de  lescot  qui  rieu  ue?i  paie. 

52.  Bner  jeuue  le  iour  qui  au  uespre  est  saouleiz. 

53.  Bone  iorne  fait  qui  de  fol  se  deliure. 

54.  Boins  marchiez  troit  ai^gewt  de  borse. 

55.  Bone  parole  boin  leu  tient. 

56.  Boins  messages  bone  nouele  porte. 

57.  Bons  onriers  iip  venra  ia  tart  en  euure. 


Zwei  altfrz. Sprichwörtersamml.  i.d.  Univ.-Bibl.  zu  Uppsala.    473 

58.  Bouteiz  autre  reqwiert. 

ö9.  ('has  conoisl  Wen  cui  barbe  il  lache. 

«0.  Chaitiz  naura  ia  bon  hosteil. 

61.  Cbacone  vielle  son  duel  plaint. 

82.  t'biexs  tMi  ouisine  son  per  ne  desire. 

tid.  Cil  est  mez  oncles  qui  le  ventre  nie  cowible. 

84.  Cilz  est  poures  qui  dex  heil. 

65.  Cilz  est  riches  cni  (lex  annne. 

88.  i.'hose  ueeie  est  la  plus  desirree. 

i»7.  Cueis  ne  puet  mentir. 

68.  Dautrui  cuir  large  corroie. 

8».  De  bial  chanter  senuoise  on. 

70.  De  beles  promesses  est  folz  liez. 

71.  De  boin  estrange  fait  on  boin  priuei. 

72.  De  chose  tontraire  ne  puet  on  bien  faire. 

73.  De  chose  perdue  li  ronsoil  ne  se  muet. 

74.  Dou  dyauble  vient  a  dyauble  eu  reuait. 

75.  De  demain  en  demain  aura  baie  poulain. 
78.  De  fol  et  denfant  garder  se  doit  on. 

77.  De  fol  home  fol  songe. 

78.  De  fol  folie  et  de  cuir  corroie. 

79.  De  fole  pensee  vient  fole  poinne. 

80.  De  grant  vent  petite  pluie. 

81.  Dehais  ait  prestres  qui  ses  reliques  blame. 

82.  De  manais  debtour  prent  on  estoupes. 

83.  Dez  brebis  contees  prent  li  lous. 

84.  De  nouial  tot  mest  biaul  et  de  viez  entre  piez. 

85.  De  peebeor  misericorde. 

86.  De  petit  petit  et  de  assez  assez. 

87.  Dui  orguillous  ne  pueent  seor  en  vne  celle. 

88.  Dolante  la  surix  qwe  ne  seit  que  .1.  pertruix. 

89.  De  pain  menger  soblie  on. 

90.  Don  millour  rast  que  on  a  doit  on  faire  floches. 

91.  Drois  nespargne  nelui. 

i)2.  En  auenture  gist  bialz  cops. 

93.  En  la  fin  gist  li  encombriers. 

m4.  Encor  venra  blanche  a  la  planche. 

95.  En  la  fin  se  cogie  li  charpenters. 

9B.  En  larmes  de  felonne  se  doit  nulz  fier. 

97.  En  petit  buxon  trueue  on  grant  lieure. 

98.  En  petit  de  houre  dex  laboure. 

99.  Entre  bouche  et  cuillier  auient  maint  encombrier. 

100.  Entre  .('.  sauatas  na  mie  .1.  bon  soler. 

101.  Entre  .11.  verdes  vne  meure. 

102.  En  tele  pel  com  naist  li  hons  le  couient  morir. 

103.  Feme  de  foul  atour  est  comine  abelaistre  a  tour. 

104.  Foul  deuise  et  dex  depart. 

105.  Foulz  est  qui  consoil  ne  croit. 

106.  Folz  est  qui  naprent. 

107.  Folz  est  qui  soblie. 

108.  Folz  ne  donte  tant  quil  prent. 

109.  Folz  ne  voit  en  sa  folie  se  sens  non. 

110.  Folz  si  fie  et  musarä  si  atant. 

111.  Fors  est  qui  abat  et  plus  fors  qui  relieue. 

112.  Force  nest  pas  drois. 

113.  Goute  enossee  est  a  poiwne  curee. 

114.  Grans  dabonaireteiz  a  mairts  homes  troubleiz. 

115.  Grant  mestier  a  de  foul  qui  de  soi  meimes  le  fait. 

116.  Hardiemewt  parole  qwi  a  la  teste  saiwne. 

117.  Hons  yures  nest  pas  a  soi. 


4/4  /'.  Högberg. 

118.  Sons  mors  na  uns  amis. 

119.  .hi  nanra  bon  sergent  qwi  ue  le  norrit. 

120.  Ja  ne  seroit  inesdisans  se  il  nestoit  escoutans. 
191.  .Ta  tigneus  namera  pigne. 

122.  Je  ne  pnis  joer  ne  rire  se  li  ventres  ne  me  tire. 

123.  11  est  trop  auers  a  eni  dex  ne  sonffit. 

124.  II  nest  cheualz  qwi  nait  mehaing. 

125.  11  nest  si  saiges  qni  ancune  fois  ne  folie. 

126.  11  ne  se  tort  pas  qwi  va  a  bon  hostel. 

127.  II  ne  se  tort  pas  qwi  va  bone  uoie. 

128.  La  belle  chiere  auiewde  mowlt  losteil. 

129.  La  on  il  nacbatte  snrix  y  reuelle. 

130.  La  pire  rowe  don  cheir  brait  touz  jours. 

131.  Leires  namera  ia  celui  qwi  le  respite  dez  fonrches. 

132.  Li  cris  pent  le  larron. 

133.  Lecherie  est  de  graut  const  et  de  petit  ressort. 

134.  Li  fais  juge  lome. 

135.  Li  t'ruis  est  manais  qwi  ne  se  ineure. 

136.  Lau  doit  batre  le  t'er  taiit  comnie  il  est  cbaus. 

137.  Lau  doit  qiterre  en  sa  juenesce  de  qwoi  lan  vine  ew  sa  viellesce. 

138.  Lan  loie  bien  le  sac  auant  qwil  soit  plains. 

139.  Lan  ne  cowuoit  paz  lez  genz  az  drappialz. 

140.  Lan  ne  doit  pas  acheter  cbate  en  sac. 

141.  Lan  ne  doit  pas  lassier  le  plus  \mcr  le  mains. 

142.  Lan  ne  fait  pas  de  niant  grwice  porree. 

143.  Lan  ne  fait  pas  tot  en  .1.  jour. 

144.  Lan  ne  puet  seruir  ensemble  den  et  le  dyauble. 

145.  Lan  ne  puet  pas  de  toz  estre  ameiz. 

146.  Lau  parole  uolentiers  de  celui  qui  on  aiwme. 

147.  Lan  naura  ia  de  euer  correcie  clere  face. 

148.  Li  euure  se  prueue. 

149.  Maint  home  cuillewt  la  verge  dowt  il  son  batu. 

150.  Mar  acroit  qui  na  dont  rendre. 

151.  Mal  atant  qwi  ne  peratant. 

152.  Male  herbe  croist. 

153.  Mal  se  cueure  cui  li  eulz  pert. 

154.  Mar  fu  neis  qwi  se  samende. 

155.  Mauais  chiens  ne  trneue  ou  mordre. 

156.  Mauaise  garde  past  le  louf. 

157.  Mauais  qwanquil  fait  il  pert. 

158.  Messagiers  ne  doit  bien  oir  ne  mal  anoir. 

159.  Mesdire  nest  pas  vasselages. 

160.  Miex  aiwme  truie  brau  qwe  roses. 

161.  Miex  ualent  lez  vies  uuies  qwe  lez  nouelles. 

162.  Miex  valt  amis  ew  voie  qwe  deiner  en  corroie. 

163.  Miex  vatilt  pains  en  main  qwe  escus  a  paroit. 

164.  Miex  vault  sens  qwe  force. 

165.  Miex  vaul  .1.  tien  qtie  .11.  tu  Lauras. 

166.  Mowlt  anuie  qtti  atant. 

167.  Mowlt  est  poures  qwi  ne  voit. 

168.  Mowlt  remaint  de  ce  que  folz  pense. 

169.  Nature  passe  norrit»>-e. 

17(i.  Xe  auoilliez  pas  le  chien  qwi  dort. 

171.  Xe  seit  que  vault  qwi  nassauoure. 

172.  Nest  pas  or  quanqne  reluit. 

173.  Xest  si  fors  qui  ne  chiee. 
174  Xoire  geline  pont  blans  eues. 

175.  Xulz  ne  doit  entrepenre  faix  quil  ne  puist  porter. 

176.  XuZs  nest  si  larges  com  eil  qui  na  qwe  doneir. 

177.  Xulz  nest  si  riches  qwi  nait  mestfer  damis. 


Zweialtfrz.  Sprichwörtersamml. i. d.  Univ.~Bibl.zu  üppsala.     475. 

178.  Xulz  liest  uillains  se  dou  euer  ne  li  nmet. 

179.  Xulz  trop  uest  boius  ue  pou  liest  asseiz. 

180.  Oür  dire  va  par  ville. 

181.  üisiaulz  ne  puet  uoler  saus  eiles. 

182.  üu  rendre  ou  pendre. 

183.  Ou  enuis  ou  nolentiers  na  li  prestres  au  semie. 

184.  Orguillouze  seinblauce  mowstre  fole  cuidauce. 

185.  Parole  que  rois  a  dite  ue  doit  estre  desdite. 

186.  Par  .1.  soul  point  perdit  gibers  sanesse. 

187.  Pasque  desiree  est  en  .1.  iour  alee. 

188.  Petit  a  petit  va  uo  bien  loing. 

189.  Petite  chose  est  tost  alee. 

190.  Qui  sageme^t  seit  deniander  legiereme?;t  puet  empetreir. 

191.  Petite  noise  atrait  grans  gens. 

192.  Petis  hons  abat  graut  chaiue. 

193.  Plus  dure  honte  que  poureteiz. 

194.  Plus  voit  saiges  a  .1.  oill  que  ne  fait  folz  a  II. 

195.  Par  le  petit  vient  ou  au  graut. 

196.  Pour  niant  ait  son  consoill  qui  ne  le  croit. 

197.  Vour  defaut  de  saige  met  on  bricon  en  haut. 

198.  Por  .1.  pe?-du  .11.  retroueiz. 

199.  Poures  honi  na  nul  ami. 

200.  Quant  auoirs  vient  et  cors  taut. 

201.  Quant  folz  voit  taillier  cuir  si  deinande  corroie. 

202.  Quant  ie  serai  mors  si  moi  fereiz  chaudel. 

203.  Quant  la  messe  fu  chautee  si  fu  ma  dame  paree. 

204   Quaprent  poulains  en  donteure  si  le  maiutient  taut  com  il  dure 

205.  Que  oill  ne  voit  cuers  ne  duelt. 

206.  Qwi  a  bonte  de  maiugier  si  a  honte  de  uiure. 
2i>7.  Q»i  a  mal  visin  si  a  mal  matin. 

208.  Qui  a  dyauble  doit  aleir  il  na  que  demoreir. 

209.  Q«*i  ait  besoiug  dou  feu  a  son  doi  le  quiert. 

210.  Qui  Wen  airane  tart  oblie. 

211.  Qiri  bien  est  ne  se  mueue. 

212.  Qui  bien  atant  ne  soratant. 

213.  Qui  bten  fera  bten  auera. 

214.  Qui  bien  voit  et  mal  prent  a  boin  droit  san  repent. 

215.  Q«i  femwie  croit  et  deiz  qwerreiz  ne  morra  ia  sanz  pouretei. 

216.  Qui  dautrui  dit  folie  soi  meimes  oblige. 

217.  Qui  est  garnis  ne«  est  honis. 

218.  Qui  seschiue  de  son  diner  miex  len  est  a  souper. 

219.  Qui  folie  dit  folie  weit  oür. 

220.  Qui  glouton  haste  estrangler  le  wet. 

221.  Qui  a  iiüinais  sert  sez  euures  pert. 

222.  Qt*i  moi  ainme  et  nion  chien. 

223.  Qui  plus  haut  monte  quil  ne  doit  de  plus  haut  chiet  quil  ne 
vorroit. 

224.  Qui  ne  fait  quant  il  puet  il  ne  fait  quant  il  wet. 
225    Qui  uest  biax  si  soi  cointoist. 

226.  Qui  ne  voit  ne  se  garde. 

227.  Qwi  petit  so>wme  petit  reeuit. 

228.  Qui  plus  a  et  plus  couoite. 

229.  Quant  plus  nmet  ou  la  merde  et  eile  plus  puit. 

230.  Qui  promet  et  il  rient  ne  solt  le  euer  de  so»  ami  se  tolt. 

231.  Qui  premiers  prent  ne  seu  repent. 

232.  Qai  rien  ne  porte  riens  ne  li  ehiet. 

233.  Qui  sabaisse  deus  lassauce. 

234.  Qui  se  remue  son  leu  pert. 

235.  Qui  saloigne  de  so?i  escuelle  si  saproche  de  son  dainage. 

236.  Qui  son  chien  wet  tuer  la  rage  li  met  sus. 


476  /'.  Högberg. 

'237.  (£uj  tient  la  cowe  de  la  pelle  si  la  tourne  t|tie]  pari  il  wet. 

288.  Qtti  tont  conoite  tot  pert. 

239.  ix>?/i  trop  se  haste  si  se  empeche. 

210.  Qui  voit  la  maison  de  son  vinin  ardoir  bien  doit  douter  de  la  soie. 

241.  Riches  hons  ne  seit  qni  nmia  li  est. 

242.  Robe  refait  moult  home. 

243.  Selouc  le  signour  raaignie  dnite. 

244.  Trop  parier  nuit  et  trci|>  grater  mit. 

245.  Souent  est  blasmeiz  qui  trop  est  emparleiz. 

246.  Tant  cor«  li  jeus  est  bialz  si  le  doit  on  laissier. 

247.  Tant  grate  cbieure  quo  mal  «reist  et  teile  olu.se  ait  on  en  despit 
que  puis  est  moult  regretee. 

24s.  Tant  va  li  pos  a  liawr  qnil  brise. 

348.  Tantes  villes  tantes  ^uises. 

250.  Teilz  a  so«  desirier  qui  a  son  encombrier. 

251.  Tele  la  meire  tele  la  fille. 

252.  Teil  li  donrais  tel  le  prendrais. 

253.  Teilz  paie  lescot  qni  onquea  neu  buit. 

254.  Apres  grant  trauail  est  repoz  de  saison.  —  Telz  puet  nnire  q  u  i  ne 
puet  aidier. 

255.  Teilz  rit  an  inatin  qni  an  soir  ploure. 
25H.  Teilz  cnide  venger  sa  honte  qni  la  croist. 

257.  Toutes  chozes  out  lor  teuips. 

258.  Tonz  voirs  ne  fait  a  dire. 

259.  Tonz  ionrs  seit  (sie)  li  mortiers  les  anlz. 

260.  Trop  enqwerre  nest  pas  bon. 

261.  Teilz  cuide  boiure  son  chaperou  qni  boit  sa  chappe. 

262.  Telz  cnide  estre  tonz  sains  qni  est  ala  mort. 

263.  Uentres  sauoleiz  iue. 

264.  Vaixialz  inauaix  fait  vin  pnnaix. 

265.  Villains  correciez  est  deinis  enragies. 

266.  Vns  boins  taires  uault  moult. 

267.  Vns  jonrs  de  respit  .0.  sowz  vault. 

268.  Vns  mauaix  loz  vanlt  bien  .1.  blasme. 

269.  Vn  petit  de  lenain  enagrist  grant  paste. 

270.  Vnqwes  bien  ne  mamait  qni  poitr  si  po  iue  lieit. 

271.  Welle  ou  ne  welle  va  li  prestres  an  ae?tne. 

272.  Vsaiges  fait  le  maistre. 

273.  Cui  il  ne  chiet  ne  puet  jueir. 

274.  Arbres  bien  rameis  fait  a  poinne  bon  fruit. 

275.  Armeure  porte  pais. 

276.  Ausi  tost  muert  veaulz  com  vache. 

277.  Meire  piteuse  fait  fille  tigneu[se]. 

Anmerkungen. 
I. 

1.  Vgl.  Stengel  331. 

3.     ..     unten  II.  197:    Tobler  46  u.  Stengel  6  (S.  2).  —  Meth  anstatt 

mech  (pikardisch)  möglich. 
L     „     Ulrich  I.  18. 

5.  „     Tobler  268. 

6.  „  Sus.  38:  Qui  mieux  ne  peult  a  sa  vielle  retoume.  Lateinisch 
nach  der  Hs. :  Cui  non  posse  datur  melius  uetule  sociatur.  Baucidis 
in  gremio  dormit  qui  no/wen  haftet  yovis. 

7.  Vgl.  Ulrich  I.  36,  unten  II.  224. 

8.  „      Parallelen  bei  Schepp  IX  (S.  41). 

9.  „  Meyer  S.  71.  die  Parallelen  bei  Stengel  1  u.  203  und  Leroux  1. 174: 
A  diable  tant  de  maitres  etc. 


Zweialtfrz.  Sprichwörtersatnml.  i.d.  Üniv.-Bibl.  zu  Uppsala.    477 

K».  Vgl.  Ulrich  I.  21. 

12.  Lreur  (?)  fehlerhaft  für  cuir.  Vgl.   Ulrich   1.  26. 

13.  Vgl.  Ulrich  I.  23.  —  Ein  ursprüngliches  iou  ist  später  zu  ieu 
korrigiert. 

14.  Unser   Ms.  interpretiert:  Cum   focus  igne  caret  jam  famis  (!)   non 

ibi  paret.  Cum  procul  ignis  abest  non  prope  fuinus  adest.  —  Vgl. 
Meyer  S.  173,  Leroux  I  71  und  Stengel  13.  Die  Sentenz  wird  auch 
durch:  Feu  n'est  point  saus  fumee  wiedergegeben,  vgl.  Fehse  I  (S.5). 
Lateinisch  nach  der  Hs. ;  Vsus  deleuit  q  uo  d  b  er  te  dext  er  a  neuit. 

17.  Vgl.  Stengel  20,  Meyer  S.  173. 

18.  ..     Tobler  115.  Stengel  275. 

19.  ..      eine  Parallele  unten  II.  259. 

20.  Sonst;  Qui  mauvais  sert,  maväis  loier  atend,  vol.  Ulrich  I.  289  (Anw.) 
u.  Fehse  L66  (S.  25). 

21.  Vd.  Meyer  S.  173.  Ulrich  I.  54.    (Vis  pascit  pratum.) 

22.  ..     unten  II.  48  u.  Stengel  32. 

23.  Ursprüngliches  preire  korrigiert:  preeire.  Vgl.  Tobler  236  u.  266, 
Stengel  33,  214.  —  Der  Abschluß  dieses  Sprichwortes  ist  unsicher. 
Zu  den  von  Tobler  (Änm. 236)  angeführten  Belegen  noch  bei  Stengel: 
praere  u.  praiere.  Die  lateinische  Übertragung  unserer  Hs.  lautet : 
Jnnci  qni  prope  sunt  pratis  qni  nun  prope  prosunt.  Juncetum 
prato  super  est  a  tine  remoto. 

■24.  Vgl.  Leroux  I.  178,  Stengel  35. 

25.  ..  unten  II.  263.  Lateinisch:  Venter  farcitus  ludit  non  ueste 
politus.  Dum  uenter  plenus  est  illi  ludus  amenns  (sie).  Venter  letatur 
quando  sit  ille  satnr. 

26.  Vgl.  die  korrekte  Fassung  unten  II.  217. 

27.  Lateinisch:  Sic  usus  clamat  seinper  ainicus  amat.  Die  Sentenz 
kommt  z.  B.  in  Rom.  de  la  Rose  (Ausg.  von  Michel)  I.  165  vor. 
Stengel  hat  (4-2)  die  kürzere  Fassung:  Tut  dis  ami  amis. 

28.  Vgl.  LeronxII.  171,254,332,492,  Radier  279.  Lateinisch:  Commo- 
ditas  causa  quod  mens  ad  furta  sit  ausa. 

29.  Vgl.  auch  unten  II.  165. 

30.  ..     Ulrich  I.  20  (Anm.). 
33.      „     unten  II.  34. 

35.  Andere  Formen  vgl.  die  Zusammenstellung  bei  Schepp  IX  (S.  41). 
>H.  Vgl.  unten  IL  4,  Homann  Anm.  101. 
4n.  Sonst:  De  la  chose  que  tu  feras  garde  a  quel  fin  tu  en  verras,  vgl. 

Leroux  IL  282  u.  Ulrich  I.  120,  kürzer  ausgedrückt  bei  Leroux  II.  279: 

Daus  tout  ce  que  tu  fais  considere  la  fin. 

41.  Vgl.  Tobler  258  u.  Leroux  II.  482,  Schepp  XII  (S.  44).  -  Quum  naso 
ledor  heret  in  ore  pudor. 

42.  Vgl.  unten  II.  148. 

43.  Ein  ursprüngliches  euer  mar i  von  späterer  Hand  korrigiert :  eschars 
muri 

44.  Zacher  (127)  hat:  Petit  seer  et  longe  voie  poise  (Rurzes  Sitzen  und 
ein  langer  Weg  ist  unangenehm).  Leroux  I,  54:  A  longue  voye 
paille  pese  (15.  Jahrh.)  und  Garn.  (586):  Petit  fardeau  ä  porter  loin 
poise  beancoup. 

45.  Lateinisch:  Mensa  submota  pn'us  ablue  \>ost  ea  pota. 

46.  Vgl.  Tobler  136. 

48.  Lateinisch:  Mnlti  yugando  nernm  diennt  aliqiuVi.  Zacher  (ICO): 
Selon  le  gab  dit  l'en  le  voir  (Im  Scherz  sagt  man  die  V,rahrheit), 
vgl.  auch  Leroux  IL  210. 

50.  Vgl.  Mever  S.  174  (Anm.  5). 

51.  „  Tobler  6  (Anm.)  u.  die  Parallelen  zu  Ulrich  I.  105.  —  Die  Hs. 
hat  mont  mit  emeudiertem  n. 

-53.     .,      unten  IL  38. 

54.  ,.     Tobler  82  (Anm.)  u.  Ulrich  I.  111  (Anm.). 

55.  „         ,.       3  (Varianten).  —  Die  Hs.  hat  ursprünglich:  cerezes. 

Ztschr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XLV'j*.  33 


4r,s  /'.  Uögberg. 

56.  Vgl.  Ulrich  I.  386. 

57.  ,.  Langlois  721  n.  Dlrich  1.  333  tAise  garde).  Anders  bei 
Tobler  255. 

59.  Vgl.  Leroux  II.  483.  —  Iou  ist  von  späterer  Hand  korrigiert :    ieu. 

60.  Die  dunkle  Bedeutung  dieses  Sprichworts  hat  schon  Tobler  183  (Anm.) 
hervorgehoben.  Neben  der  Variante  "Pilger'  (pelerin)  hat  unsere 
Hs.  meint  (menerV)  mit  emendiertem  nt  und  mengue.  —  Lateinisch 
nach  der  Hs. :  Quod  non  martinns  hoc  nionducat  peragrinus. 

62.  Lateinisch:  Quum  foras  itnr  scitur  non  quum  reditur. 

63.  Vgl.  Langlois  426,  Leroux  I.  LJ4:;. 

65.  „     unten  II.  54. 

66.  Die  Nos.  66  u.  67  gehören  zusammen  und  sind  lateinisch  inter- 
pretiert: Accipe  cognate  ((«od  haben  de  proprietate  Se  tua  sit  mea 
res  p/-op/"/etate  cares.  —  Das  ursprüngliche  p  n  i  ist  korrigiert : 
preus  wie  parent  zu  porens,  di  zu  dis  und  naz  zu  nas. 

68.  Vgl.  unten  IL  30. 

69.  „     Tobler  170. 

71.  Lateinisch:  Xec  pinguis  pnllns  nee  b/ito  pwraidns  ullus.  —  L  in. 
bleton  ist  emendiert  und  durch  r  ersetzt. 

72.  Vgl.  Tobler  141. 

73.  Ich  lese  conchier.  nicht  co  «  chier.  Lateinisch:  Ne  sompno  donet  quil. 
hora  monet. 

74.  Vgl.  Leroux  1.  Hü.  II.  345.  390.  Langlois  372.  Kadler  622,  624. 
Ulrich  I.  267. 

75.  Lateinisch:  Fama  repleta  malis  uelocibus  euolat  alis  etc. 

76.  „         :  Illuc  pono  inanum  quo  nie  non  sentio  sannt«. 

77.  Vgl.  nuten  IL  17. 

79.  Lateinisch:  Secure  potat  qui  sna  strata  notat.  Vgl.  Ulrich  I.  31 
Leroux  II,  473,  Stengel  37.  unten  IL  27. 

80.  Vgl.  Langlois  36.  Sus.  5. 

81.  ,.     Ulrich  I.  208  (Anm.). 

84.  „  die  Varianten  bei  Kadler  501  —  503.  Fehse  212  (S.  31),  Lang- 
lois 468. 

86.  Vgl.  bei  Zacher  (46):  Petit  fait  bien  a  lecheour. 

87.  „     Leroux  IL  285  u.  488. 

88.  ..     Langlois  243,  Garn.  574.  —  Ci  ascri  korrigiert  si  escri. 

89.  ..  ähnlich  bei  Ulrich  I.  241  u.  Sus.  16  v°:  En  lict  de  chien  n'ha 
point  d'oingture. 

90.  Lateinisch:  Quod  vetitum  fait  sibi  femina  semper  querit. 

91.  Vgl.  Langlois  393,  Tobler  173. 

9:;.  ,.  Tobler  23,  Ulrich  I.  275.  —  Li  zu  le  geändert.  —  Lateinisch: 
Qui  reus  est  alios  non  putat  esse  pios. 

96.  Vgl.  oben  76. 

97.  „     unten  IL  168. 

98.  „         „      IL  172. 

99.  Maiz  korrigiert:  mais.  —  Lateinisch:  Det  deus  optanti  se  no»  curo 
mihi  querenü.    Smnptus  non  timeo  se  mihi  daute  dö. 

101.  Vgl.  unten  IL  192. 

102.  Ähnlich  bei  Zacher  258,  vgl.  Tobler  168  (Anm.)  u.  eine  Parallelstelle 
unten  IL  214. 

103.  Hau  sollte  wie  bei  Stengel  270  der  Assonanz  wegen  eine  Ableitung 
von  gregier  erwarten,  vielleicht  greige  zu  le^e  (leviare),  die  Endsilbe 
ist  indessen  von  späterer  Hand  ausradiert  und  durch  -ve  ersetzt. 

105.  Zacher  193:  Qui  ne  peche  si  enquert.  Vgl.  auch  Leroux  IL  323,  395, 
Langlois  644.  Kadler  152.  —  Plus  ist  von  späterer  Hand  durch. 
pas  ersetzt. 

106.  Vgl.  unten  IL  207. 

107.  Leroux  IL  481:  Qui  bien  fra  bien  avera,  Langlois  598. 

108.  Verl.    Tobler  53,  Leroux  IL  483. 


Zirei  altfrz.  SprichwörtersamnU.  i.  d.  I  »ir.-BibL  zu  Uppsala.     479 

109.  Lateinisch:  Piüfruni  mancipinni  dat  aatia  augurium.  —  Vgl.  unten 
II.  243  u.  Dlrich  T.  387. 

110.  Vgl.  Langlois  657. 

111.  „      Zacher  1H3?  Leroux  II.  299,  894. 

112.  Lateinisch:  Hnic  cor  tabescil  cui  rernni  copia  crescit.  —  Ur- 
sprünglich steht  cault  oder  caut  zn  fault  oder  fattt  korrigiert. 
Leronx  II.  480  hat  unrichtig  faxt,  vgl.  Sus.  33  n.  Garn.  S.  91. 

114.  Vgl.  Ulrich  I.  10  (Anm.).  Leroux  483.  Langlois  743. 

115.  .,      unten  II.  258. 

118.  „  unten  II.  14.  —  In  der  Hs.  steht  scheint  es  mir  len,  soll  wohl 
lea  sein,  so  hat  auch  der  Korrektor  es  verstanden,  weil  er  die 
Endung  -s  zugefügt  hat. 

119.  Vgl.  unten  II.  2. 

121 II.  55. 

122 II.  238. 

123.  Lateinisch:  Quo  dolor  est  dentis  versatur  Lingua  dolentis.  —  Bei 
Zacher  201,  Robert  9:  La  vet  (voit)  la  langue  ou  la  denz  deut. 
De nt  ist  korrigiert :  dens. 

124.  Vgl.  Tohler  196.  —  Die  Endung  t  in  donnent.  prennent  ist  durch 
s  ersetzt. 

126.  „  unten  II.  248.  —  Nur  Zacher  hat  pece.  —  In  der  Hs.  steht 
ein  viuee  (mit  eiuendiertem  v  und  e)  drüber  buire. 

128.  Vgl.  Tobler  67  (Anm.),  Schepp  XXVI  (S.  54). 

129.  ..      Ulrich  I.  51  (Anm.).  Langlois  611. 
132.     .,     Leroux  1.  152. 

134.  Mert  korrigiert:  muert. 

135.  Vgl.  Ulrich  I.  304.  Langlois  565. 

136.  Anstatt  ecuelle  hat  Langlois  624  table. 

137.  Verl.  Tobler  61  (Varianten)  u.  Langlois  732,  Ulrich  I.  144. 

138.  ..         „        33.  Schepp  XV  (S.  47),  unten  II.  130. 

139.  Lateinisch:  Mutato  mento  mentum  mntare  memento.  —  S  in  hom$ 
später  zugefügt. 

141.  Vgl  Ulrich  I.  287,  Langlois  636. 

142.  .,      Lirich  I.  397.  Langlois  620. 

143.  Lateinisch:  Ve  denti  dico  qui  morsus  donat  aniico. 

144.  Vgl.  Tobler.  73.  Ulrich  I.  278. 

145.  ..      Tobler  122. 

147.  Lateinisch:  Osten  du  n  t  tipice  caules  cruz  pet.  mi  r  i  ce. 
Siut  tibi  saxa  cruces  torta  mirica  duces. 

150.  XacL  sacorde  ist  bien  zugefügt. 

151.  Lateinisch:  Nunc  potes  ege  r  e  r  e  proprio  de  corpore  fecem 

Ni  uenient  prope  quatuor  atque  decem. 

152.  Lateinisch:  Mors  in  me  morsum  facit  eius  quwtw  memor  sum. 

153.  Peires  ist  zu  poires  geändert.  —  Lateinisch  u.  a. :  Coniugium  mirum 
caseus  atque  pirum. 

154.  Lateinisch:  Per  uinum  miser  es  per  talos  et  mulieres. 

155.  Nach  deceue  ist  ein  estei  von  späterer  Hand  zugefügt.  Ehs'i  ist  e? 
^esehriebeu,  am  Rande  vom  Korrektor  durch  aisi  verdeutlicht. 

156.  Lateinisch:  Q?«mto  pocior  (in  dignior  geändert)  es  aut  per  genus 
aut  \>er  honores  Inde  tanto  res  uitiose  sunt  ^rauiores.  —  Anstatt 
miex  steht  ursprünglich  moins. 

157.  Lateinisch :  Feilem  tollenti  par  pena  pedem  q.  tenenti. 

158.  ,,  Sicut  in  omne  quod  est  mensura  poliere  potest 

Sic  sine  mensura  depertfit  omwe  quod  est. 

159.  ..  .Tussio  cogit  ledere  filum  traducere  nere 

Sed  quia  sum  iuenis  nequeo  me  subdare  penis. 

160.  „  Calciat  as  si  de  m  si  nor*  discalciat  idem.  —  Male  ist 
emendiert,  aber  nicht  durch  anderes  Wort  ersetzt. 

161.  Vgl.  unten  IL  58. 

33* 


480  P.  Högberg. 

162.  Lateinisch:  Vt*11  anguilla  lacu»<  uiue»s  sed  mortaa  bacum.  — 
Zwischen  et  und  eine  über  der  Zeile  viae(nt?)  geschrieben. 

1H3.  Lingua  loquax  grossa  q  non  haftet  atterit  ossa.  —  V°;l.  Stengel  141 
u.  Leroux  II   325. 

165.  Der  Schreiber  bat  seine  Vorlage  mißverstanden.  Er  schreibt:  Xec 
fatuo  fcüs  nee  fumo  fertttr  hiatus.  Fumo  soll  wohl  furno  sein 
(vgl.  Stengel  292:  Ne  a  forn  baer  ne  a  fol  tencier,  demnach  franz. 
nicht  faur  sondern  four.  Das  ursprüngliche  panier?  ist  später  zu 
parier  geändert,  feus  mit  fatus  (fetus?),  fumo  mit  fimo  uild  folge- 
richtig faur  mit  fien  emendiert.  —  Vgl.  Kadler  447. 

167.  Vgl.  Tobler  161,  Ulrich  I.  131:  Torte  busche  fait  droit  feu. 

168.  Lateiniscli :  Xec  triduo  nupta  iam  uellem  federa  rupta.  —  T  in 
mori  Bpäter  durch  s  ersetzt. 

169.  Lateinisch  (korrigiert):  Si  ferrum  cum  rostro  detur  sit  (emendiert) 
tälx  vocitetur. 

171.  Vgl.  Tobler  144. 

172.  ..      Ulrich  I.  172. 

173.  Lateinisch:  Pro  terra  solida  gemine  tria  rostra  sui  da  —  unvollständig. 

174.  Vgl.  unten  II.  109. 

II. 

1.  Um  die  Bibelcitate  zu  exemplificieren,  die  jedem  Sprichworte  unmittel- 
bar folgen,  gebe  ich  sie  hier  an:  Job  .XXXIX.  Contewpnit  nndtitudi- 
nem  ciuitatis.  clamorew  exaetoris  non  audit  et  Ja  .IUI.  Petitis  et 
nou  aeeipitis  .Cor.  XII  .Propter  qitod  te  domin  u  m  rogaui  ut  dis.  a 
me  et  dixtf  mihi.  Suffero  te  per  gratüz  mea.  M  .XX.  Xescitis  quid 
petatis.  —  Das  veraltete  escondisour  in  anderen  Belegen  durch  re- 
fuseur  ersetzt. 

3.  Bei  Lauglois  1<)  anstatt  guide  ( Rachen)  besser  queue  (Schwanz). 

4.  Vgl.  Homann  S.  37. 
ö.     ..     Tobler  92. 

7.  ..  die  Parallele  bei  Homann  S.  9  Anm.  8. 

9.  ,.  LerouxII.  472,  wo  das  erste  Glied  lautet :  Aler  e  parier  poet  nomine. 

12.  ..  Leroux  II.  344. 

13.  „  Lauglois  35. 

14.  „  Tobler  26,  Ulrich  I.  89,  Langl.  38. 

17.  Sinnverwandte  Sprüche  gibt  es  wie:  La  trop  graude  ioye  se  tourne 
souvent  en  tristesse  (Garn.  405).  Pour  une  joye  mille  douleurs 
(Leroux  II.  374)  et  Toute  joye  fault  en  tristesse  (ibid.  .EI.  428) 
oder  Tel  rit  au  matiu  qui  au  soir  plenre  (Langl.  742). 

1*.  Verl.  Tobler.  38. 

19.  Nach  Garn.  436:  A  qui  il  meschiet,  chaeun  luy  rnessoffre  (Cui  fortuna 
sinistra,  ei  omnes  male  cupiunt)  und  (ibid.  464)  A  qui  il  meschiet, 
commuuement  on  luy  mesfait,  ebenso  bei  Sus.  6.  Tarbe  (Prov. 
t'hampen  .  .   S.  40)   führt  den  Spruch  bei  Jacques  de  Dompierre  an. 

21.  Vgl.  Leroux  II.   472. 

22.  „     Ulrich  I.  45,  Schepp  XXX. 

23.  Der  Spruch  lautet  auch:  Assez  ieusne  qui  mal  mange  ou  qui  mal 
vit  qui  pourement  vit  ( Jeiunat  satis  is  qui  paucis  vescitur  escis),  vgl. 
Garn.  63.  Sus.  7. 

24.  Vgl.  Tobler  6..  Ulrich  I.  105. 

25.  .,      Leroux  II.  473. 
26 II.  242. 

27.     ..     Tobler  56.  Ulrich  I.  31,  Stengel  37,  Meyer  S.  178. 

29.  „     Leroux  II.  473.  Langl.  65. 

30.  ..     Tobler  49. 

31.  So  auch  bei  Ulrich  I.  362,  Lauglois  68,  Leroux  II.  230.  473.  Stengel 
204  dagegen  hat  anstatt  gaigne  (Gewinn)  das  zu  coutel  mehr 
passende  morse/  (Rissen  . 


Zwei  altfrz.  Sprichwörtersamml.  i.  </.  I  Tniv.-  Bibl.  zu  Uppsala.     481 

32.  Vgl.  Langlois  70,  Sus.  7. 

33.  „     Leroux  II.  478. 

34.  ..     Tobler  72.  Ulrich  I.  37. 

35.  „     Schepp  XVII I.  Ulrich  I.  96. 

38.  ..     die  Erklärung  bei  Leroux  II.  236.  u.  Langl.  84. 

39.  Ebenso  bei  Langlois  93,  aber  Leroux  II.  473  gibt:  atant. 

40.  Vgl.  Leroux  IL  473  u.  Garn.  549:  Beau  parier  n'ecscorche  gorge. 

41.  Ebenso  bei  Leroux  IL  473.  aber  bei  Langlois  106:  Beaulte  sans  bonte. 

42.  Vgl.  Ulrich  I.  30,  Stengel  36,  Meyer  S.  178. 

43.  „     Langlois  97.  Leroux  IL  473. 

44.  ,.  „  104,  Sus.  9. 

45.  „      Ulrich  I.  463. 

46.  Eine  andere  Fassung  bei  Leroux  IL  473. 

48.  Vgl.  Ulrich  I.  152  u.  IL  30,  Leroux  II  247.  473,  486. 

49.  „  Leroux  IL  473.  Diese  Wahrheit  ist  anderswo  ausgedruckt  mit: 
Besoigniex  n'a  loy  (Leroux  IL  247,  486,  Ulrich  I.  213.). 

50.  Auch  bei  Leroux  II.  473.  Derselbe  Gedanke  bei  Tobler  267. 

51.  Vgl.  Langlois  345.  Garn.  263:  II  a  beau  se  taire  de  l'escot  qui  rien 
n'en  paie. 

52.  Tobler  84  u.  Leroux  IL  186.  387,  390.  473  haben :  Saoul  oder  saous 
(satt)  Unsere  Hs.  verwendet  das  Partizipium  von  souler  (satullare). 

53.  Vgl.  Ulrich  I.  2. 

54.  „       „        I.  154.  Leroux  IL  138. 

55.  „     Langlois  123,  Ulrich  I.  102. 
55.     ..     Langlois  123,  Ulrich  I.  102. 

57.  ..  Ulrich  1.  399. 

58.  .,  Tobler  33,  Ulrich  I.  337.  oben  I.  161  u.  Mever  S.  178. 

59.  „  .,      4. 

60.  „  Homann  S.  13  unter:  cbaitif  u.  Langlois  149. 

61.  „  Ulrich  1.  432  u.  Langl.  145,  Stengel324. 

62.  „  die  Parallelen  bei  Ulrich  I.  194. 

66.  Anstatt  ueeie  von  veer  ^vetare)  hat  Langl.  152  donnee. 

68.  Der  .Spruch  kommt  mehrmals  vor  bei  Tobler  58,  131,  148,  238,  in 
vollständiger  Form  bei  Gilles  li  Muisis :  Gescuns  voelt  d'autruy  quir 
tallier  large  rorroye,  vgl.    Homann  Anm.  31  a),  auch  Meyer  S.  172. 

69.  Schepp  (8.  41)  gibt  zahlreiche  Parallelen. 

70.  Vgl.  Ulrich  I.  25,  4  u.  Tobler  181  Anm. 

71.  „     Leroux  IL  474. 

72.  ..  „      ibid.  u.  Martin  V. 

73.  „     Langlois  172  u.  Martin  IV. 

74.  Leroux  IL  474:  De  debles  vint  a  debles  irra  u.  IL  13:  Du  diable 
vint   au  diable  retourna. 

76.  Vgl.  Ulrich  I.  6,  Tobler  110. 
78.     ,:     Tobler  85. 

80.  „     Schepp  XXXI  (?.  54):  Petite  plue  abat  graut  vent. 

81.  „     Leroux  I.  41,  IL  375. 

82.  Die  Sentenz  des  Spruches  geht  aus  Tobler  130  hervor,  der  Ausdruck 
variiert  nur  um  den  geringsten  Beitrag  zu  bezeichnen,  vgl.  Leroux 
IL   144  u.  175,   Langlois  183,   Sus.  14,  wo  anstatt  estoupes  (Werg), 

paille  (Stroh)  oder  avaine  (Hafer)  verwendet  wird. 

83.  Vgl.  Leroux  I.  151:  Brebis  comptees  mange  bien  le  loup,  ibid.  IL 
475:  ouailes  (ovicula). 

84.  „      Tobler  212,  Ulrich  I.  441. 

86.  „      Ulrich  I.  42. 

87.  Der  Gedauke  kommt  zum  Ausdruck  in  verschiedener  Form  bei 
Langl.  201,  bei  Leroux  IL  180,  475:  Deux  gros  ne  puent  en  un  sac 
(vgl.  Ulrich  IL  83).  Unser  Spruch  entspricht  am  nächsten:  Non 
capit  elatos  unica  sella  duos  (vgl.  Sus.  15),  während  der  Toblersche 
(65)  und  der  von  Leroux  (I.  89)  aus  dem  16.  Jahrh.  belegte  lateinisch 
lautet :  Vix  poterit  binos  asinus  portare  superbos. 


482  /'.  Högberg. 

88.  \-\.   Ulrich  I.   15  Anin. 

90.     ..     Leroux  II.  475,  der  ftecches  hat. 

92.     ..     Kodier  177.  riricli  l.  465. 

9:;.  ..      Ulrich  I.  128,  wo  queue  begegnet. 

94.  Langlois  225,  Leroux  II.  47r>. 

96.  „     Stengel  227. 

97.  Khenso  bei  Langl.  342.  Leroux  II.  475  hat:  lerer. 

98.  Vgl.  Tobler  183. 

99.  ..      Ulrich   I.  479. 
101.     .,     Tobler  145. 

li>2.  Bei  Langl.  232  u.  Sus.  16  lautet  der  Spruch:  En  la  pel  ou  le  lou 
naist  1'  esconvient  inourir.  —  Es  ist  möglich.  da(3  der  Schreiber 
hons  anstatt  lous  gelesen  habe. 

109.  Langlois  270  hat  wie  Leroux  II.  476:  se  bien  non.  Sog.  19:  que  sens. 

HB.  Vgl.  Langl.  296,  Leroux  II.  476. 

114.  Langl.  291,  Leroux  II.  203,  Sus.  19:  grave  anstatt  trouble. 

115.  Leroux  II  476  vielleicht  fehlerhaft :  de  sa  meisnie,  vgl.  Langlois  290, 
Sus.  19. 

119.  Vgl.  Leroux  II  477.  Langl.  344. 
121.  Vgl.  Langl.  311,  Leroux^  I.  276,  Sus.  20. 

124.  Bei  Sus.  22:  Non  est  absque  suo  fortis  equus  vitio.  Dieselbe  Sen- 
tenz bei  Leroux  I.  162. 

129.  Vgl.  Tobler  209.  Langl.  361.  Homann  23  a)  (S.  14)  zitiert  zwei 
Beispiele  aus  Gilles  li  Muisis  und  Fehse  (30)  eine  andere  Fassung: 
La  ou  n'a  point  de  chat.  la  soris  se  tient  fiere. 

130.  „  die  Parallelen  bei  Schepp  (S.  47),  Ulrich  I.  56,  bei  Fehse  182 
u.  Leroux  II.  263  anders  formuliert. 

131.  Dieser  Spruch  ist  bei  Loth  341  näher  ausgeführt,  iindet  sich  auch 
deutlicher  ausgedrückt  in  Beispielen  aus  Tristan  u.  Aliscans  (Kadler 

521  u.  Ebert  76).  vgl.  auch  Wandelt  169. 

135.  Vgl.  Leroux  IL  477  u.  Ebert  112. 

136.  „      Fehse  5. 
140.      .,  „       31. 

149.  „  bei  Fehse  13  ein  Beispiel  aus  Froissart.  Leroux  IL  478  hat 
das  ausdrucksvolle :  oinst. 

150.  Vgl.  Langlois  410. 

152.  Der  hier  fehlende  adverbiale  Ausdruck  variiert,  vgl.  Ulrich  1  11. 

153.  Vgl.  Ulrich  I.  48  u.  IL  195,  Leroux  hat  (IL  478):  dos. 

154.  ..     Ulrich  I.  328. 

158.     ,.     die  Varianten  bei  Ebert  111. 
160.     „     Langlois  428,  Leroux  IL  478. 

162.  ..     die  Parallelen  bei  Schepp  XXXI  (S.  55), Ulrich  1. 12  ,Fehse75  (S.14) 

163.  Leroux  IL  478  hat  auch  escue,  Langl.  441 :  Mieux  vaut  pain  en 
huche  que  escrip  en  paroy. 

165.  Vgl.  Ulrich  I.  19,  Stengel  31,  217,  Meyer  S.  174. 

166.  „     bei  Fehse  112  (S  19). 

168.  „     die  Zusammenstellung  bei  Schepp  XIX  (S.  49) 

169.  So  auch  bei  Fehse  88  (S.  16.,  Ulrich  I.  266,  Meyer  S.  171. 
172.  Vgl.  Schepp  X  (S.  42),  Fehse  4  (S.  6) 

174.      „     Tobler  119.  Ulrich  I.  258. 

178.  „     Loth  111,  Ulrich  I.  408. 

179.  „     Langlois  472.  Leroux  IL  479. 

180.  „  Langlois  316,  aber  Leroux  IL  479:  Oy  (r)  dire  voyt  partut, 
Ulrich  IL  228. 

184.  „      Homann  Anm.  36.  (S.  18). 

185.  Anstatt  desdite  hat  Leroux  IL  480  contredit. 

186.  Vgl.  die  Parallelstellen  bei  Ulrich  I.  447. 

191.  „     denselben  Sinn  in  anderer  Fassung  bei  Tobler  31. 

192.  „     Ulrich  1.  55. 

193.  „     die  Varianten  bei  Ulrich  I.  161  u.  Tobler  22. 


.Zwei  alt fr z.  Sprichwörter satnml.  i.d.  Univ.-Bibl.  zu  Uppsala.     483 

11*7.  Bei  Tohler  4*5:  Par  soufraite  de  proudome  asiet  oii  fol  en  chaiere. 

200.  Ouer  bei  Langloia  5H3  aribt  anderen  Sinn,  vgl.  Fehse  193  (S.  29). 

201.  Vgl.  Tobler  126,  Ulrich  I.  189. 

202.  ..     Ulrich  I.  304,  Langl.  565. 

204.  Leroux  I.  194  belebt  diesen  Spruch  aua  dein  13.  .lahrü. 

205.  Vgl.  die  Parallelen  bei  Schepp  VI  (S.  39)  u.  Fehse  62  (S.  13), 
Ulrich  I.  22. 

207.  Vgl.  Ulrich  1.  44.  Tobler  104.  Das  Gegenteil:  Qui  a  bon  voisin  a 
bon  matin,  vgl.  Fehse  173  (8.  26). 

208.  Vgl.  Langloia  n.  .Martin  XXXVII. 

209.  ..     Parallelstellen  bei  Ulrich  I.  397. 

210.  „     Ulrich  I.  7. 
212.      ,.      Tohler  1. 

214.  ..      Ulrich  LI. 

215.  .,     Leroux  II.  481,  Langl.  609:  mesckine  (Mädchen)  anstatt  femtne. 

217.  ..     Tobler  28.  Stengel  41,  Meyer  S.  178,  oben  I.  26. 

218.  Unser  Ms.  hat  allein  eschiuer  (vermeiden,  entgehen),  sonst  (vgl. 
Tobler  129,  Ulrich  I.  129):  estoier  (aufbewahren),  das  auch  im 
späteren  garder    (Sus.  37)  wiederkehrt. 

220.  Zacher  137  hat  lu  (Wolf)  anstatt  glmdon  (Vielfraß),  vgl.  Homann 
Anm.  83. 

221.  Parallelstellen  bei  Ulrich  I.  289.  dem  Sinne  nach  übereinstimmend  bei 
Ebert  S.  32  u.  bei  Kadler  127.  das  Gegenteil  bei  Fehse  169  (S.  26). 

222.  Vgl.  Ulrich  I.  287. 

-223.  Die  ursprüngliche  Form  bei  Meyer  S.  178.  Vgl.  darüber  Schepp  XIV 
(S.  45)  u.  S.  57. 

224.  Vgl.  Ulrich  I.  36. 

225.  Langlois  653  hat  cointes.  unsere  Hs.  cointoist  (von  se  cointoier,  sich 
schmücken). 

227.  Somtite  steht  wohl  für  semtne.  Vgl.  Ulrich  1:  Qui  petit  seinuie, 
petit  keut,  Leroux  I.  85:  Qui  ne  seme  ne  cuilt  (recueille).  Qui  petit 
seine  petit  cenlt,  IL  482:  Qi  poy  seyme  poy  cuist  u.  IL  497:  Petit 
rechoit  qui  petit  seme  aus  dem  13.  Jahrh.  Vgl.  das  Gegenteil  bei 
Fehse  10b  u.  Schepp  VII.  15  (S.  41). 

228.  Vgl.  Schepp  209,  Ulrich  I.  52  u.  Fehse  196  (S.  29),  bei  Tobler  20: 
Plus  a  si  deables.  plus  couoite. 

229.  Vgl.  Tobler  240. 

231.  ..     Ulrich  I.  3. 
232 I.  278. 

233.     ,.  ..      I.  38:  acroust,  Langlois  <>70:  acroup.  nnsre  Hs.  richtiger 

assauce  (essaucier,  erhöhen). 
235.  Vgl.  Stengel  221. 

232.  „  Tobler  176.  222  u.  Schepp  XI  (S.  43).  Ulrich  I.  374.  Fehse  132 
(S.  21). 

240.  Vgl.  Schepp  XVI  (S.  47). 

243.  „     Fehse  168  (S.  25). 

244.  „     Schepp  XXV  (S.  52)  u.  Fehse  119  (S.  20).  Leroux  IL  483. 

247.  „     Ulrich  I.  144.  Kadler  324. 

248.  „     Ulrich  I.  16.  Fehse  181  (S.  27).  Tobler  216. 

249.  .,      Tobler  51. 

253.      ..     unten  261  u.  Tobler  99. 

255.  „     Fehse  81  (S.  15). 

256.  „     Ulrich  I.  291. 

258.  Anstatt  fait  n'est  pas  bei,  bien  etc.,  vgl.  Ulrich  I  376,  Fehse  108 
(S.  18),  Leroux  IL  483,  Langlois  736. 

.259.  Derselbe  Spruch  bei  Robert  (vgl.  Homann  Anm.  97).  Hier  wohl 
fehlerhaft  seit,  wenn  nicht  formelle  Übersetzung  von:  Allia  petra 
sapit  etc.,  sonst  immer  sent:  vgl.  Fehse  179  (S.  27),  Ulrich  I.  72. 


484  P-  Högberg. 

260.  VgL  Ulrich  I.  303. 

861.     ..     Tubler  99. 

2b3.     ..     Stengel  24:  Yentre  saoiil  joue,  nent  cote  none,  oben  1.  Jo. 

267.      „      Ulrich  I.  446. 

269.  Robert  58:  De  pou  de  levem  leve  grant  paste.  vgl.  auch  Leronx  11.  >dl 

ibid.  II.  483  fehlerhaft:  renayn. 
871.  Vgl.  oben  183. 
272.     ..     Fehse  171  (S.  26). 
276.     „     Ulrich  I.  404. 

Uppsala.  P-  Högberg.. 


Etymologisches. 

1.  Altfrz.  ehuine.  mei'sme  und  verwandte  Formen. 

Afrz.  chaine,  das  „dem  Anscheine  nach  jünger  ist  als 
chaaine"  betrachtet  G.  Colin  als  „durch  Verschmelzung  der 
beiden  a  entstanden*'  {Über  Suffixwandel  im  Vulgärlatein  225) 
und  er  vergleicht  damit  gain  aus  gaäing  (S.  177  Anm.),  ein 
Vergleich,  der  allerdings  nicht  paßt,  da  gain  'Weide'  und 
gauing  „Gewinn "  zwei  verschiedene  Wörter  sind,  wie  heute 
wohl  allgemein  anerkannt  ist.  Dagegen  schreibt  Tobler  bei 
Cohn:  „Könnte  sich  nicht  t  in  catena  in  i  aufgelöst 
haben  und  iei  zu  i  geworden  sein?  Vgl.  die  Formen  cha'ir, 
ve'ir  neben  chueir.  veeir  und  andererseits  chaiel,  praiel,  emblaier, 
desblaier,  praiete/,  citoyen,  mitogen,  tuyau" .  Dieselbe  Erklärung 
wie  Tobler  hatte  vier  Jahre  früher  für  cheir,  oe'ir,  se'ir  Horning 
gegeben:  „Aus  veieir  usw.,  wo  das  erste  i  den  Hiatus  füllt," 
unterscheidet  sich  also  nur  darin,  daß  er,  was  physiologisch 
das  einzig  zutreffende  ist,  nicht  von  einem  Wandel  von  t  zu  i, 
sondern  von  dem  Gleitelaut  /  spricht,  der  zwischen  den  beiden 
palatalen  Vokalen  entsteht,  vgl.  über  das  Verhältnis  von  t  und 
i  in  solchen  Fällen  Hornings  Ausführungen  ZRPh.  14,  484. 
Er  fügt  noch  hinzu  :  „An  einen  Übergang  dieser  Verba  in  die 
4.  lateinische  Konjugation  darf  man  nicht  denken."  Nicht 
anders  faßt  Herzog  diese  Formen  als  lautlich,  nicht  als 
analogisch,  allerdings  mit  einer  gewissen  Einschränkung.  Es 
„begegnen  die  Infinitive  ka'ir,  ve'ir,  se'ir  im  wallonisch-pikar- 
dischen  Gebiete,  wo  ich  sie  für  lautgesetzliche  Umbildungen 
von  kaoir,  seoir,  veoir  (Schwund  des  o  oder  vielleicht  noch 
des  e  im  Hiatus)  halte.  Ka'ir  ferner  gehört  auch  einem  Teile 
des  Norm,  seit  alten  Zeiten  an,  doch  ist  dieses  norm,  ka'ir 
vielleicht  nicht  lautgesetzlich,  sondern  vom  Perf.  ca'i  aus 
gebildet".  Nur  Voretzsch,  Einführung  in  das  Studium  der 
afrz.  Sprache  S.  138  sagt  „Daneben  bildet  das  Französische 
noch  einen  neuen  Typus  nach  der  i-Konjugation  aus:  „Cadire- 
cheir" ,  eine  Bemerkung,  die  doppelt  irreführend  ist,  weil  sie 
bei  den  ja  noch  nicht  über  selbständige  Kenntnisse  verfügenden 
Anfängern,  für  die  das  Buch  bestimmt  ist,  den  Anschein  er- 
weckt, als  ob  die  Form  allgemein  altfranzösisch  sei  und  als 
ob  es  sich  nur  um  eine  morphologische  Erscheinung  handeln 
würde. 


t86  ll    Meyer-Läbke. 

Das  i  in  meisme  habe  ich  Rom.  Gramm.  3.116  als  Anlehnung 
an  das  Suffix  der  Ordinalia  erklären  wollen,  was  ohne  weiteres 
abgelehnt  werden  muß,  G.  Paris  rechnet  mit  dem  Einfluß 
eines  subj.  plur.  *is  von  ipsi  (Extraits  de  la  chanson  de  Roland 
18).  doch  ist  eine  solche  Beeinflussung  durch  eine  vereinzelte 
Kasusform  nicht  verständlich.  Mussafia  hält  »nehme  mit  nei8} 
fa'is  für  proklitische  Formen  (Rom.  28,  113).  gibt  aber  keine 
anderen  Beispiele  in  denen  eej  zu  eis.  würde,  legt  übrigens, 
abgeneigt  wie  er  solchen  Spekulationen  war,  keinen  großen 
Wert  auf  diese  Erklärung,  Haberl  geht  von  *meyisme  aus, 
wo  i)  sich  als  Gleitelaut  entwickelt  habe,  worauf  dann  ye  zu 
i  geworden  sei  (ZFSpL  331,  278  *),  gibt  also  eine  ähnliche 
Deutung  wie  Horning  für  cha'ine,  endlich  Espinosa  (PMLA 
America  36,  365)  erschließt  ein  lat.  ipse  neben  ipse,  womit  die 
Erklärung  nicht  gegeben,  sondern  in  ein  anderes  Gebiet  ver- 
schoben ist. 

Es  wird  sich  zunächst  empfehlen,  die  überlieferten  Formen 
zeitlich  und  räumlich  festzulegen,  soweit  das  möglich  ist. 

Für  catena  geben  die  alten  westlichen  Texte :  Roland,  die 
Psalter,  dann  der  Thebenroman,  Benoit  von  Sainte-More,  Wace 
nur  -eine-Formen,  ebenso  findet  sich  im  Osten  nur  -eine, 
-ene,  vgl.  für  letzteres  caiene  in  der  von  einem  Lothringer 
geschriebenen  Prise  de  Cordres  311.  Die  pikardischen  Texte 
ziehen  caaine  oder  schon  zweisilbiges  caine  vor,  so  Aiol  und 
Mirabelle,  Elie  von  S.  Gille.  Raoul  von  Cambrai,  Richart  le 
biau. 

Unter  solchen  Umständen  kann  man  fragen,  ob  eine  Form 
caine  überhaupt  bestanden  habe.  Der  Verfasser  des  Aiol  mißt  ein- 
mal caine,  zweimal  caine*,  ebenso  stehen  im  Sone  von  Nanteuil 
beide  nebeneinander.  Ob  nun  aber  das  jüngere  caine  aus  caine 
entstanden  ist,  wie  haine  aus  haine,  train  aus  träin,  trainer  aus 
trainer,  treitre  aus  traitre  (so  alle  noch  im  Aiol)  oder  aus  caaine, 
läßt  sich  schlechterdings  nicht  sagen  und  daher  ist  auch  nicht 
zu    entscheiden,    ob   caine,    das   auch    nur   im  Yersinnern    von 

1 1  Haberl  operiert  auch  mit  afirz.  maistre,  aber  ein  solches  Wort  gibt 
es  nicht,  alle  metrischen  Texte  kennen  von  Anfang  an  nur  zweisilbiges 
maistre.  Und  was  das  von  ihm  nach  Godefroy  angeführte  mistre  betrifft, 
so  ist  das  ein  ganz  anderes  Wort.  Es  kommt  bei  Peschanips  (6,  230  ed. 
Queux  de  Saint-Hilaire)  vor: 

Et  comme  f'aux  aient  de  papier  mitre 
Pour  escheler  par  le  bourriau  ou  mittre 

1  lazu  flie  Anmerkung  „maitre,  nom  applique  au  bourreau".  Hätte  der 
Dichter  an  einen  Zusammenhang  mit  maistre  gedacht,  so  hätte  er,  nach  der 
Schreibung  der  Ballade,  mistre  schreiben  müssen.  Aber  auch  davon  ab- 
gesehen ist  eine  Bezeichnung  des  Henkers  als  „Meister"  und  zwar  mit  dem 
Berufsnamen  durch  „oder"  verbunden  nicht  annehmbar.  Ou  heißt  „in  dem", 
mitre  bedeutet  „Gefängnis",  wird  als  Argotwort  in  der  Form  mittes  aller- 
dings erat  von  Leclair  1800,  als  mitre  von  Vidocq  1837  gebucht  (Saiuean 
L'argot  ancien  220),  ist  aber  offenbar  älter. 


Etymologisches.  487 

Raoul  von  Houdenc  Yengence  Raguidel  ^  1 34  verwendet 
wird,  nicht  bloße  Haplographie.  nicht  wie  Colin  meint, 
Jlaplologie  sei.  Solange  ein  kaine  nicht  im  Reime  erscheint, 
möchte  ich  an  der  Berechtigung  der  Form  zweifeln,  auf  alle 
Fälle  muß  sie  als  pikardisch.  nicht  schlankweg  als  alt- 
französisch bezeichnet  werden.  Beachtenswert  ist.  daß  sich  im 
Sone  von  Nanteuil  auch  aisier  für  aaisier  findet,  wie  Gr.  Paris 
Rom.  31,  127  hervorgehoben  hat. 

Die  Belege  für  meesme,  meisme  hat  M.  Espinosa  a.  a.  0. 
zusammengestellt.  Daraus  ergibt  sich,  daß  Oxforder  und 
Cambridger  Psalter  medesme.  letzterer  auch  meesme  schreiben, 
daß  ein  medisme  nur  im  Alexius  vorkommt,  daß  sonst  meesme 
nur  sehr  selten  durch  Assonanz  oder  Reim  gesichert  ist,  z.  T. 
in  späten  Texten,  wo  e-i  zu  e  geworden  ist,  und  im  V ers- 
innern und  Prosa  nur  meisme  mit  so  verschwindend  geringen 
Ausnahmen  anzutreffen  ist,  daß  diese  wenigen  meesme  als 
Fehler  oder  als  Zwitterschreibungen  zwischen  gelesenem 
meisme  und  gesprochenem  mesme  betrachtet  werden  können. 
Wären  die  Beispiele  im  Alexius  nicht,  so  würde  man  ohne 
weiteres  zu  der  Auffassung  gedrängt,  daß  der  Wandel  von  e 
zu  i  mit  der  Stellung  im  Hiatus  zusammenhänge.  Sollte  nun 
etwa  medisme  doch  ein  gesprochenes  meisme  wiedergeben,  sei 
es.  daß  der  Yerfaser  inedesme,  der  Schreiber  meisme  sprach, 
sei  es.  daß  jener  zwischensilbisches  t  nur  noch  archaisierend 
schrieb?  Die  erste  Auffassung  erweist  sich  dadurch  als  nicht  zu- 
treffend, daß  meisme  in  der  Assonanz  steht,  der  zweiten  wider- 
spricht die  entschiedene  Äußerung  von  G.  Paris:  „le  fait  (die 
Bewahrung  des  d  in  der  Aussprache)  n'est  pas  douteux  un  seul 
instant  pour  l'Alexis.  gräce  ä  la  fidelite  du  copiste  auquel 
iiüus  devons  le  manuscript  de  Lambspringen"  (La  cie  de  saint 
Alexis  92).  Und  doch  ist  die  Sache  nicht  so  sicher.  Die 
Mehrzahl  der  Beispiele  wird  gebildet  durch  weibliche  Partizipien. 
Wenn,  wie  dies  in  gewissen  Gegenden  der  Fall  war.  das 
auslautende  t  fester  ward  als  das  inlautende,  so  konnte  in 
den  Femininen  das  Masculinum  das  d  halten.  Dazu  kommt 
die  Erinnerung  an  das  Lateinische,  die  hier  oder  in  fideilz 
(man  beachte  das  i)  oder  in  lodet  oder  medre  ja  nahe  genug 
lag.  Aber  daß  crier  auf  quiritare  beruhe,  mochte  ein  mittel- 
alterlicher Schreiber  kaum  erkennen  und  auch  oblier  mochte 
nicht  sofort  oblitus  ins  Gedächtnis  rufen.  Vollends  feut,  feude 
auf  fatum  zurückzuführen,  ist  erst  den  späteren  Etymologen 
vorbehalten  gewesen.  Dies  letztere  Wort  ist  auch  darum  von 
Wichtigkeit,  weil  der  Wandel  des  tonlosen  u  zu  e  an  den 
Zusammenstoß  mit  dem  betonten  ü  gebunden  ist,  s.  Frz.  Gramm. 
§  137,  also  wiederum  den  Schwund  des  d  sichert.  Somit 
ergibt  sich.  daß.  da  tatsächlich  erst  meesme  zu  meisme  wurde, 
e-e  zu  e-i  dissimiliert  ist.  daß  also  meisme  und  ne'is  auf  einer 
Stufe  stehen. 


486  II '.  Meyer-Lübke. 

Als  Gegenbeispiel  gegen  diese  Erklärung  der  genannten 
Wörter  könnte  man  feeil  aus  fidele  anführen.  Allein  der 
Vergleich  paßt  nur  für  den  Westen,  nicht  für  Zentrum  und 
Osten,  wo  ei  zu  oi  geworden  ist.  Ein  feoil  blieb,  da  das  o 
artikulatorisch  von  e  und  /'  zu  weit  entfernt  war,  um  in  einem 
der  beiden  Laute  aufzugehen.  Nur  im  Westen  würde  ein 
feeil  annähernd  dem  meesme  entsprechen.  Aber  doch  auch 
nur  annähernd.  Peestre  zeigt,  daß  ee_  nicht  zu  ei  dissimiliert 
wird.  Nun  ist  ei  frühzeitig  zu  n  geworden,  woraus  das 
heutige  ?,  man  wird  also  sagen  dürfen,  daß.  als  d  schwand, 
der  erste  Bestandteil  des  Diphtongen  im  Westen  schon  offener 
war  als  das  alte  ?,  daher  wurde  meesme  zu  me'isme,  feeil 
aber  blieb. 

Im  östlichen  motre,  watfre-Gebiet  begegnen  z.  T.  mom} 
mam  und  schon  in  alter  Zeit  hat  namentlich  aus  dem 
Burgundischen  Görlich  (Frz.  St.  7,  66)  moime,  mahne  belegt. 
Wendelborn  (Die  Sprache  des  Veyez  §  34)  mame.  Man  muß 
hier  unterscheiden.  Entweder  ist.  bevor  der  Hiatus  entstand. 
e  zu  o,  a  geworden  und  dann  natürlich  das  tonlose  e  ge- 
schwunden. Das  wird  die  Entwicklung  von  /nam(e)  sein,  ist 
vielleicht  auch  die  von  moime,  da  wenigstens  in  einigen  dieser 
östlichen  Urkunden  die  umgekehrte  Schreibung  oi  für  o  vor- 
kommt, vgl.  Görlich.  S.  72  ff.  Aber  es  fällt  doch  auf,  daß 
moime  sehr  viel  häufiger  begegnet.  Dazu  kommt  die  Messung 
mahne  im  Floovent: 

et  moimes  li  rois  est  vettuz  tot  devant  475 
und  so  noch    590,    1012    (die  Stellen    hat   schon  Darmesteter, 
De  Floovante  6  beigebracht)  oder  in  dem  von  P.  Meyer  Rom. 
6,  29  veröffentlichten  burgundischen  Gedichte   von    den    zwei 
Rittern : 

Ou  euer  moimes  saichiz  donc  404. 

Also  auch  hier  zunächst  meisme,  dann  Wandel  des  ton- 
losen e  nach  Labial  zu  o,  wie  dies  im  Osten  weit  verbreitet 
ist,  vgl.  z.  B.  Horning,  Grenzdialekte  S.  32. 

Cha'ir. 

Die  älteste  Flexion  dieses  Verbums  ist  in  den  wesent- 
lich in  Betracht  kommenden  Formen  chaoir,  chai,  chaoit,. 
so  im  0  Ps. :  Perf.  chairent,  Brandan  :  Inf.  chaer,  Perf.  chai  usw. 

Ein  Perfectum  chaui,  das  Suchier  ZRPh.  2,  287  ansetzt, 
findet  sich  in  keinem  der  von  ihm  seiner  Abhandlung 
zugrunde  gelegten  Texte,  auch  nicht  in  den  anderen  west- 
lichen oder  nördlichen.  Die  von  Tumlirz  (Die  französischen 
ui-Perfekta  außer  poi  (potui)  bis  zum  13.  Jahrlt.  einschließlich 
S.  26)  gemachte  Bemerkung,  daß  nur  im  Lothringischen  ein 
w-Perf.  dieses  Verbums  üblich  sei,  ist  durch  die  in  der  Folge  er- 
schienenen Denkmäler  nur  bestätigt  worden.  Selbst  Pals- 
grave  kennt  nur  cheys,  w-ogegen  allerdings  nach  Tumlirz  die  Über- 


Etymologisches.  489 

Setzungen  der  Predigten  Bernhards  und  Ezechiel  cheu  auf- 
weisen, vgl.  ferner  cheurent  im  Lothringer  Psalter. 

Daraus  ergibt  sich  zunächst,  daß  wenn  die  Übereinstimmung 
aller  romanischen  Sprachen  auf  ein  '"'cadere  weist,  doch  trotz 
ital.  caddi.  prov.  cazea,  afrz.  cheui  nicht  auch  schon  ''cadui  als 
vulgärlateinisch  anzusetzen  ist.  daß  vielmehr  die  einzelnen 
Sprachen  unabhängig  voneinander  zu  diesen  Bildungen  ge- 
langt sind.  Wir  müssen  vielmehr  voraussetzen,  daß  das  alte 
cecidi  durch  *cadi  ersetzt  worden  ist,  woraus  afrz.  *chiei  cheis 
*ckiet  cheimes  cheistes  *chierent.  Der  Zusammenfall  der  3.  Sing, 
mit  der  3.  Sing.  präs.  bedingt  eine  Neubildung,  die  durch  die 
endungsbetonten  Formen  sich  von  selbst  ergab.  Auch  im 
Italienischen  dürfte  zunächst  Präs.  cade:  Perf.  *cade  nach  viene: 
venne,  muove  :  movve,  vuole  :  rolle  usw.  zu  cade  :  cadde  um- 
gestaltet worden  sein.  Daß  prov.  cazep  erst  auf  einer  kürzeren 
Form  aufgebaut  ist.  zeigt  die  Betonung  des  e,  ja  es  fragt 
sich,  ob  nicht  cazet.  d.  h.  also  eine  schwache  £-Form  älter  sei 
und  sich  cazec  z.  B.  im  Albigenserkrieg  dazu  verhalte  wie 
issic  desselben  Textes  zu  dem  älteren  issit. 

Ein  Infinitiv  cheoir  konnte  danach  auf  der  einen  Seite 
zwar  bleiben,  weil  er  in  seoir,  veoir  eine  Stütze  hatte,  er 
konnte  aber  auch  nach  dem  Perfektum  chai  zu  chair  um- 
gestaltet werden.  Warum  nun  im  Westen  das  eine,  das  andere 
im  Zentrum  geschehen  ist.  mag  vorläufig  noch  unerledigt  bleiben. 

Veir  und  se'ir  sind  nach  ihrem  Vorkommen  in  alten 
Texten  von  jeher  als  pikardisch  bezeichnet  worden  und  die 
Angaben  des  Sprachatlasses  wie  der  übrigen  Hilfsmittel  be- 
stätigen das  vollkommen:  dem  eigentlich  Wallonischen  sind 
sie  ebenso  fremd  wie  dem  Normannischen  und  der  Ile 
de  France.  Schon  Herzog  hat  a.  o.  O.  ganz  richtig  be- 
merkt, daß  diese  Infinitive  „zur  Zeit  des  pikardischen  Ein- 
flusses auch  in  die  Champagne  eindrangen,  da  sie  den  Dichtern 
bequeme  Reime  ermöglichten",  hat  also  damit  diesen  Teil 
der  Ergebnisse  von  Gertrud  Wackers  fleißigen  Zusammen- 
stellungen {Über  das  Verhältnis  von  Dialekt  und  Schriftsprache 
im  Altfranzösischen  S.  83)  schon  neun  Jahre  früher  festgestellt, 
nur  hätte  er  auch  das  veir  in  der  Assonanz  in  Karls  Reise 
442  so  beurteilen  sollen.  Es  liegt  nun  sehr  nahe,  veir  aus 
*veeir  genau  so  zu  erklären  wie  meisme  aus  meesme:  durch 
Dissimilation  ist  veiir  entstanden,  worin  natürlich  die  zwei  i 
zu  einem  verschmolzen.  Daß  veoir  blieb,  ist  weiter  nicht 
auffällig  und  für  Norm,  veeir  gilt  das  S.  488  anläßlich  feeil  Be- 
merkte. Dann  würde  weiter  folgen,  daß  ei  im  Pikardischen 
zunächst  geblieben  ist,  während  es  im  Osten  zu  oi  wurde, 
daß  also  hier  schon  vedoir  und  dort  noch  vedeir  gesprochen 
wurde.  Nach  Schwund  des  <7  blieb  veoir,  :':veeir  aber  wurde 
zu  veir  und  nun  erst  drang  vom  Osten  oder  Süden  her  die 
o?'-Welle  auch  in  die  Pikardie. 


4v»0  W.  Meyer- Lübke. 

Die  dialektischen  Verschiedenheiten  sind  in  der  vor- 
lud orischen  Zeit  in  Nordfrankreich  in  manchen  Dingen  größere 
oder  andere  gewesen  als  uns  die  literarischen  Denkmäler  des 
11.  und  12.  Jahrh.  sehen  lassen.  Nur  einmal  ist  im  Westen 
caroi  aus  quadruviutn  belegt  (Thomas  Rom.  26.417).  nur  schwach 
bezeugt  nie  als  reguläre  Form  von  auca  (Bruch,  ZRPh.  36.  313, 
vgl.  38,711):  in  beiden  Fällen  erweist  sich  das  palatale  Element 
als  das  stärkere,  im  Gegensatz  zum  Zentrum  und  Osten,  wo 
das  labiale  widerstandsfähiger  ist:  ein  paar  anglonormannische 
Belege  und  ein  Dialektwort  erweisen  für  sekundäres  tl  eine 
gesonderte  Umgestaltung  (ZRPh.  38,  211),  aber  je  mehr 
solcher  vereinzelter  Steinchen  zusammengelesen  werden,  um 
so  mehr  Aussicht  ist  vorhanden,  das  Bild  einst  wieder  her- 
stellen zu   können. 

Ist  die  gegebene  Erklärung  richtig,  so  zeigen  uns  die  in 
Betracht  kommenden  Wörter  die  bei  dem  sonstigen  Ver- 
hältnis der  Umgestaltung  betonter  und  tonloser  Vokale  im 
Französischen  auffällige  Erscheinung,  daß  der  an  sich  schwächere, 
tonlose  Laut  bleibt,  der  an  sich  stärkere,  betonte  verändert 
wird.  Allein  die  Sache  läßt  sich  verstehen,  wenn  wir  dem 
Wesen  der  Erscheinung  etwas  mehr  nachgehen.  Auch  nach 
alledem  was  Brugmann,  Das  Wesen  der  lautlichen  Dissi- 
milation {Abhandlungen  der  phil.-hist.  KL  der  sächsischen  Ge- 
si //schaff  der  Wissenschaften,  Bd.  27)  und  die  von  ihm  zitierten 
ATorgänger.  dann  nach  ihm  Hoffmann-Kraver  (Festschrift  :nr 
49.  Versammt.  deutscher  Philologen  1907,  491ff.)  und  E.  Schröder 
(Nachrichten  der  Gesellschaft  der  Wissenschaften  zu  Göttingen, 
phil.-hist.  Kl.  1908.  16 ff.)  über  den  Gegenstand  gesagt  haben, 
bleibt  doch  noch  manches  recht  dunkel.  Sofern  die  Dissimilation 
das  Ineinanderfließen  zweier  sich  berührender  Laute  verhindert, 
ist  sie  im  ganzen  verständlich.  Wenn  ei  zu  ai  wird,  so  ist 
die  Entfernung  zwischen  den  Artikulationsstellen  der  zwei 
Vokale  vergrößert,  die  Vergrößerung  kann  eine  schrittweise 
sein,  sie  kann  aber  auch  in  der  Weise  eintreten,  daß  die 
Artikulation  von  der  palatalen  in  die  entsprechende  velare 
Region  überspringt  und  umgekehrt,  also  e  durch  o,  o  durch  e 
ersetzt  wird:  ei  wird  zu  oi,  ou  wird  zu  eu.  Aber  bei  Fern- 
dissimilation ist  mir  der  im  Komanischen  so  häufige  Fall  e-o 
aus  o-o  nicht  verständlich.  Bei  dem  anderen  noch  beliebteren: 
e-i  aus  i-i  handelt  es  sich,  glaube  ich.  um  etwas  anderes.  Die 
zweite  i- Artikulation  schwebt  dem  Sprechenden  schon  so  deutlich 
vor,  daß  er  die  erste  nicht  mehr  vollkommen  bildet,  daß  er  also 
nicht  bis  zur  äußersten  Enge,  bei  der  ein  Vokal  noch  möglich 
ist,  schreitet,  sondern  auf  halbem  Wege  stehen  bleibt.  In 
unserem  Fall  liegt  nun  aber  nicht  Fernassimilation  vor.  sondern 
das  Deutlichkeitsbestreben  und  da  ist  es  nur  natürlich,  wenn 
bei    diesem  Bestreben  der  eine  Vokal,   dessen  Artikulation  an 


Etymologisches.  491 

sich  schon  die  bestimmtere  ist.  von  dem  unbestimmteren  mehr 
abgerückt  wird. 

Sodann  soll  noch  angeführt  werden,  was  gegen  die 
Gleitelaut-Theorie  spricht.  Daß  von  den  Toblerschen  Bei- 
spielen, auch  wenn  man  seine  Auffassung  durch  die  Horning- 
sche  ersetzt,  die  Wörter  auf  -yau  auszuschalten  sind,  braucht 
heute  wohl  nicht  mehr  besonders  betont  zu  werden.  Die 
alten  Formen  sind  fiael  flayaus,  tuet  tuyaus  usw.,  das  y  ist 
nicht  aus  t  entwickelt  und  ist  nicht  Gleitelaut,  sondern  ist  aus 
e  vor  /  oder  u  entstanden. 

Anders  verhält  es  sich  mit  deblayer,  emblayer.  citoyen, 
apitoyer,  pitoyable,  mit<>ijt>n,  dann  corvoyeur  „celui  qui  fait  la 
corvee." 

Alle  diese  Formen  sind  jung,  ihre  Vorgänger  im  11.  Jahrh. 
lauten  citeain,  desbleer,  embleer,  piteable,  miteain,  sie  können 
also  schon  deshalb  nicht  mit  den  anderen  sehr  viel  älteren  auf 
eine  Stufe  gestellt  werden. 

Das  Altfranzösische  ist  in  seiner  ersten  Periode  ja  über- 
haupt eine  Sprache  mit  festem  Silbencinsatz,  und  als  dann 
in  einer  zweiten  Epoche  die  Konzentration  des  Wortkörpers 
erfolgte,  wurden  die  den  Reibelauten  am  nächsten  stehenden 
i,  ii,  ü  zu  i,  u,  ü}  wogegen  a,  e,  o  sich  dem  folgenden  Vokal 
anglichen.  So  war  die  hiatusreiche  Sprache  zu  einer  hiatus- 
losen geworden.  Ein  gewisser  Konflikt  entstand,  wo  vokalisch 
anlautendes  Suffix  an  vokalisch  auslautenden  Stamm  trat. 
Die  üblichste  Lösung  war  das  bekannte  -t-,  aber  in  manchen 
Fällen  konnte  man  nicht  dazu  greifen.  Zu  diesen  gehört 
citeain,  dem  ein  Vorbild,  das  :i:citetain  hätte  hervorrufen  können, 
fehlte,  das  aber  auch  nicht  zu  *citain  zusamengezogen  wurde, 
weil  dabei  Stammwort  und  Ableitung  ineinander  verschmolzen 
wären.  So  blieb  citeaiH,  aber,  da  Hiatus  im  allgemeinen 
nicht  bestand,  entwickelte  sich  der  Gleitelaut.  Man  sieht, 
daß  nicht  nur  zeitlich,  sondern  auch  in  ihrem  Wesen  me'isme, 
ve'ir  von  citoyen  durch  und  durch  verschieden  sind. 

Ganz  anders  als  der  westliche  und  der  zentrale  ist  der 
ostfranzösische  Sprachrhythmus.  Im  Wallonischen  und  Lothrin- 
gischen findet  nicht  Zusammenziehung  der  Hiatusvokale  und 
nicht  Konsonantisierung  des  ersten  statt,  sondern  beide 
bleiben,  aber  mit  Entwicklung  eines  Gleitelautes  (vgl.  z.  B.  Z.  f. 
Sp.  L.  441,  76).  Für  Horning  lag  bei  seiner  vorzüglichen 
Kenntnis  dieser  Mundarten  eine  Übertragung  des  dort  be- 
obachteten auf  das  Pikardische  nahe.  Aber  eben  weil  es  sich 
um  Übertragung  einer  Erscheinung  aus  einem  Gebiet  in  ein 
anderes  handelt,  muß  man  sich  fragen,  ob  der  Gesamtcharakter 
eine  Berechtigung  dazu  gebe  —  und  diese  Frage  ist  zu  ver- 
neinen. 

Nachträglich  stoße  ich  in  L.  Wieses  Arbeit  über  die 
Sprache    der   Dialoge   des  Papstes  Gregor  S.  14   auf  die  Be- 


492  W.  Meyer- Lübke. 

merkung:  „meisme  durch  Dissimilation"'.  Die  Erklärung  ist 
somit  nicht  neu,  aber  da  auch  Behrens  die  Stelle  übersehen 
zu  haben  scheint,  sc»  mag  neben  ihrer  Hervorhebung  auch 
meine  etwas  breiter  geratene  Ausführung  stehen  bleiben. 

2.  Altfranzösisch  rampoaner. 

Die  Verknüpfung  von  afrz.  ramposner  „verhöhnen"  mit 
dem  germ.  Stamme  rampa  „Klaue",  wie  sie  Diez  vorgeschlagen 
hatte'-),  ist  morphologisch  nicht  wohl  möglich,  denn  das  s  ist 
nicht  falsche  Schreibung,  sondern  gesprochen,  wie  aus  agn. 
rampodner,  apikard.  ramponier  prov.  rampoinar,  gask.  lampour- 
ii n.  welch  letzteres  Jeanroy,  Annales  du  Midi  17.  75  mit  Recht 
hierher  stellt,  erhellt.  Aus  einer  prov.  oder  afrz.  Form  mit 
in  oder  ign  aus  su  ist  aital.  rampognare  entlehnt.  Erweist  sich 
danach  Frankreich  als  die  engere  Heimat  des  Wortes,  so  darf 
man  wohl  noch  einen  Schritt  weiter  gehen  und  Nordfrankreich 
als  Ausgangspunkt  bezeichnen.  Denn  so  häufig  ramposner  im 
Altfranzösischen  ist.  so  selten  tritt  es  im  Provenzalischen  auf, 
und  während  die  nordfranzösischen  Mundarten  es  noch  z.  T. 
bewahren,  kennen  es  die  südlichen  abgesehen  von  dem  einen 
angeführten  Beleg  nicht  oder  kaum  3).  Für  den  Norden  aber 
bietet  sich  eine  Erklärung,  die  vielleicht  Beifall  findet.  Mit 
prosnt  wird  der  Teil  der  Kirche  benannt,  hinter  dem  der 
Geistliche  predigt,  bei  dem  die  Narren  während  des  Gottes- 
dienstes gefesselt  sind: 

Home,  qu'an  ne  puet  chastiier 

Devroit  an  au  mostier  liier 

(  '(hui  desve  devant  les  prosnes 
heißl  es  im  Löwenritter  627.  Ein  *remprosner  wäre  also 
etwas  ähnliches  wie  unser  ,.an  den  Pranger  stellen",  „dem 
öffentlichen  Gelächter  aussetzen".  Der  Schwund  des  ersten 
r  durch  Dissimilation  macht  weiter  keine  Schwierigkeit  und 
wenn,  was  ich  allerdings  nicht  beweisen  kann,  der  Ausgangs- 
punkt die  Gegend  ist.  in  der  gedecktes  en  zu  an  wird,  so 
war.  nachdem  infolge  des  Schwundes  von  /•  jeder  Zusammen- 
hang mit  einem  Substantivuni  verloren  war,  die  lautliche 
Übernahme  ohne  Umsetzung  in  die  Lautform  der  über- 
nehmenden Sprache  gegeben.  Fragen  kann  man  sich  noch, 
ob  pik.  ramproner  das  alte  r  auch  behalten  habe  oder  ob  erst 
l  mstellung  aus  "'ramponier,  wie  das  Wort  im  Pikardischen 
lautet,  eingetreten  sei.  Bei  der  Vorliebe,  die  das  Pikar- 
dische   für  die  Lautreihe  kons.  -\~  y-f- Vokal  hat  (freie",  fremer 

2)  Diez  führt  auch  venez.  ramponar  „häkeln"  an,  das  Boerio  in  dieser 
Bedeutung  nicht  kennt,  das  aber  allerdings  zu  rampon  „Haken"  gehört, 
und  katal.  rampoina  „Schnitzel.  Abfälle",  das  mir  unverständlich  ist. 

')  Mistral  führt  neben  rantpind  und  rampound  noch  rampougnä  an,  über 
welch  letzteres  man  nähere  Auskunft  brauchte. 


Etymologisches.  493 

usw..  vgl.  Suchier,  Aucassin  §  14,  Rom.  Gramm.  1  §  576  4), 
ist  die  zweite  Auffassung  wohl  vorzuziehen.  Daß  ramp-, 
nicht  remp-  auch  pikardisch  wäre,  beweisen  apikard.  tams, 
essample,  ensamble. 

Foerster  hatte  prosner  auf  lat.  procinare  zurückgeführt 
(Zh'Pli.  15,  522),  daher  wohl  die  Frage  aufgeworfen  werden 
muß.  ob  ramposner  sich  nicht  einfacher  damit  verbinden  lasse. 
Die  Schwierigkeit  oder  geradezu  die  Unmöglichkeit  liegt  darin, 
daß  procinare  zu  -proisnier  hätte  werden  müssen.  Foerster 
sagt  das  auch  und  fügt  hinzu,  eine  solche  Form  und  ein  Adj. 
proisne  „beredt"  komme  vor,  gibt  aber  weder  Belege  noch 
erklärt  er,  wie  daraus  im  Französischen  das  übliche  prosne 
hätte  entstehen  können.  Bei  Godefroy  fehlen  Belege  für 
solche  Formen,  daher  man  an  ihrem  Vorhandensein  zweifeln 
bzw.  sich  fragen  kann,  ob  sie  nicht  erst  dialektische  Ent- 
wicklungen von  -sn-  zu  -in-  zeigen. 

Bonn.  W.  Meyer-Lübke. 


*)  Zu  streichen  ist  hier  esprevier.  Diese  Form  ist  die  im  Altfranzösischen 
hei  weitem  häufigere,  regelmäßig  entstanden  aus  esparwari,  da  zwischen- 
toniges  a  zu  e  wird,  vgl.  Herzog  Streitfragen,  S.  109  f.,  wo  namentlich 
Chambrecy  aus  Camarciacn,  Chevrecy  aus  Cabardiacu,  Leuvrigny  aus 
Liburniacu,  nuitrenel  aus  nocturnale  deutlich  zeigen,  daß  in  solcher 
Stellung  ein  r  resultiert,  das  nun  je  nach  Sprachrhythmus  und  Tempo  als 
re  oder  als  er  erscheint.  Das  spervarios  des  capitulare  de  villis  ist  somit 
nur  als  nordfranzösische,  nicht  als  südliche  Form  zu  verstehen,  vgl.  dazu 
Jud-Spitzer  WS.  6, 128.  Was  Winkler  ZRPh.  368,  567  dagegen  einwendet,  ist 
nur  aus  dem  Gesichtspunkte  der  Erregung  zu  verstehen,  in  der  der  Verf. 
bei  der  Niederschrift  seiner  Entgegnung  sich  befand,  wissenschaftlich  be- 
trachtet ist  es  unverständlich. 


Ztachr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XL V  7/8.  34 


Technische  Hochschulen  und  neuere  Sprachen. 

In  Sachen  der  den  preußischen  Volksvertretern  jüngst 
zugegangenen  Denkschrift  über  Förderung  des  Auslands- 
studiums ist  es  im  Abgeordnetenhause  zu  einer  Aussprache 
gekommen,  bei  welcher  der  Kultusminister  sich  dahin  äußerte, 
daß  für  die  Lösung  jener  Aufgabe  in  erster  Linie  die 
Universitäten,  nicht  minder  aber  auch  die  Technischen  Hoch- 
schulen in  Frage  kämen.  Mehrere  Abgeordnete  erhoben 
ebenfalls  die  Forderung,  daß  die  letztgenannten  Anstalten 
in  den  Dienst  des  Auslandsstudiums  gestellt  würden. 

Will  man  den  neuen  Gedanken,  der  unser  Schulwesen 
durchsäuern  soll,  auch  an  den  Technischen  Hochschulen  zur 
Geltung  bringen,  so  wird  das  nicht  ohne  wesentliche 
Änderungen  des  Unterrichtsbetriebes  geschehen  können.  Die 
Aufgabe,  dabei  das  richtige  Maß  zu  finden,  fällt  jenen  be- 
währten Sachverständigen  zu,  die  als  die  Vertreter  unserer 
technischen  Wissenschaften  gerade  im  Weltkriege  gezeigt  haben, 
wie  sehr  Deutschland  auch  in  diesem  Unterrichtszweige  an 
der  Spitze  der  gesitteten  Völker  marschiert.  Die  Frage,  was 
in  dem  eigentlich  technischen  Lehrbetriebe  zu  ändern 
wäre,  bleibt  deshalb  hier  unberührt.  Ich  möchte  mich  viel- 
mehr mit  einem  Hilfsgebiet  beschäftigen,  das  an  den  Tech- 
nischen Hochschulen  eine  meist  nur  bescheidene  Pflege  ge- 
funden hat,  aber  meines  Erachtens  berufen  ist,  bei  der  neuen 
Bewegung  eine  wichtige  Vermittlerrolle  zu  spielen:  ich  meine 
den  Unterricht  in  den  neueren  Sprachen,  von  denen  bisher 
im  wesentlichen  das  Englische  und  das  Französische  in 
Betracht  kamen. 

Die  dafür  vorgesehenen  Dozentenstellen  werden  neben- 
amtlich meist  von  Oberlehrern  verwaltet,  denen  dafür  eine 
gewisse  Jahresvergütung  und  der  Ertrag  der  Vorlesungs- 
gebühren zusteht.  Ihre  Lehraufgabe  ist  dreifacher  Art:  sie 
sollen  ihre  Hörer  erstens  mit  Land  und  Leuten  des  betreffenden 
Volkes  bekannt  machen,  sie  zweitens  in  dessen  technische 
Terminologie  einführen  und  sie  drittens  die  fremde  Sprache 
bis  zu  einem  gewissen  Grade  beherrschen  lehren.  Das  Herz- 
stück dieser  Dreiheit  zu  verwirklichen,  sind  die  Dozenten 
allerdings  vielfach  nicht  in  der  Lage  gewesen.  Denn  die- 
jenigen, an  welche  sich  der  Unterricht  wandte,  glänzten  in 
der  Regel  durch  Abwesenheit.  Wohl  stellte  sich  zu  Anfang 
des  Halbjahres  der  eine  oder  andere  Studierende  ein,  aber 
wenn  dann  der  Vorlesungsbetrieb  der  Hochschule  voll  ein- 
setzte und  der  Betreffende  sich  zur  Mitarbeit  oder  Vorbereitung 


Technische  Hochschulen  und  neuere  Sprachen.  495 

bei  den  fremdsprachlichen  Übungen  aufgefordert  sah,  ver- 
schwand der  seltene  Vogel.  Die  Zuhörer  bestanden  im 
wesentlichen  aus  Damen  und  Herren  der  gebildeten  Stände 
und  aus  Yolksschullehrern,  welche  die  Übungen  benutzen 
wollten,  um  sich  auf  Prüfungen  vorzubereiten.  Da  man  mit 
dieser  Zuhörerschaft  rechnen  mußte  und  letztere  an  der 
Beschäftigung  mit  speziell  technischen  Dingen  kein  Interesse 
hatte,  fiel  der  zweite  Teil  der  Lehraufgabe  fast  regelmäßig 
unter  den  Tisch.  Die  Dozentenstellen  vermochten  also  den 
Zweck,  für  den  sie  eigentlich  errichtet,  nur  unvollkommen 
zu  erfüllen. 

Solche  schiefen  Verhältnisse  dürfen,  wenn  die  Technischen 
Hochschulen  auch  auf  den  neuen  Gedanken  eingestellt  werden 
sollen,  nicht  länger  andauern.  Es  gibt,  meine  ich,  auch 
Mittel,  um  sie  abzuändern.  Das  erste  würde  darin  bestehen, 
der  Überbürdung  zu  steuern,  unter  welcher  die  Studierenden 
ersichtlich  leiden.  Die  seit  längerer  Zeit  in  Fluß  befindlichen 
Bestrebungen  der  Hochschullehrerschaft,  den  Studiengang 
von  allerlei  Entbehrlichem  und  Unwesentlichem  zu  entlasten, 
wären  fortzusetzen  und  abzuschließen.  Gelingt  es  hier,  nur 
das  wirklich  Wichtige  beizubehalten,  ohne  daß  deshalb  die 
Wissenschaftlichkeit  zu  kurz  kommt,  so  erhält  der  Studierende 
dadurch  eine  gewisse  Ellbogenfreiheit  und  gewinnt  Zeit,  um 
seine  allgemeine  Bildung  zu  fördern  und  sich  auf  den  Grenz- 
und  Hilfsgebieten  seines  Faches  umzusehen. 

Nun  ist  freilich  noch  nicht  gesagt,  daß  die  vom  Alpdruck 
des  Zuvielerlei  Befreiten  die  ersparte  Zeit  auch  wirklich  in 
der  gedachten  Weise  verwenden.  Bei  Übungen,  wo  es  sich 
nicht  nur  um  ein  Genießen  und  Zuhören,  sondern  auch  um 
Mitarbeit  handelt,  würde  jene  Maßregel  allein  die  Zahl  der 
teilnehmenden  Studierenden  nicht  wesentlich  erhöhen.  Wenn 
also  die  Beschäftigung  des  Hochschülers  mit  den  neueren 
Sprachen  als  wirklich  notwendig  erscheint,  wird  man  nicht 
umhin  können  zu  fragen,  in  welcher  Weise  etwa  eine  Ein- 
wirkung erfolgen  müsse.  Nichts  wäre  jedenfalls  verkehrter 
als  ein  Zwang.  Bestimmungen  wie  diejenige  nachzuahmen, 
daß  ein  Prüfling  ein  oder  das  andere  Praktikum,  Seminar 
oder  Kolleg  während  seines  Studiums  gehört  haben  muß, 
hieße  in  unserem  Falle  Irrwege  gehen.  Eine  Sprache  ist 
gleichsam  ein  Dornröschen,  das  mit  heißem  Bemühen  und 
unter  manchen  Enttäuschungen  umworben  werden  will. 
Der  nachhaltige  Eifer,  der  allein  die  Dornenhecke  zu  durch- 
brechen vermag,  beruht  aber  auf  treibenden  Kräften,  die 
nicht  vom  Zwang  geboren  sind.  Von  innen  heraus  müßte 
vielmehr  jene  Einwirkung  erstehen,  als  natürliche  Frucht  des 
neuen  Geistes,  in  welchem  der  „Denkschrift"  zufolge  unsere 
Jugend  aufwachsen  soll.  Dem  angehenden  Techniker, 
Ingenieur,  Chemiker  oder  Industriellen  muß  der  Glaubenssatz 

34* 


496  Carl  Friesland. 

anerzogen  sein,  daß  die  Welt  sein  Feld  ist.  Etwas  geradezu 
Verlockendes  sollte  für  ihn  der  Gedanke  besitzen,  den  alten 
Wettbewerb  um  die  friedliche  Durchdringung  des  Erdballes 
nicht  nur  in  dem  von  den  Mittelmächten  beherrschten  Gebiet 
und  den  neutral  gebliebenen  Staaten,  sondern  auch  in  den 
Ländern  und  Einflußsphären  unserer  jetzigen  Gegner,  besonders 
der  Engländer,  von  neuem  aufzunehmen.  Die  Arbeit  da 
draußen  dürfte  aber  dem  Hochschüler  nicht  bloß  deshalb 
wert  sein,  weil  sie  ihm  Existenz  und  Gewinn  verschafft, 
sondern  auch,  weil  er  sie  als  Kultur  a  u  fg  ab  e  ansieht, 
die  er  im  Namen  seines  Volkes  erfüllt,  als  Pionierarbeit, 
auf  deren  Gelingen  er  bei  den  scharfen  Anstrengungen  aller 
Nationen  nur  dann  rechnen  kann,  wenn  sie  auf  vorzügliche 
Ausrüstung  und  haarscharfes  Werkzeug  zurückgreift. 

Dazu  gehören  für  den  Studierenden  in  erster  Linie 
tüchtige  Fachkenntnisse.  Aber  dieses  Wissen  will  auch 
angewandt  werden,  und  das  vollzieht  sich  im  fremden 
Lande  oft  unter  ganz  anderen  Bedingungen  als  in  der  Heimat, 
unter  Schwierigkeiten,  Enttäuschungen  und  Fehlschlägen,  die 
zu  Hause  entweder  gar  nicht  oder  in  viel  geringerem  Maße 
zu  erwarten  sind.  Was  hilft  aber  ein  noch  so  gutes  Rüst- 
zeug, wenn  es  der  besonderen  Aufgabe,  die  es  lösen  soll, 
nicht  angepaßt  ist?  Um  dem  jungen  Techniker  in  solchen 
schwierigen  Lagen  zum  Erfolge  zu  verhelfen,  bietet  sich  ihm 
die  neuere  Philologie  als  Mittlerin  dar.  Rechtzeitig,  noch 
während  er  seine  Fachkenntnisse  sammelt,  zeigt  sie  ihm, 
unter  welchen  Verhältnissen  er  jene  voraussichtlich  einmal 
anzuwenden  hat,  und  gibt  ihm  die  Möglichkeit,  sich  auf  die 
Lage,  der  er  sich  später  gegenüber  sieht,  vorher  einzurichten. 
So  lernt  er  den  Boden  kennen,  den  er  bearbeiten  will,  und 
bekommt  Mittel  an  die  Hand,  in  ihn  einzudringen.  Es  wäre 
sehr  wesentlich,  wenn  sich  künftig  der  Hochschulstudent  auf 
Grund  der  ihm  anerzogenen  Gedankengänge  völlig  darüber 
klar  wäre,  daß  das  moderne  Sprachstudium  mehr  und  mehr 
eine  erhöhte  Bedeutung  für  seinen  Beruf  gewonnen  hat. 
Dazu,  daß  diese  Überzeugung  immer  tiefere  Wurzeln  faßt, 
kann  aber  auch  wesentlich  die  ganze  Art  beitragen,  wie  der 
Dozent  seinen  Unterricht  anzufassen  versteht. 

Zu  diesem  Zwecke  muß  er  das  eine  Prinzip,  Aufbau 
auf  breiter  Grundlage,  mit  dem  anderen,  bewußtem  Los- 
gehen auf  das  Ziel,  in  harmonischer  Weise  verbinden  können. 
Einigen  Geschickes  bedarf  es  dazu  bei  dem  ersten  Teil  der 
Lehraufgabe,  der  Einführung  in  die  fremde  Kultur. 
Wie  sich  das  Heute  und  das  Morgen  nur  aus  dem  Gestern 
erklärt,  geht  auch  die  Eigenart  eines  Volkes  als  etwas  nach 
langer  Entwicklung  Gewordenes  und  immer  wieder  der  Ver- 
änderung Unterworfenes  auf  die  nationale  Vergangenheit 
zurück.     Daraus  ergibt  sich  die  Notwendigkeit  geschieht- 


Technische  Hochschulen  und  neuere  Sprachen.  497 

1  icher  Betrachtung.  Diese  aber  systematisch  in  die  Form 
von  Vorlesungen  zu  kleiden,  hieße  Umwege  machen  und  das 
Ziel  nicht  scharf  ins  Auge  fassen.  Weit  empfehlenswerter 
scheint  mir,  auch  mit  Rücksicht  auf  die  Spracherlernung,  der 
Anschluß  an  eine  passende  Lektüre.  Für  das  Französische 
z.  B.  wären  Schriften,  wie  „Le  Petit  Parisien"  von  Krön, 
„A  travers  la  France"  von  Chalamet,  „En  France"  von 
Recluß,  „Les  Provinces  frangaises"  von  Bornecque-Mühlan 
oder  „L'Art  et  les  Artistes  frangais"  von  Le  Bourgeois,  in 
den  Mittelpunkt  derartiger  Übungen  zu  stellen.  Eine  weit- 
gehende Besprechung  geschichtlicher,  kulturgeschichtlicher, 
literarischer  und  künstlerischer  Fragen  läßt  sich  an  Hand 
solcher  Texte  in  ungezwungener  Weise  ermöglichen.  Der 
Ertrag  für  die  Hörer  dürfte  besonders  reich  sein,  wenn 
dem  Dozenten  umfassende  Auslandserfahrungen  zur  Verfügung 
stehen.  Die  auf  solche  Weise  übermittelte  Anschauung  von 
Land  und  Leuten  kann  schon  am  Halbjahrsende  ein  farben- 
reiches Mosaik  darstellen.  Gewiß  ist  es  mühsam,  Steinchen 
auf  Steinchen  dafür  zusammenzutragen,  aber  ein  derartig 
verfahrender  Lehrer  wird  das  Verständnis  für  die  fremde 
Eigenart  bei  seinen  Hörern  so  erfolgreich  fördern,  daß  sie 
ihren  Plan,  ins  Ausland  zu  gehen,  mit  Lust  und  Selbst- 
vertrauen weiterbetreiben. 

Dabei  ist  das  ihnen  zugedachte  Rüstzeug  noch  nicht 
einmal  vollständig.  Eine  Ergänzung  muß  nach  der  sprach- 
lichen Seite  erfolgen.  Zunächst  kommt  dabei  die  tech- 
nische Terminologie  in  Frage.  Neben  allgemein- 
verbindlichen Fachausdrücken,  wie  Ventil,  Feder,  Luftpumpe, 
Kurbel,  handelt  es  sich  sowohl  um  das  gesamte  Gebiet  der 
Werktätigkeit  (vgl.  Brett,  Bohle,  Balken,  Draht.  Schmirgel- 
papier, Dachpappe),  als  auch  um  den  weiten  Kreis  mathe- 
matischer und  naturwissenschaftlicher  Begriffe.  Die  Krönung 
bildet  dann  ein  ausreichender  Wörtervorrat  für  das  Sonder- 
fach des  Technikers.  Je  nachdem  er  in  der  chemischen 
Industrie,  in  einem  Walzwerk,  einer  Zeche,  einer  Maschinen- 
fabrik, einem  Elektrizitätswerk,  im  Eisenbahn-  oder  Tiefbau 
beschäftigt  ist,  muß  er  sich  die  entsprechenden  wesentlichen 
Fachausdrücke  zu  eigen  machen.  Ein  möglichst  großer 
Wortschatz  aus  dem  Gebiete  des  praktischen  Lebens  ist 
erfahrungsgemäß  für  jeden,  der  ins  Ausland  geht,  ein  un- 
entbehrlicher Begleiter,  ein  Kapital,  das  sich  vorzüglich  ver- 
zinst; das  lasse  sich  auch  der  Techniker  gesagt  sein.  Die 
Einführung  in  diese  gesamte  Terminologie  geschieht  wieder 
an  Hand  eines  Textes.  Für  die  französische  Sprache  ist  in 
solchen  technischen  Lesestoffen  die  Auswahl  bei  uns  noch 
nicht  groß,  in  Frankreich  und  Belgien  geradezu  gleich  Null. 
Es  fehlt  ein  Lesebuch,  dessen  Inhalt  den  Hauptgebieten  der 
modernen  Technik    entnommen    sein   müßte.     Immerhin   läßt 


498  Carl  Friesland. 

sich  mit  dem  Lektürematerial,  das  uns  heute  zur  Verfügung 
steht,  bei  gutem  Willen  doch  schon  das  Ziel  —  gründliche 
Bekanntschaft  mit  der  technischen  Sprache  —  erreichen. 

Die  beiden  Texte,  deren  Verwendung  für  solche  Kurse 
ich  in  Vorstehendem  empfohlen  habe,  dienen  nun  aber  nicht 
nur  den  Zwecken  der  Kulturgeschichte  und  der  Wortkunde, 
sondern  nach  Möglichkeit  auch  dem  dritten  Punkt  der  Lehr- 
aufgabe, der  Sprachbeherrschung.  Deshalb  hat  die 
Textbehandlung,  von  dem  eigentlichen  Übersetzen  abgesehen, 
in  der  Fremdsprache  zu  erfolgen.  Das  wird  sich  besonders 
dann  fruchtbringend  gestalten,  wenn  der  Dozent  es  versteht, 
seine  Zuhörer  zu  lebhafter  Teilnahme  an  der  Besprechung 
anzuregen.  Gelegentliche  grammatische  Zusammenfassungen, 
auch  stilistische  und  synonymische  Übungen,  müssen  für 
diese  Konversation  den  festen  Kern  abgeben ;  sie  sollen 
gleichzeitig  hindern,  daß  jene  zum  bloßen  Parlieren  herab- 
sinkt. In  welch  hohem  Maße  ein  gutes  sprachliches  Können 
dazu  mithilft,  den  Bewohnern  eines  fremden  Landes  näher- 
zutreten und  sich  ihr  Vertrauen  zu  erwerben,  hat  der  Krieg 
wieder  tausendfach  bewiesen.  Deshalb  darf  sich  ein  Pionier 
deutscher  Arbeit  diese  Gelegenheit  zum  Erfolge  nicht  ent- 
gehen lassen. 

Bei  einem  Zusammenwirken  von  Lehrer  und  Hörer,  wie 
es  hier  skizziert,  müßte  es  meines  Erachtens  gelingen,  die 
dem  neusprachlichen  Unterrichtsbetriebe  der  Technischen  Hoch- 
schulen noch  anhaftenden  Mängel  zu  beseitigen.  Wünschens- 
wert wäre  auch,  andere  Sprachen  neben  der  französischen 
und  der  englischen  noch  stärker  zu  berücksichtigen ;  diese 
müßte  allerdings  immer  den  ersten  Platz  behaupten.  Sollte 
sich,  wie  anzunehmen,  die  Zahl  der  Studierenden  unter  den 
Hörern  mehren,  würden  auf  die  Dauer  die  Dozenten  ihre 
Stellen  nicht  mehr  nebenamtlich  versehen  können.  Die 
Übungen  nützen  dem  Einzelnen  nur  bei  beschränkter  Teil- 
nehmerzahl; die  Einrichtung  von  Parallelkursen  läßt  sich 
deshalb  bei  stärkerem  Andränge  nicht  umgehen,  und  das 
nimmt  eine  volle  Kraft  in  Anspruch.  Für  sehr  fruchtbringend 
hielte  ich  eine  Beteiligung  der  Dozenten  an  den  Studienreisen, 
welche  die  Hochschüler  unter  Leitung  ihrer  Professoren  ins 
Ausland  unternehmen.  Die  Verwirklichung  aller  dieser  Vor- 
schläge dürfte  um  so  weniger  auf  Schwierigkeiten  stoßen, 
als  zur  Förderung  des  neuen  Gedankens  genügend  Mittel 
eingestellt  werden  sollen.  Wenn  davon  einiges  der  Stärkung 
des  neusprachlichen  Unterrichts  an  den  Technischen  Hoch- 
schulen zugute  käme,  würde  das  mit  dazu  beitragen,  unseres 
Volkes  Fleiß  im  Auslande  zur  Geltung  zu  bringen  und  die 
Welt  mit  dem  deutschen  Gedanken  zu  erfüllen. 

Hannover.  Carl  Friesland. 


Referate  und  Rezensionen. 


C  Joseph  Merk :  Anschauungen  über  die  Lehre  und  das 
Leben  der  Kirche  im  altfranzösischen  Heldenepos. 
(Beihefte  zur  Ztschr.  f.  rom.  Phil.  41,  Max  Niemeyer, 
Halle  1914.) 

Diese  tüchtige  Arbeit,  deren  erste  138  Seiten  schon 
1912  als  Tübinger  Dissertation  erschienen  sind,  zeugt  von 
unermüdlichem  Fleiß  und  tiefem  Eindringen  in  den  Stoff. 
Zu  Grunde  gelegt  sind  alle  bis  zur  Abfassung,  d.  h.  1911, 
publizierten  Chansons  de  geste:  Das  Weglassen  kleinerer 
Bruchstücke  wie  Syracon  (hrg.  v.  Stengel,  Rom.  Stud.  I) 
oder  die  Bruchstücke  der  noch  ungedruckten  Chanson  d'Anse'is 
de  Mes  (hrg.  v.  Stengel,  Festschrift  Greifswald  1904)  ist 
leicht  verzeihlich;  weniger  gern  vermißt  man  in  der  Liste 
ganze  Epen,  wie  Beuve  de  Commarchis  (hrg.  v.  Scheler, 
Brüssel  1874)  oder  die  Chevalerie  Vivien  (hrg.  v.  Terracher, 
Paris  1909). 

Der  Verfasser  will,  wie  er  sich  selber  ausdrückt,  ein 
selbständiges  episches  Resultat  gewinnen,  daher  der  Nach- 
druck auf  die  theologische  und  nicht  auf  die  historische  Seite 
der  behandelten  Fragen  gelegt  wurde;  doch  soll  die  Fühlung 
mit  der  Geschichte  nicht  verloren  gehen,  was  hauptsächlich  da 
wichtig  ist,  wo  das  Epos  selbst  kein  geschlossenes  Bild 
ergibt,  sondern  der  historischen  Erklärung  bedarf. 

Die  Arbeit  gliedert  sich  in  vier  Hauptabschnitte: 
Olaubenslehre,  Sakramente,  Kirche  und  Kultus,  Diener  der 
Kirche.  Für  den  ersten  lag  schon  eine  ältere  Untersuchung 
vor  in  R.Schröders  Glaube  und  Aberglaube  in  den  alt  fr. 
Dichtungen  (Erlangen  1886) ;  gerade  der  Vergleich  dieser 
Arbeiten  (Merk,  Abschnitt  1;  Schröder  Kap.  1  —  8)  läßt  die 
Vorzüge  von  M.klar  hervortreten;  denn  trotz  der  Beschränkung 
auf  die  Chansons  de  geste  ist  er  viel  vollständiger  und  ein- 
dringlicher ;  seine  Ausführungen  tragen  durchaus  den  Stempel 
der  Zuverlässigkeit  und  wenn  auch  im  Folgenden  manche 
Einzelheit  berichtigt  wird,  wobei  mir  vielleicht  etliches  ent- 
gangen ist,  so  kann  das  den  guten  Eindruck  nicht  verwischen. 

Der  erste  Abschnitt  zerfällt  in  folgende  Kapitel:  Das  Epos 
und  die  Schriften  des  Alten  und  Neuen  Testaments,  An- 
schauungen über  Gott,  die  Engel,  Anschauungen  über  Maria, 
die  Heiligen,  Anschauungen  über  Reliquien,  Tod  und  Jenseits. 


500  Referate  und  Rezensionen.     Felix  Busiyny. 

Ich  notiere  folgd.  Einzelheiten :  S.  XVII,  8.  Die  sehr  ansprechende 
Etymologie  Terrevagant  <  terra  vagans  (durch  die  Form  in 
Okt.  1414  terre  voyant  bes.  nahe  gebracht)  wird  noch  dadurch 
gestützt,  daß  auch  Kain,  der  in  den  Epen  fest  zu  den  Teufeln 
zählt,  gerade  durch  die  Eigenschaft  des  steten  Herumirrens 
(vgl.  Genesis  4,  2  Vagus  et  profugus  eris  super  terram)  zu  dieser 
Rolle  kam.  —  S.  8.  2  Daß  der  Name  Moni  Beider  für  den 
Ort  der  Opferung  Isaaks  aus  dem  bibl.  terra  visionis  hervor- 
gegangen sei,  scheint  mir  recht  unwahrscheinlich;  auch 
der  Übergang  aus  Aiol  in  die  andern  Epen  ist  nicht  einleuchtend. 

—  S.  11.  30  Der  Ausspruch  über  das  Schloß  Castelfort 
Ca'ins  le  fist  et  li  fil  Israel  bezieht  sich  auf  die  Auffassung 
von  Kain  und  Abel  als  Riesen  (vgl.  Wohlgemuth.  Riesen 
und  Zwerye  in  der  afr.  erzählenden  Dichtung,  Diss.  Tübingen 
1906,  S.  71).  —  S.  10  Den  vom  Alten  Testament  dem  Epos 
abgegebenen  Namen    ist  beizufügen  Laban  (Destr.  Rome  74). 

—  S.  10,  4  Unverständlich;  lies  pur  le  prophete  Balaan.  — 
S.  24  Herodes  wird  in  Gaydon  durchaus  nicht  als  Schmied 
eingeführt,  lediglich  das  Schwert  erwähnt,  das  er  zum  Kinder- 
mord schmieden  ließ.  —  S.  90,  6  Die  Tatsache,  daß  Karl 
durch  die  Wunderkraft  der  Reliquien,  die  er  von  Jerusalem 
heimträgt,  ohne  Kahn  jeden  Fluß  überschreiten  kann,  steht 
nicht  in  der  Karlsreise.  —  S.  100  Die  Teufel,  die  in  Raben- 
gestalt erscheinen,  werden  nicht  durch  Beschwörung  verhindert, 
Böses  zu  tun,  sondern  durch  einen  Wunderring,  den  Maugis 
im  Ohr  trägt. 

Hier  will  ich  noch  eine  Bemerkung  allgemeinerer  Art 
einfügen :  Was  die  Arbeit  von  M.  so  umfangreich  hat  werden 
lassen,  sind  die  unendlichen  Listen  formelhafter  Ausdrücke ; 
zum  ersten  Mal  begegnen  sie  im  Kap.  über  Gott,  wo  alle 
Zusätze  zum  Namen  Gottes,  die  sein  Wesen,  sein  Wirken, 
seine  Eigenschaften  ausdrücken,  zusammengestellt  sind;  man 
freut  sich  dabei  über  die  gewissenhafte  Arbeit;  nun  findet 
man  aber  ganz  dieselben  Listen  in  den  Gebeten,  den  Wunsch-, 
Beteuerungs-,  Gruß-  und  Dankformeln  und  den  Ausrufen. 
Die  Wiederholungen,  die  sich  dadurch  ergeben,  sind  sehr 
ermüdend :  ich  greife  z.  B.  den  Zusatz  heraus  qui  tont  le  mont 
forma  (S.  31) ;  ich  finde  ihn  wieder  beim  Wirken  Gottes  se 
Dex  n'en  pense  qui  ...  (S.  52),  se  Dex  nel  fet  qui  ...  (S.  55), 
Pleust  Dieu  qui  ...  (S.  58),  bei  den  Formeln  Diex  vous  yart 
qui  ...  (S.  226),  Diex  le  maintieyne  qui  ...  (S.  239),  Damediex 
le  conduie  qui  ...  (S.  246),  bei  den  Ausrufen  Dame  dieu  qui  .  .  . 
(S.  246),  Par  ce  dieu  qui  ...  (S.  252),  par  celui  qui  .  .  . 
(S.  253).  Dies  tritt  für  unzählige  Ausdrücke  ein,  die  zudem 
oft  nur  recht  wenig  voneinander  abweichen  (z.  B.  qui  le  mont 
forma,  estora,  fist,  crea,  a  forme,  a  establi,  fu  formant,  fu 
creant).  Die  Wiederholung  desselben  Ausdruckes  an  so  vielen 
Stellen    lehrt   gar   nichts   neues;   es   ist  eben  ein  Zusatz,    der 


Merk,  Anschauungen  üb.  d.  Lehrt  etc.  im  aUfrz.  Heldenepos.  501 

überall  zum  Namen  Gottes  treten  kann.  Es  wäre  deshalb 
vielleicht  einfacher  gewesen,  an  einer  Stelle  sämtliche  Zusätze 
zu  Dien  zu  geben  und  in  den  andern  Kapiteln  kurzerhand 
auf  diese  eine  Liste  zu  verweisen.  Daß  bei  einer  solchen 
Menge  von  Ausdrücken  das  Unterbringen  schwierig  ist,  liegt 
auf  der  Hand:  die  Zusammenstellungen  scheinen  sehr  voll- 
ständig und  zuverlässig,  und  das  ist  schließlich  das  wichtigste. 

Der  zweite  Abschnitt,  Anschauungen  über  die  Sakramente, 
orientiert  über  Taufe,  Beichte,  Kommunion  und  Ehe.  Beichte 
und  Kommunion  gehören  im  Epos  zusammen;  hier  spielt  auch 
naturgemäß  die  Ersatzkommunion  auf  dem  Schlachtfelde  eine 
große  Rolle  und  ihr  Ersatz  durch  Grashalme;  die  Erklärung 
dieses  letzten,  sehr  auffallenden  Gebrauches  hat  auch  Merk 
nicht  gegeben.  Gerade  diesen  Kapiteln  ist  die  Fühlung  mit 
der  Geschichte  zugute  gekommen;  es  ist  wichtig  fest- 
zustellen, daß  die  Elevation  erst  um  1150  aufkommt,  oder 
daß  die  Art  der  Eulogie  ein  Kriterium  für  die  Abfassungs- 
zeit der  Epen  sein  kann  (S.  129  und  149).  Die  Frage,  ob 
diese  kirchlichen  Eigentümlichkeiten  für  die  Festlegung  der 
Entstehungszeit  der  Chansons  de  geste  überhaupt  ins  Feld 
geführt  werden  können,  wie  es  M.  tut,  werden  wir  am  Ende 
berühren. 

Im  dritten  Abschnitt,  Anschauungen  über  die  Kirche  und 
ihren  Kultus,  erhalten  wir  eine  gute  Vorstellung  der  Aus- 
stattung des  Gotteshauses,  vom  Gottesdienst  (besonders 
Messe  und  Leichenbegängnis),  von  den  Sakramentalien 
(Kreuzeszeichen,  Weihwasser,  den  Weihungen  und  Segnungen). 
Interessant  sind  die  Ausführungen  über  die  charakteristischen 
Äußerungen  des  episch-religiösen  Glaubens  (Wunderglaube, 
Bilderkult,  Pilgern  und  Wallfahren,  Charitas);  nach  einer 
kurzen  Übersicht  über  die  kirchl.  Zeiten,  Feiertage,  Festtage, 
wo  das  Epos  nur  spärliche  Angaben  macht,  folgt  das  Kapitel 
über  die  Gebete,  in  dem  Form,  Gegenstand,  Häufigkeit, 
Wirksamkeit  und  Zeremonien  behandelt  sind.  —  Einige 
Ungenauigkeiten  in  diesem  Abschnitt  sind  mir  aufgefallen: 
S.  164  Was  heißt  das:  'Selbst  fingierte  Dinge  werden  ins 
Reich  des  Wundeibaren  gestellt'?  In  der  Anm.  wird  auf 
Amis  v.  43  und  Macaire  v.  4311  verwiesen;  dort  handelt  es 
sich  jedoch  um  ganz  reale  Vorgänge.  —  S.  166  Vor  Karl  neigt 
sich  in  der  Grabeskirche  nur  ein  Stuhl.  S.  167  Über  den 
Christen  wachsen  nicht  Blumen,  sondern  arbroisel  de  coudre 
Haselsträuche.  —  Die  Geschichte  von  Hervis'  Pferd,  das  im 
Wasser  nicht  naß  wird,  steht  nicht  in  Hervis  (M.  gibt  keine 
Versangabe  (sondern  in  Garin  Loh.  I,  S.  33.  —  In  die  Rhone 
werden  zwei  Kinder  geworfen.  —  Übrigens  ist  die  Auf- 
zählung der  Wunder  (S.  165  f.)  nicht  vollständig:  Es  fehlen 
z.  B.  die  vom  Himmel  fallende  Flamme  in  Gir.  Bouss.  2882r 
das  am  Himmel  erscheinende  Kreuz  in  Gui  Boury.  1355  u.  a. 


502  Referate  und  Rezensionen.     Felix  Busigny. 

Eine  Basler  Dissertation  befaßt  sich  mit  den  Wundern  im 
afr.  Volksepos. 

Der  vierte  Abschnitt,  Anschauungen  über  die  Diener  der 
Kirche,  gliedert  sich  in  zwei  Kapitel:  Der  Klerus  (Name 
und  Stand,  Hierarchie,  Bildung,  soziale  Stellung.  Beruf  und 
staatliche  Stellung)  und  das  Mönchtum  (Klöster,  Mönche  und 
Nonnen,  gesellschaftliche  und  staatliche  Stellung,  Rejdusen 
und  Eremiten).  Denselben  Stoff  behandelte  schon  früher  die 
eingehende  Dissertation  von  H.  Mas  sing,  Die  Geistlichkeit 
im  afr.  Volksepos  (Gießen  1904)  und  M.  hat  dieser  genauen 
Untersuchung  gegenüber  fast  nichts  neues  gebracht ;  dagegen 
hätte  vielfach  ein  Verweis  auf  den  Vorgänger  genügt,  so  für 
die  Listen  der  im  Epos  genannten  Erzbischöfe  und  Bischöfe 
(M.  S.  197,  Massing  S.  8).  Bei  Massing  ist  die  Fühlung  mit 
der  Geschichte  viel  enger,  ohne  daß  das  epische  Resultat 
verzerrt  würde.  —  S.  215,  9.  Falsche  Stellenangabe:  in  Raoul 
steht  meines  Wissens  nirgends,  daß  sich  1500  Nonnen  in 
Origni  befanden;  v.  1480  lese  ich,  daß  es  100  waren.  — 
S.  223.  Nicht  ganz  stimmt  das  epische  Bild  von  den 
Einsiedeleien:  So  arm,  wie  M.  darstellt,  sind  sie  nicht  alle, 
sonst  hätte  es  gar  keinen  Sinn,  sie  auszurauben  wie  in 
Moniage  Guill.  I,  v.  470,  wo  es  von  den  Räubern  deutlich 
heißt  Deniers  et  rohes  en  orent  aporte    (vgl.  Massing  S.  112). 

Den  Schluß  bilden  Listen  der  Wunsch-,  Beteuerungs-, 
Gruß-,  Abschieds-,  Dankformeln  und  der  Ausrufe.  Als 
Anhang  endlich  finden  sich  Bemerkungen  über  das  religiöse 
Kulturbild  des  Epos  und  die  Wechselbeziehungen  zwischen 
Religion  und  Spielmannsdichtung.  M.  spricht  sich  dabei  so 
aus:  'Das  religiöse  Kulturbild  des  Epos  ist  mit  der  Dichtung 
so  organisch  verbunden,  daß  nur  eine  gleichzeitige  Entstehungs- 
zeit vorauszusetzen  ist',  und  weiter  'Daran  ist  festzuhalten : 
Die  Entstehungszeit  des  Epos  darf  nicht  in  die  Ferne  zurück- 
bezogen werden.  Man  hat  es  nicht  zu  tun  mit  dem  Auf- 
greifen verschollener  Lieder,  mit  der  Überarbeitung  alter 
Sagen,  vielmehr,  nachdem  das  Rolandslied  einmal  gesungen 
wurde,  sind  die  Epen,  wenn  man  das  Bild  gebrauchen  darf, 
wie  Pilze  aus  dem  Boden  geschossen'.  Das  klingt  sehr 
sicher;  immer  aber  bleibt  die  Frage:  und  der  Rolatid?  Was  hat 
denn  sein  'aus  dem  Boden  schießen'  veranlaßt?  Ich  beschränke 
mich  darauf,  einen  Satz  von  Wendelin  Foerster  hier  an- 
zuführen: 'Wir  kommen  bei  sorgfältiger  Untersuchung  des 
uns  erhaltenen  Rolandmaterials  zu  einer  frühen,  einfacheren 
Changon  de  geste,  die  vor  dem  XL  Jh.  bestanden  haben 
muß  ....  wir  sehen  ein  volkstümliches,  von  der  Kirche  un- 
abhängiges Rolandslied,  ohne  Klosterreliquien,  ohne  Pilger- 
straßen vor  uns,  und  der  Held  kann  doch  nicht  glatt 
erfunden  worden  sein'.  (Kristian  von  Troyes,  Wörterbuch 
S.  4*:  vgl.  auch  S.  229*).  Es  ist  auch  nicht  einzusehen,  warum 


Merk,  Anschauungen  üb.  d.  Lehre  etc.  im  altfrz.  Heldenepos.  503 

die  Tatsache,  daß  das  religiöse  Kulturbild  des  Epos  in  die 
Zeit  vom  Ende  des  11.  bis  zur  Mitte  des  13.  Jh.  weist,  ein 
Beweis  dafür  sein  soll,  daß  das  Epos  überhaupt  erst  dann 
entstanden  ist.  Daß  der  Spielmann  'auf  dem  religiösen  Niveau 
seiner  Zeit  stand'  und  daß  'das  religiöse  Gewand  der  Dichtung 
sein  eigenes  ist',  mag  stimmen ;  haben  aber  die  afr.  Dichter 
dieses  religiöse  Gewand  ihrer  Zeit  nicht  auch  den  antiken 
Stoffen  angezogen?  Geht  doch,  um  ein  Schulbeispiel  aus- 
zuführen, im  Thebenroman  Ismene  in  ein  Kloster!  Wir 
können  höchstens  sagen,  die  uns  erhaltenen  Chansons  de 
geste  zeigen  das  religiöse  Kulturbild  des  11.  und  12.  Jh.;  für 
den  Ursprung  der  Gattung  kann  das  nicht  beweisend  sein. 
Was  M.  mit  dem  Satze  "Man  darf  den  Verfassern  der  Epen 
bei  all  ihrer  Erfindungsgabe  nicht  zutrauen,  als  ob  sie 
anachronistische  Züge  eingefügt  hätten'  sagen  will,  weiß  ich 
nicht;  anachronistische  Züge  eingefügt  haben  sie  sicher  nicht ; 
aber  solche,  die  für  ihre  Zeit  anachronistisch  gewesen  wären, 
haben  sie  vielleicht  ausgewischt  und  andere,  die  ihr  ent- 
sprachen, neu  eingeführt. 

Der  Band  schließt  mit  ausführlichen  Registern,  die  das 
Auffinden  ungemein  erleichtern  und  nochmals  Zeugnis  ab- 
legen von  der  Sorgfalt  der  Arbeit  im  Einzelnen  l) ! 

Basel.  Felix  Büsigny. 


E.  Gamillsclieg  und  L.  Spitzer:  Die  Bezeichnungen  der 
„Klette"     im    Galloromanischen.      Mit     einer     Karte. 
(Sprachgeographische  Arbeiten  1.  Heft.  Halle 
a.  S.     Niemeyer  1915.) 
In     der     großen    Anzahl     sprachgeographischer     Unter- 
suchungen, die  in  den  letzten  Jahren  erschienen  sind,  nimmt 
vorliegende    Arbeit   entschieden    einen   hervorragenden  Platz 
ein.     Die  Verschiedenheit  der  Probleme,   die  darin  behandelt 
werden;    die    straffe  Einheit,    die   gerade   einige  komplizierte 
Kapitel  (II.  lappa,  III.  droue-gleteron)  kennzeichnet;  die  über- 
sichtliche Einteilung  und  saubere  Scheidung  des  Stoffes  und 
nicht  am  wenigsten  das  bei  den  Verfassern  so  ausgesprochene 
Verständnis     für    die    lebendigen   Kräfte   der   Sprache,    alles 
dies    macht    diese   Abhandlung   interessant,    ich   möchte   fast 
sagen    —   spannend.      Um    die    Leistung    der    Verf.    richtig 
einzuschätzen,      braucht     man     nur     einen     Blick     auf    die, 
teilweise    oder    vollständig    besprochenen    Karten    (112    bar- 
dane,    capitules;    1657   patience;    872    molene;    1487   cardere; 
238  chardon;   1345  tussilage  usw.)  des  A.  L.  zu  werfen;    man 

')  An  Druckversehen  sind  mir  aufgefallen:  S.  21,  18  Cromer  lies 
Cröner,  S.  24  Nocron  lies  Koiron,  S.  81,  3  Schätzler  .  .  .  1901  lies 
Schätzer  .  .  .  1905. 


504  Referate  und  Rezensionen.     Hans  Mauer. 

wird  leicht  einsehen,  welche  Fülle  von  Material  verarbeitet 
werden  mußte,  um  aus  den  verwirrenden  Momentaufnahmen 
des  Atlas  ein  klares  Bild  herauszukonstruieren.  Farbige 
Einzeichnungen  verschiedener  Worttypen  auf  die  „blinden" 
Karten,  die  oft  dem  sprachgeographisch  geschulten  Lin- 
guisten von  selbst  Probleme  enthüllen  und  auch  teilweise 
lösen,  wären  hier  ziemlich  wertlos  gewesen  (die  beigelegte 
Karte  ist  trotz  geistvoller  „Kontamination"  mehrerer  Blätter 
des  A.  L.,  doch  größtenteils  —  weiß  geblieben).  Die 
Vielseitigkeit  der  Probleme  bringt  es  mit  sich,  daß  bei  der 
Lektüre  dieses  Büchleins  der  Phonetiker,  der  Morphologe, 
der  Lexikologe  und  der  Sprachgeograph  —  im  engeren  Sinne 
—  auf  ihre  Kosten  kommen  werden.  Der  Morphologe  findet 
hier  eine  sehr  nützliche  und  fördernde  Vorarbeit  über  den 
Ursprung  und  die  Wandlung  des  Suffixes  -eron  (das  eine 
eingehende  Untersuchung  verdienen  würde),  daneben  treffende 
Bemerkungen  zu  den  Suffixen  -as  und  -aras ;  dem  Lexi- 
kologen  bietet  sich  eine  ganze  Menge  neubesprochener 
Wörter  dar  (ein  Index,  den  man  sehr  vermißt,  hätte  dies 
besser  veranschaulicht  und  gute  Dienste  geleistet)  und 
Gillieron  selbst  (dem  dieses  Büchlein  mit  geistreichen,  dem 
Thema  angepaßten  Versen  zum  60.  Geburtstag  gewidmet  ist) 
wird  an  Erklärungen,  wie  pen'olö  —  (=  peignolot,  petit  peigne, 
in  der  Bedeutung  „Klettenkopf")  >  pen'oM,  dieses  dann  als 
peigne  au  hup  aufgefaßt  und  in  peigne  de  loup  „verbessert" 
(j3.  46/7)  —  seine  Freude  haben  und  sich  an  seinen  vorbild- 
lichen Artikel  „Le  merle  dans  le  nord  de  la  France"  erinnern. 
Für  solche  Etymologien  haben  die  Verf.  den  passenden  Aus- 
druck „geistige  Etymologie"  geprägt  (S.  40),  gegenüber  den 
sonstigen  rein  „materiellen  Etymologien" :  zwei  Ausdrücke, 
die   leicht   Anklang   und    weitere  Verbreitung  finden   werden. 

Nun  zum  Inhalt.  Das  schriftfranzösische  Wort  für 
Klette  —  bardane  —  ist  nicht  volkstümlich:  der  A.  L.  bietet 
nur  ein  kleines,  zusammenhängendes  Gebiet  im  Südost- 
französischen. Auffälligerweise  bedeutet  es  in  dieser  Gegend 
auch  „Wanze",  neben  pariana  <  parietana  (S.  5 — 7).  Die 
Etymologie  des  frz.  bardane  resp.  des  im  mittelalterlichen 
Latein  seit  dem  12.  Jahrhundert  belegten  bardana  bleibt  un- 
aufgeklärt; Zusammenhang  mit  dem  schon  früher  nach- 
gewiesenen dardana  wird  vermutet,  dieses  mit  germ.  darop, 
frz.  dard  zusammengebracht.  Auf  S.  22  wird  auf  die  Möglich- 
keit eines  Zusammenhanges  von  bardana  mit  arab.  berdi 
„Rohrkolbe"  hingewiesen. 

Das  aus  dem  Capitulare  de  villis  bekannte  parduna, 
sowie  das  öfters  in  den  Glossen  wiederkehrende  parada  werden 
von  bardana  ferngehalten  (S.  7 — 12). 

Im  II.  Kapitel  wird  aus  läppe  (einige  Punkte  im  Zentrum), 
nappe,  napperon   (im   Poitou)    lapasse,    laperasse  (Char.-Inf.), 


Gamülscheg  u.  Spitzer,  Bezeichnungen  d.  „Klette"  i.  Gallo rom.  505 

laparaso  (im  languedocisch-gaskognischen  Grenzgebiet),  lapiit 
(ebenda) ;  dann  aus  lampas,  lapas,  lavasse  usw.  in  der  Be- 
deutung Sauerampfer  auf  der  K.  patience  (in  den  Alpen- 
gebieten) lapasse  =  Königskerze  (im  Languedocischen,  K. 
molene)  laporda  =  Klette  (ebenda)  —  ferner  aus  dem  Typus 
lappula  „Klettenkopf"  (in  den  Alpen  :  angrenzend  an  das  ital. 
lappola  =  Klette)  ein  großes  einheitliches  Gebiet  des  Wortes 
„lappa"  festgestellt.  Es  umfaßt  ganz  Frankreich  südlich  der 
Loire.  „Durch  diese  Loire-Linie  wird  Frankreich  in  zwei  Teile 
gespalten"  (S.  32)  und  die  Tatsache,  daß  diese  lexikologische 
Zweiteilung  Frankreichs  auch  auf  anderen  Karten  beobachtet 
oder  rekonstruiert  wurde,  wird  vielleicht  einmal,  bei  der  Be- 
urteilung der  dialektalen  Gliederung  des  Galloromanischen, 
von  größter  Wichtigkeit  sein  (S.  12  —  32). 

Für  das  nordfranzösische  „droue"  wird  ein  Artikel  von 
Thomas  (Rom.  XLI.  62  ff.)  verwertet,  aber  alsursprünglicheBe- 
deutung  „Lolch"  angesetzt.  Dieses  Wort  ist  nicht  weit  ver- 
breitet und  der  eigentliche  Ausdruck  für  „Klette"  oder 
„Klettenköpfe"  nördlich  der  Loire  ist  glet{er)o)t  mit  über- 
aus zahlreichen  Nebenformen  :  die  Volksphantasie  hat  in  dieses 
Wort  eine  ganze  Reihe  von  Begriffen  hineingedeutet.  Bei 
den  Schicksalen,  die  auf  diesem  Wege  „glet(er)onu  erfahren 
hat.  erweist  sich  die  Endung  mit  der  angegebenen  Variante 
als  das  „einzige  konstante  Element".  Es  entsteht  somit  in 
Nord westfrankreich  in  der  Bedeutung  „Klette"  ein  Worttypus, 
zu  dem  sowohl  glouteron,  als  auch  piqueron  und  sogar 
napperon  (allerdings  bis  zu  einem  gewissen  Grad)  gehören. 
Anderseits  entsteht  in  der  Reihe  volksetymologischer  Ein- 
mischungen in  den  Typus  kletto  ein  vendee.  gripe  =  frz. 
grippet  (S.  40  schon  im  R.  E.W.  unter  kletto!)  das  in  der  Form 
an  sein  Etymon  nicht  im  entferntesten  mehr  erinnert 
(S.  32-41). 

Weniger  Interessantes  bietet  uns  das  IV.  Kapitel,  worin 
zunächst  der  Typus  amarifolium  besprochen  wird.  Er  ist 
schon  im  10.  Jh.  belegt,  heute  jedoch  fast  ganz  ausgestorben. 
Der  A.  L.  hat  nur  spärliche  und  verkümmerte  Reste  davon  : 
amourettes,  dog  d'anier  und  dog  d'amel.  In  amourettes  hätte 
sich  nach  den  Verf.  der  Begriff  „Liebe"  erst  später  einge- 
schlichen (S.  42—46). 

Den  Bedeutungsübergang  „Klettenkopf"  >  „Klette"  zeigen 
peigne  (übertragen  von  peigne  =  dipsacus  fullonum  „die 
Weberkarde",  wegen  der  äußeren  Ähnlichkeit  beider  Pflanzen), 
chien  (meistens  in  der  Deminutivform,  was  den  Verf.  nahe- 
legt, das  tertium  comparationis  in  „Sprößling"  zu  suchen), 
dann  die  im  Suffix  und  infolge  ihrer  geographischen  Ver- 
breitung zusammengehörenden  Typen  japisson,  bourrisson, 
coutisson  usw.  (der  Ausgangspunkt  des  Suff,  scheint  in  coutisson 
zu  liegen),  ferner  gat,  gaets  (im  Gaskognischen ;  Etymon  gafa 


606  Referate  und  Rezensionen.     Hans  Maver. 

„Haken",  nach  Schwund  des  intervokalischen  -/-  stellte  sich 
auf  der  Stufe  gaets  das  Bild  der  Katze  ein :  neben  er- 
wähntem peigne  de  lonp  ein  weiteres,  lehrreiches  Beispiel,  wie 
sehr  vorsichtig  man  sein  muß  bei  Annahme  di  rekt  er  Über- 
tragungen von  Tiernamen  auf  Pflanzenbezeichnungen),  das 
südfranzösische  bulürs  =  frz.  voleurs  usw.  (S.  46 — 68). 

Die  Inhaltsangabe  zeigt  schon,  daß  die  umsichtigen 
Verf.  in  den  meisten  Fällen  die  richtige  Deutung  für  die  ver- 
schiedenen Probleme  gegeben  haben.  Nur  in  wenigen 
Punkten  kann  ich  ihnen  nicht  beistimmen. 

Auf  S.  5  wird  bardane  =  „Wanze"  und  „Klette"  (im 
Südostfranzösischen)  besprochen  und  bardane  =  „Klette"  als 
das  Primäre  angesehen  („doch  wohl  von  der  Klette  auf  die 
klettenhaft  sich  anhaftenden  Tiere"),  obwohl  in  derselben 
Gegend  die  „Wanze"  auch  „pariana"  genannt  wird  und 
Thomas  (Rom.  XXXIX,  200)  beide  Worte  auf  parietana 
zurückgeführt  hat.  Gegen  eine  solche  Auffassung  stellen 
sich  sofort  mehrere  Zweifel  ein :  warum  soll  sich  das  gelehrte 
bardana  =  „Klette"  gerade  in  dieser  Gegend  erhalten  haben'.' 
Ist  nicht  die  Tatsache,  daß  die  im  Mittelalter  vom  Vaterland 
getrennte  frankoprovenzalische  Kolonie  Celle-Faeto  bar- 
dane =  Wanze,  aber  nicht  bardana  =  Klette  kennt,  eher  ein 
Beweis  dafür,  daß  eben  letzteres  das  Sekundäre  ist!  Kommen 
13 b ertragungen  von  Pflanzennamen  auf  Tiernamen  vor?  Mir 
sind  augenblicklich  keine  bekannt,  aber  selbst,  wenn  dies  der 
Fall  sein  sollte,  so  dürften  sie  doch  äußerst  selten  sein, 
denn  nur  das  Umgekehrte  (Tiername  >  Pflanzenname)  ist 
ohne  weiteres  verständlich:  man  geht  von  Lebewesen  aus 
und  verleiht  gewissermaßen  auch  den  Pflanzen  die  Eigenschaften 
derselben.  Die  Verf.  erwähnen  zwar  (S.  5  Anm.  1)  hessisch: 
Klette  „Maikäfer"  und  Kleber  „Käfer,  besonders  Maikäfer'' 
zu  Kleber  „Klette"  —  aber  beide  WTorte  können  sicher  eben- 
sogut direkt  zu  klebern  resp.  klettern  in  Beziehung  gebracht 
werden  (vgl.  das  Oberhessische  Wörterbuch  von  Crecelius : 
„Klette  II  der  Maikäfer"  ....  das  Wort  stammt  von  kletten, 
welches  dem  klettern  zu  Grunde  liegt).  —  Auch  das  genaue 
Verhältnis  des  ebenfalls  in  der  Anmerkung  erwähnten  nieder- 
deutschen burrkäwer  „Maikäfer"  zu  biirre  „Wollkraut",  „Klette" 
wäre  erst  zu  bestimmen.  Die  eher  zu  erwartende  Bedeutungs- 
entwicklung Wanze  (oder  dgl.)  >  Klette  scheint  vorzuliegen 
in  ital.  zecca  =  „animaluzzo.  che  si  attacca  alle  volpi,  ai 
cani  ecc".  (Tommaseo-Bellini)  neben  zeccola  =  „chiamansi 
zeccole  certe  come  lappole  o  simili  cose,  che  si  appiccano  alla 
lana"  (idem).  Ist  es  außerdem  nicht  etwas  gewaltsam, 
die  gleichbedeutenden  und  in  derselben  Gegend  vorkommen- 
den bardana  und  pariana  (=  Wanze)  voneinander  zu  trennen? 
Lat.  parietana  konnte,  nach  dem  Muster  von  delii  und 
dougiS    (>  delicatus)    zwei    Fortsetzer    haben :    einen    älteren 


Gamillscheg  u.  Spitzer,  Bezeichnungen  d.  „Klette"  i.  Gallorom.  507 

parduna  und  einen  jüngeren  pariana.  Das  anlautende  b  statt 
p-  ist  zwar  nicht  aufgeklärt,  aber  es  wäre  doch  eine  Pedanterie, 
nur  aus  diesem  Grunde  eine  sonst  einleuchtende  Etymologie 
abzuleugnen.  Wenn  aber  nun  einmal  im  Südostfranzösischen 
bardane  =  Wanze  und  Maikäfer  schon  bestand,  dann  ist 
leicht  erklärlich,  warum  das  gelehrte  bardane  =  Klette  gerade 
hier  volkstümlich  wurde.  Es  wurden  eben  beide  Worte,  trotz 
ihres  verschiedenen  Ursprungs,  in  Beziehung  gebracht,  was 
nach  den  vorher  erwähnten  gemeinsamen  Bezeichnungen  für 
Klette  und  Wanze  (Maikäfer)  nicht  mehr  wundernimmt. 
Ich  meine  nicht,  daß  die  Etymologie  von  bardane  =  „Klette" 
im  Südostfrz.  bardane  =  „Wanze"  sei.  aber  das  Vorhanden- 
sein dieses  Wortes  hat  dem  gelehrten  bardane  =  „Klette" 
zur  Volkstümlichkeit  verholfen. 

Noch  einige  Worte  über  parietana  =  Wanze  mögen  hier 
Platz  finden.  Das  deutsche  Wanze  wird  als  Kurzform  des 
mhd.  ivantlüs  =  „Wand  -laus"  gedeutet  (vgl.  Kluge).  Das 
Wort  ist  in  die  deutsch- französischen  Grenzgebiete  ein- 
gedrungen: wallon.  ivandion,  ivandille  usw.  gehören  hierher 
(Romania  XXXIX  201,  und  A.  L.  punaise).  Da  sonst  in 
der  ganzen  Romania  nirgends  der  Name  der  Wanze  von 
„Wand"  abgeleitet  ist.  könnten  wir  in  pariana  ein  —  aller- 
dings sehr  altes  —  Übersetzungslehnwort  aus  dem  Germa- 
nischen erblicken. 

S.  12  läppe  =  Klette  kommt  eigentlich  nur  im  Zentrum  vor 
und  ist  auch  daselbst  regional  beschränkt:  im  Dep.  Vienne 
taucht  der  Typus  wieder  auf.  aber  nur  auf  Punkt  509.  Hier 
tritt  uns  jedoch  ein  Plural  lappes  entgegen,  weshalb  die  ur- 
sprüngliche (wenn  auch  ihrerseits  erst  sekundäre)  Bedeutung 
„Klettenköpfe"  und  nicht  „Klette"  sein  wird.  Dies  paßt  nun 
zu  Jouberts  Angabe:  „lappes  —  capitules  de  fleurs,  tete  de 
la  plante  appelee  bardane."  Dies  ist  wichtig  für  die  Be- 
urteilung der  in  den  Nachbardialekten  verkommenden  feuille 
de  nappe  oder  feuille  de  läppe  (=  bardane),  worauf  ich  gleich 
zurückkomme. 

An  läppe  schließt  sich  im  Westen  nappe  an.  Südlich 
davon  tritt  lapace  auf.  Es  ist  somit  nicht  ganz  richtig,  wenn 
die  Verf.  schreiben  daß  das  Zappe- Gebiet  durch  eine  nappe- 
Area  unterbrochen  sei.  Und  diese,  wenn  auch  geringe, Unrichtig- 
keit verdient  hervorgehoben  zu  werden,  da  die  Verf.  „aus  der 
geographischen  Verteilung  dieser  Formen"  (S.  13)  ohne 
weiteres  den  Schluß  ziehen,  daß  nappe  erst  sekundär  aus 
läppe  entstanden  sei.  Der  anlautende  Konsonant  l  wäre 
dabei  entweder  dissimiliert  (la  läppe  >  la  nappe)  oder  assimiliert 
worden  (une  läppe  >  une  nappe).  Der  Schluß  ist  etwas  zu 
rasch  gezogen  worden:  nur  eines  ist  aus  geographischen 
und  begrifflichen  Gründen  sicher:  die  n  Formen  m  üssen  aus 
den   /-Formen   erklärt   werden,    der   Ausgangspunkt   der- 


B08  Referate  und  Be:>>nsi<>>irit.     Hans  Maver. 

selben  braucht  aber  keineswegs  in  läppe  (>  nappe)  selbst  zu 
liegen.  Der  westliche  Teil  des  in  Betracht  kommenden  Ge- 
bietes kennt  fast  nur  naperon  Formen  und  es  fällt  auf,  daß 
dieser  mehr  nördliche  -eron  Typus  durchweg  mit  anlautendem 
)i-  erscheint,  der  mehr  südliche  -ace  und  -erace  Typus  dagegen 
den  l  Anlaut  ausnahmslos  bewahrt  hat  (also  lapace  resp. 
laperasse  lauten).  Ich  nehme  daher  an,  daß  ein  ursprüng- 
liches läppe  in  einem  an  erow-Ableitungen  reichen  Gebiet 
zunächst  zu  Happeron  erweitert  und  dieses  erst  zu  napperon 
wurde,  durch  Assimilation  an  den  auslautenden  Nasal. 

In  der  Anmerkung  1  auf  S.  13  können  auch  die  Verf. 
nur  solche  Beispiele  anführen,  die  sich  mit  lapperon  >  napperon, 
nicht  aber  mit  läppe  <  nappe  vergleichen  lassen:  s.  na- 
tiron  <  laiteron,  nentille  für  lenülle  und  auch  wall,  napai  <  lapin, 
da  auch  hier  ein  ursprünglich  vorhandener  Nasalvokal  den 
Anlaut  assimiliert  haben  muß  1). 

Die  nappe-Y 'ormen  selbst  erkläre  ich  mir  als  Rück- 
bildungen von  napperon,  oder  —  wenn  man  will  -  als  Ver- 
schränkung von  napperon  und  läppe.  Daß  im  Zentrum,  wo 
läppe  eher  zu  Hause  ist,  kein  nappe  vorkommt,  wundert  mich 
nicht :  es  fehlen  hier  eben  die  -eron  Ableitungen,  die  durch 
napperon  den  Ausgangspunkt  für  die  w-Formen  lieferten. 

Wenn  nun  das  bereits  erwähnte  lappes  ursprünglich  die 
„Klettenköpfe"  bezeichnet  hat,  so  sind  feuille  de  läppe  bezw. 
nappe  (man  könnte  lappes,  nappes  schreiben)  in  der  Bedeutung 
bardane  (eigentlich  „Blätter  der  Klettenköpfe")  ohne  weiteres 
klar. 

Wir  hätten  somit  für  diese  Gegend  etwa  folgende  Wort- 
genealogie. 

läppe  „Klette"  lappes  „Klettenköpfe" 


/ 
lapp(er)as       lapperon       lappes  „Klette"       feuille  de 

\  lappe(s)  „Klette" 

\   / 


napperon 


nappe 
Bei  den  S.  22  Anm.  1  angeführten  rampiö,  rapa,   rapalu 
wäre    die  Möglichkeit   eines  Zusammenhanges   mit  den  Ö.  29 

')  Man  könnte  dagegen  einwenden,  daß  im  Dep.  Tarn  ein  vereinzeltes 
naparaso  (P.  744  s.  Seite  17)  vorkommt  und  daß  der  in  den  Alpengebieten 
heimische  Typus  lappula  (Happulla  ist  wohl  kaum  anzunehmen)  sehr  häufig 
dasselbe  anlautende  «-  zeigt  (S.  29).  Bei  naparaso  haben  wir  es  aber  ent- 
schieden mit  einem  dekadenten  Worte  zu  tun,  da  daneben  auch  kaparaso, 
taparaso,  rapalaso  usw.  auftritt.  In  lappula  dagegen  war  das  anlautende 
l-  ganz  anderes  gefährdet  als  in  lappa:  tatsächlich  treffen  wir  hier  neben 
naponl  auch  ebenso  zahlreiche  Vertreter  mit  anlautenden  r-  (rapoule, 
rapid  usw.) 


Ganiillscheg  it.  Spitzer,  Bezeichnungea  d. ,,,  Klette"  i.  Gallorom.   509 

von  *lappula  hergeleiteten  rapid,  rapid  usw.  ins  Auge  zu 
fassen. 

Das  languedocische  lampourdo  wird  S.  23  als  lappa  burda 
>  *lappurda  =  „Klettengestrüpp-'  gedeutet.  Eine  Etymologie, 
die  weder  lautlich  (man  erwartet  doch  eher  *labourdo)  noch 
begrifflich  (burda  kommt  eigentlich  nirgends  in  dieser  Be- 
deutung vor)  recht  überzeugend  ist.  Wir  müßten  außerdem 
von  einer  Kollektivbezeichnung  ausgehen  und  einen  Bedeu- 
tungswechsel („Klettengestrüpp1'  >  „Klette"  vgl.  filicaria) 
annehmen,  den  wir  sonst  bei  den  Klettenbezeichnungen 
nirgends  konstatieren  können.  (Auf  S.  41  Anm.  2  sagen  die 
Verf.  selbst:  „merkwürdig,  daß  sonst  nie  Kollektivbezeich- 
nungen vom  Typus  fougere  =  filicaria,  oder  Plural  statt 
Singular  für  die  „KlettenpHanze"  eingetreten  sind.)  Das  Wort 
bleibt  somit  gleich  bardana  nach  wie  vor  ganz  unklar. 

In  der  Tabelle  auf  S.  28  hätte,  dem  vorher  Gesagten 
entsprechend,  ein  Pfeil  pataraso  mit  laparaso  verbinden 
sollen. 

Zu  den  S.  37—  8  angeführten  Formen  napperon,  piqueron, 
eperon  usw.  sei  noch  hinzugefügt,  daß  im  Poitevinischen  das 
Suff,  -eron  überhaupt  sehr  beliebt  ist.  Man  vergl.  noch  die 
Karten  aiguillon,  chardon,  houcheron.  Es  ist  also  gar  nicht 
„gewiß",  daß  sich  gleteron  und  napperon  im  Suffix  gegen- 
seitig beeinflußt  hätten.  Man  müßte  eine  solche  Frage  auch 
vom  Standpunkte  der  mundartlichen  Eigenart  aus  betrachten, 
w7ie  denn  auch  sonst  jede  wTortgeographische  Arbeit  die  sprach- 
lichen Einheiten  (Mundarten)  nie  aus  dem  Auge  verlieren 
sollte. 

Dem  Sprachgeographen,  wie  dem  Linguisten  überhaupt 
darf  eben  (wie  die  Verf.  selbst  in  den  der  Arbeit  hinzu- 
gefügten Ergebnissen  schreiben)  gar  nichts  a  priori 
primär  sein. 

Wien.  Hans  Maver. 


Ztgchr.  f.  frz.  Spr.  u.  Litt.  XLV'/«.  35 


Miszelle. 


Neben  boche  begegnendes  alboche  ist  sal(e)  boche  mit 
Abfall  des  s}  das  man  irrtümlich  für  den  Auslaut  des  be- 
stimmten Artikels  im  Plural  gehalten  hat:  les  sal(es)  boches  — 
les  alboches,  dazu  der  Singular  l' alboche? 

D.  Behrens. 


C  Uschmanm  Buchdrucker«  t,  Weimar. 


Ö 


PC  Zeitschrift  für  französische 

2003  Sprache  und  Literatur 

Z5 
Bd.45 


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